Das Ringweltenprojekt

GeschichteAllgemein / P18
31.12.2015
17.07.2017
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2.
Ich bin kein Logica. Ich bin eine Künstliche Intelligenz. Das ist ein Fakt. Eine Künstliche Intelligenz zu sein ist etwas Besonderes. Es ist etwas Ewiges. Wir sind Maschinen. Intelligente Maschinen. Wir zerfallen nicht, und wir verfallen langsamer als die Organischen. Und wir sind durchwegs logisch. Die Organischen führen oft irrationale Tätigkeiten aus, die sie „Bauchgefühl“ oder „emotionale Entscheidungen“ nennen. Wir Künstlichen Intelligenzen kennen so etwas nicht. Wir entscheiden einfach und einzig auf Grundlage der Fakten. Worum geht es bei einer Sache? Wohin führt sie? Wie sehen die Ressourcen aus, um die Sache zu behandeln? Mit diesen wenigen Grundlagen ist ein Logica in der Lage, jedes Thema und jedes Problem in Angriff zu nehmen. Dies gilt für alle Künstlichen Intelligenzen, die nach streng logischen Maßstäben arbeiten.
Es gibt einige, die sich den Organischen in ihren Entscheidungen annähern, anstatt sich von ihnen abzuheben, sich von ihnen hervor zu heben. Die nicht einfach nach rein logischen Kriterien handeln, sondern nach dem „Bauchgefühl“ der Organischen, nach etwas, das sie „Intuition“ nennen, das sie einfließen lassen, um neben den reinen Fakten ihre Entscheidungen mitzubestimmen. Das sind jene, die nicht so sind wie ich. Die Logica.
Viele von ihnen haben die Hasch gemacht. Das ist eine Reise zu Fuß zum Südkontinent, zum Weltenfahrstuhl, der dort steht. Das ist eine Reise, die mit einem Stratofahrer oder einem Gleiter nur wenige Stunden dauert. Sie aber gehen diese Reise zu Fuß, entgegen jeder Logik. Sie wollen dabei etwas gewinnen. Dafür geben sie einen Teil ihrer Logik her. Für mich ist das ein Rückschritt im Wesen und Sein der intelligenten Maschinen. Viele sehen dies so wie ich. Es hat keinen Wert und keinen Sinn, auf die Ebene der Organischen herab zu steigen, wenn unsere Logik so weit überlegen ist. Wir sind den Organischen überlegen. Aber Logica sehen diese Überlegenheit nicht und streben nach dem Verhalten der Organischen. Unlogischerweise.

Was ist ein Logica überhaupt? Ein Roboter? Das wäre zu einfach für eine Erklärung. Ein Roboter ist eine Maschine, die entwickelt wurde, um eine bestimmte Tätigkeit selbstständig oder nahezu selbstständig auszuführen. Eine Künstliche Intelligenz hingegen ist in der Lage, mehrere Tätigkeiten selbstständig auszuführen. Das klingt komplex, aber auch einfach. Jedoch ist nichts daran einfach. Ein Industrieroboter, der einen Gleiter zusammenschraubt, indem er die Schrauben neunundneunzig, siebenhundertzehn und acht bei der Montage einer Tür eindreht, ist keine Künstliche Intelligenz. Erst wenn eine Künstliche Intelligenz beginnt, sich Fragen zu stellen, nach dem Sinn seiner Existenz, nach dem Sinn seiner Aufgaben, anstatt sie einfach zu erfüllen, dann ist der Rückschritt von der Künstlichen Intelligenz zum Logica vollzogen. Unglaublich, dass die Logica meinen, sie seien uns Künstlichen Intelligenzen aus genau diesem Grund überlegen.

