Photograph

KurzgeschichteAllgemein / P12
Kominato Haruichi Kominato Ryosuke Kuramochi Youichi
20.01.2016
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Photos are the only way,
To hold on to what you knew,
Because the moments they show never change,
when the people in them do.
-Erin Hanson




Sie hatten viele Bilderrahmen in ihrem Haus. Große, kleine. Runde, eckige. Bilderrahmen, die auf Regalen standen, andere, die die Wände schmückten. Seine Frau liebte Bilder und auch wenn das digitale Zeitalter längst angebrochen war, ließ sie es sich nicht nehmen, ausgewählte Fotographien in einem Fotoshop entwickeln zu lassen, um sie dann in einem eigens dafür ausgewählten Bilderrahmen irgendwo aufzustellen. Er hatte sich mittlerweile daran gewöhnt und es kam nicht selten vor, dass er an einem Bild vorbeilief und unweigerlich lächeln musste, weil er sich an den Moment erinnerte, der auf dem Foto festgehalten war. Am Anfang war es ihm noch recht unangenehm gewesen, überall Bilder von sich und seiner Familie zu sehen, aber nach den ganzen Jahren stellte er sich ihr Haus seltsam leer vor, würden die Bilder fehlen.

So zierte eines seiner Lieblingsbilder den Eingangsbereich des Hauses und zeigte ihre gesamte Familie. Sie hatten das Foto erst im letzten Jahr machen lassen und seine Frau hatte extra einen professionellen Fotografen engagiert, damit es auch ja ein hübsches Bild würde.
Er erinnerte sich noch gut daran, wie ihr jüngster Sohn sich erst gesträubt hatte, die Sachen anzuziehen, die ihm zurechtgelegt worden waren und dann, als er angezogen war, nicht ruhig bleiben konnte und den Fotografen (und seine Mutter) fast in den Wahnsinn getrieben hatte. Seine anderen beiden Kinder waren da durchaus kooperativer gewesen.

Doch auch sie hatten manchmal ihre Probleme mit den Fotos überall im Haus. Immer wenn Freunde von ihnen zu Besuch kamen, verschwanden aus unerklärlichen Gründen immer ein paar Fotos. Er vermutete, dass seine Kinder die Bilder, die sie für besonders peinlich hielten, dann immer versteckten und so geschickt wieder aufstellen, dass seine Frau nichts davon merkte. Und dies würde auch so bleiben. Denn sie wussten, dass er es wusste und es gab einen unausgesprochenen Pakt zwischen ihnen, dass er seiner Frau nichts sagen würde, wenn sie immer schön artig ihre Hausaufgaben machten und im Haus halfen.
Ein gutes Druckmittel hatte seiner Meinung nach immerhin noch nie geschadet.


Vor allem im Wohnzimmer konnte man viele Fotos sehen. Seine Frau hatte eigens Regale anbringen lassen und dokumentierte auf jedem wichtige Lebensereignisse. Die ersten Fotos ihrer drei Kinder als Babys, der erste Tag im Kindergarten, Schuleinführungen und und und.
Auch ihr erstes Bild, das es von ihm und seiner Frau gab, war im Wohnzimmer zu sehen, aufgenommen in einem Park im Herbst, kurz nachdem sie sich in seinem letzten Jahr in der Universität kennengelernt hatten. Nur ein paar Jahre danach kam auch ihr Hochzeitsfoto in die Sammlung hinzu und seitdem hatte seine Frau nicht mehr aufgehört, Erinnerungen in Form von Fotografien festzuhalten und zu sammeln. Es gab durchaus schlechtere Hobbys.

Sie hatten viele Fotorahmen im Haus und alle waren gefüllt mit glücklichen Momenten, an die sich seine gesamte Familie gern erinnerte, auch wenn er und seine Kinder das nicht immer unbedingt zugaben.
Es gab auch einige Bilder, die älter waren, als das erste Bild von ihm und seiner Frau. So hing in der Küche ein Bild von seinen Schwiegereltern und seiner Frau, als sie fast noch ein Kind war. Auch von ihm gab es ein Kinderbild, das ihm mit seinem Bruder zeigte, als beide noch jünger waren und stolz in die Kamera lächelten. Haruichi, sein Bruder, war damals noch kleiner als er, so schmächtig, dass er nicht anders konnte, als einen Arm schützend um seine Schultern zu legen. Jetzt, viele Jahre später, war Haruichi um einige Zentimeter größer als er selbst und wohnte recht weit entfernt, sodass sie sich nur wenige Male im Jahr sahen.
Vielleicht war dieses Bild gerade deswegen eines seiner Lieblingsbilder im Haus und auch wenn es in der hintersten Ecke auf einem der Regale stand, wusste er doch, dass es da war.


