Infinity [OS Sammlung]

von chaela
KurzgeschichteFamilie, Fantasy / P12
27.12.2015
27.12.2015
1
1870
1
Alle
noch keine Reviews
Dieses Kapitel
noch keine Reviews
 
 
 
 
Auf Leserwunsch wird "Infinity" nun nicht nur auf meiner Homepage und Wattpad veröffentlicht, sondern auch auf fanfiktion.de. Vielleicht habt ihr im Vorfeld z.B. auf meiner Facebookseite schon davon gehört: Infinity ist eine Art Sammlung ergänzender Szenen aus meinen bereits erschienen Twilight-Fanfictions. Leser können eigene Wünsche für kommende Kapitel über meine Homepage einreichen und vor Veröffentlichung jedes Kapitels aus drei eingereichten Vorschlägen wählen. Der Vorschlag mit den meisten Stimmen wird dann zu (virtuellem) Papier gebracht.  Die kleinen Kapitel sollen die Wartezeit auf meine eigenen Werke etwas auflockern und sind als kleine Geschenke an meine treuen Leser gedacht.
Und jetzt wünsche ich viel Spaß mit dem ersten Kapitel, welches als Weihnachtsspecial veröffentlicht wurde. ;)

----


»Kannst du mir mal bitte die Teller reichen?«, fragte Seth.

Dafür, dass die Hälfte des Haushalts nicht mitaß, hatten wir ganz schön viel dreckiges Geschirr, dachte ich mir, während ich meiner Schwester und ihm beim Einräumen unseres XXL-Geschirrspülers zuschaute. Mariella nahm die Teller vom Tisch und gab sie Seth, der einen nach dem anderen fein säuberlich in die dafür vorgesehenen Fächer verstaute.

»Kannst du bitte mal nachsehen, ob wir was vergessen haben?«, fragte sie nun mich, der die ganze Zeit über mit verschränkten Armen und mit dem Rücken an die Küchenzeile gelehnt, gestanden hatte.

»Klar«, antwortete ich und verließ meinen Platz.

Es war Weihnachtsabend, die Gans war gegessen, die Geschenke verteilt. Im Kamin prasselte ein warmes Feuer. Draußen fielen dicke Flocken vom Himmel.

Einige hatten sich in Bellas Kunstpelzkragen verfangen und schmolzen nun, da sie eben mit Edward zusammen das Haus über die Veranda betreten hatte. Ich nickte den beiden kurz zu, so wie ich auch allen anderen auf meinem Weg durchs Haus nur ein Nicken oder ein Lächeln schenkte. Ausnahmsweise war dieses heute ziemlich voll. Rose und Emmett hatten nämlich eine Pause von ihrer Reise eingelegt und auch Carlisle, Esme, Alice und Jasper wollten Weihnachten nicht in Italien verbringen. Jetzt verteilten sich alle kreuz und quer über die Zimmer.

Nachdem ich mich vergewisserte, dass wir alles Geschirr eingesammelt hatten, blieb mein Blick schließlich an meiner Tochter hängen, die es sich im Wohnzimmer, direkt neben unserem von Alice üppig geschmückten Tannenbaum bequem gemacht hatte. Luna saß im Schneidersitz zwischen den geöffneten Geschenken und einigen Überbleibseln des zerrissenen Geschenkpapiers und blätterte durch ein großes Album mit Goldprägung und einem roten, ledernen Umschlag. Immer wieder huschte dabei ein zartes Lächeln über ihr hübsches Gesicht.

Ich wusste, was für ein Album es war. Es war voll von Familienfotos, die wir über die Jahre gemacht hatten. Sie hatte es dieses Jahr geschenkt bekommen.

»Na?«, fragte ich, als ich mich neben meine Tochter setzte. Sie hatte das Album im hinteren Drittel aufgeschlagen. Auf der aktuellen Seite war ein großes Babyfoto von ihr in meinem Arm zu sehen.

Ich erinnerte mich daran.

Ich erinnerte mich, als wäre es erst gestern gewesen ...

Sie war vor etwas mehr als einer Stunde geboren worden und hatte die Zeit danach bei ihrer Mutter verbracht. Dann war sie wieder in ein Handtuch gewickelt worden. »Hey, mein kleiner Mond«, hatte ich ihr zugeflüstert, doch viel Zeit mit ihr blieb mir nicht.

Knapp eine Viertelstunde später kam Carlisle, der sich bis eben noch um Sangreal gekümmert hatte. »Darf ich?«, fragte er vorsichtig. Ganz behutsam und zugegebenermaßen etwas widerwillig, legte ich mein Kind in seine Arme. Dann trug er sie weg. Wahrscheinlich, um sie noch einmal gründlich zu untersuchen.

