Juwel der Wüste

von Kay- kay
GeschichteRomanze, Freundschaft / P18
13.01.2016
24.04.2016
52
112368
25
Alle Kapitel
78 Reviews
Dieses Kapitel
2 Reviews
 
 Datenschutzinfo
 
Es war mitten in der Nacht, als Prinz Alim durch die Gänge des Palastes wanderte. Er achtete genau darauf, dass niemand ihn zu sehen bekam. Weder die Diener, noch die Wachen! Letzteres schon gar nicht! Wenn man ihn hier draußen, alleine im Dunkeln, schleichend auffinden würde, wäre das gefundenes Fressen für seinen alten Herren. Er durfte dem Sultan keinen Grund liefern, seinem Sohn eine Lektion erteilen zu müssen. Immerhin gehört es sich nicht. Wer kam schon auf die dumme Idee, nachts, alleine im dunklen durch den Palast zu wandern? Abgesehen von irgendwelchen zwielichtigen Gestalten, die keine guten Absichten im Sinn hatten?

Alim blieb an der Treppe stehen und blickte hinab. Bisher war er niemanden begegnet. Erleichtert ging er die Treppe herunter und verharrte, als das Licht einer Öllampe in der unteren Halle erschien. Ganz langsam ging Alim in die Knie und betete, dass die Wachen nicht zu genau hinsahen. Doch die zwei Soldaten kamen glücklicherweise von der anderen Richtung, sodass Alim in ihrem Rücken war. Sie würden sich sicherlich nicht umdrehen, sondern entweder nach rechts, oder links in die Gänge verschwinden. Erleichtert atmete Alim aus, als die Wachen tatsächlich nach links gingen und in dem Gang verschwanden. Noch einige Herzschläge wartete der Prinz, dann richtete er sich ganz langsam wieder auf. In diesem Moment legte sich etwas auf seine Schulter und Alim wäre fast ein Schrei über die Lippen gekommen, würde sich nicht etwas über seinen Mund legen. Das Herz des Prinzen raste, er versuchte sich zu befreien, doch er war zu schwach. Würde er jetzt sterben?
„Schhht Alim!“

Der Prinz verharrte, als er die vertraute Stimme hörte und in diesem Moment kamen erneut zwei Wachen um die Ecke, jedoch ohne Öllampe. Sie gingen durch das Dunkel, ihre Augen hatten sich an die Dunkelheit gewöhnt und sie gaben kein Geräusch von sich. Alim wusste gar nicht, dass auch Wachen ohne Licht patrollierten. Der Prinz spürte, wie sich die Hand auf seinem Mund löste und er losgelassen wurde. Die beiden Soldaten hatten sie nicht bemerkt und waren einfach weiter gegangen. Erleichtert atmete Alim aus und wandte sich nach seinem Freund um. Dankend legte er ihm die Hände auf die Schultern und sah im Dunklen den Blonden Krieger an: „Ich danke dir, mein Freund!“
„Was tust du hier?“
Alim zuckte unter der strengen Stimme seines Kindheitsfreundes zurück: „Ich will in den Basar gehen, zur Morgenstunde. Wenn nicht viel los ist und es keine Gefahr besteht, dass mich jemand erkennt, außer vielleicht die Händler selbst. Mein Vater lässt mich nicht ohne eine Hand voll Wachen durch die Stadt gehen. Ich kann mich nicht in Ruhe unterhalten, ohne dass meine Wachhunde diese Person nicht vorher ausführlich befragen!“

„Du weißt schon, dass du der Prinz der Wüste bist, oder?“ Er klang ungläubig.
Alim seufzte: „Said, hör zu. Du hast ja keine Vorstellung davon, wie das ist! Wenn dir immer Soldaten folgen, bei jedem Schritt den du gehst! Meinem Vater reicht es noch nicht einmal, wenn ich nur dich mitnehmen würde. Zu riskant, sagt er. Ich sage dir, er ist alt und spinnt. Ich will nur diesen einen Morgen, Said. Bitte lass mich gehen!“
Der Blonde seufzte und stemmte die Hände in die Hüften.“
„Komm schon, Said! Ich flehe dich an, hilf mir! Ich bin auch so schnell es geht, wieder zurück“, jammerte Alim und faltete die Hände ineinander.
Said gab einen Seufzer von sich: „Einverstanden. Der Basar öffnet bei Sonnenaufgang. Du hast zwei Stunden Zeit. Soviel Zeit kann ich dir verschaffen. Zum Frühstück musst du wieder hier sein und keine Minute später, hast du mich verstanden?“

