Schriftgröße  Schriftart  Ausrichtung  Zeilenabstand  Zeilenbreite  Kontrast 

Wie Schnee vom vergangenen Jahr

GeschichteDrama, Liebesgeschichte / P12 / Gen
Lady Lucille Sharpe OC (Own Character) Sir Thomas Sharpe
25.12.2015
10.04.2016
15
41.418
4
Alle Kapitel
3 Reviews
Dieses Kapitel
2 Reviews
 
 
25.12.2015 3.453
 
Ich habe keinerlei Rechte an sämtlichen vorkommenden Charakteren des Originals


* * *

Bestimmt habt ihr auch das Meme gesehen mit der Frage „Did you notice the puppy?“- und ja, ich habe ihn auf den ersten Blick bemerkt.

Ich frage mich, wieso das Kerlchen keinen Namen bekam – und so nahm ich mir etwas künstlerische Freiheit, ein paar Worte … und nun, heraus kam dabei das hier.

Man möge mir gnädig sein, da ich es noch immer nicht geschafft habe, „The Art of Darkness“ zu lesen, obwohl es mahnend im Bücherregal steht.


Gewidmet: Dem Rueken – es war genauer gesagt sein Geburtstagsgeschenk


Titel: von ASP (muss ich das sagen? Ich denke, die meisten haben es gleich erkannt)


* * *


Wie Schnee vom vergangenen Jahr


Hätte es geregnet, die junge Frau namens Ursula hätte es durchaus als passend empfunden – doch diese Freude tat ihr das Wetter nicht, stattdessen zeigte sich langsam die Herbstsonne, hatte der Tag doch nebelverhangen gestartet.
Das alles schien so herrlich falsch, während das alles hier, die gesamte Beerdigung so surreal anmutete; noch vor wenigen Tagen hatte sie mit ihrer Großmutter geplaudert, sich von der alten Damen schelten lassen, weil sie für die langsam doch recht kühlen Tage viel zu dünn angezogen sei. Sie hatte ihr ein warmes Tuch stricken wollen, erinnerte sie sich …

Doch das würde sie nun nie tun …

Ihre Großmutter war vor zwei Tagen verstorben und damit als die letzte Verwandte von ihr gegangen, die ihr noch geblieben war; sie war es zwar gewohnt, auf eigenen Beinen zu stehen, war die alte Dame, früher ihr Vormund, doch mittlerweile recht gebrechlich gewesen, dennoch hatte sie das Gefühl, den Boden unter den Füßen zu verlieren.
Es war nicht, als würde sie völlig zurückgezogen leben, dennoch wurde es ihr von Tag zu Tag klarer, dass sie nun wirklich alleine auf der Welt war.

Sie war sicherlich kein junges Mädchen mehr, sondern im Sommer vierundzwanzig Jahre alt geworden, konnte recht gut auf sich selbst aufpassen, doch trotzdem kam sie sich jetzt plötzlich wieder wie das kleine Mädchen vor, dem von einer Krankenschwester erklärt worden war, dass seine Mutter nun ein Engel sei.
An ihre Mutter selbst vermochte sie sich kaum noch zu erinnern; und wenn, dann waren es die verschwommenen Erinnerungen eines Kindes oder aber die Erzählungen ihrer Großmutter, die meist auch recht vage gewesen waren, umso älter und verschrobener diese geworden war.
Alles, was ihr als Erinnerung geblieben war, war eine Fotografie … und die Narben, die sie selbst als einzige Überlebende des Brandes zurückgetragen hatte, der ihre Eltern das Leben gekostet hatte.

Man hatte ihr gesagt, sie solle dankbar sein, dass das Schicksal sie gerettet hatte, doch manchmal fiel es ihr eben schwer, einfach weil diese Male es sie nie vergessen ließen, genauso wenig wie alle anderen, die sie stets deswegen anzustarren, verspotten oder zu meiden schienen.
Der Brand war so lange her, doch waren die Narben kaum verblasst, würden ihr immer bleiben, sogar dann, wenn die Erinnerung kaum noch vorhanden war; sie würden sie immer daran erinnern, dass sie überlebt hatte – und ihr der Preis bleiben, den sie dafür zahlen musste.

Sie hatte sich an ihr zurückgezogenes Leben im Haus der Großmutter gewöhnt, daran, dass ihr einziger Kontakt ihre Klavierschüler und die Nachbarn bleiben würden … und doch jetzt, als jemand ihr den letzten Mittelpunkt ihres Lebens genommen hatte, schien es, als würde sie in ein tiefes Loch fallen.


