Die Schattenprinzessin

GeschichteDrama, Familie / P18
das Orakel der Merowinger OC (Own Character) Persephone
10.01.2016
08.09.2019
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Anmerkungen:

Hallo liebe Leserinnen und Leser,

zwischen Weihnachten und Neujahr habe ich bestimmt zwei- bis dreimal die "Matrix-Trilogie" geschaut. Wer das kennt, weiß bestimmt, dass diese Story das Hirn sehr, sehr beschäftigt... :-D

Nun, mein Hirn war jedenfalls wieder sehr aktiv, was sich natürlich auf meine Phantasie ausgewirkt hat. Dabei habe ich eine bestimmte Sichtweise auf die Matrix entwickelt und selbstverständlich ist daraus ein neuer Story-Plot entstanden. Hierbei spielen aber nicht Neo und Co. die Hauptrollen, sondern andere Charaktere des Films. Und wundert euch nicht, wenn dabei Namen und Figuren aus der griechischen Mythologie auftauchen. Da, wo es eine Persephone gibt, gibt es auch einen Hades (=Aides) und ein paar andere ihrer Gefährten.

Viel Spaß beim Lesen.

Ein frohes Neujahr wünscht euch
Hermia
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~ Die Schattenprinzessin ~



***

Die am meisten Zwietracht säen sind jene,

die am lautesten nach Frieden schreien!

~ Thomas S. Lutter ~

***


1. Kapitel

Familienzwistigkeiten, insbesondere zwischen Mutter und Tochter, können oft der Auslöser für den völligen Bruch von einst innigen Beziehungen sein; besonders tragisch wird es dann, wenn ein unschuldiges Kind darin verwickelt wird und die Folgen tragen muss.


***


Es waren bereits drei Stunden nach Sonnenuntergang vergangen und ein kühler Wind strich durch den Hain. Doch das schien der älteren, weißhaarigen Frau, die dort auf einer Bank saß, nichts auszumachen. Sie schien auf etwas oder jemanden zu warten, denn sie blickte sich immer wieder in alle Richtungen um und schaute auch des Öfteren zum Himmel hinauf. Als sie endlich etwas dort oben auszumachen glaubte, erhob sie sich und blieb stehen, bis das geflügelte Wesen, das zu ihr herabschwebte, mit beiden Beinen auf dem Boden vor ihr landete.

"Es ist alles nach Plan verlaufen, Demeter", sagte das engelhafte Geschöpf, das in einen dunkelblauen Mantel gekleidet war. "Ich habe das Kind bei mir und es schläft tief und fest."

"Hat dich niemand bemerkt, als du es mit dir forttrugst?", fragte die weißhaarige Frau.

"Nein, gewiss nicht. Ich gaukelte dem Kindermädchen vor, dass die Kleine immer noch in ihrem Bettchen liegt und schläft. Und bis Herr Aides mit der Frau Gemahlin von der Feier heimkehrt, wird es sicherlich noch ein paar Stunden dauern."

"Gut, die Zeit dürfte reichen, um das Baby von hier fortzubringen."

"Aber wohin? Es gibt doch keinen Ort, wo Herr Aides seine Tochter nicht auffinden würde. Besitzt er nicht die Schlüssel zu jedem Platz auf der Welt?"

"Nun, es gibt einen Schlüssel, den er nicht besitzt!", erklärte Demeter lächelnd und öffnete eine Hand, auf der ein kleiner, silberner Schlüssel lag. "Hephaistos schmiedete ihn mir, als ich ihn herausforderte, dass nicht einmal er das Zeitportal zu öffnen vermag. Und heute Nacht ist der Zeitpunkt gekommen, um herauszufinden, ob dieser Schlüssel tatsächlich das Zeitportal aufschließt."

"Ein Zeitportal?", fragte das engelhafte Geschöpf überrascht. "Ich wusste nicht einmal, dass so etwas existiert."