Ich sah ihm hinterher, dann drehte ich mich um und ging zurück zu Sangis Bett. Dass sie sich meiner Anwesenheit bewusst war, zeigte sie nur kurz, indem sie ihre Mundwinkel hob und für den Bruchteil einer Sekunde die Lider öffnete, dann schien sie wieder mehr oder weniger eingeschlafen zu sein.

»Sie ist sehr müde«, kommentierte meine Mutter.

Natürlich hätte ich sie auch einfach in Carlisles Krankenzimmer liegen lassen können, aber wollte sie das? »Sangi?«, fragte ich, als ich mich neben sie kniete und ihr sanft ein paar Haarsträhnen aus dem Gesicht strich.

»Mhm?«, murmelte sie, ohne die Augen zu öffnen.

»Möchtest du hierbleiben oder möchtest du in unser Bett?«

»... Bett«, antwortete sie leise.

Ich hob sie in einer einzigen, fließenden Bewegung mitsamt ihrer Decke hoch, dann trug ich sie in unsere Räumlichkeiten.

»Ani...«, kam es von ihr nuschelnd, kurz nachdem ich sie in unser Bett gelegt hatte, dann drehte sie sich in meine Richtung.

»Ich komme gleich wieder, keine Angst«, versicherte ich ihr.

Oben hatten sie unsere Tochter währenddessen in einen dunkelvioletten Strampler gepackt. Ihr braunes Haar war trocken und ihre nun saubere Haut genau so hell wie meine.

Als ich mein Kind wieder an mich nahm, fühlte es sich an, als hätte ich sie vor Stunden Carlisle gegeben, dabei konnten es vielleicht gerade mal dreißig Minuten gewesen sein.

In unserer ersten Nacht als Eltern schlief Sangreal neben mir tief und fest. Sie war so erschöpft, dass man es ihr kaum verdenken konnte. Ich dagegen bekam kein Auge zu. Wir hatten Luna ins Nebenzimmer gelegt, in dem auch Nayelis Bettchen stand. Selbst ohne Babyfon hörten wir jeden noch so kleinen Mucks, den die beiden nebenan von sich gaben. Dennoch fühlte ich mich unwohl. Ich drehte mich zum gefühlt zwanzigsten Mal von einer, auf die andere Seite, dann blieb ich auf dem Rücken liegen und starrte an die Decke. Ich schloss die Lider und atmete einmal tief durch. Wieder ertappte ich mich dabei, wie ich vorsichtshalber nach Lunas Herzschlag horchte. Es schien alles in Ordnung zu sein. Trotzdem konnte ich keinen Schlaf finden.

Schließlich stand ich also doch auf, um nach ihr zu sehen. Mein erster Blick fiel in Nayelis Bett. Die Kleine schlief offensichtlich zufrieden. Dann sah ich in das Bettchen daneben. Luna machte zwar keine Geräusche und schien auch keine Angst zu haben, trotzdem war sie wach. Ganz leise, um Nayeli nicht aufzuwecken, hob ich das Neugeborene hoch und sah in ihre kleinen Augen, die genau dieselbe Farbe hatten, wie meine. »Kannst du auch nicht schlafen?«, fragte ich flüsternd. Selbstverständlich bekam ich keine Antwort.

Wir hatten eigentlich schon lange vor der Geburt ausgemacht, dass wir unser Kind nicht in unserem Bett schlafen lassen würden. Bevor sie da gewesen war, hatte ich dieser Entscheidung ohne lange darüber nachzudenken zugestimmt. Doch nun, da ich meine Tochter in meinen Armen hielt, fühlte es sich einfach nicht richtig an. Ich wusste nicht, ob ich ihre Nähe brauchte oder ob ich tief in mir spürte, dass sie unsere brauchte. In jedem Fall vergewisserte ich mich kurz, dass es Nayeli gut ging, dann verließ ich mit Luna das Zimmer. Ich legte das kleine Mädchen vorsichtig zwischen Sangreal und mich. Zuerst gab sie noch kleine Geräusche von sich, dann fielen ihre Augen langsam zu und sie schlief ein. Ich beobachtete sie eine ganze Weile, bevor auch ich den Kopf auf das Kissen legte und mir endlich erlaubte, einzuschlafen.

Am nächsten Morgen war es zu meiner Überraschung kein Babyschrei, der mich weckte, sondern schlicht das einfallende Sonnenlicht. Neben mir war Sangreal bereits wach. Sie hatte sich mit Blick in meine Richtung auf die Seite gedreht und lächelte mich warm an.

