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Gordon - Die Geschichte eines ganz normalen Mannes

von Shogun
Kurzbeschreibung
KurzgeschichteMystery, Horror / P12 / Gen
OC (Own Character) Slender Man
28.12.2015
31.12.2015
6
6.435
 
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28.12.2015 1.087
 
Dunkelgraue Wolken bedeckten den Nachthimmel. Viel dunkler konnte es draußen nicht mehr werden. Die kühle Herbstluft streichelte Gordons Nase, als er sie genüsslich in sich auf sog. Das viel zu viele gute Essen und der Kerzengeruch an der festlich gedeckten Tafel hatten ihn träge gemacht und er genoss die Ruhe auf der Terrasse der Villa, in welcher seine Schwiegereltern gerade feierlich ihren zwanzigsten Hochzeitstag zelebrierten. Weshalb man sich dafür so weit aufs Land zurückziehen musste, war ihm ein Rätsel. Vielleicht wegen der Landschaft, von der man zu so später Stunde allerdings nur noch die schwarzen Umrisse des nahen Waldes zu sehen bekam. Gegen die Umgebung hatte er nichts, ganz im Gegenteil. Gordon hatte sich schon immer außerordentlich gerne in der Natur aufgehalten. Jedoch sank seine Motivation mit seiner Frau am heutigen Abend noch den gesamten Weg nach Hause zurück fahren zu müssen mit zunehmender Uhrzeit langsam aber sicher gegen Null. Er seufzte. Erst stundenlang Zimmerluft schnuppern und anschließend in dem muffigen, alten Gebrauchtwagen zurück in die seit heute morgen nicht gelüftete Vierzimmerwohnung fahren... Keine Lust. Müde.
„Na, du“ Cindy umarmte ihn von hinten und legte ihr Kinn auf seine Schulter. Er legte seine Hand auf ihre und ließ sich darauf ein, als sie begann, langsam und verspielt hin und her zu schaukeln.
„Woran denkst du gerade?“ Sie verfolgte seine Blickrichtung und für einige Augenblicke sahen sie gemeinsam in Richtung des pechschwarzen Forstes.
„Ich denke an mein Bett.“, antwortete Gordon schläfrig.
„An unser Bett!“, korrigierte Cindy und Gordon musste lächeln. Er fragte sich, wie lange es noch dauern würde, bis er sich an die neue Einrichtung gewöhnt hatte. Seit ihrer Heirat vor ein paar Monaten waren sie zusammengezogen und teilten sich seit dem auch dieselbe Matratze. Nach drei Jahren Einsamkeit in seiner kleinen Studentenbude hatte endlich jemand seinen grauen Alltag mit Farbe gefüllt. Er liebte Cindy bedingungslos, dennoch musste er sich erst noch mit der Situation bekanntmachen, dass er nun in ein völlig neues Leben gestartet war. Gordon war schon immer ein Mensch gewesen, der eher seinen eigenen Gedanken nachging. Er dachte oft, dass wirklich froh sein konnte, dass ihm trotz des Bundes, den er nun eingegangen war noch so viele Freiheiten gelassen wurden. Cindy sagte oft, dass eine Ehe, die einen Partner in irgendeiner Weise einschränkte nicht von wahrer Liebe bestimmt war. Sie ließ einen Arm auf seiner Schulter, während sie sich an seiner Seite stellte. Sie sah in an und lächelte.
„Nur noch ein Bisschen.“, vertröstete sie ihn. „Ich sehe meine Familie so selten. Es ist für mich immer wieder schön mit mit ihnen persönlich unterhalten zu können.“
„Bald kannst du das wieder.“ Gordon strich ihr zärtlich über den Babybauch, der sich unter ihrem türkisen Kleid bereits ansatzweise abzeichnete.
„Sicher, und genau aus diesem Grund ist es gerade die letzte Gelegenheit sich mit ihnen noch mal über normale Dinge zu unterhalten, bevor dann unser kleines Ei hier im Vordergrund steht.“ Sie tätschelte ebenfalls die Rundung.
„Gib mir noch 'ne Stunde.“ Gordon schwieg, wusste aber, dass er ihr in dieser Situation keinen Wunsch abschlagen konnte.
„Mach doch noch einen Spaziergang bevor wir losfahren.“, schlug Cindy vor und blickte wieder in Richtung Wald.
„Mein Onkel hat mir erzählt, dass man von der Straße aus auf einen beleuchteten Wanderweg kommt...“
Er überlegte kurz.
„Ist das denn für dich okay?“
„Natürlich! Du hast es schon lange genug mit den ganzen Quasselstrippen in einem Raum aufgehalten. Außerdem lege ich es nicht darauf an, gleich neben einem abgrundtief mies gelaunten Ehemann in einem Auto zu sitzen.“
Er warf ihr einen beleidigten Blick zu und sie musste lachen.
„Nun geh schon, ich fahre bestimmt nicht ohne dich weg!“
„Wohl eher müsste ich befürchten, dass du vergisst, das du mittlerweile einige Kilometer weiter südlich wohnst.“
Sie schwiegen einen Moment.
„Könnte ich dich anderen Falls eigentlich wegen Kindesentführung anzeigen?“, mutmaßte Gordon schließlich.
„Das würdest du nicht wagen!“, lachte Cindy munter und knuffte ihn in die Seite, sodass er schwer getroffen zur Seite sprang.
„Alles klar, du hast mich überzeugt! Ich gehe ja schon!“ Er ging auf die Terrassentür zu und gab ihr im Vorbeigehen einen Kuss auf die Wange.
„Ich bleibe nicht lange weg!“
„Bis später!“, verabschiedete sie ihn, bevor er sich wieder in die Villa begab, um seine Jacke zu holen. Für ihn neigte sich ein geselliger Abend einem ruhigen Ende zu. Noch wusste er nicht, das der Beginn dieses Spaziergangs die Entspannung des gesamten Abends in die Tortur seines Lebens verwandeln sollte.

