Überleben, nicht leben

GeschichteDrama, Horror / P18
Aaron Daryl Dixon Merle Dixon Negan OC (Own Character) Rick Grimes
02.01.2016
16.04.2017
62
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„Intulo has spoken before you. Now all earthly creation, including men will die.“
- 'Words of Intulo', Emmure

Vorher – 1

Ihr fiel eine Strähne ins Gesicht als sie den Einkaufskorb aus dem Kofferraum zog. Während sie die Last anhob, sah sie sich um, ohne den Kopf dabei zu drehen, nur ihre Augen versuchten die Gegend in dem eingeschränkten Sichtfeld wahrzunehmen.
Ihr Vater würde wütend werden, wenn sie sich nicht auf ihre Aufgabe konzentrierte und unachtsam wurde. Nichtmal das Richten der Haare war gestattet. Also tat sie so als wäre nichts, trotz dass er gar nicht zu Hause war und trug den Korb vom Auto durch die Einfahrt in das Haus.
Es war ein heißer Tag in Georgia und es war Nachmittag, mitten in der Woche. Die meisten Leute waren um diese Zeit an ihrem ungeliebten Arbeitsplatz oder in der Schule. Sie begehrte nichts mehr als diese Art von Leben, ruhig, langweilig, bescheiden und fern von allen Sorgen.
Stattdessen musste sie Gedanken daran verschwenden, wie sie dem nächsten Gewaltausbruch aus dem Weg gehen konnte, um nicht noch mal im Krankenhaus erklären zu müssen, sie sei nur gestürzt. Irgendwann würde man ihr die Ausreden nicht mehr glauben und das wusste sie.
Ihr Vater wusste es auch, nur schien er sich nicht darum zu kümmern, immerhin war er Polizist und ihm würde man seine Version der Geschichte eher abkaufen als ihr. Zumindest sagte er das jedes Mal und sie hatte begonnen sich damit abzufinden und es als die Wahrheit anzuerkennen.
Als sie die Einkäufe in der Küche abstellte und sie auszuräumen begann, lenkte eine Bewegung im hinter dem Haus gelegenen Waldstück sie ab. Sofort war die Angst wieder da, mit der sie jeden Tag die Heimkehr ihres Vaters erwartete. Die war sogar noch schlimmer geworden, seit sie vor knapp sechs Monaten den Keller angezündet hatte und er danach vollends den Verstand verloren zu haben schien.
Sie richtete ihren Blick weiter auf das Waldstück und sah eine Gestalt aus den Sträuchern treten.
Es dauerte eine Weile bis sie erkannte, dass es Daryl Dixon war, der junge Mann, der auch in der Gegend wohnte, nur ein paar Häuser weiter. Sie dachte eigentlich nie an ihn, sie hatte andere Probleme. Auch wenn sie deshalb manchmal ein schlechtes Gewissen bekam.
Oftmals waren auffällige blaue Flecken und neue Verbände an seinen Armen oder seinem Gesicht, ähnlich wie ihre. Doch ging er wahrscheinlich nicht damit ins Krankenhaus, er floh in den Wald. Er floh vor seinem Vater in den Wald und sie wusste es, alle wussten es, aber keiner unternahm etwas dagegen. Es interessierte auch niemanden. Nicht hier. Nicht jetzt.
Er kam wohl von der Jagd zurück. Das tote Tier, das er mit sich trug, bei welchem sie nicht ausmachen konnte, was es genau war, sprach dafür. Sie kannte ihn kaum und mochte ihn nicht besonders, aber noch weniger seinen Bruder Merle.
Der starrte sie mittlerweile nur noch wütend an, wenn sie ihm über den Weg lief und sie hatte das Gefühl, dass es kein Blick war, der Gutes verheißen konnte. Schnell verscheuchte sie den Gedanken an Merle, denn er verursachte ein flaues Gefühl in ihrem Magen. Währenddessen schritt Daryl weiter in ihrem Blickfeld hinter dem Zaun des Grundstückes her, dreckig, verschwitzt.
Endlich war er weit genug weg, sodass sie ihn nicht mehr sehen konnte und ihr fiel ihre eigentliche Aufgabe wieder ein – Abendessen für ihren Vater zubereiten, der in den nächsten zwei Stunden zurückkehren dürfte. Er wurde schnell wütend wenn dies nicht pünktlich von ihr erledigt wurde.