Sie hatten viele Bilderrahmen im Haus, doch das Bild, was Ryousuke am meisten bedeutete, war in keinem der Bilderrahmen. Es war nie in einem der Bilderrahmen gewesen, war nie präsentiert wurden, wie alle anderen Bilder im Haus, hatte nie an einer Wand gehangen. Das Bild war nicht besonders schön, oder qualitativ wertvoll und es war auch von keinem professionellen Fotographen geschossen wurden.
Aber das war ihm egal.

Er dachte nicht oft an das Bild. Nur manchmal. Am Anfang hatte er es noch immer bei sich getragen, an besonderen Orten aufbewahrt, hatte immer mal wieder einen Blick riskiert, sich fallen lassen in der Erinnerung, die das Foto festhielt. Doch dann hatte er sich verändert, hatte seine Frau kennengelernt, ein Leben eingeschlagen, aus dem es kein Zurück mehr gab, kein Zurück zu dem Moment auf dem Foto. Er hatte es immer seltener angesehen, nur manchmal, wenn er sich erinnern wollte, hatte nie das Bedürfnis gehabt, es irgendwo aufstellen zu wollen. Nein, er hatte es wie ein Geheimnis versteckt, in einem seiner Lieblingsbücher, die seine Frau nie anrührte, weil sie ihr viel zu gruselig waren.
Er hatte es wie einen Schatz vergraben, weil er manchmal einen Fluchtweg brauchte, in eine Zeit, die schon längst vergangen war, in der er noch ein anderer gewesen war.

Das Bild, was in den vergilbten Seiten eines alten Horrorromans versteckt war, war nicht unbedingt in besserer Verfassung als das Buch selbst. Es hatte ausgefranste Ränder, einige Knickstellen und man konnte gut erkennen, wie oft dieses Foto schon angesehen, in Händen gehalten wurde. Die Farbe war etwas verblasst, doch trotzdem strahlte das Rosa als dominierende Farbe noch immer aus dem Bild heraus. Immer, wenn sich Ryousuke das Bild ansah, dann hatte er das Gefühl, als wäre es erst gestern gewesen, dass das Bild aufgenommen worden war.
Es war, als könnte er noch immer den sanften Wind spüren, das leise Rauschen der Kirschbäume, die mit jedem Windstoß mehr und mehr Blüten verloren. Fast noch konnte er das Gewicht des Armes spüren, der sich ein wenig schüchtern um seine Schultern legte, dass nervöse Lachen noch in seinen Ohren hören.

Ryousuke wusste nicht mehr, wer der Fotograph gewesen war, hätte vergessen, dass überhaupt jemand ein Foto gemacht hatte, hätte er es nicht in einem Umschlag Wochen später in seinem Briefkasten gefunden. Er erinnerte sich noch genau, an den Moment, an dem er das Foto aus dem Umschlag geholt und er in die lächelnden Gesichter von sich selbst und ... Kuramochi Youichi geblickt hatte. Kuramochi hatte einen Arm locker um seine Schultern gelegt und grinste mit seinem unverwechselbaren Grinsen, doch seine roten Augen verrieten, dass er mit aller Kraft versuchte, seine Emotionen zurückzuhalten und für das Foto zu wirken wie immer. Ryousuke musste heute noch bei dem Gedanken an dieses Bild lächeln. Er selbst sah auf den ersten Blick aus wie immer, doch er fand, dass er... glücklich wirkte. Als würde er in diesem Moment genau an diese Stelle, an die Seite seines Partners gehören. Ehemaligen Partners, musste sich Ryousuke ins Gedächtnis rufen, denn zu diesem Zeitpunkt gab es ihre Iron Wall Defense schon nicht mehr, war Haruichi an seine Stelle getreten. Immerhin war es sein Abschlusstag, der da auf dem Foto festgehalten wurde. Der Abschlusstag, an dem sich die Third Years ein letztes Mal von ihren Kohai verabschiedeten, endgültig Lebewohl sagten, von ihren Freunden, dem Team und Seido.
Ryousuke wusste nicht mehr, ob er damals geweint hatte, aber er bezweifelte es. Was er jedoch genau wusste, war das Kuramochi geweint hatte, wie ein paar Tränen unverhohlen seine Wangen hinuntergeglitten waren, wie seine Stimme bei 'Ryou-san' gezittert hatte.
Er hatte Kuramochi damals nicht zum letzten Mal gesehen, aber es war seine letzte Erinnerung an ihn, die nicht über die Jahre verschwommen war, die eindrucksvollste Erinnerung, die er an den lauten Shortstop mit den schnellen Beinen hatte.

