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Demon Love

KurzgeschichteDrama, Schmerz/Trost / P18 / Gen
Lady Lucille Sharpe Sir Thomas Sharpe
30.12.2015
30.12.2015
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5.849
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30.12.2015 5.849
 
Ich habe keinerlei Rechte an sämtlichen vorkommenden Charakteren des Originals


* * *


Ich denke, viel muss ich vorab gar nicht sagen. Diese Geschichte ist einfach nur eine Überlegung in Hinblick auf was gewesen sein könnte, bevor die eigentliche Geschichte aus dem Film begann, als das Schicksal schon angefangen hatte, seinen Lauf zu nehmen, wenn auch noch nicht in voller Tragweite …


Vorweg möchte ich auch eigentlich nur noch zusätzlich sagen, dass ich auf keinen Fall irgendetwas verharmlosen oder glorifizieren möchte. Aufgrund der Thematik habe ich auch das Rating der Geschichte gewählt.


Titel: von ASP (der den Dämon Liebe auch live sehr schön besingt)


* * *


Demon Love



Es schien Ewigkeiten her, seit sie von hier fortgegangen waren – oder man sie fortgebracht hatte, wie der junge Mann in Gedanken korrigierte, auch wenn er es eigentlich nicht so sehen, sondern diesen Teil ihrer Geschichte am liebsten einfach vergessen wollte.

Das alles schien wie Teer an ihnen beiden zu kleben, sich über die Jahre hinweg nie abzuwaschen, egal wie lange es nun schon her war. Er war damals noch ein halbes Kind gewesen, hatte jetzt nicht mehr als verwaschene Erinnerungen an all das.
Er wollte sich auch gar nicht erinnern, war dankbar über die Gabe der Verdrängung und dass er es schon immer geschafft hatte, sich in seiner Fantasie zu verstecken, wenn die Realität zu schrecklich wurde; so war all seine Erinnerungen an diesen Tag damals nur seine Schwester, die die ein blutverschmiertes Kleid trug, ihn in den Armen hielt, ihm übers Haar streichelte und ihm immer wieder wie ein Mantra zuwisperte, er solle die Augen geschlossen halten, nicht hinsehen. „Du brauchst keine Angst zu haben, Thomas, alles wird wieder gut werden“, waren ihre letzten Worte, an die er sich bewusst erinnerte.

Ihre Hände waren auch voller Blut gewesen, das sie auf seiner Haut verteilt hatte und der Kupfergeruch hatte ihm klar gemacht, das eindeutig nicht alles in Ordnung gewesen war, auch wenn er ihr zu gerne hatte glauben mögen.

Er blinzelte, versuchte diesen Gedanken hastig abzuschütteln; daran wollte er gar nicht denken, sondern lieber an die Zukunft, die vor ihnen lag. Eine Zukunft, die so viel schöner sein würde als die Vergangenheit.

Verstohlen warf er einen Seitenblick auf seine Begleiterin, die er bisher kaum länger anzusehen gewagt hatte. Sie hatte wie er helle, porzellanartige Haut, die bei ihr jedoch eher kränklich blass wirkte, ganz im Kontrast zu ihren vollen, dunkelroten Lippen.
Ihr schimmerndes, dunkles Haar, das seinem so sehr ähnelte, auch wenn ihres weniger lockig war, hatte man ihr irgendwann einmal mehr als nur ungeschickt und recht schief abgeschnitten; es war jedoch schon am Nachwachsen, reichte ihr bis über die Schultern, sodass sie es hochstecken konnte und Fremde nichts bemerken würden.
Was aber am bemerkenwertesten an ihr schien, war das fast schon selige Lächeln, das um ihre Lippen spielte und sie schöner als alles andere wirken ließ, das er je gesehen hatte – so musste jemand aussehen, der jahrelanger Gefangenschaft entronnen war, dachte er, verbat sich dann, diesen Gedanken weiterzudenken, denn in gewisser Weise traf dies schließlich auf sie zu.
Er wollte lieber gar nicht wissen, was ihr widerfahren war … einfach weil es nur dazu führen würde, dass er sich noch schuldiger fühlte als jetzt schon. Sicherlich, er war noch ein Junge gewesen, trotzdem, vielleicht hätte er etwas tun können, so dachte er, mehr, als sich von ihr die Tränen trocknen und sich zum Abschied versichern lassen, es werde alles wieder gut werden.

Das alles war jetzt ohnehin Vergangenheit und sie würden das alles hinter sich lassen; es sollte ein Neuanfang sein, kein Requiem an die Geister der Vergangenheit.

Er ging davon aus, dass sie bereits wusste, wohin sie gingen, auch wenn er ihr die Augen verbunden hatte, damit es sich zumindest den Anschein einer Überraschung gab.
Ja, natürlich würde sie es wissen, dachte er; er selbst hätte schließlich auch mit verbundenen Augen erkannt, wo sie sich befanden.

