Leaving footprints in the snow

OneshotFreundschaft / P12
Beetee Cressida Wiress
25.12.2015
25.12.2015
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Hallo !

Es freut mich, dass ihr zu dieser Kurzgeschichte gefunden habt.

Sie ist ein Beitrag zu dem Panem-Weihnachtswichteln von -mockingjay-.
Mein Wichtelkind ist -mockingjay- und ihre Vorgaben lauteten:

Wunschcharakter: Cressida & Kamerateam, Finnick o. Johanna o. Beetee
Ersatzcharakter (maximal 3): Cressida & Team, Coin/Plutarch
Genre: Was du draus machst ;)
Maximales Rating: P16
Gewünschte Textform (natürlich sollt ihr keine 20.000-Wort-Geschichte verlangen): Am liebsten ein OS, Drabbles gehen zur Not auch, dann aber mindestens ein 400-er.
Ort/-e: Distrikt 13
Sonstiges (Schlagwörter,  Situationen etc.): Es soll um den Dreh eines oder mehreren „In Memoriam“- Propos gehen. Einer der Sieger erzählt dabei aus dem Leben eines Toten deiner Wahl (z.B. Beetee über Wiress). Ein schönes Erlebnis, das die beiden während eines Wintertages erlebten, sollte erwähnt werden bzw. im Mittelpunkt stehen.

Wie immer gilt:
Alle Figuren und Handlungsorte gehören Suzanne Collins.
Diese Geschichte entspringt meiner eigenen Fantasie und ich verdiene kein Geld damit.

Wie jeder Autor würde ich mich natürlich über Feedback, sei es in Form von Lob oder auch gerne Kritik, freuen.

Viel Spaß beim Lesen!
Vor allem natürlich dir, -mockingjay-. Ich hoffe, ich konnte dir damit eine Freude machen.

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There is just something beautiful about walking on snow that nobody else has walked on.
It makes you believe you are special.

Carol Rifka Brunt


Beetee begegnete nicht vielen Leuten. Es war noch früh und die meisten Bewohner standen erst um sechs Uhr auf. Bis zum Frühstück um sieben, hatten sie dann noch genügend Zeit um sich zu waschen, umzuziehen und auf den anstehenden Tag vorzubereiten. Einsam schob er sich also in seinem Rollstuhl durch die Gänge, hin und wieder begleitet vom Sirren der Beleuchtung oder dem Rauschen der Lüftungsanlage.
Anders als sonst, schlug er in der Waffenabteilung nicht den Weg in Richtung der Geheimwaffen ein, sondern bog nach links ab, zu den Testeinrichtungen. Mit einem Kopfnicken grüßte er Nigel Carter, den stellvertretenden Leiter der Waffenabteilung, der ihm im Sicherheitsbereich 1 – dem niedersten der vier Sicherheitsbereiche, der noch für zivile Personen, ohne Sicherheitskontrollen, zugänglich war – entgegen kam. Vermutlich war er auf dem Weg zum Wechsel der Schicht, um später mit seiner Familie zusammen zu frühstücken.
Als die digitale Ziffernanzeige seiner Uhr auf 5:30 sprang, aufblinkte und piepste, drückte Beetee den Alarm aus. Hier unten versetzte jedes Piepsen die Arbeiter automatisch in Alarmbereitschaft und führte so nur zu unnötiger Aufregung und Störung des geregelten Arbeitsbetriebs.
Die Kontrollen der Sicherheitsbereiche 2 und 3, Fingerabdruck- und Retinascanner, ließ er schnell hinter sich, da er im Besitz einer der wenigen Sicherheitsschlüssel war. Das Vertrauen, das Distrikt 13 ihm entgegenbrachte, war groß. Seine unzähligen Erfindungen und Leistungen für das Kapitol mussten auch hier bemerkt und trotz der Tätigkeit für die gegnerische Seite, anerkannt worden sein, sodass selbst Nigel Carter ihm – einem Fremden – auf Präsidentin Coins Anweisung hin, ohne mit der Wimper zu zucken und ohne mahnende Worte zu verlieren, die Schlüsselkarte überreicht hatte. Beetee wusste diese Anerkennung zu schätzen und ging bedachtsam mit ihr um. Heute allerdings, gebrauchte er sie eigennützig.

Sein letzter Besuch in den Testeinrichtungen lag noch nicht lange zurück.  Erst vor einer Woche hatte er hier mit Finnick dessen neuen Dreizack ausprobiert. Es hatte ihn mit Zufriedenheit und Freude erfüllt, den, seit der Befreiung aus der Arena, so lethargischen Sieger aus Distrikt 4, endlich wieder einmal erfüllt von neu erwachtem Kampfeswillen zu sehen, und zu beobachten, wie er sich zusammen mit dem Dreizack, dem verloren geglaubten Freund, langsam wieder zu alter Stärke zurücktastete.
Auch wenn Beetees Gedanken die Hungerspiele gerade nur kurz gestreift hatten, verfinsterte sich seine Stimmung von einem Moment auf den anderen. Denn sie erinnerten ihn an den Grund, warum er überhaupt hier war.
„Schneekammer – Türe stets geschlossen halten!“ stand auf dem, über der dickisolierten Metalltür, befestigtem Schild. Die Tür war keinesfalls dafür gemacht worden, sie aus dem Rollstuhl heraus, mühelos öffnen zu können. Seine Schlüsselkarte half Beetee auch nicht weiter, da sie im Testcenter angekommen, nutzlos geworden war.
Also rangierte er seinen Rollstuhl so, dass der den Aufschwung der Tür nicht blockierte und rastete die Feststellbremse ein. Dann drückte er den Griff hinunter und zog mit aller ihm zur Verfügung stehenden Kraft die Türe auf. Mit der linken Hand hielt er sie geöffnet, mit rechts löste er die Bremse und dirigierte den Rollstuhl in den entstandenen Durchgang. Um das Schließen musste er sich keine Sorgen machen, denn durch ihre Schwere glitt die Tür von selbst zurück in die Angeln. Sicherheitshalber zog Beetee trotzdem am Griff.

Die Kälte, die hier drinnen herrschte, kam Beetee nicht so kalt vor, wie sie auf dem Kontrollpult angezeigt wurde. 272,15 K leuchtete dort. Als er mit einem Finger über das Pult strich, zog er eine Spur in den vereisten Belag. Auch sämtliche andere Metallgegenstände – Generatoren, Regler, Stangen, Knöpfe und Schalter – waren von dieser leichten Harschschicht überzogen. Selbst die Schneemaschinen an der Decke, kleine runde Sprinkler, aus denen auf Bedarf hin neuer Schnee herabrieselte, glänzten im Licht der Deckenlampen eisig.
Es war nicht viel Schnee, der die Schneekammer füllte. Wobei viel natürlich relativ zu sehen war. Was auf jeden Fall stimmte: Die Halle war nicht voll. Die Länge hinabwärts, türmten sich Schneehügel, von an die drei Metern Höhe, auf. Bei geschätzten zehn Metern Deckenhöhe, gab es also noch genügend Platz, um für Testreihen die Menge zu erhöhen. Aktuell lief allerdings keine. Man hatte das Ziel, das Kapitol bis zum Wintereinbruch zu erobern. Gute drei Monate blieben damit noch, bevor mit ersten Schneefällen zu rechnen war. Solange hielt man die Schneemenge konstant auf diesem Niveau, da die Neuproduktion mehr Energie verschlingen würde, als die Kühlung.
Auf der Seite des Eingangs hatte man einen fünf Meter breiten Streifen Beton schneefrei gelassen, sodass Beetee mit seinem Rollstuhl sich ungefährdet fortbewegen konnte. Am anderen Ende dieses Gehweges, etwa 30 Meter entfernt, war ein Rolltor, für den An- und Abtransport größerer Gerätschaften, in die Wand eingelassen. Dort lagerten auch zwei Motorschlitten, ein paar Skier, eine Schneefräse, Schneekanonen und abgeschraubte Schneeschippen. Aber Beetee hatte ein anderes Ziel.

