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Yesterday`s gone

GeschichteAbenteuer, Drama / P16 / Gen
Gally Jorge Gallparga Minho Newt OC (Own Character) Thomas
21.01.2016
17.05.2021
22
80.517
9
Alle Kapitel
162 Reviews
Dieses Kapitel
2 Reviews
 
04.05.2021 4.016
 
Hallöchen!

Hier mal wieder ein neues Kapitel für euch. Wir nähern uns einem neuen Höhepunkt ;)
Lasst mir gerne eure Meinung da. Freue mich über jegliche Rückmeldung, Bewertung oder Mail.

Ganz viele Grüße, eure Amelie

PS: Ich hab das Kapitel nicht mehr wirklich auf Rechtschreibfehler durchsucht, findet ihr was, gerne zurückmelden, ich beiße fast nie ;D
PPS: Diesesmal besondere Grüße an Tina <3




Ich schlief gut. Das war es, was ich mir wünschte. Um ehrlich zu sein schlief ich nicht wesentlich mehr als die letzten Nächte. Aber die wenigen Stunden besser.
Ein paar Male schreckte ich aus dem Schlaf hoch.
Das erste Mal wusste ich nicht, wo ich war. Orientierungslos wirbelte mein Kopf herum und ich schnappte nach Atem. Die Dunkelheit um mich herum war schrecklich. Aber sie war besser als das Weiß meines Albtraumes aus der ANGST-Zentrale.
Minhos Hand zog mich zurück in die Kissen der Couch. Vorsichtig richtete er sich neben mir auf und versuchte mich zu beruhigen. Ich wusste nicht was er zu mir sagte, konnte die Worte nicht verstehen, aber es half ungemein. Mit jedem Atemzug spürte ich die Müdigkeit drückender auf meinen Augen. Schließlich schlief ich wieder ein.
Das nächste Aufwachen verlief ähnlich. Minho war an meiner Seite, holte mich zurück, beschützte mich vor meinen Dämonen. Einmal hörte ich auch leise Julies Stimme.
Irgendwann schreckte ich hoch und konnte Minhos Hand nicht fühlen. Dafür hörte ich sein leises Schnarchen und stockte. Still saß ich in der Dunkelheit und lauschte seinem monotonen Schnarchen. Es war kein lautes, es war beruhigend, ich war mir seiner Gegenwart sicher.
Eine Weile saß ich einfach da und tat nichts. Hörte meinen Freunden beim Schlafen zu und versuchte den Kopf frei zu halten.
Langsam breitete sich weiches Dämmerlicht im Raum aus.
Newts Worte flüsterten durch meinen Kopf.
„Wenn du mich liebst, lass mich gehen...“

Ich öffnete langsam meine Augen und sah an die Decke über mir. Lag weich auf der Couch, zugedeckt und sicher.
Verwirrt blinzelte ich und blickte neben mich. Julie und Minho waren verschwunden. Alles, was davon zeugte, dass sie hier bei mir gewesen waren, waren die verlassenen Schlafplätze.
„Guten Morgen.“
Überrascht stützte ich mich auf meinen Ellenbogen und richtete meinen Oberkörper auf. Julie saß etwas weiter weg, eine dampfende Tasse in den Händen. Vorsichtig musterte sie mich. Und ich sie. Man sah ihr die Müdigkeit an. Ein schlechtes Gewissen überfiel mich. Ich musste ihren Schlaf genauso oft unterbrochen haben, wie meinen eigenen.
„Wie geht es dir?“
Ihre Stimme war wie immer. Ruhig und sanft. Aber die Zurückhaltung, die darin mitschwang erinnerte mich an meine Abweisung ihr gegenüber. Traurig setzte ich mich ganz auf und zog die Beine an die Brust. Eine Position, die mir in den letzten Tagen Schutz gegeben hatte.
„Es tut mir Leid...“, flüsterte ich leise und starrte auf den Boden. Schaffte es nicht einmal, sie anzusehen. Dann hörte ich ein Rascheln, die Tasse wurde auf den Tisch gestellt. Nach ein paar Schritten setzte sie sich zu mir.
„Es ist okay.“
Schüchtern schielte sich zu ihr. Unsere Blicke begegneten sich und sie lächelte freundlich. Tränen sammelten sich automatisch in meinen Augen. Verdammte Tränen...