„Wie lange dauert es noch?“, erkundigte sie sich schließlich – sie klang ungeduldig, so wie ein Kind, das auf den Weihnachtsabend wartete, so dachte er; das Kind, das man ihr nie erlaubt hatte, zu sein. „Wohin bringst du mich, Thomas?“
„Das soll doch eine Überraschung sein“, klagte er gespielt trübsinnig, „Du machst es mir nicht gerade einfach, Lucille – du bringst mich noch dazu, dir alles zu verraten, sodass ich selbst die Überraschung verderbe.“
„Fiele mir nicht im Traum ein“, erwiderte sie scheinbar leicht dahin, hielt gehorsam weiter seine Hand, ließ sich führen. „Nur gib mir doch wenigstens einen Hinweis ...“, bettelte sie.
„Nein“, Thomas versuchte so streng zu klingen, wie er nur vermochte – und das war nicht fiel, wenn es um sie ging, denn Lucille hätte ihn zu allem überreden können. „Außerdem … nur noch ein kleines Stück, vielleicht ...“, er überlegte, „zehn Schritte?“

„Gut, aber nur zehn“, alberte sie, zählte dann tatsächlich von dieser Sekunde an jeden ihrer Schritte ab, blieb schließlich stehen, als sie beim zehnten angelangt war. „So“, sie tat so, als wolle sie die Augenbinde entfernen, doch er hielt ihre Hände fest.
„Sh, noch ein kleines Stück“, erklärte er, auch wenn er sich ein Schmunzeln nicht verkneifen konnte; Lucille war die Ältere von Ihnen beiden, immer die ernste, vernünftige – er hatte sie noch nie, oder zumindest schon lange nicht mehr so ausgelassen erlebt und wollte jede Sekunde davon genießen.
„Nein“, widersprach sie, schob scheinbar schmollend die Unterlippe vor, „Du sagtest zehn Schritte!“
„Vielleicht habe ich ja zehn meiner Schritte gemeint?“, schlug er lachend vor, „Meine Beine sind länger als deine.“
„Trotzdem ist das Betrug“, entschied sie ebenso lachend, „Keinen Schritt weiter.“
„Na gut“, er zögerte für einen Moment, „Wenn das so ist“, er hob die überraschte Frau auf seinen Arm, „dann werde ich dich wohl tragen müssen, meine Teure.“
„Nein“, sie lachte, tat so, als wehre sie sich – und doch entging es ihm nicht, dass sie sich tatsächlich etwas an ihn zu schmiegen schien, so als genieße sie es, dass er bei ihr war.
„Du wolltest doch nicht laufen“, erwiderte er amüsiert, „Und da wir eben noch nicht da sind, bleibt wohl keine andere Lösung.“
„Dann bleibt mir wohl nichts anderes, als mich zu fügen“, sagte sie gespielt unterwürfig, beugte sich dann zu seinem Ohr, „So bin ich dich gar nicht gewohnt. Ich bin mir fast gar nicht mehr sicher, ob du wirklich du bist ...“
„Wir sind ohnehin da“, erwiderte er, wobei er das Gefühl hatte, dass ihm tatsächlich die Knie weich wurden, jedoch nicht wegen des Fliegengewichts der zierlichen jungen Frau, sondern … es war einfach die gesamte Situation.

„Gut“, sie entknotete die Augenbinde, „ich bin gespannt.“ Sie blinzelte, riss dann erstaunt die Augen auf, wusste erst einmal nicht, was sie sagen sollte, als sie erkannte, wo sie sich befand.
„Ich dachte, ich würde es nie wieder sehen“, sagte sie leise, während ihr Bruder sie behutsam absetzte, „Es ist so lange her.“

„Ja“, er wusste selbst nicht, wieso er plötzlich so wortkarg geworden war; er wusste selbst nicht, was er sagen sollte, einfach weil es hier von zu vielen Erinnerungen zu wimmeln schien, einige davon waren kaum zu ertragen. Er hatte so vieles vergessen wollen, aber es war ihm wohl nicht geglückt.
„Es gehört jetzt uns ...“

Sie sah ihn an, so als versuche sie die Worte erst einmal zu verdauen, schien etwas zu taumeln. „Ja?“

„Ja, wem sonst?“, versicherte er, zog sie dann spontan in seine Arme, auch weil er fürchtete, dass sie fallen könne, „Du bist wieder zu Hause.“

„Ich bin bei dir“, korrigierte sie, sprach damit genau das aus, was er auch gedacht hatte, schien dennoch trotzdem für einen Moment zu zögern. „Musst du auch an früher denken, Thomas?“

Er nickte. „Aber das ist alles vorbei“, er schenkte ihr ein schüchternes Lächeln, hoffte auf ihre Zustimmung. Sie nickte.
„Von nun an nur noch gute Zeiten“, sagte sie, wirkte dabei so glücklich, dass er es kaum ertrug. Er zögerte für eine Sekunde, dann hob er sie erneut auf seine Arme.
„Was tust du?“, protestierte sie lachend, „Ich bin doch kein Möbelstück!“
„Ich dachte nur, es wäre das mindeste, was ich jetzt tun kann, die Dame über die Schwelle zu tragen“, murmelte er, kam sich dabei plötzlich unsagbar lächerlich vor, ein halber Junge, der glaubte, ein Mann zu sein – und doch, sie lachte ihn nicht aus, stattdessen streckte sie die Hand aus, streichelte ihm übers Haar, so als wolle sie ihn beruhigen.
„Ich habe dich all die Jahre so sehr vermisst“, wisperte sie ihm zu, strich ihm eine Locke aus den Augen, „Du bist doch alles, was ich habe, Thomas.“

Er erwiderte nichts; er hätte nicht gewusst, was. Stattdessen drückte er sie etwas mehr an sich, so als habe er Angst, sie könne fallen; doch eigentlich wollte er sich nur überzeugen, dass es sie wirklich gab, dass sie wieder bei ihm war – doch hätte sie ohnehin nicht realer sein können als so, wie sie so ausgelassen wie seit langem nicht mehr lachte, mit ihm herumalberte und sich von ihm über die Schwelle tragen ließ, so als sei sie gerade seine Frau geworden.

