Die Zweite Wahl

von Destina
GeschichteFantasy, Sci-Fi / P12
23.01.2016
23.01.2016
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Eine "Die Rote Königin" Fanfiktion.

DIE ZWEITE WAHL


~

Evangelina Samos war das, was die meisten Menschen schlichtweg als Miststück bezeichneten.
Sie war arrogant, schön und mächtig – eine perfekte Silberne, eine perfekte Braut.
Und trotzdem ließen sie manche Dinge nicht so kalt, wie manch einer glauben mochte. Denn wenn sie ehrlich war, jagte ihr das, was sich vor ihren Augen abspielte, eine Heidenangst ein.

Das rote Mädchen beispielsweise, diese Mare Barrow, die sich schamlos als eine der ihren, als Mareena Titanos ausgegeben hatte und dabei nicht einmal eine Rote war, sondern ein seltsames Mischwesen, das über silberne Gaben verfügte. Das Mädchen mit dem seltsam ausgeblichenen Haar war ihr schon vom ersten Tag an merkwürdig erschienen und Evangelina hatte die andere das auch tagtäglich spüren lassen. Sie konnte freimütig zugeben, dass sie das Mädchen am Boden sehen wollte, das ja, und sollte sie sich noch einmal wagen, sich Evangelina Samos in den Weg zu stellen, würde sie den Tag bereuen, an dem sie geboren wurde. Aber ob sie sie töten würde?

Als die Rote in einem unordentlichen Haufen vor ihren Füßen gelandet war, damals, in der Arena, so hätte Evangelina keine Sekunde gezögert. Diese Person, diese Kräfte hatten ihr Angst gemacht. Silberne waren nicht dafür geschaffen, sich an neue Situationen zu adaptieren, es lag nicht in ihrer Natur. Und so hatte sich Evangelina auf das besonnen, was sie am Besten konnte, was ihr von Anfang an beigebracht wurde: Angriff ist die beste Verteidigung. Bezahlt hatte sie mit einer verstauchten Rippe und einem angekokeltem Schlüsselbein – nichts, was die Blut- und Hautheiler der Häuser Skonos und Blonos nicht richten konnten. Ihr Stolz war trotzdem angeknackst gewesen – ein weiterer Grund, die Rote zu hassen. Und Evangelina hatte sie gehasst, dafür, dass sie das gekriegt hatte, wofür sie selbst so hart hatte arbeiten müssen: Den Platz an der Seite des Prinzen. Und selbst dann hatte es dieser Person nicht genügt, nur das Herz von einem Prinzen zu besitzen, nein, sie musste mit ihren riesigen Füßen daher gestapft kommen, nur um sich das Herz des zweiten Prinzens – immerhin Evangelinas Verlobten – zu stehlen.

Evangelina wusste von Beginn an, dass diese Allianz zwischen ihr und Cal nicht aus Liebe, sondern aus Macht eingegangen werden würde, aber wehgetan hatte es trotzdem. Es hatte sie geschmerzt, zu wissen, dass sie immer nur die zweite Wahl sein würde, gefürchtet und isoliert von jenen, die geringer waren als sie.

Doch warum zerbrach sie sich darüber den Kopf? Das rote Mädchen war fort, die Verlobung mit diesem Verräter, diesem Betrüger und Königsmörder war null und nichtig geworden und Maven, unscheinbarer, schwächlicher Maven, trug plötzlich die Königskrone auf dem Kopf. Und sie war seine Prinzessin. Warum also war sie nicht glücklich?

Du bist nur die zweite Wahl, flüsterte eine kleine Stimme in ihrem Kopf. Du hast diese Krone nicht verdient.
Evangelina biss wütend die Zähne zusammen. Das war sie nicht!
Willst du wirklich eine Krone tragen, für die silbernes Blut vergossen wurde?
Evangelina runzelte verwirrt die Stirn. Wie kam sie auf diese Gedanken? So etwas war Hochverrat! Würde Königin Elara davon Wind bekommen, dass Evangelina auch nur die geringsten Gedanken hegte, dass … Das Mädchen schüttelte sich. Diese Gedanken waren zu unangenehm, sie zu denken oder gar auszusprechen. Sie würde sich in Zukunft in Gegenwart der Königin zurückhalten müssen. Genauso, wie sie es die letzten Jahre gepflegt hatte, in denen sie die schüchterne kleine Silberne mit den herausragenden Kräften gespielt hatte. Sie lachte nervös auf. Stille Wasser waren ja bekanntlich tief. Auch wenn solche Spielchen von Anfang an durchschaut wurden. Erneut schauderte sie.

