Farewell

GeschichteSchmerz/Trost / P12
Deirdre - Mystischer Ritter der Luft Rohan - Mystischer Ritter des Feuers
14.01.2016
25.01.2016
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17.01.2016 3.177
 
Danach ging alles ganz schnell und er fand sich innerhalb kürzester Zeit im Burghof wieder. Der Wächter der ihn hereingelassen hatte blieb in respektvollem Abstand stehen, schien aber nur darauf zu warten, ihm weiter dienlich sein zu können. Rohan wollte ihn gerade wegschicken, als ein weiterer Mann mit einer Fackel hinzutrat.
„Wer hätte wohl gedacht, dass wir dich hier jemals wiedersehen?“
Er hätte die Stimme selbst nach all den Jahren noch unter tausenden erkannt. Erfreut drehte er sich zu dem Neuankömmling um, der jedoch erst einmal den Torwächter fortschickte.
„Zurück auf deinen Posten.“
„Jawohl, Hauptmann!“ Der Angesprochene salutierte und verschwand ohne ein weiteres Wort.

Einen Augenblick lang musterten sich die beiden Männer abschätzend, dann streckte Rohan seinem Gegenüber die Hand entgegen.
„Es ist lange her, Angus.“
„Das kann man wohl sagen.“
Als er in die dargebotene Hand einschlug, erschien auf dem Gesicht des Hauptmanns das typische Grinsen, an das sich Rohan noch so gut von seinem besten Freund erinnern konnte. Die folgende Umarmung war so voll freundschaftlicher Herzlichkeit, als wären es keine Jahrzehnte, sondern nur Tage oder Stunden, die zwischen ihnen standen. Dieser warme Empfang bedeutete Rohan unglaublich viel. Er war sich nie sicher gewesen, wie man ihn in Kells aufnehmen würde, was er nach all den Jahren noch für sie war. Auf zurückhaltende Freundlichkeit hatte er gehofft, mit Distanziertheit hatte er gerechnet, aber offene Ablehnung hätte ihn tiefer verletzt als es ein Schwert je vermocht hätte.
„Es ist gut dich wieder hier zu haben“, meinte Angus, als sie sich wieder voneinander gelöst hatten.
„Es tut gut wieder hier zu sein“, stimmte er seinem Freund aufrichtig zu. Erst jetzt war ihm bewusst geworden, wie sehr er all dies hier vermisst hatte, die weitläufigen Wiesen und Wälder, die sanften Hügel und steilen Klippen, die kleinen Dörfer und das stattliche Schloss, in dem er so viel Zeit verbracht hatte. Aber es waren seine Freunde, die ihm in all den Jahren am meisten gefehlt hatten. Ivar, der stets mit Ruhe und Bedacht gehandelt hatte, wenn es nicht gerade um seinen Kelch ging. Garrett, dessen Rivalität ihn immer wieder angespornt hatte. Angus, der mit seinem Humor und Optimismus das natürliche Gegengewicht zu seiner eigenen eher grüblerischen Natur gebildet hatte. Und natürlich Deirdre, die Schwert und Harfe gleichermaßen beherrscht und ihnen mit ihrem scharfen Verstand eine Menge Siege gesichert hatte. Deirdre.. Im Geiste hörte er sie wieder nach ihm rufen.

„Wie geht es der Prinzessin?“
Angus warf ihm ob dieser Frage einen seltsamen Blick zu.
„Nun, der Prinzessin“, er betonte das letzte Wort überdeutlich, „geht es den Umständen entsprechend. Sie ist in ihren Gemächern und findet hoffentlich etwas Schlaf. Deirdre hingegen...“ Angus seufzte schwer. „Ich will dir nichts vormachen, Rohan. Es geht ihr schlecht, sehr schlecht. Sie steht an der Schwelle des Todes und es ist nur noch eine Frage der Zeit, bis sie diese übertritt.“
Die Worte jagten Rohan einen Schauer über den Rücken. Es in einer Vision zu sehen war eine Sache, es jetzt mit solcher Gewissheit von jemandem zu hören eine andere.
„Wie lange hat sie noch?“
Über ihren bevorstehenden Tod zu sprechen stimmte ihn tieftraurig, doch er war auch erleichtert darüber, es noch rechtzeitig hierher geschafft zu haben. Er hätte es sich selbst nie verzeihen können, ihr diesen letzten Wunsch nicht erfüllt zu haben.
„Das weiß keiner so genau“, antwortete ihm Angus. „Nicht einmal Cathbad kann sagen, ob es nur noch Stunden oder Tage sind. Er hat nicht einmal damit gerechnet, dass sie überhaupt so lange durchhält...Aber sie hatte ja schon immer ein Talent dafür, ihren Dickschädel durchzusetzen.“

