Sir Guy und Lady Marian

von Lukretia
GeschichteDrama, Romanze / P18
Maid Marian Sir Guy of Gisborne
30.12.2015
23.01.2016
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Marian war die schönste von allen Frauen. Ein Juwel, eine Kostbarkeit und sie hatte eingewilligt, ihn zu heiraten. Guy betrachtete seine Zukünftige, die sich auf der gegenüberliegenden Seite des Saals mit einigen Frauen unterhielt, während sein Vetter mit ihm über den Heiligen Krieg sprach. Er lauschte seinen Worten so wenig, wie er sich noch nie für den Kampf und den Tod interessiert hatte. Marian allein galt seine Aufmerksamkeit und als sie ihm einen Blick zuwarf, spürte er Wärme in seinem Innern, pulsierende Leidenschaft, dessen er sich sicher war, nicht mehr bis zur Hochzeit Herr zu sein. Er ließ seinen Vetter stehen, durchschritt den Saal, zwischen all den Gästen hindurch, die Sir Edward zu ihrer Verlobungsfeier geladen hatte und wollte den ganzen restlichen Abend nur mit ihr verbringen, sich an ihrer Schönheit ergötzen.
"Da kommt er", sagte eine der Frauen in ungenierter Lautstärke zu ihren Freundinnen. Sie kicherten, fassten einander an den Armen und stahlen sich davon, damit Marian ihm allein gehörte.
"Eure Schönheit verführt mich, Mylady", murmelte er, die Lippen dicht an ihrem Ohr. Marian lächelte und hob herausfordernd das Kinn.
"Und wenn schon. Einen Monat Geduld werdet ihr wohl noch aufbringen."
Guy biss sich auf die Unterlippe, versuchte sich zu beherrschen, seine Sehnsucht nicht offen zu zeigen und scheiterte kläglich. Er war es nicht gewohnt zu versagen, doch sie gab ihm das Gefühl schwach und stark zugleich zu sein.
"Marian, trefft mich um Mitternacht auf dem Wall", flüsterte er und seine Lippen streiften kurz ihren Hals, bevor er sich abwandte und ziellos den Saal durchquerte, auf der Suche nach Zerstreuung. In einer halben Stunde. Doch würde sie kommen? Seiner Bitte nachgehen? Sie war eine Lady und gewiss tugendhaft, das wollte er nicht zerstören, doch vielleicht glaubte sie das. Dann würde sie nicht die Einsamkeit mit ihm suchen, nicht vor der Hochzeit.
"Der neue Earl von Huntington", sprach ihn eine vertraute Stimme an und er begrüßte seine Cousine Violette, die sich an den Arm ihres massigen Ehemanns klammerte und wie eh und je viel zu jung für ihn wirkte.
"Violette", begrüßte er sie mit angedeuteter Verbeugung. Sie lächelte charmant.
"Sag, mit welchen Intrigen hast du dir ein eigenes Landgut gesichert?", fragte sie ungeniert. "Wie viele ehrliche Männer musstest du töten? Wie viele Schmiergelder verteilen?"
Guys Miene verhärtete sich.
"Sieh dich vor, verehrte Cousine oder man wird dir beibringen zu schweigen", sagte er drohend.
"Hast du das deiner Zukünftigen auch gesagt? Hat sie deshalb deinen Antrag angenommen? Oder hast du sie erpresst?"
Guy riss sich mächtig am Riemen, um seiner Cousine nicht hier und jetzt das Maul zu stopfen. Wie konnte sie es wagen? Wie an seiner Aufrichtigkeit Marian gegenüber zweifeln? Oder hatte sie am Ende Recht? Hatte seine Verlobte nicht nur deshalb diese Vermählung zugestimmt, weil er ihr gesagt hatte, dass der Sheriff ihr sonst auf ewig misstrauen würde? Er hatte sie bedrängt, sie genötigt. Violette hatte recht. Er war ein grausamer Mann.
