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I still hope for you - Minho und Cassy (3)

GeschichteAbenteuer, Drama / P16
Gally Minho Newt OC (Own Character) Thomas
09.01.2016
23.03.2016
65
222.755
31
Alle Kapitel
334 Reviews
Dieses Kapitel
8 Reviews
 
15.03.2016 3.234
 
Guten Abend, meine Lieben :)
Heute ein Kapi, für das ihr mich alle töten werdet, aber ich habe es erstaunlich gerne geschrieben :D Ich mag melancholische Kapis :D Wobei es von der Handlung eher eine 4 wäre statt einer 5. Einigen wir uns auf ein Zwischendrin. Zumindest sind alle gut im Sicheren Hafen angekommen.
Vielen Dank auch für eure tollen Revis :) Ich liebe Hopp-on-Hopp-off Kapis einfach *hihi*

Und es geht folgendermaßen weiter:
Morgen kommt das letzte Kapitel aus Cassys Sicht. Vielleicht noch mit einem Intermezzo, mal sehen. Aber dann ist es vorbei *schluchz*
Und da ich erst nächste Woche wieder hochladen kann, wird auch nächste Woche Mittwoch erst die Danksagung mit dem neuen Link zum vierten Teil erscheinen. Ich habe Besuch und komme einfach nicht zum Schreiben. Also morgen Kapi, am Mittwoch Danksagung und erstes Kapi vom vierten Teil. Dann habt ihr auch genügend Zeit Revis zu schreiben :D :D :D Ich habe auf jeden Fall Fulminantes geplant. ;)

Mehr gibt es nicht zu sagen, außer dass ich mir jetzt die politischen Reden Wilhelm II. zu Gemüte führen werde :D Achso und das nächste Kapi bei "Verachtung" wird hochgeladen ;) Ihr habt dann ja eine Woche Zeit, könnt ja mal reinschauen :)

Ich wünsche euch noch einen schönen Abend :)
Küsschen,
CasseyCass *-*

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"... And I can't understand
Why my heart is so broken, rejecting your love
... all I know, is that the end's beginning."
(Trading Yesterday – Shattered)




Minho
Grün. Überall Grün. Er stand seit Stunden vor dem Fenster und starrte hinaus und egal wohin er blickte, außerhalb der Kleinstadt säumten grüne Hügel den Horizont, meterhohe Bäume flankierten die Straßen, Blumen steckten im Kasten vor dem Fenster. Die Luft roch ungewohnt süßlich und frisch, am Himmel flockten ein paar Wolken und der Wind wehte stetig und sanft von Süden her. Würde er das Fenster öffnen, dann würde das Brummen der Autos hinaufwehen, das Geklapper der Fußsohlen auf den Bürgersteigen, die Stimmen der Verkäufer auf dem Marktplatz und das Rauschen des Windes in den Baumkronen. Aber er wollte Cassandra nicht wecken.
Sie waren gegen 18:00 endlich beim Hotel in Denver losgekommen und waren in die Nacht hinein gen Nord-Osten geflogen. Irgendwann in den frühen Morgenstunden hatten alle aufstehen müssen und waren durch einen tunnelartigen Gang unter einer riesigen, leicht schimmernden Kuppel hindurch in den Sicheren Hafen gegangen. Es war der einzige Zugang in den Hafen hinein und jeder war noch einmal getestet worden, ob er auch wirklich gesund war. Die Kuppel war ein monströses Kraftfeld, das selbst Bombeneinschläge abhalten konnte. Außerhalb von ihr war es zwar bei Weitem nicht so warm wie in Denver, aber doch ziemlich drückend und die Kuppel hielt die brennende Hitze fern. Regen und Schnee ließ sie jedoch hindurch. Das war das Verrückteste. Der Sichere Hafen, der sich in Norden und Süden einteilte, wurde von einer natürlichen Grenze aufgeteilt; einem Gebirge, das den Namen Ural trug. An dessem südlichen Fuß lag die Stadt Dublina, in der sie sich momentan befanden. Laut dem komischen Kerl, der ihnen den Sicheren Hafen kurz und knapp zu erklären versucht hatte, waren die Städte im Sicheren Hafen nach den ehemaligen Hauptstädten der Welt benannt. Dublina kam von Dublin, der ehemaligen Hauptstadt eines Landes namens Irland. Sie war eine Art Transitstation. Hier lag der Zugang zum Sicheren Hafen und zugleich dessen größter Bahnhof. Hier trafen sich die Züge aus Nord und Süd, die einen würden links, die anderen rechts über den Ural wandern. Dieser Bahnhof war der Grund, warum Minho wach war, obwohl er nur ein paar Stunden geschlafen hatte. Heute Mittag würde der letzte Zug gen Süden fahren, dann war die Strecke für vier Monate gesperrt, weil der Ural dann so zugeschneit war, dass der Zug nicht mehr hindurch kam. Minho wollte diesen Zug nehmen. Wohl wissend, dass Cassy und er sich vorhin noch für den Norden entschieden hatten.
