Weihnachtsmann & CO. KG: Der Wettbewerb

GeschichteAbenteuer, Freundschaft / P6
25.12.2015
23.01.2016
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25.12.2015 3.482
 
Es war eine Woche vor Weihnachten. Für die Kinder bedeutete es: Noch sieben ganze lange Tage Warterei. Für die Gehilfen des Weihnachtsmannes bedeutete es hingegen: Nur noch sieben Tage! Viel zu wenig Zeit! Nur dem Kalender war es einerlei.

In der Fabrik des Weihnachtsmannes lief die Spielzeugmaschine heiß und die drei Elfen Trixi, Guilfi und Jordi machten schon seit Wochen Überstunden. Aber das gehörte eben dazu, wenn man für die Weihnachtsgeschenke aller Kinder dieser Welt zuständig ist. Und immer, wirklich immer, war die Zeit zu knapp. „Das schaffen wir nie!“, jammerte Guilfi, „Diesmal fällt Weihnachten ins Wasser!“
„Das sagst du jedes Jahr!“, entgegnete Trixi. „Bis jetzt haben wir es immer geschafft, und auch dieses Mal werden wir es schaffen.“
Guilfi schüttelte heftig den Kopf. „Es ist alles viel zu schlecht organisiert! Wenn wir erst ein bisschen Ruhe haben, müssen wir uns ernsthaft Gedanken machen und neu planen.“ Er schob eine Schubkarre sortierter Weihnachtsbriefe vor sich her, die darauf warteten, abgearbeitet zu werden.
„Wir planen doch ständig“, meinte Jordi und warf einen schnellen Blick in die laufende Maschine. „Aber egal wie wir es machen, es läuft doch immer anders als geplant. Schau mal: Jedes Jahr werden neue Kinder geboren, die sich irgendwann Spielzeug wünschen. Und dann denk' mal an die, die ihren Wunschzettel ständig ändern oder den Zettel fast zu spät abschicken. Und dann“, begründete Jordi weiter, „muss unsere Maschine auch mal repariert werden oder verschnaufen.“ Er klopfte der guten Spielzeugmaschine anerkennend auf die Seite. „Ach ja, und dann gibt es noch Grantelbart...Huch? Was soll das?“
Ein Wunschzettel umflatterte Jordi. „Warst du das, Guilfi?“
„Wer sonst?“, antwortete Guilfi. Er hatte die Arme hochgekrempelt und ließ die Wunschzettel in der Luft schweben. Es war schon ein Jahr her, seitdem er seine Kräfte bekommen hatte, aber er hatte sie noch immer nicht unter Kontrolle. Kleine Dinge in die Luft zu heben, stellten kein Problem dar – oder fast kein Problem. Die Gegenstände flogen nie dahin, wohin sie sollten. Guilfi war frustriert. Er hatte fest damit gerechnet, seine Kräfte dieses Weihnachten einzusetzen.
„Was soll denn das jetzt?“, rief Trixi entsetzt, als sie von einem Schwarm Zettel umflattert wurde. „Das ist nicht der richtige Zeitpunkt, Guilfi! Du bringst alles durcheinander!“
„Tu' ich nicht“, maulte Guilfi und steckte traurig die Hände in die Taschen. Genauso traurig schwebten die Zettel und Briefe zurück in die Schubkarre.
„Tust du doch!“, rief Trixi zurück. „Ich werd' noch trollig!“
„Dann brauchst du eine Pause“, meinte Jordi.