„So“, vorsichtig setzte er sie drinnen ab, fröstelte etwas, denn im Gebäude war es geradezu eisig, war die Substanz des ganzen doch mehr als marode. „Da wären wir.“
Sie nickte, drehte sich dann im Kreis, legte den Kopf etwas zurück, so als wolle sie jedes kleine bisschen des Hauses auf einmal sehen können. „Ich habe es vermisst“, sagte sie dann, „auch wenn es sich verändert hat ...“

„Ja?“, Thomas runzelte die Stirn, begriff ihre Worte nicht ganz, war das hier doch noch genau das Haus ihrer Kindheit; höchstens ein paar Staubflocken und zusätzliche Schimmelflecken waren seither hinzugekommen. „Ich meine, natürlich, es hat schließlich jahrelang niemand hier gewohnt, seit -“, er brach ab. Er hatte doch gar nicht mehr an all das denken wollen – und doch schienen die Geschehnisse ständig präsent, sobald man die Schwelle überschritt.

„Das meinte ich nicht“, Lucille überlegte, wie sie es in Worte fassen sollte, „Es hat sich einfach verändert. So wie du.“, sie betrachtete ihn prüfend; natürlich konnte sie noch in diesem Gesicht noch immer den kleinen Jungen sehen, der sich ängstlich an ihre Hand geklammert und sich von ihr hatte Geschichten erzählen lassen – und doch schien er jetzt ein anderer zu sein. „Ich bin mir gar nicht sicher, ob du wirklich mein kleiner Bruder bist.“

„Wer soll ich denn sonst sein?“, erwiderte er fragend, „Ich meine … ja, es sind ein paar Jahre vergangen“, er lächelte verlegen, „aber … ich bin nur kein Kind mehr, aber noch immer ich.“
Sie lächelte erleichtert. „Das ist gut“, sie sah ihn für einen Moment mit einem Gesichtsausdruck an, den er nicht zu deuten vermochte, dann schloss sie ihn in ihre Arme, drückte ihn an sich, wie sie es noch nicht einmal während ihres Wiedersehens getan hatte, vergrub ihr Gesicht an seiner Brust. Es war, als realisiere sie erst jetzt, was das alles bedeutete.

Ihr Bruder wusste wiederum nicht wirklich mit der Szene umzugehen – und halt, weinte sie?
Das machte ihn noch befangener, war doch sie sonst die beherrschte, rational denkende von ihnen, die ihn stets beschützt hatte – und doch schienen sie jetzt die Rollen getauscht zu haben, er hielt sie im Arm, streichelte ihren Rücken und fühlte sich so schrecklich hilflos, einfach weil er nicht wusste, wie man das überhaupt machte, jemanden zu trösten.

„Ist doch alles gut“, murmelte er, kam sich dabei ungemein töricht vor, da er doch gar nicht wusste, was sie beschäftigte – und das war eine schreckliche Feststellung, dass er doch so gar nicht wusste, was seine Schwester, den wichtigsten Menschen in seinem Leben, fühlte.
Lucille war nun eine Fremde, dachte er, und zugleich war sie doch viel zu vertraut, diese magere, blasse junge Frau mit dem zerzausten Haar und den dunklen Ringen unter den Augen. Doch das alles konnte dem Strahlen ihrer Augen keinen Abbruch tun und sie wirkte trotz ihres verhärmten, kränklichen Anblicks unheimlich lebendig.

„Ich weiß“, sagte sie jetzt, hob den Kopf; er konnte sehen, dass sie wirklich geweint hatte – und doch lachte sie. „Ich fühle mich nur so seltsam. Es ist, als wäre hier die Zeit stehen geblieben.“

Er nickte, ahnte, was sie meinte; doch im Gegensatz zu ihr erfüllte ihn diese Erkenntnis nicht mit Freude, schien ihn doch plötzlich all das wieder einzuholen, was er hatte vergessen wollen.

„Und vielleicht wird sie ja für uns ab jetzt auch stehen bleiben“, überlegte Lucille weiter, nahm seine Hand in ihre, „Vielleicht müssen wir dann gar nicht erwachsener werden, als wir es bereit sind. Vielleicht kannst du hier ja wieder mein kleiner Bruder sein, der mir eine Puppe gemacht hat, damit ich nicht mehr traurig bin, statt diesem Mann hier mit den traurigen Augen, den ich so gar nicht kenne.“

Ihr Bruder sah verlegen auf seine Füße hinab, wusste nicht, was er hierauf erwidern sollte – ihre Worte trafen ihn, obwohl man es ihm wohl kaum zum Vorwurf machen konnte, dass er eben erwachsen geworden war, seit sie sich das letzte Mal gesehen hatte, als er noch ein halbes Kind gewesen war.