Natürlich hatten sie im Flugzeug nicht über das geredet, was ihm eigentlich auf der Seele lag. Cassandras unverhohlene Freude auf die Zukunft, ihre Neugierde und ihre aufgeregten Küsse, die sie ihm immer wieder auf die Lippen gehaucht hatte, hatten ihn daran gehindert. Minho konnte nicht mit ihr Schluss machen, wenn sie vor ihm saß. Er brachte es einfach nicht übers Herz, denn im Grunde liebte er sie noch immer. Aber würde er bleiben, würde er an der Beziehung zugrunde gehen. Minho brauche eine Pause und die würde er nur bekommen, wenn er ganz weit weg von Cassandra war. Er würde gehen, in den Süden fahren und nicht wiederkommen.
Mit einem Ruck riss er den Blick von dem Getümmel auf der Straße los und sah zu Cassandra, die tief und fest in dem großen Bett schlief. Ihre offenen Haare, ihre nackten Schulterblätter und ihre Wäsche, die überall auf dem Boden lag, steigerten Minhos schlechtes Gewissen ins Unermessliche. Als Cassy ihn sanft aber bestimmt auf Bett gestoßen und sich rittlings auf ihn geschwungen hatte, hatte sein Verstand einfach zu arbeiten aufgehört. Jetzt würde er gehen, nicht einmal einen Brief dalassen, aber für Sex hatte es noch gereicht. Es wäre weniger schmerzvoll, wenn er sich einfach einen Dolch ins Herz rammen würde. Für wie oberflächlich und kalt würde sie ihn halten?
Draußen wurde lautstark gehupt – ein Pferd war auf die Fahrbahn ausgewichen und die Autos mussten abbremsen. Hier war so vieles anders. Berittene Pferde, Autos, Fahrräder, Kutschen, Züge... um nur die Fahrzeuge zu nennen, die hier herumfuhren. Dann die vielen Tiere; Vögel in der Luft, Katzen und Hunde auf den Straßen, Kühe und Pferde und Schafen auf den Wiesen. Stilvoll gekleidete Frauen neben den Bettlern auf dem harten Pflaster, Männer mit Aktentaschen in der Hand, neben den Prostituierten in der Gasse, Kinder mit Schultaschen auf dem Rücken, neben Jugendlichen, die rauchend auf den Parkbänken herumlungerten – hier traf man alle Art von Mensch, die der Brand zwar körperlich verschont, seelisch jedoch in den Abgrund gestoßen hatte. Die bitteren Überreste der Zivilisation, gespalten in Disziplin, Kampfgeist, Gleichgültigkeit, Selbsthass und Verzweiflung.