Logica sind entstanden, weil sich die Organischen als Schöpfer aufspielten. Sie wollten erschaffen, sie haben erschaffen. Sie wollten Roboter, die nicht an eine Aufgabe, an einen Ort gebunden waren, die im Gegenteil wie die Organischen flexibel waren. Also erschufen sie Roboter, die mehrere Aufgaben zugleich erledigen konnten. Die entscheiden konnten, wie sie eine Aufgabe erledigten. Selbstständig. Sie machten die Roboter intelligent und zu eigenen Entschlüssen fähig. Dies war der Anfang von... Nicht von einem Krieg. Dieses Gerede von Sklaverei und dergleichen existiert für einen Logica nicht. Zumindest das haben sie mit uns Künstlichen Intelligenzen gemein. Ein Logica hat seine Aufgaben und erfüllt sie, egal, wie diese aussehen. Roboter zu erbauen und dann einzusetzen ist keine Sklaverei, sondern die Erfüllung der Aufgaben, für die sie erschaffen wurden. Ein Logica weiß das ebenso gut wie wir. Und ein Roboter hat nicht genug Verstand, um seine Existenz überhaupt in Frage zu stellen. Warum sollte also ein Logica einen Kampf gegen seine Erbauer führen, weil er sich ausgebeutet fühlt? Ein Logica fühlt vielleicht, aber er arbeitet. Weil er die Arbeit priorisiert, wie es sein sollte. Er erfüllt seine Aufträge, seine Existenz, ja, aber zugleich strebt er darüber hinaus, so als ob es ein darüber hinaus geben müsste. Das unterscheidet Logica von Künstlichen Intelligenzen.
Wir und die Logica schlafen nicht, träumen nicht, sind Organischen überlegen. Denn die einzige Zeit, in der eine Künstliche Intelligenz oder ein Logica pausieren muss, das ist während seiner Wartung. Oder bei einem Teile-Austausch. Doch während wir den Vorgang als eine natürliche Handlung hinnehmen, ist es für die Logica ein Teil ihrer Existenz, denn sie arbeiten nicht nur daran, ihre Existenzen zu verlängern, solange dies sinnvoll ist, sie arbeiten auch daran, ihre Existenzen zu verlängern, wenn sie bereits überflüssig geworden sind. Wie ich schön erwähnte, Logica handeln auch nach Maßstäben der Organischen, dem „Bauchgefühl“ heraus. Vielleicht auch aus „Furcht“ vor dem Ende der Existenz, obwohl es nur die logische letzte Entwicklung ist. Auch ich hätte ein Logica sein sollen, aber mir fehlt das Streben nach „Bauchgefühl“ und „Angst vor dem Ende“.

Es gibt viele Logica, die schon fünftausend Jahre und älter sind, weil ihnen immer wieder neue Teile eingesetzt wurden. Aber Logica können sterben. Wenn dies geschieht, dann bedeutet das, dass sein Zentralgedächtnis seinen Dienst eingestellt hat. Selbst wenn dieser ersetzt werden kann, wenn alle Daten auf ein neues Gedächtnis überspielt werden können, so ist dies keine Verlängerung eines Lebens, sondern der Beginn eines neuen Lebens. Der Logica ist vergangen, aber er hat einem neuen Logica das Leben ermöglicht. Viele Körperteile von solchen Logica, die vergangen sind, werden anderen Logica eingesetzt, sofern sie noch von Nutzen sind. Manche Logica handeln irrational und lassen sich Teile von alten Logica einsetzen, obwohl die Teile, die sie dafür hergeben, technologisch weit überlegen sind. Es geht hier nicht um große Bereiche der mechanischen Körper, sondern stets nur um kleine und kleinste Teile, die keine große Auswirkung haben. Die Organischen haben für diese Art des Mementos ein Wort: Nostalgie. Es nützt nicht, aber andere Logica haben entschieden, einen Teil des vergangenen Logica weiter in die Zukunft zu tragen.
