Magnum - Die Gesellschaft zur Wahrung britischer Weihnachtstraditionen auf den Sandwich Inseln

von Taita
KurzgeschichteHumor / P12
26.12.2015
26.12.2015
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“Magnum? Magnum, ich muss mit Ihnen sprechen! Magnum, kommen Sie sofort raus und lassen Sie diese Spielchen! Wir haben einen straffen Zeitplan zu befolgen, wenn wir bis heute Abend mit den Vorbereitungen fertig sein wollen und verlieren kostbare Zeit durch Ihre Kinderreien! Magnum! Wo stecken Sie denn?”
Wo ich steckte? Momentan hockte ich zwischen zwei Sträuchern einer unaussprechlichen exotischen Pflanze, die Higgins abgöttisch liebte und die er aus irgendeinem weit entfernten Land importieren lassen hatte. Ich weiß genau was Sie denken und Sie haben Recht. Was macht ein erwachsener Mann in einer Blumenrabatte und fürchtet sich vor der Entdeckung durch einen, noch dazu sehr kleinen, Mann? Aber mit Higgins war das so eine Sache. Obwohl er auch sonst dazu neigte, mir mein doch recht angenehmes Leben hier auf Hawaii durch allzu viele Regeln und Verbote zu erschweren, war er gerade in den letzten Wochen zu Höchstform aufgelaufen. Gerade so kurz vor Weihnachten und mit einem, nicht sehr interessanten, aber dafür lukrativen Fall vermeintlichen Ehebruchs (die der Unzucht verdächtigte Dame entfloh allerdings nicht in die Arme eines Geliebten, sondern besuchte heimlich eine Krav Maga-Kurs, aber das ist eine andere Geschichte) hatte ich anderes im Kopf, als mich von Higgins herumkommandieren zu lassen.
Es begann vor etwa zwei Monaten. Higgins wurde zum Vorsitzenden irgendeines britischen Weihnachtsvereins hier auf Hawaii gewählt, von dessen Existenz ich zuvor noch nie gehört hatte. Mit dem Higgins-typischen Eifer stürzte er sich in die Vorbereitungen einer großen Weihnachtsfeier, die auf Hawaii auszurichten sich diese Gesellschaft zur Aufgabe gemacht hatte. Aber nicht nur, dass sie ausgerechnet hier auf dem Anwesen stattfinden sollte, Robins kleiner Majordomus hatte mich zu seinem “freiwilligen” Helfer ernannt, eine Ehre, auf die ich nur zu gern verzichtet hätte. Doch nicht einmal vor der Rekrutierung Rick und T.C.s war Higgins zurückgeschreckt. In den letzten Tagen hatten wir Robins Nest in ein wahres Weihnachtsparadies verwandelt. Fehlte nur noch der Weihnachtsbaum.
Um einen möglichst frisch aussehenden Baum zu erhalten, hatte sich der Vorstand dazu entschlossen, die Tanne erst in allerletzter Minute aufzustellen. Der Baum war gestern planmäßig in Hawaii eingetroffen und lagerte nun in einem nahe dem Flughafen gelegenen Kühlhaus.
Higgins hatte mich heute Morgen davon in Kenntnis gesetzt, dass ich Punkt 12 Uhr den Baum dort abzuholen hätte, damit er vor Eintreffen der Gäste noch rechtzeitig geschmückt werden könne. Obwohl ich Higgins meinerseits davon in Kenntnis gesetzt hatte, dass ich dies unmöglich tun könne, da ich zum Mittagessen mit einem Klienten (dem nicht betrogenen Ehemann) verabredet sei, ließ er sich nicht von seiner Planung abbringen.
Als ich mich gerade heimlich davonschleichen wollte, hätte mich der kleine Brite beinahe erwischt, wenn ich mich nicht mit einem todesmutigen Sprung ins Gestrüpp gerettet hätte.

Higgins wandte sich wieder dem Haus zu, was mir eine einmalige Gelegenheit zur Flucht bot. Doch wenn Sie Higgins so gut kennen wie ich, dann wissen Sie, dass wo auch immer Higgins auf dem Anwesen ist, seine Jungs meist auch nicht weit sind. Ich hatte den Gedanken noch nicht zu Ende gedacht, da raschelte es und direkt vor meinem Gesicht tauchte eine Hundeschnauze auf. Apollo präsentierte mir Reihen makelloser Zähne. Hinter ihm drängte nun auch Zeus durch das Pflanzendickicht.
