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Das Journal

GeschichteSchmerz/Trost / P12 / MaleSlash
Dr. John Watson Sherlock Holmes
12.01.2016
12.01.2016
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Diesen OS widme ich Noemina ~
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***



Das Apartement war entsetzlich groß. Pi mal über den Daumen gebracht in etwa so groß, wie das Arschloch eines Elefanten auf eine Ameise wirken musste.

Sherlock nahm einen Niagarafall tiefen Zug von seiner Pfeife und bließ den Rauch in trägen Schwaden durch die Nasenlöcher aus. Eine Phiole flüssigen Kokains thronte vor ihm auf den Tisch, der gewöhnlich Tee-Service und Zucker auf seiner Platte bevorzugte. Sie war ungeöffnet. Er schielte seit einer halben Stunde dann und wann zu ihr hin und fragte sich, ob er sich das Zeug nun spritzen sollte oder nicht. In seinem Verstehen hätte es für eine Tat dieser Artung keinen besseren Vorsatz gegeben als jenen, der heute sein grausiges Medusenhaupt erheben und ihm schmatzend ins Gesicht rülpsen würde – bildlich gesprochen natürlich. Noch hatte er nicht zu viel von dem Whiskey vertilgt, der in einem Geheimfach seines Schreibpultes selig (und fast leer) gluckerte, um derlei Monstrositäten in Gestalt und Farbe vor sich zu sehen und das Bedürfnis zu verspüren, sie mit dem Bogen seiner Violine zu erschlagen. Nicht jetzt zumindest... das würde eventuell später der Fall sein, wenn er sein Gesicht auf dem Boden der Flasche spiegeln konnte. Wenn er niemanden mehr erwartete, der ihm beim Besäufnis stören könnte.

Aber jetzt war nicht der Zeitpunkt dazu, denn Watson würde bald eintreffen um auch die letzte Habe einzusammeln, die hier noch irgendwo in diesem schmuddlig chaotischen Raum lag und sich langsam aber sicher auf dem darunter liegenden Staub zu Grabe trug. Sherlocks brauner Blick fiel auf die Standuhr, deren beständiges Ticken die Stille füllte wie die außer Rand und Band geratene Pauke in einem totenstillen Opernsaal mit Schallabdichtung. Tick Tack, Tick Tack. Es war grausig. Mehr als einmal hatte Sherlock mit dem Gedanken jongliert, seine Pistole zu nehmen und das Ziffernblatt als Dartbrett, und die Kugeln als die zugehörigen Dartpfeile zu missbrauchen, hatte es dann doch bleiben lassen, denn wie sonst sollte er wissen, wann Watson seinen glorreich dämlichen Auftritt hinlegen würde? Gewiss, seine Taschenuhr war intakt und ebenso verlässlich, aber sie erstickte irgendwo in der Brusttasche einer seiner Mäntel, und er befand sich nicht in der Lage noch in der Laune, seinen Hintern zu heben und zum Kleiderständer zu bugsieren, um danach zu wühlen.
Er fixierte die Tür als würde die Hölle durch sie eintreten sobald er nicht aufpasste, und in gewisser Weise war dem so.
Er gab zu, er war nicht vorbereitet auf das, was kommen würde. Er hatte es längst gewusst, Watson hatte es ihm sogar auf dem Kalender eingetragen mit Rot, weil Watson wusste, dass Sherlock die Farbe Rot verabscheute, aus welchem Grund auch immer. Wie mit Blut verkrustet und umrundet prangte der 25te Oktober zwischen Mittwoch und Freitag, und drängte sich hinaus wie eine Hure, die sich an einem kalten Abend ein paar Münzen mehr verdienen wollte. Sherlock fand es grotesk. Nicht das mit der Hure, sondern die Vehemenz, mit der Watson ihm das Ereignis hatte nahebringen wollen. Dass es bereits geplant war. Dass er nicht davon abrücken würde. Dass es kein Zurück mehr gab und Sherlock sich endlich darauf einstellen sollte.