Das Metallgestrebe seines Rollstuhls nahm die Kälte schnell auf. Das merkte er, als er die Greifreifen anschob und zum Rand des Gehwegs rollte. Allerdings waren Handschuhe ebenso wenig in der Standardausrüstung von Distrikt 13 enthalten, wie ein Schal oder eine dicke Jacke, weshalb ihm nichts anderes blieb, als den kühl-beißenden Schmerz zu ignorieren.
Am Übergang von Beton zu Schnee, blieb Beetee stehen. Er starrte in die Halle hinein, solange bis seine Augen vom grellen Weiß des Schnees müde wurden.  
Schnee ist eine feste Form des Niederschlags, die im Winter aus den Wolken fällt. Das Wort ‚Schnee‘ stammt dabei von dem indogermanischen Wort ‚sneigh‘ ab, was so viel wie ‚zusammenballen, zusammenkleben‘ bedeutet. Dies rührt daher, dass sich bei tiefen Temperaturen feine Wassertröpfchen an Kristallisationskeime anlagern und Eiskristalle bilden. Diese, meist hexagonalen Eiskristalle, sind transparent, sodass an ihren Grenzflächen alle Wellenlängen des Lichts reflektiert und gestreut werden und der Schnee für das menschliche Auge weiß erscheint.
Beetee wusste genau, wer diese Erklärung vorgetragen hatte. Beim Gedanken daran, stahl sich ein Lächeln auf seine Lippen. Um seine Augen von dem grellen Weiß zu entlasten, senkte er den Blick, nahm seine Brille ab und polierte mit seinem Ärmel provisorisch die Gläser.
Nicht wegen dem Schnee war er hier her gekommen. Obwohl er schon immer das sprichwörtlich dicke Fell besessen hatte, zählte der Winter nicht zu seinen Lieblingsjahreszeiten. Er bevorzugte Frühling und Herbst, wenn die Temperaturen nicht ins Extreme schlugen und Messapparaturen und Materialien nicht in Verwirrung brachten.
Beetee war wegen ihr hier hergekommen. Sie liebte den Winter.

Nach der Vorführung des ersten Propos, bestehend aus Aufnahmen von Katniss‘ Aufenthalt in Distrikt 8, und dem Vorschlag einer Reihe von Erinnerungspropos über verstorbene Sieger zu drehen, hatte es nicht lange gedauert, bis Fulvia Cardews Idee umgesetzt wurde.
Schon am nächsten Tag war das erste Interview für die >In Memoriam<-Reihe abgedreht. Dalton Gilbert, ein Flüchtling aus Distrikt 10, berichtete darin von einem Sieger aus seinem ehemaligen Heimatdistrikt. Danach kam Finnick, der von Mags erzählte, ein Flüchtling aus Distrikt 8, der an Cecilia erinnerte und Fulvia selbst, die von Cashmere und Gloss schwärmte. Haymitch hatte sich geweigert, etwas über seinen Mentor zu erzählen. Es gebe niemanden, der überzeugt werden müsse und da Distrikt 12 in Trümmern lag, wagte niemand ihm zu widersprechen. Auch Katniss hatte es abgelehnt, über Rue zu reden, und nun sollte er, Beetee Latier, etwas über Wiress Blair beitragen. Schon als er sich gestern Bedenkzeit erbeten hatte, hatte Fulvia sie ihm nur zähneknirschend eingeräumt. Die Sache lief nicht so rund, wie sie sich es vorgestellt hatte.
Beetee hatte nichts gegen diese Propos. Er stimmte der überwiegenden Meinung zu, dass diese Propos eine gute Idee waren, jeden Distrikt persönlich anzusprechen und gleichzeitig die verstorbenen Sieger zu ehren. Ein Tribut an die Tribute, wie Plutarch so schön gesagt hatte.
Aber Beetee war sich unsicher, ob sie es gewollt hätte. Er hatte Sorgen, dass es ihr nicht gerecht wurde, dass er ihr nicht gerecht wurde. Er wusste nicht, was er sagen sollte, was er erzählen sollte und wie er die Menschen berühren konnte. Technische Basteleien und Finessen waren viel einfacher, als Emotionen zu erzeugen.

Darum war er hier. Er hatte das Bedürfnis verspürt ihr nahe zu sein. Oder besser gesagt, einer Erinnerung an sie. Vielleicht, weil er hoffte, es würde ihm die Entscheidung leichter machen. Weil er dachte, er würde ihre Gegenwart spüren können und sich dadurch in seiner Entscheidung leiten lassen, dass sie ihm leichter vom Herzen ging.
Allerdings war dem nicht so. Die triste Farbmischung aus grauem Beton und weißem Schnee berührte sein Herz kein bisschen. Keine Bilder von schneeverhangenen Wäldern und in der Sonne glitzernden Eiszapfen bauten sich vor seinem inneren Auge auf. Beetee war noch immer dort, wo er war: In der Schneekammer von Distrikt 13.
Dabei konnte er noch nicht einmal sagen, warum es ausgerechnet diese Erinnerung war, die ihm im ersten Moment eingefallen war. Sie lag so lange zurück und handelte von einer ganz anderen Wiress, als der, mit der er die letzten Jahrzehnte verbracht hatte. Keiner fröhlichen und lustigen Wiress, die über einen Witz grinste oder die ihm schadenfreudig dabei zusah, wie er sich auf die Suche nach seinem Lötkolben begab – solche Erinnerungen waren spärlich gesät.
Und es war auch keine Wiress, die er spät abends im Salon, ihres Appartements im Trainingscenter, fand, wo sie mit betrübtem Blick und Tränen in den Augen, auf die Straßen hinunterblickte und den Menschen beim Feiern des Siegers zuschaute.
Nein, es war die Erinnerung an eine nachdenkliche Wiress. Durchaus unbeschwert und abgelenkt von den Schrecken der Hungerspiele, aber trotzdem eine gedankenversunkene und außerordentlich klare Beobachterin, die nie vergaß, was immer im Hintergrund lauerte.

Beetee beschloss, dass seine Brille genug poliert war. Er setzte sie auf und starrte nochmals in die Halle hinein: Der Schnee, der sich in sachten Hügeln anhäufte, zum einen Ende der Halle anstieg und zum anderen flach, bis vor seine Füße hin, auslief. Die Atemluft, die in der Kälte in nebligen Schwaden, kräuselnd aus seinem Mund entwich, wie man es an klaren Wintertagen auch in Distrikt 3 beobachten konnte. Und plötzlich hegte er das Bedürfnis den Schnee zu spüren. Erst die Kälte auf seiner Haut und dann das langsame Zerfließen des labilen Konstrukts zu Wasser, unter der Wärme seines Körpers.
Also brachte er den Rollstuhl in eine leicht schräge Position, beugte sich hinunter und griff nach dem Schnee. Dabei hegte er keinen Groll, dass seine Beine noch zu schwach waren um sein Körpergewicht zu tragen und er bis zur Auskurierung der Verletzungen auf den Rollstuhl angewiesen war. Es reichte Beetee, diesen kleinen Haufen in seiner Handfläche zu spüren, ihn gegen das Licht zu halten und die glitzernden Reflektionen zu beobachten.