“Hi Jungs”, war das einzige war mir einfiel.
Die beiden ließen ein Knurren hören, dass aus den Tiefen ihrer Eingeweide zu stammen schien. Zusammengekauert wie ich dagesessen hatte, konnten die beiden Dobermänner von oben auf mich herabschauen. Langsam versuchte ich aus der unbequemen und für meinen Geschmack zu unterwürfigen Position herauszukommen und mich aufzurichten. Dies wurde durch weiteres bedrohliches Knurren und Zähne fletschen von Seiten Apollo und Zeus und der augenblicklichen Kapitulation meinerseits jedoch vereitelt. Die Hunde machten einen Schritt auf mich zu, so als wollten sie jeglichen weiteren Widerstand bereits im Keim ersticken. Ich konnte ihren Atem auf meinem Gesicht spüren und bekam eine vage Ahnung, welche Köstlichkeiten Higgins ihnen heute zum Frühstück zubereitet hatte.
Ich gab mich geschlagen.
“Higgins? Higgins!”
Eine gefühlte Ewigkeit ließ Higgins auf sich warten, bis er mit einem leicht belustigt klingenden “Jungs!” meine beiden mythologischen Gefängniswärter abkommandierte.
Während Apollo und Zeus friedlich davon trabten als wäre nichts gewesen, kroch ich mit schmerzenden Gliedern, verdreckt und durchgeschwitzt aus dem Busch.
“Ich hoffe sehr, Sie haben meine Plumeria stenopetala nicht beschädigt.”
“Ihrer Puma ..Pluma.. Ihrer Pflanze geht es hervorragend, was man von mir nicht sagen kann.”
“Das lässt hoffen, dass Sie Ihre Lektion gelernt haben.”
“Meine Lektion? Higgins!”
Der Brite hatte sich umgedreht und lief in Richtung des Hauses. Ich weiß was Sie denken und Sie haben schon wieder vollkommen Recht. Warum nutzte ich diese Gelegenheit nicht und machte mich aus dem Staub? Aber ich war so aufgebracht, dass mir diese Idee gar nicht in den Sinn kam.
“Higgins!”, erst als ich nach ihm sein Arbeitszimmer betrat, bemerkte ich meinen Fehler. Doch es war bereits zu spät. Wie aus dem Nichts waren die beiden Dobermänner hinter mir aufgetaucht und hatten in der Tür Stellung bezogen, um mir den Fluchtweg zu versperren. Higgins hatte sich hinter dem Schreibtisch aufgebaut und überblickte den Raum wie ein Feldherr, ein schelmisches Grinsen im Gesicht, dass nichts Gutes verhieß.
“Ich nehme an, Sie möchten nicht, dass ich Mr Masters gegenüber etwas von der Sache mit dem Whirlpool erwähne?”
Wie hatte er nur davon erfahren??
“Okay”, lenkte ich ein, “ich hole den Baum ab, aber das ist das Letzte was ich für Ihre alberne Weihnachtsmann-Gesellschaft tun werde!”
“Die Gesellschaft zur Wahrung britischer Weihnachtstraditionen auf den Sandwich Inseln ist keineswegs albern. Im Gegensatz zu Ihren oberflächlichen amerikanischen Traditionen lässt sich das Weihnachtsfest im britischen Königreich bereits auf das Jahr …”
Nun hielten mich auch Apollo und Zeus nicht mehr. Mit großen Schritten war ich aus dem Raum. Die Dobermänner schienen meine Flucht kaum zu bemerken. Mit aufmerksamen Gesichtern lauschten sie Higgins Vortrag.
Ich nahm die Schlüssel des Audis an mich und jagte bereits vom Grundstück, bevor die Drei es sich anders überlegen konnten. Da ich ohnehin spät dran war, reizte ich die Möglichkeiten des Wagens voll aus. Aber seien wir ehrlich. Wer einen Ferrari gewohnt ist, für den ist jedes andere Auto eine lahme Schnecke.
Ich zu spät zum Abholungstermin des auf Hawaii so kostbaren, da einzigartigen, Baumes, was soviel bedeutete, wie das ich zum zeitgleich stattfindenden Termin mit meinem Klienten noch viel später erscheinen würde. Ich lud den Baum vorsichtig in den geräumigen, für solche Transporte aber nicht sonderlich geeigneten Wagen und brauste Richtung Club, wo mein Klient bereits bei seinem dritten Aperitif saß.