Mittlerweile hatte sich der Hauptmann in Bewegung gesetzt und Rohan folgte ihm durch die Flure und Gänge des Schlosses, die ihm gleichzeitig fremd und vertraut erschienen. Schon als Kind war er hier herumgerannt und hatte die weitläufigen Korridore erkundet, manchmal allein, meistens aber gemeinsam mit seinem besten Freund. Aber das alles war schon so lange her, fast als wäre es aus einem anderen Leben.
Angus blieb vor einer Tür stehen und steckte die Fackel in eine Halterung an der Wand.
„Warte bitte einen Augenblick hier.“
Damit hatte er sich auch schon durch die Tür geschoben und ließ den Neuankömmling allein stehen. Kurze Zeit später kam er jedoch schon wieder heraus, wobei er einen Mann regelrecht vor sich herschob, den Rohan erst auf den zweiten Blick als Garrett erkannte. Im Fackelschein wirkte das Gesicht des Mannes ausgezehrt und um seine Augen lagen tiefe Schatten. Als er vorüber ging, warf der Prinz – König, verbesserte sich Rohan im Stillen – ihm einen seltsamen Blick zu, den er aber beim besten Willen nicht zu deuten vermochte. Der Ritter nickte höflich und sah zu, wie Garrett in einem anderen Korridor verschwand. Sie waren trotz ihrer anfänglichen Abneigung tatsächlich Freunde geworden, zumindest so gut wie zwei Männer es sein konnten, wenn sie die gleiche Frau liebten. Aber von dieser früheren Kameradschaft war beim ehemaligen Mystischen Ritter des Waldes nun nichts mehr zu spüren.

Neben sich hörte er Angus seufzen.
„Wenn das noch lange so weitergeht, befördert er sich direkt mit ins Grab.“
„Wie meinst du das? Ist Garrett etwa auch krank?“, wollte Rohan wissen. Das wäre ihm zwar neu, aber er war ja auch nicht wirklich auf dem Laufenden.
Der ehemalige Dieb schüttelte missmutig den Kopf. „Er macht sich selbst krank. Er isst kaum und schläft noch weniger. Wenn es nach unserem König ginge, würde er ihr nicht einen Herzschlag lang von der Seite weichen. Er liebt sie und ist der Einzige, der sich noch an die Hoffnung klammert, dass sie wieder gesund wird.“
Nun wandte sich der Hauptmann wieder dem eigentlichen Grund ihres Kommens zu. „Wenn du dort hinein gehst“, er deutete mit dem Kopf auf die Tür aus der er eben gekommen war, „solltest du dir selbst nicht zu viele Hoffnungen machen. Die Krankheit hat sie sehr geschwächt und durch das Fieber und die Mittel, die Cathbad ihr gegen die Schmerzen gibt, ist sie nicht immer ganz klar. Es könnte sein, dass sie dich nicht einmal erkennt.“
Rohan bedankte sich mit einem Nicken für die Warnung, wollte aber nicht von seinem Vorhaben ablassen. „Selbst wenn sie mich nicht erkennt, wäre das die ganze Reise wert gewesen. Ich möchte sie wenigstens sehen.“
„Und sie dich“, war alles was sein Freund leise sagte, bevor er sich umdrehte und ging. Allein mit der Fackel blieb Rohan zurück. Als die Schritte seines Freundes verhallt waren, trat er mit klopfendem Herzen durch die Tür.