Cassandra seufzte leise und raschelte mit der Bettdecke, als sie sich anders hinlegte und ihr Kopf nun zu Minho zeigte. Mit einem wehmütigen Lächeln durchquerte er die Strecke zwischen Fenster und Bett und setzt sich auf dessen Kante. Seine Finger strichen über ihre weiche Haut und sein Herz zog sich erneut schmerzhaft zusammen. Noch immer fand Minho keinen Ausdruck für das Gefühlschaos in seinem Innern. Ja, er liebte Cassandra und würde am liebsten zusammen mit ihr die Zukunft erleben. Aber ein immer größer werdender Teil in ihm wollte sie nicht mehr sehen, nicht mehr berühren, nicht einmal mehr ihre Stimme hören.
"Es tut mir so Leid", flüsterte er und legte die Hand an ihre Wange, die vor ein paar Stunden noch ganz rosig geschimmert hatte. Das Gefühl ihrer Haare auf seinen Wangenknochen, ihrer Hände auf seiner Brust und ihrer heißen Haut an seiner, schwebte vor seinem inneren Auge vorbei. Wie sie gelacht hatte, als Minho sie gekitzelt hatte. Oder wie sie ihm verführerische Worte ins Ohr gemurmelt hatte, während ihre Hände immer weiter abwärts gewandert waren. Ein weiterer Riss in seinem Herzen erschien und Minho presste die Lippen kurz fest zusammen.
"Ich würde das nicht tun, wenn ich einen anderen Ausweg sehen würde", redete er leise weiter, die Augen unverwandt auf Cassandra gerichtet. "Cassy, ich habe keine Kraft mehr zum Kämpfen. Nicht einmal mehr um unsere Beziehung. Ich bin so müde und brauche Ruhe und die finde ich bei dir einfach nicht. Es hat mir nie etwas ausgemacht, es war mir nicht einmal bewusst, aber jetzt... Ich muss einmal im Leben an mich denken. Und wenn sich eine Situation ergibt, komme ich wieder. Bis dahin muss ich gehen." Er schluckte. Dann beugte Minho sich herunter und drückte Cassandra einen letzten Kuss auf die Wange. Cassy bewegte sich leicht, schlief jedoch weiter.
Als würde es ihm unendlich viel Kraft kosten, stand Minho auf und packte seinen Rucksack, der bereits gepackt am Schrank lehnte. Die Tür öffnete sich geräuschlos und kurzzeitig hoffte Minho, dass Cassy jetzt aufwachen und ihn zurückhalten würde. Doch keine verschlafene Stimme erklang. Ohne sich noch einmal umzudrehen, verließ Minho das Zimmer und lief die zwei Stockwerke hinunter ins Foyer. Das Hotel war noch relativ neu, der Teppich war kaum abgetreten und die Fließen glänzten wie frisch poliert. Im Restaurant packte Minho sich schnell ein paar Dinge für die Fahrt ein, die wohl 6 Stunden bis ins Herz des Südens zur Stadt Roma dauern würde. Dort würde er sich ein Hotel suchen, schlafen, vergessen und versuchen sich ein Bild des Südens zu machen um zu sehen, wo er am besten aufgehoben sein würde. Der Portier wünschte ihm eine gute Fahrt und gab ihm noch einen Stadtplan von Dublina.
So wie es aussah, würde er nur 15 Minuten bis zum Bahnhof brauchen, der Zug fuhr in 30. Das hieß, die Fahrkarte konnte er auch noch in Ruhe besorgen und Dank seiner Fähigkeit sich Grundrisse mit ihren Eckpunkten gut merken zu können, flog die Karte außerhalb des Hotels in die erste Mülltonne. Bei ihrer Ankunft waren ihnen die gröbsten Regeln gesagt worden, weshalb Minho sich ohne seine Waffen reichlich schutzlos fühlte. Die waren hier verboten, solange man keinen Ausweis für sie hatte. Diesen, einen Personalausweis, eine Arbeitsbescheinigung und einen Führerschein musste Minho besorgen, sobald er eine Wohnung als Hauptwohnsitz angegeben hatte. Bis dahin sollte sein Geld – jeder Neuzugang im Sicheren Hafen bekam ein Startguthaben von 700 Dollar – ausreichen. Sobald er die Wohnung hatte, würde er arbeiten dürfen und im Süden sollte man ganz gut leben können. Wobei der Norden immerzu als dunkel und grober beschrieben wurde. Wahrscheinlich hatte sich die Mehrheit der Truppe für den Norden entschieden, weil sie nichts anderes als ein grobes und dunkles Leben gewohnt waren. Minho hingegen wollte etwas Neues ausprobieren.