„Ich habe mich doch gar nicht verändert“, entschied er mit etwas Angst in der Stimme, so als fürchte er, sie wolle ihn verstoßen, „Ich bin doch immer noch Thomas“, er sah sie flehend an, „und … manchmal weiß ich aber auch nicht, wer du bist.“ Er biss sich auf die Lippe, sprach nicht weiter – das hatte er doch gar nicht sagen wollen, weil er wusste, dass es sie verletzen würde. Doch sie nickte nur.
„Manchmal weiß ich das selbst nicht“, gestand sie, drückte erneut seine Hand, so als wolle sie ihm so Trost zusprechen, „Vielleicht haben wir uns beide verändert -“, sie sah auf seine Hand hinab, so als sei sie erstaunt, wie groß diese im Vergleich zu ihrer zierlichen, kleinen war.
„Muss das wirklich schlecht sein?“, erwiderte ihr Bruder fragend, „Immerhin sind wir nun hier -“ In seinen Augen war ihr Wiedersehen alles, was zählte – doch für Lucille schien alles doch komplizierter, als er erwartet hatte und er schalt sich nun selbst innerlich für seine Naivität. Gemessen an den Umständen war das Schicksal zu ihm in den letzten Jahren gut gewesen, er hatte zur Schule gehen dürfen, war dort zwar ein Außenseiter geblieben, aber zumindest hatte es nie die drohende Gestalt des Vaters oder die Verwünschungen der Mutter gegeben, noch gar den düsteren Schrank, in dem Lucille und er sich vor beiden stets versteckt hatten.
Lucille hingegen – als man sie getrennt hatte, war er noch zu naiv gewesen um zu begreifen, wohin man sie brachte, aber im Laufe der Jahre hatte er doch verstanden, dass man seiner „armen“ Schwester keinesfalls dort helfen würde, sondern es nur eine barmherzige Alternative zur Strafe darstellte, die ihr andernfalls gedroht hätte. Aber wer hätte ein zitterndes junges Mädchen verurteilt, das völlig außer sich schien und seinen jüngeren Bruder beschützend in den blutverschmierten Armen hielt?
Die Leute gingen damals davon aus, dass sie unter Schock litt, dass sie verändert hatte, was sie gesehen hatte – aber vielleicht war das auch besser so, überlegte Thomas, denn die Wahrheit wäre für sie alle zu schrecklich gewesen. Und sogar er selbst hatte sie verdrängt, um sich seinen klaren Verstand zu bewahren.

In den Augen der Gesellschaft brauchte sie nur jemanden, der sich um sie kümmerte und sie wieder auf die richtigen Wege leitete; wie dies dort geschehen sein mochte, da konnte er nur mutmaßen, aber die Schürfwunden an Lucilles blassen Handgelenken sprachen ihre eigene Sprache, genau wie die Tatsache, dass sie immer auf der Hut zu sein, ständig über ihre eigene Schulter zu spähen schien.

„Du bist mir böse, richtig, Thomas?“, riss Lucille ihn indes aus seinen Gedanken, schlang fröstelnd die Arme um sich, beobachtete die im Haus herumschwebenden Staubflocken.
„Nein“, er schüttelte verblüfft den Kopf, „Wieso sollte ich?“ Und doch, in gewisser Weise tat er es, in gewisser Weise war er noch immer der Junge, der sich von einer Sekunde auf die andere plötzlich des einzigen Fels in der Brandung beraubt sah, des kompletten Inhalts seines Lebens.

Und doch …

„Ich habe es überlebt“, erwiderte er schlicht, woraufhin seine Schwester für einen Moment wie vom Blitz getroffen zusammenzuckte, dann jedoch begriff, wie die Worte wirklich gemeint waren.
„Und vielleicht“, fügte er mit einem gespielt schalkhaften Augenzwinkern hinzu, auch wenn ihm mehr nach Weinen zumute war, bin ja diesmal ich derjenige, der dich beschützt ...“

Sie sah ihn fragend an. „Wovor?“, fragte sie dann; nicht spöttisch, sondern wirklich beunruhigt, so als erwarte sie eine Gefahr, an die sie noch gar nicht gedacht hatte. „Denkst du, da ist etwas, vor dem ich Angst haben sollte?“
„Ich weiß nicht“, Thomas rieb sich das Kinn, schüttelte dann den Kopf. „Du hast ohnehin vor nichts Angst, richtig?“
„Wer weiß“, erwiderte sie nachdenklich, ließ seine Hand los, sah sich neugierig im Raum um. „Es hat sich verändert ...“, stellte sie erneut fest.

„Es ist völlig verfallen“, erwiderte ihr Bruder sachlich, „Wir sollten -“, er hatte auf naive Weise gehofft, ihr eine Freude zu machen, das hatte er jetzt auch getan, aber auch wenn sie hier aufgewachsen waren, so begann er doch die feindliche Kälte des Hauses zu spüren – fast wünschte er, sie werde von sich aus vorschlagen, sie sollten es verkaufen, einfach von hier weg gehen und neu anfangen. An genau das hatte er nämlich gedacht. Das hier sollte eigentlich ein Abschied werden, so hatte er geglaubt. Er hatte all den Ballast der Vergangenheit loswerden und Raum für einen Neubeginn machen wollen.

Irgendwo, wo niemand sie kannte.
Wo niemand wusste, was passiert war …
Wo niemand sie verurteilen würde, sondern sie ein neues Leben beginnen konnten.

