The Game

von -Ninaaa-
GeschichteAllgemein / P12
20.12.2015
02.01.2016
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Es gibt verschiedene Gründe, weshalb manche Menschen bestimmte Dinge tun. Von meinen will ich gar nicht erst anfangen. Tatsache ist, ich bin hier. Dabei. Und es war meine Entscheidung. Ich erwarte nicht, dass man mich versteht. Es ist wichtig für mich, das ist alles. Ich brauche das hier. Nicht den Ruhm, nicht die Anerkennung, das ist mir herzlich egal. Ich will einfach nur gewinnen. Für mich – und für Carla. Sie ist mein ein und alles. Sie hat ihre Familie für mich zurückgelassen, und ich kann ihr noch nicht einmal versprechen, dass wir den nächsten Monat überstehen. Ich brauche das Geld. Ich will es für sie.

Seit mehreren Tagen sind wir, insgesamt 50 Teilnehmer, in ein und demselben Hotel untergebracht. Unsere Zimmer jedoch liegen gerade so weit auseinander, dass wir voneinander abgeschottet sind. Schließlich sollen wir uns nicht schon vor der eigentlichen Fernsehübertragung kennen lernen. Das nehme dem Ganzen die Spannung, wurde mir erklärt. Die Blondine mit dem Klemmbrett hat mich einen Haufen Regeln unterschreiben lassen, selbstverständlich nicht ohne sie alle aufzuzählen. Stück für Stück. Ich weiß jetzt, dass wir keinerlei Einfluss darauf haben, in welchem Team wir sind. Dass das Spiel keine Zeitbegrenzung hat. Es ist noch offen, wie lange wir hier sind. Laut der blonden Lady hängt das davon ab, wie erfolgreich die jeweiligen Teams sind. Und damit meint sie, dass wir die Schlüsselpunkte gewinnen müssen. Alle, sonst stecken wir hier für immer und ewig fest. Und das war nicht mein Plan. Mit meinen zweiundzwanzig Jahren weiß ich ganz genau, was ich will. Den Sieg.
Heute geht es los, in weniger als drei Stunden starten die Fernsehaufzeichnungen. Ab heute werden die nächsten Tage, mit jeder meiner Bewegungen, für die Nachwelt festgehalten und gleichzeitig öffentlich ausgestrahlt. Nach Start kann es nicht mehr lange dauern, bis ich Carla wieder in meinen Armen halten kann. Bis ich ihr alles geben kann, wonach sie verlangt. Bis ich sie nach all den Jahren endlich heiraten kann.

Vor mir steht ein Spiegel, und langsam ziehe ich mich an. Die Sachen, die ich beinahe jeden Tag trage. Ein einfaches hellgraues Shirt, dazu meine alte, abgetragene braune Lederjacke. Die Kette, die mich seit Jahren durch mein Leben begleitet. Die alte, wertlose Münze, die ich an einem hellen Lederband befestigt habe, schlägt in unregelmäßigen Abständen gegen mein Shirt. Auf einem Stuhl neben mir liegt meine Jeans, davor stehen meine Schuhe. Ähnlich wie meine Jacke sind auch sie nicht mehr die neuesten, aber sie halten warm. Zumindest ein wenig – wenn man nicht gerade im tiefsten Winter spazieren geht.
Kaum dass ich mich fertig angezogen habe, geht hinter mir die Tür auf. Die mir mittlerweile recht bekannte Blondine tritt ein und mustert mich von oben bis unten. In ihrem dunkelblauen Kostüm und ihrer dunkelroten Krawatte macht sie keinen Hehl daraus, dass es auf ihrem Konto deutlich vielversprechender aussieht als auf meinem. Der herablassende Blick, mit dem sie mich daraufhin ansieht, sagt mehr als tausend Worte. Sie hält sich für etwas Besseres. „Mr. Harper?“ Ich nicke. „Sie müssen mir folgen.“ Ohne etwas Weiteres zu sagen, verlässt sie den Raum. Vor der geöffneten Tür bleibt sie stehen. „Kommen Sie nur, keine Sorge.“ Ich lache verächtlich. „Angst habe ich schon mal gar keine“, stelle ich umgehend klar. Die Blondine zuckt zurück, als ich neben ihr stehen bleibe. Sie ist sich nicht sicher, wie sie mit mir umgehen soll, das kann ich sehen. Und ich spüre es auch. Es ist nur so ein Gefühl, aber ich glaube, dass ich mit meinen etwas längeren dunkelblonden Haaren und dem Dreitagebart einen nicht gerade harmlosen Eindruck auf sie mache. Zufrieden grinse ich vor mich hin. Solange sie einen gewissen Abstand hält, wird ihr schon nichts passieren.
Die Menschen schätzen mich vollkommen falsch ein. Alle machen denselben Fehler. Alle gehen wie die Begleiterin in ihrem ordentlich gebügelten Outfit davon aus, dass ich, meinem Aussehen nach, kalt und unberechenbar bin. Manchmal bin ich das auch. Aber meistens, wenn die richtigen Menschen vor mir stehen, bin ich das genaue Gegenteil davon. Doch das muss keiner wissen. Solange mich das gegnerische Team für gefährlich hält, kommt es mir gerade recht.