„Nein, keine Pause! Das können wir uns nicht erlauben!“
„Aber zumindest die Maschine braucht unbedingt eine. Sie läuft sonst heiß“, sprach Jordi und zwinkerte Guilfi zu. Sie wollten selbst gerne ein paar Minuten zum Verschnaufen haben. Trixi gab schließlich nach. Ihr schwirrte der Kopf. „Also schön. Aber nur fünf Minuten! Genauer gesagt: Vier Minuten und achtundfünfzig Sekunden...“
Sie rieb sich die müden Augen. Sie wollte auf keinen Fall zugeben, dass auch sie sehr erschöpft war. Ihre Kollegen atmeten erleichtert auf. Auch ein Elf besitzt nicht unendlich Energie. „Das trifft sich aber gut!“, hörten sie nun eine dunkle, freundliche Stimme rufen. „Ich wollte gerade vorschlagen, dass...“ Trixi piepste erschrocken und sprang vom Stuhl auf, als ob sie jemand gezwickt hatte. „Das ist nur eine kurze Inspektion! Es geht gleich weiter! Nur eine kurze Verzögerung! Wir liegen noch gut im Zeitplan...!“
„Nur die Ruhe Trixi!“, sagte der Weihnachtsmann und lächelte mild. Er trug ein großes Tablett mit Tee, Kakao und Keksen. „Fünf Minuten in Ehren kann niemand verwehren. Es nützt keinem etwas, wenn ihr Elfen vor Übermüdung und Anstrengung krank werdet! Greift zu!“ Guilfi und Jordi grinsten sich beide an und nickten zustimmend.

Es dauerte weniger als die berechneten vier Minuten und achtundfünfzig Sekunden, bis alles verzehrt war.  „Na seht ihr!“, sprach der Weihnachtsmann, „Ihr hattet eine Pause dringend nötig. Aber ich kenne das ja selbst. Bei der vielen Arbeit vergisst man schon mal das Essen.“
„Das würde mir nie passieren“, meinte Balbo. Der tollpatschige Eisbär tauchte hinter ihm auf. „Ich habe mich schon lange gefragt, wann endlich mal gefuttert wird. Ihr hättet mir ruhig Bescheid sagen können!“ Verärgert sah er auf das Tablett. Kein Tropfen Kakao und kein Keks war mehr übrig. Es gab nicht einmal mehr Krümel. „Ich vermute, dass die Kekse sehr gut geschmeckt haben“, brummte Balbo. Jordi rieb sich den Bauch. „Davon kannst du aber ausgehen, Dicker!“
„Deswegen brauchst du uns aber nicht so anzuknurren“, meinte Trixi vorwurfsvoll. „Wir haben dir die Kekse nicht absichtlich weggegessen!“
„Das ist nur mein Magen“, entgegnete Balbo jetzt traurig.
„Na,na“, besänftigte der Weihnachtsmann, „es ist von allem noch genug da. Dann hole ich eben Nachschub.“ Dazu kam er jedoch nicht, weil der Computer plötzlich einen Alarm meldete. Wie ein Pfeil sauste Trixi durch die Luft und überprüfte die Daten.
„Das kann doch nicht wahr sein!“, rief sie aus.
„Was ist denn jetzt los?“, fragte Jordi. „Du guckst, als ob das Fest ins Wasser fallen würde!“
„Da liegst du gar nicht mal so falsch. Für zwei Städte könnte das diesmal in Frage kommen.“
„WIE?“, riefen Jordi und Guilfi gleichzeitig, und der Weihnachtsmann schnappte nach Luft. Er hätte beinahe das leere Tablett fallen lassen. „Was hast du gesagt?!“, rief er entsetzt.
„Es handelt sich um die Einwohner von Lichterstadt und  Funkelstadt, die so große Probleme haben“, erklärte Trixie.