Weitere Angehörige außer der Großmutter, die ebenfalls zurückgezogen gelebt hatte, gab es nicht, deswegen war es auch eine recht kleine Gesellschaft, die sich am Grab der Verschiedenen zusammengefunden hatte, um ihr die letzte Ehre zu erweisen.
Eigentlich bestand diese nur aus Ursula, einer Nachbarin der Verstorbenen und dem Priester, dessen Worte, die Trauerrede, die Enkelin der Verstorbenen kaum mitbekam.
Alles, wozu sie sich im Stande fühlte, war in die dunkle, fast schwarze Erde hinabzusehen, auf den Sarg, der die sterblichen Überreste der Frau enthielt, die damals versucht hatte, dem damals achtjährigen Mädchen so gut sie es eben vermochte, die Mutter zu ersetzen.

Es konnte doch nicht sein, dass jemand so einfach von einem Tag auf den anderen aus dem Leben eines Menschen verschwand …

Fröstelnd schlang sie die Arme um sich, obwohl es gar nicht wirklich kalt war, hörte die Kondolenzbekundungen des Priesters, für den das vermutlich nur eine alltägliche Routineangelegenheit war, hatte er die Verstorbene doch nicht einmal gekannt, die ohnehin keine große Kirchgängerin gewesen war. Sie ließ sich von der ältlichen Nachbarin umarmen, versicherte ihr, dass sie sich natürlich melden werde, sollte sie bei etwas Hilfe benötigen – und sie wusste doch, dass sie es nicht tun würde, denn sie war niemand, der andere um Hilfe bat, ihnen so zur Last fiel.

Ihr Leben würde weitergehen müssen, so wie damals nach dem Tod ihrer Eltern auch … nur hatte es damals noch die Großmutter gegeben.
Jetzt war sie völlig alleine.

Nachdenklich starrte sie auf die frische, dunkle Erde. Dies war vermutlich der Moment für ein Gebet, doch kam ihr keines über die Lippen, einfach da sie es nicht zu glauben vermochte, dass da wirklich irgendwo ein Wesen sein könne, das für die Menschen Schicksal spielte.
So wisperte sie einen letzten Gruß, wand sich dann zum Gehen um – und prallte dabei in jemanden.

„Entschuldigung -“, begann sie, brach dann ab, weil sie erkannte, dass es sich hier unmöglich um einen Zufall gehandelt haben könne; vielmehr musste der Fremde die ganze Zeit hier gestanden und sie beobachtet haben. Allein schon diese Erkenntnis schürte ihren unbändigen Zorn, denn was für ein Wesen konnte das schon sein, das offenbar Spaß daran empfand, den Kummer anderer zu beobachten?
„Lassen Sie mich in Ruhe!“ fuhr sie ihn stattdessen an, obwohl der dunkel gekleidete Fremde überhaupt keine Anstalten gemacht hatte, irgendetwas zu tun, außer ja, äußerst verlegen zu wirken, so als sei ihm dieser Moment unangenehm.

Er starrte sie für einen Moment verblüfft an, so als habe er so einen Ausbruch nicht erwartet, dann begriff er wohl, senkte verlegen den Blick. „Verzeihung“, murmelte er.

„Sie sollten sich schämen!“, funkelte sie, hob energisch das Kinn, wobei sie ihm dennoch nur bis zur Schulter reichte.

„Ja?“, das war kein Schuldeingeständnis, sondern mehr eine Frage – und es kam ihr fast so vor, als verstehe er wirklich nicht, was sie ihm hier sagen wollte. Lebte er etwa in einer Welt, in der es völlig alltäglich war, Trauernden auf einem Friedhof hinterherzuschleichen?

„Ja“, echote sie, aber bei ihr war es eine Aussage. „Hat Ihre Mutter Ihnen das denn nicht beigebracht, dass man das nicht tut, andere Menschen zu belauschen?“

Er zuckte merklich zusammen, gab jedoch keine Widerworte, ließ sie einfach weitersprechen, hörte aufmerksam zu, so als versuche er den Sinn ihrer Worte zu begreifen.