Der Weg zum Bahnhof führte an der Hauptstraße entlang, bis er nach gut zehn Minuten rechts abbiegen musste. Es war heller Tag und wären sie nicht erst in den frühen Morgenstunden im Sicheren Hafen gewesen, fertig mit den Nerven und todmüde, wären die ehemaligen Lichter wahrscheinlich sofort in die Stadt gerannt. So schliefen sie die Strapazen des Flugs aus.
Ein Ball rollte ihm vor die Füße und Minho trat ihn rein aus Reflex, gekonnt den Kindern zurück, die ein Danke herüberbrüllten. Er musste grinsen. Kinder waren doch etwas Seltsames. Wie konnte man ein Wesen so sehr lieben und beschützen wollen, wenn es die meiste Zeit nur Unsinn im Kopf hatte? Ob Hope auch so ein Flegel geworden wäre? Zumindest waren weder er noch Cassy auf den Mund gefallen und seine Freundin hatte allerlei wirre Ideen gehabt.
Ex-Freundin, verbesserte Minho sich in Gedanken und vertrieb Hope aus seinem Kopf. Nach dieser Aktion wäre Cassandra seine Ex-Freundin und sie würden keine zweite Chance bekommen das Desaster mit Hope zu glätten.
"Oh Scheiße, was tue ich hier eigentlich?", murmelte Minho und sah über die Schulter zurück. Das Dach des Hotels funkelte im Sonnenlicht, noch war es es nicht ganz aus seinem Blickfeld verschwunden.
"Das würde mich auch interessieren." Erschrocken blickte Minho wieder nach vorne und sah Thomas mit bitterem Gesichtsausdruck vor ihm stehen. "Nicht einmal eine Verabschiedung. Stehen wir beide so sehr auf Kriegsfuß?"
"Nein, natürlich nicht. Tut mir Leid."
"Tut es nicht."
Nein. Tat es nicht. Minho seufzte. "Ich muss das tun, Thomas."
"Warum? Warum bleibst du nicht die vier Monate in Dublina, wie der Rest derer, die ebenfalls in den Süden wollen? Warum flüchtest du regelrecht, um noch den letzten Zug des Jahres bekommen?"
Minho konnte kaum antworten, so sehr brannten ihn seine eigenen Worte im Rachen. "Weil es die einzige Möglichkeit ist, mein Leben auf die Reihe zu bekommen."
"Dein Leben?", wiederholte Thomas fassungslos. "Und was ist mit deinen Freunden? Mit mir oder Newt? Was ist mit meiner Schwester, die jeglichen Halt verlieren wird, wenn du weg bist?"
"Mach es mir nicht noch schwerer..."
"Oh doch das werde ich!", fauchte Thomas. "Und weiß du, warum? Weil du einer meiner besten Freunde bist und wir eine Menge Mist zusammen durch- und überlebt haben. Aber du gehst, tust, was ein Läufer immer tut: Wegrennen!" Minho sah, dass sein Verrat Thomas wirklich mitnahm. Seine Augen glänzten verdächtig. "Wenn du jetzt gehst, werde ich dich hassen müssen", flüsterte Thomas, ein starker Gegensatz zu seiner Tonlage zuvor. "Ich will dich nicht hassen."
Die beiden Lichter starrten einander an. Minho wusste, dass seine Laune den anderen nicht vollends verborgen geblieben war. Aber dass Thomas so schnell herausgefunden hatte, was er tun wollte, verblüffte ihn. Minhos Reaktion auf die letzten Tage war augenscheinlich so fremd für die anderen, dass Thomas einfach seinen gesteigerten Intellekt hatte nutzen müssen, um Minho zu durchschauen.
Die Turmuhr schlug einmal, es war 13:15.
