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Erwachen

von Phaemonae
Kurzbeschreibung
GeschichteAbenteuer, Fantasy / P18 / Gen
Tiranu Yulivee
03.01.2016
02.04.2016
16
32.274
2
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17.01.2016 1.868
 
Sie hasste Emerelle aus tiefstem Herzen! Weshalb nur hatte Obilee petzen müssen? Alle fragten sie, was zur Hölle in sie gefahren war, dass sie sich gerade auf Tiranu eingelassen hatte. Von ihr hatten sie das gar nicht erwartet und nun enttäuschte sie alles so. Die Königin hatte sie zurückgeordert. Ihr Geliebter hatte sich absolut nicht anmerken lassen, was er von der Entwicklung hielt. Sie hatte versucht für sie zu kämpfen, während er einfach nur geschwiegen und sich gefügt hatte! Hatten sie am Ende doch Recht gehabt und er hatte sie nur ausgenutzt? Irgendwie wollte Yulivee das aber nicht glauben. Es war richtig gewesen! Aber ihr hatte die Zeit gefehlt weiter zu ihm vorzudringen. Wenn er sich jetzt wieder zurückzog wäre alles umsonst gewesen!
Nun hatte die Königin sie zu sich bestellt. Sie stand bei der Silberschale, als sie sie zu sich heranbefahl.
„Du hast mich enttäuscht, Yulivee. Gerade von dir hätte ich nicht erwartet, dass du ihm verfällst! Sonst hätte ich dich nicht auf diese Mission geschickt!“
„Das hätte ich auch nie erwartet, aber… ich habe begonnen hinter die Maske zu blicken und ich wurde überrascht!“
„Er wird dich in dein Unglück stürzen! Die Silberschale zeigt mir seit kurzem eine gefährliche Entwicklung! Ich habe gesehen, wie du einen dunklen Pfad eingeschlagen hast und dafür kann es nur eine Erklärung geben! Denn alles, was im Rosenturm geschieht konnte mir die Silberschale noch nie enthüllen!“
„Und wenn das geschieht, weil ihr alle versucht mich von ihm zu trennen? Auch wenn es jetzt zwei Jahre ruhig geblieben ist, irgendjemand hat versucht Tiranu zu schaden. Wir sind seit den ersten Übergriffen präsent gewesen, was, wenn es jetzt wieder versucht wird? Selbstverständlich ist er nicht wehrlos, aber zuletzt hatten sie ihn auch erwischt!“
„Das ist doch irrational! Und ich bin mir sicher, dass der Rosenturm wohl inzwischen sehr gut gesichert ist. Du wirst es mir noch danken, er ist nicht für die Liebe geschaffen und wenn du ihm nicht überdrüssig geworden wärst, hätte er dir das Herz gebrochen! Tiranu ist kein guter Umgang und ich befehle dir ihm fern zu bleiben, das ist mein letztes Wort!“
Zornig stürmte Yulivee hinaus und wurde dort bereits von Obilee empfangen. Ihre Freundin wich ihr nicht mehr von der Seite. Mit Sicherheit hatte Emerelle sie beauftragt darauf zu achten, dass sie nicht nach Langollion zurückkehrte. Die Magierin musste sich also vorerst fügen und abwarten, irgendwann würde sich eine Gelegenheit ergeben. Aber zuerst musste sie gute Miene zum bösen Spiel machen.

***


Besorgt betrachtete Morwenna ihren Bruder. Seine Laune war so schlecht wie schon lange nicht mehr. Zuletzt war er so ungemütlich gewesen, als er am Ende der Ordenskriege so schwer verletzt worden war, dass sie ihm für mehrere Wochen verboten hatte eine Waffe auch nur anzusehen.
Sie hatte bereits seit einiger Zeit geahnt, dass sich etwas zwischen ihm und Yulivee anbahnte. Überraschenderweise hatten sie im letzten Jahr äußerst wenige Diskussionen gehabt. Was aber auch daran liegen konnte, dass er wenig Zeit mit ihr verbracht hatte.
Die Heilerin war skeptisch, was sie von der Verbindung halten sollte. Es gab zu viele Geheimnisse, die, in den falschen Händen, mit Sicherheit den Tod ihres Bruders bedeuten würden. Egal wie schweigsam Tiranu war, irgendwann würde Yulivee sicher auf das ein oder andere Geheimnis stoßen. Dazu war sie in dieser Hinsicht viel zu beharrlich. Und die Magierin war niemand, den sie für eine feste Beziehung als geeignet ansehen würde.
Niemals hätte sie erwartet, dass ihr Bruder gerade die sprunghafte Magierin an sich heranlassen würde. Das war so gar nicht Tiranu.
„Vermutlich ist es besser so“, wagte sie nach einiger Zeit zu sagen.
„Selbstverständlich ist es besser so!“, entgegnete er zu ihrer Überraschung. „Zumindest, wenn ich nach meinem Verstand gehe.“ Bisher hatte sie ihn äußerst selten irrational erlebt, aber offensichtlich war es Yulivee wirklich gelungen sich irgendwie tief in das Herz ihres Bruders zu schleichen, das er bisher so meisterlich gegen fast alles verschlossen hatte. Morwenna würde die Entwicklung weiter genau beobachten. Noch konnte sie sich nicht ganz entscheiden, ob Yulivee ihrem Bruder gut tat oder ihm schadete. Aber vielleicht erstickte Emerelles Eingreifen auch alles im Keim. Man würde sehen. So lange musste sie sich einfach mit seinen Launen herumschlagen, bis sie abklangen. Das war sie gewohnt und ihre Patienten benötigten auch viel ihrer Zeit.

