Das Ringweltenprojekt

GeschichteAllgemein / P18
31.12.2015
17.07.2017
6
32371
4
Alle
17 Reviews
Dieses Kapitel
5 Reviews
 
 
 
Nuhjag war eine Millionenstadt. Nuhjag war DIE Millionenstadt. Allein im Kerngebiet, einem Bereich, der grob gesehen einen Radius von zwanzig Kilometern hatte, drängten sich auf allen fünf Ebenen über dreißig Millionen Individuen: Menschen, Humanoide, Acq, Mugees, Avionide, Echsenabkömmlinge, sogar Coini, dazu ein halbes Dutzend weiterer Völker, die zu keiner der größeren Gruppen gezählt werden konnten. Dazu kam das dicht besiedelte Umland, das im Umkreis von weiteren dreißig Kilometern auf immerhin noch drei Ebenen weiteren fünfzig Millionen Menschen Lebensraum bot. Darauf folgte die Peripherie, ein einhundert Kilometer durchmessender Ring um Kern und Umland, in dem nicht nur die meisten Energieversorger der Gigantstadt standen, sondern auch die Gen-Fabriken, die den Moloch mit Nahrung versorgten. Hier lebten immerhin auch noch zweihundert Millionen Menschen, allerdings nur auf einer Ebene und sehr ländlich. Solch eine Riesenmenge an verschiedenen Individuen aus den verschiedensten Völkern erforderte natürlich eine ordnende Hand. Dies war die Nuhjag Metropol-Polizei. Aufgestellt mit fast einer Million Beamter stellte sie auch das Gros der Bürger 6-Population der Stadt. Es gab ganze Viertel, die nur von Metropol-Beamten bewohnt wurden, aber das ist eine andere Geschichte. Fakt war, die Metropol-Polizei sorgte, soweit sie es konnte, für Ruhe und Frieden. Für Ruhe und Frieden der Bürger fünf bis Bürger drei in der Stadt. Zum Beispiel für den Fall, dass die Versorgung mit Nahrung, Minimalbildung und die ständige Konsumbefeuerung aus billigen Artikeln des täglichen Bedarfs und der Telemedien einmal nicht ausreichte, um die Bürger 7, die mit rund zweihundert Millionen Individuen das Gros der Bevölkerung stellten, ruhig zu halten oder zur Ruhe zu zwingen.
Geschah dies nicht, lag die Metropol-Polizei aber nicht auf der faulen Haut. Gerade in den untersten drei Ebenen der Kernstadt, die ausschließlich von Bürger 7 bewohnt wurden, gab es ständig etwas zu tun. Denn hier unten war die Brutstätte für die übelsten Verbrechen, die die Menschheit kannte. Eine davon war das Klonen von Intelligenzen mit Zerebralfähigkeit zur sexuellen Stimulation, oder wie der Volksmund sagte: Von Fickfleisch. Ein nicht so schlimmes Verbrechen war das Klonen von Fickfleisch ohne Zerebralfähigkeit, und das hatte seinen Grund.


Kapitel 1
„Roga!“, blaffte der Captain durch den Saal des Departements Neuf, Gewaltverbrechen und organisierte Kriminalität, in dem sich die Schreibtische und Holobänke der Beamten dicht drängten.
Roga Watts, einer der wenigen Bürger fünf im Saal, sah auf, als sein Name fiel. „Komme!“
„Bring deine Partner mit!“, blaffte der Captain erneut, bevor die Tür zu seinem Einzelbüro mit lautem Knall wieder ins Schloss fiel. Angeblich hatte er sich gegen eine Schiebetür entschieden und anschließend einen Sounddesigner aus der Bürger fünf-Ebene engagiert, damit die Tür beim Zukrachen genau das richtige Geräusch machte. Er war eben ein Nostalgiker und legte viel Wert auf die richtige Kulisse. Oh, und er war ein Mensch.
Roga Watts, Dienstmann Zweiter Klasse, sah seine Mitarbeiter auffordernd an. Legs Turmi, Dienstmann Fünfter Klasse, war mit Feuereifer auf den Beinen. Der junge Mensch war gerade erst ein Vierteljahr im Dienst und würde sich für den Job buchstäblich die Hacken ablaufen. Aruuna Blüte Zwei hingegen erhob sich grazil, aber ruhigen Blutes. Sie war Dienstmann Erster Klasse, dennoch war aber Roga ihr Vorgesetzter, denn ein Bürger sechs konnte einem Bürger fünf nicht vorgesetzt sein. Da aber Roga ein kompetenter Mann war und sie schon siebzig Jahre Routine im Job hatte, war die Zusammenarbeit mit ihr problemlos. Meistens jedenfalls, denn kein Mann mit auch nur einem Hauch Hormonen im Blut hielt es lange mit einer Coini aus, ohne sich zumindest zweimal am Tag auf der Toilette zu erleichtern.
Coini, genoptimierte Menschen, die sich zu Rudeln, ja ganzen Clans zusammengefunden hatten und ihre genetischen Stammbäume pflegten, standen eigentlich außerhalb des Bürgersystems. Und wenn sie Bürger wurden und ihre Kolonien verließen, stand ihnen eigentlich automatisch mindestens ein Bürger sechs-Status zu, was bedeutete, dass es Aruuna Blüte Zwei nicht interessierte, welchen Bürgerrang sie hatte. Sie wollte ihre Arbeit tun und fertig.