Plötzlich legte sie einen Arm um meine Schultern und zog mich zu sich. Unsere Köpfe lehnten aneinander, ihre Wange nah an meiner.
„Du brauchst dich nicht entschuldigen“, flüsterte sie leise und ich sah sie überrascht an. Wie konnte sie das nur so seelenruhig sagen? Ich hatte sie die letzten Tage wirklich nicht toll behandelt.
Gerade als ich den Mund aufmachen wollte, um zu widersprechen, hob sie eine Hand und ich schluckte die Worte herunter.
„Hör jetzt auf dir darüber Gedanken zu machen. Ich bin dir nicht böse. Du hast viel durchmachen müssen.“ Mit großen Augen sah ich das Mädchen vor mir an. Ihre schönen grauen Augen glitzerten freundlich und ich wusste, dass sie sich freue, dass ich wieder mit ihr redete. Spontan drückte ich sie an mich. Julie entwich ein überraschtes Keuchen. Einen Moment später erwiderte sie die Umarmung.
„Egal wie ich dir helfen kann, ich werde mein Bestes geben.“
Julies Worte drangen weich an mein Ohr, doch die Willensstärke darin verursachte eine Gänsehaut. Aber eine angenehme. Noch etwas fester drückte ich sie an mich, war so dankbar, in ihr eine so starke Freundin gefunden zu haben. Ich wusste nicht, wann sich dieses Band zwischen uns entwickelt hatte. Irgendwie hatten wir zueinander gefunden, vielleicht ähnlich, wie es damals bei Theresa gewesen war. Doch trotzdem auf eine ganz andere Art und Weise. Womöglich sogar erfreuter als bei Theresa. Ich war froh, wie es war. Julie war eine gute Seele.
Vorsichtig ließ ich sie los und sah sie an. Schweigend erwiderte sie meinen Blick, wohl abwartend, ob ich etwas sagen wollte. Ihr Gesicht ganz entspannt und sanft, dass ich mich an unser erstes Treffen in der Brandwüste erinnerte. Schon damals hatte sie wunderschön ausgesehen. Manche Menschen schafften es einfach so, schön zu sein. Und das war sie, nicht nur von Außen, ihre Schönheit strahlte von Innen.
„Na du Schlafmütze, auch schon wach?“ Minhos Stimme drang von der Tür zu uns und ich hob den Kopf. Auch Julie drehte sich zu meinem Freund. Nach dieser Nacht musste er ebenfalls ziemlich müde sein, aber das konnte er erstaunlich gut verstecken. Ein paar Schritte in den Raum setzend, blieb er schließlich stehen. Fast ein bisschen planlos sah er zu uns und verschränkte dann die Arme vor der Brust.
„Naja, wir wollen noch ein bisschen etwas essen und dann in die Stadt aufbrechen“, brummte er dann und ich hatte das Gefühl etwas machte ihn nervös. Verwirrt sah ich von ihm zu Julie und wieder zurück. Hatte ich etwas verpasst? Lag es an mir? Nein, Minho und ich hatten wieder zusammengefunden, ich wusste, wie er zu mir stand. Prüfend musterte ich Julie und bemerkte ihre Hände, die nervös an ihrem Hemdsaum nestelten.
„Wir kommen gleich nach“, wisperte sie leise und richtete den Blick in ihren Schoß, ein leichter rosaner Schein auf ihren Wangen.
Minho nickte bloß stumm, warf mir einen kurzen Blick zu, wandte sich ab und verließ den Raum wieder. Atemlos verfolgte ich die Szene. Immer noch ein bisschen verwirrt, aber mit einer Vorahnung...
Bevor ich fragen konnte, kam mir Julie zuvor. Anscheinend hatte sie sich wieder gefangen.
„Bist du bereit ihn zu treffen?“
Ihre Frage holte mich sofort wieder aus meinen amüsierten Gedanken und zurück in die Realität. Bam. Von dieser Frage mehr als überrumpelt, ließ ich mich zurückfallen und wurde von der weichen Sofalehne aufgefangen. Ich wusste, dass sie sich Sorgen machte. Bisher hatte sie nur Geschichten gehört. Minho hatte ihr bestimmt ein bisschen erzählt. Ich selbst einen winzigen Bruchteil.
Gally.
