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Wintermärchen

von Shizana
Kurzbeschreibung
KurzgeschichteLiebesgeschichte / P12 / Gen
Hades Aidoneus
20.01.2016
20.01.2016
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Du siehst aus dem Fenster. Ein Traum aus Weiß liegt hinter der kühlen Scheibe. Die Kulisse ist perfekt. Das weite Gelände lädt zu allerlei Schneespiele ein.

Zeus hatte einmal mehr die Jahreszeit gewechselt. Aus heiterem Himmel hatte es gestern zu schneien begonnen. Erst vereinzelt, dann beständig waren die weißen Flocken an den Fenstern vorbeigetänzelt. Kaum dass die anderen es bemerkt hatten, war es mit dem Unterricht vorbei gewesen. Binnen Sekunden war die gesamte Klasse in Aufruhr gewesen. Es hatte keine Chance bestanden, die Ordnung wiederherzustellen. Ein wenig hatte dir Thoth leidgetan, der unter Appell und Drohung versucht hatte, Herr über die Lage zu werden. Auf der anderen Seite konntest du deine Mitschüler verstehen. Du selbst warst ganz überrascht gewesen.

Zeit scheint an diesem Ort keine Rolle zu spielen. Letzte Woche noch habt ihr euch bei einem Ausflug an der bunten Vielfalt der vielen Bäume erfreut. Heute tragen dieselben keine Blätter mehr. Äste und Zweige ruhen unter einer dicken Puderschicht. So ist das wohl, wenn ein Gott die Regeln bestimmt.

Du seufzt leise. So schön der Anblick auch ist, er weckt die Nostalgie in dir. Dieser Ort ist so schnelllebig. Seit du hier bist, hast du es nicht geschafft, dich daran zu gewöhnen. Wie viel Zeit bleibt dir noch, bis dieser Traum ein jähes Ende hat? Du weißt, du wirst nicht für immer hier sein können.

Draußen kommt Bewegung auf. Du erkennst Loki, gefolgt von Takeru, die sich eines ihrer üblichen Gefechte liefern. Schneebälle fliegen durch die Luft. Mit etwas Abstand folgen Apollon und Dionysos, die ihren Beitrag zu der wilden Schlacht leisten. Zu gern möchtest du jetzt draußen sein und dem Spaß beiwohnen. Auch wenn dir bei dem bloßen Gedanken an zerschellende Schneekugeln in deinem Genick fröstelt.

„Wo ist Hades nur?“

Du drückst dich von der Fensterbank weg und wendest dich ab. Unschlüssig, was du machen willst, siehst du dich um. Folgst dem hellen Korridor auf und ab, ohne dich für eine Richtung entscheiden zu können.

In der Kantine bist du schon gewesen, im Klassenzimmer war er nicht. Selbst die Bibliothek hast du besucht, doch vergebens. Wo kann er nur stecken? Es gibt nicht viele Orte, an denen sich der Gott der Unterwelt verschanzen würde.

Auf seinem Zimmer ist er nicht, hat Apollon zu dir gesagt. Einen anderen Raum würde er nicht aufsuchen. Als Mädchen ist es dir nicht gestattet, den Jungenblock zu betreten. Und so gering, wie die Erfolgschancen für deine Suche stehen, würde sich ein Hineinschleichen zudem nicht lohnen. Erschöpft atmest du aus.

Du kannst ausschließen, dass er draußen ist. Gestern war er der Erste gewesen, der nach einer einweihenden Schneeballschlacht ins Innere zurückgekehrt ist. Die Kälte an sich störte ihn zwar nicht, wie er zu dir sagte, doch er mochte sie nicht sonderlich. Irgendwie kannst du ihn verstehen.

Gut und schön, doch wo ist er nun? Wo hast du noch nicht gesucht? Du möchtest so gern, dass ihr die gemeinsame Zeit alle zusammen verbringt. Wer weiß schon, wie viel euch davon noch bleibt.

Effektiv gibt es nur einen Ort, wo du noch nicht gewesen bist. Du drehst dich kurzentschlossen um und folgst dem Korridor hinab. Einen Versuch ist es immerhin wert.