Gerade als ich mich ihm nähern wollte, sah ich Higgins ins Gespräch vertieft mit einem der Vorstandsmitglieder seiner Weihnachtsgesellschaft. Wenn er mich hier sah, wie ich mich mit dem eifersüchtigen Ehemann befasste und das wertvolle Kultobjekt draußen in der prallen Sonne stand, würde er vielleicht doch versucht sein, mein bis dahin gut gehütetes Geheimnis, wie auch immer er davon erfahren hatte, an Robin weiterzugeben. Dabei war die Sache mit dem Whirlpool wirklich nur ein Versehen gewesen und genaugenommen sogar Higgins Schuld. Aber das ist eine andere Geschichte.
Ich machte also auf dem Absatz kehrt und beschloss, dass ich Higgins Anweisungen ausnahmsweise doch sofort ausführen würde.
Mit quietschenden Reifen fuhr ich vom Parkplatz und wollte gerade in Richtung Robins Nest abbiegen, als mir von der Seite ein metallic blaues Cabrio den Kotflügel zerbeulte. Ich stieß mir unsanft den Kopf und die Spitze des Baumes, die auf den Beifahrersitz geragt hatte, landete in meinem Gesicht.
„Um Himmels willen, sind Sie verletzt? Ich hab Sie nicht kommen sehen…“
Ich hörte eine aufgebrachte Frauenstimme und als ich mich aus dem Tannengrün befreit hatte, konnte ich die dazugehörige junge Frau sehen. Sie war schlank und schön und ich hatte ihre volle Aufmerksamkeit.
Stöhnend wand ich mich aus dem Wagen. Noch bevor ich ganz ausgestiegen war, stand sie schon an meiner Seite und besah sich meine Beule am Kopf.
Wie ich bereits beim Aufwachen heute Morgen befürchtet hatte – Higgins hatte mich mit seinen Proben fürs Weihnachtsliedersingen heute Abend geweckt – war dies einer der Tage, an denen einfach alles schief ging.
Zu der schönen Frau gesellte sich beinahe augenblicklich ein nicht ganz so schöner und wesentlich unsympathischerer Mann. Erst die Erwähnung Robin Masters Namen beschwichtigte den Ehemann und wir tauschten Visitenkarten. Das ich ihm eine von Higgins gab, wird wohl noch eine andere Geschichte werden. Weil dies aber einer jener Tage war, wollte mein Audi, ganz im Gegensatz zu dem Wagen des Paares, nicht mehr anspringen.
Zusammen mit Keoki schob ich ihn auf einen etwas abseits gelegeneres Parkplatz, wo Higgins ihn beim Verlassen des Clubs nicht gleich sehen würde.
Über die Reihen parkender Autos hinweg lachte mich das rot des Ferraris an. Higgins hatte wohl, da ich gezwungenermaßen mir seinem, geräumigeren, Wagen unterwegs war, selbst den Ferrari genommen.
Vorsichtig schlich ich mich zurück in den Club. Higgins schien immer noch ins Gespräch vertieft. Rick stand hinter der Bar, schien in Gedanken aber draußen auf der Terrasse bei einer hübschen Brünetten zu sein. Da die Gefahr bestand von Higgins bemerkt zu werden, versteckte ich mich hinter einer Trennwand. Auf einem der Tische war eine Schüssel Macadamianüsse stehen geblieben, die ich mir nun griff. Die erste Nuss verfehlte ihr Ziel um mehrere Meter, mit der Zweiten hätte ich beinahe Higgins getroffen, aber die Dritte traf ihr Ziel genau. Vielleicht sogar zu genau, denn sie traf Rick genau auf die Stirn, da er eben in diesem Moment das Studium der auf der Terrasse befindlichen Schönheit unterbrochen und sich umgedreht hatte.
„Ah!“, er fasste sich an die Stirn und sah mich hinter der Trennwannd stehen. Bevor er mich verraten konnte, machte ich ihm mit Gesten deutlich, dass er sich nichts anmerken lassen sollte.
Für Rick erstaunlich geistesgegenwärtig, murmelte er etwas was sich anhörte wie „blöde Viecher“ und kam auf mich zu.
Higgins und sein Gesprächspartner wandten sich wieder ab und setzten ihre unterbrochene Unterhaltung fort.