„Was wollen Sie überhaupt von mir?“, mittlerweile war all ihre Wut verraucht und hatte einer gewissen, für sie ungewohnten Angst Platz gemacht – sie kannte diesen Mann nicht, das hier war ein einsamer Ort, sie völlig allein … und irgendetwas an ihm war seltsam, sie vermochte selbst nicht genau zu sagen, was es war, das ihr Unbehagen einflößte, obwohl er sie in keinsterweise zu bedrohen schien.

„Ich … habe Sie nicht belauscht“, er klang unsicher, offenbar auch beschämt über diese Anschuldigung. „Und ich möchte mich bei Ihnen entschuldigen, dass ich Sie erschreckt habe.“

„Sie haben mich nicht erschreckt“, log die junge Frau, die sich hier nicht die Blöße geben wollte,„Nur … überrascht.“
„Überrascht?“, echote er, so als sei das ein völlig neuer Begriff für ihn, den er noch nie gehört habe, hob erstaunt eine Augenbraue. „Gut, dann werde ich mich eben dafür entschuldigen. Wäre das in Ihren Augen angemessen?“
Bei jedem anderen hätte das wie eine unverschämte Anschuldigung geklungen, ein unglaublicher Affront, aber bei ihm nicht, es klang tatsächlich so, als meine er es ehrlich.

Ursula zögerte. „Wenn Sie mir dafür im Austausch verraten, was Sie hier tun?“, erwiderte sie, erschrak dabei selbst über ihre eigene Kühnheit. „Ich meine, außer Sie sind zum Trauern hier“, fügte sie hastig hinzu, biss sich auf die Lippe; woher wollte sie wissen, dass er nicht auch gerade jemanden verloren hatte und auf dem Weg zum Grab eines Verstorbenen gewesen war?
Vielleicht hatte sie ihm Unrecht getan und ihn durch ihre unbedachten Worte gekränkt?
Vielleicht fühlte er sich genauso verletzt und einsam wie sie …?

„Nein, nein“, er sah verlegen auf seine Füße hinab, fixierte für ein paar Sekunden den aufgeweichten Boden, „Ich … bin einfach nur gerne auf Friedhöfen. Das mag seltsam klingen“, sein Blick suchte ihren, bat sie wortlos darum, ihn nicht auszulachen oder ihm weitere Anschuldigungen an den Kopf zu werfen – und sie hörte ihm zu, denn in gewisser Weise war sie doch neugierig, welche Erklärung folgen würde, konnte sie sich doch keinen Grund vorstellen, wieso man freiwillig an solch einem Ort seine Zeit verbringen wollte.
„Das mag seltsam klingen, aber ich mag die Ruhe hier. Und das Gefühl, dass hier so viele unerzählte Geschichten warten -“ Er brach ab, sah verlegen auf seine Hände hinab, so als komme er sich schlagartig albern für diese Aussage vor, rechne damit, dass sie lachen oder ihn einen Verrückten nennen werde.

Ursula hatte vieles erwartet, aber nicht diese Erklärung und ja, in gewisser Weise verstand sie ihn tatsächlich, auch wenn sie es nicht nachempfinden konnte, waren Friedhöfe für sie immer Plätze der Trauer gewesen, die man mied, außer es gab eben einen entsprechenden Anlass.
„Geschichten?“, echote sie fragend, während sie neben ihm her lief – oder folgte er ihr? Sie war sich nicht sicher, aber es störte sie in diesem Moment nicht, sie war in gewisser Weise sogar dankbar für die Gesellschaft eines Wesens, das sie nicht mit Beileidsbekundundungen überhäufte, „Das heißt, Sie sind Schriftsteller?“

„Nein“, er lächelte, schüttelte verwundert über diese Vorstellung den Kopf, „nicht im geringsten.“

„Dann … lesen Sie gerne?“ schlug sie das Nächstliegende vor.

„Nicht unbedingt“, entschied er nachdenklich, sah dabei in die Ferne, nicht zu Ursula, die diese kryptischen Antworten doch neugierig machten.

„Was dann?“, so einfach würde er ihr nicht davonkommen, entschied sie – sie wusste in diesem Moment selbst nicht, woher sie überhaupt den Mut für diese Unterhaltung nahm, fühlte sie sich ansonsten in der Gegenwart von Fremden meist doch eher befangen. Die Tatsache, dass er jedoch von ihren Narben noch nicht einmal Notiz zu nehmen schien, nahm ihr hier doch etwas die Scheu – sie hatte das Gefühl, dass er nicht wie die Leute war, denen sie bisher begegnet war, auch wenn sie ihn ansonsten nicht einzuschätzen wusste, wer auch immer er sein mochte.