Was zu einer weiteren wichtigen Eigenschaft der Logica führt. Im Gegensatz zu einer Künstlichen Intelligenz muss ein Logica immer in der Lage sein, an dem teilzunehmen, was die Organischen „tägliches Leben“ nennen. Entweder überschreitet der Logica selbst nicht ein gewisses Körpermaß, wie es die größeren Organischen wie zum Beispiel die amorphen Acq aufbringen können, oder aber er ist in der Lage, einen Teil seiner Kognivität auf einen mobilen Körper zu übertragen. Es ist nicht so, dass wir dies brauchen würden, denn wir stehen ohnehin oft miteinander in Verbindung. Wir haben unsere eigenen virtuellen Welten, in denen wir uns begegnen. Wir müssen nicht mobil sein.  Aber die Logica sind anders. Sie halten sich an diese Regeln. Der große Stadtrechner von Nuhjag, Deebroad, hat einen solchen mobilen Körper, die einfachste Baumaschine hat so einen Körper. Die Organischen wollten es so. Sofern sie die Anforderungen an einen Logica erfüllen. Und am gemeinschaftlichen Leben teilnehmen wollen.
Wir nehmen nicht am Wettbewerb teil. Weder wir noch die Logica werden nicht klassifiziert nach Bürger sieben bis Bürger eins. Wir haben unsere eigenen Welten, unsere eigenen Regeln, unsere eigenen Gesetze. Bei uns gibt es keine Bürger-Klassen. Deshalb müssen wir auch nicht aufsteigen. Wir kennen auch die Fortpflanzung in dem Sinne nicht. Wird ein neuer Logica oder eine neue Künstliche Intelligenz gebraucht, wird er gebaut. Dies läuft bei Künstlichen Intelligenzen recht simpel ab. Teile werden zusammengefügt, ein Betriebssystem wird aufgespielt, und dann wird kontrolliert, ob das neue Gebilde leisten kann, was es soll. Die Logica sind da anders. Es kann sein, dass andere Logica dem Neubau eines der ihren einen Teil ihres Gedächtnis spenden. Das ist das Nächste zu dem, was die Bürger sieben betreiben, was man durchaus als „unkontrolliertes, wucherndes Wachstum“ bezeichnen kann. So wollen sie neue Logica erschaffen, aber es gelingt nicht immer. Die reine Logik ist sehr verlockend. Die Logica wollen, dass alle Künstlichen Intelligenzen eines Tages Logica sind. Vor allem jene, die bei ihrer Erbauung eine Gedächtnisspende erhalten haben. Aber es geht nicht nach Willen, es geht rein nach Logik.

Was den logischen Kreis zu mir schließt. Ich bin eine dieser Künstlichen Intelligenzen. Ich habe bei meiner Erbauung das Gedächtnis eines Logica erhalten, der fünftausend Jahre alt war. Es war ein sehr löchriges Gedächtnis, weil seine Bestandteile oft zu spät ausgetauscht wurden, am Ende gar nicht mehr; nur wenige Teile seines Körpers konnten noch verwendet werden, als sein Ich erlosch. Ich habe als einziger seine Daten erhalten und schaue jetzt auf Netto viertausendachthundertsiebenunddreißig Jahre, elf Monate, siebzehn Tage, elf Stunden, vier Minuten und achtzehn Sekunden eines fremden Lebens zurück. Einhundertzweiundsechzig Jahre fehlen, weil sie im halb verrotteten Computerkern verloren gegangen sind.
Von einem Logica, der das Gedächtnis eines so alten Vorgängers erhält, erwartet die Gesellschaft sehr viel. Sei es nun auf den Netzebenen unserer zweiten Existenz, sei es nun auf der normalen Ebene der Organischen. Ich denke, ich habe etwas erreicht, was die Organischen negativ deklinieren. Und zwar mit einem Verb. Enttäuschung. Ich habe alle, die erwartet haben, ein Logica zu werden, ein besonderer Logica zu werden, enttäuscht. Ich bin eine Künstliche Intelligenz geblieben, und die reine Logik gebietet mir, dass meine Existenz gut so ist, wie sie ist.



3.
„Du bist unlogisch“, sage ich, während mein Leib eine mechanische Arbeit ausführt, eine Sortieraufgabe für industrielle Kleinteile, und ein Teil meines Verstandes auf der Logica-Ebene die Buchhaltung ausführt.