Vielleicht war ihm deswegen dieses alte Bild zwischen den Seiten eines zerfledderten Horrorbuchs so wichtig. Weil er sich trotz des Abschiedes gern an diesen Tag im Frühling erinnerte, als er Seido und Kuramochi zurückließ. Weil er sich gern an Kuramochi erinnerte.

Viele Erinnerungen aus seiner High School Zeit waren verblasst, außer Reichweite für ihn, weil sie nicht auf Bildern festgehalten waren, die Momente nicht aufgefangen worden waren. Er erinnerte sich nur noch schwach, welches Glücksgefühl Baseball bei ihm ausgelöst hatte, was es hieß, drei Jahre seines Lebens einzig und allein diesem Sport zu widmen. Er war damals noch ein anderer Mensch gewesen, jung, voller Lebensenergie. Genau wie Kuramochi.

Als er Kuramochi kennengelernt hatte, war er nichts weiter als ein vorlauter, nerviger Erstklässler gewesen, der frisch von der Mittelschule direkt in den ersten String gekommen war, ganz zum Missfallen von Ryousuke. Er selbst hatte es erst im Herbst seines ersten Jahres in den ersten String geschafft, nachdem die Third Years das Team verlassen hatten. Vielleicht war das auch der Grund, warum er von Kuramochi mehr forderte als von allen anderen, warum er zu ihm strenger war, warum er ihn am Anfang nicht leiden konnte. Aber Kuramochi hatte Wege, die ihm bis heute unergründlich waren, und schlich sich langsam aber sicher in Ryousukes Herz. Egal wie viel Arbeit er Kuramochi auflastete, wie sehr er ihn kritisierte, so brachte ihn doch nichts aus dem Gleichgewicht und er versuchte alles, um Ryousukes Anforderungen gerecht zu werden. Und ehe er sich versehen hatte, respektierte er Kuramochi und erkannte ihn als seinen Partner an. Sie verbrachte viel Zeit zusammen, trainierten, redeten und lachten miteinander und ihre sagenhafte Iron Wall Defense machte sie zu einem der landesweit besten Teams aus Second Baseman und Shortstop.

Manchmal vermisste Ryousuke die Zeit, in der Menschenmassen in Stadien seinen Namen gerufen hatten, als eine Frauenstimme, ihn als nächsten Batter ankündigte. Manchmal vermisste er die Genugtuung und Überlegenheit, die er immer verspürte, wenn der Pitcher langsam nervös wurde, weil er als Batter das sechste Foul in Folge geschlagen hatte. Oder die Ungewissheit, wenn er im Infield nach vorn hechtete und er nicht wusste, ob der Ball auch wirklich in seinem Handschuh landen würde. Manchmal, da vermisste er auch Kuramochi. Sein lautes Lachen, das über das ganze Feld zu hören war, seine Stimme, die ganz leise und beruhigend war, wenn er mit Ryousuke sprach, ihr eingespieltes Teamwork, das sich auch außerhalb des Feldes zeigte.

Und auch wenn er heute, nachdem er Kuramochi Jahre nicht gesehen hatte, nachdem er schon lange verheiratet war, eine Familie gegründet hatte und glücklich mit dem war, was er sich aufgebaut hatte, verspürte er noch immer das warme Gefühl in seiner Magengegend und das Klopfen seines Herzens, wenn er an den Shortstop dachte.
Langsam hatte sich Kuramochi, wissentlich oder auch nicht, in Ryousukes Herz eingeschlichen, das er, entgegen der allgemeinen Meinung, durchaus besaß, und sich dort eingenistet. Wenn er es so betrachtete, war Kuramochi seine erste Liebe. Aber Ryousuke mochte es nicht, das zu betiteln, was er und Kuramochi gehabt hatten.