"Ein Zufall führte mich hin... ein Zufall, als ich überall nach meiner Tochter suchte. Ich kam an einen kalten Ort dieser Welt, wo sich ein seltsames Lichtspiel ereignete. [1] Und an einem besonders magnetischen Punkt bemerkte ich ein Flirren. Als ich näher heranging und meine Hand nur einen winzigen Moment lang in die starken Schwingungswellen hielt, die von dem besonderen Magnetpunkt ausgingen, öffnete sich mein inneres Auge und ich sah viele Bilder verschiedener historischer Epochen, die vor uns liegen. Auf dem Boden des Magnetpunktes befindet sich eine Tür mit einem Schloss - und dieser kleine Schlüssel wird es uns ermöglichen, in eine andere Zeit zu fliehen."

Die Augen des engelhaften Geschöpfes weiteten sich.

"Ihr hattet mir nie gesagt, dass wir uns auf ein so riskantes Unternehmen einlassen würden", wandte es ein, alles anderes als begeistert.

"Uns wird nichts anderes übrig bleiben, als so rasch wie möglich von hier zu verschwinden", erklärte Demeter entschlossen. "Mein Schwiegersohn errät gewiss gleich, dass du ihn verraten hast, Seraph. Und ich gedenke nicht länger an einem Ort zu verweilen, wo man mich demütigte."

"Reagiert ihr nicht ein bisschen zu heftig darauf, dass Eure Tochter entgegen Eurem Wunsch die Frau von Herrn Aides wurde?"

"Ich hatte ihr den Umgang mit diesem Kerl verboten, aber Persephone musste ja mit ihm durchbrennen."

"Die beiden scheinen sehr glücklich miteinander zu sein und ihr Kind war überaus erwünscht", widersprach Seraph unsicher. "Der Herr ist ganz vernarrt in seine Tochter."

"Dieses Kind ist ein Geschöpf der Unterwelt", entgegnete Demeter hart. "Und wenn wir sie der Erziehung ihres Vaters überlassen, wird großes Unheil über die Welt kommen. Möchtest du dafür verantwortlich sein?!"

"Nein, natürlich nicht, Herrin, aber von Sophia scheint keinerlei Gefahr auszugehen."

"Ich habe in einer Vision gesehen, wie gefährlich sie werden kann, Seraph! Sie darf auf keinen Fall bei ihren Eltern bleiben!"

"Was habt Ihr mit dem Baby vor, Demeter?"

"Wir müssen es an einen Ort bringen, wo Aides es niemals vermutet. Ich muss dieses Kind vor seinem eigenen Vater schützen, um es selbst und uns vor Unheil zu bewahren."

"Seid Ihr sicher, dass wir das Richtige tun, Herrin?"

"Ja, davon bin ich überzeugt. Und nun komm!"

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Sophia wusste kaum noch, was Familie wirklich bedeutete. Es war einfach zu lange her, seit sie bei ihren griechischen Adoptiveltern gelebt hatte, die immer sehr liebevoll zu ihr gewesen waren. Und wenn nicht jenes Unglück vor zehn Jahren geschehen wäre, dann hätte sie sich sicherlich damit abgefunden, nicht zu wissen, wo ihre Wurzeln lagen.

Niemand wusste, woher Sophia kam oder wer ihre leiblichen Eltern waren. Alles, was man dem Mädchen erzählte, war, dass sie in die Babyklappe eines Krankenhauses gelegt wurde, zusammen mit einer kurzen, schriftlichen Nachricht, dass ihr Name  'Sophia'  lautete. Nachdem die Ärzte sie untersucht hatten und feststellten, dass ihr nichts fehlte, übergab man sie in die staatliche Fürsorge eines Waisenhauses. Und ein paar Wochen später, als man trotz intensiver Suche keinen Hinweis auf Sophia's Eltern fand, wurde das Kind zur Adoption freigegeben. Man ging davon aus, dass Sophia's Mutter möglicherweise ein Teenager war, der so verzweifelt gewesen sei, dass er keinen anderen Ausweg wusste, als das Baby fortzugeben.

