Drei Monate, zwei Wochen und vier Tage

GeschichteRomanze / P18
Christine Daaé Erik - das Phantom der Oper
02.01.2016
06.01.2016
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Hallo!
Hierbei handelt es sich um eine Geschichte, die ich vor Ewigkeiten einmal angefangen und nun noch einmal überarbeitet habe. Hier ist das erste von drei Kapiteln, sie wird also eher kurz. Das nächste Kapitel wird in Bälde folgen.
Vielen Dank an Timebird, offiziell Beta-Leserin dieser Geschichte, die mir wie so oft mit Rat und Tat zur Seite steht. Ich hoffe, diese Geschichte gefällt dir, schließlich habe ich sie mehr oder weniger für dich noch einmal ausgegraben.
Und jetzt, hoffentlich viel Spaß beim Lesen. Ich würde mich sehr über Rückmeldung freuen.
Liebe Grüße! <3
Jojo



Christine saß auf dem Sofa im Salon. Sie hörte Erik jetzt schon eine ganze Weile zu, hatte sich zu ihm umgedreht und die Arme auf die Rückenlehne des Sofas gelegt, um ihn auch ansehen zu können. Es war schon recht spät, doch Zeit zählte hier unten sowieso nicht mehr. Erik und sie hatten tief unter der Oper ihre eigene Zeitzone errichtet.
Christine legte den Kopf auf die Arme. Erik saß an seinem Flügel. Sie wusste, dass er eigentlich lieber an der Orgel komponierte. Allerdings wusste er, dass sie ihm gerne beim Komponieren zusah und zuhörte und dass sie sich ungern in seinem Zimmer aufhielt. Also tat er es oft hier im Salon und ließ sie auf dem Sofa sitzen, während er eine neue Melodie zum Leben erweckte. Sie liebte es, dabei zu sein, wenn er das tat. Voller Konzentration und Hingabe spielte er die neuen Noten und schrieb sie dann, eine nach der anderen, sorgfältig auf. Manchmal murmelte er dabei vor sich hin, manchmal strich er frustriert ganze Akkoladen durch, die ihm plötzlich nicht mehr zusagten. Manchmal saß er Ewigkeiten da und dachte einfach nur über die nächsten Töne nach. Es war faszinierend. Besonders mochte sie es, wenn es um den Text eines Liedes ging, wenn er eine Arie komponierte, die ohne Zweifel für sie bestimmt war. Dann hörte sie ihn leise singen, mit den Wörtern und den Noten spielen, und mehr war kaum notwendig, um sie geradewegs in den Himmel zu befördern.
Jetzt aber war Erik still bei seiner Arbeit. Sein Stück stand noch in den Anfängen. Die Phase, in der er oft mehr ausprobierte als tatsächlich zu komponieren. Christine wusste, dass er in schneller Zeit ganze Meisterwerke komponieren konnte, doch oft ließ er sich lieber Zeit. Ja, er hatte manchmal Eingebungen, doch wie jeder andere Künstler auch brauchte er Inspiration und Zeit. Sie hatte oft erlebt, dass er sich geradezu zum Komponieren zwang, und die Ergebnisse hatten ihr nie so gut gefallen wie diejenigen, bei denen er die ein oder andere Passage nicht direkt aus dem Handgelenk hatte schütteln können.
Erik war unheimlich menschlich, wenn er mit Musik beschäftigt war. Und seine Musik war sanfter geworden, seit sie hier bei ihm war. Nicht mehr oft füllte ohrenbetäubendes Orgelgetöse ihre Wohnung.
Ihr Blick fiel auf den Ring, den sie am Ringfinger der rechten Hand trug. Er war recht schlicht, der winzige weiße Edelstein war die einzige Auffälligkeit in dem Silber. Erik trug einen ganz Ähnlichen. Ab und an sah sie ihn aufblitzen, wenn seine Hände über die Tasten des Flügels tanzten.