Höflich klopfst du und greifst nach dem runden Knauf. Die Tür ist nicht verschlossen, wie du mit Erleichterung feststellst. Beherzt schiebst du sie auf und steckst deinen Kopf durch den Spalt, den du geschaffen hast.

„Bitte um Entschuldigung. Hades?“

Dein Blick durchstreift den Raum, der mit allerlei astronomischer Gerätschaften zugestellt ist. Die meisten, bis auf das schwarze Teleskop auf der Fensterseite, sagen dir nichts.

Gerade als du fündig wirst, hörst du ihn antworten: „Hm? Oh, du bist es?“

Ermutigt trittst du ein. Du schließt die Tür hinter dir, bevor du dich ins Rauminnere bewegst. An den Wänden zieren Malereien und Tapeten verschiedener Sternbilder und –konstellationen, die deine Aufmerksamkeit erhaschen. Du hast sie schon oft gesehen, und doch bannen sie dich jedes Mal. Welche Geschichten könnte dir Hades wohl noch zu ihnen erzählen? Leider wirst du das heute nicht erfahren.

„Was liest du denn Schönes?“, möchtest du wissen und lässt dich zu ihm auf die braune Couch sinken. Hades rückt darauf ein Stück zur Seite, als müsse er dir Platz schaffen. Eigentlich unnötig, du hättest auch so neben ihn gepasst.

„Ein Märchenbuch.“

„Oh, wirklich? Darf ich mal sehen?“

Schweigend reicht er den Wälzer an dich weiter. Das Buch wiegt schwer in deinen Händen, als du es entgegennimmst. »Märchen & Sagen-Sammlung« steht auf dem schlicht-ledernen Hartband eingraviert. Neugierig schlägst du es auf.

„Welche hast du zuletzt gelesen?“, fragst du, während du die Inhaltsliste prüfst. Bekannte Titel wie Dornröschen und Das tapfere Schneiderlein springen dir ins Auge. Dazwischen sind einige, die du noch nie zuvor gehört hast. Die Liste reicht mit 35 Titeln, unterteilt in Märchen- und Sagenkategorie, über zwei Seiten. Kein Wunder, dass der Schmöker so dick ist. Bei so vielen Geschichten kommt einiges an Lesestoff zusammen.

Die Eisblume“, sagt er.

Dein Finger gleitet über die Märchenlistung, bis du besagten Titel gefunden hast.

„Das kenne ich gar nicht“, stellst du mit Verwunderung fest. Du blätterst bis zu der angegebenen Seitenzahl, um die Geschichte aufzuschlagen. „Worum geht es?“

„Um eine Bauerntochter, die vermählt werden soll.“

Du horchst auf. Eine Romanze also.

„Sie ist weder von hohem Ansehen noch herausragender Schönheit. Doch sie ist ein gutes Kind. Ihr Vater ist ein alter Mann, deswegen möchte er seine geliebte Tochter vor seinem Tod gut umsorgt wissen. Jedoch …“

Du siehst zu ihm hoch. Hades‘ Blick ist auf das Buch gerichtet, welches aufgeschlagen auf deinem Schoß liegt. Deutlich spürst du das Gewicht, als würde es zunehmen.

„Sie widersetzt sich seinem Wunsch. Sie möchte die Seite ihres kranken Vaters nicht verlassen, also stellt sie ihm eine Bedingung.“

Eine Pause folgt, in der du den Blick von ihm abwendest. Deine Augen überfliegen die Zeilen, bis sie auf die beschriebene Szene stoßen.

„Sie wird jenem Mann der Vermählung zustimmen, der ihr eine Blume bringt, deren Schönheit ihre Liebe zu ihrem Vater übertrifft.“

»Jener Mann gleich jeden Rangs, der mir eine Blume von solch Schönheit bringt, dass sie mich meine Liebe zu Euch vergessen macht, soll mein Gemahl werden. Und ich werde ihm als Frau stets getreu und folgsam sein, wie ich Euch als Tochter war.«

Du bleibst an diesen Worten haften. Kurz lässt du auf dich wirken, was sie zu bedeuten haben. Dann atmest du einmal tief durch.