„Ausgerechnet die beiden Städte?“, fragte der Weihnachtsmann höchst verwundert. „Die sind doch so berühmt für ihre Weihnachtsdekoration!“
„Genau“, sagte Trixi und erklärte weiter: „Sie versuchen sich jedes Jahr gegenseitig zu übertrumpfen. Jetzt haben die Bürgermeister dieser Städte entschieden, einen Wettbewerb zu veranstalten. Damit soll endgültig geklärt werden, welche Stadt zur Weihnachtszeit die Schönste ist. Die Bewohner nehmen die Sache sehr, sehr ernst. Jedenfalls die Erwachsenen. Es gibt keine Weihnachtsstimmung mehr, nur Neid. Und die Kinder leiden darunter. Der Sieger wird übrigens an Weihnachten gekürt. Das heißt, eine Stadt wird der lachende Sieger sein, während die andere verliert.“
„Tja, das ist nunmal so“, meinte Guilfi. „Bei jedem Wettbewerb kann es nur einen Gewinner geben.“

Trixi sah den Weihnachtsmann traurig an. „Das wäre ja alles nicht so schlimm, wenn die Leute nicht so verbissen wären. Und für die Kinder der beiden Kleinstädte wäre das Fest auf jeden Fall gelaufen. Die Stimmung ist schon jetzt auf dem Nullpunkt. Die Verlierer wären unendlich traurig. Und die Sieger würden andauernd angeben. Nur den Kindern geht es um das Fest, die Freude und um die schönen Lichter, aber nicht, wer der Bessere ist. Ihnen ist das egal. Das verstehen die Erwachsenen jedoch nicht.“
„Ein Wettbewerb ist gut und schön, solange es fair zugeht und alle Freude daran haben“, sprach der Weihnachtsmann weise.
„Das ist wohl wahr“, sagte Trixi und nickte. „Aber was tun wir nur dagegen? Noch dazu, wo wir eigentlich überhaupt keine Zeit haben.“
„Es geht um das Fest, und dafür ist immer Zeit“, sagte der Weihnachtsmann fest entschlossen. „Wir müssen den Zauber der Weihnacht zurück nach Funkelstadt und Lichterstadt bringen.“
„Einer von uns Elfen muss hier die Stellung halten!“, entschied Trixi.
„Es reicht, wenn Balbo die Stellung hält“, meinte der Weihnachtsmann. „Ich fürchte nämlich, dass wir euren ganzen Elfenzauber brauchen werden, um den Kindern zu helfen. Balbo schafft das schon.“
„Mit leerem Magen?“, seufzte der Bär.
„In der Küche steht noch ein ganzes Blech mit Keksen“, sagte der Weihnachtsmann, „bedien dich, aber überfress' dich nicht!“
Balbos Augen glänzten. „Ich werd's versuchen!“
Der Weihnachtsmann hob mahnend den Zeigefinger. „Das hoffe ich! Ich verlasse mich auf dich, dass hier alles weiterläuft, bis wir wieder da sind! Die ganze Verantwortung ruht auf dir!“
Balbo fühlte sich geehrt. „Klar, Chef!“

Der Weihnachtsmann lief aus dem Raum, um sich rasch den Mantel, Mütze und Handschuhe überzuziehen. Kurz darauf waren alle bereit und saßen im Schlitten. Jetzt fehlte nur noch der Fluglotse.
„BALBO!!“
„Komm' ja schon..! 'Tschuldigung!“ Balbo rannte hinaus und wischte sich die Kekskrümel von seiner Schnauze.
„Das fängt ja schon gut an“, seufzte Guilfi. Kurz darauf lotste Balbo den Weihnachtsschlitten sicher vom Startplatz. Danach kehrte der Eisbär in die Küche zurück und schlug sich den Bauch voll. Alle Ermahnungen waren vergessen. Danach war er so müde, dass er erst einmal ruhen musste. Gugor, der kleine böse Troll, hatte aus sicherer Entfernung die Abreise des Weihnachtsmannes und seiner Gehilfen interessiert beobachtet. Und als er sogar durch ein Fenster Balbo entdeckte, der laut schnarchend im Sessel lag, machte sein Herz Freudensprünge.
Jetzt konnte er seine Erfindung, die „Elfenalarmumgehungsmaschine“ testen. Sie sah aus wie eine große Fernbedienung. Er pappte sie einfach an die Eingangstür der Werkstatt, und schon machte sie ihre Arbeit von alleine. Sie funktionierte perfekt! Die Türen öffneten sich und Gugor trat ein. Er studierte den Computer und wusste gleich, warum der Weihnachtsmann es so eilig hatte. Grantelbart musste sofort davon erfahren! Aber erst könnte er ja hier ein wenig Verwirrung stiften....