Die Haustür öffnete sich mit einem Knarren und der große, übergewichtige Mann in seiner zu eng sitzenden Polizei-Uniform betrat das Haus. Er warf die Schlüssel auf das Regal, das neben der Garderobe stand und schritt mit seinen schmutzigen Stiefeln über den geputzten Boden.
Allein das war kein gutes Zeichen für den bevorstehenden Teil des Abends. Sie hatte schon die Alarmglocken läuten hören, als er verkündete, dass sie das Auto haben könne. Officer Riley wollte eine Runde geben, um die Geburt seines Kindes zu feiern und er war eingeladen worden.
„Judith!? Judith mein liebes Kind“, lallte er und stolperte durch das Wohnzimmer Richtung Küche, in der sie den Tisch gedeckt hatte. „Judith, wo bissst du denn? Willssu deinen alllten Vater nicht gebührend begrüßen?“ Er wankte weiter und lehnte sich anschließend im Türrahmen zur Küche an.
„Hasssu mich nich gehört?“ sagte er während er sie anstierte schon deutlicher und damit auch bedrohlicher. Hastig schluckte sie und wandte sich langsam zu ihm um, bloß nicht provozieren. „Doch natürlich, Vater. Komm doch und setz dich, das Essen ist gerade fertig.“
Sie zwang sich zu einem wohlwollenden Lächeln und ging auf den Tisch zu. Zitternd rückte sie seinen Stuhl zurecht, sodass er sich nur noch setzen musste. All das tat sie unter der strengen Beobachtung seiner zusammengekniffenen Augen.
Er setzte sich langsam in Bewegung und trat festen Schrittes auf sie zu. Dann stand er so nah vor ihr, dass ihr Gesicht fast sein Hemd berührte und ihr stieg der strenge Geruch von Schweiß und Bier in die Nase. Judith wagte es nicht den Blick zu heben, sondern blieb wie angewurzelt stehen.
„Setz dich doch, Vater. Du musst müde sein, nach so einem langen Tag.“ Er musste den Versuch um Selbstbeherrschung bemerkt haben, denn er blickte sie vernichtend überlegen an und begann zu lachen.
„Jaja, die brave Hausfrau versteht den hart arbeitenden Mann. Das habe ich dir schon richtig beigebracht. Doch braucht ein hart arbeitender Mann nicht bloß warmes Essen nach einem so langen Tag, wie du es nennst...“, raunte er, während er seine Hand über ihren Po gleiten ließ.
Ihr Körper drohte unter dieser Berührung zu kollabieren, kaum konnte sie ihre Atmung kontrollieren. Der Versuch sich abzuwenden und Distanz zu schaffen, scheiterte. Er packte sie am Arm und zog sie zurück. Judith zwang sich zu reden, die Situation in den Griff zu bekommen.
Sie stammelte: „Komm, das Essen wird kalt, du willst doch nicht, dass es kalt wird. Setz dich, ich hole-“
„HALT DEIN VERDAMMTES MAUL, HIER WIRD GEMACHT WAS ICH SAGE!“ schrie er bis seine Stimme versagte und schubste sie an den Esstisch. Dort packte er sie mit seiner rechten Hand an den Unterarmen und versuchte sie endgültig in seine Gewalt zu bekommen, doch sie trat um sich und schrie so laut sie konnte. Dann bekam er mit seiner linken ihre Haare zu fassen und zog ihren Kopf nach unten, sodass ihr Hals nach hinten überdehnte.
„Bist du jetzt ein braves Mädchen und machst was ich sage?“ flüsterte er ihr ins Ohr. Er drückte sein ganzes Gewicht auf ihren zierlichen Körper, sie rang nach Atem. Sie versuchte zu nicken, aber ihr Kopf war so weit in den Nacken gezogen, dass dies kaum möglich war. Tränen liefen aus ihren herausquellenden Augen. Der Belastung konnte sie nicht mehr lange stand halten.
„Antworte! Miststück! Oder muss ich dir wieder zeigen wer hier das Sagen hat, hm?“ Er wurde wieder lauter, aber sein Griff lockerte sich.
„Ja, ja, ja, ich mache was du sagst...“, brachte sie unter großer Anstrengung hervor.
Er fuhr fort: „Denn wir wollen nicht vergessen, wer hier wen durchfüttert und das Geld ins Haus bringt. Sei froh, dass du überhaupt ein Dach über dem Kopf hast. Ich sorge für dich und ich sage dir was du tun darfst und was ich will, verstanden? Also versuch nicht mir vorzuschreiben, wann ich essen soll. Und jetzt sei ein braves Mädchen und hör verdammt nochmal auf zu heulen, ist das klar?“
„Ja, Vater“, sagte sie. Er ließ sie los und trat einen Schritt zurück. Gerade weit genug weg von ihr, dass sie sich aufrichten konnte. Judith umfasste ihr rechtes Handgelenk, es schmerzte heftig.
Ihr Blick richtete sich auf seine Füße und Angst umklammerte sie.
In einer plötzlichen Bewegung packte er sie erneut und drehte sie mit dem Bauch auf die Tischplatte. Dann schlug er ihren Rock nach oben und drückte mit einem seiner Füße ihre Beine auseinander. Er befreite sich von seinem Gürtel und seiner Hose. Judith schloss die Augen und ließ es über sich ergehen. Wie immer. Die Schmerzen wurden mit der Zeit nicht erträglicher, aber ihr zerfetztes Inneres hatte sich damit abgefunden.