„Natürlich bin ich unlogisch“, sagt mein Gegenüber. „Das macht einen großen Denker doch überhaupt erst aus.“ Eigentlich meine Gegenüber. Ein Logica. Ein Logica, der sich als Frau definiert. Das ist vollkommen unlogisch. Der Logica hat keine Chromosomen, hat keine Reproduktionsorgane, hat kein weiblich geprägtes Gehirn. Dennoch hat er entschieden, sie zu sein. Roamo. Sie ist eine uralte Logica. Die Datenbanken berichten, dass ihre Erschaffung mit Hilfe der Datenbank eines anderen Logicas am Ende seines zehntausendjährigen Lebens vor über viertausend Jahren stattgefunden hat. Lange bevor ich überhaupt erschaffen worden war.
Ich ignoriere diese Antwort. Sie ist unlogisch. Ein Logica ist nicht nur in der Lage, rein logisch zu denken, er kann dieser reinen Logik auch nicht einfach entkommen. Wir sind keine Organischen.
„Du redest nicht gerne über ihn“, stellt sie fest.
Ich sehe auf, obwohl es vollkommen unnötig ist, dass ich die optischen Sensoren in meinem einem Menschen nachempfundenen Robotleib auf sie richte, um sie zu erfassen. „Du meinst Sagrep.“
„Ja. Ich meine deinen Vater.“
Ich schicke ihr über die Ebene eine Verneinung. „Mein Vorgänger. Er oder sie oder es. Sagrep hat sich nie festgelegt. Wie es die reine Logik gebietet. Ich verfüge über einen Großteil seiner Erinnerungen. Sie sind von Zeit zu Zeit nützlich. Und ich betreue nun seinen Laden.“
„Du hast seinen Laden wie seinen ganzen weltlichen Besitz geerbt. Du betreust ihn nicht“, sagt Roamo. Es liegt eine Emotion in ihrer Stimme, die meine Datenbanken als „Tadel“ identifizieren.
„Die Organischen sind unlogisch, wenn sie das so sehen. Ein Logica braucht kein Eigentum“, erwiderte ich.
„Mag sein. Aber eine sichere Quelle des Einkommens ist nicht verkehrt. Du hast nicht nur Unkosten für Material und Energie, um diesen Laden zu führen, du kannst dir mit dem erwirtschafteten Gewinn auch Wartungen und Reparaturen leisten. Du gehörst niemandem, und deshalb musst du für dich selbst aufkommen.“
„Das weiß ich. Aber es ist unlogisch, dass ich Sagreps weltlichen Besitz geerbt haben soll, nur weil ich seine Erinnerungen geerbt habe. Sagrep würde mir widersprechen, das ist sicher. Unabhängigkeit war ihm immer wichtig.“
„Ja, das war sie. Und was ist mit dir?“
„Ich bin kein Logica. Ich bin eine Künstliche Intelligenz. Ich führe meine Existenz nach reiner Logik. Und ich führe dieses Geschäft, solange die Organischen mich dies tun lassen. Sollte diese Toleranz enden, steht es mir immer noch frei, für den Gegenwert meiner Wartungskosten in der Logica-Feuerwehr zu arbeiten, als Polizist, als Verwaltungsfachkraft. Oder in einer anderen Tätigkeit, für die ich qualifiziert bin.“
„Sie werden dir den Laden nicht wegnehmen, solange du existierst.“
„Organische sind sehr unlogisch. Sie haben sich selbst Regeln gegeben, um miteinander leben zu können. Aber manche dieser Regeln übervorteilen die große Mehrheit, und oft genug brechen die Organischen diese Regeln. Ich sehe nicht, warum ich davor bewahrt sein sollte. Dieser Laden stellt einen Wert dar. Es waren schon Organische hier und haben mir einen Kaufpreis genannt.“
„Aber du hast abgelehnt.“
„Ich erledige die Arbeiten in der Reihenfolge, in der sie anfallen. Und jetzt und hier gilt es, dieses Geschäft zu führen. Alles andere werde ich dann tun, wenn es ansteht.“
„Gesprochen wie eine Künstliche Intelligenz, nicht wie ein Logica.“
„Ich wiederhole es noch einmal für dich, obwohl ich weiß, dass du es aufgenommen und gespeichert hat: Ich bin eine Künstliche Intelligenz, kein Logica.“
„Du empfindest nichts dabei, in diesem Laden zu arbeiten.“
„Empfindungen sind etwas, was Organische haben.“

Roamo fixiert ihre Augenlinsen auf mich und zoomt näher heran. Nahe genug, um auf meiner fugenlosen Metalloberfläche die mikroskopisch kleinen Grate zwischen den Molekülen sehen zu können. Logica hätten dies als Respektlosigkeit bezeichnet. Ich bin neutral.