Als der Weihnachtsmann mit seinen Gehilfen über beide Städte flog, hätte man glauben können, dass der Weihnachtszauber gerade hier am stärksten zu spüren war. Lichter- und Funkelstadt waren zwar nur zwei Kleinstädte, aber schon lange für ihre Weihnachtslichter berühmt – und auch berüchtigt! Der Weihnachtsmann erzählte den jüngeren Rentieren, wie das alles seinen Anfang genommen hatte. „Irgendwann hatte ein Bewohner von Lichterstadt damit angefangen, sein Haus  über und über mit Lichterketten prächtig zu schmücken. Das war ein Anblick!“ Der Weihnachtsmann lachte. „Ich erinnere mich noch sehr gut daran. Du müsstest es auch noch wissen, Donner!“
„Natürlich!“, antwortete das alte Rentier. „Ich war fast geblendet!“
„Lichterglanz vom Dach bis zu den Stufen!“, erzählte der Weihnachtsmann. „Es war das einzige Haus, dass so reich geschmückt war. Ein Jahr darauf ging es mit dem Garten weiter, und ein paar Jahre darauf fingen die Nachbarn damit an. Aber nicht aus Neid – sie fanden es einfach schön. So ging es von Haus zu Haus weiter, und schließlich fing die Nachbarstadt genauso an. Die Städtchen wurden mit den Jahren zu einer richtigen Attraktion. Und dann fingen die Städte an, sich gegenseitig zu übertrumpfen – und die Bewohner, sich untereinander zu streiten. Aber Weihnachten haben sie immer besinnlich gefeiert. Bis jetzt. Ich hätte nie geahnt, dass das so schlimm wird. Ach, seht mal! Wir sind ja schon da!“
„Wirklich unglaublich!“, hauchten aller voller Bewunderung, als sie die leuchtenden Dächer und Schornsteine sahen.
„Wenn ich es nicht besser wüsste, würde ich glauben wir wären in Las Vegas!“, rief Jordi ungläubig. „Es hat sich verändert seit letztem Jahr. Es ist noch viel bunter geworden!“
„Aber was das für Strom verbraucht!“
„Tja, das ist allerdings der Nachteil", sprach der Weihnachtsmann,  „Aber ich hoffe einfach darauf, dass die Leute in dem Punkt vernünftig sind. Man muss das Licht ja nicht die ganze Nacht hindurch brennen lassen.“
„Wisst ihr“, sagte Guilfi nachdenklich, „eigentlich finde ich, dass weniger mehr gewesen wäre.“
„Also ich finde es schön!“, meinte Jordi, aber auch Trixi war skeptisch. Es war ein wenig zuviel des Guten. „Einige Sachen finde ich auch ziemlich kitschig“, sagte sie und sie zeigte, während sie an den Dächern vorbeiflogen, auf einen Vorgarten, der voller leuchtender Plastikelfen war. Zumindest sollten es Elfen darstellen: Sie waren lila, hatten riesige, spitze Ohren und große, grüne Kulleraugen. „Da würde ich mich ja gruseln, wenn ich sowas im Vorgarten stehen hätte“, sagte Jordi.
„Über Geschmack lässt sich nun einmal streiten“, sprach der Weihnachtsmann. „Es ist der Gedanke, der zählt.“
„Dann möchte mal wissen, was sich die Leute dabei gedacht haben“, und Jordi deutete auf ein ziemlich modernes Kunstwerk: Das Einzige was man richtig erkennen konnte, war der Schlitten, denn der sah noch ziemlich normal aus. Aber auf ihm saß ein großer, rotweißer krummer,  eckiger Klotz mit einem langen Bart und einer spitzen Mütze obendrauf.
„Ich glaube, das du sollst du sein, Weihnachtsmann!“, kicherte Trixi. „Und das sollen wohl Rentiere darstellen, wie?“ Vor dem Schlitten standen drei, große braune Klötze auf vier krummen Beinen und mit zwei schiefen Geweihen auf dem Kopf. Ein Rentier hatte eine viereckige, rote Nase.
„Moderne Kunst“, meinte Donner.