Sherlock hatte sich darauf eingestellt, jedoch auf seine Weise, und wie viele Marotten, die er zu hegen pflegte wie Mrs. Meyers ihre beiden sprechenden Papageien auf der gegenüberliegenden Seite der Straße, war auch diese für die Allgemeinheit fraglicher Natur, und nicht unbedingt auf in Zukunft gerichtete Prozesse bedacht. An die Zukunft dachte Sherlock gewöhnlich nur bei seinen Fällen, darüber, wann der Mörder zu fassen wäre und was ihn verraten könnte, weitete er die Anzahl seiner Opfer zu einer fleischgewordenen Serie aus, oder welchen Gewohnheiten er letztendlich erlag, oder – grenzte man es auf den Privatbereich ein – welche Experimente als nächstes in Angriff zu nehmen seien. Sonst lebte Sherlock bevorzugt die Gegenwart und kümmerte sich weder um Vorangegangenes noch Ungeschehenes. Die Gegenwart war ihm genug, verwirrt und heiser, wie sie ihn in diesem Moment beließ. Er hasste das. Hasste diese Situation.
(Manchmal, da hasste er sich selbst und vergaß es... nur, um sich nachts daran zu erinnern und eine zu rauchen).

Eine feuchtraue Zunge leckte über seinen Handrücken. Sherlock wandte den Kopf. Gladstone sah ihn aus seinen großen, dumpfnäsig treuen Augen an. Sorgenvoll, wie es schien, aber das war wahrscheinlich Einbildung. Der kleine Hund hatte sich auf die Hinterbeine gestellt, um sich mit den Vorderpfoten auf der Sessellehne abzustützen. Sein kaum vorhandener Ansatz von Schwanz zappelte im Takt seines Hechelns und des Tempos, wie kleine Tropfen Sabber auf den Stoffbezug fielen und sich klebend einnisteten. Sherlock wechselte die Pfeife in den Griff der linken Hand und kraulte den plumpen Kopf des Tieres mit der rechten.
„Nur noch wir beide Gladstone, alter Junge.“ sagte er in das Schweigen fehlender menschlicher Gesellschaft. Gladstone winselte leise. Sherlock kratzte ihn hinter den Ohren.
„Hey, nimm es nicht so schwer. Du hast den klügeren von beiden erwischt.“ Die Worte wogen schal in seinem Mund, wie Eisenglieder. Er war kein Liebhaber selbstbemitleidender Ironie, nie gewesen. Heute aber war der Tag der Ausnahmen, den es war der einzige Tag, der je so werden würde wie dieser. Die Uhr tickte weiter. Viertel nach zwei. Watson sagte, er käme um Punkt zwei. Er war ein sehr pünktlicher Mensch, wenn ihn nichts aufhielt. Wieder eine Ausnahme. Wie viele es gab. Wie viele.
Um halb vier Uhr am Nachmittag drehte sich die Klinke der Tür in ihrem ihr angedachten Winkel und das Echo von Schuhen auf Holz kreuzte Sherlocks Gehör. Er öffnete sacht ein Auge, betrachtete das cognacbraune Stiefelwerk mit den beigen Schnüren. Doppelknoten an beiden Füßen, in die Innenseite des Futters gesteckt, dass sie nicht nirgendwo verhedderten oder sonst bei einer Flucht, bei Angriff hinderlich waren. Die erzwungenen Manieren eines Soldaten. Die Asche in Holmes Pfeife war kalt.