„Komm mit!“, riss seine Schwester ihn aus seinen Grübeleien, zog ihn an der Hand mit sich, so aufgeregt wie ein Kind, das einem neuen Spielgefährten sein Reich zeigen will. Ohne irgendetwas zu hinterfragen folgte er ihr, ließ sich von Raum zu Raum führen, so als habe er das Haus noch nie gesehen. Zögerte er zu Anfang, so verstärkte sich schließlich seine Euphorie, doch nicht durch diesen trübsinnigen Ort, nahm er doch kaum wahr, was sie sahen, viel mehr betrachtete er eigentlich nur seine Schwester, wie sie mit leuchtenden Augen Wiedersehen mit dem Grauen ihrer Kindheit feierte, die Monster scheinbar wie alte Freunde umarmte und liebkoste.

In gewisser Weise hatte er die letzten Jahre damit verbracht, all das zu verdrängen, zu vergessen – und nun schien alles gerade gestern gewesen und ja, fast war er plötzlich wieder der furchtsame kleine Junge, der sich im Schrank versteckte oder sich in seinem Nachtgebet manchmal wünschte, er würde am nächsten Morgen einfach nicht mehr aufwachen.

Seine Schwester hatte währenddessen noch nie Furcht gekannt; sie schien vielmehr ganz berauscht von der Flut an Erinnerungen, so kam es ihm vor – von dem blassen, kränklich wirkenden Wesen, auf das er vor kurzer Zeit getroffen war und das seine Schwester hatte sein sollen, war kaum noch etwas übrig, sie schien so lebendig wie nie zuvor, ihre Augen leuchteten und … ja, insgeheim musste er sich eingestehen, dass sie in diesem Moment so schön war, dass er es kaum vermochte, sie überhaupt nur anzusehen.

Umso näher sie dem Dachboden kamen, umso mehr wich seine Furcht – das hier war der Bereich des Hauses, in dem er sich sicher fühlte; hierher waren die Dinge nie gelangt, die er so sehr fürchtete. Das hier war seine Kindheit, sein Rückzugsort und er begann, sich fast zu Hause zu fühlen. Seine Schwester indes schien jedoch zu zögern, so kam es ihm vor, wurde wieder still.

„Was hast du?“, erkundigte er sich besorgt.
„Was ist, wenn sich hier auch alles verändert hat?“, wisperte sie; ihr Blick zeigte tatsächlich zum ersten Mal, seit sie hier angekommen waren, Furcht, „Was ist, wenn es nicht mehr ist wie früher?“

Er zögerte, ahnte dumpf, was sie meinen könne – und fühlte plötzlich selbst Angst.
„Ich bin doch bei dir“, sagte er dann schlicht, während sie vorsichtig die Türklinke nach unten drückte – und dann erst einmal zurückprallte, so schien es.
„Es hat sich verändert, Thomas“, flüsterte sie, verkrallte sich dabei regelrecht in seine Hand, „Ich weiß es ganz genau!“

„Nein, das hat es nicht“, beruhigte er, auch wenn er sich nicht so sicher war, vor allem darüber, was sie überhaupt meinte. Für ihn war es noch immer derselbe Raum, auch wenn er jetzt zum ersten Mal zur Kenntnis nahm, wie abgenutzt und zerschlissen die Einrichtung war und dass die Luft, so wie der Rest des Hauses, nach Staub roch. Ansonsten war das hier seiner Meinung nach der erste Raum des Gebäudes, der nicht durch und durch unheimlich wirkte, sondern fast schon tröstlich, so wie früher zu ihrer Kinderzeit. Ihre Mutter war fast nie hierher gekommen und ihr Vater schon gar nicht.
Wenn es einen Raum in diesem Haus gab, in dem Thomas sich zuhause fühlte, dann dieser.

„Doch, das hat es“, Lucille klang panisch, fast schon der Hysterie nahe, „Ich weiß es, Thomas! Ich weiß es ganz genau!“
„Sh“, er schlang die Arme um sie, zog sie an sich, „Sh … Lucille, alles ist gut. Nichts hat sich verändert. Ich bin bei dir. Alles ist gut ...“ Sie wollte ihn erst von sich stoßen, dann fing sie stattdessen an zu weinen, klammerte sich schluchzend an ihn.
„Ich will nicht, dass du gehst“, wimmerte sie, „lass mich nicht allein, Thomas.“
„Wieso sollte ich das denn tun?“, erwiderte er ehrlich erstaunt, „Das würde ich nie, wir gehören doch zusammen, schon vergessen?“
„Versprich es mir“, forderte sie, sah ihn so durchdringend an, dass er ihrem Blick noch nicht einmal hätte ausweichen können, hätte er es gewollt.
„Ich verspreche dir, ich werde dich nie alleine lassen“, erwiderte er ohne zu zögern; dies war ein Schwur, den er noch nicht einmal bedenken musste, war sie doch ohnehin alles, was er hatte.

Sie nickte. „Sicher?“, fragte sie dann.
„Sicher“, erwiderte er, hielt sie einfach noch ein bisschen fest, so als wolle er sich vergewissern, dass sie wirklich real war, dass er sie sich nicht nur eingebildet hatte und sie wirklich hier war.