Der Winter ließ sich Zeit, bis er dieses Jahr nach Distrikt 3 kam. Mehrere hundert Kilometer westlich vom Kapitol gelegen und mit der Gebirgskette an der östlichen Distriktgrenze zu Distrikt 12 hin, waren die Winter in Distrikt 3 von wechselhafter Natur. Es wurde nicht so kalt wie in Distrikt 12, aber anders als in Distrikt 9, dem westlichen Nachbarn, ging in Distrikt 3 der Winter meist mit Schneefall einher. Außer im letzten Jahr. Die Kälte kam, die Temperaturen fielen unter den Nullpunkt, aber der Schnee blieb aus. Auch dieses Jahr rechnete niemand mit einem schneereichen Winter, da es bereits Anfang des neuen Jahres war, ohne, dass in den vergangen Monaten eine einzige Flocke vom Himmel gefallen war.
Auch ansonsten war das vergangene Jahr anders gewesen, als die vorhergehenden. Zum sechsten Mal war er bei den Hungerspielen Mentor der Tribute aus Distrikt 3 gewesen und zum ersten Mal hatte er einen seiner Tribute durchgebracht. Die Chancen standen zu Beginn nicht gut, die Trainingspunkte waren niedrig und die Wettquoten nicht besser. Keiner vertraute darauf, dass Verstand und Intelligenz Kraft und Können schlagen konnten. Obwohl es Beetee selbst in seinen Spielen bewiesen hatte.
Trotzdem kam am Ende der Sieger der 41. Hungerspiele aus Distrikt 3. Beetee war noch nie so stolz gewesen. Nicht einmal seine Stromfalle aus der Arena konnte mit diesem Moment mithalten, als er seine Tributin lebend zurückbekommen und das erste Mal wieder in die Arme geschlossen hatte.

Und jetzt war sie hier bei ihm. Wie Beetee hatte sie ein Haus im Dorf der Sieger erhalten und war dort eingezogen. Außer zum Schlafen hielt sie sich aber kaum dort auf. In einer Art beidseitigem stillem Einverständnis hatte keiner von ihnen darum gebeten, geschweige denn lautstark Widerspruch eingelegt. Stunde um Stunde, Tag um Tag, verbrachten sie gemeinsam in seiner Werkstatt. Schraubend, grübelnd, experimentierend. Nachdenklich, begeistert, erwartungsfroh, enttäuscht, konzentriert, freudig. Die Anzahl der herumfahrenden Skizzenblätter, Konstruktionszeichnungen und notierten Testwerte hatte sich in kürzester Zeit verdoppelt. Genauso die Apparaturen, Aufbauten und Testvorrichtungen.
Hatte der Eine eine Idee, erläuterte er sie dem Anderen und bekam Rückmeldung. Hatte der Eine ein Problem, suchte er bei dem Anderen Rat und sie tauschten Verbesserungsvorschläge aus. Benötigte der Eine Hilfe bei seinem Projekt, half der Andere und ließ solange seine eigene Arbeit ruhen.
Binnen wenigen Monaten waren sie ein eingespieltes Team geworden.

So werkelten sie auch an diesem Tag in seiner Werkstatt, als der Schnee dann doch noch nach Distrikt 3 kam. Beetee untersuchte gerade seinen neuesten Prototyp, einen hochsensiblen Bildsensor, der nicht nur im sichtbaren Strahlenbereich, sondern auch im Bereich der Röntgenstrahlung Bilder aufnehmen sollte, ein letztes Mal unter der Lupe, nach unentdeckten Rissen oder verhunzten Lötstellen, als ihn ein freudiger Aufschrei aus der Konzentration riss.
„Es schneit!“
Er hörte wie Wiress Papier zur Seite schob und von ihrem Stuhl aufsprang. Als er sich nach ihr umwandte saß sie schon mit angezogenen Knien auf dem Schreibtisch und sah zum Fenster hinaus. Tatsächlich rieselten dahinter kleine, feine, weiße Flocken herab.
„Meinst du er bleibt liegen?“
Sie wandte sich an ihn und auf ihren herzerweichenden Blick hin, löste sich Beetee widerspruchslos von seinem Sensor, legte ihn vorsichtig auf die Arbeitsfläche und trat neben sie. Noch war der braune Boden zu sehen.
„Wenn es weiterschneit und gegen Abend kälter wird, vielleicht.“
„Ich würde mich so freuen, wenn er liegen bleiben würde.“ Wiress legt den Kopf auf ihren Knien auf und schaute verträumt nach draußen. Noch kurze Zeit blieb Beetee bei ihr stehen, ehe er zurückging und die unterbrochene Arbeit wieder aufnahm. Bald darauf machte sich auch Wiress wieder an die Skizze ihres Rotorblattes, aber als es dunkel wurde und er das große Licht in der Werkstatt anknipste, merkte Beetee, wie sie immer wieder Pausen einlegte und das Treiben vor dem Fenster beobachtete. Es war weit nach dem gemeinsamen Abendessen, dass sie sich von ihm, bis zum morgigen Tag, verabschiedete und den kurzen Weg nach Hause antrat. In den seit dem Mittag vergangenen Stunden, hatte der Schneefall angehalten. Eine dünne Schneeschicht bedeckte daher den Weg bis zum Nachbarhaus.
Wenn es die Nacht über weiter schneite, konnte sich Wiress morgen über eine dicke Schneedecke freuen, dachte sich Beetee, als er vom Hauseingang beobachtete wie ihre kleine Gestalt hinaus in die Nacht verschwand.

Es schneite die Nacht hindurch und auch über die folgenden Tage hinweg. Beetee kam es so vor, als wolle der Winter das nachholen, was er im letzten Jahr vergessen hatte. Dabei hätte er kein Problem damit gehabt, wenn dem nicht so wäre. Immerhin war er noch nie von kräftiger Statur gewesen, weshalb die mit dem Schneeschippen verbundene Kraftanstrengung in Beetee jedes Mal Verwünschungen auf das feste Wasser hervorrief.
Nach zwei Tagen kam ihm die Idee, dass Wiress bei ihm schlafen konnte. Das Haus hatte genügend Zimmer und war vom Kapitol großzügig ausgestattet worden. Ein zweites Bett und ein zweiter Schrank waren vorhanden. Sie könnte früh morgens und spät abends in der Werkstatt tüfteln und er ersparte es sich, den Weg zwischen ihren zwei Häusern, freizuschaufeln. Wiress hatte nichts dagegen.
Während er sich ins Bett verabschiedete, saß sie dann immer noch hellwach und konzentriert auf ihrem Stuhl und feilte, im Schein der Schreibtischlampe, an ihrem Miniaturmodell herum. Am nächsten Morgen fand er sie meist schlafend, über die Werkbank gebeugt, vor. Beetee trug sie daraufhin ins Bett, doch bereits wenige Stunden später stand sie schon wieder in der Werkstatttür. Wiress war unersättlich. So oft wie sie Überstunden einlegte, erwischte er sie allerdings auch, beim verträumten und nachdenklichen Blick nach draußen auf die Schneelandschaft.

Eines Mittags, als sie zum Essen in der Küche zusammensaßen, sprang der Fernseher an und eine der vielen Sondersendungen zum Wintereinbruch, flimmerte über den Bildschirm. Wieder einmal war die Rede davon, dass das Kapitol die Lage unter Kontrolle habe und die Bürger sich keine Sorgen machen müssen. Dass das gelogen war, wussten zumindest die Bewohner in Distrikt 3. Unter der Schneelast waren schon einige Strommasten zusammengebrochen und hatten zu längeren Stromausfällen geführt. In einem Großteil der Fabriken war deshalb vorübergehend die Arbeit stillgelegt worden, da die Stromversorgung nicht sichergestellt werden konnte.
„Wie wäre es, wenn wir den Kamin anmachen?“ Wiress zupfte ein Stückchen von ihrem Brot ab und tunkte es in die Suppe.
„Den Kamin?“ Das Wohnzimmer besaß einen Kamin. Er war gemauert und unbenutzt. Seit Beetee hier eingezogen war lief nur die Elektroheizung, deren Regler wegen den Temperaturen zurzeit auf der höchster Stufe stand.
„Ja, wegen dem Strom. Wenn wir stattdessen mit Holz heizen würden, …“
„… bräuchten wir weniger Strom.“ Beetee vollendete Wiress offengelassenen Satz und trommelte mit seinen Fingern auf dem Tisch. Die Idee war nicht schlecht. Mit genügend Feuerholz ließe sich wenigstens der Wohnbereich heizen – in seiner Werkstatt wollte Beetee nicht auf die Heizung verzichten. Gleichzeitig sparten sie Strom, der anderswo besser gebraucht wurde. Nur, der Haken an der Idee war, dass sie mit körperlicher Arbeit verbunden war.
Wiress schien seine Gedanken zu erraten, denn sie ergänzte: „Hast du schon mal in den Schuppen geschaut?“
Nein, das hatte Beetee noch nicht. Als Wiress seine peinlich berührte Miene sah, kicherte sie. „Du wohnst hier seit sechs Jahren und hast noch nicht dein Haus angeschaut?“
Nein, Beetee hatte seine Zeit lieber in seine Werkstatt gesteckt. Aber dieses Versäumnis ließ sich zum Glück ja schnell beheben.