Erik hatte sein Versprechen gehalten. Er war sanft geworden wie ein Lamm, seit sie seine Frau war, und zeigte ihr immer öfter, dass auch er nur ein Mensch war. Natürlich, er hatte immer noch mit Stimmungsschwankungen zu kämpfen, das würde sich auch nicht ändern. Sein Zorn war manchmal beängstigend. Aber Christine hatte gelernt, ihn dann in Ruhe zu lassen. Sie merkte inzwischen, wann sie ihn besser nicht ansprechen oder versuchen sollte, Zeit mit ihm zu verbringen. Es dauerte auch meistens nur ein paar Stunden, in denen sie sich ganz gut selbst beschäftigen konnte.
Aber davon abgesehen war Erik ruhig und still geworden. Er sorgte dafür, dass sie alles hatte, was sie brauchte, redete aber nicht viel mit ihr. Er berührte sie kaum, vielleicht aus Angst, sie zu verschrecken. Ein Mal in der Woche, vielleicht auch zwei Mal, brachte er sie am helllichten Tag nach oben an den Ausgang in der Rue Scribe. Und sie ging dann in einen Park oder auf den Markt, genoss das Sonnenlicht und die Menschen um sie herum. Nach ein paar Stunden kehrte sie zu Erik zurück, der dann bereits auf sie wartete, um sie wieder nach Hause zu geleiten. Ihr war es nie in den Sinn gekommen, nicht zu ihm zurück zukehren. Die Zeit hier unten verbrachten sie meistens zusammen, ähnlich wie jetzt. Und immer war es still. Sie redeten nicht viel miteinander. Erik erzählte ihr keine Geschichten mehr. Sie fragte sich, wie lange das so bleiben würde.
Wochen, viele Wochen, waren bereits vergangen und es hatte sich nicht großartig etwas geändert. Eriks ständige, stille Gegenwart beunruhigte sie nicht, im Gegenteil. Sie merkte, wie sehr er ihre Anwesenheit genoss. Wie sehr er sich nach den schüchternen Berührungen sehnte, die sie ihm ab und zu schenkte. Manchmal nahm sie seine Hand, wenn er neben ihr auf dem Sofa saß. Oft lehnte sie sich an seine Beine, wenn er in seinem Sessel las. Ab und zu lehnte sie auch den Kopf an seine Schulter, wenn sie gemeinsam auf dem schmalen Hocker vor dem Flügel saßen. Sie hatten noch kein einziges Wort darüber verloren, doch Christine glaubte auch nicht, dass das nötig war.
Sie hatte sich in jener Nacht für ihn entschieden. Sie würde es jederzeit wieder tun. Es war die richtige Entscheidung gewesen, das wusste sie jetzt.
Doch sie hatte es sich beim besten Willen anders vorgestellt.
Trotz seinen Versprechungen hatte sie angenommen, er würde sie gefangen halten, jeden ihrer Schritte mit Argusaugen verfolgen. Aber das tat er nicht. Er schien ihr vollkommen zu vertrauen. Jedes Mal, wenn er sie ansah, war sein Blick dankbar. Er liebte sie. Das war etwas, woran sie nicht zweifelte. Sie war sich nur nicht sicher, ob er wusste, dass sie ihn auch liebte.
Sie wartete, bis es still wurde. Bis nur noch das Rascheln der Blätter zu hören war, als er sie ordentlich zusammen legte. Sie würde nie wagen, ihn zu unterbrechen. Sie wartete immer, bis er fertig war. Jetzt stand sie auf und ging auf ihn zu, bis sie direkt hinter ihm stand. Eine Hand legte sie vorsichtig auf seine Schulter, die andere strich einmal zärtlich über sein Haar. Sie nahm die gerade aufgeschriebenen Noten in Augenschein. Sie musste sich immer anstrengen, um seine Schrift entziffern zu können. Das Stück würde ihr gefallen. Wahrscheinlich würde es nicht mehr lange dauern, bis sie diese Noten singen durfte.
„Ich glaube, ich gehe zu Bett“, flüsterte sie schließlich. „Kommst du?“
Erik nickte. Christine lächelte und ging in ihr Zimmer. Erik würde ihr gleich folgen. Und tatsächlich, als sie bereits im Nachthemd aus ihrem Bad kam, saß er wie gewohnt auf dem Stuhl neben ihrem Bett.
