Die blauen Zauberer

GeschichteAbenteuer, Fantasy / P12
OC (Own Character)
21.12.2015
10.06.2019
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21.12.2015 1.577
 
Bei Anbruch der Dämmerung ankerte der Frachtkahn in einer Biegung des Eilenden Flusses. Die Männer waren erschöpft, denn der Wind stand ungünstig und sie hatten den ganzen Tag lang die Ochsen auf dem Leinpfad angetrieben, die den Kahn stromaufwärts schleppten. Der Kapitän teilte Nachtwachen ein, denn die Handelswege waren nicht mehr sicher. Nach dem Tod des Drachen unter dem Einsamen Berg hatte ein schwunghafter Handel über die neu errichteten Königreiche von Erebor und Thal eingesetzt, und die Menschen von Thal dehnten ihr Reich bis zum Fluss Rotwasser nach Osten aus. Dort, wo dieser in den Eilenden Fluss mündete, errichteten sie die Grenzposten und die Handelsstation für die Menschen von Dorwinion. Man tauschte nicht mehr nur Nahrungsmittel gegen Eisenwaren aus den Eisenbergen und Pökelsalz gegen Holz vom Langen See, sondern handelte zum ersten Mal direkt mit den Waldelben im Düsterwald, die besonders den Wein von den Ufern des Inneren Meers begehrten, sowie das Glas und die kostbaren Stoffe aus dem Osten. Anders als zuvor wurden die Waren wieder mit gemünztem Geld bezahlt und das Gold strömte reichlich aus den Hallen unter dem Einsamen Berg. Sowohl die Alte Waldstraße, als auch die Mordorstraße, über die man mit den Menschen des Westens handeln konnte, waren zum ersten Mal seit langer Zeit wieder sicher. Aber der Friede hatte kaum länger als ein Jahrzehnt gedauert. Die erste Karawane verschwand auf dem Weg von Khand nach Dorwinion. Man vermutete zuerst ein Unglück, vielleicht einen Sandsturm oder eine Seuche, aber statt der erwarteten Fernhändler kamen aus dem Süden Flüchtlinge vom Núrnensee. Sie berichteten von plündernden Orks aus den Aschenbergen, die in der Nacht Dörfer überfielen und Sklaven jagten. Der Handel mit Khand kam daraufhin fast völlig zum Erliegen, ebenso auf der Mordorstraße, die auf langen Strecken im Schatten der Aschenberge verlief. Nur die dümmsten oder die gerissensten Händler wagten noch die Reise über diese Routen. Dann wurde auf dem Eilenden Fluss das erste treibende Wrack eines Frachtkahns gefunden. Von Ladung und Mannschaft fehlte jede Spur. Niemand wusste, woher die Räuber gekommen waren. Manche sagten, es müsse sich um Streiftrupps der Balchoth vom Schweigenden Fluss handeln oder um Waldmenschen aus dem Düsterwald, denn Orks ertrügen kein Tageslicht und könnten sich unmöglich so weit entfernt von ihren Gebirgshöhlen bewegen. So wagte man die Reise weiterhin, denn mit Menschen ließ sich, anders als mit Orks, notfalls verhandeln.

Für Bolos war dies die erste Handelsfahrt, als jüngstes Mitglied der Mannschaft. Sein Vater war ein Winzer, dem die besten Hänge der Weinberge am Inneren Meer gehörten, und sein Onkel war der Kapitän. Besorgt schaute er auf das Steilufer des Eilenden Flusses. Da sein Onkel keine gute Meinung von den Balchoth hatte und nicht an die Gerüchte über Orks glauben wollte, hatte er das westliche Ufer als Ankerplatz gewählt. Die Wachen saßen an ihren Feuern am Rand der Klippen und hielten Ausschau. Die restliche Besatzung schlief zwischen den Weinfässern an Bord.