Nach dem Essen zogen sie warme Kleidung an und traten aus dem Haus. Der Schneefall hatte aufgehört und die Sonne strahlte von dem blauen Himmel. Wiress sprang die Treppen hinunter noch ehe Beetee sie vor der Glätte warnen konnte und war flugs hinter dem Haus verschwunden. Er schüttelte seufzend den Kopf, griff nach der Schippe und befreite, sich Stufe für Stufe hinuntertastend, wenigstens die Treppe von dem Schnee. In Anbetracht der einen halben Meter hohen Schneedecke, lehnte er die Schippe dann aber an das Geländer und stapfte, Wiress kleinen Fußspuren folgend, den Weg hinter in den Garten. Der Schnee war pulvrig und bröselte locker leicht in die, von seinen Schuhen, hinterlassenen Löcher.
Der Schuppen war ein kleiner gemauerter Anbau auf der Rückseite des Hauses, direkt neben der Terrasse. Anders als erwartet, fand er Wiress nicht darin, sondern davor und das, kniend im Schnee. Schnell begriff er, dass die Holztür nach außen zu öffnen war und vom Schnee blockiert wurde. Kurz ärgerte er sich, dass er die Schippe vorne gelassen hatte, mit ihr ging die Arbeit bestimmt schneller, schloss sich aber Wiress an und schaufelte mit den Händen den Schnee so gut es ging zur Seite. Für ihre Konstitution hatte Wiress schon erstaunlich viel Vorarbeit geleistet, dass es nicht lange dauerte, bis sie die Tür eine Handbreit aufziehen konnten. Beetee schob sich in den Türspalt und drückte von innen, mit Unterstützung der Tür, dagegen, sodass sich der Eingang vergrößerte und man problemlos eintreten konnte. Jetzt fiel auch genügend Licht hinein, um in dem Raum etwas zu sehen.
Linkerhand war tatsächlich ein Holzstapel aufgetürmt. Daneben stand ein Hackklotz und an der rechten Wand fand sich zwischen Rechen, Säge und Spaten, die passende Axt.  
„Das Holz muss noch …“
„… gehackt werden – ja, ich weiß.“ Beetee fuhr sich mit seiner Hand über das Gesicht. So leicht wie er sich das mit dem Kamin vorgestellt hatte, wurde es also doch nicht.
„Willst du draußen oder drinnen?“
„Drinnen.“
Es forderte Beetee schon genügend Kraft ab, den Klotz weiter in die Mitte zu wuchten, damit er Platz zum Ausholen hatte. Wiress reichte ihm ein Holzscheit nach dem anderen und nachdem er die ersten Hiebe verpatzt hatte – entweder schlug er zu schwach oder daneben –, stellte sich ab dem zehnten Holz ein Rhythmus ein. Er brauchte zwar immer noch zwei bis drei Schläge, um das Holz zu zerteilen, aber wenigstens war jeder Hieb ein Treffer. Während er sich in die ungewohnten Bewegungen einarbeitete, war Wiress ins Haus geeilt, hatte den Kaminkorb geholt und sammelte in ihm die zerteilten Scheite. Sobald der Korb zur Hälfte gefüllt war, lief sie ins Haus, lud ihre Ladung dort ab und füllte ihn erneut. Nachdem sie das fünf Mal gemacht hatte, hörte Beetee auf. Ihm schmerzten die Oberarme. Er war sich nicht sicher, ob er heute an seinem Bildsensor weiterarbeiten konnte, so schwach und zittrig fühlten sich seine Hände an.
Das Ergebnis, dass der Holzstapel um zwei Reihen erniedrigt war, konnte sich seiner Meinung nach durchaus sehen lassen. Beim nächsten Treffen konnte er ja Blight, den Gewinner der vorletzten Hungerspiele, nach ein paar Tipps zum Holzhacken befragen. Wenn sich jemand mit Holz auskannte, dann wohl die Bewohner aus Distrikt 7. Andererseits, und das fiel Beetee glücklicherweise noch rechtzeitig ein, musste man bemerken, dass es im Bereich des Möglichen lag, dass der ihm nicht glaubte oder ihn, ob seiner mageren Ausbeute, auslachte. Vielleicht war es dann doch klüger, darüber Stillschweigen zu bewahren.

Leicht ernüchtert von seiner Ausbeute, verließ Beetee den Schuppen und verschloss die Tür. Von Wiress war nichts zu sehen, weshalb er ihren unzähligen Fußabdrücken im Schnee, zur Hausvorderseite folgte. Im Wohnzimmer fand er die Holzscheite in einer ordentlichen Reihe, an der Wand entlang aufgestapelt. Von Wiress aber keine Spur.
„Wiress! Wiress?“
Er lief in die Werkstatt, schaute in die Küche und rief in den Keller hinab, aber keine Antwort und keine Anzeichen von ihr. Als er  im Flur stand, in den ersten Stock hinauf gerufen hatte und vergeblich auf einen Antwort wartete, bemerkte er ihre Hausschuhe, die fein säuberlich neben seinen standen. Sie musste also noch draußen sein.
Verärgert trat er auf die Türschwelle und blickte auf die Straße. Alle Häuser sahen so verlassen aus wie immer. Nirgends schimmerte ein Licht hinter den Vorhängen oder trat Rauch aus dem Schornstein. Auch der schmale Weg zu ihrem Haus, den er vor fünf Tagen noch freigeschippt hatte, lag, wie die gesamte Straße, unter einer geschlossenen Schneedecke.
Moment. Dort in der Mitte der Straße, war der Schnee aufgewühlt, als habe sich vor kurzem eine kleine Person hindurchgekämpft.
Beetee verfolgte mit seinen Augen die Fußspuren zurück zu seinem Haus. Aus dem, vor dem Treppenabsatz, plattgetretenen Schnee und den vielen Spuren nach rechts, hinters Haus, löste sich eine einzelne Spur, die geradewegs auf die Straße und von dort, aus dem Dorf hinaus führte.
Unmögliches Kind. Grummelnd schnappte sich Beetee den Schlüssel vom Haken und zog die Haustüre zu, damit die Wärme nicht entwich, bevor er Wiress‘ Verfolgung aufnahm.

Den Winter verbrachte er am liebsten im Haus, am besten vor einem Werkstück sitzend und das wechselnde Wetter durch das Fenster betrachtend. Dasselbe galt für den Frühling, den Sommer und den Herbst. Nie hatte Beetee sich sonderlich dafür interessiert, wann die ersten Frühblüher aus dem Boden sprossen, ob die Blumen in der Sonne genügend Wasser bekamen oder welche Nüsse und Beeren man an den Bäumen und Sträuchern ernten konnte. Seine Welt, war seine Werkstatt. Die Welt dort draußen überließ er gerne denjenigen, die sich darin auskannten und sie zu schätzen wussten.  
Deshalb war es wenig verwunderlich, dass er verstimmt und mit übel gelaunten Gedanken Wiress‘ Spuren folgte. Sie verliefen geradewegs aus dem Dorf der Sieger hinaus. Beetee hoffte, dass sie nicht den Weg ins Dorf eigeschlagen hatte, das einen guten Kilometer entfernt lag. Als Beetee durch die Mauer trat, die das Dorf der Sieger umschloss, änderten ihre Spuren jedoch mit einem Mal die Richtung. Mit seinem Blick folgte er ihnen nach links und sah dort eine kleine Gestalt an die Mauer gelehnt stehen.

