Unter dem Haus ein Liebesnest

GeschichteDrama, Angst / P18
Daryl Dixon Merle Dixon OC (Own Character)
21.12.2015
02.01.2016
10
19053
6
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„Zieh jetzt gefälligst deine Jacke an, du kommst sonst zu spät“, herrschte sie ihre Mutter an und hielt ihr schnaufend die hässliche gelbe Jacke entgegen.
Sie hasste diese Jacke und besonders ihre Farbe. Alle anderen Kinder lachten sie immer aus, wenn sie damit in die Schule kam. Aber sie nahm sie dennoch schweigend entgegen, denn ihre Mutter hasste es, wenn sie ihr widersprach.
Abgesehen davon hatte sie keine andere Jacke, die sie hätte anziehen können. Auch darüber beschwerte sie sich nicht, ihre Mutter sagte schließlich immer, dass sie andere Sorgen als Kleidung hätten.
Sie wusste zwar nicht genau, was sie damit meinen könnte, doch sah sie dabei irgendwie immer sehr traurig aus. Generell sah ihre Mutter immer sehr traurig aus, so als würde sie niemals wieder fröhlich werden können.
Manchmal hörte Judith sie weinen, doch immer nur, wenn sie dachte, dass sie alleine war und es keiner sehen konnte. Es hatte ganz sicher etwas mit ihrem Vater zu tun, der immer so gemeine Sachen sagte. Die meisten Wörter wie 'Hure', 'Miststück' oder 'Fotze' verstand sie gar nicht, doch konnten es keine schönen Worte sein. Ihre Mutter sah jedes Mal ganz erschrocken aus, wenn er diese Wörter sagte, aber sie hatte ihr nie erklären wollen, was sie bedeuteten.
Judith nahm also die Jacke entgegen und zog sie sich schweigend an. Den Rucksack hatte sie schon fertig gepackt an den Treppenabsatz gestellt, direkt neben ihre Schuhe. Der rechte Schuh hatte ein Loch in der Sohle und ihre Mutter hatte eigentlich schon längst welche kaufen wollen, doch hatte sie es wohl vergessen.
Besser, wenn sie sie daran erinnerte.
„Mama, du wolltest mir Schuhe kaufen, der eine ist doch kaputt“, sagte sie kleinlaut, da sie ihre Mutter nicht verärgern wollte.
„Du bist auch eine verzogene Göre, glaubst wohl, dass du alles kriegst, wenn du nur danach schreist, was?“
Es wäre besser gewesen, wenn sie gar nichts gesagt hätte. Jetzt war ihre Mutter wieder wütend und dann erzählte sie es dem Vater und wenn der böse wurde, dann wurde sie wieder angeschrien... Sie mochte nicht angeschrien werden, sie hatte ja gar nichts getan.
Ihre Mutter trat wütend auf sie zu und stemmte die Hände in die Hüften. Judith sah betreten zu Boden und versuchte sie nicht noch böser zu machen.
„Schämst dich zurecht, Kind. Und jetzt zieh dich endlich an, ich will dich nicht noch zur Schule fahren müssen.“
Schniefend ging sie zu ihren Schuhen und streifte sie sich über die Füße. Es regnete draußen, ihre Socke wäre bis heute Mittag nass und dann würde sie wieder krank werden. Warum war ihrer Mutter das egal? Ihre Klassenkameradin erzählte immer, dass ihre Mama ihr immer alle Wünsche erfüllte und sie sie ganz doll lieb hatte.
Sie hatte ihre Mutter aber doch auch lieb, warum war sie dann so gemein zu ihr? Judith verstand es nicht, obwohl sie schon fast erwachsen war, immerhin war sie schon zehn. Aber bald würde sie alles verstehen und dann konnten ihre Eltern gar nichts mehr vor ihr geheim halten und mussten ihr alle Wörter erklären.
„Bist du endlich fertig?“ fragte ihre Mutter, immer noch sehr wütend.
„Ja, Mama“, erwiderte sie beschämt und zog den Rucksack über die Schultern.
„Dann geh jetzt zum Schulbus.“

Als sie Mittags nach Hause kam, stand die Haustüre sperrangelweit offen und es waren ganz viele Autos mit blauen Lichtern vor der Haustür. Das waren solche Autos wie ihr Vater auf der Arbeit fahren musste, er war Polizist.