Der Angriff erfolgte, nachdem der Mond untergegangen war, in der dunkelsten und kältesten Stunde der Nacht, kurz vor Sonnenaufgang. Die Wachposten hatten nicht den geringsten Laut von sich gegeben, bevor die Räuber von allen Seiten den Kahn enterten und die Besatzung mit Schlägen und höllischem Geschrei aus dem Schlaf rissen. Es waren Orks, Schwärme von schwarzen, langarmigen, krummbeinigen, wassertriefenden Orks mit Messern zwischen den Zähnen. Im Nu fanden sich die Schiffer gefesselt und geknebelt auf dem Strandkies wieder, während ihr Kahn geplündert wurde. Fass um Fass rollte über die Planken und wurde auf große Karren verladen. Als die Sonne aufging, fluchten die Orks in ihrer grässlichen Sprache und ballten die Fäuste gegen das Morgenrot, aber dann warfen sie sich Mäntel über, setzten riesige, kegelförmige, mit roten Augen bemalte Strohhüte auf und banden sich Masken mit schmalen Sehschlitzen vor ihre Schnauzen. Nachdem der Kahn geplündert war, wurde er in Brand gesteckt und der Strömung überlassen. Höhnisch lachend spannten die Orks die erbeuteten Ochsen vor ihre mitgebrachten Karren und lösten ihren Gefangenen die Fußfesseln, aber nur, um sie mit Stricken um den Hals hinter den Karren anzubinden. Zunächst folgten sie dem Leinpfad, aber an einer günstigen Stelle erklommen sie das Ufer und wandten sich nach Süden. Bolos sah dabei, wie sein Onkel stolperte, stürzte und am Hals hinter dem Karren mitgeschleift wurde. Aber die Orks stoppten und halfen ihm, wenn auch mit brutalen Schlägen und Geschrei, wieder auf die Beine. Im ersten Moment war Bolos erleichtert, dass sie ihre Gefangenen offenbar am Leben lassen wollten, aber dann wurde ihm klar: Dieser Weg führte in die Sklaverei.

Der größte Teil der Orks trennte sich bald von ihnen. Wahrscheinlich suchten sie woanders nach weiterer Beute. Nur etwa ein Dutzend Orks trieben die Karren und die Gefangenen weiter nach Süden. Am Morgen des dritten Tages war Bolos am Ende seiner Kräfte. Man hatte sie nur in der größten Mittaghitze rasten lassen, wenn sich die Orks in den Schatten unter die Karren verkrochen, oder unter die Bäume an einer Wasserstelle. Während die Orks einen Ochsen geschlachtet hatten, den sie in Stücke hackten und noch halbroh verschlangen, und zu dem sich ihr Anführer (aber nur er allein) einen tüchtigen Schluck Wein gönnte, bekamen die Gefangenen nur einen Bissen verschimmeltes Schwarzbrot und viel zu wenig Wasser. Einer von Bolos‘ Kameraden war bereits auf der Strecke geblieben. Der arme Schiffer hatte nur Sandalen getragen und sich bald die Füße blutig gelaufen. Damit war er für die Orks offenbar wertlos geworden, und als er mehrmals stürzte, halfen sie ihm nicht mehr auf die Beine, sondern verhöhnten und schlugen ihn. Nachdem sein Körper nach langem Kampf erschlafft war, kappten sie das Seil und ließen den Körper in der Steppe zurück: ein Stück Aas für die Geier.

Am Tag zuvor, bei der Wasserausgabe, hatte ein Ork Bolos‘ Ration mutwillig verschüttet und seitdem hatte er keinen einzigen Schluck mehr zu trinken bekommen. Nun kündigte die aufgehende Sonne einen weiteren heißen Tag an. Halb besinnungslos torkelte Bolos hinter dem Karren her und betete zu den Valar, dass die Stunden schneller vergehen möchten. Noch vor dem Mittag stürzte er drei Mal, konnte sich aber jedes Mal wieder aufrappeln. Zeine Zunge war trocken und geschwollen, Hals und Knie aufgeschürft. Kaum noch konnte er die Augen offenhalten. Endlich hielten die Orks zur verzweifelt ersehnten Mittagsrast. Wieder handelte es sich um eine Wasserstelle. Die Orks kannten die Gegend also gut. Dort tränkten sie die Ochsen und sammelten Feuerholz im Schatten der hohen Kiefern und im Dornengestrüpp.