Es dauerte auch gar nicht lange, bis das griechische Ehepaar Marina und Alexandros Karadimas sie adoptierte und ihr ihren Familiennamen gab. Sophia lebte drei Jahre lang bei ihnen und betrachtete sie als ihre wirklichen Eltern. Sie wurde geliebt, verwöhnt und man beschäftigte sich viel mit ihr. Das kleine Mädchen lernte Griechisch und Deutsch und wurde allmählich darauf vorbereitet, in den Kindergarten zu gehen. Alles war sehr harmonisch und die kleine Sophia sehr glücklich.

Doch dann brach eines Nachts ein Feuer in dem Mietshaus aus, in dem die Familie Karadimas lebte, und da es überraschend kam, konnte die Feuerwehr nicht rechtzeitig da sein, um alle Bewohner aus dem brennenden Gebäude zu retten. Sophia wurde von ihrer Adoptivmutter aus dem Bettchen gerissen und sofort einem Mann in die Arme gedrückt, der gerade die Wohnung der griechischen Familie betrat, um ihnen zu Hilfe zu kommen. Wie ihr Retter dann später zu Protokoll gab, eilte Marina Karadiou [2] zurück in das Schlafzimmer, um ihrem Mann zu helfen, und wurde dabei von einem herabstürzenden Holzbalken erschlagen. Man versuchte zwar später nochmals, Marina und ihren Mann aus den Flammen zu holen, aber es war zu spät.

Sophia verstand all das überhaupt nicht und weinte nach ihren Eltern. Sie weinte immer noch, als man sie in ein Heim brachte und den Behörden mitteilte, dass die Adoptiveltern des Kindes bei dem Brand ums Leben kamen. Niemand war imstande, das kleine Mädchen zu beruhigen, das ständig nach seinen Eltern rief. Man musste ihr ein leichtes Beruhigungsmittel verabreichen, damit es überhaupt schlief.

Aber dieser Schicksalsschlag hatte sich tief in Sophia's Seele eingegraben und sie weinte eine lange Zeit nachts immer nach den Eltern, weil sie nicht verstand, dass diese niemals wiederkehren würden. Das Jugendamt erlaubte auch keinem der Erzieherinnen, mit Sophia an dem Gottesdienst zum Gedenken an die verbrannten Menschen des Mietshauses teilzunehmen und begründete dies damit, das Kind nicht noch mehr zu belasten. Ansonsten machte sich das Jugendamt aber keine weiteren Gedanken um Sophia und wie es ihr ging. Nur einige der Betreuer versuchten, sie zu trösten und mit ihr über das Geschehene zu sprechen, aber das Kind verschloss sich noch mehr und es war schwierig, an es heranzukommen. Sophia bereitete ansonsten aber keinerlei Probleme, war ein ruhiges, ernstes Kind und fiel nicht besonders auf. Man ließ sie zufrieden und sie verarbeitete das Geschehene mit Hilfe von Knetmasse oder im Malen von Bildern.

Als Sophia älter wurde und zur Schule kam, begann sie sehr viel zu lesen und flüchtete sich aus der Realität in eine Welt aus Wissenschaft, Kunst oder fiktionalen Geschichten. Aufgrund dessen und weil sie ein verschlossenes Wesen besaß, hatte sie auch keine wirklichen Freunde, weder im Heim noch in der Schule. Sie wurde von den Mitschülern zwar manchmal als  'Streberin'  bezeichnet, weil sie fleißig lernte, aber das war auch schon alles, womit man sie ärgerte. Die anderen fanden sie zwar nett und hübsch, aber auch sehr langweilig. Sophia war das überaus recht, denn sie liebte es, in Ruhe gelassen zu werden.