Ich holte tief Luft und ließ sie mit einem lauten Seufzen hinaus. Das tat überraschend gut.
Einen Moment hatte ich vergessen, was mich erwarten würde. Konnte von der Realität fliehen, mich um andere Sachen kümmern, um die Beziehung zwischen Julie und Minho um genauer zu sein. Aber irgendwie kam es immer wieder.
Newt.
Verzweifelt kniff ich die Augen zu und hielt mir zusätzlich die Hände vor das Gesicht. Wieso konnte ich nicht irgendjemand anderes sein? Warum musste das alles mir passieren? Warum mussten wir so viel aushalten und so viele verlieren?
Die Welle an deprimierenden und dunklen Gedanken versuchte mich zu überrollen. Ich spürte Julies Hand auf meinen und stockte. Minhos Worte kamen mir wieder in den Sinn. Ich musste an alles denken, was ich bisher durchgestanden hatte. Wir hatten viel gelitten, ja. Und wir taten es immer noch. Aber wie viel hatten wir bereits geschafft? Wie viel überlebt?
Minho wollte Newt mit mir zurückholen. Wir wollten ihn noch nicht aufgeben. Wenn er leiden musste, musste ich für ihn stark sein. Ich durfte mich nicht so gehen lassen. Ich musste stark sein.
Erneut tief Luft holend ließ ich die Hände sinken und sah Julie an. Mitfühlend erwiderte sie das winzige Lächeln auf meinem Gesicht. Kein wirklich fröhliches, aber der Versuch es ein weiteres Mal zu probieren. Aufzustehen und weiter zu kämpfen.
Ich war nicht bereit Gally zu treffen. Wer hätte auch gedacht, dass ich das jemals wieder könnte? Ich war nicht bereit, aber ich musste es sein. Wir mussten Informationen beschaffen um Newt zu finden und zu retten.
Und irgendwo war ich auch neugierig. Ich hatte Gally schrecklich vermisst. Es ließ sich nicht mit meiner Trauer für Newt jetzt vergleichen. Es war etwas ganz anderes gewesen. Aber er hatte immer noch einen Platz in meinem Herzen. Was war mit ihm damals passiert? Wie ging es ihm jetzt?
Ich war bereit. Jedenfalls ein kleines Stück in meinem Herzen.

Julie und ich machten uns frisch, ich duschte ausgiebig, das hatte ich in den letzten Tagen vernachlässigt und bereut. Dann zogen wir uns um und gingen zu den anderen. Im Laderaum hatten Julie und Jorge einen kleinen Essbereich eingerichtet. Thomas, Jorge und Brenda saßen um einen mit allerlei Essen gedeckten hölzernen Tisch herum und richteten ihren Blick sofort auf uns, als wir in den Raum traten. Schüchtern blieb ich einen Schritt weiter hinter Julie. Woher diese Gefühle plötzlich kamen, wusste ich nicht. Ich fühlte mich wie ein Alien, abgeschnitten von meinen Freunden. Hatte die letzten Tage nichts von ihnen mitbekommen und schon fühlte ich mich kaum noch wie ein Teil von ihnen.
Schnell warf ich einen Blick auf Brenda. Seit unserer Auseinandersetzung hatte ich sie nicht mehr gesehen und das war auch gut so. Ich konnte ihre Tat noch immer nicht verzeihen, aber irgendwo verstand ich sie besser. Außerdem hatte ich besseres zu tun, als im Groll zu versinken. Diese Sache würde mich nur in meiner Suche nach einem Heilmittel für Newt und im Kampf gegen ANGST aufhalten.
„Hey Lily, schön dich zu sehen.“ Thomas schenkte mir ein leichtes Lächeln und ich wusste, dass er seine Worte so meinte. Mein Herz machte einen wackeligen Hüpfer an. Konnte es noch sein? Gehörte ich noch zu ihnen? Wollten sie mich noch dabei haben, obwohl ich nicht so stark war wie sie?
Julie griff nach meiner Hand und zog mich sanft mit ihr. Aus den Augenwinkeln bekam ich mit dass Jorge von seinem Stuhl aufstand. Spürte seinen Blick auf mir ruhen, er folgte mir durch den Raum. Brenda sah hoch, als wir kurz vor dem Tisch angekommen waren. Ich schluckte. Entdeckte die Unruhe in ihren Augen und wusste, dass die Situation auch für sie nicht einfach war. Aus einem inneren Gefühl hin nickte ich ihr kurz zu und bemerkte sofort, wie sie sich entspannte. Sie schenkte mir ebenfalls ein kurzes Nicken und machte Julie und mir dann Platz am Tisch.
