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Die Hochzeit im Königspalast

von Alrauna
GeschichteFantasy, Liebesgeschichte / P18 / MaleSlash
Deutschland Frankreich OC (Own Character) Preussen Russland Ungarn
23.01.2016
22.08.2016
44
44.753
6
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23.01.2016 1.061
 
Es ist schon etwas später, als ich aufwache. Die Sonne ist bereits so stark, dass der schwere, tiefrote Vorhang sie nicht mehr verbannen kann und sie durch seine kleinen Löcher lassen muss. Ich könnte noch ewig so liegen bleiben, doch meine Brüder machen mir einen Strich durch die Rechnung. Gerade als ich meine Augen wieder geschlossen habe, stürmt Anabel in mein Zimmer und ruft:

„Steh auf und zieh dich an, Gilbert und der König wollen dich noch vor dem Frühstück sehen!“

„Wäre das Frühstück zum zehn Uhr, würde ich das schaffen.“ brumme ich und werde sogleich gescholten. Eigentlich kann Anabel niemand leiden, ich mag sie nicht, weil sie mich ungerecht und wie ein kleines Kind behandelt und mein Bruder Ludwig findet, dass sie Gilbert von der Arbeit abhält. Sein Ehemann, Francis, der Sohn des Königs von Frankreich, kann sie nicht ausstehen, weil sie sich am Anfang ihrer Arbeitszeit an Ludwig herangemacht hat, da sie jetzt aber mit dem ältesten Spross unserer Familie weitermacht, hat dessen Ehefrau Elisaveta etwas gegen sie. Der einzige, der sie mag ist Gilbert, der die Aufmerksamkeit geniest. Ich wünsche mir meine Erzieherin zurück, die sich nach dem Tod meiner Mutter um mich gekümmert hat. Sie ist immer nett gewesen und brachte es nie übers Herz, mich zu schimpfen, wenn ich mal wieder einen Aufsatz abgegeben hatte, in dem ich viel zu viele Flüchtigkeitsfehler gemacht hatte oder die Hälfte der Seiten mit kleinen, oft hässlichen Kritzeleien gefüllt hatte. Man könnte jetzt meinen, dass ich dadurch ein schrecklich verzogenes Balg geworden bin, doch so bin ich nicht. Immerhin hatten auch Ludwig und Gilbert ihre Hände bei meiner Erziehung im Spiel, die mir liebevoll eingetrichtert haben, dass man ehrgeizig und klug sein muss, wenn man der Prinz des mächtigsten Königreichs ist. Wenn es nach meinem Vater, der zu seinem und meinem Glück kurz nach meinem zehnten Geburtstag verstorben ist, gegangen wäre, wäre ich seit ich laufen und sprechen konnte darauf gedrillt worden, blind Befehle zu befolgen und einem verblendeten Heerführer brav in den Tod zu folgen. Gilbert hat das durchmachen müssen, was vermutlich auch der Grund dafür ist, dass Ludwig die Militärangelegenheiten größtenteils ihm überlässt. Damals, als Mutter mit ihrem zweiten Sohn schwanger war, bemerkte sie, dass Wasserkuren und täglicher Drill vielleicht doch nicht das richtige für einen Vierjährigen sind. Wie es eine liebende Frau nun einmal tun würde, rannte sie zu meinem Vater und brachte ihn auf die Idee, dass man Kindern doch auch ein wenig Entscheidungsrecht geben könnte. Also wurde Gilbert aus der Armee geholt und durfte eine relativ unbeschwerte Kindheit verbringen. Jedoch ist er, so wie auch Ludwig, später zum Militär gegangen, nur um den Untertanen zu zeigen, dass die Kronprinzen auch fähig sind, das Reich durch einen potentiellen Krieg zu führen.

