What we choose

KurzgeschichteRomanze / P12 Slash
Sawamura Eijun
24.12.2015
24.12.2015
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Daiya no Ace und alle in dieser Geschichte vorkommenden Charaktere sind geistiges Eigentum von Terajima Yūji.

Überraschung! (nicht) Ein ganz kleines, etwas ausgeartetes ChrisSawa für die liebe Vroni, weil doch heute Heiligabend ist und ich einfach mal Danke sagen wollte – für so viele witzige, coole Jahre und für das beste WG-Leben ever, haha. :D Wir schenken uns ja eigentlich nichts zu Weihnachten, deshalb hat sie diese Fanfic schon seit vorgestern - und für den Rest von euch gibt es sie an Heiligabend. :)

Chris ist ein Charakter, der mir immer ziemlich schwerfällt, aber der mir auch viel Spaß macht, deshalb habe ich das Schreiben sehr genossen. (Und vielleicht meine Hausarbeit vernachlässigt. Verratet’s nicht weiter.) Und ich habe über mich selbst gelernt, dass ich sehr ungern Dialoge schreibe, weshalb ich beim Überarbeiten ganz viel wörtliche Rede in Fließtext umgeschrieben. :'D Ich hoffe, dass es euch gefällt – vor allem dir, liebe Vroni.

Viel Spaß!

_________

Seidō sah immer noch genauso aus wie vor zwei Jahren, als er seinen Abschluss gemacht hatte. Das Wohnheim, das Schulgebäude, die Sportplätze… Und überall Schüler und der ein oder andere Lehrer, schwatzend, lachend, während vom Baseballfeld das Geräusch von Bällen, die an Schläger prallten, zu hören war. Nicht viel hatte sich verändert; gar nichts, um ehrlich zu sein – abgesehen von vielen neuen Gesichtern der neuen Schüler, die Chris natürlich nicht kennen konnte, weil sie erst nach seinem Abschluss an diese Schule gekommen waren. Auch wenn der ein oder andere von ihnen ihn zu kennen schien, denn als er langsam über das Gelände ging, folgte ihm hin und wieder leises Geflüster.
Kanemaru war die erste vertraute Person, der er begegnete. Nicht zufällig, denn Kanemaru war auch derjenige gewesen, der ihn eine Woche zuvor kontaktiert und um Hilfe gebeten hatte. Chris hatte nicht einmal fragen müssen, um welche Art Hilfe es sich handelte, denn wenn Kanemaru – zu dem er sonst wenig bis keinen Kontakt pflegte – direkt dazu überging, ihn anzurufen, gab es nur einen möglichen Schluss: Sawamura. Chris hatte gemutmaßt und er hatte damit Rech behalten.
„Danke, dass du gekommen bist“, sagte Kanemaru zu ihm, nachdem sie einander begrüßt hatten. „Wir wissen wirklich nicht mehr, was wir mit ihm machen sollen. Selbst Kominato ist verzweifelt.“
Und dabei konnte Chris sich gut daran erinnern, dass Ryōsukes kleiner Bruder immer gut mit Sawamura ausgekommen war und dass sie sich gut verstanden; wenn er Kanemarus Worten aber Glauben schenken konnte – und das tat er – dann wurde ihm bewusst, wie richtig die Entscheidung gewesen war, sich einen Tag frei zu nehmen, um persönlich hierher zu fahren. Nicht, weil er dem Team und Sawamura selbst nicht zutrauen würde, Probleme selbst lösen zu können, aber weil er ziemlich sicher war, dass einiges dazugehören musste, wenn selbst Kominato und Kanemaru nicht mehr weiterwussten.
Er versprach, dass er versuchen würde, sich darum zu kümmern. Das hatte er schon am Telefon getan, aber vor einer Woche hatte es noch nicht so ernst geklungen, wie Kanemaru es jetzt darstellte.
„Danke“, sagte Kanemaru ernst, als sie sich auf den Weg zum Feld machten. Die erste Mannschaft trainierte noch – was Chris absolut nicht verwunderte – und Kanemaru hatte sich nur für ein paar Minuten entschuldigt, was bedeutete, dass er jetzt zurückmusste. Chris folgte ihm, nur um festzustellen, dass es noch mehr Dinge auf Seidō nicht verändert hatten: das Training als solches – und Sawamura, denn das erste, was Chris hörte, als er sich an den Spielfeldrand stellte, um unbemerkt eine Weile zuschauen zu können, war Sawamuras Geschrei.