„Was ist passiert?“ fragte er, ohne den Blick von den Stiefeln zu nehmen. Ihr Träger kam ihm näher, die Tür fiel höflichst zu. Sie war nicht abgeschlossen gewesen. Wozu auch? Sherlock hatte nichts zu verbergen außer sich selbst.
„Ein Krawall auf der Straße. Die Pferde vor der Kutsche bockten und ich musste warten, bis der Fahrer sie beruhigt hatte. Es war ein heilloses Durcheinander.“ Hände in Handschuhen, die einen Hut vom Haupt nahmen, in der Mitte zu einer Schneise gedrückt. Praktisch, nicht modisch. Die Handschuhe dünn wie Papier und offen am Handrücken und den steril gesäuberten Fingerspitzen. Sie durften die Bewegungsfreiheit nicht einschränken. Wiederum praktisch, kein Accessoire. Sherlock filterte die Reserviertheit in Watsons Stimme. Die untergelegene Angst, man sagt zu viel. Wie die Hände Staub von der Krempe klopfen. So unwirsch. Inkorrekt für einen Veteran. Doch warum kleinlich sein? Der Krieg war lange vorbei, bis der neue kam.
„Natürlich.“ sagte Sherlock. Er legte die Pfeife auf dem Tisch ab und faltete die Hände auf dem Bauch, sank tiefer in das Polster, die Ballen seiner nackten Füße über den Teppich schrammend. „Schließlich ist ihr Bein wieder schlimmer geworden.“
Die Zunge ist geformt wie der Lauf eines Revolvers, wenn man es recht bedenkt. Manche der Kugeln, die sie abschießt, können tödlich sein.
Für Watson war es ein Streifschuss, eine Fleischwunde, das konnte Sherlock durch die prompte Ruhe seiner Glieder und seines unverändert gleichmäßigen Atems deduzieren.
„Ich bin gefallen. Marys Haus hat zwei Stockwerke, im höheren baue ich meine Praxis. Treppen sind tückisch.“
„Sie armer.“ erwiderte Sherlock gedehnt. „Die Treppe zu unserem – pardon, meinem Apartement war stets milde zu Ihnen.“
„Sie war das einzig Milde hier.“ Es polterte, es fluchte, es kläffte. Das schlimme Bein und der Hund. Gladstone wetzte seine Krallen an der geliebten Hose und bettelte um Streicheleinheiten.
Endlich beschloss Sherlock seine Augen ganz nach oben zu richten. Er fand sich im ebenen Profil wieder, das er seit Jahren kannte. Es hatte sich nicht verändert. Aber die Gegend darüber... hatte an Halt verloren. Oder war es Einbildung? Er runzelte die Stirn.

„Ach je, hat Paxton Ihnen wieder seinen berüchtigten Bürstenschnitt verpasst? Sieht furchtbar aus.“
Ertappt fuhr der Doktor durch sein kurz geschorenes Haar. Frisch. Gestern noch beim Friseur gewesen.
„Ich weiß. Mary hasst es auch.“
Sherlock hob eine versengte Braue (vom Sulfat ohne Namen am Morgen).
„Streichen Sie das furchtbar. Ich finde es ganz reizend.“
Zum ersten Mal, seitdem er den Raum betreten hatte, lächelte Watson. Ein kleines Lächeln, eher ein blindes Heben der Mundwinkel, aber vorhanden. Reflexe starben schwer.
„Wir wussten dieser Tag würde kommen, Holmes. Oder dachten Sie tatsächlich, wir würden hier gemeinsam alt werden?“
„Oh, hätte ich diesen Plan gehabt, hätten Sie ihn bereits vereitelt. Auf diese Art sind Sie erfolgreicher als all die Schurken, die wir gefasst haben.“
„Die Sie gefasst haben.“
„Wir.“ wiederholte Sherlock eindrücklich. Er hob das Kinn und fasste hinter seinem Rücken in einen Spalt, den er in den Bezug des Sessels geritzt hatte. Ein Bündel lose zusammengebundener Blätter kam zum Vorschein. Auf den untersten gilbte die Tinte bereits zu bröckelndem Indigo. Er wog es auf dem Handteller. „Falls Sie ihr verdammtes Journal suchen, das liegt hier“, sagte Sherlock und beobachtete, wie Watson von Gladstone abließ und seine Aufmerksamkeit ihm zurichtete. Er seufzte.
„Sie sind ein schlechter Verlierer.“ sagte er. Sherlock schnaubte. Nicht er war hier der schlechte Verlierer. Nicht er. Er hatte oft genug erlebt, wie sich Watsons Zorn über eine verlorene Wette in die Höhen (und Tiefen) katapultierte. Kannte seine Schwächen, sein Menschsein. Er war es nicht.

