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Schicksal

von Lixel
GeschichteDrama, Freundschaft / P16
Alex Breidtbach Emma Wolfshagen OC (Own Character)
28.12.2015
30.11.2016
37
31.143
12
Alle Kapitel
29 Reviews
Dieses Kapitel
1 Review
 
14.01.2016 878
 
Der Versuch zu Lesen wurde schlussendlich dadurch unterbunden, dass das Spiel schlicht und ergreifend zu laut war, um sich zu konzentrieren.

Irgendwann lag das Buch nur noch aufgeschlagen vor mir und ich versuchte irgendwie nicht ganz so stalkerhaft auszusehen, während ich das Spiel beobachtete.

Früher, im Sportunterricht, war Basketball eine Tortur für mich.
Allgemein war Sport so eine Sache; zum Umziehen versuche ich mich so gut wie möglich zu verstecken.
Nachdem sich, wie es so oft der Fall war, einige der Mädchen über mich lustig gemacht hatten, bummelte ich beim umziehen, bis alle in der Halle waren.

Immerhin war die freie Sicht auf meine vernarbten Arme nichts, was sie etwas anging. Und das ließ sich beim Umziehen eben nicht vermeiden.
Gelegentlich, eigentlich immer öfter, verschwand ich noch mal auf der Toilette, bevor ich als letzte Person die Halle betrat und jedes Mal auf's Neue einen Predigt von meinem Lehrer bekam, dass ich mich beeilen solle.
Im Nachhinein betrachtet, war das eigentlich doch eine schlechte Idee, die Sache mir der Toilette.
Wenigstens musste ich später nicht mehr beim Sport mitmachen, nachdem sich mein Kreislauf des Häufigen spontan von mir verabschiedete.

Nicht mehr als letztes gewählt werden, mir noch während des Unterrichts die Arme aufzukratzen, wenigstens dieser Terror war vorbei.

Für einige Wochen.
Bis mein Vater mich im Badezimmer fand.
Aber das ist eine andere Geschichte.


Jubelei riss mich aus dem Albtraum, den ich mal mein Leben nennen musste.
Anscheinden hatten die Oberkörperfreien gewonnen, denn das andere Team rollte fluchend vom Platz.

Einer der Jungen aus dem Gewinnerteam sprang auf, anscheinend war er nicht zwingend an den Rollstuhl gebunden, und umarmte stürmisch die anderen.

Wow. Als ob er grade den Hunger in der dritten Welt beendet hätte.

Ich rollte die Augen. Diese Euphorie um ein dämliches Spiel hatte ich nie verstanden.
Aber vielleicht war ich auch einfach nur nicht so begeisterungsfähig wie der Rest der Welt.

Die Oberkörperfreien hatten sich inzwischen wieder angezogen.
Applaus für diese erste Tat als Siegerteam.

Warum war ich eigentlich plötzlich so schnippisch und zynisch? Nicht mal im Ansatz hatte ich jemals Kontakt zu den Jungs gehabt, doch ich stocherte mental schon auf sie ein, als wären sie Schuld für alles Schlechte auf der Welt.
Ich schüttelte kaum merklich den Kopf.
Vielleicht sollte ich jetzt versuchen mich wieder auch das Buch zu konzentrieren, was immer noch in meinem Schoß lag.

Das klappte sogar.
Zumindest für 10 Minuten, bis die Jungen angefangen hatten, sich lautstark darüber zu beratschlagen, wer denn jetzt mit wem gegen wen spielt.

'Nicht noch eine Runde!', japste eine Stimme in meinem Kopf und ich stöhnte kaum hörbar auf.
Gut, dass sie nur zu dritt waren, wenigstens konnte man das nicht in zwei Mannschaften aufteilen.
Schlecht war eher, dass sie sich dazu entschlossen abwechseld auf die Körbe zu werfen, was ebenso nicht besonders leise war.

Vielleicht sollte ich einfach wieder aufstehen und die Terrasse verlassen, das führte ja alles zu nichts und wieder nichts.
Am Ende bekam ich noch einen Ball ab.
...Und schon hörte ich das Abprallen eines Balls an der Wand, an der ich lehnte.

So viel zu 'Mein Leben zeigt mir die Vorteile des Krankenhauslebens'.

"Ey, du kannst da nicht sitzen!", rief der Stumpf-Junge, "Wir haben deine Kumpels besiegt, die Dachterrasse gehört uns!"
Ich verdrehte die Augen.
"Ich kenn' die Typen nicht mal, ich lese nur", stieß ich trocken aus, einfach genervt von der Gesamtsituation.
"Leo, komm doch runter, er könnte doch mitspielen, dann könnten wir zwei gegen zwei spielen!"

Der Gips-Junge klang fast so euphorisch, wie der Sprung-Junge vorhin ausgesehen hatte.
Apropos, dieser trug auch noch etwas zur Konversation bei, die mich viel zu sehr an meine Schulpausen erinnerte.

"Ach komm, willst du den in deinem Team haben? Der trifft doch wahrscheinlich keinen einzigen Korb."
In seiner Stimme schwang Aroganz und ich brauchte gar nicht mehr von ihm zu hören, um zu wissen, dass genau diese Art von Mensch, die er war, Schuld an meinem Krankenhausaufenthalt waren.

Ich erhob mich langsam.
"Erstens hab' ich keinen Rollstuhl, zweitens bin ich nicht mal ein Junge, und drittens spiele ich garantiert nicht mit so liebreizenden Menschen wie euch."

Auf ihre kurzzeitig verwirrten Blicke wollte ich schreiend antworten "Ja, ich habe Brüste, stellt euch vor!", was ich aber schließlich doch sein ließ. Kommt nicht gut.
Im Begriff zu gehen wandte ich mich Richtung Eingang, als ich hörte, wie sich mir ein Rollstuhl nährte.
Oh Gott. Ich verfluchte Räder im Gegensatz zu Füßen.

"Oh, das tut mir Leid, das wusste ich nicht!", rief der Gips-Junge und blieb kurz vor mir stehen, "Ich bin Toni, das sind Leo und Alex! Wie heißt du?"
Etwas perplex starrte ich auf die Hand, die er mir entgegen hielt, ehe ich sie vorsichtig ergriff.

"...Jamie...", sagte ich langsam, "und ich wollte jetzt wirklich lieber gehen."
"Oh, okey, vielleicht sieht man sich mal auf dem Krankenhausgang wieder!"

Als sich meine Schritte von der Dachterrasse entfernten, erfüllte das Wort 'schräg' meinen Kopf so stark, dass ich gar nicht bemerkte, dass mein Buch gar nicht mehr in meiner Hand war sondern noch dort lag.
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