Als nächstes fiel mein Blick auf Jorge. Still stand er da, beinahe so fehl am Platz wie Minho vorher. Aber das schien ihn nicht zu kümmern. Er beobachtete mich einfach stumm. Es war ein wenig unangenehm, aber dieses vertraute Gefühl, dass mich dabei immer überkam, war auch schön. Ich wusste nicht, ob sich meine Sinne vielleicht doch irgendwie an früher erinnerten.
„Ich bin so froh dich zu sehen...“, brachte Jorge dann mit belegter Stimme heraus und ich spürte die Emotionalität. Bemerkte seine zitternden Hände, die in meine Richtung zuckten. Er hielt sich zurück. Wollte mich nicht überrumpeln. Nicht erdrücken. Ich konnte mir noch immer nicht ganz vorstellen, was er für mich fühlte. Davids Worte kam mir in den Kopf.
„Du bist sozusagen alles, was er an Familie hat.“
Intuitiv ging ich ein paar Schritte auf ihn zu und griff nach seiner Hand, wie Julie zuvor bei mir. Seine Hand war groß und warm, beinahe etwas schwitzig. In seiner Handinnenfläche spürte ich Schwielen.
Vorsichtig sah ich hoch und ihm in die Augen. Das gleiche Braun wie in meinen starrte mich voller Überraschung und Unsicherheit an. Nichts erinnerte mich noch an den verrückten Crank in der Brandwüste. Er hatte sein Spiel gut gespielt. Auch er hatte viel mitmachen müssen. Ich glaubte es ihm, dass er mich beschützen und nur das Beste für mich wollte.
Meine Kehle wie zugeschnürt schaffte ich es nicht, ein Wort über die Lippen zu bringen. Stattdessen lächelte ich erneut ein kleines Lächeln, endlich spiegelte es meine innere Freude wieder, die ich doch noch empfinden konnte, wenn ich in Jorges Nähe war. Er gab mir ein kleines Stück Zuhause. Auf eine verrückte Art und Weise, die sich nicht erklären ließ.
Einen Moment starrte mich Jorge nur weiter an, dann breitete sich ebenfalls ein Lächeln auf seinen Lippen aus und er nickte hastig, bevor er meine Hand kurz drückte und dann losließ. Sich räuspernd und dann streckend wandte er das Gesicht von mir ab. Aber seine glasigen Augen hatten ihn verraten.
Jemand klatschte in die Hände und ich fuhr erschrocken herum. Sofort war der schöne Moment unterbrochen und ich in Alarmbereitschaft. Alles andere kam wieder in meine Gedanken. Wir waren nicht sicher. All das hier musste geschützt werden, sonst konnte es uns ganz leicht von ANGST geraubt werden. Mir geraubt werden. Noch mehr würde ich nicht verkraften können.
Entsetzt sah ich Minho an, der bei meinem Blick eine Augenbraue hob und nicht verstand, was gerade in mir vorging.
Julie neben mir schnaubte wütend und ich wusste, dass sie annähernd nachvollziehen konnte, wie es mir ging. Naja, vielleicht ein bisschen. Gerade als sie auf Minho zulaufen wollte, hielt ich sie zurück. Fragend wich ihr Blick von mir zu meiner Hand und wieder zurück. Kaum merklich schüttelte ich den Kopf und atmete leise gegen alle dunklen Gedanken an.
Rief mit meinen zerbrechlichen Kampfgeist zurück und die Vorhaben, die mich stark machen sollten. Nein, die mich stark machen würden. Ich musste mich zusammenreißen.
„Ähm...“, begann Minho nun, noch etwas verwirrt von dem kleinen Moment gerade. Als sich unsere Blicke begegneten, erwiderte ich seinen stumm und wollte ihm so zeigen, dass alles gut war. Keine Fragen mehr, keine Rücksicht, ich würde es schaffen. Jedenfalls redete ich es mir ein und konnte es ein bisschen glauben.
Er verstand. Natürlich verstand er es.