Kuramochi war vieles und doch nichts. Feldpartner, Freund, Liebhaber... all das passte nicht zu ihm, beschrieb nicht was sie gehabt hatten. Er hatte Kuramochi respektiert, er hatte ihm vertraut, er hatte ihn geliebt. Hatte ihn in seinen Gedanken 'Youichi' genannt... und auch manchmal, wenn sie allein waren, nur um zu sehen, wie seine Ohren sich rot verfärbten und er nicht wusste, was er darauf antworten sollte. Er hatte es geliebt, ihn zu necken.
Hatte es geliebt, wie sich seine Lippen an seine eigenen anschmiegten.

Er war Kuramochi nur ein einziges Mal näher gekommen. An seinem High School Abschlusstag, als er ihm abseits von neugierigen Augen, den zweiten Knopf seiner Schuluniform in die Hand gedrückt hatte und auf seinen überraschten, ungläubigen Blick nur wissend gelächelt hatte. Als Kuramochi ihn zu sich zog und ihn küsste, als gäbe es keinen Morgen.
Es war Ryousukes erster Kuss und auch wenn es nicht sein letzter war, so war es doch der letzte und einzige Kuss, den er mit Kuramochi teilte.

Nach der High School ging Ryousuke wieder zurück nach Kanagawa, ging dort auf eine renommierte Universität und wurde auch Teil des Baseballteams. Es war eine Zeit, in der er den Kontakt zu Kuramochi aufrechterhalten konnte und er fuhr einige Male zu Spielen von Seido, wenn er nicht zu viel zu hatte. Wie schon zu Schulzeiten, schrieben sich Ryousuke und Kuramochi häufig Nachrichten und so erfuhr auch, dass Kuramochi plante, auf die selbe Hochschule zu gehen, wie er selbst, damit sie wieder zusammen Baseball spielen konnten. Das machte ihn glücklicher denn je und noch heute verspürte er die Freude von seinem damaligen Selbst, bei dem Gedanken, die Zukunft auf dem Feld wieder mit Kuramochi verbringen zu können - und vielleicht auch außerhalb.
Doch wie so oft im Leben sollte es nicht so kommen. Es muss wohl im ersten Winter nach der High School gewesen sein, dass Ryousuke die Nachricht von Kuramochi erhielt, dass er ein unglaubliches Angebot von einer Profimannschaft in Sendai erhalten hatte, das er unmöglich ausschlagen konnte.

Die Erde drehte sich weiter und mit jedem Tag, jeder Woche, jedem Monat wurden die Nachrichten, die Ryousuke von Kuramochi erhielt, weniger, bis irgendwann keine mehr kamen. Er selbst war immer mehr beschäftigt mit dem Studium und Kuramochi musste sich erst einmal in der Profileague einfinden. Immer weiter drifteten sie auseinander, bis Ryousuke irgendwann nichts mehr mit Kuramochi verband. Zu Beginn seines dritten Studienjahres, trat er aus dem Baseballteam aus, nachdem ein First Year seinen hart erkämpften Platz im ersten String einnahm, und er gegen ihn ersetzt wurde, weil er drei Köpfe größer war als er selbst.
Im Herbst desselben Jahres lernte er dann seine spätere Frau kennen und kaum hatte er sich versehen, war er verheiratet, hatte einen gut bezahlten Bürojob und Kinder. Nichts erinnerte mehr daran, dass er einmal zu den besten Infieldern des Landes gehört hatte.
Aber das war schon in Ordnung, denn er war mit seinem Leben und was daraus geworden war, zufrieden. Er war erwachsen geworden und sah viele Dinge mit anderen Augen. Nur manchmal fragte er sich noch, was wohl passiert wäre, wenn das Leben ihn und Kuramochi nicht auseinander getrieben hätte, wenn sie sich nicht verändert hätten und unterschiedliche Wege eingeschlagen hätten. Würden sie dann immer noch zusammen Baseball spielen? Würden dann nicht Bilderrahmen seiner Familie sein Haus schmücken, sondern Baseballschläger, Wrestlingplakate und Spielekonsolen?
Er wusste es nicht, konnte die Fragen nie beantworten. Weil er nicht wusste, was gewesen wäre, wenn. Weil es ohnehin kein Zurück mehr gab, in die Zeit als er achtzehn Jahre alt war und die größte Sorge des Tages war, wie man möglichst effektiv trainierte, um das Fielding noch mehr zu verbessern. Weil er und Kuramochi sich unweigerlich weiterentwickelt und verändert hatten.