Die Königin war für sie schon immer eine Person gewesen, die sie gleichzeitig respektierte und fürchtete wie keine Zweite. Doch wenn sie während ihrer kurzen Zeit als Cals Verlobte das Gefühl hatte, durch ihre Gabe kontrolliert zu werden, so hatte sich dies nun ins Unermessliche gesteigert. Nicht ein Gedanke war mehr sicher! Sie hatte das Gefühl, sie würde alsbald den Verstand verlieren. Sie durfte nichts sagen, sie durfte nichts Verleumderisches denken … sie war eine Silberne, verdammt! Und doch fühlte sie sich so sehr gefangen, als sei sie eine Rote in den Slums. Insbesondere, seit Elara erfahren hatte, dass Evangelina höchstpersönlich miterlebt hatte, wie die kleine Blitzwerferin ihre Gabe auf höchster Stufe einsetzte. Evangelina stand fortan unter strenger Beobachtung, und nur kurze Fluchtmanöver wie dieses hier ermöglichten es ihr, einen Moment in Ruhe durchzuatmen.
Warum sie als ein solches Risiko gesehen wurde, war ihr selbst nicht ganz klar.
Bist du dir da sicher?, höhnte die Stimme. Bist du sicher, dass du es nicht weißt? Du hast das Mädchen gesehen. Du kennst die Wahrheit.
Das rote Mädchen. Mare. Letztendlich lief alles sie zurück. Evangelina seufzte frustriert. Sie hätte sie töten sollen, als sie noch die Gelegenheit dazu gehabt hatte!
Sie hätte dich ebenfalls töten können, aber das hat sie nicht.
Das Mädchen knirschte mit den Zähnen. Sie hätte fast Ptolemus getötet!, konterte sie schmallippig.
Bist du dir da sicher?

Die Magnetorin runzelte die Stirn. Nicht genug, dass sie schon Stimmen hörte, aber immer wieder diese eine Frage, dieses Warum … Wenn sie so darüber nachdachte …                                                          
Ptolemus hatte erwähnt, dass es ihn überrascht hatte, die Scharlachrote Garde so auffällig in Aktion treten zu sehen. „Das ist nicht ihr Stil“, hatte er ihr mit zusammengekniffenen Augen erklärt. „Sie sind nicht so … pompös. So effektheischend. Nicht so wie andere.“ Dabei hatte er Elara einen düsteren Blick zugeworfen. „Was meinst du damit?“, hatte ihn Evangelina gefragt. „Du willst doch nicht etwa sagen, dass sie …?“ Ihr Bruder hatte darauf nur mit einem bedeutungsschwangeren Blick reagiert. Er war schon immer der Paranoidere von den beiden gewesen. Und seiner Paranoia war es schließlich zu verdanken, dass er noch am Leben war. Wer außer ihm hätte schon daran gedacht, in einer subtilen Rüstung und einer Hautheilerin am Arm zu einem offiziellen Anlass zu erscheinen? Insbesondere, wo sie langsam überzeugt davon war, dass ebenjene Hautheilerin ihm etwas bedeutete. Für Evangelinas Geschmack war sie ihr nämlich in letzter Zeit etwas zu oft begegnet.
Ob sie auch etwas wusste? Doch selbst wenn es so wäre - sie könnte nichts ändern. Weder die aufsässige Hautheilerin – Cynthia hieß sie, glaubte Evangelina sich zu erinnern – noch ihr einflussreicher Bruder oder charismatischer Vater konnte etwas dagegen ausrichten. Vor allem nicht, wenn der Attentäter damit aus den eigenen Reihen stammte. Aufzubegehren würde sie nur den Kopf kosten. Niemand konnte also etwas ausrichten. Sie waren alle hilflos dem Kommenden ausgeliefert. Und wenn es eines war, dass Evangelina hasste, dann war es ausgeliefert zu sein. Sie spielte, um zu gewinnen.