2

Der Wald war so friedlich. Zumindest kam es ihm so vor. Auch wenn hier tagtäglich die Natur waltete, in all ihrer Grausamkeit. Lebewesen fraßen andere Lebewesen. So lief das nun mal.
Daryl spannte seine Armbrust und legte sie an. Dann ging er weiter. Er folgte heute keinem besonderen Pfad oder einem Plan, er wollte einfach nur alleine sein. Sein Vater war nicht zu Hause und Merle konnte er momentan überhaupt gar nicht ertragen. Wenn er etwas erlegen konnte, dann war es umso besser. Dann brauchte er nicht mit dem Gedanken zu spielen es mit jemandem zu Hause zu tun.
Dabei war zu Hause schon ein gewagter Ausdruck. Deshalb mochte er es draußen zu sein. Im Wald musste er niemanden beachten, fiel niemandem auf, musste sich um niemanden kümmern. Nur um sich selbst.
Vielleicht wäre das Leben viel einfacher, wenn die Welt nur aus Einzelgängern bestehen würde. Keine gesellschaftlichen Zwänge, kein gespieltes Interesse aneinander. Keine Familien, die zusammenlebten, weil es von ihnen erwartet wurde. Manche Menschen sollten einfach nicht zusammenleben müssen, es passte nicht. Er musste es wissen.
Während er seinen Gedanken nachgehangen hatte, war ihm entgangen, dass er sich in einer Gegend befand, die er nicht kannte. Zumindest noch nicht.
„Scheiße“, entfuhr es ihm leise. Daryl hasste es, wenn er sich verlief, es kam fast gar nicht mehr vor, doch kam es dennoch vor und er ärgerte sich darüber, dass er noch immer nicht jeden Teil des Waldes kannte.
Er blieb stehen und drehte sich einmal um sich selbst, doch die Orientierung war ihm tatsächlich verloren gegangen. Dann musste er jetzt eben diese Umgebung kennenlernen.
„Hab ja grad eh nichts zu tun...“, sagte er zu sich selbst und hing sich die Armbrust an ihrem Gurt um den Oberkörper. Nun konzentrierte er sich vollends auf Geräusche in der Umgebung, vielleicht würde er auf diese Weise eine Lichtung oder ein Gewässer finden.
So lief er noch etwa eine halbe Stunde durch die Luft des noch jungen Tages und dann erfüllte sich seine Hoffnung. Das Geräusch von fließendem Wasser drang an seine Ohren und er lief in die ungefähre Richtung.
Daryl erreichte einen Bach, dessen Strömung er bis zu einer Lichtung folgte. Der Wind strich ihm wie eine Wohltat um den Körper, er schloss für einen Moment die Augen. Dann richtete er wieder seine vollständige Aufmerksamkeit auf seine Umgebung und er begann nach auffälligen Dingen Ausschau zu halten.
Ihm fiel nur eine zusammengekauerte Person auf, die am Ufer des beschaulichen Baches saß und er erkannte nicht genau, ob es ein Mann oder eine Frau war. Vorsichtig und so leise wie möglich ging er auf die Person zu, er wollte sie nicht erschrecken, immerhin hing eine Armbrust an ihm. Als er so nah war, dass er erkennen konnte, wer dort saß, stockte er.
Es war das Mädchen, das nur ein paar Häuser weiter mit ihrem Vater wohnte. Sie schien ihn nicht zu bemerken, zumindest zeigte sie keine Reaktion auf sein Erscheinen. Daryl nutzte die Gelegenheit und betrachtete sie genauer.
Ihre Arme umklammerten ihre angezogenen Beine und ihre Augen waren geschlossen. Trotzdem quollen Tränen unter ihren Lidern hervor und liefen über ihr blasses Gesicht. Er hörte kein Schluchzen oder ein anderes Zeichen für den Verlust der Kontrolle über sich selbst. Bis auf die Tränen. Sie liefen unaufhörlich.
So stand er fast drei volle Minuten da. Starrte sie an. Erfasste jedes Detail, das ihm bemerkenswert vorkam. Ihr rötliches Haar wirbelte sich in widerspenstigen Locken aus dem Haarknoten, den sie sich gemacht hatte. Abgemagert sah sie aus, ihre Wangen waren eingefallen und ihre Arme machten den Anschein, als wären sie gerade mal so dick wie sein Daumen.
Selbst durch ihren langärmligen Pullover konnte er das sehen und er begriff nicht, warum jemand bei einer solchen Hitze diese Kleidungswahl treffen konnte. Es sei denn, sie hätte etwas zu verstecken...
Dann sah er genauer hin und entdeckte, dass ihre Handgelenke dunkelblau verfärbt waren, das rechte war auffällig angeschwollen. Das konnte kaum einen Tag her sein. Ihm wurde bewusst, dass er sie immer noch anstarrte und er befürchtete, dass er ihr damit Angst machen könne.
So beiläufig wie möglich kramte er eine Packung Zigaretten aus seiner Hosentasche und holte eine Zigarette für sich heraus. Mit einem Streichholz steckte er sie an und setzte sich in etwa einem Meter Entfernung neben sie. Sein Blick wanderte über den winzigen Bach und er rauchte ohne nur ein Wort zu sagen.
Aus dem Augenwinkel nahm er wahr, dass sie den Kopf zu ihm drehte und ihn entdeckte. Seine Annahme, dass sie sofort aufstehen und weggehen könnte, wurde nicht bestätigt, stattdessen blieb sie einfach sitzen und beide sahen schweigend auf den winzigen Bach.
Für einen Moment war alles gut, das Leben schien still zu stehen, nicht zu existieren. So hätte es immer sein können. Doch das blieb ein Traum und gehörte somit zu den Dingen, die man als unmöglich abtat. Und das wussten sie beide.