Doch obwohl Sawamura sich in seiner Lautstärke und seinem Verhalten anscheinend kaum verändert hatte, hatte er sich gleichzeitig doch sehr verändert: er war gewachsen. Nicht körperlich – zumindest nicht nur – sondern vor allem als Sportler, als Pitcher und genau deswegen war Chris heute hier. Denn Sawamuras Wachstum hatte eine Welle von Scouts nach sich gezogen, die nur seinetwegen zu den Spielen kamen, die ihm beim Training zuschauen wollten und die ihn in ihre Teams einluden, ganz gleich, ob diese Teams nun zu Universitäten gehörten oder professionelle Ligen spielten. Und demnach zu urteilen, was Kanemaru ihm am Telefon erzählt hatte, war Sawamura damit gelinde gesagt überfordert. Und Chris, der von sich behaupten würde, Sawamura inzwischen sehr gut zu kennen, hatte daran keinen Zweifel. Sawamura stand zwar automatisch im Mittelpunkt und neigte dazu, schnell aufzufallen; doch es waren zwei grundverschiedene Dinge, im Mittelpunkt zu stehen und mit der Aufmerksamkeit, ein begehrter Sportler zu sein, umgehen zu können – auch wenn es Sawamuras hohe Ambition gewesen war, ein begehrter Sportler zu werden. Dass es wirklich passiert war, musste ihn tatsächlich überfordern, auch wenn Chris der Ansicht war, dass er in der Lage war, damit fertig zu werden. Sawamura konnte Dinge schaffen, das hatte er schon mehrfach eindrucksvoll bewiesen und meistens brauchte er dazu nichts weiter, als einen kleinen Anstoß.
Deswegen war Chris heute hier: um ihm diesen Anstoß zu geben. Allerdings nicht sofort, denn er wollte zumindest noch einen Moment am Zaun stehen und zuschauen; zuschauen, wie das Training ablief, wie die Schüler, die er als Firstyears kennengelernt hatte, sich entwickelt hatten. Abgesehen von Sawamura hatte er keinen von ihnen nach seinem Abschluss mehr als nur zufällig getroffen und natürlich wollte er wissen, wie sie sich verändert hatten, zumal er schon mehrfach von Sawamura gehört hatte, wie erfolgreich Seidō inzwischen geworden war.
Nicht, dass er das nicht auch so gewusst hätte, denn er besuchte Seidōs Spiele, wann immer er konnte.
Er war ein bisschen stolz auf seine ehemaligen Kōhai, wenn er ehrlich war. Sie mussten in den letzten zwei Jahren hart gearbeitet haben, um dorthin zu kommen, wo sie heute standen, und deswegen meldete sich doch sein schlechtes Gewissen, als er ihr Training unterbrach.
Dabei tat er das nicht einmal mit Absicht. Er hatte warten wollen, bis der Coach sie für den Abend freistellte, aber diese Rechnung hatte er ohne Sawamura gemacht; was er vielleicht nicht hätte tun sollen, weil er doch wusste, dass Sawamura schon immer extrem aufmerksam gewesen war, wenn es um Chris ging. Deshalb war es sicherlich kaum verwunderlich war, dass Chris nur knapp zehn Minuten damit verbringen konnte, das Training zu beobachten, bevor Sawamuras „Chri…Chris-senpai!“ den gesamten Ablauf durcheinanderbrachte, weil das komplette Team sich zu ihm umdrehte – die Thirdyears vermutlich, weil sie ihn kannte, und alle anderen, weil sie neugierig sein mussten, was Sawamuras Aufmerksamkeit so sehr auf sich zu ziehen vermochte.