Der Raum war vergleichsweise klein, wurde aber von einigen Kerzen in ein angenehm mattes Licht getaucht und durch das leicht geöffnete Fenster drang frische Luft herein und verdrängte den typischen Geruch von Krankheit größtenteils.
Wie von selbst wanderte Rohans Blick zu dem Bett in der Mitte des Raumes und der Anblick der sich ihm bot krampfte ihm das Herz zusammen. Schon in seiner Vision hatte sie schwach und abgemagert gewirkt, aber jetzt war es noch schlimmer. Deirdres Gesicht war eingefallen, ihr Haar stumpf und verfilzt und sie schien fast nur noch aus Haut und Knochen zu bestehen. Es fiel Rohan schwer, dieses Bild mit der mutigen und starken Kriegerin, an die er sich erinnerte, in Einklang zu bringen. Auch wenn er zu seiner Schande gestehen musste, dass es ihm in den letzten Jahren immer schwerer gefallen war, sie sich in Erinnerung zu rufen. Als er Kells damals verlassen hatte, war ihm ihr Gesicht vertrauter gewesen als sein eigenes, doch mit den Jahren war es immer vager und verschwommener geworden. Vor etwa zwei Jahren hatte er sogar mit Erschrecken festgestellt, dass er sich nicht mehr an ihr Lachen erinnern konnte.
Mit einem Kopfschütteln holte sich der Ritter wieder in die Gegenwart zurück. Später war sicherlich noch genügend Zeit für so müßige Gedanken. Man konnte noch gut erkennen, wo Garrett noch bis vor kurzem gesessen hatte, also holte sich Rohan einen Stuhl und setzte sich an die andere Seite des Bettes. Er hatte sich auf eine längere Wartezeit eingestellt, doch schon nach wenigen Minuten hörte er sie im Traum seinen Namen flüstern. Im ersten Augenblick war er sich nicht sicher, ob es nicht wieder nur ein Nachhall seiner Vision war, doch als er sah, wie sich ihre Lippen bewegten, ergriff er vorsichtig ihre Hand.
„Ich bin hier, Dei. Ich bin da.“
Er hatte nur sehr leise gesprochen, trotzdem schlug sie sofort die Augen auf und sah ihn an.
„Du warst immer der Einzige, der mich so genannt hat.“ Ihre Stimme war leise und rau, aber das Lächeln auf ihrem Gesicht war wunderschön. Und plötzlich war er wieder zwanzig Jahre jünger und all die verloren geglaubten Erinnerungen stürmten auf ihn ein. Er entsann sich wieder so vieler Kleinigkeiten, dass er nicht glauben konnte, das alles vergessen zu haben. Das wütende Funkeln in ihren Augen wenn sie sich stritten, ihr helles Lachen, die Rastlosigkeit ihrer Hände wenn sie nervös war. Er hätte die Liste noch ewig so weiterführen können, doch ihre Stimme riss ihn aus seinen wiedergewonnenen Erinnerungen.

„Du hast mir gefehlt, Rohan. Du hast mir so gefehlt.“
Sie schluchzte regelrecht und ein paar Tränen liefen ihr bereits die Wangen herunter.
„Du hast mir auch gefehlt.“ Sanft wischte er die salzigen Tropfen fort. „Tränen stehen dir nicht, Dei.“
Das gleiche hatte er ihr schon vor zwanzig Jahren gesagt und ihr nur halb unterdrücktes Lachen zeigte, dass sie sich ebenfalls daran erinnerte.
„Dir aber auch nicht.“
Er hatte nicht einmal gemerkt, dass er ebenfalls weinte. Unbeholfen wischte er sich die Tränen aus dem Gesicht, auch wenn er sich ihrer nicht schämte. Dafür kannten sie sich einfach zu gut.

