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Schwarze Diamanten

GeschichteFantasy, Sci-Fi / P16 / Gen
OC (Own Character)
19.01.2016
31.03.2016
7
24.352
 
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19.01.2016 2.063
 
Langscheid im Jahre 2072

Die Person, die die schmale Gasse hinauf zum recht heruntergekommenen Fachwerkhaus kommt, wirkt etwas deplatziert. In ihrem schwarzen, glänzenden Maßanzug mit der streng gebundenen Krawatte und den ebenfalls glänzenden Schuhen trifft man auf solche Gestalten eher in den Chefetagen eines Konzerns, als hier auf dem Land. Mit festem Schritt kommt sie näher und beäugt dabei das in die Jahre gekommene Gebäude.

Die anderen Gebäude in dieser Seitenstraße unweit der ehemaligen Fußgängerzone sind auch in keinem besseren Zustand. Die Natur hat trotz der Luftverschmutzung und des sauren Regens angefangen, die urbane Umgebung wieder zurückzuerobern. Gelbliches Gras vor den Häusern und kleine Bäume in Überresten von Dachrinnen sind der Beweis dafür. Das Dach des Hauses Nr. 5, in dem Gunther wohnt, weist an einigen Stellen größere Löcher auf. Rauch qualmt aus einem von Ruß geschwärzten Schornstein in den von Wolken verhangenen Himmel. Alte, teilweise prall gefüllte Müllsäcke und Sperrmüll machen das Vorankommen zu einer Art Hindernislauf. Seit Wochen wartet die Stadt darauf, dass der Müll entsorgt wird, doch bisher hat sich niemand blicken lassen.

Langscheid war einst ein Aushängeschild für den Tourismus hier im Sauerland. Vor knapp 40 Jahren wurde viel Geld in die Infrastruktur gesteckt, doch nach dem großen Crash geriet der Ort immer mehr ins Vergessen. Die einst schicken Fachwerkhäuser, die den Charme des Städtchens ausmachten, verkamen immer mehr, denn viele Bewohner zogen in die Sprawls oder den nahen Rhein-Ruhr-Megaplex. Heute leben in Langscheid nur noch etwa 400 Einwohner, größter Arbeitgeber ist der Wasserverband Hochsauerlandkreis, der mittlerweile eine Tochterfirma von Saeder-Krupp ist. Die Anlage unmittelbar an der Staumauer des Sees ist gut bewacht und ruft ständig schlimme Erinnerungen in Gunther hervor …

Der Mann im Anzug bahnt sich seinen Weg zum Haus. Erst jetzt fällt Gunther die Aktentasche aus Leder ins Auge. Gunther hatte den seltsamen Besucher schon eine geraume Weile beobachtet. Ihm ist der dunkle Wagen, augenscheinlich ein Phaeton der neuesten Baureihe, bereits aufgefallen, als dieser unten an der Hauptstraße geparkt hatte. Er vermutet eine zweite Person im Wagen, doch genaueres kann er aus dieser Entfernung nur erahnen.

Auf dem Fensterbrett vor Gunther liegt seine Streetline Special. Er war einigermaßen vorbereitet auf den Besuch, doch man weiß schließlich nicht, mit wem man es zu tun bekommt! Der Zwerg wechselt seinen Beobachtungsposten und geht in die Küche, die Pistole nimmt er fast gedankenverloren mit. „Was will dieser Kerl hier?“, fragt er sich selbst im Flüsterton. „Das bedeutet bestimmt nichts Gutes. Das ist nicht dieser Winkeladvokat Dr. Joaquim Pájaros!“ Verschiedene Gedanken und Szenarien schießen ihm in den Kopf, als der seltsame Besucher auf Rufweite an das Haus herangekommen ist: „Hallo?! Ist da jemand? Ich suche einen gewissen Gunther Tannberg!“

Überrascht darüber, dass der Unbekannte seinen Namen kennt, zieht Gunther die Augenbrauen hoch. Die Hand am Pistolengriff verkrampft sich noch ein wenig mehr, als Gunther die schmierige Gardine des Küchenfensters einen Spalt zur Seite schiebt – gerade so weit, dass er mit einem Auge einen Blick nach draußen werfen und seinem Gegenüber signalisieren kann, dass er beobachtet wird. Für einen kurzen Augenblick herrscht Stille, als sich die Blicke der beiden kreuzen. Gunther muss kurz damit kämpfen, den Kloß in seinem Hals loszuwerden. „Und wer will das wissen?“, raunzt er dem Besucher ungewöhnlich unfreundlich entgegen.