„Gut ihr Strunks. Haut euch mal die Bäuche voll und dann geht’s los.“
Auf Minhos Aufforderung gingen alle wieder ihrem Trott nach. Die einzigen, die scheinbar in Ruhe essen konnten waren Brenda, Julie und Jorge. Selbst Minho wirkte unbeschwert, doch die leeren Blicke, in die er ab und zu fiel, machten mir bewusst, dass auch mein Freund mit seinem Kopf abdriftete. Womöglich zum selben Blondschopf wie ich. Thomas kaute lustlos auf seinem belegten Brot herum und unterhielt sich immer mal wieder murmelnd mit Brenda. Die beiden hatten in der letzten Zeit eine gute Beziehung zueinander aufgebaut. Auf welche Art wusste ich nicht genau. Irgendwas in mir gefiel das ganz und gar nicht. Wenn ich das beobachtete musste ich an Theresa denken. Sie hatte viel getan, Minho und ein paar andere sprachen nicht gut von ihr. Aber ich hatte ein paar Erinnerungen in denen wir so eng zusammen waren. Sie hatte mir in meiner schweren Zeit mit Gally geholfen. Naja, bis sie verschwunden war. Dann hatte ich sie im ANGST-Zentrum gesehen und nichts war mehr wie früher. Es würde wohl nie wieder so sein. Trotzdem schaffte ich es nicht, sie zu vergessen. Schaffte es nicht, sauer auf sie zu sein. Und Thomas? Hatte er sie vergessen?
Julie stupste mir vorsichtig in die Seite.
„Du solltest etwas essen, wenigstens eine Kleinigkeit.“
Automatisch nickte ich. Sie hatte wohl recht, aber ich hatte keinen Hunger. Um keine unnötigen Gedanken bei den anderen aufzuscheuchen suchte ich den Tisch nach etwas für mich ab. Schließlich wurde es ein Joghurt mit Honig. Es schmeckte gar nicht mal so schlecht.

Die Stirn runzelnd stand ich im Laderaum und sah aus einer winzigen Luke. Durch das milchige Glas konnte man draußen kaum etwas erkennen. Ich erahnte was sich als das undefinierbare gelb-braun entpuppen würde. Unendliche Wüste. Ganz nah daran das Grau der riesigen Stadtmauern Denvers. Das letzte Mal als wir als Gruppe in die Stadt gegangen waren, hatte ich Newt schweren Herzens hier gelassen. Damals stand noch so einiges zwischen uns. Erst anschließend hatten wir es klären können. Jedenfalls hatte ich danach ein besseres Gefühl gehabt. Bei Newt schwankte es bereits einen Tag später... Oder hatte es das schon davor?
Schwer schluckend verbot ich mir solche Gedanken und verbannte sie weit nach hinten. Genau diese Gedanken würden mich zurück in die Dunkelheit ziehen.
Nach dem Frühstück hatten sich alle gerichtet, Waffen waren in der Stadt nicht erlaubt, durch den Test am Eingang konnte man keine hineinschmuggeln. Trotzdem hatte ich den kleinen Dolch, den Jorge mit in der Brandwüste gegeben hatte, mit Toilettenpapier umwickelt und mir in meinen Stiefel gelegt. Das letzte Mal wurden wir nicht gänzlich durchsucht, ich vertraute darauf, dass es dieses Mal genauso sein würde. Mit dieser kleinen Waffe fühlte ich mich stärker, ein Gefühl, das ich gerade brauchte.
Julie trat neben mich. Ihre blonden Haare in einem ordentlichen hohen Zopf am Hinterkopf. Ihre schwarze enganliegende Jacke und dunkle Hose passten perfekt zueinander. Nun doch ein wniziges bisschen amüsiert musterte sie. Meinen Blick bemerkend verzog sie das Gesicht und zuckte dann mit den Schultern.
„Das gehört zu den wenigen Klamotten, die ich dabei habe. Außerdem ist das Oberteil atmungsaktiv und nahezu Kugelsicher.“ Bei letzterem hob ich überrascht eine Augenbraue. Kugelsicher? Dann erinnerte ich mich an ihre Herkunft und wunderte mich nicht mehr.
Ein paar Augenblicke später hatten sich auch die Anderen um uns herum gesammelt. Alle hatten ernste Gesichtsausdrücke, die Spannung lag in der Luft.