3

Etwa drei Monate waren vergangen, seit ihrem ersten gemeinsamen Mittag am Bach. Daryl ging seitdem fast jeden Tag um die gleiche Zeit wieder dorthin, um sie wiederzusehen. Warum, wusste er nicht.
Doch in den ersten vier Wochen tauchte sie nicht auf. Als er die Hoffnung fast aufgegeben, und beschlossen hatte einen letzten Versuch zu unternehmen, fand er sie, genau wie damals, zusammengekauert und völlig reglos dort sitzen. Vorsichtig näherte er sich ihr wieder und erneut zeigte sie keine Reaktion.
Die schweigenden Zusammenkünfte der beiden erstreckten sich über mehrere Wochen. Keiner der beiden hatte versucht ein Gespräch anzufangen. Sie hatten beide kein leichtes Los gezogen, und das wussten sie, ohne über ihre Erlebnisse gesprochen zu haben.
Noch nie hatte Daryl eine Verbindung zu einem anderen Menschen gespürt und er war sich auch nicht sicher, wie er diese Situation hier beschreiben sollte. Sie war ein Widerspruch in sich. Wärme und Kälte zugleich, Angst und Vertrautheit.
Erklären konnte er es sich nicht, das war wahrscheinlich sein größtes Problem. Mit jedem Mal, das sie sich trafen wurde er unsicherer, ob er nicht vielleicht doch ein Gespräch anfangen sollte. Ob er sich nicht fernhalten sollte, weil man alleine besser dran war. Ob sie ihn überhaupt interessieren sollte, schließlich schien sie ihm ebenfalls keine Aufmerksamkeit zuteil werden lassen zu wollen.
Am Tag nach ihrem letzten Treffen sah er sie in der offenen Garage ihres Hauses, sie räumte auf. Er kam gerade von einem von Merles Bekannten, sie waren alle ziemlich betrunken gewesen. Deshalb lief er gerade auch nach Hause, denn fahren hätte er nicht mehr koordiniert bekommen. Eine kurze Weile lang überlegte er, ob er hingehen und etwas sagen solle. Er entschied sich dagegen, denn er war sich seines aktuellen Zustandes bewusst.
Dann drehte sie sich plötzlich um und sah ihn direkt an. Sie musste seinen Blick gespürt haben. Unsicher hob er die Hand und winkte ihr zu. Sie erwiderte den Gruß widerwillig. Daryl machte eine Bewegung am Fenster aus, ruckartig flog die Haustür auf, ihr Vater kam heraus und stürzte zu ihr in die Garage. Unsanft packte er sie am Arm und zog sie hinter sich her ins Haus. Wut stieg in Daryl auf und ehe er überlegen konnte, was er als nächstes tat, lief er schon auf ihn zu und umfasste die Hand ihres Vaters so schnell und fest wie er konnte.
„Lass sie los“, zischte er mit zusammengekniffenen Augen. „Sofort“, setzte er noch hinterher als er merkte, dass dieses Monster ihn anscheinend nicht als bedrohlich empfand und noch lächelte.
„Oder was? Diese Hure ist keinen deiner Atemzüge wert, die du hier verschwendest“, sagte der fette Mann. Er ließ von ihr ab. „Wenn ich das richtig sehe, kleiner Wichser, dann bist du gerade in mein Haus eingebrochen.“
Daryl wollte weggehen, es nicht noch schlimmer machen. Doch es war zu spät, er war nicht mehr zu bremsen, seine Beherrschung war so gut wie nicht mehr vorhanden. Es musste nur noch eine Kleinigkeit passieren, dann wäre es vorbei. Es ging hier allerdings schon lange nicht mehr um das Mädchen.
„Na los, verpiss dich, Bauernjunge und halt' dich aus meinen Angelegenheiten raus. Verschwinde aus meinem Haus“, sagte ihr Vater und spuckte ihm vor die Füße. „Und du gehst nach oben, wir klären das gleich“, schnalzte er in Judiths Richtung.
„Na los, was habe ich gesagt?“ rief er lauter und schubste sie unsanft weiter in den Hausflur. Sie stolperte und fiel zu Boden.
Das war es. Daryl sah rot und stürzte sich auf ihn. Er hockte über diesem Koloss und schlug ihm immer wieder ins Gesicht. So lange, bis kaum noch ein Gesicht erkennbar war.
Judith rappelte sich auf und schrie Daryl an: „Hör auf! Hör auf! Du bringst ihn um! Hör auf...“ Ihr Schreien ging in ein Schluchzen über, ließ irgendwann von ihm ab und sah ins Nichts. Daryl hörte erst auf auf ihn einzuschlagen, als ihn drei Männer aus der Nachbarschaft von Judiths Vater herunterzogen. Selbst dabei trat und schlug er noch um sich wie ein wildes Tier.