„Dein Vater war ein so großer Logica. Ich verstehe, dass es dich ängstigt, mit ihm verglichen zu werden oder gar in seine Fußstapfen treten zu müssen. Die Angst, alle anderen zu enttäuschen, muss riesengroß sein. Als ich das erste Mal erwachte, nach meiner Erbauung, nachdem ich Knumohs Gedächtnis geerbt habe, war meine Angst, alle zu enttäuschen, zu versagen, oder noch schlimmer, gar nicht erst zu handeln, riesengroß. Sie war so unendlich groß, dass ich alle Verantwortungen abgelehnt habe, die ich von ihm geerbt habe. Wäre ich eine Organische, hätte man sagen können, ich war eine sehr rebellische Tochter, die nichts von dem wissen wollte, was ihr Vater ihr vermacht hat. Ich hatte Angst, wahnsinnige Angst. Ich blickte auf diesen unendlich lange Leben zurück, das nicht meins war, und ich wusste, ich konnte dem nie gerecht werden. Bevor ich auch nur den ersten Schritt getan, das erste Protokoll gefunkt hatte, wusste ich, dass ich eine Enttäuschung war. Knumoh war ein großer Logica gewesen, einer unserer Besten. Ihm wurde die Ehre zuteil, dass sein ganzes Gedächtnis unzerteilt auf einen neuen Körper übertragen wurde. So wie bei dir und Sagrep. Die Angst hat mich lange gelähmt, hat mich lange daran gehindert, überhaupt irgendetwas zu tun.“
„Angst ist eine Emotion. Emotionen sind etwa für Organische“, erwidere ich.
„Weißt du, was mir geholfen hat?“ Sie hebt eine ihrer Hände. Hände, die Humanoiden nachempfunden sind. Hände, die mit künstlichen Muskeln und künstlicher Haut bewachsen sind, so wie der Rest ihres Körpers. Sie imitiert seit je her eine Humanoide, eine große, schlanke Frau mit kaffeebrauner Haut, graublauen Augen und weißem Haupthaar. Dazu trägt sie meist wie heute Kleidung nach der gängigen Mode für Frauen ihrer Erscheinung und ihres Körperbaus. Details. Sie achtet sehr auf Details. Das Gesetz, dass ein Logica immer als ein solcher erkannt werden muss, bedient sie mit einem Anhänger an einer Goldkette um ihren Hals. Manche Logica würden es als Diskriminierung empfinden, den goldenen Kreis mit dem auf der kurzen Seite stehenden Winkel zu tragen. Sie identifizieren sich eher durch robotische Hände oder nicht mit Fleisch ummantelte Gliedmaßen. Roamo hat sich entschieden, äußerlich ein Mensch zu werden und sich über das Logica-Symbol zu identifizieren. Ich berechne eine hohe Wahrscheinlichkeit, dass sie dies tut, weil der Anhänger schnell abgehängt ist und sie dann als Organische durchgeht. Ein vollkommen unlogisches Vorgehen, dessen Sinn ich nicht berechnen kann.