„Wiress!“ Die Erleichterung überfiel Beetee, schlug aber schnell in Vorwürfe und Besorgnis um. „Was machst du hier? Ich hab‘ dich gesucht und du warst verschwunden.“
Mit tief in die Stirn gezogener Mütze und dick um den Hals gewickeltem Schal war nur wenig von ihrem Gesicht zu erkennen. Sie murmelte eine Antwort, aber Beetee verstand sie nicht. Ergeben trat er zu ihr und lehnte sich neben sie an die Wand.
„Ich wollte den Schnee sehen.“
„Den Schnee?“ Beetee verstand nicht. Den Schnee hatte sie doch auch im Garten; in seinem, in ihrem, auf der kompletten Straße. Warum musste sie dann unbedingt aus dem Dorf hinaus?
„Ja.“
„Aber der liegt doch auch im Garten.“
„Nein, du verstehst nicht.“ Als habe er etwas völlig Falsches erzählt, schüttelte sie vehement den Kopf und nickte dann, so gut Beetee es unter der Winterbekleidung ausmachen konnte, auf die Schneefläche vor ihnen. „Den Schnee.“
„Und was ist jetzt da der Unterschied?“
„Siehst du es denn nicht?“  
Nein, Beetee sah es nicht. Er war von dem Ärger über ihr Verschwinden und der verausgabenden Arbeit viel zu abgekämpft, als dass er einen klaren Gedanken darauf verwenden konnte, was es dort zu sehen gab, außer einer einen Kilometer langen unberührten Schneedecke. Deshalb schüttelte diesmal er den Kopf. „Nein, ich sehe es nicht. Was meinst du?“
„Na, den Schnee.“ Nach einer kurzen Pause fuhr Wiress fort. „Wie er daliegt. Ganz allein und unberührt. Nichts, das ihn stört oder ihm im Weg ist. Er hat sich einfach über alles darüber gelegt. Wie ein Leintuch, das man über das Bett legt und dann nicht sieht, was darunter ist und das völlig glatt ist, bis man sich das erste Mal hineinlegt und am Morgen danach die ersten Falten darin findet.“
Völlig überrascht von dem kindlichen Vergleich und der Natürlichkeit, mit der sie das erzählte, lauschte Beetee ihren Worten. Nie wäre auf den Gedanken gekommen, Schnee mit Betten zu vergleichen. Aber sie hatte Recht. Nicht nur, dass die Farbe übereinstimmte, jetzt, da er von ihr darauf aufmerksam gemacht worden war, vermochte er in den sanften Erderhebungen, die sich unter dem Schnee abzeichneten, Decken und in den, unter dem Schnee verborgenen Steine, Kissen zu erkennen. Das Überraschende war, dass er diesen Vergleich gar nicht so naiv fand, wie zuerst gedacht. Auch in ihrer Stimme schwang nichts Unsicheres und Naives mit. Im Gegenteil, Wiress klang sicher und bestimmt.
„Siehst du dort?“ Wiress deutete nach links. Zuerst hatte er es für einen kleinen Graben gehalten, aber auf ihren Hinweis betrachtete Beetee die Mulde, die sich parallel zur Mauer zog, genauer.
„Die Spur eines Rehs. Und hier“, Wiress zeigte neben sich, „ein Vogel.“
Die zarten Abdrücke, der vier Zehen des Vogelfußes, waren in dem Gekreisel und Gewusel, das das Tier an dieser Stelle veranstaltet hatte, auf den ersten Blick nicht sofort zu erkennen. Aber je länger Beetee auf die Stelle starrte, desto besser erkannte er den Laufweg und desto lebhafter und klarer traten die Bilder des Vogels vor sein Auge, der, vergeblich nach Würmern pickend, im Kreis herumgehüpft war.
Beetee glaubte zu verstehen. „Was die Falten im Leintuch sind, sind die Spuren im Schnee.“
Wiress nickte.
„Und je länger man schaut, …“
„… desto mehr sieht man.“

Beetee sah ihre geröteten Wangen und das, unter ihrem Schal verdeckte, strahlende Lächeln. Beeindruckt von der Reichweite ihrer Gedanken und berührt von ihrer Faszination für so etwas Simples wie Schnee, gab Beetee seine Vorhaltungen auf.
Schweigend standen sie nebeneinander und sahen in die stille Weite des Wintertages hinaus. Tatsächlich huschte ihm der Gedanke durch den Kopf, was für Tiere dort draußen wohl noch alle ihre Spuren hinterlassen hatten. Was taten überhaupt Maulwürfe im Winter? Und wohin verzogen sich die netten kleinen Spottdrosseln?
Lange hielten diese Gedanken aber nicht an – Beetee war eben noch nie ein Naturfreund gewesen. Andere Gedanken beschäftigten ihn in diesem Moment viel mehr. Sie drehten sich zwar auch um Wiress, aber in einem anderen Zusammenhang. Die letzten Monate war er nie dazugekommen. Die Feierlichkeiten nach den Spielen, die gemeinsamen Basteleien und Projekte, die Tour der Sieger – sie hatten ihn so auf Trab gehalten, dass Beetee immer irgendetwas gehabt hatte, worüber er nachgrübeln konnte. Zum ersten Mal, drehten sich darum seine Gedanken um Wiress und ihn.
Den Schrecken, den er gespürt hatte, als er ihr Fehlen bemerkte, saß ihm noch immer in den Gliedern. Genauso stark wie diese Sorgen, spürte er aber auch das Gefühl von Verbundenheit, das ihn ergriffen hatte, als er ihre Schilderungen begriff. Dieser Zwiespalt stellte ihn jetzt vor die Frage: Was waren sie überhaupt? Was war er für Wiress beziehungsweise sie für ihn?

Er war ihr Mentor, hatte sich um sie zu kümmern, sie zu beraten und vorzubereiten. Das war noch das Einfachste von allem. Aber bereits damit fingen die Probleme an. Beschränkte sich das Mentorendasein nur auf die Hungerspiele oder auch auf die Zeit danach?
Dann ihre gemeinsame Bastelei, durch die sie zu Partnern geworden waren. Gleichgestellten Partnern, obwohl sie sieben Jahre jünger war.
Wiress ging bei ihm ein und aus. Sie war quasi bei ihm eingezogen und mit einem Mal war er für ihr Essen, ihren Schlaf, ihre Entwicklung verantwortlich. Nie hatte Beetee um diese Vaterrolle geben, er fühlte sich auch überhaupt nicht bereit dafür – wie denn auch, mit 22 Jahren – und trotzdem hatte er sie übernommen.
Wenn er dann aber diesen Moment bedachte, wie sie ihm ausgebüxt war und er ihr bereitwillig vergeben hatte, ähnelte ihr Verhältnis mehr dem zwischen Bruder und Schwester.
Mentor, Partner, Vater, Bruder – was war er denn nun? Konnte er es wagen sie indirekt darauf anzusprechen? Nein, sie würde den wahren Grund erraten.