Das erste, was Chris tat, war, sich beim Coach zu entschuldigen; dafür, dass er das Training störte und dafür, dass Sawamura das Training störte. Dann erst drehte er sich zu Sawamura um, der ihn aus großen Augen strahlend ansah und das einzige, was Chris in diesem Moment zu sagen vermochte – ganz reflexartig, ohne vorher darüber nachzudenken, weil es einfach natürlich war – war: „Bist du bereit, mir ein paar Bälle zu werfen?“
Sawamura war natürlich bereit dazu und nachdem Coach Kataoka ihnen sein Okay dafür gab, bekam Chris einen Handschuh in die Hand gedrückt – von Kominato, der sich höflich und zurückhaltend für sein Kommen bedankte; und leise fügte er hinzu, dass Sawamura dringend Unterstützung brauchte. Chris konnte das Gefühl nicht abschütteln, dass es eine doch etwas ernstere Lage sein musste – aber er vertraute darauf, dass Sawamura das schaffen konnte.
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Für Sawamura zu catchen dauerte viel länger, als er sich vorgenommen hatte. Nicht, dass er sich überhaupt vorgenommen hatte, für ihn zu catchen – aber er hätte auch ahnen können, dass es dazu kommen würde. Denn für Sawamura zu catchen hatte schon immer Spaß gemacht und es machte auch heute noch Spaß; und es war interessant, zu sehen, was für ein großartiger Pitcher er geworden war. Sein Arm schwang immer noch sehr spät, aber jeder seiner Würfe war zielgerichtet und kraftvoll. Für einen Batter musste es schwierig sein, diese Bälle zu treffen, aber sie als Catcher zu fangen war leicht geworden; kein Wunder, dass Sawamura bei so vielen Scouts hoch im Kurs stand.
Denn es lag nicht allein daran, dass er sich so sehr verbessert hatte, sondern vor allem daran, dass er noch immer Potential nach oben besaß. Er war vielversprechend. Er konnte weiterhin wachsen. Und obwohl Chris schon vor zwei Jahren bemerkt hatte, dass Sawamura Potential besaß, konnte er inzwischen nicht mehr einschätzen, wohin dieses Potential noch reichen sollte. Er war sich allerdings sehr sicher, dass er es erleben würde; wenn auch nicht aktiv, als Catcher.
Ein bisschen hatte er es schon vermisst, jemandes Catcher zu sein – Sawamuras Catcher zu sein. Er unterstützte das Team seiner Universität als Manager, aber aktiv gespielt hatte er seit der High-School nicht mehr. Er hatte sich daran gewöhnt und war damit sehr zufrieden, aber zu catchen erschien ihm doch wie eine willkommene Abwechslung.
Und für Sawamura schien es auch wichtig, dass Chris das für ihn tat – zumindest erwähnte er, als sie schließlich zum Ende kamen, immer wieder, wie sehr er es vermisst hatte, während er sich überschwänglich dafür bedankte, dass Chris extra den Weg auf die Seidō High auf sich genommen hatte, nur, damit Sawamura ihm ein paar Bälle werfen könnte.
Natürlich war Chris nicht deswegen hier – und das sagte er Sawamura auch. Das Strahlen auf Sawamuras Gesicht flackerte und erlosch dann und Chris versuchte, ihn mit einem Lächeln ein bisschen aufzumuntern.
„Gehen wir ein Stück“, bat er. Sawamura schluckte. Ihm war anzusehen, dass es in seinem Kopf arbeitete, aber dann nickte er und gemeinsam machten sie sich auf den Weg. Ziellos, aber immerhin nur zu zweit und das allein war schon viel Wert, denn Zweisamkeit hatten sie in letzter Zeit selten gehabt.
Auf dem Weg hierher hatte Chris sich viele Gedanken über das gemacht, was er Sawamura sagen wollte. Zu vielen zufriedenstellenden Antworten war er dabei nicht gekommen, aber zumindest zu dem Schluss, dass Sawamura seine eigene Entscheidung treffen musste, die Chris ihm nicht abnehmen konnte – oder wollte. Er rechnete nicht einmal damit, viel sagen zu müssen. Er wollte nicht einmal viel sagen. Sawamura musste für sich selbst einen Weg finden – und Chris würde ihn in allem unterstützen, was er sich vornahm und für richtig erachtete.
Auch dann, wenn Sawamura sich dazu entscheiden sollte, Tokyo zu verlassen.