„Mein Name ist Joshua Abramtzek und ich arbeite für die Anwalts- und Notariatskanzlei Pájaros & Meyer. Ich habe hier etwas für sie!“ Er hebt ein wenig den Arm mit der Aktentasche und deutet gleichzeitig mit dem Kopf darauf, dann blickt er sich um und schaut in die Gasse. „Vielleicht sollten wir dies aber unter vier Augen besprechen!“, ruft er etwas vorsichtig in Gunthers Richtung, während er ein paar Schritte auf den Hauseingang zugeht.

Gunther ist immer noch argwöhnisch und angespannt. Gerade als er sich daran macht, die Gardine loszulassen, bemerkt er, dass aus der Nobelkarre, mit der dieser steife Anzugträger angekommen ist, eine weitere Person aussteigt. Sein geübter Blick kann auch auf diese Entfernung erkennen, dass der Mann einen Schulterholster trägt.

Grübelnd geht er die wenigen Schritte vom Fenster zur Haustür, welche direkt in die Küche führt. Seit heute Morgen das Kommlink klingelte und Dr. Pájaros seinen Besuch ankündigte, sinniert er darüber nach, was der aus unzähligen, billig produzierten Trideo-Werbespots bekannte Anwalt von ihm will – und nun stand er nicht selbst vor der Tür, sondern dieser Schlips mit seinem Wachhund. Trotzdem hat ihn die Aktentasche neugierig gemacht …

Gunther tippt die Zahlenkombination in das selbstgebaute elektronische Türschloss, welches dies zuerst mit einem freundlichen Piepsen quittiert, um anschließend mit einem satten Klicken aufzuspringen. Sein blonder Bart wippt vor Aufregung, als er die Tür einen Spalt öffnet, die jedoch immer noch von einer Vorlegekette aus bestem Saeder-Krupp-Stahl gehalten wird. Gunther richtet seinen Blick nach oben auf das Gesicht des Mannes, dann blickt er an ihm vorbei auf den Phaeton: „Was soll der Gorilla?“, fragt er argwöhnisch.

„Nun, es sind gefährliche Zeiten, und da sollte man auf seine eigene Sicherheit achten!“, antwortet der Anzugträger. Er deutet in Richtung des Gorillas und ergänzt lapidar: „Sie sollten sich darüber keine Gedanken machen, denn er wird beim Wagen auf mein Zurückkommen warten. Aber vielleicht sollten wir drinnen weiterreden?!“

Zwar ist es Gunther schon ein wenig mulmig bei dem Gedanken an den bewaffneten Leibwächter, aber aus irgendeinem Grund vertraut er der Erklärung des Anwaltes – ja, sie leben in unruhigen Zeiten. Oder ist es doch eher die Neugier auf den Koffer? Hastig stopft er seine Pistole in den hinteren Hosenbund und schlägt den Pullover darüber, dann zieht er die Kette weg und öffnete die Haustür. Jetzt endlich kann er sein Gegenüber näher betrachten: Seine streng zurückgekämmten Haare glänzen ein wenig vor Gel, sein Gesicht ist makellos rasiert und auch Hände und Fingernägel sind äußerst gepflegt. Der Anzug hat sicherlich ein kleines Vermögen gekostet, die Schuhe ebenfalls, und auch die Aktentasche scheint nicht aus Syntleder zu bestehen. Der Anwalt schaut Gunther aus grau-grünen Augen an, und als er sich gerade leicht bückt, um an seiner Aktentasche herumzunästeln, kann der Zwerg eine Datenbuchse links an seinem Hals erkennen.

„Sicherlich werden sie sich jetzt fragen, was ich von ihnen möchte. Dr. Pájaros ist leider verhindert, und so habe ich diesen Vorgang übernommen. Um mich zu autorisieren, hier meine ID!”

