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Alles bleibt, wie es nimmer war!

von Phaemonae
GeschichteAbenteuer, Fantasy / P18 / Gen
Tiranu Yulivee
23.01.2016
15.03.2016
23
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Yulivee stand inmitten des versammelten Hofstaats. Sie waren um den Richtblock herum versammelt und überall redeten sie aufgeregt, aber die Elfe konnte nicht genau verstehen, um was es ging. Emerelle wartete an der Hinrichtungsstätte, elegant und kühl wie immer. Dann gingen die Tore auf und die Wachen führten den Verurteilten herein. Viel konnte die Magierin noch nicht sehen, zu viele Albenkinder standen ihr im Weg. Erst als die kleine Prozession näher kam, erkannte sie, wer der Gefangene war.
Er blickte kühl und gelassen geradeaus und hielt sich weiterhin stolz und unbeugsam. Fast als würde er als freier Elf hier entlangspazieren und am Ende einfach nur ein Gespräch erwarten, nicht den Tod. Er wirkte vollkommen gefasst und sein Äußeres war gepflegt und makellos. Nur kurz steifte sein Blick den Ihren und darin lag für einen Augenblick tiefe Trauer, bevor sie wieder der Unbeugsamkeit wichen. Yulivee wollte vorstürmen und sich den Wachen in den Weg werfen, um all dies aufzuhalten. Das musste ein Fehler sein! Was hatte er getan? Doch sie konnte sich nicht vom Fleck rühren und auch ihre Stimme versagte ihr.
Vor dem Richtblock hielt die Prozession an und die Königin betrachtete den Elfen kühl, bevor sie ihn nach letzten Worten fragte, aber er schwieg eisern. Auf den Wink Emerelles hin, zwangen die Wachen Tiranu in die Knie und legten seinen Kopf auf den Richtblock. Die ganze Zeit blieb ihr Geliebter ruhig und unbeteiligt, so als würde es nicht um sein Leben gehen. Das Richtschwert wurde gehoben und sauste kurz darauf nieder. Die Zauberweberin stieß einen lautlosen Schrei aus, als sich Schwert und Hals trafen.

Erschrocken fuhr Yulivee aus dem Bett und blickte sich gehetzt um. Neben ihr lag Tiranu, friedlich und ruhig schlafend. Sanft strich sie ihm eine Haarsträhne aus dem Gesicht, bevor sie aufstand. Sie brauchte dringend frische Luft. Das, was sie gesehen hatte war zu aufwühlend. Erst musste sie ihre Gedanken neu ordnen, bevor sie wieder schlafen konnte.
Leise trat sie auf den Balkon hinaus und blickte in die Ferne. Sie versuchte die Bilder ihres Traumes zu verjagen, doch es gelang ihr nicht. Immer wieder sah sie das Schwert vor sich und ihren Geliebten vor dem Richtblock.
Die Zauberweberin wusste nicht, wie viel Zeit verstrichen war, als sie sich nach dem Bett umwandte und es leer vorfand. Ihr Herz setzte für einen Moment aus.
„Was beschäftigt dich so sehr, dass eine Horde betrunkener Kentauren hier hätte hereinstürmen können, ohne dass du es bemerkt hättest?“, vernahm sie eine wohlbekannte Stimme in der leichter Spott, aber auch ein Hauch von Sorge mitschwangen. Wortlos schwang sie zum Sprecher herum und fiel ihm in die Arme, die Tränen nicht mehr zurückhalten könnend. Was würde er sagen, wenn sie ihm von ihrem Traum erzählte? Sie musste es herausfinden!
Sanft nahm der Fürst sie in seine Arme und strich ihr beruhigend über den Rücken. Wie lange sie so standen, wusste Yulivee nicht, bevor sie langsam und stockend zu erzählen begann. Was auch immer diesen Traum ausgelöst hatte, konnte sie nicht sagen. Als sie geendet hatte, küsste Tiranu sie sanft auf den Haaransatz und drückte sie fest an sich.
„Zum Glück bist du, soweit ich weiß, kein Orakel“, flüsterte er leise.
„Versprich‘ mir, dass du auf dich Acht gibst und keine Dummheiten begehst!“, flehte Yulivee.
„Ich werde nicht so dumm sein Emerelle herauszufordern oder ihren Zorn auf mich herabzurufen, aber ich bin ein Fürst und die Fürstenhäuser bekämpfen sich oftmals.“
„Was ist mit…“, ihre Stimme versagte ihr.
„Den Schattenkriegen? Da sie mich damals nicht hat hinrichten lassen, wird sie dies wohl kaum jetzt nachholen“, beruhigte er sie vorsichtig. Er hielt sich nach all den Jahrzehnten noch immer sehr darüber bedeckt, wie weit er im Aufstand seiner Mutter verwickelt war. Er hatte es zwar nicht gesagt, aber sie glaubte, dass er es tat um sie zu schützen. Wovor auch immer. Oder vielleicht hatte er auch Angst, dass sie sich dann von ihm abwandte.
Sie standen bis zum Morgengrauen ineinander verschlungen da, als wären sie beide eine Statue. Diese Geste spendete ihr weitaus mehr Trost, als alle Worte es gekonnt hätten. Dann löste sich der Elf langsam und entschuldigte sich bei ihr, dass er zum Training seiner Leibwache anwesend sein müsste, damit sie nicht nachlässig wurden. Lange sah Yulivee ihm nach und hoffte, dass ihre Träume nur auf all die bösen Worte, die sie am Hof immer wieder über Tiranu getuschelt gehört hatte, geboren waren. Und dass sie wirklich nicht den Schleier zur Zukunft durchbrochen hatte, denn sie könnte es weder ertragen, noch zulassen, dass man ihren Geliebten so von ihr nahm. Schließlich war ihre Mutter eine Seherin gewesen.

