Das Gefühlsgemälde

von Everglow
KurzgeschichteMystery, Schmerz/Trost / P12
31.12.2015
31.12.2015
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Es war einmal ein kleines Reich, voll von zufriedenen Menschen. Sie lebten in Freude und Glück und es fehlte ihnen an nichts. Goldene Wolken zogen über das Reich und der Himmel glänzte in schillernden Rottönen. Dunkle, murmelnde Bäche sangen im Einklang mit den Paradiesvögeln in den Kirschbäumen und den Melodien des eigensinnigen Windes.

Unten am Bach, der Nyciandasí heißt, stand eine bescheidene Hütte, kaum auffällig, mit rötlichem Dach und einer hölzernen Tür. Dort lebte der Maler Sensus.
Sensus war bekannt in dem kleinen Reich, denn er war fast der einzige Maler im ganzen Land. Was ihn von den anderen Malern unterschied war, dass er keine normalen Bilder malte, nein!
Er malte Gefühle.
Kamen die Menschen zu ihm und erzählten ihm von ihren Gefühlen, so malte er dazu ein Gemälde. Viele der Leute interessierte es, wie ihre Gefühle gemalt aussahen und sie wollten sich so einen Überblick über das verschaffen, was in ihnen vorging. Die Bilder, die Sensus malte, waren immer wunderschön. Doch bald wurden sie langweilig. Alle seiner Werke hatten etwas harmonisch-glückliches an sich und deshalb ähnelten sie sich alle.

Die Menschen fanden es schnell uninteressant, Sensus bei seiner Arbeit zuzusehen und immer weniger kamen zu der kleinen Hütte am Nyciandasí, um ihre Gefühle zeichnen oder malen zu lassen. Die meisten holten ihre Bilder nicht einmal mehr ab und in dem Haus des Malers befand sich mittlerweile eine beträchtliche Ausstellung bezaubernder Bilder, die allerdings niemand haben wollte.
Sensus wurde traurig und beschloss, seinen Beruf aufzugeben.

Eines Tages jedoch, als er gerade wieder einmal trübsinnig und mit seiner Tabakpfeife in der Hand in seinem Schaukelstuhl hin und her wippte, klopfte es an der Tür.
Missmutig bat der Maler den Unbekannten einzutreten. Es war ein kleines Mädchen mit verweinten Augen, dunklen Schatten im Gesicht und knittriger Haut. Seine Arme waren mager und schlacksig, ebenso seine Beine.
Überrascht wegen des unerwarteten Besuchs riss Sensus erst seine Augen weit auf, dann bot er dem Mädchen Kekse, Limonade und einen Sitzplatz an. Dankbar nahm es das Angebot entgegen.

Als es schließlich neben ihm saß, kauend und mit leerem Blick vor sich hinstarrend, fragte er: „Was ist dein Wunsch? Was führt dich hier her?“
Das Mädchen starrte ihn an, als wisse es nicht, was er damit meine. „Wie“, fragte es erstaunt und stellte das Limonadenglas von sich weg, „Seid Ihr nicht Sensus, der Maler vom Nyciandasí, Schöpfer strahlender Farbenpracht und der, der den Gefühlen auf der Leinwand ein Zuhause gibt?“
Überrumpelt hielt Sensus im Zug an seiner Pfeife ein. Dann wiegte er den Kopf. „Oh“, meinte er leicht nostalgisch, „der war ich einmal. Doch die Menschen haben keinen Sinn mehr in meiner Arbeit erkannt. Ich musste sie aufgeben.“
Das Mädchen starrte weiter mit einer Art apathischer Fassungslosigkeit auf den Mann, der nun die Pfeife sinken ließ. „Das ist schade“, erklärte das Kind in seltsam melodischem Ton, „Ich wünschte, er hätte meine Gefühle nicht in der Farbtube gelassen, sondern sie mit seinem Pinsel ertastet...“
Sensus senkte erst leicht seinen Blick und verharrte für einige Sekunden in dieser Bewegung.
Als hätte ihn der Geist der Tat durchschwebt, stand er plötzlich ruckartig auf und verließ das Zimmer. Im Nebenraum klapperte es ein wenig und gleich darauf kehrte der Maler mit einer Staffelei, einem Keilrahmen, Farben, Tüchern und verschieden Pinseln zurück.
Ein Lächeln, ebenso seltsam wie die Stimme, flog einen Augenblick über das verhärmte Gesicht des Mädchens. Dann wippte es leicht auf dem Schaukelstuhl vor und zurück, wobei es aufmerksam beobachtete, wie Sensus die Staffelei und alles vorbereitete.
„Sprich, Kind“, sagte er dann müde und tauchte den Pinsel bereits aus Routine in Gold.
„Das ist nicht mein Gefühl“, sagte das Mädchen und deutete auf die goldene Farbe. Wieder hielt Sensus ein. Er tupfte den Pinsel auf einem feuchten Tuch ab und seufzte schwer. „Was dann, mein Kind?“
Das Mädchen schien für einen Moment zu überlegen. Dann deutete es auf eine andere Farbe. „Schwarz“, hauchte es, „und Rot! - Das Rot hat meine Augen getrübt, als schwarze Schleier mich umgaben. Rot und schwarz.“
Eine Sekunde sah Sensus dem Kind in die Augen.
Schmerzvoll verzerrt. Erinnerung in der Vergangenheit.
Dann begann er zu malen.

Als er fertig war, stand das Mädchen langsam auf und stellte sich neben ihn. Es sah unglücklich aus.
Sensus' Augen hingegen glänzten euphorisch. „Ist es nicht ein Wunder?“, rief er und strahlte das Mädchen an.
„Was?“, fragte das Mädchen betrübt. Die Leinwand war über und über mit bunter Farbe bekleckst. Und inmitten dieses Regenbogens stand ein mit Kohlestift gekritzeltes Kind, das zu schreien schien. Seine Augen waren weit aufgerissen und es war ausgemergelt. In Blut.

Sensus ließ sich nicht beirren. „Das Bild!“, sagte er freudig.
„Alles ist schwarz und rot...“, flüsterte das Mädchen. Sensus sah es liebevoll an.
„DU bist das Wunder.“
„Aber warum?“
„Weil“, sagte der Maler glücklich, „es ein völlig anderes Bild ist als alle, die ich je gemalt habe.“
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