„Lachst du“, fragte er dann verschwörerisch, „wenn ich dir sage, dass mir das Haus Angst macht?“ Sie war die einzige Person, der er das wenn, dann anvertrauen wollte.
„Sh“, sie lächelte, fuhr dann auf schwesterlich-überlegene Art fort, „Hier ist doch nichts, wovor du dich fürchten musst, das weißt du doch, du dummer Junge. Höchstens die Geister der Vergangenheit“, sie streichelte liebevoll seine Hand, „Ich bin doch bei dir. Und ich werde nicht zulassen, dass dir etwas passiert“, das klang schon nicht mehr spielerisch, sondern war ihr völliger Ernst. „Du musst keine Angst vor dem Haus haben … es … es hat sich verändert, aber es wird gut zu uns sein, wenn wir gut zu ihm sind“, das sagte sie in genau dem Tonfall, den sie verwendet hatte, wenn sie ihm in ihrer gemeinsamen Kinderzeit Geschichten erzählt hatte, wenn er nicht hatte schlafen können. Sie hatte sich dazu immer neben ihn gekuschelt, ihm mit gesenkter Stimme Märchen von Waisenkindern, Prinzessinnen und Prinzen, bösen Hexen und Stiefmüttern erzählt, die allesamt ein gutes Ende fanden, damit er beruhigt schlafen konnte.
„Hab keine Angst ...“
Auch jetzt wollte er zu gerne glauben, dass die Geschichte ein gutes Ende fand, die sie ihm erzählen wollte.

„Erzähl mir mehr davon“, bat er dann – sie zögerte für einen Moment, doch dann konnte sie nicht widerstehen, war das doch genau der bettelnde Blick, mit dem er sie schon in Kindertagen immer hatte bewegen können, ihm eine Geschichte zu erzählen oder Vorzusingen. Sie hatte Puppen besessen, doch er war schon seit jeher in gewisser Weise ihr liebstes Spielzeug gewesen, der jüngere Bruder, der für sie immer wie eine lebende, kleine Puppe gewesen war, die sie brauchte und die sich stets dankbar zeigte, wenn sie sie beschützte und gut zu ihr war.
Sie gedeutete ihm, sich neben sie auf den Boden zu setzen, in die eine Ecke des Raumes, wo sie ihm auch früher stets auf dem alten Teppich sitzend Geschichten erzählt oder ihn getröstet hatte, wenn er sich gar zu sehr vor der Welt geängstigt hatte.

Er war immer der schwächere, beschützenswertere von ihnen beiden gewesen, so dachte sie, während sie immer für sie beide hatte stark sein müssen; doch es hatte ihr nichts ausgemacht, sie genoss es vielmehr, dass sie auf diese Art für ihn da sein konnte.
„Also“, begann sie nun, überlegte einen Moment, streckte die Hand aus und streichelte ihm übers Haar, das jetzt länger schien als früher, sich so noch störrischer lockte und ihm etwas Verwegenes hätte geben können, wäre er nicht er gewesen, ihr verträumter kleiner Bruder, der immer von ihr hatte wissen wollen, wie all die Sterne da draußen am Himmel hießen.
„Glaubst du wirklich, dass das Haus uns beschützen wird?“, fragte er in diesem Moment, ehe sie hatte Worte finden können, „Für mich fühlt es sich eher an, als lauere es darauf, uns bei der erstbesten Gelegenheit zu fressen.“ Er lachte verlegen, so als fürchte er ihren Spott.

Lucille zögerte. „Das kann es vielleicht auch“, sie konnte dieses Gefühl zwar nicht nachvollziehen, doch schien ihr dieser Gedankengang dennoch Sinn zu ergeben, „Aber genau wie eine Bestie musst du es ehren, es gütig stimmen, ihm vielleicht auch Opfer bringen, dann wird es auch gut zu dir sein“, sie streichelte weiter sein Haar, strich ihm eine Locke aus den Augen, „Du brauchst dich nicht zu fürchten, Thomas, ich bin doch bei dir.“
„Ich weiß“, er nickte, sah auf seine ausgestreckten Beine hinab, wich ihrem Blick aus„Und doch ist alles so seltsam, so … ich habe dich all die Jahre vermisst, aber nun weiß ich nicht, was ich fühlen soll -“

Die Schwester erstarrte, sah ihn an, als habe er sie ins Gesicht geschlagen. „Ich wusste es“, sagte sie tonlos, „Oder nein, ich habe es zumindest geahnt ...“

„So meinte ich das nicht. Ich ...“, Thomas zögerte, dann beugte er sich vor, küsste sie auf den Mund, obwohl ihm das Herz bis zum Hals dabei schlug. Er war sich nicht sicher, was er hier tat, aber es war das, was sein Gefühl ihm sagte, das, was er plötzlich mehr als alles andere auf der Welt tun wollte. Er hatte keine Worte, um ihr zu erklären, was er empfand, hoffte, dass sie es stattdessen so begriff.

Sie schien, wie er es erwartet hatte, erschrocken, ihr Kuss dauerte nur ein paar Sekunden, dann sah sie ihn an, als wolle sie etwas sagen – er bereitete sich auf Vorwürfe vor, darauf, dass sie ihn endgültig verstoßen werde ...

… doch das Gegenteil geschah.

