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Je te laisserai des mots

GeschichteDrama, Liebesgeschichte / P18 / Gen
Hannibal Lecter OC (Own Character)
26.12.2015
04.07.2017
43
77.929
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26.12.2015 1.628
 
„Miss Hawkins, haben Sie noch einen kurzen Moment für mich?“
Claire spürte förmlich, wie sich ihr ganzer Körper anspannte, als der junge Doktor das Wort an sie richtete und seine Augen die ihren sozusagen durchbohrten. Eigentlich wollte sie nur noch ihre sieben Sachen zusammenraffen, in die deutlich mitgenommene Ledertasche stopfen und sich dann nichts wie weg vom Acker machen, doch Hannibal Lecter war kein Mensch, den man warten ließ. Geschweige denn widersprach. So sah sie sich gezwungen, ihre aufkommenden Fluchtgedanken in die hintersten Winkel zu verbannen und mit steifen Schritten auf das Pult des Doktors zuzugehen. Normalerweise war sie kein Mensch, der sofort den Schwanz einzog und sich von anderen einschüchtern ließ. Im Gegenteil – ihr Markenzeichnen war die große Klappe und die, wenn auch meist ungewollt, rotzfreche Art, sich auszudrücken. Das rief die junge Frau sich ins Gedächtnis, als sie vor Lecter stand, und straffte ihre Schulter.
„Wo brennt's denn?“, fragte sie ihn gespielt unbeeindruckt, blieb aber in sicherer Entfernung stehen. Der Doktor sortierte einige Unterlagen in ihre zugehörigen Mappen, stapelte alles übereinander, ehe er seine Aufmerksamkeit völlig der Rothaarigen widmete. Er musterte sie einmal von Kopf bis Fuß, lehnte sich gegen den dunklen Holztisch und nickte mehrmals.
„Ja, ich bin mir sicher, dass Sie die Richtige sind.“
Claire zog nur eine Augenbraue in die Höhe. „Entschuldigen Sie vielmals, Doktor, aber wäre es nicht besser, wenn wir uns erstmal kennenlernen würden, bevor Sie von einem so bedeutsamen Wort Gebrauch machen?“
Lecter verzog seine vollen Lippen zu einem Grinsen, doch dieses hatte nichts mit Amüsement gemein. Nein, vielmehr ließ es ihn kalt und überheblich wirken, aber das war für Claire nichts Neues. Der Doktor hatte sich seit jeher mit Arroganz und sichtlichem Stolz einen Namen gemacht. Und trotz allem strahlte er eine kühle Eleganz aus, die nicht zu leugnen war. Wahrscheinlich war das der Grund, warum sich Claire so unwohl in seiner Gegenwart fühlte. Undurchschaubaren Menschen ging sie seit jeher aus dem Weg – und Lecter war nichts anderes. Seit er vor einigen Monaten als Dozent in ihr Leben trat, mied sie ihn wie Ungeziefer oder Krankheiten. Er konnte durchaus einen freundlichen Zeitgenossen mimen, doch wer genau hinsah, bemerkte, dass dies wohl nichts als Fassade sein konnte. Schließlich hatte Claire zu oft mitbekommen, wie dieser Mann zum Tier werden konnte, wenn jemand nicht nach seiner Pfeife tanzte. Also hatte sie das getan, was sie als am Schlausten empfand – sie distanzierte sich, was auch nicht sonderlich schwer war. Er hielt nur die wenigsten ihrer Vorlesungen und ihn allzu oft in dem riesigen Universitätsgebäude anzutreffen war auch nicht sehr wahrscheinlich. Doch scheinbar hatte sie trotzdem seine Aufmerksamkeit auf sich gezogen, wie sich sobald herausstellte.
„Nun, Miss Hawkins, der Grund, warum ich Ihre kostbare Zeit stehle, ist relativ simpel.“ Lecters braune Augen funkelten bei diesen Worten, ob vor Belustigung oder Gefahr vermochte Claire nicht zu sagen. Sie vermied seinen Blick sowieso so gut und unauffällig wie es ging, indem sie aus den großen Fenstern auf den herrlich bunten Universitätsgarten sah. „Ich möchte, dass Sie mich nach Paris begleiten.“
Einen Augenblick lang glaubte Claire, sich verhört zu haben, doch als sie einen Blick auf Lecter riskierte und dieser sie abwartend ansah, war sie sich nun endgültig sicher: Dieser Mann hatte eindeutig nicht mehr alle Tassen im Schrank.