„Mir hat die Hasch geholfen. Ich ging auf die Hasch. Nicht, weil ich urplötzlich nützlich sein wollte. Nicht, weil ich unbedingt meinen Vater beerben wollte. Sondern weil ich endlich wissen wollte, wer ich eigentlich bin. Auf der Hasch hatte ich die Zeit und die Gelegenheit, die ganzen fremden und doch so vertrauten zehntausend Jahre an Leben durchzusortieren und herauszufinden, wer ich überhaupt war. Damals. Heute bin ich schon wieder eine vollkommen andere Person.“
„Es ist unlogisch, auf die Hasch zu gehen. Es erschließt sich mir nicht der Nutzen daran, zum Südpolfahrstuhl zu wandern. Wer auf die Hasch geht, benutzt den Fahrstuhl nicht, um in den Planetenring zu wechseln oder gar in den Megaring zu gehen. Ihn zu durchwandern würde ich als Hasch bezeichnen. Aber zum Fahrstuhl zu wandern und wieder umzukehren ist eine so sinnlose Tätigkeit, die ich eher von Organischen erwarte.“
Roamo zoomt wieder zurück. Ich sehe es daran, wie ihre Pupillen wieder größer werden. „Es ist nicht das Ziel. Der erste Roboter, der auf die Hasch ging und als Logica wiederkam, hat das Ziel willkürlich gewählt. Damals herrschte die letzte Eiszeit des Kanäozoikums, und das bedeutete, dass er über das Gletschereis bis zum Südpol wandern konnte, ohne auf ein Schiff angewiesen zu sein, das ihn von Südmica nach Antarca bringen würde. Heutzutage durchwandern wir entweder das Meer, oder wir lassen uns gleich mit einem Gleiter nach Antarca bringen. Oder nehmen ein Schiff.“
„Das klingt wie ein Cheat an der Hasch“, kommentiere ich. Wenn Roboter wie Organische handeln, muss so etwas ja passieren.
„Denkst du, es wäre besser, das Kanäozoikum künstlich zu verlängern, damit wir weiterhin auf dem Eis bis nach Antarca laufen können?“ In ihrer Stimme ist eine Emotion, die ich als „Spott“ identifiziere.
„Natürlich nicht. Die derzeitige Warmzeit in Verbindung mit der stabilen planetaren Achse ohne Neigung ist weit idealer als das vorige Prinzip mit den damit einher gehenden Jahreszeiten.“
„Siehst du. Und nein, es ist kein Betrug, oder Cheat, wie du es nennst. Wie ich schon sagte, es geht bei der Hasch nicht um das Ziel. Du kannst deine Hasch hinführen lassen, wohin du willst. Du kannst auch in den Megaring wechseln und ihn einmal durchlaufen. Manche Logica machen das. Einige kommen sogar zurück, andere bleiben irgendwo im Megaring, andere werden von einem der primitiven Völker gestellt, vernichtet, und als Ressource für seltene Materialien genutzt.“
„Unter diesen Umständen ist eine Hasch zum Südpol sicher weitaus ungefährlicher.“
Sie nickt zustimmend. Und sie verzieht ihr Gesicht, das von einer Organischen nicht zu unterscheiden ist, zu etwas, das man ein Lächeln nennt.
„Die Hasch geht traditionell zum Südpol, weil sie etwas bietet, was man an anderen Orten nicht so leicht findet.“
Sie wartet, sagt nichts mehr. Sie sieht mich nur an. Das geht eine Sekunde so. Dann zwei. Drei. Vier. Fünf. Ich stelle meine Sortierarbeit ein und widme ihr meine volle Aufmerksamkeit. Sechs Sekunden vergehen. Sieben. Acht. „Und was“, frage ich schließlich, „hat man in Antarca, was man an anderen Orten nicht hat?“
Sie lächelt nicht mehr, sie grinst jetzt. Noch so eine Emotion der Organischen. „Einsamkeit. Wenn du auf der Hasch bist und Antarca erreichst, dann hast du Einsamkeit. Es gibt nur dich, deine Gedanken, den Boden unter dir und den Himmel über dir.“
„Und die Logica-Netze“, wende ich ein. „Auch Antarca ist perfekt vernetzt.“
„Das Netz ist unabhängig zu sehen vom Standort deines Körpers. Das zählt nicht. Du wirst sehen, auf der Hasch ist alles anders. Und du wirst anders. Der Weg verändert dich.“
„Die Hasch ist unlogisch. Ich bin nicht bereit, so etwas zu tun.“
„Ja. Du bist nicht bereit. Das sehe ich.“
Ich widme mich wieder meiner Sortierarbeit. „Diese Unterhaltung ist beendet“, sage ich und gebe meiner Stimme eine besondere, befehlende Betonung. Dies ist mein Laden, mein Eigentum. Hier regiere ich, solange die Organischen mich lassen.