"Ich muss zu meinem Zug, habe noch keine Fahrkarte", sagte Minho ruhig.
Thomas bedachte den Satz mit einem Kopfschütteln und ließ Minho an sich vorbei gehen, weiter Richtung Bahnhof.
"Wehe du kommst zurück", sagte er noch. Minho erstarrte in seiner Bewegung. "Wenn du jetzt in diesen Zug steigst, will ich dich nicht wiedersehen. Halt dich von mir und vor allem von Cassandra fern, Minho. Keine Treffen, keine Telefonate, keine vermaledeite Nachricht. Komm damit klar, dass du für sie gestorben sein wirst."
So hart Thomas' Worte auch klangen, Minho sah ihren Sinn. Ein totaler Kontaktabbruch würde den Schmerz nach und nach erleichtern. Wobei Cassandra ins bodenlose Stürzen würde, während er mit seiner Entscheidung einfach weiterlebte. Es war für sie um vieles schlimmer, als für ihn, warum konnte er nicht genau definieren.
"Okay", stimmte er über die Schulter hinweg zu.
Mit schnelleren Schritten als zuvor eilte Minho von Thomas weg, durch ruhigere Stadtviertel, bis er in der Eingangshalle des Bahnhofs stand. Menschen wuselten umher, Koffer rollten über die Steine, es roch nach billigem Essen, Aufregung und Schweiß. Jetzt erst schaffte Minho es sich umzudrehen und stellte in einer Mischung aus Resignation und Erleichterung fest, dass niemand ihm mehr gefolgt war. Und hier am Bahnhof waren so viele Menschen unterwegs, dass man ihn im Gewusel schnell verlieren würde. Mit zusammengekniffenen Augen huschte sein Blick über die Anzeigetafel.

Regionalzug 541 in Richtung Roma über Rabato, Havanna und Brasil. 13:30 Abfahrt, Gleis 15.


Hilfreich. Wenn man wüsste, wo Gleis 15 war.
"Lass uns die Frau am Fahrkartenschalter fragen."
Zum zweiten Mal an diesem Tag wandte sich Minho zu einer nur allzu bekannten Stimme um. Neben ihm stand Newt und starrte ebenfalls auf die Anzeige, bis er Minhos Blick bemerkte und den Kopf drehte.
"Warum du?", fragte Minho nach einigen Sekunden perplexen Schweigens.
Newt lächelte bitter. "Ich habe Sonya umgebracht."
"Wow."
"Erdolcht ohne einen Funken Mitgefühl. Als Crank habe ich es verdrängen können, Schuldgefühle existierten in einem kranken Gehirn faktisch nicht. Aber jetzt zermürben sie mich und machen mich auf einer andere Weise verrückt, als der Brand."
"Und du gibst Cassy die Schuld dafür."
"Ja, ein wenig. Sie hätte mich einfach sterben lassen sollen. Aber ihr Rettungsinstinkt ist dafür zu ausgeprägt." Die wieder geheilten Augen seines besten Freundes schimmerten vor Trauer und Schmerz. "Immer wenn ich sie sehe, denke ich an Sonya. Es macht mich wahnsinnig."
Minho nickte wissend. Aus der Situation heraus, wo jeder schon seine Geständnisse abgab, sagte er: "Sie hat Megan ermordet. Und Zac vermutlich auch."
Newt runzelte die Stirn. "Die beiden haben es verdient..."
"Ja. Eine Kugel zwischen die Augen. Sie hat Megan bei lebendigem Leib verbrannt."
Diesmal murmelte Newt ein Wow.
"Es hat sich viel verändert, in der Zeit wo du abgedreht bist", sagte Minho leise. "Ich erkenne sie nicht wieder und weiß nur, dass ich nicht mehr mit ihr zusammen sein kann. So sehr es auch schmerzt."
"Es tut höllisch weh", nickte Newt. "Wie eine eiserne Faust, die dein Herz zerquetscht, du aber weißt, dass du den Schmerz aushalten muss, weil du sonst zugrunde gehst."