Alim grinste und gab seinem Freund einen Kuss auf die Stirn: „Hab tausend Dank, mein Freund! Ich werde zum Frühstück wieder da sein, das schwöre ich dir! Hab Dank, dass du mich aus diesem Käfig entfliehen lässt!“
Said nickte und machte eine Handbewegung. Der Prinz wandte sich auf dem Absatz um und verschwand aus dem Palast. Said blieb noch lange auf der Treppe stehen, kurz überlegte er, ob er seinem Herren folgen sollte. Er entschied sich dagegen. Alim musste alleine auf sich aufpassen, während er versuchte, den jungen Prinzen zu decken. Noch wusste Said nicht genau, wie er das anstellen sollte, aber ihm würde schon das eine, oder andere einfallen.

***

Alim hatte das Palasttor erreicht und huschte schnell und unbemerkt hindurch. Sein Vater verließ sich zu sehr auf die vielen Wachen im Palast und auf die hohen Mauern. Das Tor selbst war nie abgeschlossen und die Hunde, die im Garten herum liefen, reagierten nicht auf ihn. Sie kannten den Prinzen und wunderten sich nicht über den Nächtlichen Ausflug des Prinzen. Alim selbst war schon oft in der Nacht verschwunden, während Said ihn deckte. Allerdings war er noch im dunklen wieder zurück gekommen. Alim hatte noch keine Ahnung, wie er das bei Tageslicht schaffen sollte, aber Said würde schon etwas einfallen. Es wunderte ihn, dass Said nichts dazu gesagt hatte, dass er den Basar aufsuchen wollte. Sonst verdrückte sich Alim nur, wenn er eine der Damen in einem gewissen Haus aufsuchen wollte. Sein Vater, der Sultan erlaubt ihm nichts mehr. Ismail war sehr misstrauisch geworden, seitdem seine Frau auf seltsame Weise gestorben war. Die Krankheit hatte sie dahingerafft und niemand musste, was es gewesen war. Seit diesem Tag ließ er Alim nicht mehr ohne Aufsicht, nicht einmal in die Quellen durfte er ohne Begleitung. Meistens war Said dabei, jedoch konnte er nicht immer von dem Freund verlangen, wie ein Welpe hinter ihm her zu laufen… Sultan Ismail sah das leider anders und Said akzeptierte seine Aufgabe. Doch brauchte Alim ab und zu mal Abstand zu Said, dasselbe galt für seinen treuen Freund. Nachher dachte das Volk noch etwas falsches… kaum auszudenken, was das für Folgen haben würde.

Alim huschte die Straßen entlang, vorbei an dem Gebäude, das unter dem Namen ‚Schwalbe‘ bekannt war. Dort gab es genügend Frauen, die gewisse Dienste erfüllten. Eine von ihnen war Roya. Zarte Zweiundzwanzig war sie jung und Alim war ihr ein wenig verfallen. Sie war so unschuldig und schüchtern, sie hatte keine Hintergedanken und sich in den Prinzen verliebt. Alim lehnte sich gegen die Hauswand und beobachtete für einen Moment das Gebäude. Said hatte ihm einmal erzählt, dass sie versucht hatte zu fliehen. Kurz vor dem Palast hatte man sie eingefangen und zurück gebracht. Wäre Said nicht gewesen, hätte die Hausherrin die junge Frau fast totgeprügelt. Roya verdankte Said ihr Leben und wusste nicht einmal etwas davon. Als Alim das gehört hatte, war er zu ihr gegangen und hatte ihr versprochen, sie an den Hof seines Vaters zu holen, ohne darüber nachzudenken. Tief seufzte Alim und machte sich wieder auf den Weg, bald würde die Sonne aufgehen und er hatte nicht viel Zeit. Er musste Rechtzeitig zurück sein, allzu lange konnte Said ihn nicht decken. Es war Riskant, das wussten sie Beide.