„Und dann?“

„Es kommen einige Männer dieser Forderung nach. Aber egal, was sie ihr bringen und welchen Ranges sie sind, sie weist jeden zurück. Keine Blume, kein Strauß vermag sie zu bewegen.“ Wieder pausiert er. Du weißt, dass nun die Wendung folgt. „Eines Tages besucht sie ein Mann, der von weit herkommt. Er bringt ihr eine Blume aus Eis, deren einzigartige Schönheit das Mädchen verzaubert. Sie muss ihren Schwur ihrem Vater gegenüber einhalten und die beiden vermählen sich noch am selben Tag.“

Du musst umblättern, um der Geschichte folgen zu können. Bald findest du die Stelle, von der er spricht.

Es war eine Blume aus Eis. Klar und rein wie Kristall. Erfüllt von unendlich Farben, gleich Magie. Nie hatte sie solch Schönheit gesehen. Ihre Finger reichten nach den starren Blüten aus.

»Diese Blume gehört Euch, doch kann ich sie nicht geben. Werdet mein und seid gewiss: Solange diese Blume blüht, werde ich Euch lieben. Solange ihr Eis von Glanz ist, werde ich treu an Eurer Seite steh‘n.«

Just berührt, zog das Mädchen ihre Hand zurück. Die Kälte durchstach ihre zarte Haut gleich einhundert feiner Dornen. Wie, so bangte sie, sollte sie dies Wunder an sich halten?

„Und sie geht mit ihm mit?“

„Ja.“ Hades nickt. „Ihr Vater stirbt kurz darauf. Sie verlassen das Land und leben allein. Zu Beginn ist sie unglücklich, weil sie nicht die Liebe empfängt, die sie sich von ihrem Mann erhofft hat. Doch mit der Zeit lernt sie ihn lieben. Sie werden glücklich, doch dann …“

Du wartest darauf, dass er weiterspricht. Sekunden vergehen mit seinem Schweigen. Du siehst ihn an und wartest, bis du es nicht länger aushältst.

„Doch dann?“

Er schließt die Augen und seufzt. Leise, jedoch schwer. „Das Eis der Blume schmilzt … und er stirbt. Glücklich in ihren Armen.“

Du hältst den Atem an. Sekunden später erinnerst du dich daran, das Neuluftholen nicht zu vergessen. Mit so einem Ende hast du nicht gerechnet.

„Wieso das?“

„Ihre Liebe lässt das Eis schmelzen. Und als die Blume darunter erblüht, stirbt er. Dramatisch.“

Ja, das ist es in der Tat. Du seufzt leise.

„Ich verstehe es nicht.“

Fragend siehst du zu ihm auf. „Was verstehst du nicht?“

„Wenn er weiß, dass er stirbt, sobald die Eisblume schmilzt … warum verschenkt er sie dann?“

Du überlegst einen Moment. „Naja … Vielleicht, weil es schöner ist, glücklich in den Armen des Liebsten zu sterben, als ewig allein zu leben. Ich meine, wenn Liebe das Eis schmelzen lässt, kann er zumindest gewiss sein, dass die Person ihn wirklich und aufrichtig geliebt hat.“ Du lächelst. „Eigentlich ist das ziemlich romantisch.“

Hades‘ Blick ist fragend, als er zu dir sieht. „Ist es das?“

Du nickst. „Ja. Ich meine, schau. Wenn er weiß, dass er durch die Liebe einer anderen Person stirbt, und ihr trotzdem die Blume schenkt … Das bedeutet, er legt sein Leben in ihre Hand. Das tut man nicht bei irgendjemanden, oder?“

Ihr seht einander an, lange. Für diese Zeit sagt keiner von euch ein Wort. Du versuchst in seinem Gesicht zu lesen, scheiterst jedoch.

Bald wendet er seinen Blick von dir ab und senkt ihn zu Boden. Du bedauerst es im selben Moment. Gern hättest du ihn länger angesehen, sein schönes Gesicht studiert. Du warst im Begriff, die Hand danach auszustrecken und das dunkle Haar beiseitezuschieben. Viel zu selten siehst du beide seiner Augen. Zu spät.

„Und sie?“, fragt er gedrückt.

