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Schicksal

von Lixel
GeschichteDrama, Freundschaft / P16
Alex Breidtbach Emma Wolfshagen OC (Own Character)
28.12.2015
30.11.2016
37
31.143
12
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Dieses Kapitel
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20.10.2016 890
 
Ich hatte ja schon vorher das Gefühl gehabt, dass Olga in der Freundschaft zwischen ihr, Emma und mir eine Art Klebstoff war.
Diese Annahme stellte sich als korrekt hinaus.

Ich versuchte einige Stunden mit Emma im Zimmer tot zuschlagen, aber die Zeit zog sich wie Kaugummi und die gesamte Atmosphäre im Raum schien fürchterlich seltsam und angespannt.
Nach nicht mal einer halben Stunde stammelte ich etwas von einer Therapiesitzung und flüchtete mich wieder auf mein Zimmer.

Super.
Damit würde sich mein sozialer Kontakt im Krankenhaus wohl nur noch auf die Treffen mit Alex beschränken.

Mein Zimmer wirkte noch immer seltsam karg.
Etwas fehlte. Natürlich, Marie fehlte, niemand fing mehr aus dem Nichts heraus an über mich herzuziehen.
Das Zimmer war ruhig und nichts fühlte sich mehr nach Hass und Verachtung an.

Würden mir nicht die Erinnerung und die Last der letzten Monate noch im Gedächtnis hängen, hätte ich mich beinahe 'Zuhause' fühlen können.
Aber nein. Es war kein 'Zuhause'.
Es war ein Krankenhauszimmer, eines wie jedes andere, in der Station für Essgestörte.

Hier war kein Zuhause-Gefühl zulässig, es war gradezu verhasst, hier sollte man schnell gesund werden und sich an nichts binden.
Keine zehn Minuten konnte ich ruhig auf dem Bett liegen. Das Laken fühlte sich an, als würde ich auf glühenden Kohlen liegen.

Es war erst elf Uhr und ich hatte bis jetzt nichts gegessen.
Mein Hungergefühl stand unter Paralyse, ich wusste, es war da, aber mein Bewusstsein nahm es nicht war.

Und das würde sich bis morgen nicht mehr ändern. Der Abschied von Olga schien mir auf den Magen zu schlagen wie ein Regentag.

Es schien beinahe, als hätte ich keine anderen Alternativen, als fast zwölf Stunden zu früh die fünfte Etage aufzusuchen.
Ob ich meine Zeit nun hier oder dort mit lesen verschwenden sollte, war doch völlig egal.

Drei dicke Bücher nahm ich mit zum Fahrstuhl, wartete bis er sich geleert hatte, und verschaffte mir schließlich Eintritt in den fünften Stock.

Und dort saß ich dann.
Zwölf Stunden lang.

Jegliches Zeitgefühl war verschwunden, ich las den Frust, die Einsamkeit einfach weg, oder verdrängte sie zumindest.

Bis zur Mitte des dritten Buches kam ich, mein Rücken protestierte von der steifen Sitzposition und meine Beine waren schon mindestens zum vierten mal eingeschlafen.

Da hörte ich Rollstuhlräder auf dem unsanierten Boden, gefolgt von der Stimme, die mich die letzten Abende immer etwas beruhigt hatte.

"Hier bist du!", rief Alex erleichtert aus, wenn auch mit einer Spur Gereiztheit in der Stimme.
"Du hast mich gesucht?", ich blickte vom Buch auf "Entschuldigung. Ich hatte einen seltsamen Tag und bin schon seit einer Weile hier."

Im Halbdunkeln konnte ich vage erahnen, wie er die Augenbrauen hochzog.
"Wie lang ist deine 'Weile'?"
Ich wies auf den Buchstapel hinter mir.
"Willst du das wirklich wissen?"

Statt dass er sich mir gegenüber setzte, wie es sonst immer der Fall war, erhob er sich dieses Mal aus dem Rollstuhl und setzte sich mit ein wenig Abstand neben mich auf die Kiste.
Als wäre es das selbstverständlichste der Welt, nahm er vorsichtig das Buch aus meinen Händen und legte es zu den anderen, ehe er mich wieder mit einer Spur Besorgtheit ansah.

"Erzähl", sagte er sanft, mit festem Blick.
Ich starrte ihn einige Momente an, ehe ich mich fing und mit den Schultern zuckte.

"Ich weiß nicht. Von jetzt auf gleich ändert sich alles. Ich meine, zuerst hatte ich ein halbes Jahr lang keinen einzigen Freund hier und dann quatscht Olga mich von der Seite an und ich hab plötzlich welche, oder denke es zumindest. Und dann kommst auch noch du, eine Person, die ich vor Wochen noch auf den Tod gehasst habe, und stellst dich auch als gar nicht mal so übel heraus.

Und gerade, als ich mich an alles irgendwie gewöhne, ändert es sich alles wieder.
Olga wird entlassen, Emma und ich schweigen uns nur noch an und am Ende wirst du wahrscheinlich auch noch entlassen ohne vorher etwas zu sagen, und dann bin ich komplett allein."

Ohne groß darüber nachzudenken, lehnte ich meine Stirn an seine Schulter.
Der Revue-Passieren des Tages schoss Tränen in meine Augen, die ich versuchte wegzublinzeln.
Schniefend wischte ich den Rest von meinem Gesicht.

"Ich bin ein einsames Etwas in einem Krankenhaus, auf der Station für Essgestörte, wer würde auch schon mehr Zeit mit mir verbringen wollen, als nötig?", wisperte ich kaum hörbar in den Stoff seines Shirts.

Ich wusste nicht wirklich, warum ich mich ausgerechnet bei ihm ausheulte. Um genau zu sein hatte ich auch keine weitere Reaktion erwartet.

Ich war davon ausgegangen, dass die Nachfrage, was denn los sei, eine dieser sozialen Konventionen sei, von denen Shelden Cooper immer redete.
Eigentlich hatte ich sogar eher erwartet, dass er mich wegstoßen und als vollkommen irre und kaputt abstempeln würde. Vielleicht mit einem spöttischem Spruch auf den Lippen, so wie er eben war.

Wirklich behaupten, dass ich hätte erahnen können, was er stattdessen tat, konnte ich nicht.
Er legte vorsichtig die Arme um mich und zog mich in eine tröstende Umarmung.
Vielleicht war es genau das, was man manchmal brauchte.
Eine ehrliche Umarmung von einem Freund.
...Falls man das als Freundschaft bezeichnen konnte.

"Ich gehe nicht einfach so, ohne letzte Worte
Ich verspreche es."
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