Mittelerde Adventskalender 2015 – „Zerschlissene Mäntel“

GeschichteAngst, Familie / P12
Bain Bard Thranduil
22.12.2015
22.12.2015
1
1.536
 
Alle Kapitel
1 Review
Dieses Kapitel
1 Review
 
 Datenschutzinfo
 
 
22.12.2015 1.536
 
Willkommen zum 22. Türchen des Mittelerde-Adeventskalenders 2015.
Meine Vorgaben diesmal waren: Der einkalkulierte 13. Monatslohn kommt nicht

Umgesetzt habe ich diese mit dem lieben Bard und ich hoffe es gefällt euch.
Eure Schwan

~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~


Bard schlang sich verzweifelt seinen zerschlissenen, dünnen Mantel noch enger um seinen Körper. Seit Stunden saß er nun auf diesem Felsen am Ufer der Flussmündung und wartete auf die Fässer aus dem Waldelbenreich, welche er zur Stadt bringen sollte. Mit dem Morgengrauen war er aufgebrochen, um auf keinen Fall zu spät zu sein und nun verschwand die Sonne schon wieder hinter den Bergen im Horizont. Wo blieben nur die Fässer? König Thranduil hatte ihm bei der letzten Lieferung zugesichert, vor dem Einbruch des Winters noch eine außerplanmäßige Bestellung zu ordern, um die Wintersonnenwende gebührend Feiern zu können. Bard war auf diesen Auftrag angewiesen. Sie drehten ihr Geld schon seit der Mitte des Monats mehrmals um und konnten sich kaum die Lebensmittel für die nächsten Tage leisten, ohne diese Lieferung würde er nie im Leben die dringend benötigten neuen Wintermäntel kaufen können.


Angestrengt schaute er ein weiteres Mal den Flusslauf hinauf, in der Hoffnung die Fässer zu erspähen. Doch wieder wurde er enttäuscht. Noch länger konnte er nicht warten, sobald die Sonne vollständig verschwunden war, würde er nicht mehr durch das Heer an zerklüftenen Felsen auf dem See durchsegeln können. Aber wenn er ohne die Fässer losfuhr, würden seine Kinder und er den Winter wahrscheinlich nicht überleben. Unschlüssig richtete er sich auf und streckte seine steifen Knochen. Er spürte weder seine Zehen noch seine Finger mehr und sein Körper wollte ihm nicht mehr gehorchen. Schweren Herzens begann er sein Boot loszumachen und es zum segeln fertig zu machen. Die Nacht hier draußen bleiben war einfach keine Option, dann würde er erfrieren und seine Kinder hätten niemanden mehr.


In diesem Moment ließ sich einer der großen edlen Raben der Elben auf dem Stein vor ihm nieder und streckte ihm ein Bein hin. Bard schöpfte ein wenig Hoffnung. Vielleicht verschob sich der Auftrag ja nur um ein paar Tage. Mit wackligen Beinen steuerte er den Vogel an und band mit zittrigen Fingern das Pergament los. Der Vogel erhob sich sofort wieder in die Lüfte und verschwand zurück in Richtung des Waldes. Bard wusste nicht, ob er das als gutes oder als schlechtes Zeichen werten sollte. Immerhin verschwanden die Vögel der Elben immer sofort, als würden sie keine Sekunde zu lange mit ihnen Menschen verbringen wollen. Er entfaltete nun das Pergament und begann mit angehaltenem Atem zu lesen.

„Sehr geehrte Bogenschütze Bard,

Es tut mir leid, Ihnen das mitteilen zu müssen, aber der geplante zusätzliche Auftrag kann leider nicht zustande kommen.
Wir mussten unplanmäßig unsere Wachen auf dem Elbenpfad verdoppeln und haben somit keine Kapazität mehr für zusätzliche Ausgaben.