Watson war es.

„Wie wollen Sie es überhaupt fortführen, ohne meine Wenigkeit?“ fragte er nasal. Für einen Moment fühlte er sich als Anwalt im hochtrabenen Gerichtssaal, der einen Zeugen ausnahm wie der Metzger ein Schwein.
„Ich habe gar nicht vor, es fortzuführen.“ antwortete Watson ihm, sein Ton ebenso stoisch wie sein Gesicht. „Ich würde es nur gerne mit mir nehmen. Zur Erinnerung.“
Sherlocks Moment verflog, der Zeuge war zu ehrlich, und das Bündel wog plötzlich zehn Tonnen schwer.
„Erinnerung.“ wiederholte Sherlock wie ein schlecht geölter Telegraph. Er spuckte die Buchstaben wie Kirschkerne. „Erinnerung.“ sagte er noch einmal, „Bin ich nicht Erinnerung genug?“.
Sekunden darauf biss er sich strafend auf das Innenfleisch seiner rechten Wange. Die Frage war unüberlegt. Ein Fehler. Eine Emotion, auf die er nicht geachtet hatte. Und das schlimmste – sie war kein Witz.
„Doch.“ sagte Watson. Er klang nicht streitselig. Er tat einen Schritt auf ihn zu. Dann noch einen. Noch einen. Sherlock drückte sich unweigerlich tiefer in die Haut des Sessels. Leider konnte sie ihn nicht verschlingen, ein Teil von ihm werden, wie es bei einer Camouflage der Fall gewesen wäre. Vielleicht später... er sollte die Idee im Hinterkopf behalten. Es machen wie die Tiere. Taten Menschen das nicht sowieso?
„Sie sind die triste Beständigkeit, die meinem Gehirn fehlt. Was wird aus mir, wenn Sie mir nicht mehr da sind?“ fragte er theatralisch, um Zeit zu schinden. Watson blieb stehen.
„Sie tun ja so, als würde ich Ihnen wegsterben.“ meinte er verwundert. Sherlock hörte das Wischen von Blatt auf Blatt, als er seine Hand leicht in die Schräge neigte.
„In gewisser Weise, tun Sie das.“
Watson starrte ihn an. Sein adrett gestutzter Schnauzer zuckte auf, als schüttle er etwas ab.
„Haben Sie wieder getrunken?“
„Wie kommen Sie darauf?“
„Sie werden immer sentimental, wenn Sie ein paar Gläser intus haben. Außerdem riecht die Luft nach zwei Finger dickem Whiskey“, er schloss die Augen „Kanadisch... der Black Velvet in ihrem Geheimschränkchen?“.
Sherlock schob enttäuscht die Unterlippe vor, legte das Journal in seinen Schoß und verschränkte die Arme vor der Brust. (Irgendwo im romantischen Paris klatschte ein bockiges Kind Beifall).
„Sie sind ein Spielverderber.“ murrte er.
„Sie sollten sich ein besseres Versteck suchen.“ gab Watson trocken zurück.
Das war auch eine Möglichkeit. Aber davon wollte der große Meisterdetektiv nichts hören.
„Und wenn?“ spie er. „Sie waren spät; da habe ich ohne Sie angefangen.“
„Angefangen mit was?“
„Dem Abschiedstrunk.“
„Ich hasse Black Velvet.“
„Was Sie nicht sagen, ist mir ganz entfallen.“ entgegnete Sherlock brüsk. Er dachte an den orangegoldenen Rest, der in seiner nicht mehr so geheimen Schublade einsam und verlassen vor sich hindümpelte. Er zuckte die Achsel und schlug die Beine übereinander. „Bleibt mehr für mich.“ Watson verdrehte die Augen.
„Solange es Sie gl-“ Der Satz blieb ihm im Hals stecken. Sein Blick streifte über den Bereich des Tisches, der von Sherlocks Beinen verdeckt gehalten worden war. „Was zum Teufel ist DAS?“ rief er aus. Sherlock stöhnte.
„Eine Spritze.“ antwortete er lahm, vermied aber seinen Blick zu kreuzen. „Und Sie wollen Arzt sein?“