Murrend rolle ich mich aus dem Bett und wanke in den Ankleideraum, wo sofort zwei Kammerfrauen um mich herum wuseln, um mich in die angemessene Kleidung des preußischen Adels zu stecken. Ich versuche, nicht so genervt auszusehen, damit sie nicht denken sie machen etwas falsch. Wenn ich zu früh aufgeweckt werde, kann ich schon mal sehr ungemütlich werden, aber wenn mein Kreislauf erstmal in Schwung gerät, werde ich viel angenehmer. Schon seit meiner Geburt bin ich etwas kränklich, wenn es kalt wird bin ich immer der Erste, der eine Erkältung bekommt und ich habe inzwischen aufgehört die Tage zu zählen, an denen ich den ganzen Tag im Bett verbracht habe, weil ich wieder von meinen morgendlichen Schwindelanfällen geplagt wurde. Vermutlich ist das einer der Gründe, warum mein Vater, der immer schon der Meinung gewesen war, dass Soldaten die einzig wahren Männer sind, mich nie gemocht hat. Immer fand er einen anderen Grund dafür, dass ich nicht in die Familie passen würde: Mal war ich zu klein, mal zu dünn, und wenn es hart auf hart kam, scheute mein Vater sich auch nicht, Besucher freundlich darauf aufmerksam zu machen, dass ich dem Koch irgendeiner Burg, auf dem meine Eltern und meine Brüder vor meiner Geburt zu Gast waren, doch viel ähnlicher sehen würde als ihm, dem König. Doch egal wer nun mein Erzeuger ist, Ludwig und Gilbert haben mir schon immer gezeigt, dass ich ihr kleines Brüderchen bin und sie mich lieben.

Die etwas ältere der beiden Frauen bittet mich unterwürfig, die Arme auszustrecken, damit sie mein Obergewand richten kann. Als ich dann fertig gekleidet vor dem großen Spiegel stehe, kommt noch mein persönlicher Alptraum: Das Kämmen. Ich kann es einfach nicht leiden, wenn man mit einem groben Eisengerät, mit dem man auch Felder pflügen könnte, in meinen Haaren herumfährt. Wenn ich gerade aufgewacht bin, sieht es auf meinem Kopf zugegebener Weise ziemlich schrecklich aus, aber meiner Meinung nach ist alles dann wieder in Ordnung, wenn ich mir ein paar Mal durch die dunkelblonde Mähne fahre. Dann sehe ich aus als hätte ich Katzenohren, und irgendwie gefällt mir das.

Nach einer viertel Stunde ist meine Frisur ‚annehmbar‘, wie es Francis und Ludwig nennen würden, und die Zofen verabschieden sich mit einer Verbeugung. Nun bin ich endlich fertig für das Frühstück, was mich ziemlich glücklich stimmt, da ich großen Hunger habe und ich danach endlich mein mysteriöses Gespräch mit meinen beiden Brüdern führen kann. Darunter kann ich mir nämlich beim besten Willen nichts vorstellen. Wenn man manchen Gerüchten in der Bevölkerung Glauben schenken mag, schlagen mich meine Brüder und die ganz radikalen Zungen behaupten sogar, sie würden sich von mir Befriedigung beschaffen lassen, wenn ihre jeweiligen Ehepartner sie mal nicht ranlassen. Doch das sind alles Lügen. Auch wenn mich meine geliebte Erzieherin aufgezogen hat, kann ich mich an keine Woche erinnern, in der ich mich Gilbert nicht spielerisch durchgekitzelt hat oder Ludwig mich auf seinen kräftigen Armen durch den Garten trug, und mir dabei eine Geschichte erzählte oder ein neues Gesetz erläuterte. Ich kann sogar von Zeiten berichten, in denen ich mit meinen Zinnsoldaten vor dem Kamin gespielt habe, während meine Brüder mit seinem Berater ein Fest, eine Konferenz oder ein anderes wichtiges Ereignis durchsprach. Durch diese Abende habe ich viel über Politik und Strategie gelernt und so fiel es mir sehr leicht mich für ein Fach zu entscheiden, dem ich, wie jeder junge Adelige hier im Land, meine Studien widmen muss, bis ich durch den Eintritt in die Ehe besseres zu tun habe als mir Tage und Nächte in der Bibliothek um die Ohren zu schlagen. Doch jetzt sollte ich erstmal frühstücken, bevor ich umkippe.
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