Wir hören wie gewohnt am Monatsletzten wieder voneinander.
König Thranduil“


Bard wurde augenblicklich das Herz schwer und ihm wich jeder Atem aus den Lungen. Er sackte kraftlos an dem Felsen zu Boden und starrte fassungslos den Brief in seinen Händen an. Viele Male glitten seine Augen über die Zeilen vor ihm, doch dadurch ließen sie sich auch nicht verändern. Wie konnte Thranduil ihm das antun? Wusste er nicht, dass das Überleben seiner Kinder von diesem Auftrag abhängen könnte? Zumal, wofür brauchte man im Winter Wachen auf dem Elbenpfad? Kein Mensch mit Sinn und Verstand würde im Winter diesen Pfad bewandern wollen.



Nach fast einer Stunde des absoluten Verzweifelns rappelte er sich auf. Bald würden die letzten Strahlen der Sonne verschwinden und Bain, Sigrid und Tilda würden sich sicher schon Sorgen machen. Er setzte die Segel und schipperte in Richtung der Seestadt zurück.
Der Pförtner warf ihm einen mitleidigen Blick zu, bevor er ihn kommentarlos in die Stadt zurück ließ. Er wusste, wie wichtig der Auftrag für Bard gewesen war.
Kurz darauf kam er an seinem Haus an und vertäute sein Boot wieder. Jetzt kam der Moment, vor dem er sich den ganzen Tag schon gefürchtet hatte: Die Reaktionen seiner Kinder.


Schweren Herzens erklomm er die Stufen zu ihrer Wohnstube und öffnete die Tür langsam. Sofort belagerten ihn die drei Kinder. Tilda, seine älteste, zeigte ihm stolz eine Hand voll Münzen.
Sie sagte leise: „Ich war mit Sigrid den ganzen Tag auf dem Markt und wir haben Ella helfen dürfen, die Kräuter zu bündeln zu binden. Sie hat gesagt, wir dürfen ihr im Winter noch öfter helfen, weil sie da so oft gebraucht wird. Ist das nicht toll, Vater?“
Bard nickte lächelnd. Ella war die Kräuterfrau der Stadt. Es stimmte, im Winter hatte sie Hochkonjunktur.
Er streichtelte seinen beiden Mädchen liebevoll über die Köpfe und sagte leise: „Ja, das ist toll. Passt nur auf, euch nicht anzustecken, ja?“
Die beiden nickten ernst.
Bain sagte jetzt ruhig: „Und ich habe auf dem Markt Schuhe geputzt. Es ist mühsam, aber ein paar Münzen sind auch rum gekommen. Sag Vater, wann gehen wir die Mäntel kaufen? Ohne können wir nicht lange stundenlang im Freien sein und arbeiten.“
Die drei schauten ihn erwartungsvoll an. Bard schaute sie gequält an.
Dann sagte er leise: „König Thranduil bedauert es, uns mitteilen zu müssen, dass aufgrund der erhöhten Patrouillen im Düsterwald leider kein Budget übrig ist, für eine zusätzliche Lieferung. Ich fürchte, wir können uns keine neuen Mäntel leisten.“
Die drei schauten ihn jetzt entsetzt an. Sigrid streichtelte gedankenverloren über ihren eigenen Mantel, der kaum mehr als eine einzige dünne Stoffschicht war, der kaum eine einzige Stelle aufwieß, die keine Löcher hatte. Den Mantel hatten auch schon Tilda und Bain getragen, doch es war einfach kein Geld da um neue zu kaufen. Bains und Tildas Mäntel sahen kein Stück besser aus und Bard wusste genau, dass er die Kinder eigentlich nicht einmal drinnen ohne neue Mäntel rumlaufen lassen konnte, so kalt war es dieses Jahr.
Sigrid sagte jetzt tapfer: „Wir bekommen das schon hin, Vater. Irgendwie haben wir es bisher immer geschafft. Und vielleicht kann Ella uns zwischendurch ja einen Tee machen, das geht bestimmt.“
Bard kamen fast die Tränen vor so viel Reife. Seine Kinder hatten etwas anderes verdient, doch seit dem Tod seiner Frau war das einfach nicht mehr möglich. Augenblicklich wuchs seine Wut auf Thranduil wieder an.