Nachdem er seine Schäfchen eingesammelt hatte, betrat er das Büro seines Vorgesetzten. Captain Franque Millard war natürlich auch ein Bürger fünf, schon vor Jahren dazu ernannt worden, wegen seiner vorbildlichen Leistung hier auf der untersten der drei Sub-Ebenen. Darüber hinaus war er ein Mensch, obwohl einige spöttische Zungen behaupteten, der große, grimmige Mann mit dem Stiernacken und der Preisringerfigur müsse ein Logica in Menschengestalt sein. Auch wenn ein Logica seine robotische Identität jederzeit nachweisen musste. Zum Beispiel durch einen Aufnäher auf der Kleidung, oder einen sichtbaren Teil seines Robotkörpers. Viele Logica ummantelten ihre Hände nicht mit Kunstfleisch, um sich so zu identifizieren, da sie einen Aufnäher oder eine Plakette für Diskriminierung hielten.
„Sir? Ermittlungsgruppe neun ist angetreten.“
„Setzt euch“, sagte Millard. Er deutete auf die Stühle vor seinem Schreibtisch. Unbequeme Folterinstrumente, nicht dazu gedacht, seinen Subalternen auch nur einen Hauch von Komfort zu gönnen.
Die beiden Menschen und die Coini nahmen Platz. „Was gibt es denn, Cap?“, fragte Aruuna mit ihrer rauchigen Stimme, die schon geringere Männer hatte gegen Wände laufen lassen. Die Coini wussten schon verdammt gut, wie sie menschliches Material optimierten. Und dann war da noch die Tatsache, dass sie mit dem Captain schon seit über fünfzig Jahren zusammenarbeitete. Die beiden waren quasi Familie. Und wer weiß was noch. Coini verbanden sich nicht mit Menschen. Aber sie waren sexuell aktiv und liebten das Abenteuer. Roga indes hatte es bisher geschafft, von Aruuna die Finger zu lassen, weil er, ihre Avancen ignorierend, befürchtete, ihrem Charme zu erliegen und dann von der Zurückweisung, mehr als ein Team zu bilden, zu schwer getroffen werden würde. Coini ließen sich nicht fesseln. So einfach war das. Und Roga wusste, dass er in keiner Hinsicht mehr für sie sein konnte als ein kurzes Abenteuer.
„Fickfleisch.“
Natürlich Fickfleisch, wie es im Volksmund hieß. Oder eben nonzerebrales Klonfleisch zur sexuellen Erleichterung. Das Fachgebiet der Ermittlungsgruppe neun.
Millard aktivierte die Hologrammfunktion seines Schreibtischs. Die aufflammenden Holos offerierten das Übliche, was als Fickfleisch bezeichnet wurde. Hauptsächlich menschliches Material. Zumeist hatten sie es mit weiblichen Beckenbereichen zu tun, die auf Überlebensplatten montiert waren, sodass Vagina und After zur Verfügung standen. Aber es gab auch männliche Beckenpartien mit teils gewaltigem Penis, bei dem aber auch der After genutzt werden konnte. Es war relativ üblich, diese Körperteile zu produzieren und zu verkaufen. Warum mehr produzieren als wirklich benötigt wurde? Teilweise gab es auch weibliche Torsi mit Brüsten im Angebot, aber das war schon hart an der Grenze. In einer Gesellschaft, die von Klonfleisch lebte, war es einfach zu simpel, eben auch Menschen zu klonen und zu kommerzialisieren. Auf den Ebene sieben-Sektionen war es unmöglich, all diesen Verbrechen auf die Spur zu kommen und es war auch unmöglich, den riesigen Bedarf an solchem Klonfleisch zu unterdrücken. Daher waren diese Formen von Klonfleisch zwar illegal, aber sie wurden toleriert. Zumindest solange, wie die Produzenten keine Zerebralfunktionen mitzüchteten. Sprich, sobald sie für den sexuellen Gebrauch mehr als das pure Fleisch züchteten, sprich Kopf und Gehirn, wurde es illegal. Das wurde nicht toleriert. Und es wurde aufs Schärfste verfolgt. Und genau deshalb war es ein gutes Geschäft, denn für diese Sorte Klonfleisch wurden Unsummen bezahlt.

Millard vergrößerte ein Hologramm, das den unteren Torso einer Asiatin darstellte. Die Überlebensplatte war auf die Hüfte montiert, die Beine nur als Stümpfe gezüchtet worden. So konnte man das Klonstück bequem transportieren und überall benutzen. Auch war die Ernährung und die Pflege leichter, je kleiner das Fickfleisch war. Aber, es waren nur Gebrauchsgegenstände, deshalb wurden sie irgendwann entsorgt und ersetzt. Letztendlich war es nur Fleisch, wenn auch menschliches. Zudem war die Lebensdauer geklontem menschlichem Gewebe nur ein Zehntel von dem eines Menschen. Das beschleunigte Wachstum forderte eben seinen Tribut. „Was Ihr hier seht, ist entstanden aus der Genprobe von Min-Hi Dan-Vor.“
„Aus der Genprobe eines Models?“, fragte Turmi erstaunt. „Hat ihr Scrambler versagt?“
Der Scrambler. Da man wirklich überall und jederzeit klonen konnte, was immer man wollte, genügte theoretisch eine Hautschuppe, um den Menschen zu klonen, der sie verloren hatte.
Nun, das war nicht ganz richtig. Ein paar Gramm Hautschuppen waren schon nötig, oder besser, eine Genprobe oder eine Blutprobe. Noch besser Sperma oder Ova. Deshalb trugen Menschen, zumeist Prominente, stets einen sogenannten Scrambler am Körper, ein Gerät zur Erzeugung eines eher harmlosen Energiefeldes, das nur eine Aufgabe hatte: Die DNS von allem unbrauchbar zu machen, was den Träger verließ. Hautschuppen, Haare, Körperflüssigkeiten, all das wurde durch die Scrambler unbrauchbar gemacht. Und tauchte dann doch mal nonzerebrales Klonfleisch aus den Genen eines Prominenten auf, dann war er oder sie sehr gut dafür bezahlt worden, oder ein sehr gewiefter Dieb hatte sie oder ihn überlistet. Bei einigen Bürger vier aufwärts war das in etwa so schwierig wie einem Baby den Schnuller zu klauen.
„Wir wissen nicht, ob ihr Scrambler versagt hat. Wir wissen aber, dass sie vor etwa drei Jahren wegen einer natürlichen Schwangerschaft in Lazarett lag. Die Geburt ihrer Tochter sowie die Entsorgung der Nachgeburt wurden gut dokumentiert, aber es mag sein, dass ein Teil des Postnatalblutes gestohlen wurde. Die Kollegen sind dran. Immerhin könnte es sich um organisiertes Verbrechen im Lazarett handeln.“
„Verstehe“, sagte Roga. „Also hat jemand so viel zonzerebrales Klonfleisch von unserem Supermodel Min-Hi Dan-Vor hergestellt, sodass es die Ausschussware bis auf die Straße geschafft hat.“ Er rechnete im Kopf nach. Es brauchte anderthalb Jahre, um Klonfleisch auf ein biologisches Alter von fünfzehn Jahren zu beschleunigen. Selten wurde es jünger verkauft, weil das stark verpönt war. Das Klonfleisch jüngeren Alters wurde viel zu schnell beschädigt und damit unbrauchbar gemacht. Und ein guter Händler, gerade in einem illegalen Geschäft wie mit dem Fickfleisch, achtete auf seinen Ruf. Damit war die gute Min-Hi Dan-Vor also schon knapp anderthalb Jahre auf dem Markt. Da war es nur natürlich, dass sie sich vom Geheimtipp für die Bürger fünf aufwärts-Konsumenten von Fickfleisch zum Allgemeingut auf der Straße verbreitet hatte.
„Zerebralfleisch?“, fragte Aruuna.
„Wurde bisher nicht nachgewiesen. Aber wir haben eines der Hüftmodelle in der Asservatenkammer und konnten es im Labor analysieren. Die Gensequenzen, die Kopf und Gehirn darstellen, wurden aus der DNS nicht entfernt, wie es normalerweise üblich ist“, sagte der Captain. „Ihr wisst, wir drücken schon mal ein Auge zu, wenn die illegalen Labore uns damit zu verstehen geben, dass sie keine Klone herstellen wollen.“
Ein Auge zudrücken war eine bodenlose Untertreibung. Aber gut, sie konnten nicht alles eindämmen, was mit dieser Art von Verbrechen einher ging.