Andere haben auch gespielt, versuchte es die Stimme erneut. Mareena hat gespielt. Cal hat gespielt.
„Und was hat es ihnen gebracht?“, fragte Evangelina laut in die Stille ihrer eigenen Gemächer. „Gar nichts, nur den Tod.“
Du weißt nicht, ob sie tot sind. Du hast die Wachen doch reden hören. Sie sind entkommen.
Sie sind entkommen, ja. Cal. Ein Stich fuhr durch ihr Herz.

Dann – ein Scharren vor der Tür. Sie zuckte unwillkürlich zusammen und das glatte Armband an ihrem Handgelenk fuhr seine Dornen aus nur um sich noch im nächsten Moment in ihrer Hand zu einem Wurfmesser zu verformen.
Wann war sie verdammt nochmal so schreckhaft geworden? Wahrscheinlich irgendwann zu Beginn der Arenasache und dem Zwischenfall in der Knochenarena. Dem Zwischenfall. Ein höhnisches Grinsen.
Noch so ein hübscher Euphemismus, um die Wahrheit vor den Erkenntnissuchenden zu bewahren. Wer konnte es ihr also verübeln? Sie waren alle aufgerüttelt worden, in ihrer kleinen perfekten Welt. Aufgerüttelt von einer Roten. Die Götter sind von ihren Sternen gefallen, dachte sie mit einem dunklen Lächeln. Und ein kleiner Prinz hat beschlossen, sie wieder hinaufzustoßen.
Ihre Miene verfinsterte sich.
Schluss damit. Diese Gedanken mussten ein Ende finden. Man mochte ihr es vielleicht nicht unbedingt ansehen, aber Evangelina hing an ihrem Kopf. Sehr sogar.

Also hieß es Schultern zurück, Kopf hoch und lächeln. Denn wie die handgeschriebene Notiz die hinter ihrem Spiegel steckte, verkündete, hatte sie in wenigen Minuten ein Dinner mit der königlichen Familie. Oder das, was davon noch übrig geblieben war.
Evangelina warf ihrem Spiegelbild einen prüfenden Blick zu und strich sich eine verwirrte, silberblonde Strähne hinter ein Metall geschmücktes Ohr.

Sie war sich ihrer Rolle in dem ganzen Spiel zwar nicht mehr sicher, aber sie würde sich auf keinen Fall mehr herumstoßen lassen. Von nichts und niemandem. Sie ballte die Fäuste, bis das scharfkantige Metall sie in die Finger schnitt und einen dünnen Blutstropfen ihre Fingerkuppe entlang sickern ließ. Ein dünner silberner Tropfen. Wenigstens das war ihr noch geblieben. Auch, wenn es wahrhaftig das Einzige wahr.

Sie würde das Rätsel schon noch lösen, da war sie sich sicher. Ob ihr die Wahrheit gefallen würde, war jedoch eine andere Geschichte.


~The End.


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Anmerkung von Destina:
So, ihr Lieben: Ich habe mich einfach mal dazu entschlossen, einen neuen One-Shot an den Start und damit gleichzeitig ein wenig frischen Wind in dieses doch sehr rar gesäte Fandom zu bringen.

Ich bin schon sehr gespannt auf den zweiten Band von Victoria Aveyard, "Glass Sword" ... und trotz allem was passiert ist, bin ich ebenso vollkommen davon überzeugt, dass die Idee, Evangelina Samos mal ein paar Zweifel aufs Haupt zu streuen durchaus fundiert ist - meiner Meinung nach fällt am 9. Februar der Startschuss dazu, sie letztendlich auf Mares Seite überlaufen zu lassen. Aber wir werden sehen.

Bis dahin würde ich mich über ein paar Reviews sehr freuen :)



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