Sie zog ihn an sich, küsste ihn nun auf eine Weise, wie er es nicht erwartet hatte. Er hatte mit einer Ohrfeige gerechnet, mit Vorwürfen, Anschuldigungen, doch nicht mit so viel Leidenschaft.
Eigentlich war er sich überhaupt nicht sicher, wie so etwas abzulaufen hatte; er hatte gedacht, Damen seien in solchen Dingen beherrscht, ja, vielleicht sogar gleichgültig, doch dies hier sprach eine ganz andere Sprache. Sie vergrub schließlich sogar ihre Hand in seinem Haar, hielt ihn fest, so als habe sie Angst, er könne sie verlassen …

„Ich gehe doch nicht weg“, murmelte er in einer kurzen Atempause – sein Blick begegnete ihrem; ihre Pupillen waren so groß, dass ihre blauen Augen fast schwarz schienen.
„Ich weiß“, erwiderte sie – und er war ihr fast dankbar dafür, dass sie ihm keine Zeit zum Nachdenken ließ, auch wenn ihn doch eine gewisse Angst beschlich, dass ja, egal wie lächerlich es war, sie gedachte, ihn mit Haut und Haaren zu fressen, ähnelte ihr Kuss doch mittlerweile kaum noch der scheuen Zärtlichkeit, sondern eher einem Kampf.

Er wusste nicht, wer das wirklich war, die jetzt regelrecht auf seinem Schoß saß; es wirkte fast, als sei das eine völlig andere Frau, die ihm kaum noch Luft zum Atmen ließ, ihn regelrecht biss und mit so viel Leidenschaft begehrte, dass er gar nicht wusste, wie ihm geschah.
Er hatte sich in seinem jungen Leben noch nie in einer derartigen Situation befunden, war sich noch nicht einmal in vagen Andeutungen sicher, wie man sich verhielt und was man zu tun hatte, aber ab einem gewissen Punkt schien sich alles in eine rein instinktive Angelegenheit zu verwandeln, die keinerlei Gedanken erforderte. Es schien nur noch zu zählen, sie zu fühlen, ihr so nahe zu sein, wie sie ihn nur ließ. Und er genoss jede Sekunde davon, auch wenn er wusste, dass er es bereuen würde, wenn er wieder klar denken konnte.

In diesem Moment zählte das jedoch nicht, er fühlte sich nur überglücklich, ihr nahe sein zu dürfen, ja, praktisch eins mit diesem Wesen zu sein, das den einzigen Inhalt seines Lebens bildete, das der einzige Grund für ihn war, überhaupt weiterzuleben.
Hätte sie von ihm gefordert, dass er sich sein Herz herausriss und es ihr zu Füßen legte, er hätte es ohne zu zögern getan – vielleicht, so dachte er, hatte er das auch längst, ohne es zu merken. Doch diesen Gedanken verdrängte er lieber, vergrub stattdessen seinen Kopf in ihrer Halsbeuge, schloss die Augen, lauschte dem Schlagen ihres Herzens und ihrer sich beschleunigenden Atmung.

In diesem Moment war seine Angst verschwunden, er fühlte sich nicht mehr ängstlich, sondern glücklich … so wie immer, so lange sie nur bei ihm war.

„Liebst du mich?“
Er blinzelte, so als erwache er aus einem Traum, brauchte erst einen Moment, um die Worte zu verstehen.
„Liebst du mich?“, wiederholte sie atemlos – dieser seltsame, fremde Blick aus ihren Augen fixierte ihn fast schon … ja, ängstlich, so kam es ihm vor, so als fürchte sie seine Antwort.
„Ja“, er musste darüber gar nicht nachdenken, denn gab es eine bessere Umschreibung für dieses Gefühl, „Ich liebe dich. Ich liebe dich mehr als alles andere auf der Welt“, er schlang die Arme fester um sie, barg wieder seinen Kopf an ihrer Schulter.

Der Fußboden war alles andere als bequem, dennoch hoffte er, dieser Moment hier würde nicht allzu bald enden.
Vielleicht, so dachte er, würde sie ihm auch erlauben, sie hinterher noch etwas im Arm zu halten und ihr nahe sein zu dürfen.

* * *


„Hast du noch immer Angst?“, wisperte Lucille, schmiegte sich unter dem alten, verblassten Quilt, in den sie sich schon in unschuldigen Kindertagen oft gekuschelt hatten, vertrauensvoll in Thomas' Arme. Sie suchte nicht nur seine Wärme, schien die Kälte des ganzen Hauses auch in diesem Zimmer Einzug gehalten zu haben, sondern auch seine Nähe; ihre Stimme war kaum mehr ein Flüstern, während sie ihre Hand auf sein Brustbein legte, „Dein Herz rast so sehr ...“
Thomas antwortete nicht; er wollte nicht denken, er wollte sich gar nicht der Tatsache stellen, was hier passiert war – er wollte den Moment genießen, bevor er es bereute.
„Ich bin doch bei dir“, sie legte ihren Kopf an seine Schulter, schloss die Augen, schien tatsächlich zu schlafen, während er das Gefühl hatte, langsam wieder nüchtern zu werden, so als sei er vorher betrunken gewesen.