„Modern ja, aber Kunst?“, urteilte Blitz.
„Igitt!“, schimpfte Rudolf.
„Nana“, sagte der Weihnachtsmann. „Wir sind nicht hier um über Geschmack zu urteilen, sondern um den Weihnachtszauber wiederherzustellen. Jetzt müssen wir erst einmal landen. Da hinten ist der Wald.“

Sie landeten am Waldrand, versteckten den Schlitten sicher hinter den dichten Tannenbäumen und banden die Rentiere los. Danach ging der Weihnachtsmann mit seinen Elfen auf Funkelstadt zu. So gingen sie von Haus zu Haus und sahen sich die geschmückten Häuser an.
Der Lichterglanz, der ihnen entgegenstrahlte, war so hell, dass den Elfen und dem Weihnachtsmann nach kurzer Zeit die Augen flimmerten.
„Wir hätten Sonnenbrillen mitbringen sollen!“, stöhnte Jordi.
Der Weihnachtsmann blinzelte. „Mir tun jetzt schon die Augen weh!“
„Trotzdem ist es ganz entspannend“, meinte Guilfi zu Jordi leise, „und wir haben endlich mal eine lange Pause von der Arbeit.“ Jordi grinste.
Die Drei gingen jetzt auf einen Mann zu, der im Garten stand und sein bunt geschmücktes Haus begutachtete. Auf dem Dach war eine übergroße und leuchtende Weihnachtsmannfigur befestigt. Sie leuchtete und blinkte in allen Farben.
„Das sieht doch schon sehr gut aus“, meinte der Weihnachtsmann anerkennend zu dem Mann. Der Mann drehte sich um und rief ärgerlich: „Ach ja? Das finde ich gar nicht. Und mischen Sie sich da mal nicht ein, ja?“
„Hm - ich wollte ja nur meine Meinung sagen.“
„Das sollten Sie lieber bleiben lassen. Es sei denn, Sie sind der Preisrichter. Aber dafür wäre es noch zu früh. Außerdem bin ich Leuten gegenüber misstrauisch, die zu lange an meinem Haus rumlungern. Wohlmöglich wollen Sie meine Ideen klauen, was?“
„Das habe ich gar nicht vor“, sagte der Weihnachtsmann leicht entrüstet.
„Na, weiß man's?“
Gerade kamen zwei Kinder aus dem Haus gelaufen. Zwei Jungs im Alter von etwa sieben und zehn Jahren. Sie hatten nämlich den Weihnachtsmann und seine Elfen gleich erkannt und wollten ihn begrüßen. Aber die Erwachsenen hatten andere Pläne, und dass der echte Weihnachtsmann in der Nähe war, wussten sie nicht.
„Gut, dass ihr kommt!“, rief der Mann gleich aus dem Garten. „Steigt sofort in den Wagen, wir fahren los und kaufen Lichterketten.“
„Schon wieder?!“, rief der Kleine. „Aber wir haben doch schon so viel an unserem Haus!“
„Und in der ganzen Stadt sind bestimmt keine mehr zu kriegen!“
„Ruhe! Ich will nichts hören!“, rief der Vater energisch. „Soll unsere Stadt den Preis gewinnen oder nicht?“
„Ist mir schnuppe“, meinte der ältere Junge. „Aber das da, das ist der Weihnachtsmann!“
„In der Stadt sehen wir dutzende von Weihnachtsmännern! Los! Einsteigen! Bevor die Läden schließen!“ Genervt schob der Vater die beiden Sprösslinge vor sich her.
„Seid nicht traurig!“, rief der Weihnachtsmann und winkte ihnen zu. „Das Fest wird wunderschön, ihr werdet sehen!“ Die Kinder winkten zurück, aber machten dabei noch immer traurige Gesichter.
„Weihnachten, das Fest der Liebe“, seufzte Jordi. „Das scheint hier nicht zu gelten.“
„Wenn unsere Stadt gewinnt“, sprach der Vater laut, der den Kommentar gehört hatte, „dann bin ich der glücklichste Mensch auf der Welt und dann kann ich auch Liebe verschenken. So einfach ist das.“ Dann stiegen sie ins Auto und fuhren los. Auf dem Rücksitz winkten die Kinder dem alten Mann und seinen Elfen zu. Die winkten zurück. Der Weihnachtsmann seufzte traurig.

