Schicksal

von Lixel
GeschichteDrama, Freundschaft / P16
Alex Breidtbach Emma Wolfshagen OC (Own Character)
28.12.2015
30.11.2016
37
31.143
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31.12.2015 850
 
Das Prasseln des Regens an der Scheibe klang beinahe melanchonisch.
Gelangweilt stocherte ich in meinem Essen rum.
Regen schlug mir immer so fürchterlich auf den Magen.

Heute Nachmittag sollte es aufklären, dann sollte, meiner Erfahrung nach, auch mein Hungergefühl wiederkehren.
Diese Essenszeiten waren schrott; ich musste mich am Nachmittag also schon wieder in die Küche schleichen. Nicht mal meine Therapeutin akzeptierte, dass ich bei Regen einfach nichts essen konnte.

Ich bekam ja nicht mal etwas auf mein Zimmer gebracht, immerhin aß ich ja für gewöhnlich.
Genervt schob ich das Tablett von mir weg und verschränkte die Arme.

Raus wollte ich, nicht mehr und nicht weniger!
Gut, ein Schulwechsel wäre vielleicht auch schön.
Sobald ich an meine alte Schule kommen würde, würden meine Klassenkameraden Fragen stellen.
Keine Fragen von wegen "Geht es dir besser?" oder "Wie konnten wir das nicht bemerken?"
Eher Fragen wie "Na, hast du dich wegen Übergewicht therapieren lassen? Hast du wenigstens da abgenommen?"
Dann doch lieber eine komplett neue Schule, womöglich in einem ganz anderem Bezirk.
Wo niemand von meiner Bulimie wusste, wo es nicht irgendwie durchgesickert sei, weshalb ich nicht mehr im Unterricht bin, und wo niemand mir weiter einredete, dass ich so unendlich hässlich und dick sei.

Immerhin glaube ich es mittlerweile selber.

Während ich da so saß und nachdachte, setzte sich jemand mir gegenüber.
Mein Blick hob sich ruckartig mit dem Knarzen des Stuhles.
Ein fülliges Mädchen mit blonden Korkenzieherlocken grinste mich an.
"Ich mag dein Shirt."

Ich kniff die Augenbrauen zusammen. Ich musste nicht an mir runtersehen, um zu wissen, dass darauf "Fuck Gender Roles" stand. Das trug ich immer, wenn meine Mutter es nicht mitgenommen hatte, um es zu waschen.
Ein leichtes Lächeln stahl sich auf meine Lippen. Eines der wenigen, eines der ersten, seit ich hier war.

"Danke."
"Ich bin Olga. Und die bist...?" Sie lehnte sich, noch immer grinsend, zurück und musterte mich.
Langsam wurde es beinahe unheimlich. Wie konnte man in einem Krankenhaus so viel lachen? Allein in der Zeit, in der sie hier am Tisch saß musste sie mehr gegrinst haben, als ich in dem ganzen halben Jahr, das ich nun hier war.
"Jamie."

Noch immer glitt ihr Blick an mir auf und ab, als würde sie mich scannen.
Nervös pustete ich mir den Pony meines Pixiecuts aus dem Gesicht und zupfte an meinen Jackenärmeln.
Dann ergriff Olga wieder das Wort, mit einer Art und Weise, die, wie ich später feststellen würde, nur sie beherrschte.
Da war nichts von einer Anschuldigung, nicht Beleidigendes, ihr Tonfall hatte sogar eher etwas beruhigend-entspannendes.
Und voller Neugier.

"Jemanden wie habe ich hier noch gar nicht gesehen."
Ich schnappte kurz nach Luft.
"Ach ja? Was darf ich mir darunter vorstellen?"

Innerlich musste ich mich zusammenreißen, nicht anzufangen sie aufgebracht anzuschreien.
Aber wenn man im Krankenhaus eines lernte, dann dass man selbst nicht die einzige hysterische Essgestörte war.
"Eine Normalgewichtige."
Das machte mich sprachlos.

"Sag schon, was hast du? Magersucht und nimmst einfach nicht ab? Oder Esssucht und kannst nicht zunehmen?"
Ich starrte sie mit großen Augen an.
Es war ein ungeschriebenes Gesetz, dass auf dieser Station nichts hinterfragt wurde.
Als hätte man einen unsichtbaren Triggeralert verhängt.
Und jetzt sprach dieses Mädchen aus dem nichts herraus meine Krankheit an und hinterfragte sie ohne mit der Wimper zu zucken.

Ich rang mit meinen Worten und versuchte sie perplex in die richtige Reihenfolge zu bringen.
"Bulimie.", brachte ich schließlich knapp heraus.
"Oh, dann gibts du mir wohl eher nicht den Rest deines Essens. Du sahst aus, als würdest du nichts essen wollen."

Als sie Anstalten machte aufzustehen, hatte ich mit wenigstens wieder gesammelt.
"Warte", ich sah mich kurz um, wo die Essensaufsicht war "Du kannst es haben. Schlechtes Wetter schlägt mir auf den Magen, ich schleiche mich nachher in die Küche."
Ich schob das Tablett von mir weg und wartete, bis sie sich wieder hinsetzte.

"Kann ich dann mitkommen?", fragte sie.
Ich dachte kurz nach. Einerseits war sie mir in den paar Minuten, die sie hier saß so sympathisch geworden, dass ich ihr nicht weiter schaden wollte. Immerhin war sie ja hier um gesund zu werden.
Allerdings war ich da ja nicht anders, und ich war schon seit einem halben Jahr hier.

"Klar. Ich kann dich aus deinem Zimmer abholen. Welche Nummer?"
Sie kramte einen Zettel aus ihrer Hosentasche.
"Ich bin eben erst angekommen, ich muss mein Zimmer selbst erstmal finden", lachte sie und hielt mir den Zettel hin.
Ich schaute kurz auf die drei Ziffern und prägte sie mir ein.
"Okay, dann hole ich dich ab. Du kannst mich etwa dann erwarten, wenn der Regen aufgehört hat", ich lachte kurz trocken und stand dann auf.
"Okay, bis dann."

An der Tür schaute ich noch mal kurz rüber zu Olga. Diese schien recht glücklich über die zusätzliche Mahlzeit und machte sich genüsslich über die Nudeln her.
Doch, wir könnten tatsächlich Freunde werden.
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