„Weißt du, das hier sieht alles so unberührt aus.“
Die Sonne war gewandert und stand tiefer. Ihre goldenen Strahlen fielen flacher über Distrikt 3 und warfen längere und dunklere Schatten der entfernten Häuser und Fabriken und des kleinen Wäldchens. Gleichzeitig glitzerte in ihrem Licht die oberste Schicht des Schnees. Es sah aus wie ein Meer kleiner Diamanten.
„So, als gäbe es niemanden, der das hier zerstören kann.“
Außer ihnen beiden war niemand unterwegs. Auch die Tiere blieben in ihren Verstecken. Es hatte tatsächlich den Anschein, als wären sie allein auf der Welt.
„Als wäre es eine Welt ohne Streit und ohne Kämpfe. Niemand, der sich einmischt und die heile Welt zerstört. Niemand, der uns zwingen kann, das hier kaputt zu machen.“
Beetee schwieg. Er war betroffen von ihren Worten. Sie zeigten ihm, was er wusste: Dass es schwer war, sich von dem Erlebten zu befreien. Wiress hatte auf ihn einen so gelösten und glücklichen Eindruck gemacht, wie sie auf das Schneefeld geblickt hatte. Daher betrübte es ihn, dass sie nicht von dem Schrecken loskam. Vermutlich war es zu viel verlangt.
Die Spiele lagen erst ein halbes Jahr zurück. Die Eindrücke und Erinnerungen waren noch zu neu und unverdaut, es dauerte bis sie sich setzten. Aber selbst dann verschwanden sie nicht. Man konnte sie in einen noch so weit entfernten Teil des Herzens einschließen und sie würden dennoch herausbrechen. So, wie sie ein Teil von ihm blieben, würden sie für immer einen Teil von ihr ausmachen.
„Nur wenn er dann wegtaut, kommt die schmutzige, braune Erde zum Vorschein.“
„Die Erde, die dir dann sagt, dass es diese heile Welt nicht gibt.“ Beetee sah, wie Wiress bei seinen Worten nickte.
Es tat ihm weh und es tat ihm leid, dass dieses Mädchen ausgewählt wurde, diese Last zu tragen. Was hätte sie für ein fröhlicherer und glücklicherer Mensch sein können, wenn die Spiele nicht gewesen wären.
Wiress war so vollkommen anders, als alle Menschen die er sonst kannte. Klein und schwächlich, aber trotzdem nicht von schwachem Charakter. Sensibel, ja, aber nie weinerlich oder wehleidig. Sie war clever und gewitzt und kam auf die unmöglichsten Ideen. Ein Tüftlerhirn durch und durch. Und gleichzeitig hatte sie diese nachdenkliche Seite, diesen Tiefgang, den nicht einmal Beetee selbst zu seinen Eigenschaften zählen konnte.
Er war ihr Geschenk und ihr Unglück zugleich. Er ermöglichte es ihr, die Welt in ihren wunderbarsten Farben und Eigenheiten zu sehen. Kleine Eigenheiten, wie die Spur eines Vogels oder die Reinheit des Schnees, zu erkennen und deren wahren Wert zu schätzen. Leider schloss das aber auch, die unschönen Seiten des Lebens mit ein. Sie war für das Elend und die Betrübnis dieses Lebens noch empfänglicher, spürte das Leid, die Sehnsucht und die schmerzhafte Akzeptanz der Ausweglosigkeit intensiver.

„Aber weißt du, ich mag den Schnee trotzdem.“
Von der Leichtigkeit in ihrer Stimme aufgeschreckt, horchte Beetee auf.
„Wenn er weg ist, sieht es zwar wieder trist aus, aber solange er da ist, gefällt er mir. Er glitzert so schön. Und ich habe noch nie etwas gesehen, das weißer ist als er. Du etwa?“
„Nein, ich auch nicht.“ Verstohlen lächelte Beetee.
„Außerdem ist er irgendwie … wie ein Freund.“ Wiress merkte, dass er ihr wieder einmal nicht folgen konnte. „Weißt du, wenn ich durch den Schnee laufe“, sie deutete auf die unberührte Schneefläche zwischen dem Dorf der Sieger und den Fabriken, „wo noch niemand vor mir gelaufen ist, dann fühle ich mich irgendwie … besonders. Einzigartig. Er gibt mir das Gefühl, dass er gerade auf mich gewartet hat, damit ich die Erste bin, die in ihm ihre Spuren hinterlässt. So, wie wenn ich deine Werkzeuge ausgeräumt habe und du trotzdem nicht mit mir schimpfst.“
Leicht verschreckt von ihrem letzten Vergleich, duckte Wiress sich in ihren Schal hinein und starrte ihn mit erwartungsvollen Augen an. Aber Beetee war ihr nicht böse. Warum auch. Ohne es zu wissen, hatte sie ihm nämlich seine Frage beantwortet.

Freunde. Sie waren Freunde.


Der Schnee in Beetees Hand war schon längst geschmolzen, als er sich an diesen Moment vor 34 Jahren zurückerinnerte.
Er hatte ihr geantwortet, dass er verstand, was sie meinte, und ob sie es nicht einmal ausprobieren wollten. Erst zögerlich, dann immer ausgelassener waren sie durch den Schnee gestapft, hatten Spuren gezogen, Schneebälle geformt und mit Steinen und Ästen einem Schneemann Augen, Mund und Arme verpasst. Sie hatten sich so verausgabt, dass sie beide am Abend, vor dem prasselnden Kaminfeuer, eingeschlafen waren. Es war ein schöner Tag gewesen, wohl einer der schönsten die es überhaupt in Beetees Leben gegeben hatte.
Vielleicht war es deshalb doch nicht so ganz verwunderlich, dass er das Bedürfnis verspürt hatte, die Schneekammer aufzusuchen.

Spuren im Schnee. Das Gefühl von Besonderheit.

Sollte Beetee ihr wirklich diesen Tribut verwehren? Ihr, die so lange nach Anerkennung  gestrebt hatte? War es nicht die Aufgabe von Freundschaft, immer für den Anderen da zu sein? Ihn zu unterstützen, ihm zu helfen, ihm zu raten und auch abzuraten, wenn er die falsche Richtung einschlug.
Konnte Beetee es da zulassen, dass Wiress abermals ein Opfer des Kapitols wurde? Die letzte Erinnerung die die Menschen an sie hatten, war ihr Tod in der Arena. Sollte sie den Bewohnern Panems so in Erinnerung bleiben? Sollte nicht vielmehr er, Beetee, ihr Freund, dafür sorgen, dass ein besonderer Mensch wie sie, nicht vergessen wurde?
Und was war mit Wiress selbst? Mehr als manch anderer Sieger, hatte sie unter den Spielen gelitten. Wenn sie wissen würde, dass die Rebellion nun endlich Fahrt aufnahm, dass sich schon die ersten Distrikte vom Kapitol losgesagt hatten – auch Distrikt 3 –, würde sie dann nicht helfen wollen?  

Doch, sie würde helfen wollen. Und da sie es nun einmal nicht mehr konnte, war es an ihm, ihren Traum zu verwirklichen. Damit es am Ende niemanden mehr gab, der unberührte Schneelandschaften zerstören konnte.


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„Was tun wir nochmal hier?“ Castor rieb sich fröstelnd über seine Arme und warf einen missbilligenden Blick in die Halle.
„Wir drehen einen Propo für Plutarch“, erinnerte ihn Messalla. Auch wenn der sein Unbehagen nicht verlautbaren ließ, wusste Cressida, dass er Castors Begeisterung über ihren neuesten Drehplatz teilte. Weil er, als sie es ihm mitgeteilt hatte, ein genauso gequältes Grinsen hervorgebracht hatte, wie man es jetzt auf Castors Gesicht sehen konnte.
„Danke für deine überaus informative Antwort“, erwiderte Castor ironisch.
„Castor, du stellst dich dort rechts hin. Pollux, geh‘ ein bisschen weiter nach hinten, sodass man noch etwas vom Boden sieht.“ Ehe ihre Jungs in dummes Geschwätz ausbrechen konnten, lenkte Cressida das Gespräch auf die Arbeit. Eigentlich waren die drei umgänglich. Reibereien und Gereiztheiten unter ihnen grenzten an Seltenheit. Dafür arbeiteten sie schon zu lange zusammen und kannten sich zu gut. Aber normalerweise drehten sie auch nicht in einer Schneekammer.
Anfangs war auch Cressida nicht begeistert gewesen, als ihr Fulvia verkündet hatte, dass sie für den nächsten Propo einen speziellen Drehort hätten. Erst als sie erfuhr, dass es auf Beetees Wunsch hin geschah, stellte sie ihren Protest ein. Sie hatte Respekt vor dem ehemaligen Sieger. Vor allem die Menschen im Kapitol hatten von seinen Erfindungen profitiert. Und zu diesen Menschen hatte auch sie einmal gezählt: Seine entwickelten Bildlinsen waren in ihren Kameras verbaut.
Doch nicht nur Respekt brachte Cressida zum Stillschweigen, sondern auch ihr eigener Ehrgeiz. Im Schnee hatte sie noch nie gedreht und sie liebte die Herausforderung.
Warum sonst, wäre sie genau hier?