So war es jede Nacht, seit sie hier war. In ihrer Hochzeitsnacht hatte er darum gebeten, in ihrem Zimmer sitzen und ihr beim Schlafen zusehen zu dürfen, obwohl sie zu allem bereit gewesen wäre. Aber sie hatte es ihm gewährt und seitdem saß er in jeder Nacht an ihrem Bett. Es machte ihr nichts aus, doch viel lieber wäre ihr gewesen, wenn er neben ihr im Bett liegen würde. Aber das schien er nicht im Sinn zu haben. Noch nicht einmal einen Kuss hatte er verlangt.
Dabei sah sie, was es ihm für eine Selbstbeherrschung abverlangte. Jedes Mal, wenn sie im Nachthemd vor ihm stand, flammte Begehren in seinen Augen auf. Dann wandte er den Blick ab und sah sie nicht an, bis ihr Körper unter der Bettdecke verborgen war. Christine wusste nicht, warum er sich zurück hielt. Sie war seine Frau, er hatte jedes Recht, sie sich zu nehmen, wenn er das wollte. Doch er tat es nicht, und in jeder Nacht lag sie lange wach und wunderte sich über ihre Enttäuschung darüber. Sie war sich sicher, dass Erik das bemerkte. Ihm entging nichts, wenn es um sie ging.
Sie wusste manchmal selbst nicht, was hier vor sich ging. Erik konnte immer noch so unendlich schwierig sein. Wenn er in schlechter Stimmung war, war er gemein, sogar grausam. Doch seine Laune konnte in Sekundenschnelle wechseln – in einem Moment machte er eine bissige, herablassende Bemerkung, im nächsten huschte ein dankbares Lächeln über seine schmalen Lippen. Es war besser geworden, ja, viel besser, aber einfach würde es mit ihm nie sein. Und doch ...
Und doch durchlief sie immer wieder ein angenehmer Schauer, wenn er sie ansah. Allein der Klang seiner Stimme brachte sie zum Lächeln. Sie konnte nicht genug bekommen von den wenigen Malen, da er sie tatsächlich von sich aus berührte. Sie sehnte sich nach ihm auf eine Weise, die ihr unheimlich und fremd war.
Christine schlüpfte an diesem Abend nicht unter die Bettdecke. Sie wusste, dass sie Erik damit in die Bredouille trieb und dass das Risiko, dass ihm das nicht gefiel, ziemlich hoch war. Dennoch setzte sie sich ihm gegenüber auf die Bettkante. Sie erntete einen halb überraschten, halb misstrauischen Blick aus seinen ungleichen Augen. Sie erklärte sich nicht, sondern schwieg. Sie wollte ihn zum sprechen bringen. Wollte, dass er über mehr mit ihr sprach als darüber, wie sie in der letzten Nacht geschlafen hatte oder was sie zu Abend essen wollte. Worte waren zwischen ihnen zwar nicht zwingend notwendig, sie verstanden sich oft genug auch so – aber Erik war und blieb eben undurchsichtig. Wenn er wollte, dass sie nicht wusste, was in ihm vorging, würde sie es auch nicht erfahren. Das wollte sie ändern, auch wenn sie nicht die geringste Ahnung hatte, wie.
Doch fürs erste hatte sie Erfolg.
„Ist alles in Ordnung?“, fragte Erik. In seiner Stimme klang auch Sorge mit, doch das vorherrschende Gefühl schien Skepsis zu sein.
„Ja“, sagte sie und lächelte. „Warum fragst du?“
„Du tust das für gewöhnlich nicht“, sagte er langsam. Seine Augen wanderten ihren Körper hinunter, flogen jedoch schnell zurück zu den ihren. Sein Blick hinterließ einen Schauer auf ihrer Haut. Er selbst schien sich ertappt zu fühlen.