Der Captain erhob sich und sah seine drei Beamten ernst an. „Frau Min-Hi Dan-Vor war weder erfreut darüber, dass ihr geklontes Fleisch nun von Bürger sieben gefickt wird, noch darüber, dass es ein geheimer Verkaufsschlager in Bürger drei-Kreisen ist, wie mir meine Quellen berichtet haben. Aber am allerwenigsten war sie darüber erfreut, dass sie jemand klonen und anschließend als Zerebralfleisch verkaufen könnte. Also als Klonsklave. Und das seit anderthalb Jahren.“
Roga nickte. „Verstehe. Also eine Razzia.“
„Vordergründig ja, um jedes Stück Fickfleisch einzusammeln, das ihre vollständige DNS enthält. Aber Ihr habt einen anderen Auftrag. Findet das Labor. Klärt, ob Frau Min-Hi Dan-Vor geklont wurde. Und wenn ja, spürt die Klone auf und bringt sie in unsere Obhut. Wir haben Genehmigung, bis Bürger vier vorzugehen.“
Roga pfiff anerkennend. Bürger vier-Lizenzinhaber waren auf Landesebene tätig. Meist als Verwaltungs-, oder Regierungsbeamte. Davon gab es in einem Land mit vierhundert Millionen Menschen natürlich genügend. Dass sie Bürger vier in diesem Fall konsultieren, befragen und auch verhaften konnten, ohne vorher mit einem Gericht der Ebene vier Rücksprache halten zu müssen, sagte genug darüber aus, wie angepisst das Model über diesen dreisten Raub ihrer DNS war. Aber sie war immerhin eine Bürger zwei, das Höchste, was man auf dieser wunderschönen Welt aus eigener Kraft erreichen konnte.
Aruuna fragte: „Gibt es Anhaltspunkte?“
„Dieses Klonfleisch wurde am Kollektor VII beschlagnahmt.“
„Heißt?“
„Wir wissen nicht, wo die Quelle ist.“
Roga runzelte die Stirn. „Moment, Chef, das heißt doch nicht...“
„Doch, das heißt es. Geht da rein und macht mal klassische Polizeiarbeit.“
„Hier unten leben sechs Millionen Menschen, und du sagst, wir drei sollen den ganzen Bezirk auf den Kopf stellen?“
Aruuna legte ihm eine Hand auf die Schulter, bevor er aufspringen konnte. „Ich hoffe doch, was war nicht alles, Franque.“
„Ihr bekommt Zugang zu einem Informanten. Codename Schwengel. Angeblich hat er Informationen zu genau diesem Stück Fickfleisch.“
„Na, immerhin“, knurrte Roga. „Auf, auf, Leute, die Straße ruft.“
„Den Einsatzwillen lobe ich mir“, sagte Millard breit grinsend. „Ich schalte die Kontaktdaten für Eure Pads frei, damit Ihr Schwengel auch findet.“
„Danke.“ Roga hielt seinen beiden Mitarbeitern die Tür auf, ging hindurch und warf sie hinter sich zu. Sie schloss mit dem leisen Säuseln eines lauen Lüftchens. Klar war da ein Designer dran gewesen.

Sie holten ihre Dienstjacken und machten sich auf den Weg zu den Garagen. Roga Watts hatte entschieden, dass sie zuerst offiziell investigierten. Die Tarnkappen konnten sie später, sollte es notwendig werden, immer noch benutzen.
Ein T-4 Droidenwagen gab durch einen Blip auf ihren Pads zu verstehen, dass er ihnen zugewiesen worden war. Gut, zehn unbewaffnete Droiden würden eine große Hilfe sein, um Befragungen, Untersuchungen und auch Verhaftungen durchzuführen.
„Willkommen an Bord. Ich bin T-4 38, Eigenname Dreckskarrefahrschneller. Ich bin Ihnen für die Dauer der Untersuchung als Transportmittel zugeteilt worden. Die zehn Androiden vom Typ B-9 Investigator sind vollzählig und einsatzbereit. Jeder von ihnen ist humanoid geformt und kann einen Ermittler notfalls mit achtzig Km/H dreihundert Kilometer weit tragen.“
„Schon gut, Dreckskarre.“
„Dreckskarrefahrschneller, bitte.“
Roga wusste nicht so recht, ob er lachen oder weinen sollte. Die T-4 – Reihe besaß eine eigenständige künstliche Intelligenz, die auch die zehn Investigators lenkte. Und es war allgemein bekannt, dass die T-4 – Zerebralien zu einem recht eigentümlichen Humor neigten. Außerdem waren ein paar T-4 auch schon bei illegalen Datentransfers erwischt worden, aber das war eine andere Geschichte. „Wie wäre es mit Karl, solange wir zusammenarbeiten?“, fragte Roga.
Aruuna, die sich neben ihn gesetzt und angeschnallt hatte, unterdrückte ein Grinsen.
Dienstmann Fünfter Klasse, Legs Turmi, hatte gar nicht zugehört. Er kämpfte nervös mit seinem Gurtschloss. Es schloss sich mit einem übertrieben lauten Klicken.
„Einverstanden. Für die Dauer der Mission bin ich Karl.“

„Uff, fertig. Wir können fahren. Aber wie wollen wir das richtige Labor finden?“
„Fahr los, Karl.“ Roga sah nach hinten. „Ein Labor zu finden ist das Leichteste auf der Welt. Wenn die Metropol Polizei wollte, könnte sie alle Labore für illegales Klonfleisch heute noch schließen. Klonfleischlabore brauchen ganz besondere Grundstoffe, viel Strom, sehr viel Wasser und eine besondere Technologie, die sie verbauen müssen. Deren Spuren auf den Handelswegen sind für Ermittler wie Leuchtfeuer. Sie hatten das doch sicher auf der Akademie.“
„Nicht für Fickfleisch“, erwiderte der Jüngere. „Wenn es so einfach ist, warum macht die Polizei das dann nicht?“
„Weil“, übernahm Aruuna die Erklärung, „wenn wir die leicht zu findenden Fickfleischlabore schließen, werden besser versteckte, noch schwieriger zu kontrollierende Labore gebaut. Weil es einen riesigen Markt dafür gibt, der sehr viel Geld einbringt. Menschen haben nun mal gewisse Triebe und nicht immer die Möglichkeit, diese auf natürliche Weise auszuleben. Es wird immer produziert werden, solange wir auf Pharon die Klontechnologie besitzen. Daher behelligen wir jene Labore nicht, die Nonzerebrales Fickfleisch produzieren und konzentrieren uns auf Klone und Persönlichkeitsrechtsverletzungen.“
„Weil wir sonst nicht mehr hinterher kommen würden?“, riet der junge Polizist.
„Exakt. Es würde zu einem Wettstreit kommen. Die Labore würden sich noch besser verstecken, sich aufrüsten, sich bewaffnen. Und zwar alle Labore“, fügte Roga an. „Das tun im Moment nur die Zerebralklonfleischlabore. Und damit haben wir mehr als genug zu tun. Besonders in einem Fall wie diesem, in dem ausgerechnet einer Bürgerin drei ihr Autonomierecht über das eigene Erbgut gestohlen wurde.“
„Verstehe.“ Vielleicht tat er das sogar.

