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Spiegelscherben

von Lacerta
GeschichteDrama, Liebesgeschichte / P16 / MaleSlash
Celty Sturluson Izaya Orihara Kasuka Heiwajima Shinra Kishitani Shizuo Heiwajima
19.01.2016
10.07.2021
6
8.243
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19.01.2016 2.156
 
Ikebukuro war um diese Uhrzeit der reinste Ameisenhaufen. Auf der Otome Road drängten sich die jungen Mädchen, Geschäftsleute und Studenten, eine bunt gemischte Masse. Shizuo bekam mehr Ellenbogen in die Rippen, als er zählen konnte, während er versuchte, Tom gegen das schlimmste Gewühl abzuschirmen.
„Noch eine Station, dann sind wir für heute fertig“, sagte Tom.
„Gut“, erwidert Shizuo. „Dieses Gedrängle macht mich vollkommen wahnsinnig.“
„Dann hast du dir den falschen Wohnort ausgesucht“, sagte sein Arbeitgeber gutgelaunt.
„Was heißt hier ausgesucht, das war doch nicht“ Bevor er weitersprechen konnte, traf ihn etwas wie eine Kanonenkugel in die Seite und ließ ihn taumeln. Wütend riss er den Kopf herum. „Kannst du nicht…“ Wieder konnte er seinen Satz nicht beenden. Weißes Rauschen füllte seinen Kopf. Der junge Mann, der ihn angerempelt hatte, sah entschuldigend zu ihm hoch.
„Tut mir Leid!“ Er zog sich seine Kopfhörer von den Ohren und lächelte verlegen. „Das nächste Mal passe ich besser auf, versprochen!“
Shizuo starrte ihn an. Um sie herum schoben sich die Menschen weiter, ohne auf sie zu achten. Durch das blaue Glas seiner Sonnenbrille wirkt die Jacke des jungen Mannes hellblau, der Pelzbesatz an den Säumen eigentümlich violett. Doch das dunkle Haar und das ovale Gesicht mit den hohen Wangenknochen würde er überall wieder erkennen. Sein Körper reagierte schneller, als es sein Verstand konnte. Shizuo stieß seinen linken Arm nach vorne, erwischte Izaya mit dem Unterarm voll an der Brust, und schleuderte ihn so mehrere Meter nach hinten. Er knallte mit dem Rücken gegen die Fassade eines Ladens und rutschte an der Mauer nach unten. Das alles geschah in wenigen Augenblicken, so schnell, dass er es selbst kaum begreifen konnte.
Ein paar Mädchen kreischten, die Menge teilte sich um die beiden herum, wie das rote Meer vor Moses. Izaya kauerte in zusammengekrümmter Haltung an der Mauer und hielt sich den Hinterkopf. „Auuu…“, hörte ihn Shizuo leise jammern.
„Was zur Hölle machst du hier, Floh?“, fragte er ihn, die Hände in den Hosentasche. „Du warst über ein Jahr verschwunden, wieso kreuzt du auf einmal wieder auf? Ich dachte, irgendjemand hätte dich endlich abgemurkst und in irgendeiner dunklen Ecke verscharrt!“ Inzwischen stand er direkt vor ihm und sah auf ihn herab, die braunen Augen hinter der Sonnenbrille bedrohlich flackernd. „Jetzt red schon, Floh!“
Um sie herum hatte sich eine Traube gebildet; einen Kampf zwischen ihnen hatte man immerhin über ein Jahr lang nicht mehr beobachten können. Aber Izaya reagierte immer noch nicht. Er hockte nur an der Mauer, die Arme um den Oberkörper geschlungen.
Seine Schultern bebten.
„Sag mal, flennst du?“ Langsam wurde es Shizuo zu blöd. Ein ganzes Jahr hatte er in diesem Stadtteil in Frieden leben können, und nun war der Floh wieder da und wollte sich nicht mal einem ehrlichen Kampf stellen? Das kam ihm nicht in die Tüte. Er hockte sich selber hin, griff nach dem Kinn des Informanten, und riss es so gewaltsam hoch, dass er die Wirbel in Izayas Genick knacken hörte. Weit aufgerissene Augen sahen ihn an, feucht glänzend vor Tränen, die bereits zwei nasse Streifen auf seinen Wangen hinterlassen hatten. Kaum war der Blickkontakt hergestellt, kniff Izaya die Augen zusammen und hob abwehrend die Arme. „Bitte, lass mich in Ruhe! Ich habe dir doch nichts getan!“
„Sehr witzig.“
Shizuo packte ihn am Kragen seines weißen T-Shirts und hob ihn ohne jede Mühe hoch. „Wo warst du das letzte Jahr, du Laus?“, zischte er.