„Ich weiß nicht, was du meinst“, sagte sie unschuldig, was wenigstens nicht ganz gelogen war. Erik verlangte eine Erklärung dafür, warum sie von ihrer allabendlichen Routine abwich, und sie konnte ihm wirklich keine geben. Sie wusste es ja selbst nicht – aber es schien an der Zeit, etwas zu ändern.
Eriks Augen verengten sich ein Stück, doch er sagte nichts weiter dazu. „Ich dachte, du wärst müde?“
„Ich sagte, dass ich zu Bett gehen möchte, nicht, dass ich müde bin.“
„Meine liebe Christine, das macht keinen Sinn.“, klärte er sie freundlich auf. „Leg dich jetzt hin und schlaf.“
Sie seufzte und sah auf ihre Hände hinunter, die in ihrem Schoß lagen. Sie drehte den silbernen Ring ein wenig und betrachtete ihn, wie sie es oft tat.
„Darf ich dich vorher noch etwas fragen?“, sagte sie dann.
„Natürlich.“, sagte Erik.
„Warum möchtest du jede Nacht in meinem Zimmer sein?“
„Ich gehe, wenn es dir etwas ausmacht, dass ich hier bin.“
„Das meine ich nicht und das weißt du. Ich möchte den Grund erfahren.“
„Den habe ich dir gesagt“, sagte Erik und legte den Kopf leicht schief. „Ich sehe gerne zu, wie du schläfst.“
„Aber warum?“
„Weil du wunderschön bist. Du wirkst friedlich, wenn du schläfst“, sagte er. Er klang doch tatsächlich schüchtern.
„Wirke ich jetzt nicht friedlich?“, fragte Christine.
„Gerade machst du mir eher Sorgen.“ Sie erkannte am Ton, dass er es halb im Scherz meinte. Sie legte die Hände rechts und links neben sich und strich nervös über das Bettlaken.
„Erik... Du musst dir keine Sorgen um mich machen“, sagte sie. „Mir geht es gut. Sehr gut sogar.“
„Das beruhigt mich“, meinte er und klang auch so.
Christine fühlte sich ein wenig unwohl. Schon jetzt begann sie zu bereuen, dass sie sich nicht einfach hingelegt und schlafend gestellt hatte. Sie wollte ihn nicht zur Rede stellen. Mit Erik über so etwas reden zu wollen, ging meistens schief. Aber jetzt redete er immerhin.
„Wie lange bin ich nun schon hier?“, fragte sie leise.
„Drei Monate, zwei Wochen und vier Tage“, antwortete Erik, als müsste er darüber noch nicht einmal nachdenken.
Christine stutzte. „Das weißt du so genau?“
„Du nicht?“
Christine schüttelte den Kopf. Hier unten floss ein Tag in den anderen.
„Ich zähle jeden Tag“, murmelte Erik wie zu sich selbst. Er wandte den Blick ab.
„So viele Tage“, flüsterte Christine. Sie beugte sich vor und griff nach seiner Hand. „Und kein einziges Mal haben wir wirklich geredet.“
„Reden kann viel zerstören, weißt du?“, erwiderte Erik. Seine langen, knochigen Finger schlossen sich vorsichtig um ihre kleine Hand. „Ich schweige lieber und bin mir sicher, dass mir der Moment noch eine Weile erhalten bleibt.“
„Wovor hast du Angst?“, fragte Christine.
Erik sah sie lange an, dann schüttelte er langsam den Kopf und entzog ihr seine Hand. Er lehnte sich in seinem Stuhl zurück. „Schlaf jetzt“, sagte er dann.
„Nein“, sagte Christine.
„Wie bitte?“
„Ich werde nicht schlafen, bevor ich nicht weiß, was in deinem Kopf vorgeht.“
Ruckartig beugte Erik sich wieder vor. Ihre Gesichter waren plötzlich nur noch Zentimeter von einander entfernt.
„Ich bezweifele, dass du das wirklich wissen willst“, sagte Erik bedrohlich leise.