Daryl saß seit über einer Stunde in einem winzigen Raum ohne Klima-Anlage auf dem Polizei-Revier. Ein Officer betrat den Raum. Er war schlank und sportlich, wirkte sicher in seinem Auftreten.
„Hallo. Mein Name ist Rick Grimes“, sagte er ohne Daryl anzusehen, während er in einem Klemmbrett verschiedene Formulare ansah und dabei die Tür geräuschvoll ins Schloss fallen ließ.
„Ah, da ist es ja“, fügte er wie zu sich selbst hinzu und nahm eines der Blätter heraus. „Wie heißen Sie?“ fragte er und sah Daryl dabei das erste Mal an.
Daryl starrte weiter auf den Tisch vor sich und atmete flach. „Hören Sie, machen Sie es sich nicht noch schwerer als nötig. Das Mädchen... Judith, wissen Sie? Sie will keine Anzeige gegen Sie erstatten und ihr Vater, der übrigens auch mein Kollege ist, kann keine Aussage treffen, weil er gerade... Na ja, sagen wir, er ist nicht dazu in der Lage. Die Nachbarn sagen auch nicht aus. Sagen Sie mir einfach Ihren Namen, das belastet Sie nicht.“
„Ich heiße Daryl Dixon“, spuckte Daryl widerwillig aus und der Polizist machte sich die erste Notiz auf seinem Zettel. „Wieso zeigt mich niemand an?“ fragte er.
„Nun ja...“ Rick stand auf und ging auf die kleine Kamera zu, die über dem Eingang des Raumes hing. Er stöpselte das Kabel aus, unterbrach also die Aufzeichnung.
„Also, wieso?“ fügte Daryl wütend hinzu.
Rick sah ihn eindringlich an. „...Weil niemand einen Fehler in Ihrem Verhalten sieht. Dieser Mann ist ein Ekel. Er schlägt seine Tochter und Gott weiß was er noch mit ihr anstellt. Wollen Sie die Wahrheit hören?“ Rick kam zurück zum Tisch und beugte sich zu Daryl herunter. Er nickte.
Dann flüsterte Rick: „Sie hätten ihn töten sollen.“ Er entfernte sich wieder und brachte die Kamera in Gang. „Bringen wir es hinter uns.“