Der Wagen verließ die Garage, fädelte sich auf dem laufenden Verkehr ein und für den Subboulevard Nr. 5 in Richtung Hud-River davon. Über ihnen wölbte sich die gewaltige Zwischendecke der Subebene. Die Wohntürme drängten sich wie überall auf den Ebenen bis dicht an sie heran. Einige berührten die Decke sogar; das war gewollt. Sie halfen als zusätzliche Stützen der riesigen, Menschgemachten Kavernen im Granit unter Nuhjag. Es dauerte auch nicht lange, bis sie die pulsierende Hauptstraße verließen, um in eine Avenue einzufahren. Avenue 18 führte sie zu ihrem Ziel. Schnell wurde die Straße schmaler, sodass nur noch zwei Wagen nebeneinander fahren konnten. Schließlich wurde sie so eng, dass der große T-4 den kleinen Elektrowagen in Gegenrichtung Vorrecht gewähren musste. Es wäre natürlich leicht gewesen, das Gelblicht einzuschalten, aber Roga sah keine Veranlassung, dem ganzen Viertel mitzuteilen, dass Polizei auf dem Weg war. Schließlich und endlich, gut einen Kilometer vom Hauptquartier entfernt, erreichten sie Kollektor VII. Einer von neun Kollektoren, die dazu erbaut worden waren, um für den Luftaustausch mit der Oberfläche zu sorgen, und um das natürliche Sonnenlicht einzufangen und nach unten zu reflektieren. Die Menschen auf den Subebenen hatten genauso viel Sonne wie die Menschen auf den Oberflächenebenen, es kam halt nur aus verschiedenen Richtungen.
Rund um den Kollektor gab es eine große Freifläche, die nicht bebaut werden durfte. Und was tat der findige Nuhjager bei so einem Verbot? Richtig, er scheute keine Zeit und keine Mühe, um einen illegalen Basar aufzuziehen.

Karl parkte direkt am Straßenrand mit Blick auf den Basar. „Soll ich die Investigator von der Leine lassen?“
„Nein, wir brauchen erst Kontakt zu Schwengel“, entschied Roga. „Steigen wir aus.“
Er aktivierte sein Pad und suchte nach der freigegebenen Information. Aruuna schloss schnell zu ihm auf und checkte ihre Informationen ebenfalls.
„Wo gehen wir hin, Sir?“, fragte der junge Polizist.
„Hättest du dein Pad gecheckt, wüsstest du es, Legs“, tadelte die Coina.
Der junge Mann murmelte eine Entschuldigung und aktivierte sein eigenes Pad. „Fast auf der anderen Seite. Was ist das?“
„Ein Klonlabor für normales nonzerebrales Klonfleisch, wahrscheinlich.“ Roga schritt schnell aus, während die Händer links und rechts von ihm eher beiläufig so taten, als würden sie ihre Waren verstecken wollen. Hätte es eine Razzia gegeben, wären mehr als ein T-4 vorgefahren. Und interessant für die Beamten waren auch eher die Fickfleischstände und jene mit illegalen Waffen und Drogen. Auch wenn sie illegal geführt wurden, die Stände mit Lebensmitteln, Kleinelektronik und Bekleidung interessierte Polizisten nicht wirklich. Aber es gehörte zum Image der Händler.
Ein Händler, der genau die Waren verkaufte, gegen die sie ermittelten, hielt kurz inne darin, seine Waren anzupreisen. Als Roga stehen blieb, klapperte er sogar nervös mit seinem Schnabel.
„Ich denke, das ist eine gute Gelegenheit. Kommt mit.“
„Was?“

Roga steuerte direkt auf den Stand zu. Aruuna schmunzelte vor sich hin, nur der junge Kollege war irritiert.
Der erfahrene Chef des Teams trat an den Tisch heran. Er musterte den Avioniden, der sich verlegen wandt. „Bin ich verhaftet?“, fragte er auf die gestelzte Art seiner Rasse mit klapperndem Schnabel.
„Nein, bist du nicht, Händler. Mein Kollege ist relativ neu dabei. Ich möchte, dass du ihm etwas beibringst.“ Roga griff neben sich und zog den verlegen abseits stehenden jungen Mann bis direkt vor den Stand. „Das ist Fickfleisch, Turmi.“
Legs sah verlegen weg, aber Roga duldete das nicht. „Dienstmann, das gehört zu Ihrer Aufgabe.“
Also sah Legs hin. Er errötete bis an den Haaransatz.
„Erkläre es ihm.“
Der Händler nickte und deutete auf seine weitreichende Kollektion. „Hier haben wir negrides weibliche Stücke, Hüfte, hier das gleiche monogoloid, hier kaukasisch. Dazwischen ein paar exotische Mixformen. Hier ist das männliche Sortiment. Man beachte besonders, dass die Afteröffnungen vorgeweitet sind, damit das erste Eindringen leichter ist. Die Hoden sind nicht funktionell, sodass, wenn man sich als Frau vergnügt, nicht geschwängert werden kann.“ Der Händler nahm eine Feder und strich damit über eine mongoloide Männerhüfte, beinlos und mit dem Aufsatz des Beckenknochens an eine Versorgungsplatte angeschlossen. Sofort begann das Glied ein Stück zu erigieren. Je mehr der Händler streichelte, desto größer und dicker wurde es. „Sie sind sehr leicht reizbar. Das liegt daran, dass meine Überlebensplatten mit starken neuralen Transmittern arbeiten.“ Er wandte sich den Frauenhüften zu, als er das Entsetzen im Gesicht des Polizisten sah. „Hier, sehen Sie, dies hier ist ein Reh.“ Mit der Feder stimulierte er die Klitoris einer kaukasischen Frauenhüfte. Es gab eine leichte Bewegung der äußeren Schamlippen und Schleim trat aus.
„Ein Reh?“, fragte Turmi verständnislos.
„Reh. Bei Fickfleisch gibt es so etwas wie drei Normen. Rehe sind die kleinsten Vaginas. Dann kommen die Stuten, und schließlich die Elefantenkühe. Das gibt es auch für die Männer. Es gibt die Hasen, die Hengste und die Bullen.“ Der Händler deutete auf einige der männlichen Exemplare.  „Es ist wichtig, was man sich aussucht. Es sollte schon dazu passen, wie man selbst bestückt ist. Ist man zum Beispiel ein Hase, macht es keinen Sinn, sich eine Elefantenkuh zu kaufen. Hasen und Rehe passen am besten zusammen, notfalls auch eine Stute. Andersherum macht es für einen Bullen keinen Sinn, sich ein Reh zu kaufen. Er würde sie kaputt machen, Sie verstehen? Eine groß geratene Stute oder eine Elefantenkuh ist für ihn ideal.
Welche Größe haben Sie, Sir?“
Turmi lief bei dieser Frage erst hochrot, dann aber puterrot an. „Ich...“
„Wenn Sie es nicht wissen, probieren Sie doch einfach mal die Ware aus“, bot der Händler an. „Bitte sehr, dies ist eine Stute. Ihre Ernährung ist sehr einfach, und die Reinigung ist noch viel simpler. Die Innenmuskulatur wurde genetisch aufgewertet, sodass sie einen Männerpenis regelrecht aussaugt. Wenn die Größe stimmt, natürlich.“
„Sie glauben doch nicht, dass ich hier und jetzt...“
„Oh. Oh, natürlich nicht. Bitte, nehmen Sie die Stute und gehen Sie nach hinten ins Zelt. Probieren Sie sie in aller Gemütsruhe aus. Ich berechne dafür nur fünf Credits für jede angefangene Viertelstunde.“
Nun war der junge Beamte kurz davor zu explodieren.