Watson lachte nicht. Seine Fäuste ballten sich und auf der Stirn erschien eine lange Furche, die sich quer oberhalb der Brauen schnitt. Sherlock war gut unterrichtet im Raten, was diese Furche verursachte. Und obwohl sie meist einen Konflikt bedeutete, mochte er sie.

„Sie wissen genau was ich meine, Sie Mistkerl!“ Schneller, als es sein stockendes Bein eigentlich hätte erlauben sollen, erreichte er den Tisch und griff nach der Phiole. Mit beherztem Schwung warf er sie aus dem Apartement ins Freie. Sie musste eine vortreffliche Flugbahn beschrieben haben, denn Sherlocks Gehör nach zu urteilen verteilte sie drei Herzschläge später ihre Splitter auf dem Bordstein der vor dem Haus befestigten Straße. Falls des Abends beduselte Ratten mit Augen groß wie Pingpongbälle Mrs Hudson im Erdgeschoss aufsuchten, würde er Watson die Schuld geben. Eindeutig.
„Ein teures Vergnügen.“ ließ er verlauten, doch zu seinem eigenen Unglauben war er nicht wütend. Nein, kein bisschen. Watson schien das nicht zu bemerken. Er war in seinem eigenen Tumult gefangen. Und Sherlock konnte es ihm nicht einmal übel nehmen.
„Ich schwöre, wenn ich Sie das nächste Mal erwische, wie Sie auch nur daran denken sich dieses Zeug zu spritzen, prügle ich Sie windelweich!“ drohte Watson während er auch die Spritze von ihrem Platz nahm und in seine Manteltasche stopfte, wohl aus Vorbehalt. Sherlock nahm es nicht wirklich ernst. Oft hatte Watson von allen Menschen den vielleicht größten Grund, seinen (ehemaligen) Mitbewohner nach Strich und Faden in eine Pfütze blubbernden Breis zu verwandeln, und er zeigte keinerlei Reue, eben dies mit ihren Widersachern und Feinden zu tun, wie er es unzählige Male bewiesen hatte. Einen Kinnhaken hatte er Sherlock auch das eine oder andere Mal verpasst, sicher. Aber 'windelweich geprügelt' hatte er ihn nie. Eher diejenigen, die es an seiner Stelle versucht hatten, und das waren nicht wenige.