„Es tut mir leid.“
Ihre Stimme war kaum mehr als ein Flüstern.
„Was meinst du, Dei?“
Ihre Antwort bestand zunächst nur aus einem fürchterlich rasselnden Husten, dessen Klang allein dem Ritter beinahe schon physischen Schmerz bereitete. Er wollte sich gar nicht vorstellen, wie schlimm es für sie sein musste.
„Du … solltest mich … so nicht … sehen.“ Die Königin wurde immer wieder von kurzen Hustenanfällen unterbrochen, schien aber entschlossen, sich davon nicht aufhalten zu lassen.
„Es war … egoistisch … dich … hierher … zu rufen. Aber … ich wollte … dich noch einmal … sehen. Ich muss … mich … doch noch … bei dir … entschuldigen. Verzeih mir ...für damals...“

Damals... Er wusste sofort wovon sie sprach. Hatte es ihr tatsächlich all die Jahre so schwer auf der Seele gelegen, dass sie noch immer seine Vergebung brauchte, um ihren Frieden zu finden? Sie hatte damals die einzig richtige Entscheidung getroffen, das war ihm heute noch klarer als schon vor zwanzig Jahren.
„Es gibt nichts zu verzeihen, Deirdre. Du hast damals richtig gehandelt, ich hätte an deiner Stelle vermutlich das Gleiche getan. Wenn hier jemand um Verzeihung bitten muss, dann bin ich das. Ich habe dich einfach verlassen und dir die Bürde hier in Kells allein überlassen.“
Von seinem jetztigen Standpunkt aus betrachtet erschien ihm seine damalige Abreise mehr wie eine Flucht als ihm lieb war.
„Es gibt nichts … zu verzeihen, Rohan. Vielleicht … war es ... das Beste so...“

Es erleichterte ihn ungemein, dass sie ihm keine Vorwürfe machte. Nicht dass er das erwartet hätte, aber vor allem was sich selbst anging, war er schon immer sein größter Zweifler gewesen. Vor allem in den ersten Jahren seines selbst auferlegten Exils hatte er sich oft gefragt, wie sein Leben wohl verlaufen wäre, wenn er trotz allem in Kells geblieben wäre. Irgendwann hatte er diese müßigen Fantasien jedoch aufgegeben und eingesehen, dass er und Deirdre wohl einfach nicht für einander bestimmt waren. Das hatte ihm schließlich die Kraft gegeben, nach vorne zu sehen, anstatt mit etwas zu hadern, das er ohnehin nicht würde ändern können.

„Bist du … glücklich geworden?“
Der Ritter lächelte. Immer noch musste sie allen Dingen auf den Grund gehen und Gewissheit erlangen, in dieser Beziehung schien sie sich kein bisschen verändert zu haben.
„Ja, das bin ich.“
Er konnte ohne Verbitterung auf seine Vergangenheit zurückblicken und war stolz auf das, was aus ihm geworden war. Vielleicht nicht auf jede einzelne Entscheidung, die er in seinem Leben hatte treffen müssen, aber das bisherige Endergebnis war für ihn mehr als zufriedenstellend.

Die Königin schien noch mehr sagen zu wollen, brach aber nur in den bisher schlimmsten Hustenanfall aus. Alarmiert bemerkte Rohan, dass das Tuch, das sie sich dabei vors Gesicht hielt, schon erschreckend viele dunkle Flecken aufwies. Das viele Sprechen schien ihr überhaupt nicht gut zu tun und er sollte wohl schnellstens eine Möglichkeit finden, ihr möglichst diplomatisch den Mund zu verbieten.
„Bitte, erzähl ...“
Weiter kam sie nicht, aber er hatte auch so verstanden. Nachdem ihr neuerlicher Hustenanfall vorüber war, reichte er der Kranken einen Kelch von einem nahen Beistelltisch, aus dem sie gierig trank. Danach schien es ihr ein wenig besser zu gehen, zumindest hörte dieses furchtbare Husten auf. Als Deirdre anschließend wieder zu sprechen ansetzte, wahrscheinlich um ihre Bitte zu wiederholen, legte ihr der Ritter einen Finger auf die Lippen und brachte sie so zum Schweigen. Er schüttelte den Kopf und sah sie abwartend an. Die Königin brachte ein schwaches Nicken zustande und besiegelte so ihre stille Übereinkunft. Er würde erzählen, während sie schwieg und ihre schwindenden Kräfte schonte. Rohan rutschte ein wenig auf seinem Stuhl hin und her, um eine möglichst bequeme Position zu finden. Es würde wohl noch eine lange Nacht werden.