Ein anderer Schluss, zu dem Chris auf dem Weg hierhergekommen war, war, dass er seine Bedürfnisse zu keiner Zeit über die Sawamuras stellen würde. Die Hoffnung, Sawamura würde in Tokyo bleiben, konnte er zwar nicht gänzlich unterdrücken, aber er wollte sie sich auch nicht erlauben; denn Sawamura liebte Baseball und er hatte eine Chance, die er nutzen sollte. Das war Chris‘ oberste Priorität. Alles andere kam erst danach.
„Dein Pitching ist viel sicherer geworden.“ Da er zu keinem Schluss gekommen war, was er zu Sawamura sagen wollte, beschloss er, dass es nicht verkehrt sein konnte, ihn für seine Entwicklung zu loben. Es war ein verdientes Lob, fand er, und eines, das – sehr zu seiner Erleichterung – Sawamuras Gesicht ein bisschen aufhellte. „Du hast dich sehr verbessert.“
Nicht, dass er das nicht schon gewusst hätte, denn immerhin besuchte er Seidōs Spiele, wann immer er es einrichten konnte. Aber ihm von der Tribüne aus zuzuschauen, war eine Sache – seine Würfe selbst zu fangen eine ganz andere. Besser, würde Chris behaupten.
Sawamura bedankte sich sehr überschwänglich und beteuerte, dass er ohne Chris nie so weit gekommen wäre – und Chris wagte das zwar zu bezweifeln, weil er viel von Sawamuras Wachstum Miyuki zuschieben würde, hütete sich allerdings davor, das auszusprechen. Stattdessen unterhielten sie sich eine Weile über Nichtigkeiten: über das Training, über die Schule, darüber, dass sie beide in letzter Zeit sehr viel zu tun hatten, bis Chris schließlich die Frage stellte, wegen der er hier war: „Weißt du schon, was du nach der High-School machen willst?“
Sawamuras Augen weiteten sich überrascht. „Ich…“, begann er, unterbrach sich dann und biss sich auf die Unterlippe. Dann lachte er, aber wirklich froh klang er dabei nicht. „Ich habe ein paar Sachen in Aussicht. Ein Scout hat für mich angerufen.“
Ein Scout, dachte Chris. Schon seit längerem hatte er vermutet, dass Sawamura ihm nur die halbe Wahrheit erzählte, wenn sie über die Zukunft sprachen. Denn Sawamura pflegte zu behaupten, dass es ihm gut ginge und dass er ein paar Dinge in Aussicht habe und dass er sich sicher bald entscheiden würde – nachdem Chris aber nun von Kanemaru gehört hatte, dass Sawamura schlecht schlief und beim Training und im Unterricht häufig abgelenkt und unkonzentriert war, hatte seine Vermutung sich bestätigt: Sawamura hatte viel größere Schwierigkeiten, als er zugeben wollte.
Nicht, dass Chris ihm einen Vorwurf machen würde, denn Sawamura hatte sicherlich Gründe, warum er ihn damit nicht behelligen wollte. Aber dass er Gründe hatte, würde auch nichts daran ändern, dass Chris hier war, um ihm zu helfen. Und deshalb blieb er stehen, sah Sawamura direkt an und sagte: „Sawamura. Kanemaru hat mir erzählt, was los ist. Ich weiß Bescheid. Es ist okay.“
Sawamuras Augen weiteten sich, erst überrascht, dann erschrocken. Er ballte seine Hände zu Fäusten, dann senkte er den Blick, als wäre er beschämt. Chris hatte noch nie so sehr das Bedürfnis gehabt, ihn in den Arm zu nehmen – aber für den Moment ließ er es bleiben, denn Sawamura schluckte und räusperte sich.
„Chris-senpai“, setzte er an. „Ich wollte dich nicht anlügen.“ Seine Stimme war sehr leise. Chris hatte ein sehr merkwürdiges Gefühl; das letzte Mal, als er Sawamura so demütig gesehen hatte, lag schon über zwei Jahre zurück – lange bevor sie einander so nah gestanden hatten. „Es ist nur… Du hast so viel zu tun und ich… Ich wollte nicht, dass du dich um meine Probleme kümmern musst. Ich kann… Ich…“ Er brach ab und seine Hände zitterten, als würde er mit sich selbst ringen – oder mit Worten.