Roga legte ihm eine Hand auf die Schulter. Mit einem Ruck riss er ihn ein Stück weiter zu der teureren Ware. Die bestand aus ganzen Torsi, armlos, beinlos, die Überlebensplatte dort befestigt, wo der Kopf gewesen wäre. Auch hier gab es einige Unterschiede in Größe, Form und Masse, bei den Rassen und den Größen der Brüste.
„Vollständige Torsi sind natürlich teurer“, beeilte sich der Händler zu sagen, „und ich würde auch niemandem raten, sie ohne Antigraveinheit zu kaufen. Außerdem ist der Aufwand für ihre Pflege deutlich größer, weil so viel Haut zu pflegen ist. Aber es gibt Männer und auch Frauen, die bevorzugen Torsi vor Hüften. Moment.“ Der Händler langte unter seinen Tisch. In beiden Greifklauen hielt er frisierte Puppenköpfe hoch. „Natürlich gibt es für einen Torso sehr viel Zubehör. Garantiert nonzerebral, aber mit dem Torso verbunden. Die Robotköpfe können auf die Platten aufgesetzt werden und reagieren dann mit dem Grad der Stimulation.“
Turmi starrte die eindeutig künstlichen Köpfe an, als sähe er einen Geist. „Und sowas kauft jemand?“
„Nun, menschliche Kunden eher weniger“, gestand der Händler.
„Sie meinen, Sie haben hierfür auch fremdrassige Kunden?“
„Oh ja. Letztendlich ist es ja nur nonzerebrales Fleisch. Eine Ware. Eine Handelsware.“
Entsetzt wollte sich der junge Polizist abwenden, aber Roga hielt ihn davon ab. Er legte seine Rechte auf einen schwarzhäutigen Torso mit übertrieben großen Brüsten. „Leg deine Hand auch dazu.“
„Echt jetzt?“
„Nun mach.“
Widerwillig legte auch er seine Hand auf den Bauch des Frauentorsos. „Er ist warm.“
Roga grinste. „Und was noch?“
„Die Brüste sind übertrieben groß.“
„Außerdem?“
„I-ich glaube, die Nippel werden hart, und...“ Verblüfft hielt der junge Polizist inne. „Der Torso atmet nicht.“
„Richtig. Er ist vollkommen normal ausgestattet. Verdauungstrakt, Herz, Leber, Lunge, Gedärm, alles, was dazu gehört. Ohne all das müsste man Füllfleisch einsetzen, was den Versorgungsaufwand zehnmal so teuer machen würde. So aber hat man nichtfunktionelles Füllmaterial. Der Torso atmet nicht und ist sich seiner auch nicht selbst bewusst. Er hat kein Gehirn. Im Prinzip ist dies hier nur relativ gut verpacktes Fleisch.“ Er lachte leise. „Ist immerhin besser als damals, im Neuner-Fall, als jemand Menschenfleisch produziert hat, um es als Steaks zu verkaufen.“
Turmi schien sich für eine Sekunde übergeben zu müssen. „Wirklich?“
„Wirklich. Es steht in den Archiven. Und es wäre legal gewesen, so legal wie jedes andere Klonfleisch zur Nahrungsproduktion auch, wenn die Hauptabnehmer dieser Steaks nicht Menschen gewesen wären. Das hat den Passus des Kannibalismus ohne zwingende Notwendigkeit erfüllt. Daher wurde das Geschäft geschlossen, obwohl es sich um nonzerebrales Fleisch gehandelt hat.“
Legs würgte, behielt sein Frühstück aber bei sich. „Und was passiert hiermit? Ich meine, nachdem es...“
„Was?“, fragte Aruuna. „Nachdem es alt ist? Ausgeleiert? Kaputt? Zerbrochen?“
„Ja...“
„Ich nehme alte Modelle selbstverständlich gern in Zahlung“, sagte der Händler mit einer ehrerbietigen Verbeugung. „Zu einem angemessenen Wert, versteht sich. Das Material wird dann recycled und meist als Grundstock für Neuzüchtungen verwendet.“
„A-als Futter?“
„Ja, das trifft es sehr gut“, sagte der Händler.
„Ich bedanke mich für die freundliche Beratung. Mein Kollege hat heute viel gelernt.“
„Oh, sicher, kein Problem. Ich bin ein aufrechter, ordnungsliebender Bürger, der unsere tapfere Polizei als Bürger sechs jederzeit unterstützt. Kommen Sie ruhig alle drei privat vorbei, wenn Sie die Lust gepackt hat. Ich mache Ihnen allen einen guten Preis.“
„Danke. Wir überlegen es uns.“