Statt einer Antwort schluchzte Izaya nur geradezu herzzerreißend. „Lass mich los, bitte!“ Er begann zu strampeln, packte das Handgelenk des Blonden mir beiden Händen und versuchte sich loszureißen. „Bitte, lass mich gehen! Ich tu´s auch nie wieder, versprochen!“
„Verdammt, du drehst ja vollkommen am Rad.“ Stirnrunzelnd musterte ihn Shizuo. „Was soll das neue Outfit? Hattest du mit Anfang Zwanzig schon deine Midlife-Crisis, oder was?“
Izaya starrte ihn immer noch völlig verständnislos an, das Gesicht gerötet und geschwollen vom Weinen. „Lass mich los!“ Wieder fing er an zu strampeln, und diesmal traf er mit einem Fuß Shizuos Magengrube. Sein Zorn, der bereits abzuflauen begonnen hatte, flackerte wieder hell auf. „Du verdammter Floh!“ Er ließ ihn los, gab ihm keine Zeit sich nach seinem Fall wieder aufzurichten, und donnerte ihm eine Faust mit aller Gewalt in die Rippen. Selbst über den Lärm der Straße war das Knacken der brechenden Knochen deutlich zu hören. Izayas Mund öffnete sich zu einem Schrei, doch kein Laut kam über seine Lippen. Er fiel mit der Eleganz eines nassen Sackes zu Boden, und stöhnte gequält auf.
Shizuo blieb mit geballten Fäusten dort stehen, wo er stand; seine Brust hob und senkte sich beinahe krampfartig. Das weiße Rauschen war aus seinem Kopf verschwunden; er konnte hören, wie die Menge besorgt miteinander tuschelte. Einzelne empörte Ausrufe wurden laut.
„Shizuo?“
Der Blonde fuhr ruckartig herum. Tom stand ein paar Meter hinter ihm, und hob abwehrend die Hände, als er seinen wilden Blick sah. „Beruhige dich, ja?“ Er kam langsam näher und legte ihm vorsichtig eine Hand auf die Schulter. Langsam normalisierte sich Shizuos Atmung wieder, und er sah verschämt zu Boden.
„Sorry…“ Verlegen rieb er sich den Nacken. „Mein Temperament, du weißt ja, wie das ist…“
„Ja, das weiß ich“, sagte Tom ernst. „Darüber reden wir noch. Aber jetzt müssen wir uns erstmal um den Schaden kümmern, den dein Temperament angerichtet hat… Mal wieder.“
Shizuo runzelte die Stirn. „Schaden? Tom, das ist Izaya über den wir hier sprechen! Es wäre eine Erleichterung für die gesamte Welt, wenn er nicht mehr da wäre. Diese Laus macht doch nichts als Ärger!“
„Und wenn er der Teufel persönlich wäre“, wies ihn Tom scharf zurecht. „Während deiner Arbeitszeit schlägst du gefälligst niemanden tot!“
„…Tot?“ Zum ersten Mal schien er zu begreifen, was er angerichtet hatte, und er sah erschrocken auf Izaya herab, der immer noch zusammengekrümmt zu seinen Füßen lag. Er hatte aufgehört zu wimmern; wahrscheinlich hatte er das Bewusstsein verloren. Seine Lippen waren blutverschmiert. Wahrscheinlich hatte er sich nur auf die Lippe gebissen, aber vielleicht hatte eine gebrochene Rippe auch die Lunge durchstoßen…  
„Ich rufe einen Krankenwagen“, sagte Tom, und wollte sein Handy aus der Tasche ziehen.
„Nicht nötig“, beschied ihm Shizuo. „Ich weiß, wo ich ihn hinbringen kann.“ Schließlich müssen wir uns für den Floh nicht mehr Arbeit machen als unbedingt nötig. Das sprach er allerdings nicht laut aus.


Falls Shinra überrascht war, dass Shizuo aus heiterem Himmel bei ihm aufkreuzte, den bewusstlosen Izaya auf den Armen, dann zeigte er es nicht. Er wies ihm einfach stumm den Weg in seinen Behandlungsraum und scheuchte ihn dann ins Wohnzimmer, kaum dass er seine menschliche Fracht auf einer mit Papiertüchern bedeckten Liege abgelegt hatte.