Nachdem er verheiratet war und Kinder hatte, dominierten im Haushalt Kominato vor allem Kinderfilme, pädagogisch wertvolle Filme oder irgendwelche Spielfilme. Doch Ryousuke erinnerte sich noch gut, an einen Moment vor Jahren, in dem er allein im Haus war und wahllos durch das Programm schaltete, als er bei einem Sportsender hängen blieb, der gerade ein Baseballspiel übertrug. Nach seiner Schulzeit hatte Baseball immer mehr an Bedeutung für ihn verloren, bis zu dem Punkt hin, dass er sich nicht mehr für den Sport interessierte, der früher einmal sein Leben ausgemacht hatte. Doch in diesem Moment, wo das Baseballspiel übertragen wurde, konnte Ryousuke nur gebannt auf dem Bildschirm schauen, unfähig einfach weiterzuschalten.
Ein Batter hatte gerade einen recht schlechten Pitch des Pitchers erwischt und der Ball kam an einem für ihn strategisch günstigen Punkt sehr nahe der Second Base auf dem Feld auf. Der Second Baseman stand für Ryousukes Geschmack viel zu weit an der First Base und hatte so keine Chance mehr, an den Ball zu kommen. Doch das musste er auch gar nicht, denn während der Ball wieder vom Boden abprallte und zurück in die Luft schnellte, griff eine geübte Hand nach ihm, ein Fuß auf der Second Base, und warf ihn dann gerade noch rechtzeitig zur First Base, sodass aus dem schlechten Pitch ein sauberes Double Play wurde. Während die Mannschaften wechselten und die Defensivmannschaft zu ihrem Dugout zurücklief, wurde der Shortstop eingeblendet, der das Double Play initiiert hatte. Es war ein großer gut gebauter Mann mit einem verwegenen Dreitagebart und kurzen braunen Haaren, die zum Vorschein kamen, als er seine Mütze abnahm, um sich den Schweiß von der Stirn zu wischen. Ryousuke brauchte einige Momente, ehe er erkannte, dass es sich um niemanden anderen handelte, als um Kuramochi.

Noch heute fiel es ihm schwer, den erwachsenen, durchtrainierten Mann, den er damals gesehen hatte, mit dem schlaksigen Jugendlichen zu verbinden, den er einst gekannt hatte. Natürlich war es nur logisch, dass er sich ebenso wie er selbst äußerlich verändert hatte. Sicher hatte er sich auch innerlich verändert, war reifer geworden, auch im Geiste erwachsen. Vielleicht war er auch kein exzessiver Gamer mehr, vielleicht griff er seine Mitmenschen auch nicht mehr mit Wrestlingriffen an. Das alles wusste Ryousuke nicht und er würde es sicher auch nie erfahren, denn alles, was er von Kuramochi noch hatte, was er je gekannt hatte, das war der Jugendliche, der auf dem alten Bild zwischen den Seiten eines Buches konserviert war. Es war die Erinnerung an einen Jungen, der einmal sein Partner gewesen war, dessen Lachen unverwechselbar war und der Videospiele über alles liebte. Der Kuramochi, den er kannte, wohnte in Zimmer No.5, bekam von Horrorfilmen Albträume und würde in seiner Vorstellung, immer der Achtzehnjährige bleiben, den Ryousuke damals an seinem Abschlusstag in dem Regen aus Kirschblüten zurückgelassen hatte.          




Sie hatten viele Bilderrahmen in ihrem Haus. Große, kleine. Runde, eckige. Bilderrahmen, die auf Regalen standen, andere, die die Wände schmückten. Seine Frau liebte Bilder und auch er liebte die Bilder, die ihn zeigten, seine Frau, seine Kinder. Er liebte es, weil er immer daran erinnerte wurde, dass er alles richtig gemacht hatte im Leben, die richtigen Entscheidungen getroffen hatte. Er war ein Familienvater, verdiente gut und konnte seinen Kindern ebenso eine unbeschwerte Kindheit ermöglichen, wie er und Haruichi sie genossen hatten. Er verstand sich gut mit seinen Eltern und Schwiegereltern, hatte viele Freunde und nette Kollegen.
Er liebte die Bilder an den Wänden, auf Regalen, versteckt in Schubladen, weil sie ihn immer und immer wieder verdeutlichten, was er erreicht, geschaffen hatte. Weil sie ihn oft das andere Foto vergessen ließen, das nie in einem Bilderrahmen irgendwo hängen oder stehen würde. Weil er es dank ihnen vergessen konnte.