Ganz allein trugen seine Füße ihn zum Wall, obwohl er wusste, sie würde nicht kommen. Er blickte hinaus auf die mondbeschienenen Ländereien vor Nottingham Castle und fragte sich, wie er so geworden war. Früher hatten ihn nie böse Absichten umgetrieben. Damals, als seine Mutter noch lebte. Er konnte ihre Stimme in seinem Kopf hören, so deutlich, als stünde sie neben ihm.
"Hast du die Freundschaft eines Menschen verwirkt, dann bitte ihn um Verzeihung. Und wenn er es ablehnt, versuche es solange wieder, bis er einwilligt. Aber sei dabei immerzu ehrenhaft und habe Geduld. Guten Menschen verzeiht man für gewöhnlich, wenn man ihre guten Absichten erkennt."
Hatte er nicht was Marian betraf immer gute Absichten gehegt? Sie war die Frau, die er liebte und die er glücklich machen wollte. Doch konnte er das? Stand es überhaupt in seiner Macht, ihr das Leben zu bieten, das sie sich wünschte? Oder lag das viel mehr bei Robin Hood?
"Sir Guy?"
Er zuckte zusammen und blickte auf. Lady Marian stand unweit von ihm entfernt. Ihre schönen blauen Augen glänzten im Mondschein und ihr leichtes Lächeln betörte ihn. In seichten Nebelwolken stieg ihr Atem in die Luft, genau wie der seine und er schloss die Distanz zwischen ihnen mit wenigen Schritten. Unwillkürlich streckte er die Hände aus und umfasste ihre Oberarme.
"Ihr seid gekommen, Mylady", sagte er mit leiser Verwunderung in der Stimme. Ihr Lächeln vertiefte sich und sie nickte.
"Das bin ich wohl. Doch nicht, um Euch meine Tugend bereits vor unserer Vermählung anzubieten."
Er lächelte nun und strich ihr eine Haarsträhne aus dem Gesicht, die sich aus ihrer ansehnlichen Frisur gelöst hatte.
"Ich hatte niemals vor, Euch dieser zu berauben. Nicht bevor wir gemeinsam vor den Traualtar getreten sind. Aber sagt mir, Lady Marian. Warum kamt Ihr, wenn Ihr dergleichen von mir erwartet?"
Ihr Lächeln verschwand und sie wandte sich von ihm ab, blickte hinaus auf die Ländereien und schien nachzudenken.
"Es gibt etwas, über das ich mit Euch sprechen muss. Etwas, das ich von Euch erbitten möchte."
"Alles Mylady. Keinen Wunsch könnte ich Euch abschlagen."
Marian hob den Kopf und blickte ihn zweifelnd an.
"Nicht einmal dann, wenn er gegen das geltende Recht verstößt?"
Guy starrte seine Verlobte an, fragte sich, was in ihr vorging und worauf sie hinaus wollte. Doch ihr wundervoller Blick sagte ihm nur eines. Selbst wenn sie eine Outlaw wäre, er würde sie zur Frau nehmen und ihr jeglichen Schutz gewähren, den er aufbieten konnte. Aber das konnte er nur so lange, bis jemand herausfand, was sie tat. Schon einmal hatte er geglaubt, Marian könnte auf Abwege geraten sein, doch er hatte die Augen davor verschlossen, ihr jegliche Ausrede dankend abgekauft und hatte blind für die offensichtlichen Dinge sein wollen.
"Nichts, Lady Marian. Nichts könnte ich Euch abschlagen. Nicht einmal, wenn ich für Euch gegen das Gesetz handeln müsste."
Marian trat einen Schritt auf ihn zu und nahm seine Hand. In ihrem Blick lag etwas Eindringliches.
"Sir Guy, ich bin der Nachtwächter und Ihr wisst es bereits und habt mich nie dafür zur Rechenschaft gezogen."