Celty setzte sich neben Shizuo auf das Sofa, nachdem sie sich vergewissert hatte, dass Shinra keine Hilfe brauchte. „Wo hast du ihn gefunden?“, tippte sie auf ihrem PDA.
„Gefunden kann man das nicht nennen“, brummte er. „Er ist auf der Otome Road geradezu in mich reingerannt.“
„Hat er gesagt, wo er war?“
„Celty, denkst du wir haben erst noch einen gemütlichen Plausch gehalten?“
Sie drückte einige Tasten und hielt ihm dann das kleine Gerät hin. „Hat er sonst irgendetwas Wichtiges gesagt?“
„Nein.“ Shizuo runzelte die Stirn. „Aber er hat sich ziemlich komisch benommen.“
„Komisch ist ein dehnbarer Begriff, vor allem bei Izaya.“
„Auch wieder wahr.“ Er nahm seine Sonnenbrille ab und rieb sich die Augen. „Er hat die ganze Zeit nur geschrien, dass ich ihn in Ruhe lassen soll, und dass er nichts getan hat… Und verteidigt hat er sich auch kaum. Merkwürdig, das Ganze.“
„Sehr merkwürdig“, gab ihm Celty Recht. „Aber vielleicht klärt sich das Ganze ja noch auf.“



Shinra brauchte etwa eine Stunde, um Izaya zu versorgen. Als sich die Tür zum Nebenzimmer öffnete, sah Shizuo auf. „Und?“, fragte er den Arzt, der seufzend seine Brille abnahm und am Ärmel seines Kittels sauber wischte. „Du hast ihm drei Rippen gebrochen, saubere Frakturen, dürften in einem guten Monat verheilt sein.“ Er setzte seine Brille wieder auf. „Aber das ist es nicht, was mir im Moment Kopfzerbrechen bereitet. …Auch wenn du wirklich mal etwas sanfter mit ihm umgehen könntest. Eine der Rippen hätte sich in seine Lunge bohren können.“
Skeptisch hob Shizuo eine Augenbraue. „Wie meinst du das?“, fragte er, den letzten Teil seiner Ansage geflissentlich ignorierend. Shinra ließ sich schwer auf die Couch fallen, und zog sein Handy aus der Hosentasche. „Sagen wir es so: wo auch immer Izaya im letzten Jahr war, es war garantiert keine Ferieninsel.“ Er hielt ihm das Handy hin. „Die Bilder habe ich gemacht, bevor ich ihn verbunden habe. Sowas fällt eigentlich unter ärztliche Schweigepflicht, also verpetzt mich nicht, okay?“
Shizuo starrte auf den kleinen Bildschirm. „Sind das…“
„Narben?“, beendete Shinra seinen Satz. „Oh ja. Insgesamt fünfzehn, elf auf dem Rücken, vier an Brust und Hüfte.“
„Wovon?“ Dem Leibwächter war leicht übel. Sicher, es war Izaya über den sie hier sprachen, aber trotzdem gefielen ihm die Bilder, die er sah, kein bisschen.
„Schwer zu sagen“, antwortete Shinra. „Die meisten dürften Schnittwunden sein, die alle sauber zugeheilt sind. Ein paar von den tieferen Wunden wurden anscheinend auch genäht, und das nicht von einem Laien. Aber ansonsten…“ Er nahm ihm das Handy aus der Hand und scrollte ein paar Bilder weiter. „Hier, ich denke diese Art Wunde sollte dir etwas sagen.“
Shizuo schluckte schwer. Magensäure stieg seine Speiseröhre hinauf, und er wandte schnell den Kopf ab. Die kreisrunden Brandnarben sagten ihm in der Tat etwas. Er selbst hatte so eine am Arm, Produkt einer dummen Mutprobe an der Oberschule.
„Jemand hat seine Zigaretten auf ihm ausgedrückt?“, fragte Celty.
Shinra nickte ernst. „Scheint so. Als ich ihn geröntgt habe, habe ich außerdem eine verheilte Fraktur am linken Arm entdeckt. Weitere Verletzungen konnte ich allerdings nicht feststellen.“ Sein Tonfall war professionell, aber seine Stimme drohte immer wieder zu versagen.