Du atmest einmal tief durch. Im Anschluss richtest du deine Aufmerksamkeit wieder auf das Buch in deinem Schoß und überfliegst die Zeilen, die du vorhin schon gelesen hast.

»Solange diese Blume blüht, werde ich Euch lieben. Solange ihr Eis von Glanz ist, werde ich treu an Eurer Seite steh‘n.«

„Ich denke, dass sie glücklich ist“, sagst du leise und lächelst. „Die Blume ist ein Liebesbeweis. Er hat sein Wort bis zu seinem Tod gehalten, oder nicht? Und selbst danach hat die Blume noch geblüht. Laut dem Ende bis zu ihrem Tod. Sie konnte sich also immer seiner Liebe gewiss sein, auch wenn er nicht mehr bei ihr war.“

Während du das sagst, schweifen deine Gedanken ab. Was, wenn Hades dir solch eine Blume schenken würde? Eine, die du mit dir nehmen kannst, wenn ihr die Schule verlassen müsst. Du wirst ihn danach vielleicht nie wiedersehen. Er ist ein Gott, und du nur ein Mensch. Das darfst du nicht vergessen.

Vorsichtig siehst du zu ihm hin. Du weißt, dass es nur ein Märchen ist, aber … Was bleibt dir von ihm, wenn das hier vorbei ist? Was wirst du aus eurer gemeinsamen Zeit mitnehmen? Du hasst es, auf dieser Art in die Zukunft zu denken. Der Gedanke, von ihm getrennt zu sein, schmerzt.

Glücklich, hm?“

Hades dreht seinen Kopf in deine Richtung. Du siehst weg, als eure Blicke sich begegnen. Da ist schon wieder dieses Gefühl, das sich uneingeladen in dir breitmacht. Eine bestimmte Form der Sehnsucht, die du nicht zeigen darfst. Still verfluchst du, dass du nicht stärker bist.

„Wieso bist du eigentlich hergekommen?“

Er wechselt das Thema. Sicher tut er es nicht mit Absicht, noch weniger um deinetwillen. Dennoch bist du dankbar dafür und rappelst dich auf.

„Ich habe nach dir gesucht“, sagst du und begegnest ihm offen zugewandt.

Überrascht weitet er die Augen. „Nach mir gesucht?“

Du nickst. „Die anderen sind alle draußen und genießen den Schnee. Ich bin sicher, dass sie sich eine wilde Schneeballschlacht liefern, während wir hier miteinander reden. Auf jeden Fall Loki und Takeru. Wir kennen sie ja.“

Sein Blick geht in Richtung Fenster. Von hier aus könnt ihr nicht sehen, was draußen vor sich geht. Vielleicht versucht er sich vorzustellen, wovon du ihm berichtest.

„Ich wollte dich abholen“, sagst du weiter, ohne abzuschweifen. „Es ist immer schade, wenn einer aus der Gruppe fehlt. Und ich möchte nicht, dass du etwas verpasst.“

Du möchtest ihn dabeihaben. Möchtest ihn bei dir haben. – Du zögerst, ihm diese Dinge zu sagen.

Er schweigt einige Zeit. Zu gern wüsstest du, was in seinem Kopf vor sich geht. So sehr du es möchtest, du wagst nicht zu fragen.

Als er endlich zu dir sieht, schenkt er dir ein zurückhaltendes Lächeln. „Danke, das ist sehr umsichtig von dir. Aber ich denke, es ist besser, wenn ich hierbleibe.“

„Wieso?“

Du ahnst, was jetzt kommt.

„Wenn ich hierbleibe, kann kein Unglück widerfahren. … Es ist besser, wenn du jetzt gehst. Lass mich hier. Das ist sicherer, auch für dich.“

„Hades …“ Dein Herz wird schwer bei seinen Worten. Du atmest einmal tief durch, bevor du ihn erneut ansiehst. „Ich gehe nicht ohne dich“, sagst du entschieden. Deine Stimme ist fest. „Es geht nicht nur um mich, sondern auch um die anderen. Niemand möchte, dass du dich abkapselst. Möchtest du nicht auch ab und an ein wenig Spaß haben?“