Mit diesen Worten zeigt er Gunther eine Art Visitenkarte mit einem Bild von ihm, ein paar Nummern, einem Hologramm und seinem Namen. Außerdem kann Gunther noch ein Symbol erkennen, welches ihm aus den Trideo-Spots bekannt vorkommt und augenscheinlich das Firmenzeichen der Kanzlei Pájaros & Meyer darstellt. Abramtzek legt seine Aktentasche leicht angewidert auf den dreckigen Küchentisch, nicht ohne vorher mit einem Taschentuch die Oberfläche grob von Dreck und Krümeln befreit zu haben.

„Ich bin hierhergekommen, um ihnen diesen Umschlag zu übergeben“, fährt er mit seinen Erklärungen fort. „Zuvor möchte ich aber gerne wissen, ob sie wirklich Gunther Tannberg sind.“ Er holt einen Scanner aus seiner Tasche und hält ihn Gunther hin.

„Natürlich“, murmelt dieser geistesabwesend, während er den Ärmel seines abgewetzten Kapuzenpullis hochschiebt, um an das Kommlink an seinem Handgelenk zu gelangen. Schnell hat er das Gerät so eingestellt, dass es seine SIN drahtlos an den Empfänger des Anwaltes übertragen kann – eine Funktion, die er normalerweise deaktiviert hat –, dann drückt er seinen Daumen auf die glatte Oberfläche des Scanners. Ein hektisches gelbes Blinken zeigt an, dass dieses gerade die Verbindung mit dem Zentralrechner aufbaut, um seine Identität zu prüfen und seinen Fingerabdruck mit der SIN abzugleichen. Unwillkürlich hält Gunther den Atem an; er hat zwar eigentlich nichts zu befürchten, denn seine SIN ist echt, aber trotzdem macht ihn dieser Vorgang jedes Mal nervös. Eine gefühlte Ewigkeit später wechselt das Blinken in ein beständiges, beruhigendes Grün und der Scanner piept. Gunther atmet erleichtert aus.

„Was für ein Umschlag?“, fragt er neugierig.

Unbeirrt von Gunthers Frage fährt der Anwalt fort: „So, nachdem wir alle Formalitäten erledigt haben, hier der Umschlag!“

Mit diesen Worten reicht er Gunther einen großen, grauen, aus Recyclingpapier hergestellten Umschlag herüber. Dieser ist relativ dick und schwer, vermutlich befinden sich mehr als nur ein paar Unterlagen in ihm.

„Wenn Sie mir bitte hier unten noch den Empfang quittieren würden!“ – er hält Gunther ein Pad unter die Nase und weist auf eine Linie hin, die sich am unteren Bildschirmrand befindet.

Etwas verblüfft über die altbackene Technik zieht Gunther den kleinen Plastikstift aus der Seite des Pads und kritzelt seine Unterschrift auf die Linie.

„Von wem ist denn der Umschlag? Ich sehe gar keinen Absender …“, fragt er neugierig, während er den Stift in die Halterung zurücksteckt.

Prüfend schaut Abramtzek auf das Pad, und Gunther meint, ein Lächeln über seine Lippen huschen zu sehen. Schnell packt er das Pad wieder in die Aktentasche, schließt diese und klemmt sie sich unter den Arm.

„Somit ist meine Aufgabe hier beendet!“, sagt er etwas hektisch, wie Gunther zu glauben scheint. Dann begibt er sich in Richtung Haustür: „Äh, von wem der Umschlag ist? Tut mir Leid, aber ich bin nur der Überbringer. Sicherlich wird der Inhalt des Umschlags eine Antwort darauf geben. Wenn sie mich jetzt entschuldigen würden. Ich wünsche ihnen noch einen schönen Tag.“ Schnellen Schrittes geht er die Gasse zurück zu seinem Wagen und dem wartenden Gorilla.