Shizuo gab ihm sein Handy wieder. „Und wie geht es ihm jetzt?“ Der Arzt zuckte mit den Achseln. „Seine Rippen sind bandagiert und stabilisiert, und ich habe ihm ein Schmerzmittel gespritzt. Die anderen Verletzungen sind lange verheilt, da kann ich nichts mehr machen, außer ihn vielleicht einen plastischen Chirurgen empfehlen, der das überschüssige Narbengewebe entfernt.“
Das war ein Thema, über das Shizuo lieber nicht zu lange nachdachte. Stattdessen fragte er: „Aber du bist dir sicher, dass das auch wirklich Izaya ist?“
Shinra sah ihn an, als wären ihm plötzlich Hörner gewachsen. „Äh, Shizuo? Hast du dir bei eurem Gerangel vorhin vielleicht den Kopf angestoßen? Natürlich ist das Izaya, wer soll es sonst sein?“
„Ich frage ja nur“, verteidigte sich Shizuo. „Er hat sich vorhin nämlich reichlich merkwürdig benommen.“
Das tat der Arzt mit einem Schulterzucken ab. „Mag sein, aber der, der da gerade in meinem Behandlungsraum liegt, ist auf alle Fälle Izaya. Darauf verwette ich mein letztes Hemd.“
„Hm…“ Shizuo stand auf. „Wenn das so ist, dann kann ich ja gehen, oder?“
Geistesabwesend winkte Shinra ab. „Jaja, geh nur. Mit Izaya kommen wir auch alleine zurecht…“
Gerade als der Blonde die Klinke herunterdrücken wollte, war aus dem Nebenzimmer ein dünnes: „Hallo…?“, zu hören.
„Oh, er ist wach!“ Eilig erhob sich Shinra und eilte in den angrenzenden Raum. Shizuo sah fragend zu Celty, die nur kurz die Schultern hob und ihrem Verlobten folgte. Einen Moment lang blieb er stehen und starrte auf den zerkratzten Parkettboden, ehe er zwischen zusammengebissenen Zähnen einen leisen Fluch ausstieß, und sich auf dem Absatz umdrehte.


Izaya hatte sich im Bett aufgesetzt und die Hände im Schoß gefaltet; Celty schob ihm gerade ein zweites Kissen in den Rücken, damit er die frischen Frakturen nicht zu sehr belastete. Als Shizuo den Raum betrat, zuckte er zusammen und hob abwehrend die Arme, schirmte so seinen Kopf ab. „Ich hab nichts getan!“, schrie er beinahe hysterisch. „Bitte, tu mir nicht weh!“
Trotz seiner angeknacksten Rippen hatte seine Stimme schon wieder ordentlich Volumen; das hohe Kreischen ließ die Ohren des Leibwächters unangenehm klingeln. Shinra sah erst verblüfft zu Izaya, und dann zu Shizuo.
„Was hast du denn bitte mit ihm angestellt?“, fragte er vorwurfsvoll.
„Ich hab´ gar nichts getan!“, verteidigte er sich. „…Also, nicht mehr als sonst auch“, schwächte er ab. Celty hatte sich an Izayas Bettrand gesetzt und ihm tröstend die Schulter getätschelt; der Informant klammerte sich inzwischen so fest an ihren Arm, als wäre die Dullahan sein Rettungsanker.
Merkwürdig. Die ganze Sache wurde immer und immer merkwürdiger.
„Ganz ruhig, Izaya“, versuchte ihn Shinra zu beruhigen. „Shizuo bleibt dort hinten stehen, wo er dir nichts tun kann, ja? Außer du willst ihn gar nicht hier haben, dann wird er das Zimmer verlassen.“
Izaya sah zu Shinra, dann zu Shizuo, und dann wieder zu Shinra. „…Wenn er mir nichts tut, kann er bleiben“, sagte er schließlich, und sein krampfhafter Griff um Celtys Arm lockerte sich.
Trotz ihres Mangels an Gesichtszügen sah die junge Frau erleichtert aus. Anscheinend hatte Izaya in seiner Panik ziemlich fest zugepackt.
Umständlich rückte Shinra seine Brille zurecht. „Izaya… Kannst du dich an das erinnern, was vorhin passiert ist?“
Der Informant sah ihn erstaunt an. „Meinst du mich? Aber ich heiße doch gar nicht Izaya.“
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