Schließlich war es soweit, die Sonne ging auf. Alim hob den Kopf und strich seinen Kaftan glatt. Er hatte auf die Robe des Herrschers verzichtet, stattdessen sah er aus wie ein wohlhabender Sohn eines Kaufmannes, oder ähnlichem. Die Händler würden ihn erkennen, aber nichts sagen, um ihren Herren zu schützen. Der Bäcker kannte ihn nur zu gut. Wenn Alim bei Roya gewesen war, ging er danach immer zu ihm, um etwas Brot zu kaufen. Der Mann hatte ihm Stillschweigen zugesichert und Alim bezahlte ihm manchmal etwas extra, damit er Roya ein Brot mehr zusteckte- heimlich natürlich. Oder einen Brief, den er für sie geschrieben hatte. Said hielt nicht viel von dieser Liebschaft, allgemein war sein Freund was Frauen anging eher abweisend. Alim grinste, er hatte Said einmal mit in die ‚Schwalbe‘ genommen. Während er mit Roya verschwand, blieb Said an der Theke und trank Tee. Er hatte die ganze Zeit gewertet und sämtliche Aufforderungen der Damen ignoriert. Wie ein Stein, hatte die Hausherrin gesagt. Allerdings wusste Said, dass er kein wirklicher Gewinn gewesen war und hatte das Doppelte bezahlt, was er hätte für den Tee bezahlen müssen. Ein kleiner Trost, der jedoch von der Hausherrin angenommen wurde. Es blieb ihr auch nichts anderes übrig, denn Alim bezahlte ihr viel Geld dafür, dass Roya kaum Kontakt zu anderen Männern hatte. Auch eine Sache bei der Said eher tobte, als es zu billigen.

Die ersten Geschäfte wurden geöffnet und Alim ließ sich Zeit. Er betrachtete die wunderbaren Waren und freute sich über den Platz, den er noch hatte. Kein Gedrängel, kaum Menschen auf den Straßen. Obwohl es die perfekte Tageszeit für den Basar war, war das Volk einfach zu faul. Niemand erwachte aus dem Schlaf, zog sich an, um dann auf den Basar zu gehen. Es wurde erst gefrühstückt, dann wurde sich gewaschen und angezogen und dann machten sich die ersten auf den Weg. Das wusste Alim von den Händlern, die ersten Kunden kamen erst nach einer Stunde. Wichtige Kunden, die, die Geld hatten kamen manchmal erst nach drei Stunden. Die wertvollen Waren brauchten die Händler kaum zu verstecken, da sich die meisten Menschen dies so oder so nicht leisten konnten. Und Stehlen wagte es auch niemand mehr direkt, sein Vater hatte hart durchgegriffen.  Früher wurde einem die Hand abgeschlagen, wenn man gestohlen hatte. Heute wurde man eingesperrt und hingerichtet… irgendwann, wenn dem Sultan danach war. Und das ganze Öffentlich, damit jeder das sehen konnte. Jung und Alt. Alim gefiel die Herrschaft seines Vaters in den letzten Jahren nicht, doch konnte er sagen, was er wollte, der Alte hörte nicht auf seinen Sohn. Sogar Kommandant Kadir kam nicht an seinen Freund heran. Said hatte es auch einmal probiert und Schläge dafür kassiert. Das war das erste Mal, dass Alim gesehen hatte, wie sein Vater Handgreiflich wurde. Ihm tat es heute noch Leid, dass er Said darum gebeten hatte. Er war Schuld, dass Said von seinem Herrscher nicht nur beleidigt wurde, sondern auch gedemütigt und geschlagen.

„Herr, ihr seid spät!“
Die Stimme riss Alim aus seinen Gedanken. Er wandte den Kopf und sah den Bäcker überrascht an, der eine Tüte mit Waren wohl grade zu der ‚Schwalbe‘ bringen wollte. Alim hob die Hand und sagte leise: „Nein, ich war nicht dort. Ich möchte in Ruhe über den Basar gehen, ohne Wachhunde. Ihr habt mich nicht gesehen, mein Freund!“ Alim legte ihm eine Hand auf die Schulter und steckte ihm ein Silberstück zu. Der Bäcker nickte dankend und machte sich wieder auf den Weg. Alim straffte die Schultern und rieb sich die Hände. Er hatte fest vor einiges zu kaufen. Wo sollte er beginnen?
Review schreiben