Die nächsten zwei Wochen arbeiteten sie sich alle die Seele aus dem Leib. Bard nahm jeden Job an, den er kriegen konnte und seine Kinder standen jeden Tag auf dem Markt. Er war Ella unendlich dankbar, dass sie den Mädchen diese Möglichkeit gab, da sie dort wenigstens unter Aufsicht standen. Jeden Tag stellten sie sich erneut die Frage, ob das Geld jetzt für eine ordentliche Mahlzeit oder einen Stapel Holzscheite ausgegeben wurde. Sie brauchten beides, aber ohne Thranduils Geld ging das einfach nicht. Bard stellte sich mehr als einmal die Frage, wie sie das die nächsten drei Monate bis zum Frühling durchhalten sollten, wenn es jetzt schon im ersten Monat so kritisch war.


Gerade wollte er sich auf den Weg machen zum Fischmarkt, wo die Fischer Hilfe beim ausladen brauchen konnten, als Tilde zu ihm kam.
Sie sagte besorgt: „Vater, Sigrid ist glühend heiß und hustet ganz schlimm.“
Bard bekam große Augen und folgte seiner großen zu deren Betten. Bain stand auch noch da und er prüfte angespannt die Temperatur seiner kleinen. Das war alles andere als gut.
Er sagte leise: „Bain, Tilda, versucht bitte Kräuter von Ella zu bekommen. Wir müssen das Fieber senken.“
Bain sagte noch leiser: „Wir haben kein Geld dafür Vater.“
Bard fluchte. Er hielt angespannt die Hand von Sigrid und betete zu den Valnar, dass sie es überstehen möge.

Nach einer Weile gingen Tilda und Bain doch zum Markt. Sie wollten alles versuchen was in ihrer Macht stand. Bard legte Sigrid kühle Wadenwickel und redete ihr gut zu. Er erzählte ihr von den alten Zeiten, wo Thal und Esgaroth den Mittelpunkt des Nordens darstellten und der Glanz des Erebors ihnen allen Glück gebracht hatte. Er erzählte ihr von den Elben und den Zwergen und versuchte einfach irgendwie zu ihr durchzudringen. Sie musste es einfach schaffen, sie hatte doch noch nicht mal ihren zehnten Sommer erlebt.


Gegen Abend kamen seine Kinder wieder. Doch sie waren nicht alleine. Bard schaute sprachlos zu Ella, Faun, dem Bäcker und Krik, dem Schlachter.
Bain sagte mit leuchtenden Augen: „Schau mal Vater, sie wollen uns alle helfen.“
Bard schaute sprachlos auf die drei Dorfbewohner und versuchte das gehörte zu verarbeiten.
Ella ergriff das Wort: „Als deine Kinder zu mir kamen wegen den Kräutern, habe ich alle zusammen gerufen. Immer stehst du für uns ein und bietest dem Bürgermeister die Stirn. Wie oft hast du dich selbst damit fast ins Gefängnis gebracht, einfach nur um einem von uns zu helfen. Und jetzt helfen wir dir. Wir werden nicht tatenlos dabei zusehen, wie ihr uns vor Hunger oder Krankheit sterbt. Wir haben zwar alle nicht viel, aber wenn alle zusammenlegen, wird es gehen. Fürs erste haben wir ein paar Kräuter, ein wenig Brot und ein wenig Fleisch zusammenbekommen. Kopf hoch, wir bekommen Sigrid schon wieder gesund.“
Bard machte sprachlos für Ella Platz, die anfing sich um Sigrid zu kümmern. Dankbar drückte er seine Freunde und seine Kinder an sich. Und so langsam fing sein Kopf an zu realisieren, dass sie den nächsten Frühling wohl doch erleben würden. Seine Gebete waren erhört worden. Den Valnar sei Dank.