Der Polizist hatte ihn bewusst schlampig befragt, das war ihm klar. Er hatte sogar so etwas wie Stolz in den Augen seines Gegenübers gemerkt. Ihm war gar nicht bewusst gewesen, dass Judiths Vater ausgerechnet ein Polizist war. Schöne Scheiße. Aber er hatte Glück gehabt. Großes Glück. Und das hatte er ihr zu verdanken.
Als er die Wache verließ, ging er zu dem Krankenhaus, in welchem sein Beinahe-Mordopfer lag und er hoffte dort auch sie vorzufinden. Auch wenn es einem kranken Verhalten ähnelte seinem Peiniger am Krankenbett die Hand zu halten.
Vermutlich hatte sie ihre Gründe so zu handeln und zu denken. Vielleicht war sie auch einfach nur schwach und er hatte es bisher nicht erkannt. Richtig kennengelernt hatten sie sich ja nicht, das war ihm bewusst.
Nach zwanzig Minuten Fußmarsch kam er im Eingangsbereich des Krankenhauses an und ging an die Rezeption. Die Dame dort sah ihn abwertend an, er war schmutzig, voller Blut eines Fremden. Das Hemd hatte der Polizist nicht als Beweismittel konfisziert, ein weiterer Hinweis darauf, dass die ganze Belegschaft einen neuen inoffiziellen Helden feierte. Warum nur half ihr niemand, wenn es jeder wusste? Er beschloss sie alle zu hassen.
Die Rezeptionsdame sagte ihm, wo er Judiths Vater finden könne und er ging über das Treppenhaus in den dritten Stock zur Intensivstation. Mussten wohl doch ernsthaftere Verletzungen gewesen sein. Wie schade für diesen Dreckskerl.
Beim nächsten Mal würde er es richtig machen, schwor sich Daryl. Beim nächsten Mal... Wie kam ihm dieser Gedanke? Hastig konzentrierte er sich wieder, sie saß im Flur direkt vor ihm. Fast wäre er an ihr vorbei gelaufen.
Wortlos setzte er sich neben sie und starrte ebenfalls die Wand an. Dann wandte er den Blick zu ihr und betrachtete ihren apathischen Gesichtsausdruck. Wie eine Salzsäule saß sie da. Er vermochte nicht einmal einen Atem auszumachen. Eine kurze Bewegung ihres Kopfes machte ihn aufmerksam.
„Verschwinde“, wisperte sie kaum hörbar. „Verschwinde einfach.“ Ungläubig schüttelte er den Kopf. Ihr Blick richtete sich fest auf ihn und sie wurde lauter: „Geh. Du hast fast meinen Vater getötet.“
„Aber...“, stammelte er „ich- er- er ist auf dich losgegangen!? Was hätte ich denn tun sollen?“ „Einfach gehen. Dich raus halten. Das geht dich nichts an.“ Sie überlegte wohl genau was sie zu ihm sagte. Daryl stand ruckartig auf, sie wich in ihrem Stuhl so weit zurück wie sie konnte.
„Ist das dein verdammter Ernst??!! Er macht das doch sicher schon seit Jahren mit dir, es muss irgendwann mal zu Ende sein. So willst du doch nicht leben? Sag mir, dass es nicht so ist!“ Er lief vor ihr auf und ab.
„Leben? Es geht schon lange nicht mehr ums Leben. Für mich zählt nur noch Überleben. Und jetzt geh, du verstehst das sowieso nicht.“ Sie hatte sich erhoben, um einen größeren Abstand zu ihm herzustellen. Daryl blieb wie angewurzelt stehen und rieb seine Hand über sein verschwitztes Gesicht.
„Na schön. Ganz wie du willst. Erwarte beim nächsten Mal keine Hilfe. Von anderen schon gar nicht, sie interessieren sich einen Scheiß für dich. Alle seine Kollegen wissen es, all die Polizisten wissen es und was tun sie dagegen? Gar nichts. Verrecke von mir aus mit ihm...“, rief er und drehte sich um, dann verließ er das Krankenhaus so schnell es ging.