„Weiß“, meint ein breit gebauter Mann in schwarzer Uniform. Die Lady an meiner Seite nickt und deutet auf eine Tür. Unsicher stehe ich davor. So kurz vor Beginn bin ich doch ein wenig nervös geworden. Um mich zu beruhigen, bemühe ich mich langsam und tief einzuatmen. Mehrere Sekunden betrachte ich das dunkle Holz des Türrahmens. Erst auf eine erneute Aufforderung betrete ich den Raum – und bin nicht besonders überrascht, dass dieser beinahe komplett gefüllt ist.
Nach einem schnellen Zählen weiß ich, dass wir zwanzig sind. Es fehlen noch fünf, dann ist unser Team komplett. Während ich mich umsehe, wird mir recht schnell klar, dass wir relativ gute Chancen haben. Klar, einige aus unserem Team sind jung, vielleicht gerade einmal sechzehn Jahre alt. Das sind diejenigen unter uns, die sich gerade lautstark darüber unterhalten, wie sehr sie sich auf das Spiel freuen. Auf mein Augenverdrehen reagiert keiner. Wieso auch. Die kleinen leben ja gerade ihren Traum vom Berühmtsein. Weil ihnen das Mitwirken in einer Fernsehshow auch ganz sicher Ruhm und Ehre bringt. Genau.
Als ein kleines Mädchen auf mich zukommt, glaube ich tatsächlich, dass ich spinne. Der kleine Rotschopf ist mindestens einen Kopf kleiner als ich und ihr gesamtes Gesicht ist mit Sommersprossen übersät. Sie sieht klein und verletzlich aus, und irgendwie habe ich das Gefühl, dass sie uns nicht weit bringen wird. Freundlich und mit einem breiten Lächeln hält sie mir ihre Hand unter die Nase. „Morgen“, antworte ich knapp. Es entgeht ihr nicht, dass ich nicht besonders froh über ihr Auftauchen bin. „Ich wollte nur nett sein!“, fährt sie mich postwendend an. Wow. So schnell wie sie wütend wird, sollte man mindestens drei Meter Abstand zu ihr halten. Sicherheitshalber. „Ganz ruhig, ja?“ Ich betrachte sie einen Augenblick lang. Sie sieht mich ebenfalls an. Bevor sie ihren Mund jedoch ein weiteres Mal öffnen kann, beginne ich zu sprechen. „Nicolas“, stelle ich mich vor. Sie nickt. „Aurora. Aber… nenn mich Red“, beeilt sie sich zu sagen. Offenbar gefällt ihr ihr eigentlicher Vorname nicht besonders. Nachvollziehbar. Ich würde auch nicht besonders gern Aurora heißen.
„Wie alt bist du eigentlich?“, platzt es aus mir heraus. Im Nachhinein wird mir klar, was ich gesagt habe, und ich wünsche, ich hätte es nicht gesagt. Aber die Kleine mit der Stupsnase scheint mir das nicht besonders übel zu nehmen. Stattdessen lächelt sie mich freundlich an. „Sechzehn.“ Sie grinst breit. „Aber nicht mehr lange.“ Jetzt bin ich der, der nickt. „Na dann…“ Sechzehn. Untergrenze. Und ihre Eltern haben ihr das einfach so erlaubt? Manchmal wundert mich wirklich, wie weit Eltern bereit sind zu gehen, nur um auch ein Stück weit bekannt zu werden. Ich würde niemals eines meiner Kinder in eine Fernsehshow schicken, nur damit ich davon profitiere. Ich bin so in Gedanken versunken, dass ich gar nicht merke, wie die Tür aufgeht und noch jemand hineingebracht wird.
„Einen wunderschönen guten Morgen, liebe Teamkameraden!“
Eine männliche Stimme hallt durch den Raum und ich drehe mich in die Richtung, aus der ich sie zu hören vermute. Erleichtert atme ich aus. Immerhin. Jetzt bin ich zumindest nicht mehr der einzige halbwegs Erwachsene hier. Auch wenn mir die Show nicht gefällt, die der Neue hier abliefert, will ich nicht sofort das schlechteste von ihm denken. Denn wenn wir  gewinnen, dann gewinnen wir zusammen. Der Neuankömmling geht erst einmal an allen entlang, schüttelt jedem die Hand und stellt sich daraufhin vor. „Lysander Besketh!“ Er holt tief Luft. „Und ich möchte euch nur noch einmal klar machen, dass wir dieses Spiel gewinnen müssen!“ Zumindest einer hier hat die gleiche Meinung wie ich. Lysander hält noch eine kurze Ansprache, die mir nicht wirklich wichtig erscheint, und so nutze ich die Gelegenheit mich noch einmal umzusehen. Anders als erwartet bin ich damit nicht der Einzige. Eine blonde junge Frau, nicht viel älter als der Neue, und vermutlich auch nicht viel jünger als ich, tuschelt hinter vorgehaltener Hand mit einem anderen Mädchen. Diese jedoch starrt wie gebannt auf den Neuen, der sich mit Sicherheit bewusst ist, welche Wirkung er auf alle Anwesenden hat. Es ist nicht nur das eine Mädchen, das den Blick nicht mehr von ihm lösen kann. Es sind alle, wirklich jedes Mädchen klebt mit den Blicken an seinen Lippen. Auch die Kleine, die sich mir als Aurora vorgestellt hat. Es gibt nur eine einzige Ausnahme. Die Blonde, die mir direkt gegenübersteht und mit ihrer Nachbarin tuschelt. Sie hält offenbar genauso wenig von dieser Show wie ich.