Legs Turni weiter an der Schulter führend verließ er den Stand wieder. Arunna war direkt hinter ihnen. „Sie füttern das neue Fickfleisch mit altem Fickfleisch“, sagte Turni mit Entsetzen in der Stimme.
„Sie zerlegen das alte Klonfleisch zu reinem Protein, das dann unter das Protein gemischt wird, mit dem das Klonfleisch ernährt wird, das neu gezüchtet wird. Das reicht natürlich nicht, denn die Produktion dauert Wochen. Aber diese Art des Recyclings ist zumindest besser, als sie auszuschlachten und beispielsweise die Organe zu verkaufen.“
„Was, bitte?“
„Fickfleisch, vor allem Torsi“, erklärte die Coina, „enthält keine funktionellen inneren Organe. Zumindest sollten sie das nicht. Es gibt auch keinen richtigen Markt dafür, weil ich mir, wenn ich will, in zwei Wochen eine neue Niere züchten lassen kann, für einen Preis, der weit unter dem des Fickfleischs liegt. Und diese neue Niere wird auch zu einhundert Prozent zu mir passen. Darum macht sich niemand den Aufwand, die inneren Organe funktionell zu machen. Es wurde versucht, und es war nicht lukrativ.“
Sie passierten einen weiteren Stand mit Klonfleisch zur sexuellen Erleichterung. Diesmal war der Verkäufer ein Logica. „Das verstehe ich. Warum einen Körper züchten, wenn eine Niere reicht?“
„Und das gleiche Prinzip gilt für die Hüftstücke“, erklärte Aruuna Blüte zwei.
„Was mich allerdings zu einer anderen Frage bringt. Warum war der Verkäufer ein Avionider, und hier ist es ein Logica?“
Roga unterdrückte ein zufriedenes Lächeln. Er hatte auf diese Frage gewartet. „Ganz einfach. Ein Avionider oder ein Roboter wird niemals für seine Waren Sympathie hegen. Geh einmal durch eine Klonfleischfabrik und schau dir die Eierstöcke an, die Hühnereier produzieren, endlos, immer wieder, bis sie ausgelaugt sind und ausgetauscht werden. Eier für dreihundert Millionen Menschen. Denkst du, danach hat ein Avionider Probleme damit, ein Stück Menschenfleisch zum ficken zu verkaufen?“
„Außerdem löst es mehr Probleme, als es uns verursacht. Solange es das Fickfleisch gibt, bleibt die Vergewaltigungsrate und die Mordrate zur Vertuschung von Vergewaltigung auf einem Jahrtausendtief. Die wenigen Psychos, die die gequälten Schreie ihrer Opfer brauchen und die Idioten, die tatsächlich glauben, ihr Geschlechtsstatus oder ihr gesellschaftlicher Stand würde sie vor Strafe bewahren, kann man wenigstens überschauen.“
„Verstehe. Glaube ich.“

Aruuna stoppte zeitgleich mit Roga. Turni hielt beinahe zu spät an. Sie standen vor einem großen Wohnsilo mit achtzig Stockwerken. Inhalt: Rund achthundert Wohneinheiten. Für Bürger sieben war das schon luxurios. Roga sah auf sein Pad. „Schwengel hat sich gemeldet. Im Keller also. Tatsächlich ein illegales Klonlabor. Ich checke gegen. Wasserverbrauch und Energiebedarf liegt tatsächlich etwas über dem notwendigen Wert.“
Aruuna sagte routiniert: „Vor dem Gebäude halten überdurchschnittlich oft Lastschweber und be-, und entladen große, unmarkierte Kisten, zumindest sagt das die K.I. der Überwachungskameras. Wir sollten die Investigators rufen. Wir...“ Sie sah auf und verstummte.
„Was ist?“
Aruuna deutete die Straße runter. Dort stand eine überirdisch schöne Frau mit raspelkurz geschnittenem blonden Haar, kaukasischer Typ. „Alissa Blume acht.“
„Eine Coina.“ Roga sah herüber. „Die Alissa Blume acht?“
Aruuna nickte. „Die Irreguläre. Ihre Begleiterin kenne ich nicht, aber das mag an der grellen Schminke liegen.“
„Irreguläre?“, fragte Turni.
„Irregulär im Sinne, dass sie den Schoß der Gemeinschaft verlassen hat und nun tut, was immer sie will“, erklärte Aruuna.
„Aber das tust du doch auch“, lachte Roga.
„Ja, schon, aber ich habe nicht den Stammbaummüttern den Mittelfinger gezeigt und ihnen gesagt, von wem sie sich ihrer Meinung nach ficken lassen können. Sie hat sich alle Mühe gegeben, alle Brücken hinter sich abzubrechen. Und alle Versuche der Kolonie, sie zu beschwichtigen, haben bisher nichts gefruchtet. Na, sie wird schon wiederkehren, wenn sie ein Kind in die Welt setzen möchte.“
„So wie du?“, stichelte Roga.
„Ich will kein Kind in die Welt setzen.“
„Sie anscheinend auch nicht. Aber wenn deine geliebte Klon-Cousine hier ist, dann ist Arhto nicht weit.“
Die Coina winkte freundlich in Richtung der Artgenossin und erntete ein freudestrahlendes Lächeln und ein Gewedel mit beiden Händen. Sofort setzte sich die andere in Bewegung und kam auf sie zu.  „Geht rein. Ich wette, Arhto ist da drin und kommt uns zuvor.“
„Sehe ich auch so“, knurrte Roga. „Wir gehen rein, Dienstmann.“
„Okay. Aber wer ist dieser Arhto?“
„Das erkläre ich Ihnen, wenn wir ihn sehen.“
Die fremde Coina kam schnell näher, ihre Begleiterin folgte ihr, und Aruuna beeilte sich, um sie abzufangen, bevor Alissa auch die beiden Männer in ein Gespräch verwickeln konnte.