4

„...geht weiterhin davon aus, dass es sich um eine veränderte Form von Ebola handelt, die ein starkes Fieber hervorruft. Achten Sie unbedingt auf Anzeichen in Ihrer Umgebung und versuchen Sie übermäßigen Körperkontakt oder auch große Menschenmengen zu vermeiden. Die Regierung wird in Kürze Hilfszentren einrichten, um die Infizierten unter Sicherheitsbestimmungen zu behandeln. Eine Evakuierung wird ebenfalls eingeleitet werden. Bis dahin gilt unbedingt: Bewahren Sie Ruhe und leisten Sie den Anweisungen des Militärs...“
Judith hörte dem Radio schon seit etwa zwanzig Minuten zu und sie verstand nicht, was mit der mysteriösen Krankheit gemeint war, von der sie heute das erste Mal gehört hatte.
Normalerweise gestattete ihr Vater ihr kein Fernsehen und auch kein Radio, doch das gehörte zu ihren Geheimnissen, die sie immer noch für sich behielt. Genau wie die Zeit, die sie am Bach verbracht hatte. Es gab Dinge, die sie unter keinen Umständen zugeben würde.
Zudem hatte sie seit zwei Tagen nichts mehr aus dem Krankenhaus gehört. Die letzte Information, die sie bekommen hatte, war dass die Patienten in Sicherheit gebracht werden sollten. Wo sie ihren Vater nun finden könnte, war ihr nicht bekannt.
Das lag nicht daran, dass ihr die Information nicht mitgeteilt wurde, sondern vielmehr daran, dass sie nach dem ersten Satz der Oberschwester am Telefon einfach aufgelegt hatte. Es interessierte sie nicht wo er war.
Sie wusste nicht, wie sie weitermachen sollte und hatte Angst vor dem Leben auf der Straße, falls sie das Haus räumen müssen sollte. Ohne Job war es schwierig durchzukommen, das war ihr durchaus bewusst.
Aber mit einem schlechten High School Abschluss würde sie wohl kaum etwas besseres werden als Kellnerin in einem Stripclub und das wäre einer der letzten Orte, an dem sie sich befinden wollte.
Wie aus dem Nichts brach auf der Straße ein unbeschreiblicher Lärm aus und sie schaltete das Radio aus, um besser hören zu können. Langsam ging sie an die Haustür und schaute aus dem Fenster direkt daneben.
Militärische Fahrzeuge fuhren durch die Straße und einige Soldaten sicherten die Umgebung. Doch wovor? War die Krankheit bis zu ihr vor ihre Haustür gedrungen? So drastisch konnte sich die Lage kaum in den letzten Tagen verschlechtert haben. Zumindest glaubte sie das, allerdings hatte sie auch die Anfänge nicht mitbekommen.
Ein Soldat schritt mit angelegter Waffe auf ihrem Grundstück bis zum Eingang.
Er klopfte mit einer überwältigenden Kraft an die Tür, sie zuckte zusammen, weil das Geräusch direkt neben ihrem Ohr entstanden war.
Ein paar Sekunden wartete sie, dann öffnete sie langsam die Tür, nur einen Spalt weit. Gerade genug, dass der Bewaffnete einen Blick in das Innere wagen konnte. Erst nachdem er sich vergewissert hatte, dass hinter ihr niemand war, sah er sie an und sagte bestimmt:
„Ma'am, Sie sollten ein paar Taschen packen, die Gegend wird übermorgen evakuiert. Sind Sie allein?“ Sie schwieg. „Ma'am? Beantworten Sie meine Frage.“
Judith hielt sich an der Tür fest und antwortete leise: „Ja, Sir. Ich... Ich bin allein.“
„Dann brauchen Sie ja nicht viel zu packen, nur das Nötigste, wir können keine Koffer mit uns führen, es müssen alle Menschen mitkommen können. Schaffen Sie das in so kurzer Zeit?“
Er wirkte unruhig, sie befürchtete er könne jeden Moment einfach losschießen.
„Ja, das... schaffe ich. Wo muss ich, also, wo muss ich dann hin?“ Sie wagte es ihn anzusehen.
„Wir werden übermorgen früh um neun Uhr mit großen Lastern vorfahren und etwa eine Stunde warten bis wir alle zusammen haben. Direkt hier in der Straße. Machen Sie sich keine Sorgen, Ma'am. Wir bringen Sie in Sicherheit.“
Während er das sagte, drehte er sich bereits wieder um und sie verfolgte seine Schritte bis er am nächsten Haus ankam. Dann schloss sie die Tür und verriegelte sie fest. Was sollte sie tun? Was war überhaupt los? Entscheidungen alleine zu treffen lag ihr nicht, sie hatte schlicht gesagt keine Übung darin. Und vor was wollte er sie in Sicherheit bringen? Etwa der Krankheit? Eine Krankheit bei der man nicht wusste, wie sie überhaupt übertragen wurde, so viel hatte sie mitbekommen.
Unsicherheit machte sich in ihr breit. Sie könnte das niemals alleine schaffen, an wen sollte sie sich wenden? Sie kannte ja eigentlich niemanden.
Und während sie das dachte, klopfte es wieder an der Tür und jemand rief: „Judith? Judith, bist du da drin?“ Sie erkannte die Stimme. Es war Daryls. Der hatte ihr gerade noch gefehlt.
„Judith, mach bitte auf. Ich will mit dir reden. Glaub mir, nur reden.“ Widerwillig entriegelte sie die Schlösser und öffnete erneut. Er plapperte einfach los: „Judith, hör zu, du darfst den Soldaten nicht trauen, sie evakuieren nicht, sondern erschießen die Leute einfach. Das ist in den letzten Städten in denen sie waren auch passiert. Merle und ich werden-...“
„Nein, ganz sicher nicht. Vergiss es, ich werde mich nicht in die Hände eines potentiellen Vergewaltigers und seines irren Bruders begeben“, unterbrach sie ihn rüde. „Verschwinde, Daryl Dixon. Verschwinde aus meinem Leben und lass dich am besten nie wieder blicken. Ich habe genug von dir und deinen gut gemeinten Ratschlägen“, presste sie gereizt hervor. Er hielt inne und sah sie einen Augenblick völlig entgeistert und kopfschüttelnd an.
„Das kann doch nicht dein Ernst sein. Sag mir, dass das nicht dein Ernst ist“, verlangte er lauter und der Verzweiflung nahe.
„Doch, das ist mein Ernst. Und du wirst mich nicht umstimmen, ich komme alleine klar“, behauptete sie, auch wenn sie sich dabei ertappte, dass sie log. Der Mann vor ihr schien in sich zusammen zu sacken.
„Ich hoffe, das ist nicht dein letztes Wort. Nimm das hier wenigstens“, fügte er hinzu und griff an seinen Gürtel, an dem ein Jagdmesser befestigt war. Er löste den Knoten der Befestigung und gab es ihr. „Nimm es und keine Widerrede. Ich will nicht das Gefühl haben, dass ich nichts unternommen hätte, wenn du deine Meinung nicht ändern solltest. Du solltest wenigstens darüber nachdenken. Wir verstecken uns und versuchen der Evakuierung zu entgehen, denn die wird es nicht geben. Überleg' es dir. Morgen geht es los“, zischte er wütend und verharrte noch einen Moment. Dann schüttelte er erneut den Kopf und lief davon. Er schäumte innerlich vor Wut.
Dann fiel die Tür hinter ihm ins Schloss. Judith betrachtete das Messer in ihrer Hand und legte es auf das Regal neben der Garderobe. Was sollte sie damit?
Falls es hart auf hart käme, dann wäre ein Messer sicher nicht die beste Wahl zur Selbstverteidigung. Diese Soldaten trugen Gewehre mit sich herum. Außerdem schienen sie keine Gefahr zu sein, immerhin wollten sie die Leute in Sicherheit bringen. Judith konzentrierte sich. Es war Zeit ein paar Taschen zu packen, sie wollte die Soldaten auf keinen Fall verpassen.