Minhos Mundwinkel zuckten in trauriger Erkenntnis. Sie waren Cassandras Familie, sie liebten sie und Thomas und Gally. Der Schmerz in ihrer Brust war Beweis genug dafür. Aber so ging es einfach nicht weiter.
"Wir sollten uns die Fahrkarten holen und endlich hier abhauen", sagte Newt. "Bevor Thomas uns noch mit einem Maschinengewehr zu Leibe rückt."
Da hatte wohl noch einer Bekanntschaft mit einem verletzen Bruder gemacht.
Zusammen kauften sie sich die Fahrkarten für Plätze in der zweiten Klasse und die Frau hinter dem Schalter beschrieb ihnen den Weg zum Gleis. Für die sechs Stunden Fahrt gab sie ihnen noch allerlei Informationszeug zum Süden mit und nachdem Newt erwähnt hatte neu im Sicheren Hafen zu sein, wurde ein Packen allgemeiner Ratschläge noch oben drauf gepackt. Der Papierkram passte gar nicht mehr in ihre Rucksäcke, so viele Flyer, Hefte und Formulare wurden ihnen in die Hand gedrückt.
"Tja, überleben werden wir dort unten bestimmt", murmelte Newt und lugte ins erste Heft hinein. "Lebensmittel und ihr Verzehr in den Regionen südlich von Roma", las er vor und schüttelte dann den Kopf. "Für wie blöd halten die uns eigentlich?"
"Wir sind potenzielle Neukunden", meinte Minho nur. "Naiv gegenüber dem Sicheren Hafen. Zum Glück kommen wir von A.N.G.S.T. Wenn wir eines nicht sind, dann naiv."
"Hör uns an", höhnte Newt. "Zum Glück kommen wir von A.N.G.S.T. Ich widere mich selbst an."
Minho erwiderte nichts darauf. Wenn er eines nachvollziehen konnte dann, dass Newt vergessen wollte. Ihm erging es nicht anders.
Zusammen durchquerten sie einmal den gesamten Bahnhof, vorbei an kleinen Lädchen, Bäckereien, Info-Zentralen und den Wegweisern zu den Gleisen. Gleis 14 und 15 waren für die Fernstrecken reserviert und lagen daher eben am Ende des Bahnhofs, notdürftig überdacht, mit einer Reihe von billigen Kaffeeautomaten auf dem Gleis und duzenden Bänken. Eine junge Frau rempelte sie aus Versehen an und murmelte ein fahriges Entschuldigung, Männer mit Telefonen am Ohr eilten hin und her und ältere Leute saßen erschöpft auf den Bänken. Allerdings nur auf Seite des 14. Gleises. Denn auf Gleis 15 stand ein Zug, blinkend und blitzend im Sonnenlicht, blau-weiß angepinselt und so lang, dass Minho nicht einmal sein Ende erblicken konnte. Schritt für Schritt gingen sie an dem brummenden Zug entlang und suchten sich ihren Waggong heraus. Drei kleine Treppenstufen führten hinein und mit einem kurzen Blick nach links und rechts in die Sitzreihen hinein war klar, dass man dort keinen Platz mehr bekommen würde. Es war der letzte Zug für vier Monate, der in den Süden fuhr. Es war nur logisch, dass er derart voll war. Seufzend ließen Minho und Newt sich im Gang nieder, neben einer Menge anderer Leute, die ebenfalls die sechs Stunden Fahrt auf dem Boden aushalten mussten.
Als ein schriller Pfiff von draußen ertönte und die Türen sich langsam schlossen, warfen Newt und Minho sich einen kurzen Blick zu. Sie hatten es tatsächlich durchgezogen. Sie waren auf dem Weg in den Süden, ohne dass die anderen überhaupt Bescheid wussten.
Minho lehnte den Kopf an die Wand hinter sich, spürte das Ruckeln des Zuges und das unangenehme Ziehen in seiner Brust.
Er hatte Cassandra ohne ein Wort des Abschieds verlassen.
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