„Sawamura“, sagte Chris ruhig, unterbrach sich dann und korrigierte: „Eijun.“ Sawamura zuckte – denn normalerweise nannte Chris ihn nicht bei Vornamen. In diesem Moment jedoch erschien es ihm als die einzig richtige Lösung. „Ich bin nicht hier, um dir einen Vorwurf zu machen. Ich verstehe dich. Es ist okay. Okay?“
„Aber ich…!“, setzte Sawamura erneut an, diesmal lauter als zuvor, schien aber nicht genau zu wissen, was er sagen wollte. Das Bedürfnis, ihn einfach in den Arm zu nehmen und ihn für einen Moment von der Schwierigkeit, über die Zukunft zu entscheiden und von seinen Sorgen und Gedanken abzuschirmen, wurde für Chris nicht geringer. Aber sie waren immer noch auf dem Gelände der Schule und obwohl die meisten der hier lebenden Schüler nicht mehr unterwegs waren, mahnte Chris sich zur Ordnung. Das Gefühl, Sawamura im Regen stehen zu lassen konnte er jedoch nicht ganz abschütteln und deshalb trat er einen Schritt auf ihn zu, um ihm mit der Hand über die Wange zu streichen. Nur kurz, aber es reichte, um zu bemerken, dass Sawamura zitterte.
Ein bisschen wie damals, als Chris selbst noch hier zur Schule gegangen war.
„Es ist okay“, sagte er deshalb noch einmal, entweder, um Sawamura zu beruhigen – oder um sich selbst davon abzuhalten, Sawamura nun doch noch in den Arm zu nehmen. Er wusste es selbst nicht so genau. „Okay?“ Und als Sawamura langsam nickte, fügte er hinzu: „Wie viele Scouts sind es wirklich?“
„Ich weiß es nicht“, antwortete Sawamura und klang dabei ein wenig bedrückt. „Viele. Sie kommen zu jedem Spiel – und je wichtiger das Spiel ist, desto mehr sind es. Sie kommen aus ganz Japan.“
Kein Wunder, dass es ihn überforderte. Er war 18 und bisher hatte es in seinem Leben nichts Anderes gegeben als seine Begeisterung dafür, Pitcher zu sein. Dass seine Zukunft plötzlich von dieser Begeisterung abhing, konnte wohl kaum einfach sein und sicher brauchte er vor allem Zeit, um zu verstehen, welcher Wirbel um seine Person entstand – Zeit, die er noch hatte und die er sich nehmen musste, bevor er sich kopfüber in etwas stürzen würde, das ihn auf Dauer nicht glücklich machen würde. Theoretisch stand ihm die ganze Welt offen – aber das zu nutzen würde etwas mehr erfordern, als nur seine Begeisterung für Baseball.
Chris konnte nicht mehr einschätzen, wie oft er das an diesem Tag schon gedacht hatte, aber er glaubte daran, dass Sawamura auch das meistern konnte.
„Ich hätte es dir gesagt“, sprach Sawamura weiter. Seine Stimme klang ein bisschen fester und sicherer als vorher, wenngleich noch längst nicht so, wie sonst. „Später. Wenn ich eine Entscheidung getroffen hätte. Ich hab‘ gedacht, ich schaffe es alleine.“
„Du wirst es schaffen. Die Entscheidung, vor der du stehst, ist nicht einfach und es ist normal, Zweifel zu haben – wir alle hatten Zweifel. Aber du wirst es schaffen. Ich glaube an dich – und ich bin hier, um dir zu helfen.“
Jetzt lächelte Sawamura tatsächlich. „Danke“, sagte er und klang so aufrichtig wie eh und je. „Ich wollte es unbedingt alleine machen, aber… Ich weiß nicht mal, ob ich auf eine Universität oder in die Profiliga möchte. Woher weiß ich, was das richtige für mich ist? Ich möchte einfach nur weiterhin Baseball spielen.“
„Dann weißt du doch schon, was das richtige für dich ist“, erwiderte Chris. „Du willst Baseball spielen – und wo du es spielst, ist erstmal nebensächlich.“
Daran zweifelte Sawamura. Natürlich zweifelte er daran. Das dritte High-School Jahr – Chris konnte sich noch sehr gut daran erinnern – war von Lehrern geprägt, die bei jeder Gelegenheit nachfragten, was ihre Schüler nach der High-School zu tun gedachten. Sawamuras Liebe zum Baseball war nach wie vor so ungetrübt und rein, wie vor zwei Jahren, als er als lauter, anstrengender, unreifer Pitcher hierhergekommen war und es überraschte Chris nicht, dass es ihm weiterhin das wichtigste war, spielen zu können. Und spielen sollte er. Dafür waren all die Scouts zu seinen Spielen gekommen, dafür luden sie ihn auf ihre Universitäten und in ihre Teams ein.