Christine ließ einen Moment der Stille verstreichen und rührte sich nicht. Sie musste all ihren Willen aufbringen, um nicht zurück zu weichen und seinem Blick standzuhalten. Ein Feuer loderte in seinen Augen, das sie nur zu gut kannte. Sich vor ihm in Sicherheit bringen, wenn sie dieses Feuer sah, das war immer noch der erste Impuls. Doch sie hatte inzwischen gelernt, dass sie dem manchmal widerstehen musste. Dass sie Erik standhalten musste.
Denn das wirkte auch jetzt. Es dauerte nicht lange und Erik beruhigte sich wieder. Als er zurückweichen wollte, nahm sie erneut seine Hand und er hielt inne.
„Bin ich nicht deine Frau?“, fragte sie leise.
„Doch, das bist du.“ Unter der zögernden Unsicherheit lag Stolz, was sie ermutigte.
„Und du bist mein Ehemann?“
„Ja, Christine.“
„Warum zeigst du es mir dann nicht?“
Erik sah sie verwirrt und verständnislos an. Er begriff nicht.
„Ich will dir doch nichts Böses.“, sagte Christine. „Ich möchte dich nur verstehen.“
„Es gibt nichts zu verstehen.“
Sie wusste nicht, was ihn so traurig machte. Sein Blick und seine Stimme verrieten deutlich, dass er es war. Christine bemühte sich jeden Tag, seinen Schmerz zu lindern. Sie wusste, sie konnte ihn nicht vertreiben, dafür lastete zu viel davon auf seinen Schultern. Doch sie hatte geglaubt, ihre Nähe würde es besser machen. Doch anscheinend hatte sich kaum etwas geändert.
„Möchtest du mich überhaupt noch hier haben, Erik?“, fragte sie.
Erik bemerkte, dass sie verletzt war. Er nahm ihre Hand in seine. „Wenn ich etwas gesagt oder getan habe, dass dich verletzt hat, tut es mir Leid. Es war gewiss nicht meine Absicht.“
Christine lachte leise und schüttelte frustriert den Kopf. „Du verstehst nicht, worauf ich hinaus möchte.“
Aber wie sollte sie es ihm begreiflich machen? Wie sollte sie ihm erklären, dass sie ihn wollte, voll und ganz? Wenn sie es doch selbst nicht ganz verstand.
„Doch, Christine“, sagte Erik. „Ich verstehe sehr wohl.“
„Ach ja?“, fragte Christine hoffnungsvoll.
Eriks endlos schmerzerfüllte Augen sahen sie an.  „Du wirst gehen, nicht wahr?“
„Gehen? Wohin?“
Eriks einzige Antwort war ein kurzer Blick nach oben.
„Wie kommst du darauf?“, fragte Christine irritiert.
„Ich warte seit drei Monaten darauf“, sagte Erik.
„Aber warum?“
„Warum solltest du bleiben?“, antwortete Erik erschöpft mit einer Gegenfrage.
Christine lächelte. „Erik?“
„Ja?“
„Du verstehst mich vollkommen falsch“, sagte sie sanft.
Erik sah sie an. Da war immer noch Schmerz und Angst, doch über allem plötzlich Hoffnung.
„Warum sollte ich gehen? Ich habe hier doch alles, was ich brauche. Außerdem sind wir verheiratet. Erik, ich kann und möchte dich nicht verlassen.“
„Du bist wahrhaftig ein Engel, Christine“, murmelte Erik mit einem Seufzen, aus dem sie sofort die Sehnsucht heraushörte.
Seit jener Nacht hatte sie ihn nicht mehr geküsst, auch wenn sie es oft hatte versuchen wollen. Doch sie hatte sich nicht getraut und die wenigen Male, die sie fast genügend Mut zusammengekratzt hatte, war er sofort zurück gewichen. Jetzt jedoch schien er in düsteren Gedanken versunken zu sein und merkte kaum, dass sie ihm näher kam, als er es für gewöhnlich zuließ. Sie legte eine Hand an seine kalte, maskierte Wange. Er war ihr immer noch nah genug, sie musste sich nur ein wenig strecken und ihre Lippen berührten sich.