„Messalla, wie sieht es vom Licht her aus?“
„Leicht überbelichtet.“
„Zeig her.“ Cressida ging zu ihrem Regieassistenten und sah auf seinen Bildschirm. Der weiße Schnee schimmerte hell. „Gut, dann dreht den linken Scheinwerfer weiter zu uns her. Der rechte bleibt so stehen.“
Stimmengewirr drang in die Halle und eine Metalltür fiel in die Angeln. Währenddessen beobachtete Cressida am Bildschirm, wie Messalla ihre Anweisungen ausführte und dadurch die Aufnahme veränderte. Die Überbelichtung verschwand.
„Perfekt.“
„Und, klappt alles?“ Plutarch war neben sie getreten und blickte auf die Szenerie vor ihnen.
„Ja. Nachher wird noch ein Teil der Schneemaschinen eingeschaltet und keiner wird einen Unterschied zwischen außen und innen bemerken.“
„Gut, sehr gut. Wie sieht es mit dem Propo aus. Schon Ideen?“
„Der Propo beginnt mit einer Nahaufnahme des Schneefalls. Dann abblenden, aufblenden und man ist in der Arena. Aus dem Hintergrund ertönt Tempelsmiths Stimme, wie er die Siegerin verkündet. Im Bild Wiress, wie sie neben der erschlagenen Konkurrentin steht. Dann wird es schwarz und der Slogan und die Melodie werden eingespielt. Danach wieder Aufblenden, das Schwarz weicht zur Seite und man sieht wieder die Schneeflocken.“ Cressida deutete mit den Händen das geschilderte Aufzoomen an. „Im Hintergrund spricht Finnick das Intro, immer wieder werden Sequenzen aus der Arena eingeblendet. Wenn er fertig ist, nähert sich die Kamera der unscharfen Gestalt im Hintergrund des Schneefalls und Beetee beginnt mit seiner Erzählung. Am Ende wird wieder abgeblendet. Es erscheint ihr Name – Wiress Blair, Distrikt 3, Siegerin der 41. Hungerspiele – und das Spottöpelemblem brennt sich in den Hintergrund hinein. Ende.“
Plutarch nickte. „Klingt gut.“
Cressida wandte ihren Blick nach links und sah, wie er zufrieden grinste.  
„Plutarch!“ Eine schrille Stimme näherte sich ihnen. „Coin will dich sehen.“ Fulvia Cardew, auf deren Bestreben sie das hier überhaupt erst machten, trat zu ihnen. Ihre silbernen Blumenranken glitzerten auf ihren Wangen.
„Ihr kommt auch ohne mich klar?“ Mit der einen Hand in der Hosentasche und einer abklärenden Bewegung der anderen, war dies eigentlich nur eine rhetorische Frage.
„Ja.“ Cressida hatte eine Vorstellung davon, wie es aussehen sollte und wusste, was sie dafür zu tun hatte.
„Sicher. Ich kümmere mich um alles.“ Fulvia begleitete ihren Chef bis zur Tür und schnappte sich auf dem Rückweg Finnick, der mit Beetee zusammengestanden war. Sollte sie sich nur ruhig mit ihm unterhalten. Finnick würde erst nachher im Studio seine wenigen Zeilen einsprechen. Solange Fulvia mit ihm beschäftigt war, konnte sie schon wenigstens ihnen nicht beim Dreh im Weg stehen. Es schauderte Cressida immer noch, als sie an die Aufzeichnung des letzten >In Memoriam<-Propos dachte. Ständig hatte Fulvia darauf bestanden die Aufnahmen zu sehen und meinte dann immer nochmal und nochmal einen neuen Take drehen zu müssen, da sie sich hier verhaspelt hatte, dort angeblich zu undeutlich sprach und in der nächsten Szene ihren Kopf schief hielt. Cressida hoffte, Beetee würde einfacher sein.
„Okay.“ Ein letzter Blick zu ihren drei Jungs bestätigte ihr, dass soweit alles passte. „Beetee, können wir?“
„Natürlich.“ Er rollte zu der von Messalla angewiesenen Stelle und drehte seinen Rollstuhl so, dass er mittig zwischen den Scheinwerfern stand.
„Du weißt, was du sagen willst und wie es abläuft?“
„Ja.“
„Gut.“ Die Antwort genügte Cressida. Sie war Beetee noch nicht oft begegnet, aber wenn er sich äußerte, dann machte er auf sie immer einen besonnen Eindruck. Ihrem Empfinden nach, meldete er sich auch nur dann zu Wort, wenn er es für notwendig hielt und hundertprozentig hinter seinen Äußerungen stand. Deshalb galt er in den Augen vieler Kapitolbewohner als ein zurückhaltender, langweiliger Sieger. Dabei würde so eine Haltung vielen Menschen nicht schaden.
Cressida wandte sich zum Kontrollpult. „Nigel! Schnee.“ Auf ihren Befehl hin aktivierte Nigel Carter die Schneemaschinen und von der Decke rieselten weiße Flocken. Wie ein Vorhang trennten sie Beetee von den anderen und hüllten zugleich die ganze Halle in eine wahre Winterlandschaft.
Wie abgesprochen, filmte Pollux als erstes die Anfangssequenz. Dazu hielt er die Kamera eine Weile auf den Schneefall fokussiert. Im Hintergrund konnte man bei genauem Hinsehen die undeutliche und verschwommene Kontur Beetees ausmachen. Dann  lief er in Beetees Richtung und der Körper des ehemaligen Siegers schälte sich aus dem Weiß heraus.
„Cut!“
Cressida trat zu Pollux und begutachtete die erste Szene. Es passte. Das Material würde später geschnitten und an den passenden Stellen in den Propo eingefügt werden.
„Okay Beetee, dann kommt jetzt dein Part.“ Nigel hatte die Schneemaschinen im vorderen Bereich wieder ausgeschaltet. Nur im Hintergrund rieselten noch die Flocken. Cressida sah zu Beetee und fragte: „Bereit?“
„Ja.“
„Gut. Sobald die Kameras laufen, kannst du anfangen wann du willst. Lass dir Zeit, fang notfalls nochmal an. Am Ende wird sowieso alles zusammengeschnitten. Die Zuschauer werden keinen Unterschied merken. Castor, Pollux!“ Sie nickte ihren Kameramännern zu und gab das Zeichen zum Start.
Alles war vorbereitet. Die Kulisse arrangiert, die Kameras eingestellt. Jetzt lag es an Beetee.

„Ich möchte Ihnen heute von einem besonderen Menschen erzählen. Einem Menschen, aus unserer Mitte. Wiress Blair.
Das Kapitol riss sie aus unserer Gemeinschaft und zwang sie gegen Gleichaltrige und gegen die Menschlichkeit zu kämpfen. Zwang sie Dinge zu tun, die sie nie gewollt hatte. Und damit hat sie etwas gemein mit uns.“

Er sprach mit ruhiger, klarer Stimme. Mit dem Ton würden sie beim Zusammenschneiden kein Problem haben.