Aber von diesen Zweifeln, die er berechtigterweise hegte, durfte er sich nicht beeinflussen lassen – auch wenn es schwer war. Auch wenn er Sorgen hatte, weil andere aus dem Team schon genau wussten, wohin sie gehen würden. Kominato und Kanemaru hatten schon Pläne, Universitäten, die sie anstrebten, erzählte er, während er nicht einmal wusste, was für ihn überhaupt in Frage käme.
Und daran maß er sich. An Kominato und Kanemaru, die beide Pläne hatten – was Chris im Grunde überhaupt nicht wunderte, was für Sawamura aber dennoch keine gute Messlatte war, denn Kominato und Kanemaru waren nur zwei Personen und sicherlich nicht die einzigen Thirdyears in diesem Team. Oder auf dieser Schule.
„Weiß Furuya denn schon, was er machen möchte?“, stellte er deshalb eine Zwischenfrage.
„Furuya“, echote Sawamura. „Furuya… Für Furuya ist es schwer. Er weiß nicht, wohin er gehen will. Vielleicht auf die gleiche Universität wie Miyuki, aber… er weiß es noch nicht. Zumindest hat er noch nichts gesagt.”
Chris hielt es für sehr wahrscheinlich, dass Furuya es einfach noch nicht wusste, weil die wenigsten Schüler im Sommer schon genau im Auge hatten, wohin sie gehen würden. Chris selbst hatte im Sommer nur darüber nachgedacht, auf Seidō seinen Abschluss zu machen, gemeinsam mit seinen Freunden, die er hier gehabt hatte. Als er Sawamura davon erzählte, schaute der ihn an, als könne er nicht glauben, was er grade hörte.
„Du hast nicht gewusst, was du machen möchtest?“, fragte er.
„Im Sommer noch nicht“, sagte Chris. „Später ging alles ganz von allein und ich habe meine Entscheidung bis heute nicht bereut, aber im Sommer hatte ich noch keinen genauen Plan. Nur Ideen, und daraus hat sich alles von ganz allein entwickelt.“
„Ist es wirklich so einfach?“, fragte Sawamura. Aber einfach war nun wirklich nicht das richtige Wort, um diese Entscheidung zu beschreiben.
„Das habe ich nicht gesagt“, antwortete Chris und schüttelte leicht den Kopf. „Es ist nicht einfach, aber es ist machbar, wenn du weißt, worauf du Wert legst.“
Worauf er Wert legte, wusste Sawamura natürlich: auf Baseball. Das hatte er bereits zweimal erwähnt und es wunderte Chris überhaupt nicht, dass er darin so sicher wirkte. Doch diesmal fügte er noch etwas hinzu: „Es ist mir wichtig, Baseball mit Menschen zu spielen, die mir am Herzen liegen.“
Vielleicht wäre es für ihn eine Option, an eine der Universitäten zu gehen, an die Kominato oder Kanemaru gingen. Beide, das wusste Chris, waren sehr gute Freunde von ihm und wenn das seine Entscheidung stützen würde, dann konnte seine Entscheidung allein dadurch gestützt werden.
Sawamura war allerdings alles andere als begeistert von diesem Vorschlag.