„Paris?“ Die junge Frau lachte auf, eine Spur zu laut und schrill, um ihre Nervosität überspielen zu können. „Was will ich denn bitteschön in Paris?“
„Nicht Sie, Miss Hawkins, ich.“ Lecter schien nun eindeutig amüsiert von Claires Reaktion, was er sie auch spüren ließ: Ein unverschämt breites Grinsen trat auf sein Gesicht und einmal mehr fiel Claire das unverkennbare Grübchen, oder war es doch eine Narbe?, auf, was ihm einen sanften, aber gleichzeitig auch markanten Zug verlieh.
„Wie Sie vielleicht wissen steht diese Universität seit einiger Zeit in Korrespondenz mit jener in Paris. Des Weiteren schreibe ich zurzeit an einer fachlichen Arbeit, für die ich die menschliche Psyche näher untersuche, was anhand der gegebenen Umstände für mich an dieser Universität nicht möglich ist. Also habe ich beschlossen, mich für diese Arbeit in Paris sesshaft zu machen.“
Lecter verschränkte die Arme vor der Brust und sah Claire so durchdringend an, als wäre damit schon alles Wichtige geklärt. Diese sah ihn jedoch weiterhin nur stumm an und schüttelte unaufhörlich ihren Kopf.
„Ich verstehe nicht, was das mit mir zu tun haben soll.“
„Miss Hawkins, ich bitte Sie.“ Hannibal schenkte der Rothaarigen erneut ein herablassendes Grinsen. „Haben Sie denn niemals von einer Doktor-Studenten-Verbindung gehört?“
Als die junge Frau nichts erwiderte, seufzte er und rieb sich die Stirn, fast schon so, als hätte er noch nie einen solch ungebildeten Mensch vor sich gehabt. „Der Student dient sozusagen als Assistent des Doktors. Dadurch profitieren beide Parteien. Ich, weil ich die ganze Arbeit nicht allein machen muss, und Sie...nun, muss ich das wirklich noch erwähnen? Können Sie sich vorstellen, wie sich die Arbeitgeber um Sie reißen werden, wenn sie so etwas in Ihrem Lebenslauf vorfinden?“
Claire grübelte einen kurzen Moment. Doch, sie hatte schon etwas von solchen Verbindungen gehört. Einigen Doktoren war es freigestellt, ob sie sich allein an die Arbeit machen oder sich jemandes Hilfe holen, sei es nun ein Student oder ein Professor, das war völlig legitim. Sie wollte nur nicht ganz verstehen, warum ausgerechnet sie die Auserwählte sein sollte.
„Angenommen, ich wäre so lebensmüde und würde Ihrem Angebot tatsächlich zustimmen.“ Lecter zog bei dem Wort „lebensmüde“ seine Augenbrauen in die Höhe, unterbrach sie aber nicht. „Wie soll das denn ablaufen? Denken Sie etwa, ich kann es mir leisten, einige Monate einfach blau zu machen?“
Doch Hannibal lachte nur rau. „Halten Sie mich wirklich für so inkompetent, dass ich das nicht durchplanen kann? Insgesamt halten wir uns zwei Monate in Paris auf, in denen ich meine Untersuchungen betreibe und Sie mir so gut es eben geht zur Hand gehen. Wohnen werden wir in einer Unterkunft, die uns die Pariser Universität zur Verfügung stellt. Nun schauen Sie nicht so schockiert, selbstverständlich in getrennten Wohnungen.“
Die junge Frau konnte nicht anders, als besorgt ihre Stirn zu runzeln, dennoch versuchte sie so gefasst wie möglich auf den Doktor zu wirken. „Und was springt für mich dabei heraus? Eine Empfehlung bei sämtlichen Ärzten, schön und gut, aber ich muss auch irgendwie meinen Abschluss schaffen, falls Ihnen das bewusst ist. Mein Studienalltag erlaubt es mir nicht wirklich, mich zwei Monate mit einem wildfremden Mann in der Weltgeschichte herumzutreiben.“
Lecter sah sie so eingehend und bedrohlich an, dass sie für einen Moment dachte, seine Augen würden rötlich funkeln. Aber das konnte doch nicht sein. Der Doktor trat einen Schritt auf sie zu, so dass sie  ihren Kopf in den Nacken legen musste, um ihn noch ansehen zu können. Obwohl sie es nicht wollte, musste Claire sichtlich schlucken. Denn wenn sie eines nicht leugnen konnte, dann das: Hannibal Lecter wusste, wie man seine Mitmenschen gehörig einschüchtert. Dass er das alleinig durch seine Präsenz schaffte, war schon beeindruckend, nichtsdestotrotz steigerte es nur Claires Unbehagen.
