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Die blauen Zauberer

GeschichteAbenteuer, Fantasy / P12
OC (Own Character)
21.12.2015
10.06.2019
30
76.003
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21.12.2015 1.171
 
Der fremde Reiter schien die Gegend ebenfalls gut zu kennen. Sicher führte er die Karrenkolonne durch die Steppe nach Osten. Da sich die Händler vor den verdorbenen Lebensmitteln der Orks ekelten, schickte er immer wieder seinen Adler auf die Jagd, der ihnen Rebhühner und einen Hasen nach dem anderen brachte. Dabei bemerkte Bolos, dass der alte Mann gelegentlich bei bestimmten Landmarken, wie hervortretenden Felsen, oder in einem ausgetrockneten Bachbett, inne hielt, sich sinnend umschaute und leise seufzte. Die anderen hielten respektvollen Abstand zu ihrem geheimnisvollen Führer, aber Bolos nahm sich ein Herz und sprach ihn an.
„Herr Arbogast, nach allem, was Ihr für uns getan habt, darf ich Euch fragen, was Euch bedrückt?“
„Natürlich darfst du fragen. Fragen zu stellen ist die größte Pflicht der Jugend, noch vor dem Gehorsam vor dem Alter. Nur durch Fragen erlangt man Kenntnisse. Nur durch Kenntnisse erlangt man Weisheit. Nur durch Weisheit erlangt man wirkliche Macht. Was mich bedrückt ist das Alter.“
„Ihr seid vielleicht alt, aber doch noch stark und rüstig!“
„Nein, ich meine das Alter der Welt. Dieser Bach hier führte einst reines und klares Wasser. Heute liegt er trocken. Die Braunen Lande, von hier bis zum Anduin, waren einst wie ein Garten. Bäume gingen hier statt Menschen umher und pflegten die Pflanzen, wie Gärtner.“
„Ihr kennt die Legenden?“
„Ich kenne viele Legenden. Mich wundert, das du schon welche kennst, so jung, wie du noch bist.“
„Ich liebe Legenden. Schon als kleiner Junge wollte ich nichts anderes hören. Was wisst Ihr von den Baumfrauen?“
„Hm, Baumfrauen nennt ihr sie? Recht treffend, wie mir scheint. Erzähle mir zuerst, was du von ihnen zu wissen glaubst.“
„Nicht viel. Es heißt, die Baumfrauen hätten den Menschen am Inneren Meer die Kunst des Weinbaus gebracht, und dann seien sie für immer verschwunden.“
„Bemerkenswert. Dann waren deine Vorfahren vielleicht die Letzten, die noch Entfrauen gesehen haben. Selbst ihre Männer wissen nicht, wo sie sich heute aufhalten.“
„Ich weiß, wo sie sich aufhalten. Dort in dieser Richtung.“ Bolos zeigte mit dem ausgestreckten Arm nach Osten.
Arbogast tätschelte ihm freundlich das Haar. „Ja sicher, aber nur, falls sie überhaupt überlebt haben.“
„Was überlebt haben?“
„Das Alter der Welt, wie ich gesagt habe, den Schatten der Zeit. Siehst du jene Berge da im Süden? Von da aus kann man schon das Meer von Rhûn sehen. Einst waren sie bewohnt von Elben und Menschen, die in Frieden miteinander lebten. Heute muss ich fürchten, dass sich dort Orks aus den Aschenbergen verstecken. Von dort aus belauern sie wohl die Menschen von Dorwinion und allem Anschein nach, waren es diese Berge zu denen eure Reisegesellschaft verschleppt werden sollte, danach vielleicht noch weiter, an noch finsterere Orte.“
Bolos schauderte, konnte aber nicht aufhören, Fragen zu stellen. „Das Meer von Rhûn? Ihr meint das Innere Meer?“
„Ja, das Meer des Ostens.“
„Seltsam. Meine Leute nennen das Innere Meer stattdessen Meer der Mitte.“
Arbogast musste wieder schmunzeln. „Es kommt eben immer auf den Standpunkt an. Jeder hält sein eigenes Dorf für den Mittelpunkt der Welt.“