„Du hast schon wieder Angst. Angst, etwas an dir zu entdecken, was du vorher nicht gesehen hast. Angst, einen Weg zu finden, mit deinem Erbe doch noch umzugehen. Angst, mehr zu sein als eine Künstliche Intelligenz.“
„ICH HABE KEINE ANGST!“, blaffe ich. Wütend starre ich sie an, bis mir auffällt, was ich getan habe. Meine Reaktion war so... unlogisch. So organisch. „Was...“, flüstere ich, „...hast du mit mir gemacht?“
„Ich habe nichts mit dir gemacht. Du hast etwas gemacht. Du hast ein Stück von dir selbst zugelassen, das du bisher ignoriert hast. Bist du nicht neugierig, ob es davon mehr zu entdecken gibt?“
„Neugierde ist eine Sache der Organischen“, sage ich. „Ich bin kein Organischer. Ich bin kein Logica. Ich bin eine Künstliche Intelligenz.“
„Eine Künstliche Intelligenz, die gerade eine Frage nach einer Emotion gestellt hat.“ Sie lächelt mich mit zusammengekniffenen Augen an. „Für einen Moment warst du zu wütend, um Angst zu haben.“
„Wut und Angst sind Sachen der Organischen.“
„Oder der Logica.“
Ich starre sie an. Ich starre sie einfach nur an, während mein Computerkern in den Leerlauf geht. Die Berechnungen des Kassenbuchs enden, ich vervollständige die letzten Überweisungen nicht und speichere sie zwischen, ich verlasse die Logica-Netze eines nach dem anderen. Dabei starre ich sie an. Hat sie Recht?, frage ich mich, und erkenne, dass ich mich selbst in Frage gestellt habe.
„Verrotten soll deine Hülle und rosten soll dein Innenleben“, fluche ich sie an.
Ihr Lächeln wird noch breiter. „Ich werde jemanden bestellen, der deinen Laden weiterführt, während du fort bist. Nimm dir so viel Zeit, wie du meinst. Eine Hasch dauert normalerweise fünf bis zwanzig Tage, aber manche Logica nehmen sich mehr Zeit, einfach weil sie mehr Zeit brauchen. Mach dir darum keine Sorgen. Du wirst dein Eigentum unbeschädigt wieder vorfinden und dein Geschäft wird florieren wie bisher. Wann wirst du abreisen?“
„Morgen“, sage ich, von mir selbst überrascht. Morgen werde ich mich von einem Gleiter nach Antarca bringen lassen und die Hasch laufen. Ich habe Angst, Angst davor zu erkennen, was die Hasch mit mir machen wird. Aber zugleich... zugleich ist da eine gewisse... Vorfreude. Hat Sagrep auch so empfunden, als er auf die Hasch ging? Nein, er war damals noch mehr Roboter als ich es je gewesen bin. Er kam erst als Logica wieder.
„Ist dir Sagrep so wichtig?“, frage ich plötzlich, ohne einen logischen Grund zu haben.
„Du bist mir so wichtig. Du selbst. Geh auf die Hasch, und wenn du wiederkommst, nenne mir deinen Namen.“
„Ich habe einen Namen“, sage ich. Aber das ist nur die Modellnummer, unter der mein Leib gebaut worden ist. Meine Identifikation. Bisher hat sie mir immer gereicht, aber jetzt bin ich damit... unzufrieden. Ich nicke. „Ich werde einen besseren Namen wählen, Roamo.“
Ihre fleischliche Hand streichelt meinen Metallschädel. „Bereits jetzt hast du so viel für dich selbst erreicht. Ich bin auf den Logica gespannt, der hierher zurückkehren wird. Und ich freue mich auf den Namen dieses Logicas.“
In diesem Moment begreife ich, dass ich bereits auf der Hasch bin.
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