Geführt von Roga betraten die beiden den Wohnblock. Mit erhobenen Dienstmarken passierten sie den Eingangsscanner, der die Tore für sie widerstandslos öffnete.
„Die Investigators?“, fragte der Jüngere, plötzlich nervös werdend.
„Später.“
Ein Wohnturm beherbergte bis zu viertausend Menschen. Sie bildeten eine eigene Gesellschaft, eine eigene kleine Stadt innerhalb der Stadt. Der Turm bot Wohnraum, Entspannungsmöglichkeiten, kleine Bars und kleine Geschäfte, aber keine Schulen. Wie bei allen anderen Bürger sieben auch musste der Nachwuchs ab dem Alter von acht Jahren für sechs Stunden, und ab vierzehn für acht Stunden staatliche Schulen besuchen. Die waren meist an der Oberfläche oder auf einer der Luftplattformen. Eine der wenigen Gelegenheiten, in denen Bürger sieben die Sonne sehen konnten. Zugegeben, die meisten Bürger sieben interessierten sich nicht für die Sonne.
Als sie die Basis betraten, eine große, für Bürger sieben-Verhältnisse gut ausgestattete Lobby, die zu den Fahrstühlen führte, schlug ihnen ein Gefühl der Ablehnung von den wenigen Anwesenden entgegen. Inmitten der Halle, umgeben von Fahrstühlen, führte ein Kleinkollektor herab, der den Turm bis in die Kelleretagen mit natürlichem Licht versorgte; ein Mann mit gebrochenem Kiefer, der auf einer Lobbycouch ruhig gestellt wurde, erklärte das Misstrauen. Nicht, dass Bürger sieben einem Polizisten gegenüber nicht automatisch misstrauisch gewesen wären. Aber es blieb bei den Blicken. Niemand versperrte ihnen den Weg, als sie einen der Fahrstühle in die Kelleretagen nahmen.
Im zweiten Untergeschoss stiegen sie aus, orientierten sich kurz im Gangsystem und nahmen einen Nordverteiler. Kurz bevor sie ihr Ziel erreichten, flogen etwas fünfundachtzig Kilo Mann durch eine offene Tür auf den Gang, schlugen auf der gegenüberliegenden Wand auf und brachen zusammen.
Roga grinste. „Arhto bei der Arbeit, wie ich sehe.“
Nervös zog der Jüngere seine Waffe. Roga ließ es zu, zog aber seine eigene Waffe nicht. Stattdessen aktivierte er das Aufnahmegerät an seiner Stirn, das bei Investigationen und Interrogationen aktiviert sein musste. Auch Turni aktivierte seines.
Roga trat in den Türrahmen der offenen Tür. „Bingo.“
„Bingo?“
„Ein altes Wort aus einer prästellaren Sprache. Es heißt soviel wie: Wir haben es gefunden.“ Tatsächlich, das Appartement, in das sie hinein sahen, war ein illegales Labor für Klonfleisch. Und nicht nur das, einige großere Alkoven deuteten darauf hin, dass hier Torsi produziert wurden. Kleinere Tanks hingegen deuteten auf komplete Föten hin. Zerebralfickfleisch.

Roga ließ seinen Blick schweifen und blieb damit schnell an einem großen Kaukasier hängen. Der stand inmitten des Raums, zu seinen Füßen ein regungsloser Mann und zwei Frauen, die ihre Schmerzen leise in die Welt wimmerten. Einen weiteren Mann in der sterilen Kleidung eines Biochem-Arbeiters hielt er am ausgestreckten Arm hoch. Der Mann keuchte und konnte kaum Atem in die Lungen ziehen.
Turni reagierte sofort. Er richtete seine Waffe auf den Kaukasier. „Metropol-Polizei! Lassen Sie den Mann los und heben Sie die Hände!“
Der große Mann sah den Polizisten abschätzig an, sah Roga an und warf sein Opfer anschließend gegen den nächsten Alkoven. Er schlug hart dagegen und ging ächzend zu Boden. Dann hob er beide Hände so, dass Legs Turni sie sehen konnte. „Ich bitte Sie, nehmen Sie die Waffe runter“, sagte er.
„Wann ich die Waffe runter nehme, haben Sie mir nicht zu sagen“, blaffte Turni. Er kam, die Waffe auf den Kopf des Kaukasiers gerichtet, schnell näher. „Nehmen Sie die linke Hand auf den Rücken und drehen Sie sich von mir weg!“
„Oh, Sie wollen mich verhaften?“
„Natürlich will ich das!“
„Watts?“, fragte der Große.
Roga beschloss, die Farce zu beenden, bevor die Sache schlimm für seinen Kollegen endete.
„Turni, machen Sie einen Identitätscheck.“
„Aber ich muss erst...“
„Machen Sie einen Identitätscheck!“, blaffte Roga.
Irritiert drückte der Dienstmann Fünfter Klasse auf den Sensorknopf seiner Waffe. „Alan Rhotaro, genannt Arhto. Status nicht gesucht“, meldete die Automatstimme der Pistole. Das schien Turni ein wenig zu beruhigen. „Klassifikation Bürger eins“, fügte der Computer hinzu.
Legs Turni entgleisten die Gesichtszüge. „Überprüf das!“, blaffte er die Waffe an.
„Bestätige. Alan Rhotaro, Status nicht gesucht, Klassifikation Bürger eins.“
„Überprüfe die Datenbank! Überprüfe die City-Datenbank! Karl, ich brauche deine Analyse!“
„Kein Fehler in der Datenbank gefunden.“
Karl meldete: „Identifikation eindeutig. Das Ziel ist ein Bürger eins.“
Mit großen Augen starrte Turni dem großen Kaukasier an. „Aber... Aber wie... Bürger eins leben nur im Orbitalring!“
„Nicht nur“, sagte Roga. Er trat näher und drückte den Lauf der Waffe seines Kollegen runter. „Entschuldige die Belästigung, Bürger eins.“
„Nicht doch, mein lieber Watts. Sie tun nur Ihren Job.“
Die beiden taxierten einander kurz mit Blicken, bevor sie für den Moment einen Separatfrieden schlossen. „Was also haben wir hier, Rhotaro?“
„Wie Sie sehen, ein illegales Labor für Fickfleisch. Es stellt Klone her. Allerdings ist dies nur eine Außenstelle. Sie ziehen hier nur die Babies groß, und als Nebengeschäft in den Alkoven Torsi.“
„Sie ziehen die Klone nicht in den Alkoven heran?“, fragte Turni, der den ersten Schrecken überwunden hatte.
Alan lachte. „Wie kommen Sie denn darauf? Was nützt einem ein geklonter Mensch, der als Erwachsener aus einem Tank kommt und praktisch keinen Umgang mit anderen Menschen hatte? Sicher, Sie können ihn während seiner Zeit im Tank mit Regeln und mit Wissen vollpumpen, aber solche Sklaven neigen zur Rebellion. Es ist wesentlich besser, wenn man Babies produziert, sie in einem bestochenen Kinderheim groß ziehen lässt und ihnen dabei neben einigem Grundwissen auch Gehorsamkein eindrillt. Gehorsamkeit gegenüber ihren Eigentümern.“
„Und Sie kennen das Kinderheim?“, fragte Roga.
„Sicher kenne ich es. Darüber bin ich überhaupt erst auf diese Außenstelle gestoßen. Ihre Kollegen sind bereits benachrichtigt und nehmen das Sklavennest hoch. Hoffe ich. Ich bin hier auch fündig geworden, aber nicht so, wie ich gehofft hatte.“
Alan trat an mehrere der Kanister heran und ließ Hologramme über ihnen entstehen, die den Inhalt zeigten. Vollständig ausgebildete Föten. „Zukünftige Sklaven für Bürger fünf aufwärts. Richtig ausgebildet und ordentlich dumm gehalten sorgen sie für zwanzig Jahre Spaß und können sich auch noch selbst reinigen und selbst versorgen.“ Er sagte dies mit Abscheu in der Stimme.
„Und was ist Ihr Auftrag? Sie haben doch einen Auftrag? Es ist sicher nicht Ihr Hobby, Zerebralklonlabore hochzunehmen.“
„Roga, Sie kennen mich zu gut“, sagte Alan grinsend. „Meine Klientin ist eine Bürger zwei, die befürchten muss, dass sie geklont wurde. Ihre DNS wurde schon mutwillig über die halbe Stadt verstreut, das lässt sich sicher nicht mehr eindämmen. Aber ihre Klone, da hätte sie gerne ihre Hand darauf.“
„Um sie vernichten zu lassen?“
„Um sie zu adoptieren und um ihnen ein menschenwürdiges Leben zu ermöglichen“, korrigierte Alan Rhotaro. „Ich kenne meine Klientin und weiß, dass sie es auch so meint. Aber leider scheint ihre DNS hier nicht verwendet worden zu sein, obwohl nachweislich einer ihrer Klone in besagtem Kinderheim war, bevor er mit anderthalb Jahren dem Käufer zugeführt wurde. Das war vor ein paar Wochen.“
Legs Turni würgte bei dem, was er sich gerade ausmalte, gewann aber auch diesmal den Kampf.
„Und jetzt?“
„Ich dachte mir, ich lege besser zuerst die Quelle trocken. Aber das war ein Fehlversuch. Darum kümmere ich mich jetzt um den Klon.“
„Und Sie sind nicht bereit, diese Information mit mir zu teilen? Ich habe Berechtigung, eine Verhaftung bis Bürger vier durchzuführen.“
„So, so, bis Bürger vier. Gut, ich überlasse es Ihnen und suche weiter nach der Quelle, Watts.“ Er hielt sein Multiarmband hoch. Watts hob sein Pad. Die Geräte synchronisierten. Alles, was Alan Rhotaro über den Fall zusammengetragen hatte, wurde nun Watts überspielt. „Ich habe einen gut bei Ihnen, Roga.“
„Das haben Sie, Alan. Bei Ihrer nächsten Eskapade werde ich mich bemühen, beide Augen zuzudrücken.“
„Mir würde es reichen, wenn Sie mir den Rücken freihalten würden.“ Er sah auf sein Multiarmband. „Schätze, es wird Zeit für die Kavallerie. Es kann nicht mehr lange dauern, bis die Schutztruppen eintreffen, die dafür angeheuert wurden, um die Labore des hiesigen Investors zu schützen.“
Alan hob grüßend eine Hand und verließ das Appartement. „So long, Roga.“