Hatte er seine Kollegen mit nach Hause gebracht? Judith ging mit einem mulmigen Gefühl in der Magengrube zum Haus und einfach durch die Tür. Zuerst beachtete sie niemand, es waren ziemlich viele Leute hier, die meisten in solchen Anzügen wie ihr Vater immer an hatte, wenn er zur Arbeit ging.
„Hey, Kleine, komm mal her zu mir!“ rief einer der Polizisten. Er war nicht so alt wie die anderen. Sie ging unsicher auf ihn zu und blickte ihn verschüchtert an.
„Du solltest nicht hier herum spazieren, komm, wir gehen nach draußen in den Garten“, sagte er und sie hörte ihm gar nicht zu, denn sie sah gerade, wie zwei Männer eine Trage herausschoben, auf der ein großer, schwarzer Sack lag.
„Was ist das?“ fragte sie und zeigte auf den schwarzen Sack.
Er schluckte hörbar und sie drehte den Kopf zu ihm. Bedrückt nahm er ihre Hand und führte sie ohne auf ihre Frage zu antworten in den Garten hinter dem Haus. Dort setzte er sie unter das Vordach, damit sie nicht im Regen nass wurde.
Der Gartenstuhl war so hoch, dass ihre Füße kaum auf dem Boden ankamen und sie blickte sich um. Hier im Garten war kein Polizist, nur der Mann vor ihr.
„Wie heißt du, Kleine?“ fragte der jetzt und hockte sich vor sie.
„Judith“, sagte sie leise und nestelte am Reißverschluss ihrer gelben Jacke herum. „Und du?“
„Ich heiße Rick“, antwortete er.
„Warum bist du nicht so alt wie mein Vater? Alle Polizisten, die ich kenne sind so alt wie mein Vater.“
„Ich bin ganz neu dabei, ich lerne von ihnen.“
„Ach so...“, murmelte sie. „Wo ist meine Mama?“
Er stockte und sah zu Boden. Dann räusperte er sich und blickte sie wieder an.
„Judith, deine Mom, sie... Sie ist jetzt im Himmel, verstehst du?“
„Du meinst, sie ist tot?“ Entsetzt ließ sie den Reißverschluss los und riss die Augen auf.
„Ja...“, murmelte er entrückt und rieb sich über das Gesicht.
„Aber sie war ja gar nicht krank oder ganz alt, wie Opa!?“ rief sie und verschränkte die Arme trotzig vor der Brust. „Wie kann sie da tot sein?“
„Weißt du, Judith, manchmal, da... Da wollen Menschen nicht mehr leben, weil sie traurig sind.“
Judith nickte, weil sie verstand. „Meine Mama war immer ziemlich traurig.“
Rick nickte und blickte sie schweigend an.
„Dein Dad ist gleich sicher hier, wir haben ihm schon Bescheid gesagt.“
Sie rutschte auf ihrem Stuhl weiter zurück und machte sich etwas kleiner. Er würde bestimmt sauer werden, wenn er die ganzen Leute hier sah. Ohne es zu merken, schüttelte sie mit dem Kopf und sie fing fast an zu weinen. Aber weinen würde sie nicht, Mädchen in ihrem Alter weinten nicht mehr, dafür war sie zu groß.
„Judith, stimmt was nicht?“ fragte der nette Rick und runzelte die Stirn.
Sie schüttelte energischer den Kopf und sagte gar nichts mehr.

Der nette Rick und die anderen Menschen waren nach ein paar Stunden verschwunden und nun saß sie alleine in ihrem Zimmer. Sie bürstete gerade Pennys Haare, das war ihre liebste Puppe. Sie war blond und hatte ein hübsches, rotes Kleidchen an.
Sie wollte irgendwann auch so ein hübsches Kleid tragen und ganz viele Freunde haben. Aber sie wollte nicht so traurig werden wie ihre Mutter. Judith hatte nicht wirklich verstanden, warum ihre Mutter jetzt tot war, traurig sein konnte nicht der Grund dafür sein.
Ganz viele Leute waren traurig und starben deshalb doch auch nicht!? Sie hatte nur so getan, als würde sie es verstehen, damit Rick keine Fragen mehr stellte. Wenn sie zu viel über zu Hause redete, dann wurde ihr Vater wieder wütend und das wollte sie nicht.