„So etwas steht mir nicht zu.“

„Das ist doch Blödsinn.“ Du erhebst dich vom Polster und richtest dich auf. In einer Vierteldrehung wendest du dich Hades zu und siehst ihm ins Gesicht. „Natürlich steht dir das zu. Jedem steht es zu, ab und an ein wenig Freude am Leben und Spaß zu haben. Wer sollte dir das verbieten?“

„Mein …“ Er zögert, dann wendet er sein Gesicht von dir ab. „Mein Fluch. Ich kann nicht … Ich kann die Verstorbenen nicht noch mehr gegen mich aufbringen, indem ich an ihrer statt glücklich bin.“

„Du kannst doch nichts dafür.“ Vor ihm gehst du in die Hocke, um ihm besser ins Gesicht sehen zu können. Du hältst seinen Blick gefangen, als du eindringlich weitersprichst: „Du kannst nichts für den Tod der Verstorbenen. Du kannst auch nichts dafür, dass sie zu dir gekommen sind. So sind eben die Spielregeln. Schau, als ich noch ein Kind war, bin ich auch wütend gewesen, wenn mir meine Eltern Hausarrest gegeben haben. Das ist normal, wenn man auf einmal etwas nicht mehr darf. Sie sind sich trotzdem an manchem Abend amüsieren gegangen. Ich weiß, das ist nicht ganz dasselbe …“ Du hältst dich selbst vom Weitersprechen ab.

Sein Blick ruht auf dir. Wieder wünschst du dir, in seinen Kopf gucken zu können. Wie sieht er dich jetzt gerade? Hält er es für unangemessen, dass du seine Probleme mit deinen Kindheitserfahrungen vergleichst? Die Parallelen sind wirklich weit hergeholt, das kannst du nicht verleugnen.

Entgegen deiner Erwartung erhellt sich sein Gesicht. Seine Lippen umspielt ein mildes Lächeln. So vorsichtig und scheu, dass du es am liebsten einfangen und gut wegstecken möchtest. Auf dass du es nie wieder hergeben musst.

„Na komm“, sagst du sanft und greifst seine Hand. Du spürst, wie sie unter deiner Berührung zurückzuckt, als wolle sich Hades dir entziehen. Mutig hältst du an ihr und drückst seine Finger leicht. „Ich bitte dich. Ich möchte dich dabeihaben, Hades.“

Ganz langsam lässt die Anspannung in seinem Körper nach. Du kannst beobachten, wie seine Schultern ein Stück herabsinken. Seine Hand, viel größer als deine, fühlt sich angenehm nachgiebig in deiner an. Du wirst ruhiger und fragst dich, wer von euch sich selbst auf den anderen überträgt.

Von seinen Lippen schleicht ein Seufzen. Flacher als die Male zuvor.

„Ich nehme an, du wirst nicht nachgeben?“

Dein Herz macht einen freudigen Hüpfer. Es weiß, dass du deinem Ziel ganz nahe bist.

Du nickst bekräftigend und lächelst breit. „Nie im Leben.“

„Es ist unvernünftig von dir. Du setzt dich und die anderen einer Gefahr aus, wenn ich mit dir komme.“

„Ich denke, darauf sind wir vorbereitet. Bisher haben wir’s auch überlebt, also nur keine Sorge“, konterst du fröhlich.

Du lässt seine Hand los und stützt dich auf den Knien ab. Du hievst dich auf die Beine, doch kaum dass du stehst, gerätst du ins Wanken. Dein Gleichgewicht verlagert sich unebenmäßig, du verlierst an Haltung. Schon merkst du, wie deine Beine nachgeben und du zur Seite kippst.

„Vorsicht!“, ruft Hades nach dir aus. Zu spät.

Du versuchst noch dagegenzuhalten. In deiner Panik greifst du nach der Hand, die Hades dir entgegenstreckt, um dich aufzufangen. Du kriegst seinen Arm zu fassen, klammerst dich mit aller Kraft daran, doch dein Körper gehorcht dir nicht. Es poltert einmal laut um dich herum. Irgendwo neben dir raschelt es, als würde Papier zu Boden regnen. Ein Schmerz durchzieht deinen Rücken, als du hart zu Boden gehst.