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***


Seraph beobachtete entsetzt, wie das Haus, in dem das Mädchen, das er im Auftrag Demeter's vor drei Jahren aus ihrer Wiege entführt hatte, unter der Obhut ihrer neuen Eltern lebte, in Flammen aufging. Er verlor keine Zeit, um in die nächste Telefonzelle zu eilen und die Feuerwehr zu informieren. Danach eilte er zu dem Haus hin und hechtete die Treppen hinauf, schrie dabei so laut, dass es durch den ganzen Flur hallte: "Feuer! Feuer! Alles raus aus den Betten!"

Ohne einen Gedanken an etwas anderes als die Rettung Sophia's und ihrer Eltern zu verschwenden, trat er gewaltsam die Tür zur Wohnung der Karadimas'  ein. Er spürte bereits, dass Alexandros mit dem Leben rang und Marina mit letzter Kraft das Kind aus dem Zimmer trug. Sie sah ihn und rannte auf ihn zu.

"Bitte! Retten Sie mein Kind!", schrie Marina und drückte ihm das brüllende Mädchen in die Arme.

"Kommen Sie mit mir, Frau Karadiou, wir können es zusammen nach draußen schaffen!", rief Seraph zurück und streckte eine Hand nach ihr aus. Doch Marina wandte sich von ihm ab und rannte ins Schlafzimmer, in dem sich noch ihr Mann befand.

"Ich hole Alexandros! Bringen Sie Sophia hier heraus, um Gottes Willen!"

Seraph wollte sie einfach zwingen, mit ihm zu kommen, und trat schon entschlossen auf Marina zu, als unvermittelt ein Holzbalken sich von der Decke löste und auf dem Kopf von Sophia's neuer Mutter landete. Sie fiel getroffen zu Boden und war sofort tot. Auch Alexandros hatte aufgegeben, wie Seraph genau spürte. Es galt jetzt nur noch, Sophia in Sicherheit zu bringen, die herzzerreißend weinte. Rasch verbarg er das Mädchen unter seinem dichten Gewand, damit ihr nichts passierte, und machte sich auf dem Weg hinunter. In all der Aufregung bemerkte niemand, dass er kaum einen Wimpernschlag brauchte, um hinunterzuschweben. Zwar besaß er keine Flügel mehr, aber er war immer noch in der Lage, durch die Luft zu schweben, wenn auch nicht mehr so hoch und so weit wie früher.

"Babbas, Mama", schrie das Kind in seinen Armen weinend und wand sich.

"Ruhig, Sophia, ist ja schon gut", murmelte er, doch das Mädchen schien ihn nicht zu beachten, sondern weinte immer noch nach den Eltern. Er seufzte und strich ihr beruhigend über den Rücken, während er mit ihr nach draußen lief, weit weg von dem brennenden Haus. Inzwischen war auch die Feuerwehr eingetroffen und holte noch mehr Menschen aus dem Gebäude, während ein anderer Trupp damit beschäftigt war, die Löscharbeiten vorzubereiten.

Dies war wieder einmal einer jener Momente, wo er es bereute, auf Demeter gehört und in ihrem Auftrag ihr Enkelkind entführt zu haben. Eigentlich hatte ihm Persephone's Mutter kurz vor ihrem Eintritt in das Zeitportal befohlen, Sophia im 19. Jahrhundert in einem Armenhaus im Norden Großbritanniens auszusetzen. Zunächst hatte er diesen Befehl auch befolgt, aber als er dann sah, wie man damals die ausgesetzten Kinder behandelte, holte er Sophia gleich in der nächsten Nacht aus dieser grässlichen Einrichtung, in der man elternlosen Säuglinge kaum etwas zu essen gab und in der ein Kind, sobald es laufen konnte, zu Hausarbeiten herangezogen wurde. Falls eines der Waisen überhaupt die Pubertät erreichte, blühte ihm schwere Arbeit in einer der Fabriken. So etwas wollte er der Tochter seines früheren Herrn nicht zumuten. Die Kleine hatte es einfach nicht verdient, egal, ob Demeter sie für einen gefährlichen Sprössling seines früheren Herrn hielt oder nicht.