Danach gingen sie weiter von Haus zu Haus und überall bot sich ihnen ein gleiche Bild. So sehr die Gebäude auch strahlten und blinkten, keiner der Hausbesitzer war zufrieden mit seinem Meisterwerk. Immer waren sie der Meinung, dass etwas fehlen würde. Und immer gab es Streit.
„Ist das alles, was du zu bieten hast? Glaubst du wirklich, dass unsere Stadt mit diesen armseligen Lichtchen gewinnt, die du da auf dem Dach hast?“, verhöhnte jemand seinen Nachbar. „Pack' doch noch ein paar Lichterketten drauf!“
„Kann ich nicht“, rief der andere Nachbar zurück. „Ich hab' fast kein Geld mehr – das reicht nur noch für das Festessen. Oder glaubst du, dass ich und meine Familie an Weihnachten hungern wollen?“
„Wieso? Ihr könnt euch doch eine Packung Fischstäbchen teilen! Wenn wir wegen deiner lausigen Dekoration verlieren, dann...“
„Und wer bezahlt mir die Stromrechnung? Du vielleicht?“
Woanders hörte man plötzlich eine Frau keifen: „JETZT SIND SCHON WIEDER DIE SICHERUNGEN RAUSGESCHPRUNGEN! So wird das nie was!“
„Mama, nicht aufregen!“, meinte die  viel gelassenere Tochter. „Du, es ist schon fast sieben Uhr – wann gibt es denn Abendessen?“
„Es gibt überhaupt kein Essen! Nicht mal eine Schnitte Brot wird es geben, wenn ich das hier nicht zum leuchten kriege!“, fauchte sie ihre kleine Tochter an. Der Weihnachtsmann war entsetzt. Stress vor Weihnachten war ja nichts Neues, und einen kleinen Streit konnte es schon mal geben. Aber das hier war einfach schrecklich!

Inzwischen hatte sich unter den Kindern schnell herumgesprochen, dass der echte Weihnachtsmann mit seinen Elfen in der Stadt war. Als das kleine Mädchen den Kopf drehte und zum Zaun sah, erkannte sie ihn sofort und schöpfte sogleich Hoffnung. Sie lief auf ihn zu. „Hallo Weihnachtsmann! Du musst mir helfen! Meine Mama sagt, dass Weihnachten für uns ausfällt, wenn wir nicht mithelfen. Sie ist immer nur am schimpfen, man kann mit ihr überhaupt nicht mehr reden. Früher war sie nicht so.“
Jetzt kamen die Kinder von allen Seiten auf sie zugelaufen. Sie hatten sich heimlich weggeschlichen. Ein Junge, der schon beinahe im Teenageralter war, sprach weiter: „Das ist in den letzten Jahren immer schlimmer geworden. Obwohl es vorher nie einen Wettbewerb gegeben hat, sind sich die Leute mit ihren Dekorationen gegenseitig auf die Nerven gegangen. Immer hieß es: „Unsere Stadt ist schöner als eure, unsere Stadt ist besser...“ und dann hatten die Bürgermeister diese Idee mit dem Wettbewerb. Es sollte endgültig und für alle Zeiten entschieden werden, welche Stadt die schönste Dekoration hat.“
„Diese Idee war nett gemeint, aber sie bewirkt das Gegenteil“, sagte Jordi.