Die ersten Sekunden ist dir schwarz vor Augen. Überall in deinem Körper pocht es, sodass du nicht sagen kannst, wo es dich genau erwischt hat. Du hast die Augen geschlossen, und als du sie langsam öffnest, verschlägt es dir den Atem.

Hades. Er ist dir so nah!

Sein Körper ist über dich gebeugt, sein Gesicht keine Handlänge von deinem entfernt. Die Schatten in seinem Gesicht lassen das Rot seines sichtbaren Auges intensiver wirken. Es fesselt dich regelrecht.

„Bist du verletzt?“, fragt er gepresst und stemmt sich hoch. Auf seinem Gesicht liegt etwas Herzbrechendes, als er dich reuevoll besieht. „Das ist alles meine Schuld. Wenn ich nicht wäre –“

„Nein“, weist du zurück und unterbrichst ihn somit. Kurz schüttelst du den Kopf, so gut es dir in dieser Situation möglich ist. „Es ist meine Schuld. Ich habe nicht aufgepasst.“

„Unglück hat dich befallen, weil du in meiner Nähe warst.“ Seine Stimme klingt selbstrichtend. In ihr wiegt so viel Kummer, dass die Einsamkeit darin nahezu greifbar ist. „Lass mich kurz sehen. Hast du Schmerzen?“

Vorsichtig schiebt er seine Hand unter deinen Kopf. Seine Finger sind behutsam, als sie langsam durch dein Haar streichen. Voller Sorgfalt tasten sie nach vermeintlichen Verletzungen, doch alles, was du davon verspürst, ist die unglaubliche Zärtlichkeit darin.

„Mir geht es gut“, flüsterst du leise, nahezu unfähig, deine Stimme in diesem wertvollen Moment zu erheben.

Er atmet erleichtert aus. Mit Bedauern spürst du, wie seine Hand sich zurückzieht.

„Ein Glück … Du solltest dich von mir fernhalten. Mein Unglück –“

Du hebst deine Finger an seine Lippen, um sie zu versiegeln. Du willst es nicht hören. Was er da sagen will, ist schlichtweg nicht wahr. Zumindest nicht für dich.

Er zuckt unter deiner Berührung zurück, obgleich sie federleicht ist. Mit der freien Hand ergreifst du seine, bevor er sie dir gänzlich entziehen kann. Nah deines Gesichts hältst du sie fest, drückst sie an deine Wange heran, wo sie unter deiner Bestimmung verweilt.

Es gibt tausend Dinge, die du ihm gern sagen willst. Tausend Dinge, die anderenfalls ewig unausgesprochen bleiben. Jetzt wäre der richtige Zeitpunkt dafür. Und doch wagst du nicht zu sprechen.

Hades ist hier. Er ist bei dir und weicht nicht vor dir zurück. Das allein macht dich so glücklich, dass du keine Worte dafür findest. Es gibt nichts, was dieses Gefühl ausreichend zum Ausdruck bringen kann. Nichts, bis auf diese Geste, die er hoffentlich versteht.

Du lächelst vor lauter Glück, das du in diesem Augenblick empfindest. Im Kontrast zu seiner Hand spürst du, wie heiß deine Wangen sind. Dein Herz schlägt schnell und unbeschwert in deiner Brust. Wann hast du dich das letzte Mal so lebendig gefühlt?

„Danke“, hauchst du leise und überbringst all deine Hingabe, als du mit deiner erhobenen Hand sanft über seine Wange streichst. „Danke, dass du bei mir bist.“

Seine Augen weiten sich in Erstaunen. Auf seinen Wangen liegt ein roter Schimmer. Zu keiner Zeit hat er je schöner ausgesehen als jetzt, in diesem Moment. Er kann nur ein Gott sein, geht es dir durch den Kopf. Anders geht es nicht.

Er schenkt dir ein scheues Lächeln. Sein Daumen streicht einmal zärtlich über deine Wange. Mehr braucht es nicht. Worte sind nicht von Nöten.

In dem Moment weißt du, was es ist. Was du einmal für dich mitnehmen wirst, wenn der Tag eurer Trennung gekommen ist. Es wird in deinem Herzen blühen. Für immer.
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