„Ich meine nicht Harucchi!“, sagte er aufgebracht. „Und Kanemaru schon gar nicht, ich… Chris-senpai, ich…“ Er brach ab, als würde er um Worte ringen. Seine Hände ballten sich zu Fäusten, dann schluckte er und dann fuhr er fort: „Ich wollte mit dir Baseball spielen. Ich wollte auf deine Universität gehen, damit wir wieder spielen können. Das ist mir wichtig.“
Und Chris konnte nicht einmal leugnen, dass das nicht verlockend klang. Er hatte heute am eigenen Leib erfahren, was für ein Pitcher aus Sawamura geworden war und die Vorstellung, dass sie wieder zusammen in einem Team spielen würden…
Aber Chris musste auch realistisch bleiben. Er hatte seine Universität nicht aufgrund ihres Teams ausgesucht und Sawamura hatte die Chance auf eine große Karriere – aber dafür brauchte er ein Team, das mehr aus ihm machen konnte. Chris‘ Universität war nicht die richtige für ihn.
„Ich spiele nicht aktiv“, sagte er schließlich, nachdem er für einen Moment lang nicht gewusst hatte, wie er es in Worte fassen sollte. „Bist du sicher, dass es das ist, was du möchtest?“
„Ja“, sagte Sawamura und klang tatsächlich davon überzeugt. Dann jedoch sagte er: „Nein. Ich weiß es nicht. Wir hatten doch nur ein Jahr und ich… Ich wollte einfach wieder mit dir spielen. Aber deine Universität hat mich bisher nicht eingeladen, also…“
„Ich glaube nicht, dass es das richtige für dich wäre.“ Es war nicht einfach, Sawamura so vor den Kopf zu stoßen – und obwohl Chris seine Worte mit Bedacht wählte, hatte er das Gefühl, genau das grade zu tun, denn Sawamura sah alles andere als glücklich aus. „Eijun, bitte versteh mich nicht falsch. Ich werde immer für dich catchen, wenn du das möchtest, aber wenn du Baseball spielen möchtest, gibt es Alternativen, die dir wesentlich mehr bringen würden.“
Sawamura antwortete zunächst nicht. Er schaute auf den Boden, dann in Chris‘ Gesicht, dann wieder auf den Boden – und dann holte er tief Luft, als würde er sich wappnen, etwas zu sagen, nur, um am Ende doch nichts zu sagen. Chris hob die Hand, die er zuvor schon an Sawamuras Wange gelegt hatte, und legte sie auf seine Schulter.
„Eijun“, sagte er, „was bedrückt dich wirklich?“
Für einen Moment glaubte er, alle Anspannung würde aus Sawamuras Körper weichen. Dann sah Sawamura ihn an und seufzte, als würde er irgendetwas aufgeben.
„Ich möchte in Tokyo bleiben.“ Seine Stimme war sehr leise und klang sehr unsicher. Chris hatte das Gefühl, dass sie der Sache jetzt endlich auf den Grund gehen konnten.
„Das kannst du doch“, sagte er deshalb. „Tokyo hat viele starke Teams und sicherlich ist eines für dich dabei. Aber möchtest du dich bei deiner Entscheidung auf nur einen Ort beschränken?“
„Ja!“, sagte Sawamura viel zu schnell und erschrak darüber vor sich selbst. Wesentlich ruhiger fuhr er fort: „Ich weiß, dass es mir nichts bringen wird, auf deine Universität zu gehen. Wir würden wieder nicht lange zusammen spielen können. Aber ich möchte in Tokyo bleiben, weil ich…“ Seine Worte verloren sich in Schweigen und er senkte den Blick auf den Boden.
„Weil du…?“, hakte Chris vorsichtig nach.
Sawamura sprach mehr mit dem Boden, als mit Chris, als er fortfuhr: „Ich wollte nach der High-School mit dir zusammenziehen. Ich weiß, dass das dumm ist und ich meine Entscheidung nicht davon abhängig machen sollte, wo ich wohnen möchte. Ich wollte dir nicht mal davon erzählen.“
Weil Sawamura so schwer zu verstehen gewesen war, glaubte Chris im ersten Moment, er hätte sich verhört. Dem Drang, sicherheitshalber nachzufragen, widerstand er dennoch, indem er einfach gar nichts sagte. Er wusste auch nicht ganz genau, was er jetzt sagen sollte. Einerseits hatte der Gedanke, mit Sawamura zusammen zu wohnen, durchaus etwas Verlockendes – doch Chris würde sich auch sein Leben lang Vorwürfe machen, wenn Sawamura eine große Chance verpasste, weil er seine Wahlmöglichkeiten auf Tokyo beschränkte. Chris sagte nichts, weil der Wunsch, mit Sawamura zusammenleben zu können und der Gedanke, ihm dadurch eine Chance zu nehmen, gleichstark waren und sich beides gleichermaßen richtig und falsch anfühlte.  