„Vielleicht bin ich einfach nur jemand, der gerne Geschichten hört?“, schlug er vor, zuckte die Schultern, so als befürchte er, dass sie diese Antwort erneut nicht glauben werde. „Ich wollte Sie nicht belästigen -“ Sie hatten mittlerweile das Tor des Friedhofs erreicht und er wand sich zum Gehen, so als sei ihm plötzlich eine wichtige Verpflichtung eingefallen oder aber er sei sich bewusst geworden, dass Ursula seine Gesellschaft vielleicht nicht wünsche.

„Nein, das tun Sie doch gar nicht“, entfuhr es ihr, bevor sie sich erinnerte, was sie eigentlich von ihm zu halten vorgehabt hatte.
„Aber -?“, er sah sie fragend an; natürlich hatte er nicht vergessen, was sie gesagt hatte, wie konnte er auch, schließlich hatte sie ihm einen ganzen Stapel an Vorwürfen vor den Kopf geworfen. „Nun, Sie hatten immerhin ziemlich direkte Worte für mich.“

„Ich wollte das alles gar nicht unbedingt sagen“, sie schüttelte den Kopf, über sich selbst, über ihren eigenen Wutausbruch, der so gar nicht zu ihr zu passen schien, „Ich war nur so unheimlich wütend.“

„Auf mich?“, er runzelte die Stirn.

„Nein“, sie schüttelte erneut den Kopf, „Wir kennen uns doch gar nicht wirklich. Ich denke“, sie stockte, „ich war mehr wütend auf … ich weiß auch nicht. Das Schicksal vielleicht.“

„Das Schicksal?“, er legte fragend den Kopf schief, schien nun durchaus eine nähere Erklärung zu erwarten, so wie sie vorhin zu seiner Eröffnung, er halte sich gerne auf Friedhöfen auf.

„Alles. Vielleicht möchte ich auch einfach nur keine Veränderung. Vielleicht“, sie sah auf ihre Schuhe hinab, die vom matschigen Boden Schlammspritzer zurückbehalten hatten, „vielleicht möchte ich auch einfach nur die Zeit zurückdrehen können. Ich möchte nicht alleine zurückbleiben, während alle gehen -“, sie brach ab, biss sich auf die Lippe. „Das war dumm von mir, ich sollte Ihnen das nicht erzählen und ich möchte mich entschuldigen, dass ich Sie damit belästigt habe“, murmelte sie, senkte ihren Kopf und fühlte, wie sie trotzdem errötete – sie kam sich schrecklich dumm vor, wie eine Figur in einem Schundroman oder eines dieser alten Weiber, die der gesamten Nachbarschaft ihre Lebensgeschichte erzählten, weil sie nichts anderes zu tun hatten.

Er räusperte sich. „Ich werde nicht gehen“, sagte er leise.

* * *


Es war später geworden, als sie eigentlich beabsichtigt hatte, dachte Ursula mit wachsendem Schuldgefühl – doch da war ohnehin niemand mehr, der auf sie warten und sich Sorgen um sie machen konnte, dachte sie beklommen, während sie sie Haustür öffnete.

Ohne weitere Bewohner schien das Haus plötzlich leer, wie tot und der Staubgeruch schien plötzlich allgegenwärtig, obwohl der letzte Hausputz noch gar nicht so lange her war.
Und -

Sie kam nicht dazu, diesen trüben Gedanken weiter zu denken, denn nun erscholl ein freudiges Bellen, kleine Pfoten tappten hastig näher und schon wenige Sekunden später lief deren Besitzer mit fröhlich blitzenden Knopfaugen um Ursulas Füße herum, war außer sich vor Freude, dass sie wieder da war.
„Hast du mich vermisst, Toby?“, fragte sie den kleinen Hund, der daraufhin ein leiseres Bellen von sich gab, ihr freudig über die Hand leckte, so als wolle er sie auf diese Art Willkommen heißen. Ursula hatte bereits versucht, ihrem vierbeinigen Begleiter dies abzugewöhnen, aber bislang vergeblich – vor allem, wenn er sich über etwas freute, vergaß der kleine Hund leider gerne seine guten Manieren, wie sie schon oft mit einem Schmunzeln gedacht hatte.