Nur den Bruchteil einer Sekunde später registriert sie, dass ich sie beobachte. Belustigt grinse ich sie an. Sie erwidert mein Grinsen lediglich mit einem kleinen Lächeln. Sie verdreht ihre Augen, aber bei ihr ist es von anderer Natur als bei mir. Sie scheint herablassend, kühl. Und soweit ich es auf die Entfernung von gut fünf Metern erkennen kann, muss sie sich wirklich zusammenreißen, um nicht sofort einzuschreiten. Das kann noch spaßig werden.
„So, ich denke das war nun genug!“ Ich lasse meinen Kopf sinken. Ich habe es gerade erst gedacht, und schon tut die Blonde genau das, was ich ihr besser nicht geraten hätte. Als ob sie selbst nicht weiß, dass sie sich damit Feinde macht. Wie kann sie es sich denn nur erlauben, diesen wahnsinnig gutaussehenden Möchtegern-Anführer in seiner einstudierten Rede zu unterbrechen? Was ich lustig finde, geht ihm eher auf den Wecker. Und die Mädchen, die sich in einer Traube um ihn herumscharen, scheinen diese Unterbrechung auch nicht besonders gut zu finden. Die Blonde würde besser daran tun schnell zu sprechen, denn lange wird sie die Aufmerksamkeit der anderen nicht haben. „Ich bin dafür, dass wir uns nachher sofort aufteilen, und jeder versucht für sich die ersten Punkte zu finden!“ Das würde ich so unterschreiben. So wie ich das verstanden habe, besteht das Spiel ja daraus, die Punkte, die in der Arena verteilt sind, allesamt in die eigene Farbe zu drehen. Je schneller wir damit anfangen, umso weniger besteht die Chance, dass die anderen die Punkte zuerst erreichen. Auch wenn es keine besonders gute Idee ist, alleine loszuziehen.
„Hört nicht auf sie“, mischt sich nun Lysander wieder ein. „Wir sind fünfundzwanzig. Wenn jeder allein geht, stehen die Chancen nicht besonders schlecht, dass wir dem gegnerischen Team in die Arme laufen! Die werden nicht den Fehler machen und sich aufteilen, da bin ich mir sicher!“ Er zeigt wahllos auf einige der jüngeren Jungen und Mädchen. „Wenn wir dich verlieren, und dich – und auch noch dich…“ Es wird still. So still, dass man eine Nadel auf den Boden fallen hören kann. „Wie sollen wir dann überhaupt gewinnen?“ Das Tuscheln beginnt erneut. Die Blondine, die der Frau in dem dunkelblauen Kostüm auf den ersten Blick nicht unähnlich ist, zuckt lediglich mit den Schultern. "Hier stirbt keiner, das dürft ihr ihm nicht glauben. Für unsere Sicherheit ist gesorgt!“ Nickend stimmen einige ihr zu. Andere jedoch schütteln ungläubig ihre Köpfe und sehen zu Lysander. „Wir müssen Gruppen bilden“, versucht er den anderen einzureden. „Wir sind erfolgreicher, wenn wir allein gehen!“, setzt die Blonde sich zur Wehr. So wird das nie etwas.
„Wie wäre es, wenn wir einfach abstimmen?“, frage ich laut in die Runde. Plötzlich sind alle Augen auf mich gerichtet. Sowohl Lysander als auch die Blonde sind davon nicht besonders begeistert und funkeln mich aus ihren Augen wütend an. „Alle, die für Lysander stimmen, stellen sich nach links, und alle, die lieber nach…“ Ich breche ab. Meine Wangen färben sich rot, denn ich habe keine Ahnung, wie die junge Frau heißt. „Lily“, erklärt sie genervt und stemmt dabei ihre linke Hand in die Hüfte. Ich beeile mich zu nicken. „Alle die lieber nach Lilys Version vorgehen würden, stellen sich auf die rechte Seite!“ Ich schlucke. Der erste der nickt ist Lysander. Lily zögert etwas, und spielt dabei mit einer Strähne ihrer ellenbogenlangen blonden Haare. Dann aber stimmt auch sie dem Ganzen zu. Als sie das Zeichen gibt, sind so schnell beinahe alle, auch ich, auf Lysanders Seite, dass sie mir fast Leid tut. Lediglich fünf oder sechs gesellen sich zu ihr. In diesem Ausmaß sollte niemand eine Abstimmung verlieren. Aber sie muss einfach einsehen, dass sie nicht die gleiche Wirkung auf die weiblichen Teilnehmer hat wie Lysander. Und das macht eben einen Unterschied.
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