„Thomas, was machst du denn hier? Solltest du nicht den Baum abholen? Higgins wird fuchsteufelswild, wenn er dich hier sieht.“
„Ich weiß, Rick. Deswegen brauche ich unbedingt deine Hilfe. Der Baum ist draußen im Wagen.“
„Du lässt dieses teure Ding draußen in der Sonne stehen? Weißt du wie viel Higgins dafür bezahlt hat?“
Nein, das wusste ich nicht und wollte es auch lieber gar nicht wissen.
„Rick, hör mir zu! Ich brauche deinen Wagen.“
„Was? Thomas, das kommt überhaupt nicht in Frage, ich habe gleich einen Termin und brauche ihn selber.“ Sein Blick wanderte wieder zu der brünetten Schönheit, die nun ihrerseits Rick zu beobachten schien. Als sie unsere Blicke bemerkte, lächelte sie und winkte.
„Ich stecke wirklich in der Klemme, Rick.“
„Das tust du doch dauernd, Thomas. Was ist denn mit deinem Wagen passiert? Nein, sag nichts, ich will es lieber gar nicht wissen.“
„Kannst du mir wenigstens einen kleinen Gefallen tun?“
„Meinen Wagen brauch ich selber, das hab ich dir doch gerade gesagt.“
„Lass mich doch ausreden, Rick. Kannst du mir Higgins Schlüssel besorgen? Er hat sie bestimmt in seinem Jackett.“
„Wenn’s weiter nichts ist. Aber du weißt, dass Higgins mit dem Ferrari da ist. Ich weiß wirklich nicht, wie du den Baum damit in Robins Nest schaffen willst.“
Das wusste ich ehrlich gesagt auch nicht, aber da ich das vor Rick nicht zugeben wollte, sagte ich nur „Vertrau mir.“.
Es dauerte keine zwei Minuten, da steuerte Rick mit einem vollen Cocktailtablett auf die Terrassentür zu. Als er auf Höhe der beiden ins Gespräch vertieften Männer war, stolperte er über einen unsichtbaren Gegenstand und verschüttete einen Großteil der verschiedenfarbigen Drinks auf Higgins hellem Jackett.
Ich traute mich nicht aus meinem Versteck herauszukommen und die Szene aus nächster Nähe zu betrachten. So hörte ich nur ein „Oh mein Gott!“, gefolgt von unterdrückten Flüchen und einem Schwall von Entschuldigungen bis Rick mit dem durchnässten Jackett des Briten an mir vorbei lief. Im Vorübergehen drückte er mir die Autoschlüssel in die Hand.
Ich sprintete aus dem Club, sprang in den Ferrari und fuhr die paar Meter bis zu dem verbeulten Audi. In Windeseile lud ich den Baum auf den Beifahrersitz des Sportwagens. Dafür war einiges an Gewalt notwendig, um die riesige Tanne so einzuklemmen, dass sie nicht bei der ersten Gelegenheit aus dem Auto kippte.
Als ich kurzdarauf aber wieder einmal mit quietschenden Reifen das Gelände verlassen wollte, kam mir just an der Stelle, an der ich erst vor einer Viertelstunde den Zusammenstoß gehabt hatte, ein silberner Cadillac entgegen. Ich trat auf die Bremse, um schlimmeres zu vermeiden. Leider tat die Trägheit ihr eigenes und der Baum wurde aus dem Beifahrersitz katapultiert und landete auf der Straße. Ein Wagen überrollte ihn, ein weitere konnte ihm nur knapp entgehen.
Entsetzt sprang ich aus dem Ferrari und zerrte den bereits sehr geschundenen Baum von der Straße. Ich hievte die gut verschnürte Tanne in den Sportwagen und fuhr mit Schweiß auf der Stirn, aber unfallfrei zu Robins Nest, wo ich den Baum ablud und T.C. anrief.
Als ich mit dem roten Ferrari wieder vor dem Club eintraf, war Rick gerade damit beschäftigt auf Higgins einzureden. Das Jackett des Briten hing auf einem Bügel und sah, wenn auch trocken, doch reichlich verfärbt aus. Rick wedelte aufgebracht damit herum und traf mich mit dem Bügel am Ellenbogen, als ich mich näherte. Das gab mir die Gelegenheit, den Schlüssel wieder unauffällig in Higgins Tasche gleiten zu lassen.
„Bitte vielmals um Entschuldigung, Higgins.“, Rick klopfte dem sichtlich verärgerten Briten auf die Schulter und reichte ihm sein Jackett. Der kleine Mann betrachtete die Verfärbungen mit hochgezogener Augenbraue, blieb aber beängstigend stumm.