»Gut geschlafen, Daddy?«, fragte sie flüsternd.

Zur Antwort schnaubte ich nur kurz, dann sah ich ertappt auf unsere Tochter herab, die zwischen uns beiden lag und seelenruhig schlief.

»Mir war, als hätten wir da etwas besprochen, bevor die Kleine auf der Welt war?«, erinnerte sie mich.

»Ich weiß«, gab ich zu. »Ich konnte nicht schlafen.«

»Ich hoffe, du wirst mir jetzt nicht weiß machen wollen, dass es diese Nacht anders sein wird?« Ihre linke Augenbraue hob sich bei dieser Frage. Sie kannte mich inzwischen zu gut, ja sogar fast besser noch, als ich mich kannte. Zumindest was für mich neue Situationen wie diese anging.

Ich schüttelte den Kopf. »Das bezweifle ich.«

»Das ist ein sehr süßes Foto«, sagte Luna leise und deutete auf ein Bild, auf dem ich mit Luna auf meinem Bauch eingeschlafen war.

Ja, Sangreal sollte recht behalten. Luna schlief fortan jede Nacht bei uns. Dies trug unter anderem auch dazu bei, dass wir ihre Gabe relativ schnell entdeckten. Sie war zwischen uns gelegen. Während wir darauf warteten, dass sie einschlief, hatten wir sie etwas geistesabwesend gestreichelt, als ein Bild in meinem Kopf auftauchte, das nicht meinen eigenen Gedanken entsprungen sein konnte, schließlich hatte ich gerade nicht an mich selbst, sondern an meine Tochter gedacht. Als ich einen Blick auf Sangi warf, wurde mir jedoch bewusst, dass sie mich angesehen hatte, ich also gerade ihre Gedanken sah ...

Lunas Gabe zeigte sich daraufhin immer mal wieder im Alltag, aber so richtig zuordnen, um was es sich handelte, konnten wir erst viel später. Auch war sie, ähnlich wie ich, in ihrer frühen Kindheit nicht in der Lage, sie gezielt zu steuern, so wie meine Mutter beispielsweise ihr Talent schon früh beherrscht hatte.

Den Gestaltwandler in ihr, hatte sie dagegen schon sehr früh im Griff gehabt - was mich sehr an Will erinnerte. Es war ebenfalls ein Winterabend gewesen, als ich mit ihr auf der Wiese vor dem Haus gespielt hatte. Sie liebte den großen, schwarzen Wolf und gluckste immer vor Freude, wenn ich um sie herum tobte und den Schnee aufwirbelte.

Und dann, ganz plötzlich, brach das schneeweiße Fellknäuel aus ihr heraus. Ich musste trotz Wolfsgestalt mindestens so perplex dreingeschaut haben, wie Sangreal mit Nayeli auf dem Arm neben uns.

»Ich glaube, ich erinnere mich daran«, sagte Luna und zeigte auf das Foto, auf welchem man uns in Wolfsgestalt abgelichtet hatte. Sie klein und weiß, ich groß und schwarz.

»Ja, du warst ein ziemliches Energiebündel trotz deiner kleinen Größe«, erzählte ich ihr daraufhin.

»Ja?«, wollte sie neugierig wissen und sah zu mir hinauf.

»War manchmal nicht so einfach, dich im Schnee zu finden«, scherzte ich.

»Dad«, mahnte sie und boxte mir leicht in die Seite.

Ja, ich erinnerte mich noch sehr gut an diese Zeit, in der mein Kind noch klein gewesen war. Diese Zeit, in der ich mir noch keine großen Gedanken über ihre Zukunft machen musste, in der es sich so anfühlte, als gäbe es keine Probleme auf dieser Welt. Nur uns. Einfach nur uns. Sangi, Nayeli, Luna und unsere zugegebenermaßen doch schon recht große Familie. Damals verschwendete ich keinen Gedanken an das, was noch kommen würde. Nie wäre mir in den Sinn gekommen, dass irgendetwas je die Macht haben könnte, diese Idylle zu zerstören. Die Volturi gab es ja glücklicherweise nicht mehr. Dass vierzehn Jahre später eine Prägung alles, was mir lieb und teuer war, binnen Bruchteilen von Sekunden nehmen würde, darauf wäre ich im Traum nicht gekommen ...


----

Wenn euch dieser kurze Ausflug zurück zu Ani und den Anderen gefallen hat und ihr noch mehr davon lesen möchtet, könnt ihr auf meiner Homepage unter www.chaela.de bei den Abstimmungen für die nächste Szene mitmachen oder über ein kleines Formular neue Vorschläge machen. :)
 
 
'