„Also, der Plan ist zu Gallys Apartment zu fahren.“ Minhos Blick streifte uns alle kurz. Thomas neben mir brummte, dass wir das bestimmt schon dreimal gehört hatten. Minho strafte ihn mit einem schnellen bösen Blick und Thomas verstummte.
„Wenn wir beim Eingang angekommen sind überlasst ihr das Reden wieder mir“, warf Jorge ein und ich war, wie auch die Male zuvor, froh, dass er sich darum kümmerte. Trotz seines Temperaments war er immer noch ein winziges bisschen ruhiger als Minho. Zudem kannte er sich aus, besser als wir, die eigentlich nichts außer das Labyrinth kannten.
„Und sobald wir in der Stadt sind, suchen wir uns sofort ein Taxi.“ Brenda nickte Jorge zustimmend zu.
„Gut, genug Gequatsche, gehen wir“, beendete Minho unsere Zusammenkunft und Jorge drückte den Kopf der Ladeluke. Quietschend senkte sie sich. Die Rampe hatte sich erst halb geöffnet, da erkannte ich plötzlich drei Schemen in der Vormittagssonne. Auch die anderen sahen die drei Personen sofort. Als die Ladeluke auf dem trockenen Boden aufkam und Staub aufwirbelte, wusste ich, dass diese drei Leute nichts gutes bedeuteten. Zwei Männer und eine Frau. Ihre Gesichter verdeckt mit metallenen Schutzmasken. Ein eisiger Schauer lief mir über den Rücken. Das schlimme Gefühl wuchs beim Blick auf die Pistolen in den Händen der Männer und den Granatwerfer in der Hand der Frau. Ihre Gesichter waren verschwitzt und ihre Kleider zerrissen, als hätten sie sich den Weg zu unserem Berk freikämpfen müssen. Vor Überraschung und Angst erstarrt sah ich die Leute an. Ich erinnerte mich an Paul und Seth. An Newts Verschwinden.
„Hey, was soll das?“, rief Jorge den Fremden zu.
„Schnautze, Muni“, blaffte einer der Männer zurück, die robotermäßig verzerrte Stimme aus der Maske klang noch viel bedrohlicher. „Und jetzt schön vortreten, sonst erlebt ihr euer blaues Wunder. Keine Spielchen.“
Thomas neben mir keuchte auf und mein Kopf schnellte zu ihm. Doch es waren nicht die Worte des Mannes, die Thomas erschreckt hatten. Seine großen Augen hafteten auf den großen grauen Eingangstoren. Sie standen weit offen. Bei genauerem Hinsehen konnte man zwei leblose Gestalten auf dem Boden der schmalen Gasse hinter den Toren ausmachen. Mein Herzschlag beschleunigte sich. Der Puls pochte an meinen Schläfen. Was zur Hölle war hier los?!
„Wenn du auf uns schießt, dann machen wir dich platt wie `ne Schmeißfliege Einen von uns kriegt ihr vielleicht. Aber wir machen euch alle drei zu Hackfleisch.“ Jorge sah die drei Fremden wütend an und presste die Worte mühsam heraus. Ich wusste, dass er Zeit gewinnen wollte. Und uns mit dieser leeren Drohung einen Vorteil verschaffen.
„Nur zu. Wir haben nicht zu verlieren“, entgegnete einer der Männer. „Ich habe wahrscheinlich schon zwei von euch umgenietet, bevor ihr einen einzigen Schritt gemacht habt.“
Dann hob er seine Waffe und zielte auf meinen Kopf. Erschrocken ließ ich alle angehaltene Luft aus meinen Lungen. Tödlich zeigte der Pistolenlauf auf meine Stirn.
„Okay, okay“, meinte Jorge schnell und nahm die Hände hoch. „Ihr habt mich überzeugt.“
Tat gelassen, aber ich wusste, dass er sofort dazwischen gehen würde, wenn es dazu kommen würde.
„Pass bloß auf, sonst kriegst du es mit uns zu tun, du Schwachmat“, grollte Minho neben mir und hob ebenfalls die Hände in die Luft. Thomas, Brenda und Julie taten es ihm nach.
Nur ich konnte mich nicht bewegen. Starr vor Schreck auf den Pistolenlauf starrend zitterte ich am ganzen Körper. Wenn ich hier sterben würde... Wenn ich sterben würde, was passierte dann mit Newt? Mit Minho? Was passierte dann mit mir? Ich wollte nicht sterben! Ich hatte schreckliche Angst vor der Dunkelheit, die ich danach befürchtete.