Sie merkte sofort, dass Erik sich versteifte. Sie glaubte fast, ihn erschrocken zu haben. Seine Lippen waren wie zu Eis erstarrt, er rührte sich keinen Zentimeter, auch nicht, als sie sich nach einer Weile wieder von ihm löste. Röte schoss in ihre Wangen, als sie in seine geöffneten Augen sah. Darin herrschte pures Chaos. Er starrte sie an, völlig fassungslos. Dabei war das nur ein einfacher Kuss gewesen.
Christine wurde zunehmend nervös. Sie hatte erwartet, dass er vielleicht irgendwann begriff, worauf sie hinauswollte, und die Initiative ergriff ... Doch das schien nicht zu passieren.
„Erik?“, fragte sie vorsichtig.
Er schloss beinahe gequält die Augen. „Was soll das werden, Christine?“, fragte er heiser.
„Ich weiß nicht“, murmelte sie.
Ängstlich sah sie ihn an. Leicht vornüber gebeugt saß er da, die Augen hielt er geschlossen. Sie bemerkte, dass er sich an seinem Stuhl fest hielt.
Christine biss sich schuldbewusst auf die Lippe. Sie hatte ihn schon öfter so erlebt. Sie wusste nicht, was in seinem Kopf vorging, doch angenehm schien es nicht zu sein. Vermutlich musste er all seine Selbstbeherrschung aufbringen, um sich zurückzuhalten. Wenn sie ihm nur begreiflich machen könnte, dass er sich nicht länger zurückhalten musste.
Normalerweise würde sie ihn jetzt in Ruhe lassen. Wenn er sich so in sich selbst zurückzog, war die Gefahr meistens groß. Doch nicht heute Abend. Heute Abend war sie am Zug. Irgendwie wollte sie ihm die Angst, den Schmerz nehmen, wenn sie auch noch nicht wusste, wie. Aber sie hatte sich entschieden, bei ihm zu bleiben, und nicht nur das. Sie war seine Frau. Hatten sie beide nicht jedes Recht, auch wie das Ehepaar zu leben, das sie waren? Sie sah, wie sehr Erik mit sich selbst kämpfte. Sie wusste auch, dass sie nur warten musste, irgendwann würde er den Kampf verlieren. Aber so weit wollte sie es nicht kommen lassen. Sie wusste, dass sie durchaus eine gewisse Macht über ihn besaß, auch wenn er es ungern zeigte. Sie war kein Kind mehr. Sie war jung, ja, und unerfahren, aber sie war nichtsdestotrotz eine Frau. Und als solche wollte sie auch geliebt werden. Augenscheinlich musste sie selbst dafür sorgen, da Erik keinen Schritt von sich aus auf sie zu ging.
Also hieß es jetzt oder nie.
Sie wollte erneut Eriks Gesicht berühren, ihn sanft zu sich hinunterziehen, doch dieses Mal machte er ihr einen Strich durch die Rechnung. Seine Hände umfassten ihre Handgelenke. Seine Augen öffneten sich und sie erschrak aufgrund der gefährlichen Begierde, die sie darin entdeckte.
„Nicht“, sagte Erik.  Auch seine Stimme klang dunkler, rauer als sonst.
„Aber ...“
„Christine, ich bitte dich, hör auf mich. Tu, was ich sage. Sonst kann ich für die Folgen nicht garantieren.“
„Ich kenne die Folgen“, sagte Christine. „Erik, ich bin kein Kind mehr.“
„Doch, das bist du. Du weißt nicht, was du hier tust.“
Christine wollte ihm ihre Hände entziehen, doch Erik hielt sie fest.
„Das weiß ich sehr wohl“, erwiderte Christine frustriert. „Wenn du es nur zulassen würdest, dann...“
„Was dann? Glaubst du, du willst es? Du bist wirklich ein naives kleines Ding, wenn du glaubst, es könnte dir gefallen.“ Seine Stimme bekam diesen gehässigen Klang. Einer seiner Mundwinkel verzog sich zu einem schiefen, gemeinen Lächeln nach oben.