Böse sein konnte sie ihm dafür nie, denn nun, er war nun eben kein Spielzeug, so wie all die feinen jungen Damen vermutlich glaubten, die ihren Haustieren eben so wenig Leben und Emotion zugestanden wie sich selbst.

Eigentlich hatte sie sich nie großartig um Dinge wie Haustiere Gedanken gemacht, doch dann hatte das Schicksal es anders gemeint und über dieses kleine Wesen stolpern lassen.
Der kleine Kerl war herrenlos durch die Gegend gestreunt; er war verletzt gewesen, als sie ihm zum ersten Mal begegnet war, so als hätte man ihn gejagt, wie sie beklommen gedacht hatte – er hatte sie damals angeknurrt, war ihr ausgewichen, so wie ein wildes Tier oder eines, das den Glauben in die Menschheit längst verloren hatte. Auch wenn sie sich Sorgen um ihn gemacht hatte, so hatte sie nicht versucht, ihn einzufangen, sondern ihm immer etwas Futter an die Hintertreppe gestellt, das abgemagerte Tier aus der Ferne beobachtet, während es sie auch nie für eine Sekunde aus den Augen ließ, so als fürchte es, sie könne es nur in eine Falle locken wollen.

Über die Zeit hinweg war der kleine Hund schließlich zutraulicher geworden, hatte es nicht nur zugelassen, dass sie seine Wunden säuberte und pflegte, sondern auch dass sie ihm übers Fell streicheln durfte. Sie hatte das Tier, das mit sauberem, gepflegten Fell am ehesten einem kleinen, vorwitzigen Fuchs glich, auf den Namen Toby getauft und irgendwann, sie wusste selbst nicht zu benennen, wie es genau gekommen war, war der Kleine ihr nach ihrem allabendlichen Treffen nach drinnen gefolgt … und geblieben.

So war sie, ohne es wirklich zu wollen, zu einem Haustier gekommen und sie schätzte die Gesellschaft des Tieres sehr, auch wenn andere sie mit freundlichem oder teils auch hämischen Spott dafür bedachten. Ja, Toby mochte kein reinrassiges Tier sein, so wie all die Schoßhündchen der Damen, so dachte Ursula, aber gerade das war es, was ihn so liebenswert machte – er war nicht perfekt, dafür war er das anhänglichste, klügste Tier, das sie sich vorstellen konnte und sie war, nicht nur in diesem Moment, dankbar dafür, dass es ihn gab und das Schicksal sie zusammengebracht hatte.

Das Schicksal, so überlegte sie, während sie Toby hinter den Ohren kraulte, woraufhin das kleine Tier freudig hechelte, sie hatte doch nie wirklich an das alte Ding geglaubt – und doch schien es schon wieder in ihrem Leben zugeschlagen zu haben, ganz auf die seltsame Art, die es eben pflegte.
Sie hatte sich vorgenommen, misstrauisch zu sein, aber doch fiel es ihr schwer, auch wenn es eben noch immer schwer zu glauben schien. Normalerweise war das erste, was die Leute taten, wenn sie sie zum ersten Mal trafen, sie auf keinen Fall anzusehen, wenn sie sich wirklich aufrafften, mit ihr zu sprechen. Die andere Gruppe wand sich meist mit Grausen ab, tuschelte hinter vorgehaltener Hand, was es wohl sein konnte, was eine Frau zu einem solch vernarbten Monster machen konnte.

Hätten sie sich nur eine Sekunde Zeit genommen, um sie zu fragen, so hätte Ursula ihnen in schlichtem, sachlichen Tonfall geantwortet, dass es ein Brand gewesen war, der ihre Eltern das Leben gekostet und sie mit acht Jahren nicht nur zur Waise, sondern auch zu dem gemacht hatte, was sie heute war.
Das war alles so lange her, doch hatte sie die Hoffnung längst aufgegeben, dass die Male verblassen würden; stattdessen hatte sie sich fast daran gewohnt, genauso wie an die unbedachten, schmerzenden Worte, die neugierigen Blicke und das Geflüster hinter ihrem Rücken. Sie nahm das alles mittlerweile gar nicht mehr wirklich war, es gehörte zu ihrem Leben dazu, genauso wie die für sie feststehende Tatsache, dass sie eben nicht für ein Leben in Gesellschaft geboren war – es war nicht nur dieser optische Makel, der sie zu dieser Feststellung bewogen hatte, sondern auch eben ihre Scheu gegenüber anderen Menschen, die erst aus diesem geboren worden war.