Und so erzählte er ihr von den letzten 23 Jahren seines Lebens. Am Anfang hatte er sich hauptsächlich als Söldner durchgeschlagen, meistens hatte er Händler auf gefährlichen Routen bewacht und beschützt. Ohne ein konkretes Ziel vor Augen, war es ihm relativ leicht gefallen, einfach dahin zu gehen, wo ihn sein nächster Auftrag hinführte – so lange es nicht Kells oder Reged war. Er hatte einige kleine Abenteuer erlebt, natürlich nichts im Vergleich zu ihren gemeinsamen Erlebnissen auf dieser Insel, aber immerhin etwas, das sich zu erzählen lohnte.
Wäre es der Königin besser gegangen, hätte sie vielleicht gemerkt, dass er seine dunkelsten Gedanken für sich behielt und das Gute bisweilen stärker hervorhob als angemessen gewesen wäre. Doch sie schien mit seiner Erzählung zufrieden zu sein, auch wenn er manchmal das Gefühl hatte, dass sie immer mal wieder kurz einnickte. Aber da er nicht sicher wusste, ob sie tatsächlich schlief oder sich einfach nur ausruhte, sprach er unbeirrt weiter.

Zweimal war er kurz davor gewesen, nach Kells zurückzukehren. Beim ersten Mal, nach etwa fünf Jahren Reise, war ihm schlichtweg das Gold ausgegangen, bevor er auf seiner Heimatinsel angekommen war. Als er dann schließlich genug Münzen zusammengespart hatte um seine Heimreise fortzusetzen, hatte ihn das drängende Heimweh längst wieder verlassen und er begleitete stattdessen den Abgesandten einer Händlergilde, der sich auf dem Weg nach Breaca befand.
Sieben Jahre später zog es ihn erneut in seine Heimat zurück, er war es einfach leid, immer nur zu reisen und nirgendwo wirklich hinzugehören. Doch wieder durchkreuzte das Schicksal seine Pläne, diesmal in Gestalt eines achtjährigen Jungen. Banditen hatte dem kleinen Sean und seiner Eskorte aufgelauert und machten sie gerade nieder, als Rohan zufällig am Ort des Geschehens vorbeikam. Er erlitt ein paar kleinere Verletzungen, als er den Jungen verteidigte, konnte die Banditen jedoch zurückschlagen. Da niemand von der Eskorte des Kleinen übrig geblieben war, sah der Ritter es als seine persönliche Pflicht an, den Jungen sicher nach Hause zu bringen. Dort angekommen stellte sich Sean als Kronprinz von Crunaan heraus, dessen Eltern natürlich überglücklich waren, dass ihr ältester Sohn dem wohl als Überfall getarnten Anschlag entgangen war. Das Königspaar beugte sich sogar dem Wunsch seines Sohnes, der seinen neuen Helden unbedingt in seiner Nähe haben wollte. So wurde Rohan zunächst zum Beschützer und später auch zum Mentor und Vertrauten des jungen Prinzen. Ohne es zu wollen hatte er einen Ort gefunden, der wieder eine echte Heimat für ihn wurde.