Er war irgendwann auch nach Hause gekommen und hatte nicht ein Wort gesagt. Judith hatte sich nur wegen ihres Bauchgefühls so schnell wie möglich in ihr Zimmer verkrochen, damit er nicht auf sie sauer werden konnte.
Von unten hörte sie den Fernseher, den er ziemlich laut gedreht hatte und immer wieder das Geräusch von einer der Dosen, aus denen er ständig dieses scheußliche Zeug trank, Bier. Sie fand den Geruch eklig und ihre Mutter war auch immer sehr seltsam geworden, wenn er es trank. Sie schien Angst gehabt zu haben, doch wovor wusste Judith nicht.
Vielleicht hatte Bier sie krank gemacht und sie hatte deshalb nicht gut gefunden, dass er es trank!? Das musste der Grund sein, anders konnte Judith es sich nicht erklären.
Sie bürstete Pennys Haare weiter und merkte bald, dass es draußen schon ganz dunkel war. Sie musste sich noch die Zähne putzen und ihre Sachen für die Schule packen, das hatte sie bei all der Aufregung heute ganz vergessen!
Sie flitzte ins Bad und schmierte viel zu viel Zahnpasta auf die Bürste. Schulterzuckend holte sie den Schemel unter dem Regal hervor, um über den Rand des Waschbeckens gucken zu können. Das war ihr immer irgendwie peinlich, schließlich war sie ja schon fast erwachsen, aber sie war immer und überall die Kleinste.
Es war ärgerlich, aber sie würde bald riesengroß sein, dann bräuchte sie keinen Schemel mehr. Judith steckte sich die Zahnpasta in den Mund und begann ihre Zähne zu schrubben. Das hatte sie schon immer alleine gemacht, sie brauchte die Hilfe ihrer Mutter oder ihres Vaters nicht. Manche Kinder aus ihrer Klasse erzählten, dass ihre Eltern immer dabei waren, doch nicht so bei Judith zu Hause.
Vieles war nicht so wie bei anderen Kindern. Die meisten erzählten nie, dass ihre Mutter Angst vor ihrem Vater hatte oder dass sie manchmal hörten, wie ihre Eltern sich fürchterlich schreiend stritten. Manches Mal war ihre Mutter danach sogar ins Krankenhaus gefahren.
Eine Klassenkameradin erzählte sogar, dass sie gar keine Mutter mehr hatte, nur einen Vater. Der war super, sagte sie immer. Das Mädchen hieß Joann und hatte sie mal ihre Freundin genannt. Warum Joann ausgerechnet mit ihr befreundet sein wollte, wusste Judith nicht. Judith hatte eigentlich gar keine richtigen Freunde, auch wenn sie Joann nett fand.
Die Zahnpasta brannte auf ihren Lippen und sie spuckte vorsichtig ins Waschbecken, um keine Flecken zu machen. Sie drehte den Wasserhahn auf und formte ihre Hand zu einer Schale, um sich darin Wasser zum Mund führen zu können.
Als ihr Gesicht sauber war und sie sich vom Becken aufrichtete, erblickte sie ihren Vater im Spiegel, der im Türrahmen hinter ihr stand und sie ansah. Er sah seltsam aus und sie hatte direkt Angst, dass sie ihn verärgert haben könnte. Judith erstarrte und umklammerte die Zahnbürste in ihrer linken Hand.
„Weißt du, deine Mutter war ein feiges Miststück. Bläst sich einfach die Schädeldecke weg und das auch noch mit meiner Ersatzwaffe. Aus dir lass ich kein feiges Flittchen werden, hörst du? Bist du artig?“
Sie rührte sich nicht und nickte langsam. Hauptsache, er wurde nicht böse.


Anmerkung: Die Idee zu dieser Erzählung entstand beim Brainstorming mit MissAnalein, der ich ein umfassendes und nettes Feedback zur FF "Überleben, nicht leben" zu verdanken habe! Wer Interesse an ihrer Erzählung hat, kann sie unter dem Titel "If we only die once, I wanna die with you" finden und sich mitreißen lassen! So habe ich wenigstens zwei Dinge, um die Zeit bis zur Fortsetzung der Staffel und damit auch meiner eigentlichen FF totzuschlagen und mich gleichzeitig kreativ etwas auszutoben. Für Rückmeldung, Anregungen oder konstruktive Kritik bin ich immer offen. Hoffentlich viel Vergnügen mit dieser Geschichte!
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