***


Es war zwar wahr, dass Tiranu seine Kampfkünste mit seinen Schnittern weiter perfektionieren wollte, aber noch andere Dinge beschäftigten ihn und dafür wollte er alleine sein. Wenn Yulivee seine Sorge spürte, wäre das nicht hilfreich sie zu beruhigten. Doch nach dem Traum, den die Zauberweberin hatte, machte der Fürst sich ernsthaft Gedanken, dass sich etwas zusammenbraute. Seine Geliebte würde er jedoch vorerst aus allen Dingen heraushalten. Zu aufgewühlt war sie heute Nacht gewesen. Und sie war nicht die Einzige, die in letzter Zeit mindestens einen seltsamen Traum gehabt hatte. Auch ihn plagten in den letzten Wochen immer wieder Bilder und Szenarien, die er nicht einordnen konnte.
Die Essenz der Träume war, dass er an einem Ort in Albenmark stand. Ein Ort, der sicherlich nicht mehr existieren konnte, nicht nach so vielen Jahrtausenden. Trotzdem fand’ er sich in den Überresten der Tiefen Stadt wieder, auf einer steinernen Brücke stehend und wartend. Mehrfach war Tiranu bereits versucht gewesen, die Tiefe Stadt aufzusuchen. Durch seine Träume wusste er, wie er an diesen Ort kam. Bisher jedoch hatte er stets gezögert, alleine sollte er diesen Ort nicht aufsuchen, nur wen sollte er mitnehmen? Yulivee stand außer Frage und auch seine Schwester wollte er keinesfalls unnötig in Gefahr bringen. Sonst hatte er niemanden, an den er sich wenden konnte. Außer seinen Schnittern selbstverständlich.
Um von ihnen jedoch zwei mitzunehmen, müsste er es äußerst geschickt anstellen, dass niemand sonst es merkte und die zwei Elfen in seinem Leben sich nicht unnötig Sorgen machten. Denn auch wenn er aus seinen Träumen den Weg in die Tiefe Stadt kannte, so glaubte er keineswegs, dass sie noch existierte. Dafür war sie viel zu viele Jahrtausende dem Verfall anheimgefallen. Und unnötig jemanden in Gefahr bringen, der sich nicht äußerst gut seiner eigenen Haut entwehren konnte, wollte er nicht.
Seine Krieger warteten bereits auf dem Kampfplatz und der Elf begrüßte sie knapp, bevor er Paare zusammenstellte, die zuerst miteinander kämpfen würden. Dabei achtete er darauf, dass er keinen der schlechteren Kämpfer mit einem der wirklich guten Kämpfer arbeiten ließ. Das wäre doch für manchen zu demoralisierend. Die Herausforderung sollte wenigstens halbwegs zu bewältigen sein. Sobald das geklärt war, begann er, gemeinsam mit seiner Truppe, mit den Aufwärmübungen.