Ruhig wie das Grab selbst sah er den gedienten Soldaten an, mit seinen Stiefeln und Hosen, seinen Manschettenknöpfen, seinem Bürstenhaar, seinen Eisaugen, seiner straffen Haltung trotz des pochenden Schmerzes, der in seinem Bein pulsierte und biss wie eine Hydra mit fünf Köpfen. Eine verwundete Seele, stark geworden, geformt von den Jahren, die Sherlock nie begleitet, und den Jahren, in denen er es getan hatte. Oder war es andersherum? Natürlich, ja. Watson hatte ihn begleitet. Geformt. Die Wärme seines Körpers in unmittelbarer Nähe, sein Instinkt in Gefahr und Frieden, seine medizinischen Handgriffe bei Blut und Leichen; all das war Sherlock so selbstverständlich geworden wie das Atmen. Es war schwer, nun umdenken zu müssen. Machbar... aber unerwünscht. Entsetzlich. Dabei hatte gerade Sherlock zu Anfang behauptet, er arbeite lieber alleine. Oh, die Ironie. Falls Gott existierte, machte er sich über ihn lustig.
„Wie werden Sie das bewerkstelligen?“ fragte er Watson, denn diese Frage war berechtigt. „Sie leben jetzt am Rande der Stadt. Die Fahrt hin und zurück dauert, und kostet Geld. Geld, das Sie nicht umsonst ausgeben sollten. Außerdem würde es Mary bestimmt nicht gutheißen, ihren Gatten jeden Tag für mehrere Stunden einem anderen enteignen zu müssen.“.
Watson klappte der Mund auf, doch Sherlock entlastete ihm von der Pflicht, zu kontern.
„Regen Sie sich nicht auf, Watson.“ sagte er. Ein seichtes Lächeln, das die Kronen seiner Zähne ins gedimmte Licht des Tages warf, hakte sich in seine Züge. „Ich habe es nicht angerührt. Es wäre sowieso nur eine kleine Impfung gewesen. Zur Feier des Tages.“
„Ach halten Sie den Mund.“ sagte Watson unwirsch und fuhr sich über das Gesicht. Die Erregung hatte seine Wangen sanft gerötet. „Sie machen das absichtlich. Als wäre es nicht schon schwer genug.“.
Sherlock neigte den Schädel.
„Für Sie oder für mich? Wenn Sie es auf sich beziehen, dann-“
„Holmes!“
„Schon gut, schon gut.“ Genannter hob abwehrend die Hände. „Ist es wenigstens ein schönes Haus?“.
Watson zögerte. Misstrauisch. Dann.
„Ja.“
„Einbruchsicher?“
„Noch nicht. Dafür werde ich aber bald sorgen.“
„Gibt es ein Gästezimmer?“
„Ja, aber das werden wir als Wartezimmer umfunktionieren.“
„Schade. Dabei brauche ich nicht viel Platz.“

Sherlock umfasste das (inzwischen in Unordnung gebrachte) Journal mit Daumen und Mittelfingern beider Hände und ordnete gedankenverloren die an den Seiten herausragenden Seiten wieder zu einem Stapel. Er spürte Watsons Augen auf sich ruhen wie hell gefiederte Pfeile. Sie schwiegen. Irgendwo im Hintergrund erfolgte ein dumpfes Plump als Gladstone ohnmächtig der Länge nach den Boden deckte.
„Holmes...“
„Kugelfischgift. Nur ein Tröpfchen. Er wird es überstehen.“ sagte Holmes, ohne aufzusehen.
Er hörte Watson seufzen.
„Ach, Holmes.“ Sherlock reagierte nicht darauf. Auch reagierte er nicht, als sich Schritte entfernten, ein Stuhl über Holz scharrte, und schließlich wenige Millimeter neben ihm zum Stillstand kam. Und ein Körper sich ächzend in dessen Schoß sinken ließ. Das war dubios, auf gewisse Weise. Normalerweise saßen sich Watson und er gegebenüber, nicht nebeneinander wie Knaben, die die Schulbank drückten. Sein Körper jedoch reagierte mit einer Gänsehaut, als eine bekannte Hand seinen Unterarm tätschelte.
„Das ist nicht das Ende der Welt, alter Junge. Wir sind immer noch die, die wir waren. Und ich komme Sie besuchen, so oft ich kann.“ sagte der Doktor warm. Für Sherlock war es das exakte Equivalent eines konkret ausgeführten Schlags in die Fresse. Dennoch rang er sich ein Räuspern ab und beobachtete die Hand, die zwischen Verbände binden und Zähne ausschlagen keinen moralischen Erdspalt gewahr nahm.
„Ehrlich, es wäre viel bequemer, nur ein Stockwerk höher und nicht eine halbe Stadt entfernt von mir zu sein.“
„Nein, Holmes.“
Sherlock rutschte zur Seite, sodass seine Wange an Watsons Schulter lehnte. Watson schien es nicht zu stören. Für eine Weile sahen sie beide geradeaus, in die Leere ihrer eigenen Gedanken.
„Sie sind unausstehlich.“ sagte Watson.
„Das lässt sich ausdiskutieren.“ antwortete Sherlock. Er hatte einen Kloß in der Kehle. Und ein Stechen in der Brust. Watson lachte leise auf.
„Ich passe.“
„Gut.“

Dann waren sie wieder still.