Das Herz pochte ihm schmerzhaft gegen die Rippen. Ja, er wusste es. Seit er ihren Arm auf dem Bogenschützenturnier in Nottingham Castle berührt hatte und er voller Blut gewesen war. Doch es war etwas anderes, es aus ihrem Mund zu hören, als es nur zu ahnen, ohne es wahrhaben zu wollen.
"Bitte sagt etwas", flehte Marian und ihre Hände umklammerten seine umso fester. Doch er beugte sich nur vor und küsste sie. Zuerst spürte er ihren Schreck, ihre Zurückhaltung, bevor er die Arme um sie schlang und ihren wundervollen Körper an seinen zog. Da wurde ihr Geist wacher und sie drängte sich an ihn, griff in sein Haar und öffnete bereitwillig den Mund. Seine Zunge stieß sanft an ihre und er presste sie an den Wall und wollte nie wieder aufhören, diese betörenden Lippen zu küssen. Doch er besann sich darauf, was er ihr versprochen hatte, dass er ihr die Tugend nicht vor ihrer Vermählung rauben würde und löste sich schwer atmend von ihr. Ihre Augen lagen nun im Schatten, doch er spürte ihren Blick nur allzu deutlich, war sich ihrer Lippen bewusst, die nur Zentimeter von seinen entfernt waren und lauschte ihrem aufgewühlten Atem.
"Also werdet Ihr mir helfen?", fragte sie mit leiser, atemloser Stimme.
"Helfen?", stieß er erschrocken aus.
"Helfen, der Nachtwächter zu bleiben."
Er ließ sie so abrupt los, dass sie nach Luft schnappte.
"Oh nein, Marian. Das könnt Ihr nicht von mir verlangen. Es zu wissen ist eines, aber zu dulden, dass meine Ehefrau dies tut, dass Ihr weitermacht, wenn wir erst vermählt sind, Ihr Euch in dauernde Gefahr begebt..."
"Sir Guy", hörte er ihr Flehen und es brachte ihn beinahe um den Verstand. Wie könnte er ihr etwas abschlagen, wenn sie ihn so darum bat?
"Marian, nein. Das geht nicht." Eindringlich sah er sie an, doch sie griff nach seiner Hand und kam ihm gefährlich nahe.
"Ihr seid ein guter Mensch, Sir Guy of Gisborne. Nur habt Ihr diese Tugend tief in Euch versteckt. Der wahre Grund, weshalb ich einwilligte, Eure Frau zu werden, ist der, dass ich diese Seite an Euch ans Tageslicht bringen möchte."
Er blickte auf sie hinab und mit plötzlicher Deutlichkeit wurde ihm bewusst, wie sehr sich seine Mutter eine Frau wie Marian für ihn gewünscht hätte. Und wie viel sie dafür gebetet hatte, dass auch er ein guter Mensch wurde, so wie seine Verlobte.
"Marian, ich..." Er konnte nicht weitersprechen, nicht sagen, was ihm auf der Seele brannte.
Sie hob die Hand und berührte seine Wange, gestattete ihm nicht, ihrem Blick auszuweichen und lächlte ihn an.
"Diese Seite an Euch liebe ich. Auch wenn Ihr sie verborgen haltet."
Ihre Worte duchströmten ihn warm und er beugte sich hinab und küsste sie abermals. Marian hatte ihren eigenen Willen, ihren eigenen Verstand und war keine der willigen Dirnen, die er seinerzeit in seine Gemächer gerufen hatte. Sie war eine Lady, die doch Feuer in sich trug und ihn leidenschaftlich lieben könnte. Dessen war er sich sicher. Violette hatte unrecht. Sie liebte ihn, wenn auch nur einen geringen Teil von ihm, von dessen Existenz er noch immer nicht überzeugt war. Aber sie glaubte an ihn, an diesen Bereich seines Lebens und er wollte sie nicht enttäuschen und um ihretwillen versuchen, so zu sein, wie sie es sich von ihm wünschte.
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