Sobald sein Denken wieder einsetzte, kamen auch die Gedanken, die regelrecht über das aufzuschreien schienen, was hier zwischen ihnen passiert war.
Er wusste, dass es falsch war, doch zugleich konnte er sich der Tatsache nicht erwehren, dass er sie noch immer so wunderschön fand, dass er es kaum ertrug, sie anzusehen, wie sie an seine Schulter geschmiegt schlief. Er war ihr noch nie so nahe gewesen, doch trotzdem verspürte er Stiche der Eifersucht, wenn er nur daran dachte, dass sie jemals einem anderen gehören könne – er wusste, dass das hier so schrecklich falsch war, dass es nicht sein durfte und doch wollte er in diesem Moment nichts anderes als ihr Ein und Alles sein, das Wesen, dem ihr Herz gehörte und für das sie bereit gewesen wäre, alles zu tun.

Er begehrte sie so sehr, dass es ihm fast das Herz zerriss; dabei ging es ihm nicht um den den körperlichen Aspekt der Sache, sondern er wollte … sie. Nur sie, nichts sonst.

„Ich liebe dich“, wisperte er; er wusste, dass sie ihn nicht hörte, schlief sie doch, aber vielleicht war das auch der Grund, wieso ihm diese Worte erneut so einfach über die Lippen kamen.
„Ich brauche dich. Ohne dich kann ich nicht sein ...“, seine Hand streichelte ihr Haar, er betrachtete für einen Moment ihr friedliches Gesicht, während sie schlief, „Ich liebe dich so sehr, dass ich es kaum ertrage.“ Er schloss die Augen, zog sie enger in seine Arme und hoffte so, diesen Traum für etwas länger festhalten zu können, damit er nicht so schnell verging.

* * *


Ich liebe dich …

Die Worte echoten noch immer in ihrem Kopf und sie wollte sie am liebsten immer wieder hören, einfach damit sie glauben konnte, dass er das wirklich gesagt hatte. Fast fürchtete sie sich, die Augen zu öffnen, so als könne sich dabei das hier alles nur als Traum herausstellen und dieser dann vorbei sein.

Ihre Gefühle für Thomas hätte sie selbst wiederum gar nicht in Worte fassen können, denn „lieben“ schien noch untertrieben. Sollte er sie je verlassen, dann würde sie sterben, das wusste sie – an ihrem eigenen Leben hing ihr nicht viel, er war alles, was für sie zählte, das war schon seit jeher so gewesen, hatte sie doch ohne Tränen jegliche Strafen akzeptiert und Prügel eingesteckt, nur um ihn zu schützen.
Er war einfach nicht gemacht für diese Welt, dachte sie versonnen, stellte dabei fest, dass er im Schlaf tatsächlich zu lächeln schien.
Wovon er wohl träumte, dachte sie, streichelte ihm liebevoll übers Haar.

Sie wusste nicht, was vorhin über sie gekommen war, aber … sie hatte ihm plötzlich noch näher sein wollen als bisher. Sie hatte sich gewünscht, sie könnten nicht nur für die kurze Zeit ein Wesen sein, sondern für immer, sodass gar nichts mehr sie trennen könne.
Sie hatte es genossen, wie er sie angesehen hatte, dass er sie begehrte, der erste war, der sie dabei als ein lebendiges Wesen sah, nicht als einen Gegenstand, mit dem er schalten und walten konnte, wie er wollte. Sie hatte stets geahnt, dass diese Sache nicht immer nur mit Schmerz verbunden sein müsse, doch war er der erste gewesen, der ihr nicht weh oder Gewalt angetan hatte, so wie all die vor ihm, diese ganzen gesichtslosen Gestalten der Kerkerhaft der letzten Jahre.
Sie hatte das alles stets ausgeblendet. Während sie ohnmächtig und voller Zorn und vor Ekel vor sich selbst die Augen geschlossen und alles ertragen hatte, hatte sie für sich selbst beschlossen, es nur als einen Albtraum zu sehen, den sie vergessen konnte, wenn sie danach aufwachte: Jetzt stellte sie fest, dass es wirklich möglich war, als sie in seinen Armen lag, eingewickelt in den staubigen Quilt, sein Herz schlagen und sein gleichmäßiges Atmen hörte.
Sie nahm noch nicht einmal wahr, wie kühl es hier in der verfallenen Dachkammer ihrer Kinderzeit war, so lange er nur bei ihr war, sie sich nie wieder von ihm trennen musste.

Sie wusste, wenn er aufwachte, dann würde alles anders sein; sie kannte ihn sein ganzes Leben lang, sie wusste, er würde anfangen zu grübeln, würde sich Vorwürfe machen, ihr ausweichen, vielleicht ganz und gar aufhören zu sprechen, wenn er sich zu sehr mit seiner verworrenen Seelenwelt beschäftigte ...

Was dann sein würde, das wusste sie noch nicht, aber irgendetwas in ihr hoffte, dass er nicht vergessen würde, was hier zwischen ihnen passiert war und dass er den Moment genauso wie sie empfunden hatte.
Sie würde alles ertragen, so dachte sie, nur nicht, dass er sich von ihr abwand; wenn das passierte, dann gab es auch für sie keinen Grund mehr, weiterzuleben.

„Ich liebe dich“, dachte sie, sprach es nicht aus, um ihn nicht zu wecken, „Ich werde dich mit meinem Leben beschützen und all die Dämonen von dir fern halten, so lange du nur bei mir bleibst.“

- ENDE -




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