Nur manchmal, kam es ihm so vor, als würden die ganzen Bilder im Haus ihn erdrücken wollen. Dann fühlte er sich, als drohte er zu ersticken, an all den Erinnerungen, all den glücklichen Momenten, die die Fotos festhielten, für immer gebannt auf dünnes Papier, damit auch keine wichtige Erinnerung verloren ging. Dann fühlte er sich überfordert mit seinem Leben, das seine Familie und er sich aufgebaut hatten, überfordert von dem Erwachsensein.
Das Einzige, das ihm in solchen Momenten half, nicht den Boden unter den Füßen zu verlieren, war das Foto in seinem Lieblingsbuch. Dann verbarrikadierte er sich in der kleinen Abstellkammer, in dem er seine alten Bücher aufbewahrte und flüchtete sich in den Augenblick, der sich nie ändern würde, auch wenn sich alles um ihn herum schon vor Jahren geändert hatte, sich noch heute stetig änderte. Auf dem Foto würden er und Kuramochi für immer die Jugendlichen bleiben, die sie am Abschlusstag der Third Years gewesen waren, jung, unerfahren, ihr ganzes Leben noch vor sich. Sie würden immer die Baseballfreaks bleiben, die tagein tagaus nichts anderes getan hatten, als Schläger durch die Luft zu schwingen und sich gegenseitig Bälle zuzuwerfen.  

Und immer, wenn er sich das Bild ansah und den Blick nicht davon wenden konnte, dann tauchte er wieder ein in diesen Moment, in dem ihre, seine und auch Kuramochis Zukunft noch ungewiss war, als die Erinnerung an ihre Iron Wall Defense und alles, was sie sonst noch gehabt hatten, noch nicht verblasst war.
Ryousuke fühlte sich dann wieder wie der neunzehnjährige Student im ersten Jahr, der er gewesen war, als er erst wenige Wochen in der Universität war, gerade lernte halbwegs auf eigenen Beinen zu stehen und er überrascht den unscheinbaren Briefumschlag aus dem Briefkasten holte und öffnete. Er fühlte das ehrliche Lächeln auf seinem Gesicht, damals, als auch heute, als sein Blick auf die Fotographie fiel, fühlte, wie sich Wärme in seinem Körper ausbreitete, als er an den Moment zurückdachte, der nur ihm und Kuramochi gehört hatte.

Und der Gedanke, dass sich dies nie ändern würde, gab ihm Kraft, Halt, in einem Leben, in dem Kuramochi ein Fremder war, Baseball nicht mehr sein Lebensinhalt darstellte, und ‚Ryou-san!‘ einem ‚Papa!‘ gewichen war.
In einem Leben in dem alles anders und unbeständig war.

Alles, bis auf das Bild, in dem sich Kuramochi und Ryousuke niemals ändern würden.



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Kaum zu glauben, dass ich tatsächlich einen dna-OS zustande gebracht habe ;D
Seit Langem schon fällt mir das Schreiben nicht mehr halb so leicht wie vor zwei, drei Jahren noch. Ich habe mich verändert, meine Fandoms haben sich geändert, alles hat sich geändert. Seitdem ich mit der Schule fertig bin, ändert sich alles ständig und nichts ist wirklich beständig.
Vielleicht war das auch der Grund, warum mir bei diesem OS die Wörter praktisch aus den Fingern geflossen sind, wie es schon lange nicht mehr der Fall gewesen war.

Und das ist eigentlich auch der Grund, warum ich mich entschlossen habe, den OS hochzuladen, obwohl ich der Meinung bin, dass mein Schreibstil nicht wirklich zu einem Fandom wie Ace of Diamond passt...  aber naja jetzt ist er fertig, also wollte ich ihn auch hochladen^^

Über Anmerkungen, Kritik, vielleicht auch Lob oder Ähnliches würde ich mich riesig freuen :D

Liebe Grüße Haku =D
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