Auch jetzt, als er die Kleine im Arm hielt, spürte er nicht das geringste Unheil von ihr ausgehen. Sie schien ihm ein ganz normales Mädchen zu sein, geschockt und voller Angst, das nach seinen Eltern schrie.

Einen Moment lang spielte Seraph mit dem Gedanken, Sophia einfach zu seinem früheren Herrn zurückzubringen und die Strafe für seinen Verrat an Aides auf sich zu nehmen. Doch dann erinnerte er sich wieder daran, was Demeter ihm prophezeit hatte: Unter dem Einfluss ihres Vaters würde Sophia zu einer großen Gefahr für sich und andere werden. Dass Herr Aides mittlerweile zu einem der mächtigsten Männer dieser Welt zählte, was viele Ausgestoßene zu ihm trieb, die seine Hilfe erbaten und diese auch im Tausch gegen etwas erhielten, schien die Aussage von Demeter nur zu bestätigen. Vom Hörensagen wusste er auch, dass  'der Merowinger' , wie man seinen früheren Herrn nun betitelte, immer noch zornig auf ihn war, weil er ihm sein Kind gestohlen hatte. Darum achtete Seraph peinlich genau darauf, Herrn Aides nicht in die Finger zu fallen. Der Herr der Unterwelt konnte überaus grausam in seinem Zorn sein. Er war schon immer ein harter Mann gewesen, der sich dafür rächte, wenn man ihn betrog. Die Strafen überstiegen bei weitem die schrecklichsten Phantasien eines Sadisten. Nein, Demeter hatte sicherlich recht, wenn sie davor warnte, Sophia bei ihrem Vater aufwachsen zu lassen.

Voller Mitleid strich Seraph über den Rücken des weinenden, kleinen Mädchens, das sich einfach nicht beruhigen wollte.

"Es tut mir leid, Sophia", murmelte er traurig. "Ich hoffe, du kannst mir eines Tages verzeihen."

Er sah zu dem brennenden Gebäude und bedauerte zutiefst, dass die neuen Eltern seines kleinen Schützlings ums Leben gekommen waren. Nun musste Sophia erneut ins Waisenhaus zurück und er konnte nur hoffen, dass sich bald wieder ein nettes Ehepaar bereit erklären würde, sie zu sich zu nehmen...

***


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Die mittlerweile fünfzehnjährige Sophia saß auf der breiten Fensterbank ihres Zimmers, das sie sich mit zwei anderen Mädchen teilte, und las gerade in einem Buch, als die Heimleiterin ins Zimmer trat, Sophia's  Zimmergenossinnen kurz zunickte und entschlossen auf das lesende Mädchen zuging.

"Sophia, ich habe sehr gute Neuigkeiten für dich", verkündete sie in einem freudigen Ton, als sie vor ihr zum Stehen kam. Die Angesprochene schaute überrascht auf.

"Gute Neuigkeiten?"

"Oh ja, stell dir vor: Du wirst zu einer Familie kommen. Einem Ehepaar, das letztes Jahr bereits eine Pflegetochter bei sich aufgenommen hat."

"Was wollen sie dann noch mit mir?", fragte das Mädchen, das bei dieser Mitteilung ein ungutes Gefühl beschlich.

"Es sieht ganz so aus, als ob sie gute Erfahrungen mit ihrer ersten Pflegetochter gemacht hätten", antwortete die Heimleiterin aufmunternd. "Und jetzt wollen sie eben noch einem anderen Waisenkind ein Zuhause geben."

"So wie man einem herrenlosen Hund oder einer herrenlosen Katze ein Zuhause gibt?", erkundigte sich Sophia spöttisch und verzog ihre Mundwinkel leicht nach oben.