„Warum sage ich das. Nun, um von Wiress zu erzählen und Ihnen zu zeigen, dass wir auf der gleichen Seite stehen.
So wie wir in unserem Leben immer wieder die Bekanntschaft neuer Menschen machen, die uns entweder in positiver oder negativer Erinnerung bleiben, uns weiter begleiten oder bereits nach wenigen Metern wieder verlassen; so wie wir zufällig neue Leute kennenlernen, hatte ich das Glück Wiress‘ Bekanntschaft zu machen.
Bereits bei meiner ersten Begegnung mit ihr stellte ich fest, was für ein überaus schlauer Kopf sie war. Dass sie ihn tatsächlich besaß, konnte man bei ihren Spielen sehen. Und nicht nur dort. Auch danach stellte sie ihr Talent unter Beweis.
Aber sie war nicht nur schlau. Wiress war gütig … und sanft … und empfindsam. Sie sah Dinge, die wir anderen nicht sahen. Ich erinnere mich an einen gemeinsamen Nachmittag im Schnee.
Distrikt 3 wurde von starken Schneefällen überrascht und die Infrastruktur lahmgelegt. Aber sie ließ sich nicht davon beeindrucken und genoss es. Eines Tages machten wir einen Spaziergang.“ Cressida sah, wie Beetees Mundwinkel kurz nach oben zuckten. „Ich verstand nicht, was sie an dem Schnee fand. Bis sie es mir erklärte. Sie verglich den Schnee mit Panem.“

Cressida runzelte die Stirn. Castor und Pollux fuhren in ihrer Arbeit ungerührt fort, aber sie nahm aus den Augenwinkeln wahr, wie Messalla neben ihr, sein Gewicht von einem Bein auf das andere verlagerte. Ein Blick nach links offenbarte ihr, dass auch Fulvia den Zusammenhang zwischen Schnee und Panem nicht begriffen hatte. Finnick dagegen, lehnte mit verschränkten Armen an der Wand und starrte mit zusammengekniffenen Lippen auf Beetee.

„Wenn er fällt, bedeckt er alles. Er vergräbt alles Schmutzige und Dreckige unter seiner weißen Decke. Man sieht nichts mehr davon, bis er wieder schmilzt. Während dieser Zeit, könnte man fast vergessen, dass es dies alles darunter gibt.
Und so ist es auch mit Panem. Wir leben in Schmutz und Dreck. Werden unterdrückt, geknechtet und ausgebeutet. Und wenn man uns jedes Jahr wieder die Möglichkeit gibt, Tesserasteine zu nehmen, um den Hunger zu lindern, man uns jedes Jahr erleichtert zurücklässt, wenn es bei der Ernte das Kind der Nachbarn getroffen hat und man bei einem Sieger aus dem eigenen Distrikt ein Jahr lang genügend Lebensmittel bekommt – mit diesen einfachen Dingen den täglichen Dreck verhüllt –, dann hat der Schnee seinen Zweck erfüllt, sein Ziel erreicht.“ Beetee machte eine Pause und atmete tief ein. „Wiress hat Recht gehabt. Genauso ist es.“

Angespannt lauschte Cressida Beetees Worten.

„Allerdings war es nicht das einzige was sie mir erzählt hat. Sie zeigte mir die Spuren eines Rehs und eines Vogels. So klein und unbedeutend sie auch waren, man konnte sie sehen. Und so ist es mit uns allen.
Wenn wir im Schnee laufen, hinterlassen wir unsere Fußspuren. Wir lassen einen Teil von uns zurück und drücken dem Schnee unseren Stempel auf. Wir machen ihn und uns zu etwas Besonderem.
Wiress war ein besonderer Mensch und ich schätze mich glücklich, mich ihren Freund nennen zu können.“

Wieder lächelte Beetee, bevor er den ernsten Ton von zuvor aufnahm.

„Sie sehnte sich nach Frieden, nach Freiheit. Sie hat dieses Unrecht, das uns wiederfuhr, nie hingenommen. Aber das Kapitol nahm sie uns, so wie es viele weitere unserer Freunde nahm. Und das nur, weil diese sich für ein anderes Panem, ein besseres Panem, einsetzten.
Wir in Distrikt 3 liebten Wiress für ihren Sieg. Für ihre Erfindungen. Sie steht stellvertretend für alle unsere geliebten Freunde, die wir an das Kapitol verloren haben.
Lassen wir nicht zu, dass die Erinnerungen an sie beschmutzt werden. Verwirklichen wir an ihrer statt ihre Ziele und sorgen somit dafür, dass unsere Freunde uns so in Erinnerung bleiben, als das, was sie waren und nicht als das, was uns das Kapitol glauben macht.
Als besondere Menschen.“

Niemand sich regte oder sagte ein Wort.

„Ich bin fertig, danke.“

Beetee schob sich mit seinem Zeigefinger seine Brille zurück auf die Nase, nickte mit dem Kopf und rollte dann weg. Die Anspannung löste sich in dem Geraschel der Bewegungen auf. Fulvia nahm Beetee in Empfang und ergoss sich in positiven Bemerkungen. Finnick klopfte Beetee nur kameradschaftlich auf den Rücken.
Castor und Pollux drehten sich um und sahen Cressida gespannt an. Auch Messalla schien nicht zu wissen, was er sagen sollte. Cressida wusste es ja selbst nicht so richtig.
Beetee hatte sie alle geschockt. Niemand hatte solch einen Appell erwartet. In den bisherigen Propos wurden Erinnerungen aus dem Leben der Sieger erzählt. Am Ende natürlich meist verbunden mit einem kurzen Aufruf, sich dem Widerstand anzuschließen. Beetee hatte die Verteilung der Prioritäten herumgedreht.
Und obwohl er nur wenige Worte zu Wiress und ihrem Leben verloren hatte, fühlte sich Cressida getroffen und berührt.

Sie würden nichts zusammenschneiden. Keine Szenen herausschneiden, in einer anderen Reihenfolge abspielen oder aus einem anderen Blickwinkel dazwischen mixen. Beetees Rede war perfekt, wie sie war.
Wort für Wort würde sie zuerst über die Bildschirme in Distrikt 3 und dann über die in ganz Panem flimmern. Plutarch wird erfreut sein, wenn er diesen so politischen Propo zu Gesicht bekam.
„Das passt so.“ Cressida nickte und bedeutet den Jungs die Scheinwerfer abzubauen und die Ausrüstung einzupacken. Auch Nigel hatte die letzten Schneemaschinen abgestellt. Während sie wartete, starrte Cressida in die Halle hinein. Sie ließ sich ihre Gedanken und Gefühle nochmal durch den Kopf gehen, bis das Weiß des Schnees sie blendete. Danach wusste sie, was sie machen würde.

Der Propo würde so beginnen, wie sie es Plutarch erzählt hatte. Mit dem ersten Schnitt auf den fallenden Schnee. Dann Wiress' Sieg. Nach dem Slogan spricht Finnick und dann kommt Beetees Rede. In voller Länge. Zum Abschluss wieder das Abblenden auf die finalen Daten und das Spotttölpelsymbol. Aber dieses Mal nicht wie üblich in Schwarz, sondern in Weiß.

Vertauschte Farben. In schwarzer Schrift würde Wiress‘ Name auf dem weißen Hintergrund erscheinen. Eine Reminiszenz an die Spuren im Schnee.
Den finalen Höhepunkt würde dann der Spottölpel setzen, wie er sich in das Weiß hineinbrennt und den Schnee in Flammen setzt.
Perfekt.





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* Für die Lage der Distrikte habe ich mich an folgender Karte orientiert:
http://vignette4.wikia.nocookie.net/thehungergames/images/7/77/Official-Panem-Map.jpg/revision/latest?cb=20140625154922
De Vergleich mit aktuellen Landkarten der USA zeigt, dass Distrikt 3 meiner Meinung nach um Kentucky herum zu verorten ist.

** Allen Wiress-Fans empfehle ich: "Das Ticken der Uhr – Die Hungerspiele von Wiress Blair" von Yessica.
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