Dann wandte er sich an mich: „Ich hoffe, Ihre Anwesenheit hier lässt darauf schließen, dass Sie Ihre Aufgabe bereits erfüllt haben?“
„Ja, genau das lässt sie schließen, Higgins. Wenn Sie mich jetzt entschuldigen würden?“
Ich beeilte mich, im Club zu verschwinden. Meinen Klienten konnte ich allerdings nicht mehr finden. Ein Blick auf die Uhr verriet mir, dass seit unserer Verabredung inzwischen drei Stunden vergangen waren. Als ich gerade versuchte herauszufinden, ob Higgins bereits weg und somit die Luft vorerst rein sei, sah ich meinen Klienten plötzlich vor dem Club vorfahren.
Erst als er näherkam erkannte ich, dass er reichlich mitgenommen aussah. An seinem Hemd fehlte ein Knopf und sein rechtes Auge schillerte noch farbenfroher als Higgins Jackett.
„Mr Magnum, ich wollte Sie davon in Kenntnis setzten, dass ich Ihre Dienste nicht mehr benötige. Da Sie es nicht für nötig hielten mich rechtzeitig zu warn… mich von Ihren Ermittlungsergebnissen in Kenntnis zu setzen, habe ich selbst Recherchen angestellt.“
Er hielt mir einen dünnen Umschlag hin.
„Hier ist ein Teil Ihres Honorars, der Sie für die bereits geleistete Arbeit entschädigen soll. Guten Tag.“
Und damit ließ er mich stehen.
Ein kurzer Blick in den Umschlag bestätigte meine Befürchtung, dass es sich hierbei nur um einen Bruchteil meines vereinbarten Honorars handelte, dass kaum meine Spesen deckte. Angesichts des äußeren Erscheinungsbildes meines ehemaligen Klienten hatte ich aber wenig Lust, das Problem des fehlenden Geldes mit der Krav Maga kämpfenden Ehegattin meines Klienten zu diskutieren. Und die schien spätestens ab jetzt die (Trainigs-)Hosen in dieser Ehe anzuhaben.
Ich genehmigte mir einen Drink und wartete, bis T.C. eintraf.
„Mensch, Thomas!“, begrüßte er mich. „Du schuldest mir was. Und dieses Mal mein ich es ernst.“
„T.C., kannst du mir einen Gefallen tun?“
„Was glaubst du denn, was ich die ganze Zeit mache?“
„Bitte, ich brauche deine Hilfe.“
„Mir reicht es für heute. Vielleicht könntest du mir zur Abwechslung mal einen Gefallen tun?“
In diesem Ton ging es eine ganze Weile weiter, aber schließlich gab T.C. wieder einmal nach. Der Anblick des demolierten Audi war es, der ihn umstimmte.
„Was ist den hier passiert?“
„Frag nicht. Sag mir lieber, ob du den wieder hin bekommst.“
„Versprechen kann ich dir nichts, aber ich kann es versuchen.“
Aber T.C. wäre nicht T.C., wenn er nicht wie mit Zauberhänden und ein wenig Unterstützung meinerseits den Wagen wieder zum Laufen gebracht hätte.
Als ich schließlich nach mehrstündiger schweißtreibender Arbeit wieder hinter dem Steuer des immer noch verbeulten, aber immerhin wieder fahrtüchtigen Audi saß, fuhr ich äußerst vorsichtig zum Anwesen. Ich parkte in der hintersten, dunkelsten Ecke vor Robins Nest, um die Entdeckung des Schadens so weit wie möglich hinauszuzögern.
Etwa zur gleichen Zeit wie ich, trafen die ersten Gäste ein. Ein stolzer Higgins begrüßte die kleine ausgewählte britische Gesellschaft. Im Hintergrund spielte klassische Weihnachtsmusik und es duftete nach Gebäck. Fast, aber auch nur fast, hätte man die sommerlichen Temperaturen, die Palmen und den Strand vergessen können.
Da mir nach der schweren körperlichen Arbeit der Magen knurrte und in meinem Kühlschrank gähnende Leere herrschte, mischte ich mich unter die Gäste. Als ich mich gerade unauffällig ein Tablett mit Plätzchen zurückziehen wollte, entdeckte mich Higgins.