***


Zum Schein hatte Yulivee angefangen ihre Aufmerksamkeit anderen Dingen zu widmen. Wie dem Ort, an den sie gemeinsam mit Obilee und Tiranu gereist war. Die Ereignisse in der Veste waren seltsam gewesen. Weshalb hatte Tiranu die Toten bestattet und warum war er danach sehr lange in Gedanken versunken gewesen? Wohin war er an diesem einen Tag verschwunden? Irgendein Geheimnis umgab den Elfenfürsten und sie wollte wissen, was es war. Solange sie nicht den wahren Grund preisgab, weshalb sie wissen wollte, was dieser Ort gewesen war, hatte sie Chancen Antworten zu erhalten. Die Zauberweberin hatte Emerelle immer wieder darüber befragt, doch bisher hatte die Königin sich ziemlich in Schweigen gehüllt.
Das Einzige, was sie ihr erzählt hatte, war, dass dies einst der Rückzugsort eines Drachens gewesen war, der dort von seinen Drachenelfen beschützt worden war. Über die Drachenelfen hatte sie früher ab und an Geschichten gehört, sie waren eine Legende. Das war noch zu Zeiten gewesen, als die Drachen noch friedlich mit den anderen Albenkindern zusammengelebt hatten. Auch einige Namen waren überliefert worden.
Ailyn, Gonvalon, Lyvianne und Nodon waren einige der Namen. Dies war eine Zeit, in der die Zerbrochene Welt angeblich noch intakt gewesen war! Eine Schande, dass die ehemaligen Hüter des Wissens der Bibliothek von Iskendria noch nicht alle wiedergeboren worden waren und auch die, die bereits wieder unter ihnen wandelten, ihre Erinnerungen an ihr früheres Leben noch nicht wiedergefunden hatten. Jetzt wäre das gesammelte Wissen sicher hilfreich!

***


Bisher waren alle Versuche Yulivees im Sande verlaufen. Keiner hatte ihr etwas über die Drachenelfen erzählen können oder wollen. Kaum jemand aus diesen Zeiten lebte noch. Ab und an hatte sie Hinweise vernommen, dass Eleborn, der Herrscher unter den Wogen, älter als Emerelle sein sollte. Aber noch hatte sie noch keine Gelegenheit gehabt in sein Reich zu reisen. Alleine wollte sie es auch nur ungerne. Seine Feste waren berüchtigt. Doch nun hatte sich endlich eine Gelegenheit ergeben. Bevor Emerelle reagieren könnte, würde sie durch einen niederen Albenstern in der Nähe der Burg getreten sein. Zuerst müsste sie ihren Begleiter abholen, der noch nichts von ihren Plänen wusste, aber dann konnten sie endlich aufbrechen.
Als sie durch das Tor schritt, machte sich Nervosität in ihr breit. Endlich würde sie Tiranu wiedersehen. Hoffentlich hatte sie sich wirklich nicht in ihm getäuscht!
Im Rosenturm empfing sie Stille. Zu dieser Zeit war der Fürst meist in seinem Arbeitszimmer oder in der Bibliothek zu finden. Hoffentlich auch heute!  Zuerst würde sie es im Arbeitszimmer versuchen!
„Ich kann nicht verantworten, dass du dir um meinetwillen Emerelles Zorn zuziehst“, durchbrach eine Stimme die Stille. Das Öffnen des Albensterns war offensichtlich nicht unbemerkt geblieben. In einem der Durchgänge lehnte Tiranu mit vor der Brust verschränkten Armen. Yulivees Herz machte einen Satz und sie eilte dem Elfen entgegen. Dieser umfing sie schließlich doch in einer Umarmung und drückte sie fest an sich.

