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Schicksal

von Lixel
GeschichteDrama, Freundschaft / P16
Alex Breidtbach Emma Wolfshagen OC (Own Character)
28.12.2015
30.11.2016
37
31.143
12
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18.10.2016 939
 
Da ich an diesem Abend erst um halb fünf Uhr morgens im Bett lag, war es umso schlimmer, morgens um neun von Schluchzen und Poltern geweckt zu werden.
Schwerfällig öffnete ich die Augen und setzte mich auf.

"Was geht falsch bei dir, kannst du nicht leise sein oder so?", fuhr ich Marie an.
Sie hatte eine große Tasche in der Hand, stand vor dem Schrank und räumte Klamotten um.
Hies das etwa...

Sie drehte sich zu mir um. Ihre sonst so perfekt geschminkten Augen waren verquollen und ein unterdrücktes Schluchzen entfuhr ihrer Kehle, während sie mich hasserfüllt anstarrte.

"Wenn du es genau wissen willst, die Klinik hat mich aufgegeben und steckt mich in die Klapse", spuckte sie mir entgegen.

Beinahe hatte ich Mitleid mit ihr.
Einen Moment noch beobachtete ich sie dabei, ihre Tasche zu packen.

Sie war wirklich abgemagert, mir war ihr Gewichtsverlust gar nicht mehr bewusst aufgefallen.
Doch ja, nun sah ich deutlich ihre Unterarmknochen durch ihre fahle Haut schimmern, nur noch mit etwas Muskel darüber gespannt.

Müde ließ ich mich wieder zurückfallen.
Noch einige Minuten hörte ich sie Kleidung in die Tasche werfen, bis sie mit einem letzten Leidenslaut die Tür hinter sich zu fallen ließ.

Schlafen war nun keine Option mehr für mich; viel zu wach war ich durch das Poltern und Klagen geworden.
Das Zimmer wirkte gespenstisch leer, als ich meine Beine aus dem Bett schwang und ins Badezimmer taumelte, um mich umzuziehen.


Mein Weg führte mich wieder zum Zimmer von Emma und Olga. Schon einige Meter bevor ich es erreicht hatte, stieg ein ungutes Gefühl in mir auf.
Für die Uhrzeit hörte ich ungewöhnlich viel Gerede hinter der Zimmertür, bevor ich leise klopfte und ebenso leise die Tür öffnete.

Ich hatte erwartet, dass mindestens einer von beide wach, vielleicht etwas schläfrig wäre. Aber schläfrig war ich ja auch noch ein wenig.
Doch stattdessen waren beide wach.
Emma saß aufrecht im Bett und sah zu Olga, die mitten im Raum stand.

Beide begrüßten mich karg, die Stimmung im Raum schien bedrückt.
Erst als ich die Tasche auf Olgas Bett sah, begriff ich warum beide so schweigsam waren, warum beide schon wach waren.
Olga öffnete ihren Schrank und begann, ebenso wie Marie vorhin, Sachen einzuräumen.

"Ich musste vorhin zum wiegen, da wurde mir gesagt, dass ich entlassen werden konnte", schilderte Olga gedämpft, als wäre es etwas unangenehmes, gesund zu werden.
Ich schluckte leicht.

"I-ist doch toll", brachte ich mit einem erzwungendem Lächeln heraus.
Weiterhin schweigend räumte Olga ihre Kleidung in die Tasche.
Um nicht ganz so koordinationslos mitten im Raum stehen zu müssen, half ich ihr dabei einfach.

Ich hatte keinen blassen Schimmer darüber, was ich sagen sollte.
Was sollte man auch sagen?
"Hey, es zieht mich grade runter wie sonst was, dass du gehst, aber alles's super."

Super.

Natürlich, es freute mich, dass Olga auf dem besten Weg war, wieder ein normales Leben zu führen, in dem man Essen als etwas alltägliches ansah, nicht als Suchtmittel.
Aber verdammt, Olga war meine engste Freundin hier.

Der Abschied war bedrückend.
Ich versuchte den Anschein zu erwecken, mich zu freuen.

Und das bekam ich auch hin, denke ich.

"Halt' dein Gewicht. Ich will dich hier nie wieder sehen", verabschiedete Emma sich von Olga traurig lächelnd.
"Ich bring' dich noch runter. Die Tasche sieht schwer aus", bot ich an, als Olga sich von mir verabschieden wollte.

Schließlich trugen wir beide jeweils einen Griff der großen Tasche und schleppten sie zum Aufzug.

"Ich werd' dich vermissen. Sehr", sagte ich leise ohne sie anzusehen.
"Ich dich auch, Jamieboo."
Wir lächelten beide kurz.

"Wie läufts eigentlich mit Alex?"
Ich hatte ihr irgendwann mal erzählt, dass wir uns Abends im fünften Stock trafen. Als einzige Person wusste sie davon, Emma hatte ich es weiterhin verschwiegen.
Seit dem war sie noch mehr davon überzeugt, dass wir DAS Traumpaar der ganzen Klinik wären, als sie es vorher eh schon gewesen wäre.

"Über was anderes willst du nicht reden? Du stehst vor der Entlassung aus der Klinik und willst über den neusten Klatsch und Tratsch reden?"
Sie lachte kurz auf.
"Was erwartest du von mir? Also, was ist bei euch so los?"
Ich zuckte die Schultern.
"Was soll da laufen?"

Sie sah mich vielsagend an, als die Fahrstuhltür aufglitt und wir ihre Tasche raustrugen.
"Plötzlich fällt der Abschied ganz einfach", entgegnete ich trocken.
Doch sie grinste wieder nur.
"Wir schreiben weiterhin, okey? Und halt mich auf dem Laufenden. Über dich und Alex. Und schreib mir, wenn du entlassen wirst. Ich muss unbedingt mal dein Zimmer sehen, also dein richtiges."

Ich nickte brav.
"Mach' ich. Sind deine Eltern schon hier, um dich abzuholen?"
Olga nickte und wies mit dem Kopf zu einem realtiv jungem Paar, die an ein dunkeles Auto  gelehnt warteten.
"Dann... Bis irgendwann, würde ich sagen, oder?"

Ohne Vorwarnung zog sie mich in eine enge Umarmung.
"Danke Jamie, für alles. Ich würde jederzeit wieder mit dir eine Essstörung therapieren", sagte sie grinsend.
"Wehe dir, du schlägst hier noch mal auf", entgegnete ich, ebenfalls grinsend, wenn auch mit feuchten Augen.

Wir lösten die Umarmung und sie nahm ihre Tasche hoch.
"Tschüss, Olga", sagte ich schließlich traurig lächelnd.
Ich blieb in der Eingangshalle stehen, bis sie ins Auto stieg und weg fuhr.

Und ich wusste nicht, wann ich mich das letzte Mal so allein, so verlassen gefühlt, wie in diesem Moment.
Und das sollte eben schon etwas heißen.
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