Der Junge nickte. „Du sagst es. Seit die Leute von diesem Wettbewerb wissen, spielen sie alle verrückt. In der Nachbarstadt ist es nicht anders. Das hat mir ein Freund erzählt, der wohnt da.“
„Aber wenn der Wettbewerb doch erst mal vorbei ist“, sagte der Weihnachtsmann, „dann wird doch Ruhe einkehren, denke ich?“
„Nein“, sagte der Junge. „Das wird der Anfang vom Ende. Mein Opa hat mir erzählt, dass die Leute schon immer neidisch aufeinander waren. Er meint, an Weihnachten wird der Streit erst richtig losgehen. Und danach wird es immer so bleiben.“
„Wie ich gesagt habe!“, bestätigte Trixie, „Die Sieger werden nur noch angeben und die Verlierer für alle Zeiten traurig und wütend bleiben. Und nie mehr Weihnachten feiern wollen.“
Der Junge seufzte. „Wenn ich älter wäre, würde ich hier wegziehen. Das macht doch alles keinen Spaß mehr.“ Es standen jetzt bestimmt zwanzig Kinder um den Weihnachtsmann herum, und alle stimmten dem Jungen zu. „Ich musste schon im Sommer mithelfen, Lichterketten zu befestigen!“, rief ein anderes Kind.
„Ich auch!“, rief ein Mädchen, „Ich auch!“
„Ich musste immer sofort schmücken helfen, sobald ich von der Schule kam“, erzählte ein Junge. „Deswegen habe ich auf dem Nachhauseweg immer ein wenig getrödelt. Jetzt holt mich mein Vater immer sofort von der Schule ab. Schule, Essen, Hausaufgaben machen, dann schmücken helfen bis zum Abend. Ich darf nicht mehr raus zum spielen.“
„Und die Erwachsenen streiten immer“, erzählte ein anderes kleines Mädchen mit langen schwarzen Zöpfen. „Und wir dürfen mit unseren Freunden aus der Nachbarstadt nicht mehr reden und spielen.“
„Ich schon!“, entgegnete ein Junge mit strubbeligen Haaren und Sommersprossen, „Ich muss das sogar. Und dann muss ich erzählen, wie das Haus meines Freundes aussieht. Ich bin ein Spion, müsst ihr wissen! Aber meinen Eltern erzähle ich immer etwas anderes. Ich verrate doch nicht meinen besten Freund...außerdem ist mir das alles sch...ich meine, total egal.“
„Ich habe schon richtig Angst vor Weihnachten“, sprach ein Mädchen bedrückt. „Ich habe  Bauchschmerzen, wenn ich daran denke. Und mein Bruder auch.“ Der Weihnachtsmann nahm das Kind auf den Arm. Angst vor dem Fest der Liebe! Dem alten Mann brach es das Herz. Der Weihnachtsmann zwirbelte sehr nachdenklich seine rechte Bartspitze. Ein kleiner Junge drückte sich ängstlich an ihn. „Du wirst uns doch helfen, oder?“
„Natürlich werde ich das. So wahr ich der Weihnachtsmann bin!“ Er setzte das kleine Mädchen ab. „Ich werde mit euren Eltern reden, und zwar auf der Stelle.“
„Ja, bist du dir denn sicher, dass das ausreichen wird?“, fragte Guilfi etwas zweifelnd. „Du hast ja gesehen, wie gestresst die sind.“
„Wenn in ihrem Herzen noch etwas ist, was sie an den wahren Geist der Weihnacht erinnert, dann wird das ausreichen. Und sobald sie mich sehen, werden sie sofort daran erinnert.“
„Die haben die vorhin aber gar nicht wiedererkannt“, meinte jetzt Jordi.
„Naja, sie dachten eben, ich bin ein einfacher Mann in Verkleidung. Kinder hingegen wissen sehr genau, wer der richtige Weihnachtsmann ist. Erwachsene haben es da schwerer. Wenn sie älter werden, verlieren sie manchmal das Gespür dafür. Das heißt aber nicht, dass sie mich vollkommen vergessen.“
„Wir werden dich nie vergessen!“, versprach das kleine Mädchen. „Nie, nie, nie!“
„Dann sollten wir schnell damit anfangen und den Leuten ins Gewissen reden“, sprach Trixi ungeduldig. „Die Zeit läuft uns davon und Balbo möchte ich in der Werkstatt auch nicht zu lange allein lassen. Er weiß vor Arbeit sicher nicht mehr ein noch aus!“
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