Stärker als je zuvor fiel Sherlock auf, wie ausgehöhlt das Apartement wirkte, seitdem Watson seine Habe fortgeschafft hatte. Die fehlenden Bücher über Humanmedizin und Anthropologie hatten schwarze Fächer im Bücherregal hinterlassen. Die Unordnung war eindrücklicher als sonst, weil Mrs. Hudson es schimpfend aufgegeben hatte, zu putzen und keiner mehr da war, der dieses Chaos mit seinem eigenen austauschte. Die Binarität des Raumes war gegangen. Die Farbe.

Ein Teil von ihm.
„Mary sagte, Sie würde mich gerne ohne Bart sehen. Was denken Sie?“
Holmes schielte ihn ungläubig von unten herauf an.
„Ich denke, das geht entschieden zu weit.“ sagte er todernst.
Es brachte Watson zum Grinsen.
„Schon gut. Ich behalte ihn. Mir ist er mittlerweile auch ans Herz gewachsen.“ Er inspizierte die Standuhr. Es war halb fünf. „Wie wäre es mit einem frühen Dinner bevor ich zurückgehe? Ich lade Sie ein.“
„Vor dem fünf Uhr Tee?“
„Lassen wir ihn heute mal ausfallen.“
„Sie Barbar.“ Dennoch stand Sherlock ohne weiteren Protest auf und ging, betont langsam, zum Kleiderständer, um seinen Mantel zu holen. Watson wartete bereits an der Tür, als er seinen zweiten Schuh gefunden und angezogen hatte. Es ist anzumerken, dass trotz seines großzügigen Alkoholkonsums nur zwei Knöpfe seines Hemdes in den falschen Löchern steckten. Falls Watson es bemerkte, ging er nicht darauf an. Ihn schien eher Gladstone zu interessieren, der sich seit über einer Viertelstunde nicht vom Fleck gerührt, noch mit der Pfote gezuckt hatte. Er kniete ungeduldig neben ihm, als Sherlock gerade seinen Hut aufsetzte.

„Warten Sie.“ sagte er, mit einem Blick auf die Sessel, die eine Couch hätten ergeben können, so lächerlich nah sie aneinander waren. In einem von ihnen befanden sich immer noch die Papiere. „Ihr Journal?“
Watson sah für einen Moment nachdenklich in dieselbe Richtung wie er. Zögerte.
„Ich hole es ein andermal ab.“ entschied er, sich wieder dem Hund zuwendend. „Sind Sie sicher, dass es nur ein Tröpfchen war...?“
Sherlock kratzte sich am Hinterkopf.
„Eventuell sollten wir vor dem Essen doch den Tierarzt aufsuchen. Was meinen Sie?“
„Ich meine, dass wir uns mal ernsthaft über das Sorgerecht dieses armen Kerls unterhalten sollten.“ antwortete Watson, packte jenen armen Kerl am faltigen Schlawittchen und parkte ihn in Sherlocks Armen, bevor er humpelnd vorausging. „Kommen Sie jetzt. Dr. Murell macht um Fünf dicht.“.
Den ganzen Weg bis zum Tierarzt und zum Restaurant und darüber hinaus kam Sherlock nicht umhin sich zu fragen, ob John Hamish Watson wohl jemals das Journal im Apartment in 221B Baker Street mit in das neue Haus mitnehmen würde.

Er hoffte, er würde es niemals tun. Und darum immer einen Grund haben würde, ihn aufzusuchen.
Dass er selbst eben dieser triftige Grund war, schloss er bei dieser Überlegung nicht ein. Nicht bewusst, zumindest.


***


Hallöle :3

Ich bin sehr neu in diesem Fandom und dies ist mein allererster OS über diese beiden Herren^^ Ich hoffe er hat euch gefallen und es ist nicht OOC geworden.

Über Feedback würde ich mich sehr freuen <3

Liebe Grüße,
Nathaira
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