Noch in der Steppe trafen sie auf die ersten Rinder- und Ziegenhirten. Schließlich erreichten sie die ersten Bauernhöfe und die Küste des Inneren Meers. Die Wasserfläche dehnte sich unendlich vor ihnen, tatsächlich wie ein Meer. Kein gegenüberliegendes Ufer war zu sehen.
Sie folgten der Uferstraße bis zur Mündung des Eilenden Flusses, der allerdings, nach seiner Vereinigung mit dem Rotwasser, alles andere als eilig floss. Ganz im Gegenteil war der Strom hier träge, breit und schlammig. Er teilte sich in viele Arme und das ausgedehnte Schwemmland bildete die Kornkammer Dorwinions. Überall sah man Wasserräder, die Wasser und fruchtbaren Schlamm auf die Äcker schaufelten. Die Gesellschaft überquerte mehrere Flussarme auf langen, schwankenden Brücken aus zusammengebundenen Booten, bevor sie Runmund erreichten, die Hauptstadt der Dorwinrim. Die Stadt bedeckte die gesamte Fläche einer großen Flussinsel und hatte die Form eines riesigen Schiffs. Bis an die Wasserlinie hinunter waren die Stadtmauern aus hartem, schwarzem Basalt gebaut. An beiden Enden der Insel ragten hohe, leuchtendrote Wachtürme, wie Vorder- und Achtersteven. An der Stelle der Kapitänskajüte stand der Königspalast aus weißem Marmor. Dazwischen ragten ein Dutzend vielgestaltiger, vielfarbiger Türme mit langen wehenden Wimpeln über die Zinnen. Das waren die Hauptquartiere der größten Handelshäuser. Die letzte Brücke zum Stadttor war gemauert und führte leicht bergan, wie eine Planke zum be- und entladen.

Noch bevor sie die Stadt betraten, brachten sie die Karren mit dem Wein in der Speicherstadt unter. Zwischen den Getreidespeichern bemerkte Bolos zahlreiche Katzen, die sich sonnten, oder putzten, oder was Katzen sonst noch so tun, wenn sie satt sind. Ein besonders zutrauliches, pechschwarzes Tier näherte sich ihm, ohne ersichtlichen Grund, und strich ihm um die Knöchel. Als er sich niederkniete, um es zu streicheln, hielt ihn Arbogast zurück.
„Was tust du da?“
„Nichts, warum?“
„Ich mag keine Katzen. Kennst du nicht die Geschichte von den Katzen der Königin Berúthiel?“
„Doch.“
„Dann weißt du ja, dass Katzen die Spione böser Mächte sein können. Manchmal wünschte ich, sie würden sich nur großer und starker Wesen bedienen. Der Kampf gegen sie wäre ehrenvoller.“
Nach diesen beunruhigenden Andeutungen scheuchte Bolos die Katze fort. Fauchend verschwand sie zwischen den Lagerhäusern.

Vor dem Stadttor ließ Arbogast seinen Adler fliegen.
„Maec-Hen meidet den Lärm der Menschen, aber er mag noch so hoch fliegen, er wird uns nicht aus den Augen verlieren, und viele andere Dinge nicht, die uns betreffen.“
Bolos folgte dem majestätischen Vogel mit dem Blick. Obwohl er stetig aufwärts strebte, begann er bald über der Speicherstadt zu kreisen. Überraschend senkte er sich über den Häusern nieder und kam kurz darauf wieder zum Vorschein. Er schien etwas Schwarzes in den Klauen zu halten, das sich wand, wie… wie eine Katze?

Wie Bolos selbst, waren die Menschen, die auf den Straßen von Runmund ihren Geschäften nachgingen, größtenteils dunkelhaarig und braunäugig. Sie trugen weit geschnittene bunte Gewänder. Nur selten stach ein hochgewachsener Blondschopf aus dem Getümmel hervor. Zwerge waren häufiger anzutreffen. Tatsächlich kamen sie an einer Gasse vorbei, die fast ausschließlich von Zwergen bewohnt wurde.
Bolos und sein Onkel wollten sofort zu ihren Verwandten, die noch gar nichts von der Gefahr ahnten, in der sie geschwebt hatten, und natürlich wollten sie ihnen ihren Retter vorstellen, aber Arbogast sträubte sich.
„Es tut mir Leid, aber ich habe dringende Geschäfte zu erledigen. Ich muss so bald wie möglich mit eurem König sprechen.“
„Ihr seid dem König bekannt?“, fragte Bolos‘ Onkel.
„Nicht von Angesicht, aber meinen Namen sollte er schon einmal gehört haben.“
„Ich fürchte, das wird nicht genügen, um eine rasche Audienz zu erlangen. Aber der Kämmerer ist ein guter Freund von mir und er hat das Ohr des Königs. Der könnte ein gutes Wort für Euch einlegen.“
„Das wäre sehr zu begrüßen.“
„Aber auch das wird ein, zwei Tage dauern. Warum wollt Ihr so lange in einem schmutzigen Wirtshaus sitzen und gesalzene Preise für ungesalzenes Essen bezahlen, wenn Ihr genauso gut in meinem Haus die Gastfreundschaft meiner Familie genießen könntet? Und mein Bruder verfügt über den besten Weinkeller in ganz Runmund!“
„Nun denn, so sei es.“
Bolos‘ Herz tat einen Freudensprung bei diesen Worten.
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