Lecter sah mit verengten Augen auf die Studentin hinab und das kleine Grinsen auf seinem Gesicht verstärkte seine Bedrohlichkeit. Claire konnte sich nicht erklären, was den Doktor so gefährlich machte. Allein an seiner Arroganz konnte es doch nicht liegen! Und an seinem Äußeren schon gar nicht. Denn, das musste sie wohl oder übel wirklich zugeben, Hannibal Lecter war ein Mensch, den die meisten Frauen wohl mit den Eigenschaften „umwerfend“, „absolut hinreißend“ oder aber auch „zum Umfallen attraktiv“ betitelt hätten. Nicht, dass Claire sich an so etwas aufhalten würde, obwohl der junge Mann tatsächlich einen gewissen Reiz ausübte mit dem dunkelbraunen zurückgekämmten Haar, dem markanten Gesicht und den vollen Lippen, die sich oftmals zu einem nicht minder anziehenden Lächeln verzogen. Nein, es war nicht sein Aussehen, was sie so stutzig machte, und auch nicht diese Arroganz. Claire hätte schwören können, dass ihn etwas Anderes umgab, eine Dunkelheit, die mit keinen Worten dieser Welt hätte beschrieben werden können.
„Miss Hawkins.“ Die Worte des Doktors und auch das spottende Lächeln auf seinem Gesicht holten sie in die Wirklichkeit zurück. „Ein Mann in meiner Position hat wohl sichtlich Besseres zu tun, als sich mit einer wildfremden Studentin in der Weltgeschichte herumzutreiben.“
Claire merkte, wie ihre Wangen zu brennen anfingen. Dieser Mann war doch echt die Höhe.
„Hören Sie, ich bettele nicht um Ihre Kooperation, verstanden? Man hat mir nahe gelegt, dass sie am geeignetsten für eine solche Verbindung wären, also habe ich Sie gefragt. Selbstverständlich würden Sie keine Nachteile erfahren. Den verpassten Stoff können Sie problemlos hinten dran hängen und die Prüfungen zu einem späteren Zeitpunkt ablegen, falls Sie das für nötig empfinden. Aber wissen Sie, nicht umsonst gelte ich als einer der begabtesten Jung-Doktoren unserer Zeit. Ich möchte nicht arrogant klingen, aber von dem Umgang mit mir können Sie nur profitieren. In jeglicher Hinsicht.“
„Oh nein, wie könnten Sie nur arrogant klingen, Doktor“, schnaufte Claire und verschränkte ebenfalls ihre Arme vor der Brust. Allerdings, das musste sie ja zugeben, sein Angebot hatte tatsächlich etwas Verlockendes. Ihrer Karriere als angehende Ärztin würde das mehr als helfen. Aber das vor diesem eingebildeten Widerling zugeben? Das käme nicht infrage.
„Garantiert werde ich mich nicht hier und jetzt entscheiden“, machte die junge Frau ihren Standpunkt klar und schulterte ihre Tasche.
„Keine Sorge.“ Auch der Doktor packte seine Sachen zusammen und knöpfte seinen schwarzen Wintermantel zu. „Sie haben noch 14 Tage Zeit, um mir ihre Entscheidung mitzuteilen. Falls Sie noch weitere Fragen haben, können Sie sich gerne an mich wenden, dann besprechen wir noch einmal den genauen Verlauf.“
Claire nickte geradezu geistesabwesend, drehte sich dann auf dem Absatz um und marschierte schnurstracks auf den Ausgang zu.
„Aber vergessen Sie nicht, Claire: Sie haben nichts zu verlieren.“ Mit diesen Worten des Doktors beschleunigte die Rothaarige ihre Schritte und machte, dass sie wegkam von diesem sonderbaren Mann.
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