Tränen stiegen ihr in die Augen. Erik musste das bemerken, doch er störte sich nicht sonderlich daran. Mit einem Ruck versuchte sie erneut, ihre Hände aus seinem Griff zu lösen, und dieses Mal ließ er sie frei. Christine stand auf, sie ertrug es nicht, ihm länger gegenüber zu sitzen, und entfernte sich ein paar Schritte von ihm. Als sie ihm den Rücken zugekehrt hatte, wischte sie sich wütend über das Gesicht, um die Tränen fortzuwischen. Es brachte nichts zu weinen. Es hatte nie irgendetwas gebracht, wegen Erik zu weinen.
Nur, dass es jetzt doch etwas brachte.
Christine hatte nicht bemerkt, dass Erik näher gekommen war, doch plötzlich spürte sie eine federleichte Berührung an ihren Schultern.
„Verzeih“, hörte sie dann seine Stimme direkt an ihrem Ohr. „Ich wollte dich nie zum weinen bringen.“
Ein warmes Kribbeln durchfuhr sie und sie lehnte sich gegen ihn. Sie hörte Erik leise seufzen.
„Christine ...“
Christine schüttelte den Kopf und drehte sich um. Sie sah ihn nicht an, lehnte nur den Kopf an seine Brust, schmiegte sich beinahe an ihn. Lange waren sie sich nicht mehr so nah gewesen. Erik berührte vorsichtig ihre Schultern und als sie nicht protestierte, sondern sich nur noch mehr gegen ihn lehnte, legte er die Hände auf ihren Rücken. Sie war nicht sicher, ob Erik die Umarmung genauso genoss wie sie. Er hatte sich vollkommen versteift und schien jeder Zeit damit zu rechnen, dass sie ihn fort stieß. Doch sie hätte nichts dagegen gehabt, wenn er sie noch ein wenig fester gehalten hätte. Erst nachdem sie lange so gestanden hatten, entspannte er sich ein wenig. Er legte das Kinn auf ihren Kopf. Sie spürte seinen Atem auf ihrem Haaransatz, lächelte und drückte sich noch ein wenig enger an ihn.
„Geh jetzt zu Bett“, wies er sie irgendwann leise an, legte die Hände an ihre Schultern und drückte sie ein Stück zurück.
„Aber, Erik...“
„Keine Widerrede. Tu, was ich sage.“
Sie sah zu ihm auf. Seine Augen waren eine Spur dunkler als sonst. Ein Gefühl kam in ihr auf, von dem sie nicht recht wusste, ob es Aufregung oder Angst war. Eriks Finger fuhren kurz über ihre Arme, die ihr Nachthemd frei ließ, und hinterließen eine Gänsehaut.
„Du bleibst doch hier“, flüsterte sie. „Oder?“
„Wenn du das wünschst“, erwiderte er, ohne den Blick von ihren Augen abzuwenden.
Christine streckte sich, doch bevor ihre Lippen erneut die seinen berühren konnten, legte er zwei Finger auf ihre Lippen und drückte sie sanft zurück.
„Das reicht für heute, findest du nicht?“
„Warum?“, fragte Christine.
„Weil ich es sage. Leg dich jetzt hin und schlaf.“
Christine wandte den Blick ab und versuchte, ihm nicht zu zeigen, wie sehr er sie frustrierte. Sie löste sich von ihm und kroch unter die Bettdecke. Sie kehrte ihm den Rücken zu und beschloss, seine Anwesenheit zu ignorieren.
Das machte er ihr jedoch recht schwer. Erik griff noch einmal nach der Bettdecke und legte sie richtig über ihre Schultern.
„Soll ich etwas für dich singen, Christine?“, flüsterte er. Wie immer jagte ihr seine Stimme einen wohligen Schauer über den Rücken.
„Bitte“, erwiderte sie genauso leise und schloss die Augen.
Einen Moment später, nachdem Erik auf seinem Stuhl Platz genommen hatte, erklang auch schon seine Stimme und trug sie in den Schlaf. Sein Gesang half nicht gerade, um ihren Schlaf zu beruhigen, und sie träumte von Eriks heiserer Stimme in ihrem Ohr und von seinen Händen und seinen Lippen auf ihrer Haut.
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