"Also bitte, warum sprichst du so? Was ist denn das für ein Vergleich?!"

Die Erzieherin war offensichtlich sehr irritiert.

"Was denn? Stimmt es etwa nicht, dass man mich ausgesetzt hat... in einem Krankenhaus?", entgegnete Sophia heftig. "Und jetzt soll ich wohl noch dankbar sein, wenn sich irgendwelche Leute dazu bereit erklären, mich bei sich aufzunehmen?"

"Bitte, Sophia, du bist doch schon einmal bei einer Familie gewesen."

"Ja, aber sie haben mich als ihr eigenes Kind angenommen, nicht nur als Pflegekind. Das ist etwas ganz anderes! Und außerdem war ich da noch ein Baby und ich hätte Mama und Babbas immer als meine wahren Eltern angesehen, wenn mich meine wirklichen Eltern schon nicht haben wollten."

"Aber, Sophia, du kennst doch die Gründe nicht, warum man dich in die Babyklappe legte. Vielleicht waren deine Eltern, deine Mutter sehr verzweifelt, vielleicht konnten sie dich nicht ernähren und haben es nur gut gemeint, wollten, dass man sich anständig um dich kümmert."

"Tut mir leid, aber ich kann dieses Gewäsch nicht mehr hören! Wenn Eltern ihr Kind lieben, schieben sie es nicht einfach ab! Es gibt immer eine Lösung!"

"Schluss jetzt, Sophia! Pack deine Sachen zusammen. In einer Stunde kommt Herr Wolff, um dich abzuholen. Ich erwarte von dir dann, dass du dich ihm gegenüber benimmst."

Sophia verzog missmutig das Gesicht, während die Heimleiterin sich von ihr abwandte und den Raum verließ. Sobald die Mädchen wieder allein waren, erhob sich Anna vom Bett und kam auf Sophia zu.

"Hey, das sind doch gute Nachrichten!", meinte sie. "Sei froh, dass du aus dieser Bude hier herauskommst."

"In dieser Bude habe ich immerhin meine Ruhe gehabt", entgegnete Sophia, schlug verärgert ihr Buch zu und stand von der Fensterbank auf. "Und jetzt soll ich zu irgendwelchen fremden Leuten kommen, die ich nicht kenne. Warum sollte ich da froh sein? Vielleicht sind sie gar nicht nett. Und warum haben sie das andere Mädchen, das sie seit einem Jahr in Pflege haben, nicht adoptiert? Warum wollen sie jetzt ein zweites Mädchen bei sich aufnehmen? Da stimmt doch was nicht!"

"Du bist viel zu misstrauisch, Sophia", erwiderte Anna. "Weißt du denn nicht, dass die Behörden viele Probleme machen, wenn es darum geht, ein Kind zu adoptieren?"

"Ja, bei Babys mag das so sein, aber bei Jugendlichen stellen sie sich nicht so an. Die sind doch froh, wenn sie uns los sind", bemerkte Sophia trocken und ging an den Teil des Schrankes, in dem sich ihre Sachen befanden.

"Da scheint ja jemand großes Vertrauen in unser Jugendamt zu besitzen", mischte sich nun auch Sandra ein, die bisher an ihren Hausaufgaben gesessen hatte. "Aber wenn du nicht von hier fort willst, dann gehe ich jetzt gleich zu der Meyer und sage ihr, dass ich an deiner Stelle zu diesen Pflegeeltern will. Ich würde sonst etwas darum geben, um von hier wegzukommen!"

"Dann geh'!", forderte Sophia ihre Zimmergenossin auf und sah sie herausfordernd an. "Los! Verlier' bloß keine Zeit, um es Frau Meyer vorzuschlagen. Ich hätte nichts dagegen, wenn wir tauschen."