Natürlich hatte er auch Amelia in Crunaan getroffen.
Zunächst fühlte er sich etwas unwohl dabei, ausgerechnet Deirdre von seiner Frau zu erzählen. Die Königin schien sich jedoch ehrlich für ihn zu freuen, was all seine Bedenken zerstreute. Wenn er so darüber nachdachte, wären die beiden Frauen wahrscheinlich sogar gute Freundinnen geworden, auch wenn seine Frau ein paar Jahre jünger war. Aber er kannte auch wirklich niemanden, der Amelia nicht mochte. Ihre fröhliche und ungezwungene Art gepaart mit der ihr eigenen Unschuld und Liebenswürdigkeit ließen ihr einfach alle Herzen zufliegen. Bei ihm hatte es zwar etwas länger gedauert und genaugenommen hatte sie um ihn geworben und nicht andersherum, aber sie war definitiv das Beste, was ihm seit seiner Abreise aus Kells passiert war. Die Geburt ihres Sohnes Gavin vor mittlerweile sieben Jahren hatte ihr gemeinsames Glück perfekt gemacht. Der Junge hielt ihn in seiner freien Zeit zwar meist ziemlich auf trab, schließlich wollte er einmal ein ebenso toller Ritter sein wie sein Vater, aber Rohan würde ihn für nichts in der Welt missen wollen.

Die ersten Strahlen der aufgehenden Sonne fielen bereits in den Raum, als Rohan seine Geschichte beendete. Die meisten Kerzen waren schon vor einer Weile heruntergebrannt und die eingetretene Stille schien das Zimmer komplett auszufüllen. Doch die beiden Menschen hatten nichts daran auszusetzen. Alles Nötige war gesagt worden und jedes weitere Wort wäre einfach nur überflüssig. An dem Verständnis, das sie während ihrer Zeit als Mystische Ritter für einander entwickelt hatten, hatte sich auch nach all den Jahren nichts geändert. Dieser Gedanke stimmte Rohan gleichzeitig froh und traurig.

Ein Klopfen durchbrach die Stille und nur einen Herzschlag später wurde die Tür geöffnet und ein Mann, den Rohan auf Mitte dreißig schätzte, betrat den Raum. Er trug eine Robe ähnlich der von Cathbad und runzelte beim Anblick des Ritters überrascht die Stirn. Doch das nahm Rohan gar nicht mehr wahr, denn hinter dem jungen Druiden betrat ein wesentlich älterer Mann den Raum, wobei er sich schwer auf einen vielleicht zwölfjährigen Knaben mit rabenschwarzem Haar stützte.
„Meine Königin, es ist Zeit für Eure Medizin.“
Rohan konnte es nicht glauben. „Cathbad...“, entfuhr es ihm ungewollt.

Der Kopf des Druiden ruckte so schnell nach oben, als hätte er einen Schlag bekommen.
„Rohan? Bist du das, mein Junge?“, fragte er mit zittriger Stimme.
Der Ritter zählte nun schon mehr als vierzig Sommer und hatte bereits selbst einen Sohn, daher war sein alter Meister wohl der einzige Mensch, der ihn noch so ansprechen würde und von dem er sich diese Anrede gefallen ließ.
Aber der Anblick seines ehemaligen Mentors erschütterte Rohan. Cathbad war schon immer alt gewesen, schon als er selbst noch ein kleiner Junge gewesen war, aber nun wirkte er wirklich uralt. Seine Haut schien nur noch aus Falten zu bestehen und das nun schlohweiße Haar war längst nicht mehr so üppig wie früher. Das Schlimmst jedoch waren seine Augen. Hatten sie früher alles von Freude über Weisheit und Wut ausdrücken können, so waren sie jetzt milchig weiß und leer. Der alte Mann war blind.

Doch ihm blieb nicht lange Zeit, um diese neuen Eindrücke zu verdauen, denn nun ergriff Deirdre wieder seine Hand und er wandte seine ganze Aufmerksamkeit ihr zu.
„Leb wohl, mein Freund. Möge Dagda mit dir sein.“ Ihre Augen sagten noch viel mehr, doch das blieb allein zwischen ihnen beiden.
„Majestät, Ihr sollt doch nicht so viel sprechen“, wandte der junge Druide halbherzig ein, wurde jedoch von allen ignoriert.
Sanft drückte Rohan die Hand der Königin und beugte sich vor, um ihr einen Kuss auf die fiebrige Stirn zu hauchen. „Mögen die Götter über dich wachen.“
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