Der Weg, den er einschlug, führte zunächst ein Stück die Straße entlang. Es war eine lange Landstraße, die sich irgendwo in der Ferne zwischen den Bäumen verlor. Es begegnete ihm kein einziges Auto, während er langsam aber sicher sein Lauftempo fand und den wenigen Geräuschen in der Umgebung lauschte. Ein Käuzchen rief in der Nähe, eine Schleiereule glitt geräuschlos vorbei und um die Laternen flatterten kleine Gruppen von Motten, um die wiederum die Fledermäuse schwirrten. Endlich Ruhe. Gordon liebte diese Momente, in denen seine Gedanken frei waren. Sich auf nichts konzentrieren zu müssen war für ihn der erholsamste Zustand. Das war für einen Büromenschen wie ihn wahrscheinlich auch gar nicht wirklich verwunderlich. Manchmal wünschte er sich einfach so lange gehen zu können, wie seine Füße ihn tragen konnten um anschließend erschöpft aber glücklich in Cindys Armen einschlafen zu können.
Er wich von der Straße ab und nahm einen geebneten Weg, der tiefer in den Wald hinein führte. Die saubere Luft um ihn herum stand im Gegensatz zu den künstlichen Gerüchen, die ihn normalerweise im Alltag umgaben. Vielleicht war es doch gar nicht so schlecht, wenn Cindy die Gespräche mit ihren Verwandten noch etwas in die Länge zog. Das leise Trippeln von Mäusepfoten drang an seine Ohren. Sie flohen vor den schweren Menschenschritten, die in schwarze Schuhe gehüllt durch das Laub stapften. Wieder hörte er das Käuzchen, gefolgt von dem Ruf der Schleiereule. Plötzlich erklang ein schriller Todesschrei, der seine Gliedmaßen ruckartig bis in den letzten Muskel zusammen zucken ließ. Sein Herz raste. Die Eule musste irgendwo ein kleineres Beutetier gerissen haben. Er wartete, bis sich sein Atem wieder beruhigt hatte und bemerkte dann überrascht, dass seine Schuhe langsam in dem weichen Humus versanken. Er sah sich um. Seine Gedanken kehrten wieder in seinen pochenden Schädel zurück und er nahm seine Umgebung wieder bewusst war. Einen Augenblick später wurde ihm unangenehm bewusst, dass er sich zur Zeit in einer recht pikanten Situation befand: Er hatte sich vom Weg entfernt, sah die Straßenlichter nicht mehr und befand sich in einem Gebiet, in dem er sich kein Bisschen auskannte.
„Scheiße.“, fluchte er.
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