Dennoch, trotz allem war sie nicht der Mensch um zu klagen – sie sah sich nicht als alte Jungfer, wie man es vermutlich über sie sprach, sondern sie empfand es so, dass sie trotz allem Glück im Unglück gehabt hatte.
Sie mochte vielleicht keine dieser hübschen jungen Damen sein, die auf allen Bällen tanzten und an jeder Hand zehn Verehrer hatten, doch sie war immerhin längst nicht so nutzlos und oberflächlich wie diese, wie sie manchmal mit einem heimlichen Anflug von Eifersucht dachte.
Sie liebe Bücher, Musik, gab Kindern Klavierunterricht und auch einigen jungen Damen in Gesang, sie machte oft lange Spaziergänge mit Toby, kümmerte sich um den Haushalt – und doch hätte sie manchmal mehr um alles in der Welt gerne nur ein einziges Mal getanzt, wäre ein einziges Mal nicht nur die Außenseiterin gewesen, das vernarbte Monster, sondern einmal der Mittelpunkt des Interesses. Sie wollte gar nicht unbedingt eine Ballkönigin sein, es hätte ihr schon genügt, den Arm ihres Begleiters zu halten, der sie nicht voller Mitleid oder Ekel ansah, sondern stolz war, sie bei sich zu haben …

Sie wusste selbst, dass diese Träume wohl nie in Erfüllung gehen und sie sich diese lieber aus dem Kopf schlagen sollte, aber gerade jetzt, wenn sich alles so kalt und einsam anfühlte, kam sie nicht umher, dass ihr das Herz schwer wurde und sie sich wünschte, alles könne anders sein.

Tobys Bellen riss sie aus ihren Gedanken, so als wolle er sie ermahnen, nicht nur den Kopf in den Wolken zu tragen, so wie Großmutter es immer zu der jungen Ursula gesagt hatte, wenn diese ihrer Meinung nach zu sehr in ihren Tagträumen lebte.
„Du musst dir keine Sorgen machen“, versicherte Ursula, streichelte das Fell des Hundes, der nur fragend den Kopf schief legte, so als erwarte er dennoch eine Erklärung. „So einfach gibst du nicht auf, hm?“ Sie lächelte, kraulte ihn hinter den Ohren. „Du hörst auch gerne Geschichten, oder?“

Instinktiv hatte sie genau die Worte ihrer heutigen Begegnung wiederholt – und obwohl sie es nicht wollte, kehrten ihre Gedanken wieder dorthin zurück.
Sie hörte im Geiste Großmutters mahnende Stimme, die ihr verkündete, dass kein seriöser Herr einfach so auf einem Friedhof herum spaziere und sie ihn sich besser aus dem Kopf schlagen solle, zuckte bei dieser imaginären Maßregelung regelrecht zusammen, obwohl … es war doch gar kein solches Interesse, wie sie sich selbst zur Ordnung rief.
Sie war doch keine Romanfigur und es war nichts weiter, als dass sie zufällig aufeinander getroffen waren und er einfach nur hatte höflich sein wollen, mehr nicht.

Sie würde ihn ohnehin nicht wiedersehen und es würde eine einmalige Gelegenheit bleiben, so dachte sie, in die es nicht zu viel hineinzuinterpretieren galt. Lieber sollte sie dankbar sein, so schalt sie sich, dass er sich nicht einfach mit Schrecken abgewandt hatte.

„Verhalte ich mich albern?“, fragte sie Toby, der nur erstaunt blinzelte, „Nicht wahr, das tue ich, oder?“ Sie schüttelte verärgert über sich selbst den Kopf, erhob sich dann wieder vom Boden, richtete ihren Rock. Zeit, die Trauerkleidung gegen ein einfacheres Alltagskleid zu vertauschen, so dachte sie; der Fußboden war in einem schrecklichen Zustand, stellte sie fest, genauso wie die Fenster. Vielleicht würde sie die Arbeit etwas ablenken – und dafür sorgen, alle lächerlichen Grillen in ihrem Verstand zu vertreiben.

Das Leben war kein lächerlicher Roman, so dachte sie; und sollte sie nicht erwachsen genug sein, um das selbst zu wissen?
Review schreiben
 
 Schriftgröße  Schriftart  Ausrichtung  Zeilenabstand  Zeilenbreite  Kontrast