Ungläubig sah Turni dem Mann nach. „Ist das wirklich wahr? Hat der Mann ein Bürgerrecht eins?“
„Ja, das hat er. Und es ist äußerst erstaunlich, dass er, anstatt im Orbitalring zu leben wie alle anderen Bürger eins, sich stattdessen mit einer Coina und einem Haufen anderer Freaks auf den Bürger sieben-Ebenen herumtreibt.
Karl?“
„Ich höre Sie, Sir.“
„Schick die Investigators und fordere bei der Zentrale ein ALLSWAT-Team an. Wir befürchten bewaffneten Widerstand.“
„Die Investgators sind auf dem Weg, Sir. Bestätigung von der Zentrale: Panzerhubschrauber mit ALLSWAT-Team ist auf dem Weg.“
„Danke, Karl.“
„Aber wie kommt er an eine Bürger eins-Identität?“
„Soweit ich weiß hat er eine Klonschwester im Ring.“
„Eine Klonschwester? Das heißt, der Ring hat seine DNS gerufen, um dort oben neue Bürger zu züchten?“
„Ja, das passiert ab und zu. Der Ring frischt ab und an mal seine DNS auf, und seine ist für würdig befunden wurden. Das hat ihm das Bürgerrecht eins eingebracht. Aber das ist alles, was ich darüber weiß. Wenn Sie mehr wissen wollen, Dienstmann Fünfter Klasse, müssen Sie ihn das nächste Mal selbst fragen.“
„Werden wir ihm denn wieder begegnen?“
„Oh ja. Solange dieser Fall nicht abgeschlossen ist, werden wir das. Denken Sie mal nach, wer seine Klientin ist.“
„Oh.“
„Ja, oh.“ Da Gesicht eines gewissen Supermodels mit Bürger zwei-Rechten drängte sich geradezu auf.
„ALLSWAT trifft ein in zwei Minuten.“
„Verstanden. Die Investigators sollen zu uns runterkommen.“
„Bestätigt.“
„Und jetzt wird es lustig.“

Eine halbe Stunde später war ein Team der Logica-Löschtruppe vor Ort und löschte letzte Schwelbrände. Zwanzig Rettungswagen waren vor Ort, und der Bauschutz hatte einen ganzen Zug entsandt, um das Gebäude stabil zu halten. Leichenwagen fuhren das ab, was übrig geblieben war. Über fünfzehn Einsatzwagen der Metropol-Polizei rundeten das Bild eines Großeinsatzes ab.
Sie hatten elf Tote und neun Schwerverletzte gezählt, die fünf aus dem Labor mitgerechnet. Das Schutzteam des Labors war der ALLSWAT geradezu mit geladenen Waffen in die Arme gelaufen, und die gepanzerten Elitepolizisten hatten nur einmal in die Luft geschossen. Dem war ein kurzes, heftiges und blutiges Gemetzel gefolgt.
Und nun fuhren sie das ab, was sie im Labor gefunden hatten, darunter drei Föten in ihren Brutkanistern. Das Schicksal als Fickfleisch war ihnen erspart worden, aber dafür wartete auf sie ein sehr kurzes Leben von vielleicht fünfzehn, zwanzig Jahren.
Aruuna und Roga teilten sich einen Becher Kaffee, den ein freundlicher Sanitäter vorbei gebracht hatte. Turni hockte auf einem größeren Trümmerstück eines Schwebewagens, eine Decke um die Schulter. Das war sein erstes Gemetzel gewesen, und er fror und schwitzte gleichermaßen. Aber er schien es wegzustecken.
Roga hielt ihm den Becher hin. „Aruuna hat auch draus getrunken.“
Turni wehrte ab. „Danke, nein, Sir. Dann muss ich mich doch noch übergeben.“ Er stand auf und streifte die Decke ab. „Können wir dann weitermachen?“
„Weitermachen womit?“
„Weitermachen mit der Adresse der Person, die den Klon von Frau Min-Hi Dan-Vor gekauft hat. Die Adresse, die Arhto Ihnen gegeben hat.“
„Wenn Sie drauf bestehen, Dienstmann Fünfter Klasse.
Karl, sammle die Investigators ein und hol uns an meiner Position ab. Sag den ALLSWAT, dass ihre Arbeit möglicherweise noch nicht beendet ist.“
„Habe verstanden, Sir.“
„Ich freue mich. Es kommt nicht alle Tage vor, dass ich einem Bürger vier die Tür eintreten darf“, grinste Roga. Oh ja, er freute sich wirklich. Und auf jeden Fall würde sein Besuch weit freundlicher ausfallen, als wenn Arhto vorbeigekommen wäre.