Da gewahrte Bolos aus dem Augenwinkel eine Bewegung, als ob ein Splitter vom Himmel gefallen wäre und zwischen den Bäumen umherstreifte. Die Orks hatten auch etwas bemerkt und gaben Alarm, aber als sie sich bei den Karren sammelten, fehlten schon drei von ihnen. Wütend schnatterten sie durcheinander. Aus dem Nichts stürzte ein großer Vogel auf sie herab: Ein Adler schlug seine Krallen in die Maske des Anführers, der blind und blutend zu Boden ging. Als der große Vogel noch weitere Orks attackierte, wandelte sich ihr Zorn in Schrecken und aus dem Unterholz brach eine Erscheinung hervor, wie aus einer anderen Welt: Ein Reiter auf einem großen Pferd mit einem wehenden himmelblauen Mantel streckte einen schweren Stab in die Höhe, an dessen Ende etwas leuchtete, wie Feuerfunken. Sein Haupt schien umgeben von einer Sonnenscheibe. Gleich im ersten Anritt streckte er mit dem Knauf seines Stabes links und rechts drei Orks nieder. Sein Pferd bäumte sich auf und erschlug mit seinen Vorderhufen zwei weitere. Die letzten Orks warfen ihre Messer weg und flohen ins Gehölz, aber der Reiter setzte ihnen nach, und wie die Gefangenen an den fernen Schreien hören konnten, erledigte er einen nach dem anderen auf der Flucht. Schließlich kehrte der Reiter zu ihnen zurück. Bolos war erstaunt, dass es sich um einen alten Mann zu handeln schien, mit einem eisgrauen Bart, der ihm in langen Wellen über die Brust floss, wie ein Wasserfall. Der Arm mit dem Stab hing nun herab und das Funkeln war erloschen. Dafür saß nun der Adler auf dem Sattelknauf und betrachtete die Gefangenen ruhig und stolz, so wie sein Herr. Die Augen des Adlers hatten die Farbe von Gold, die des alten Mannes waren so strahlend blau, wie sein Mantel. Die „Sonnenscheibe“ entpuppte sich, zu Bolos‘ Erstaunen, als ein schlichter Strohhut mit breiter Krempe und runder Krone, aber nicht von der schmutzigen, rot beschmierten, ausgefransten Art, wie sie die Orks trugen, sondern geflochten aus breiten Getreidehalmen, von der Farbe des Goldes.
Gelassen stieg der alte Mann von seinem Pferd und durchtrennte die Fesseln der Gefangenen mit einem silbernen Dolch, noch bevor diese die Sprache zurückgefunden hatten, um sich zu bedanken. Bolos dachte nur an den Wasserschlauch und trank sich gierig satt.
Schließlich sprach Bolos‘ Onkel den Fremden an: „Wer seid ihr, Herr?“
Der alte Mann legte seine Rechte auf die Brust, machte eine leichte Verbeugung und sagte mit kühlem Lächeln: „In diesen Weltgegenden kennt man mich unter dem Namen Arbogast. Mit wem habe ich die Ehre?“
„Wir sind Weinhändler aus Runmund in Dorwinion am Inneren Meer. Niemals werden wir Euren Dienst an uns vergessen!“
„Das trifft sich gut. Ich nehme an, dass Ihr jetzt zuerst in Eure Heimat zurückkehren möchtet. Hättet Ihr etwas dagegen, wenn ich Euch begleiten würde? Der Wein von Dorwinion ist der beste in ganz Mittelerde. Außerdem habe ich dort etwas zu erledigen.“
„Ganz im Gegenteil! Es wäre uns eine große Ehre und Freude! Und von unserem Wein könnt Ihr so viel trinken, wie es Euch gefällt, umsonst, für den Rest Eurer Tage.“
Der Fremde schmunzelte. „Das ist zu großzügig, denn es könnte Euch teurer zu stehen kommen, als Ihr glaubt.“
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