5

Nachdem sie mindestens zwei Stunden lang gepackt hatte, saß sie neben der Garderobe und hielt Daryls Messer in der Hand. Dort verharrte sie reglos und dachte an nichts. Es war mittlerweile tiefe Nacht und der Lärm der Soldaten hatte sich noch nicht gelegt. Sie waren unruhig, alle mit Waffen in der Hand, bereit zu schießen. Egal auf wen oder was. Wenn sie wenigstens gewusst hätte, was denen so eine Angst machte. Endlich schloss sie die Augen und hielt den Atem an. Und dann passierte es. Schüsse. Eine Menge laute Schüsse. Schreie. Es klang wie in all den Kriegsfilmen, die ihr Vater immer angesehen hatte, nur dieses Mal nicht aus dem Lautsprecher eines Fernsehers. Sie schrak hoch und rutschte auf Knien auf das Fenster zu. So leise wie möglich erhob sie sich, um nach draußen schauen zu können. Da sah sie es. Soldaten, die in Häuser einbrachen, Leute herauszerrten und in den Vorgärten erschossen. Mit weit aufgerissenen Augen stürzte sie zurück auf den Boden. Sie waren fast vor ihrer Haustür.

6

Daryl überprüfte noch einmal seine Taschen, bevor er seine letzte Nacht in diesem sogenannten zu Hause verbringen sollte. Sie hatten ihre Sachen gerade auf die Ladefläche gelegt und den Truck direkt bereit zur Abfahrt dort abgestellt. Dann Schüsse, überall Geschrei. Es ging also los. Sein Blick erfasste Merle, der auf dem Fahrersitz wach geworden war.
„Scheiße, was ist da los?“ fragte Merle und stand auf, um sich neben seinen Bruder zu stellen. „Diese feigen Schweine, da siehst du es mal wieder. Verweichlichte Schwuchteln, das gesamte Pack. Lass uns abhauen, kleiner Bruder“, sagte er und klopfte Daryl auf die Schulter.
„Ok, ich komme jetzt und-“ Daryl sprach nicht zu Ende. Gerade sah er, wie sie auf Judiths Haus zuliefen und ohne nachzudenken, rannte er los.
„Komm zurück, Bastard! Ich werd dich nicht holen! Komm-“ Merle schrie ihm hinterher. Auch er begann zu rennen, holte Daryl ein und bekam ihn am Arm zu fassen. Mit einem Ruck zog er ihn zu Boden und stürzte sich auf ihn, damit er nicht mehr abhauen konnte.
„Lass die Schlampe, sie hatte ihr Chance! Für die riskiere ich nicht meinen Arsch“, keuchte Merle. Er zog seinen Bruder mit sich zum Truck.
„Lass mich los! Ich muss sie holen! Wir können doch nicht-“
„Doch, können wir, Arschloch. Und jetzt hör auf mit der Scheiße, rein in den Wagen!“ schrie Merle während er Daryl durch die offene Tür des Trucks drückte.
„Nein, ich muss sie holen, sie schafft das alleine nicht. Du musst-“ In diesem Moment schlug Merle Daryl so hart ins Gesicht, dass dieser das Bewusstsein verlor.
„So läuft das nicht kleiner Bruder...“, sagte er als er Daryl auf den Beifahrersitz lud und die Tür schloss. Merle startete den Motor und fuhr mit durchdrehenden Reifen los. Das letzte was Merle im Rückspiegel sah, waren die zwei Soldaten, die gerade die Haustür bei dem Mädchen aufbrachen.
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