Carters Anatomie

von Lisa Bell
GeschichteDrama, Familie / P12
26.01.2016
26.01.2016
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Müde reibt sich John die Augen. Zwei Uhr nachts, die Behandlungsräume sind leer. Die Flure liegen in einem trügerischen Halbschlaf, nur die kaputte Neonröhre an der Aufnahme flackert vor sich hin. Es ärgert ihn, dass das Mistding nur drei Jahre gehalten hat. Vielleicht hätte er auch die Details aussuchen sollen. Andererseits hasst er solche Entscheidungen wie die Pest. Deshalb lässt er sich in seinem eigenen Krankenhaus auch nur als Oberarzt anstellen und überlässt den Bürokram, so weit es eben geht, anderen. Kem hatte zur Bedingung gemacht, dass er nur einen Job hatte, nicht tausend. Er hatte sich für die Notaufnahme entschieden und gegen den Stapel Akten. Sie hatte es hingenommen, sah ihn aber bei jeder Nachtschicht, die er in seinen Kalender eintrug, mit einem Augenrollen hinterher. Heute konnte sie ihn fast dazu bewegen zu Hause zu bleiben. Fast.
Aber zuhause rum sitzen ist noch nie John Carters Ding gewesen. Am liebsten weicht er Problemen aus, flieht zuweilen sogar auf andere Kontinente, wenn ihm das nur ein paar Monate ohne ein bestimmtes Ärgernis verschafft. Aber jetzt ist es Angst, die ihn jeden Tag fahrig aus dem Haus treibt.

Manche Gegebenheiten waren auch im Joshua Carter Center nicht viel besser als im County General quer über die Straße. Das Personal hatte er zu weiten Teilen geklaut und kein schlechtes Gewissen dabei, schließlich diente seine Armee von Ärzten und Schwestern weiterhin der Allgemeinheit. Aber vielleicht ist es ja ihr Unvermögen, der den Kaffee genauso fade schmecken ließ wie zu seiner Assistenzzeit.
John weiß es auch heute nicht und macht sich trotzdem auf den Weg ins Ärztezimmer, um sich einen Becher braune Plörre zu genehmigen. Seine Eltern haben sicher gehofft, dass ihr verbliebener Sohn, wenn er schon Medizin studieren muss, mit fast vierzig in einer schicken Privatklinik Tennis-Arme kuriert oder eben den Nobelpreis für ein Institut in Harvard erringt. Stattdessen schlägt er sich die Nächte auf unbequemen Pritschen um die Ohren und sieht Obdachlosen dabei zu, wie sie ihren Rausch ausschlafen. Natürlich alles auf Kosten des Carter-Clans. Was für ein schwarzes Schaf er doch ist. Von dem Rest dieser Herde lässt er sich aber kein schlechtes Gewissen einreden, schließlich hat Grandma ihm die Stiftung übertragen.
Auf der Couch träumt Rachel Greene gerade selige Assistententräume nach einem vollen Tag im Krankenhaus. Besetzt, denkt er nur und legt sich mit der Tasse in die Zwei.

Trotz allem, was er gestemmt hat, kann man nicht immer gewinnen, eine Erkenntnis, die man als Arzt besonders hart gelernt hat. Gerät sie in Vergessenheit, erinnert eine friedliche Nachtschicht an Heiligabend mit gnadenloser Grausamkeit von einer Minute auf die andere daran.
So auch diese. Sein Handy klingelt, Kem. Sein Herz schreit panisch „zu früh“, sein Kopf sagt „bleib ruhig“. John weiß, wer gewinnen wird. Bitte.

Drei Stunden später, ein Schrei bringt die Gewissheit. Joshua hat eine Schwester. Joana Carter Likasu, aber sie wird vorerst den gemeinsamen Eltern beweisen, was schlaflose Nächte bedeuten.
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