„Bitte. Ich möchte dir ein Schicksal wie meines ersparen!“, flehte Tiranu sie fast schon an. „Emerelles Zorn kann schrecklich sein!“
„Ich brauche dich!“, bettelte Yulivee. „Ich brauche deine Hilfe! Du musst mich begleiten, bevor Emerelle mir Wachen nachschickt!“
„Wohin?“, fragte der Fürst vorsichtig.
„Zu Eleborn“, entgegnete Yulivee.
„Ich glaube nicht, dass ich die passende Begleitung bin…“, antwortete der Elfenfürst ausweichend. Eleborn hatte Nodon gekannt. Irgendwann würde Yulivee von seinem früheren Leben erfahren, aber noch wollte er lieber darüber schweigen. Er wollte nicht, dass die Elfe ihn wegen Legenden über sein früheres Leben begehrte oder verabscheute.
„Bitte! Es kann nicht allzu lange dauern, bis mein Verschwinden auffällt und wohin ich gegangen bin, wird wohl kaum ein großes Rätsel aufwerfen!“
Leise fluchte Tiranu. Jede Möglichkeit barg eine äußerst große Gefahr. Er musste auf jeden Fall verhindern, dass die Wachen Yulivee hierher folgten, vielleicht konnte er die Zauberweberin zurückbringen, bevor der Zorn der Königin wirklich erwacht war. Aber die Elfe würde ihn dafür vermutlich hassen. Dieses Risiko musste er jedoch eingehen. Zielsicher fand er den Nervenpunkt am Hals, der alle Kraft in das magische  Netz ableitete. Als er sich von Yulivee löste, sah er Zorn in ihren Augen über seinen Verrat aufblitzen.
Eigentlich sollte er die Magierin nur von seiner Leibwache zurückbringen lassen, doch das konnte er nicht. Rasch sammelte er fünf seiner Krieger um sich und legte sein Rapier an. Dann kehrte er zur bewegungslosen Yulivee zurück und nahm sie in seine Arme. Tiranu öffnete den Albenstern und trat hindurch.
„Es tut mir Leid. Ich kann nicht zulassen, dass du Emerelles Zorn auf dich herabrufst. Daran kannst du nur zugrunde gehen. Das habe ich bereits einmal erlebt.“

***


Die Königin hatte ihre Wachen sofort zusammenziehen lassen, als das Verschwinden Yulivees aufgefallen war. Wohin sie gereist war, war nicht schwer zu erraten. Zumindest glaubte Emerelle das. Dennoch würden sie denselben Albenstern nehmen, durch den die Zauberweberin geschritten war. Noch bevor sie jedoch aus den Toren geritten waren, entdeckten sie eine kleine Gruppe dunkel gewandeter Elfen, die sich auf die Burg zubewegte. Die Elfenkönigin gab den Befehl ihnen entgegenzureiten, sie selbst an der Spitze.
Nach kurzer Zeit erreichten sie die Gruppe, die, wie sie vermutet hatte, Elfen aus der Leibwache Tiranus waren. Am überraschendsten war jedoch, dass der Elfenfürst selbst sie anführte und Yulivee in den Armen trug. Sie war also dorthin geflüchtet, wo sie vermutet hatte.
Emerelle parierte ihr Pferd direkt vor der kleinen Gruppe und wartete auf eine Erklärung.
„Yulivee kam zu mir, um mich zu bitten sie in das Reich unter den Wogen zu begleiten. Da sie jedoch offensichtlich ohne deinen Segen aufgebrochen war, erschien es mir vernünftiger sie zu stoppen und zurückzubringen.“
Die Elfenkönigin musterte den Fürsten genau. Er ließ sich absolut nicht anmerken, was er dachte. Sie nickte ihm knapp zu und er setzte die Magierin ab und drückte auf einen Nervenpunkt. Sofort rührte Yulivee sich wieder und verpasste Tiranu eine Ohrfeige. Zornig funkelte sie alle Umstehenden an. Zur Überraschung aller, ignorierte der Elfenfürst die Ohrfeige komplett.
„Will mich sonst noch jemand aufhalten Eleborn zu besuchen?“, fragte die Magierin herausfordernd.
Niemand antwortete, bis der Fürst von Langollion sich an sie wandte: „Ich denke, wir werden hier nicht mehr benötigt. Mit deiner Erlaubnis würden wir nun wieder gehen.“
Dies brachte dem Elfen weitere finstere Blicke von Yulivee ein. Interessiert betrachtete die Elfenkönigin das Spektakel. Vielleicht sollte sie doch den Dingen, unter ihrer Aufsicht, ihren Lauf lassen. Es wäre vielleicht gut dabei zu sein, wenn sie zeigte, dass diese Verbindung keine Zukunft hatte.
„Ich denke, Yulivee sollte tatsächlich Eleborn besuchen.“, entgegnete Emerelle überraschend. „Und ich habe den Herrscher unter den Wogen auch lange nicht mehr besucht. Wir sollten nicht vollkommen ohne Schutz reisen. Und du bist der geschickteste Schwertkämpfer Albenmarks. Ich nehme an, dass es kein Problem darstellt, wenn Morwenna sich um die Regierungsgeschäfte kümmert, während du uns begleitest.“
Tiranu, der sich bereits zum Gehen gewandt hatte, blieb stehen und betrachtete die Königin prüfend. Er wirkte etwas argwöhnisch, was sie jedoch nicht wunderte.
„Ich würde also vorschlagen, dass du deine Leibwache zurückschickst und mit uns zur Burg kommst.“ Die Elfenkönigin machte ihm klar, dass sie keinen Widerspruch duldete.
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