„Du auch!“, schnauzte mich der Mann vor mir an und ich zuckte zusammen.
„Nun mach schon, Strunk...!“, knurrte Minho nervös. Wie ich es schließlich schaffte, zitternd die Hände zu heben, konnte ich mir nicht erklären, aber es war im letzten Moment, bevor der Mann vor mit ausrasten konnte. Mit meiner Kapitulation ließ er auch seine Waffe von meinem Gesicht sinken und ich atmete erleichtert aus. Mein Herz pochte noch immer laut in meiner Brust.
Wir konnten nichts tun. Wir hatten keinerlei Waffen, es stimmte, die drei würden uns schneller verletzen, als wir sie. Auch mein kleiner Dolch würde hier nicht helfen.
Langsam liefen wir die Laderampe herunter und wurden um das Berk herum geführt. Zitternd setzte ich einen Fuß vor den anderen. Adrenalin pumpte durch meinen Körper. Angst schlug in Aufregung um. Was hatten sie mit uns vor? Wer waren diese Leute? Wo wollten sie uns hinbringen?
Wir kamen an einem alten, zerbeulten Transporter an, der mit laufendem Motor auf uns wartete. Am Steuer erkannte ich eine weitere Frau, ebenfalls mit Schutzmaske. Hinter ihr auf der Sitzbank zwei weitere Personen, beide hatten Granatwerfer. Zwar waren wir zahlenmäßig gleich aufgestellt, aber sie schon allein waffentechnisch überlegen.
Einer der Männer öffnete eine Schiebetür an der Seite des Transporters. Einer Kopfbewegung in Richtung des muffigen Innenraums.
„Rein mit euch. Eine falsche Bewegung und hier fliegen die Kugeln. Wie ich bereits erwähnt habe: Wir haben nichts zu verlieren. Und ich kann mir Schlimmeres vorstellen, als einen oder zwei Munis weniger auf der Welt.“
Thomas war der erste, der in den Wagen kletterte. Brenda und Julie folgten ihm. Jorge ebenfalls, mit einem kurzen Blick zu mir. Minho stoppte und drehte sich zu mir um.
„Nun geh schon vor, ich bin hinter dir“, murmelte er leise und bedeutete mir mit den Augen, einzusteigen. Da ich sowieso keine andere Wahl hatte und ihm vertraute, stieg ich zu den anderen in den Transporter. Minho folgte mir wie versprochen und setzte sich neben mich auf eine der beiden knarzenden schwarzen Bänke, die sich an je einer Wagenseite befanden. Thomas, Brenda und Jorge saßen und gegenüber. Julie an meiner rechten Seite.
„Wer bezahlt euch, dass ihr Immune entführt?“, wollte Thomas auf einmal von dem Mann wissen, der nach uns in den Wagen stieg. Er bekam keine Antwort. Der zweite Mann stieg zu uns nach hinten, die Frau zu ihren Kollegen nach vorne. Die anderen richteten ihre Waffen ebenfalls auf uns.
„Da in der Ecke liegen schwarze Kapuzen. Zieht sie euch über den Kopf. Wenn ich auf der Fahrt jemanden beim Linsen erwische, dann setzt es was. Wir behalten unsere Geheimnisse lieber für uns.“
Mein Blick huschte zu den dunklen Stoffen und mein Herz rutschte mir in die Hose. Oh bitte nicht. Alles, nur nicht das.
Thomas saß am nächsten zum Kapuzenhaufen, wortlos reichte er sie an uns weiter. Minho drückte Julie und mir eine in die Hand. Mit schwitzenden Hand umklammerte ich den Stoff in meinem Schoß. Warum nur? Panisch beobachtete ich, wie jeder meiner Freunde nacheinander die Kapuze überzog.
Julie griff nach meiner Hand. Mit starken Augen sah sie mich an.
„Du schaffst das.“
Ihre Worte gaben mir die letzte Kraft die Kapuze zu heben und mit das Stück Stoff über den Kopf zu ziehen. Ich würde das durchhalten. Für Newt. Für mich.
Dann sah ich in die Dunkelheit, die ich so sehr verabscheute. Dieses Mal war ich bei Bewusstsein.
Aber das machte es nicht besser.
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