„Magnum, um Gottes Willen, wie sehen Sie denn wieder aus? Das ist wohl nicht die angemessene Kleidung für eine Weihnachtsfeier.“
„Higgins, es sind 77 Grad Fahrenheit, glauben Sie, ich laufe hier im Wollpullover und mit Schal durch die Gegend?“
Okay, ich gebe zu, dass ich mich zwischen den elegant gekleideten Damen in verschwitztem T-Shirt und Shorts nicht allzu wohl fühlte, aber wenn Higgins mich nicht aufgehalten hätte, wäre ich schon längst wieder von seiner Party verschwunden gewesen.
„Ich kann mich im Übrigen nicht daran erinnern, Sie eingeladen zu haben.“
„Bin schon weg, Higgins.“
„Aber das hier lassen Sie da.“, er zeigte auf das volle Tablett.
Schmollend überreichte ich es ihm.
„Ein kleiner Dank für die ganze Arbeit wäre schon angebracht.“
Jonathan Higgins sah mich an und irgendwo in meinem Kopf begann eine Alarmglocke zu schrillen.
„Ich möchte mich, auch im Namen von Mr Masters, ganz herzlich für Ihre unermüdliche freiwillige“, er betonte das Wort, „Hilfe bei Ihnen bedanken. Ich bin sicher, dass Mr Masters es sehr zu schätzen weiß, was Sie alles für Ihn tun. Und ich werde es mir persönlich zu meiner Aufgabe machen, dass er alles, wirklich alles“, sein Grinsen wurde breiter, „ausführlich erfährt.“
Eine kleine Stimme in meinem Kopf versuchte den Alarm zu übertönen: ‚Er weiß alles. Alles! Der Whirlpool. Such dir schon mal eine andere Bleibe und verabschiede dich von deinem angenehmen Leben.‘
„Aber Higgins“, ich versuchte es auf die freundschaftliche Art, „das ist doch gar nichts. Eine Selbstverständlichkeit. Ich helfe doch gern. Damit brauchen wir Robin doch nicht zu belästigen.“
„Wie Sie meinen.“
Higgins wandte sich Agatha zu, die gerade den Raum betreten hatte. Irritiert blieb ich stehen. Diese Sache war noch nicht ausgestanden, aber vorerst würde es besser sein, wenn ich mich zurück zog.
„Jonathan, was für ein fantastischer Christbaum!“, tönte Agathas Stimme durch den Raum.
Da Higgins vorerst das Interesse an unserem Streit verloren hatte, gönnte ich mir einen Moment, um den Baum zu betrachten. Weihnachtsbäume waren nun mal eine Seltenheit hier auf Hawaii. T.C. hatte ganze Arbeit geleistet. Die Tanne sah fantastisch aus. Hier und da vielleicht ein bisschen kahl, aber er hatte die kleinen Fehler so gut wie möglich mit reichlich Weihnachtsschmuck und Lametta zu überdecken versucht.
„Und diese Christbaumkugeln! Wo haben Sie die nur aufgetrieben, Jonathan? Meine Familie hatte ganz ähnliche an ihrem Baum, als ich noch ein kleines Mädchen war!“
Agatha griff nach einer der Kugeln, um das Muster besser betrachten zu können. Auf einmal geriet der Baum in Bewegung und vor den entsetzten Augen der versammelten Gäste kippte die obere Hälfte des Baumes einfach um. Agatha stand wie angewurzelt, die eine Kugel immer noch in der Hand, während direkt neben ihren Füßen mit lautem klirren Tanne und Glaskugeln zu Boden gingen.  Anklagend ragte der untere Teil des Baumes in die Luft, als hätte ein starker Orkan den ehemals stolzen Nadelbaum getroffen. Aus dem Grün heraus war braunes Klebeband zu sehen. Scheinbar war der Baumstamm zerbrochen, als er von dem Auto überrollt worden war. Nur durch das Transportnetz war er in seiner eigentlichen Form fixiert und der Schaden von uns unbemerkt geblieben. Das also hatte T.C. gemeint, als er sagte, diesmal schulde ich ihm wirklich etwas. Das der notdürftig geflickte Stamm wenigstens bis dahin unentdeckt blieb, war eine Meisterleistung gewesen.
Noch bevor Higgins grollendes „Oh mein Gott!“, verklungen war, verriegelte ich die Türen meines Gästehauses hinter mir und schwor mir, trotz leeren Kühlschranks erst im nächsten, am besten erst im übernächsten Jahr wieder aus meinem, zugegebenermaßen nicht sehr originellen, Versteck herauszukommen.
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