Sandra starrte sie fassungslos an, dann drehte sie sich weg und beugte sich wieder über ihre Hausaufgaben, dabei  "...dumme Schnepfe..."  vor sich hinmurmelnd.

Mit einem verächtlichen Lächeln wandte sich Sophia wieder dem Schrank zu, holte einen Koffer dort hervor und begann, ihre wenigen Kleidungsstücke zu packen.

"Kann ich dir helfen?", bot Anna an.

"Nein, danke! Ich komm schon allein zurecht", erwiderte Sophia. "Und vielleicht bleibe ich auch gar nicht lange weg."

"Ich kann eigentlich nicht verstehen, warum du hierbleiben willst", meinte Anna.

"Nun, bisher hat die Heimleitung mir keine Steine in den Weg gelegt, was meine schulische Ausbildung betrifft. Sie haben mir sogar erlaubt, vom ersten Schuljahr an nachmittags den griechischen Unterricht zu besuchen, um das Schreiben und Lesen der Sprache meiner Heimat zu erlernen. Wer weiß, ob diese neuen Pflegeeltern damit einverstanden sein werden?"

"Du weißt gar nicht, woher du kommst", giftete Sandra sie von ihrem Schreibtisch aus an. "Nur weil du als Baby von einem griechischen Ehepaar adoptiert worden bist, heißt das noch lange nicht, dass du eine Griechin bist. Du bist eigentlich ein Niemand."

"Möglich", gab Sophia unbeeindruckt zurück. "Und genau deshalb besitze ich die Freiheit, mir die Herkunftskultur zu wählen, die mir gefällt - und das ist nun einmal die griechische. Meine Eltern waren immer sehr gut zu mir, sie haben mich geliebt."

"Ist zwölf Jahre her, nicht? Und du trauerst immer noch einer Vergangenheit nach, die lange vorbei ist", entgegnete Sandra. "Wach auf, Sophia, hier ist die Wirklichkeit! Diese Griechen, die dich adoptiert hatten, waren nicht deine wirklichen Eltern - weiß du, du solltest aufhören, dich in die Phantasiewelt deiner Romane zu flüchten! Sie werden dir nicht helfen, wenn es hart auf hart kommt."

"Jetzt lass sie endlich in Ruhe, Sandra", sagte Anna. "Warum soll Sophia denn nicht an sie denken, wenn sie so gut zu ihr waren? Du bist ja nur neidisch, dass dich niemand adoptiert hat."

"Lass gut sein, Anna", ermahnte Sophia sie in ruhigem Ton. "Vielleicht hat Sandra ja recht und ich verliere mich wirklich viel zu sehr in meinen Sehnsüchten nach einer heilen Welt. Aber anders... nein, anders hätte ich das Leben nach dem Tod meiner Eltern nicht ertragen können. Doch jetzt bin ich viel älter und sollte vernünftiger sein."

Sie blickte ihre beiden Mitbewohnerinnen an und in ihre Augen trat ein Ausdruck von Trauer.

"Es war ganz okay mit euch", sagte sie dann. "Wenn wir auch nicht die besten Freundinnen waren, so haben wir uns doch gegenseitig in Ruhe gelassen. Es tut mir wirklich leid, dass ich jetzt gehe. Ich glaube, ich werde euch tatsächlich vermissen."

"Hört, hört", spottete Sandra und grinste.

"Lass das!", fuhr Anna sie an. "Sophia hat uns wenigstens nie verpetzt."

Dann wandte sie sich an Sophia: "Schade, dass du uns jetzt verlassen musst. Wer weiß, wen wir jetzt ins Zimmer kriegen. Aber ich gönne es dir, hier herauszukommen und wünsch dir alles Gute."

"Danke, ich glaube, ich kann das gut gebrauchen."

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[1] Polarlicht

[2] Im Griechischen gibt es bei Familiennamen eine männliche und eine weibliche Form. Der Mann heißt Karadimas, während die Frau Karadiou heißt.
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