***


Ganz wie zufällig stand Yulivee in einem der Wehrgänge, die auf das Übungsgeviert wiesen. Sie konnte zwar das, was die Schwertarbeit beinhaltete nicht wirklich leiden, aber die Übungskämpfe mit den Trainingsschwertern und ihre Bewegungen an sich, waren von einer wundervollen Eleganz. Das musste sie sich insgeheim eingestehen. Es war einfach nur schön die Kämpfer so zu beobachten –besonders einen von ihnen.
Die Magierin war so in ihre Gedanken versunken, dass sie gar nicht bemerkte, wie eine weitere Elfe von hinten an sie herantrat. Erst, als diese sprach, wandte sie sich kurz zu ihr um.
„Wenn du diesen Anblick schon magst, hättest du noch zu Zeiten meiner Mutter deine wahre Freude gehabt“, meldete sich Morwenna mit einem leichten Lächeln auf dem Gesicht. Yulivee warf der Schwester ihres Liebsten einen fragenden und skeptischen Blick zu. Sie bezweifelte, dass sie irgendetwas unter Alathaias Herrschaft gemocht hätte. Auch wenn sie die Fürstin nie kennen gelernt hatte. Und Tiranu versucht hatte ihre mütterliche Seite aufzuzeigen.
„Nach jedem Mond haben meine Geschwister, die sich im Schwertkampf übten, ein Spiel gespielt“, führte die Elfe weiter aus. „Auch da fanden sie sich zu Kampfpaaren zusammen. Und jedes Mal, wenn der Gegner einen Treffer gelandet hat, musste man sich eines seiner Kleidungsstücke entledigen. Bis letztlich nur noch die Klinge in der Hand blieb. Wer auch sie verlor, hatte verloren.“
Yulivee blickte die Andere fassunglos an. Irgendwie konnte sie sich das gar nicht vorstellen, dass Alathaias Kinder, jedweden Alters, so etwas getan haben sollten. Leise lachte Morwenna über das Erstaunen ihrer Gesprächspartnerin.
„Wir hatten durchaus unseren Spaß!“, lächelte die Heilerin. „Schau nicht so erstaunt. Du solltest inzwischen gelernt haben, dass unsere Mutter nicht nur... ambitioniert war.“ Mehrere Gedanken formten sich in Yulivees Kopf und sie dachte nicht lange nach, bevor sie ein Wort der Macht hauchte und die Kämpfer unten ansprach: „Wer von euch wird eurem Fürsten am gefährlichsten im Zweikampf?“
Überraschte Blicke suchten nach ihr, bis sie sich etwas aus einer Öffnung des Wehrganges herauslehnte und alle Augen sich auf sie richteten.
Es war Tiranu selbst, der antwortete: „Leanel. Auch wenn man einen Zweikampf zwischen uns kaum ausgeglichen nennen könnte.“ Fragend hob der Fürst eine Braue.
„Mir ist von einem Spiel erzählt worden, das...“, weiter kam die Magierin nicht, weil ihr Fürst in schallendes Gelächter ausbrach.
„Um zu erreichen, was du hoffst, solltest du mir lieber zwei Kämpfer entgegenwerfen“, erklärte Tiranu ihr amüsiert.
„Dann sei es so!“, bestimmte Yulivee mit einem schelmischen Grinsen.
„Wer sagt, dass ich dem zustimme?“, konterte der Fürst lässig.
„Ich weiß genau, wie viel Spaß du früher an dem Spiel hattest, Bruder!“, meldete sich nun auch Morwenna zu Wort und Yulivee warf der Heilerin kurz einen dankbaren Blick zu. Dem konnte er sich doch fast nicht mehr entziehen.
Und wie erwartet, schüttelte Tiranu amüsiert den Kopf und versammelte dann seine Schnitter um sich, um ihnen die Regeln des Spiels zu erklären. Er machte noch kleine Veränderungen in der Paargestaltung, als er zwei der Kämpfer zu sich rief, einer davon, wie Morwenna erklärte, Leanel.
Abwartend beobachtete Yulivee das Kampfgeschehen, das sich entwickelte und es dauerte nicht lange, bis die ersten Kleidungsstücke die Körper ihrer Besitzer verließen. Zu Yulivees Bedauern schlug Tiranu sich selbst mit zwei Gegnern äußerst gut, aber irgendwann steckte auch er einen Treffer ein. Begierig verfolgte die Windsängerin das Treiben. Als ihr Geliebter sich aber definitiv zu erfolgreich verteidigte, entschied die Magierin sich, für ein wenig Ablenkung zu sorgen und beschwor mehrere Lichtschmetterlinge, die den Elfenfürsten umschwirrten. Wenig später hatte der Elf seine Obergewänder verloren und die Magierin löste den Zauber wieder. Jetzt konnte sie das Muskelspiel seines Oberkörpers ungestört betrachten.
Am Ende waren alle Beteiligten äußerst spärlich bekleidet, was mancher Elfe unter den Kämpfenden vielleicht gelegen kam, und Tiranu entledigte sich erst seines einen Widersachers und nach einiger Zeit auch seines Zweitens. Er wandte sich noch kurz an seine Kämpfer, sammelte dann seine Kleidung ein und verschwand im Inneren des Rosenturms, nur um wenig später hinter ihr und Morwenna zu erscheinen. Seine Beinkleider hatte er wieder angelegt, aber sein Oberkörper war noch unbedeckt. Erheiterung spiegelte sich in seinem Blick, als er seine zwei Damen betrachtete.
„Ich hoffe euch hat die Vorstellung gefallen“, bemerkte er ruhig und Yulivee strahlte förmlich. Der beunruhigende Traum war, vorerst, aus ihrem Gedächtnis gefegt. „Trotz des regelwidrigen Eingreifens in den Kampf.“
„Sehr“, entgegnete die Zauberweberin verschmitzt und ergriff die Hände des Elfen. „Und weil du so nett mitgespielt hast, gibt es auch eine Belohnung.“
Für diese Aussage wurde Yulivee mit einem leisen Lachen der beiden Geschwister belohnt. Ihr Geliebter schüttelte den Kopf.
„Irgendwie fühle ich mich wie ein kleines Kind“, merkte er an und Morwennas Lächeln wurde noch breiter. Den Ausspruch ignorierend zog Yulivee Tiranu mit sich, der seiner Schwester einen Blick zuwarf, den die Elfe nicht deuten konnte. Morwenna bedeutete ihm nur, mitzugehen und wandte sich dann wieder auf den Weg zu ihrem Sanatorium um.
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