Aber Chris musste auch nichts sagen. Noch nicht, zumindest.
„Aber ich könnte nicht…“, begann Sawamura nämlich erneut. „Ich habe Einladungen von weiterweg bekommen. Aus Osaka, auch. Oder anderen Städten. Aber ich könnte nicht so weit fortgehen, während du hier bist, ich möchte… Ich möchte mit dir zusammenbleiben.“
„Du musst nirgendwo hingehen, wo du nicht hingehen möchtest“, schaffte Chris zu sagen, obwohl Sawamura bei seinem letzten Satz so sicher und entschlossen geklungen hatte, dass Chris glaubte, es hätte ihm die Sprache verschlagen. „Natürlich ist es gut, wenn du in ein Team wechselst, das zu dir passt und du solltest diese Entscheidung nicht in erster Linie von deinem Wohnort abhängig machen.“
„Chris-senpai…“, murmelte Sawamura.
„Aber es ist auch nicht dumm, an einem Ort bleiben zu wollen: es ist menschlich. Und wenn du in Tokyo etwas finden würdest, dann… wäre ich sehr froh, wenn du bei mir einziehen würdest.“
Sawamura schaffte es tatsächlich, seinen Blick vom Boden loszureißen und Chris anzusehen. Seine Augen sprachen Bände: er wirkte, als könne er nicht glauben, was er grade gehört hatte, und würde dennoch hoffen, dass es wahr wäre, und schließlich, nachdem er eine Weile geschwiegen hatte, fragte er vorsichtig: „Heißt das… dass ich bei dir einziehen darf?“
„Ich sagte doch, dass ich froh darüber wäre“, erwiderte Chris, aber die Worte fühlten sich sehr merkwürdig an. „Auch, wenn wir vermutlich eine größere Wohnung brauchen werden. Aber bevor wir das…“ …entscheiden, solltest du schauen, ob du ein Team findest, das zu dir passt, wollte er sagen, aber er kam nicht dazu, weil Sawamura sich plötzlich in seine Arme warf und obwohl Chris sonst darauf achtete, dass ihre Beziehung in der Öffentlichkeit zu offensichtlich wurde, ließ er ihn gewähren. Sawamura brauchte ohnehin nur einen Moment, dann sprang er ein Stück zurück und machte plötzlich einen gänzlich anderen Eindruck.
„Ich werde ein Team in Tokyo finden!“, verkündete er voller Enthusiasmus. „Und dann werde ich bei Chris-senpai einziehen!“
Warum hatte Chris überhaupt einen einzigen Zweifel daran gehegt, dass Sawamura es schaffen würde, ein für ihn perfektes Team und den Wunsch, in Tokyo zu bleiben, vereinen zu können?
Und was sollte er zu so viel geballter Entschlossenheit noch sagen?
Am besten gar nichts. Deshalb lächelte er still und beschloss, Sawamura einfach machen zu lassen – er hatte schon früher die Erfahrung gemacht, dass das manchmal die beste und einfachste Lösung war, denn Sawamura konnte Dinge wahrmachen, an die andere vorher nicht einmal im Traum geglaubt hätten. Und sollte Sawamura wirklich ein Team in Tokyo finden, in dem er sich wohlfühlen würde… Nun, dann würde Chris am Ende nichts weiter zu tun habe, als die Tage zu zählen – die Tage, bis Sawamura im März seinen Abschluss machen würde.
Wenn er so darüber nachdachte, hatte er das Gefühl, dass März noch viel zu weit weg war. Und als Sawamura genau das zu ihm sagte – und dabei seine Sorge, die Zeit bis März könne nicht genug sein, um eine Entscheidungen zu treffen, komplett vergaß – dachte Chris nur daran, dass er von Anfang an gewusst hatte, dass Sawamura eine für sich ideale Lösung finden würde.
Und genau das hatte er auch getan.
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