Gunther schaut dem davoneilenden Anwalt noch so lange irritiert hinterher, bis dieser in seinen Phaeton gestiegen und davongebraust ist. Nachdenklich schließt er die Tür, was das elektronische Schloss mit drei kurzen Signalen und einem lauten Klacken quittiert, und legt die Kette wieder vor. „Was für ein merkwürdiger Besuch“, murmelt er zu sich selbst. Er wird das Gefühl nicht los, dass hier irgendetwas faul ist – das schicke aber unpassende Auftreten des Typen, der dicke Wagen, das Unterschriftspad, die Hektik und der eilige Abgang zum Schluss …

Dann fällt Gunther der seltsame Umschlag in seiner Hand wieder ein. Er wendet ihn von links nach rechts, nur um festzustellen, dass er tatsächlich weder Adressat noch Absender aufweist, nur einen Firmenstempel der Kanzlei Pájeros & Meyer mit einem handschriftlichen alphanumerischen Code darunter, wahrscheinlich ein Aktenzeichen. Gunther überlegt kurz, ob er sich in das Firmennetzwerk des Anwaltes einhacken und die Akte studieren soll, verwirft diesen Gedanken aber wieder. Er geht zum Küchentisch zurück, reißt den Umschlag auf und kippt den Inhalt vorsichtig auf den Tisch.

Er staunt nicht schlecht, als er das Sammelsurium an Dingen sieht, die nun vor ihm liegen. Als erstes fällt ihm ein in Kunstleder gebundenes Notizbuch ins Auge, dessen Seiten noch aus echtem Papier bestehen! Ein kurzes Durchblättern offenbart eine Menge an Namen und zugehörigen Kommlink-Nummern, die jedoch bis auf etwa zwei Dutzend durchgestrichen wurden. Einige der verbliebenen Namen sind mit kleinen Symbolen versehen, die allerdings nirgendwo in dem Notizbuch erläutert werden. Irritiert legt Gunther das Buch zur Seite und hebt einen kleinen Datenspeicher mit einem Display auf.

Schnell hat er den Speicher aktiviert und prüft den Inhalt: zuerst schiebt sich mehrere Sekunden lang eine Wand aus Hexadezimalcode und Sonderzeichen über den kleinen Bildschirm, wahrscheinlich verschlüsselte oder komprimierte Daten, dann folgt ein unverschlüsselter, alphanumerischen Code und der Name Thomas Gregorius. Gunther schluckt unwillkürlich. Zwar hat er so etwas noch nie zuvor gesehen, er hat aber genug Erfahrung im Hacken der Matrix, um es sofort als das zu erkennen, was es ist: eine gefälschte SIN, die nur darauf wartet, hochgeladen und aktiviert zu werden. Als wäre er von etwas gestochen worden lässt er den Datenspeicher verschreckt auf den Tisch zurückfallen.

„Was noch?“, murmelt er und wirft erneut einen Blick auf die Dinge, die aus dem Umschlag gefallen sind. Neben einem halben Dutzend Ebbies, augenscheinlich die beglaubigte Variante ohne SIN, liegt dort noch ein Schlüsselbund mit insgesamt drei mechanischen und einem elektronischen Schlüssel. Auf einem kleinen Metallschild, das ebenfalls am Schlüsselring befestigt wurde, kann Gunther eine eingravierte Adresse lesen: „Sonnenleite 42, Bochum“, jedoch keinen Namen.

Gunther schüttelt verwirrt den Kopf: „Was zum Henker soll das? Ein Haufen Gegenstände, die eine Menge Fragen aufwerfen, aber keine Erklärung?“, spricht er zu sich selbst. Noch einmal greift er nach dem Umschlag, öffnet ihn und schaut hinein. Tatsächlich hat sich ein papierner Zettel darin verkantet, den Gunther nun herauszieht. Er entfaltet die Notiz und liest:

Hi Chummer! 

Ich kann mich deinen Gesichtsausdruck jetzt gut vorstellen! Is aber egal. Alle Gegenstände vor dich, sind der Schlüssel zu einem neuen Leben, oder auch nich! In Bochum wartet jemand auf dich. Triff ihn annen alten Containerterminal in Langendreer. Er wird dich dann alles weitere erklärn. Sobald du die SIN aktiviert hast, hasse 24 Stunden Zeit, den Kontakt herzustellen. Du hasset selbst inne Hand – Viel Erfolg.

   Dein Onkel Hannes.
 
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