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Schattenspiele

von Riniell
Kurzbeschreibung
GeschichteDrama, Fantasy / P16 / Gen
Emerelle OC (Own Character) Tiranu Yulivee
20.12.2015
01.12.2016
50
187.715
3
Alle Kapitel
52 Reviews
Dieses Kapitel
1 Review
 
13.02.2016 3.645
 
Es geht weiter!
Auch dieses Mal etwas früher als geplant, aber momentan bin ich ziemlich zugepackt mit privaten Terminen, dass ich morgen nicht online sein kann, sondern den Farbpinsel schwingen darf.

Ich denke, dieses Kapitel darf mit Recht als Kern aller künftigen Handlungsstränge dieser Story verstanden werden. Es wird komplex und einige versteckte Anmerkungen könnten eventuell noch wichtig werden ;) Es lehnt sich auch stark an die Handlung von Keine Rose ohne Dorn und einige Nebenhandlungen von dem Vorgänger an. Ich habe versucht, alles Wichtige noch einmal aufzugreifen, sollten Fragen offen bleiben, scheut euch nicht, mir einen Fingerzeig zu geben :)

Ich wünsche euch ganz viel Spaß beim Lesen! Natürlich freue ich mich auch, eure Meinung zu hören.










Die Fesseln des Schweigens



Yulivee und Jornowell verbrachten noch zwei weitere Tage im Handelszentrum von Larion. In Amanas Stadthaus gab es genügend Platz für die zwei hohen Gäste – anscheinend auch genügend Platz, sich Tag und Nacht mit spielerischer Leichtigkeit aus dem Weg zu gehen.

Während Jornowell unumwunden seine Arbeit als Grund vorschieben konnte, Yulivee zu meiden wie eine Katze das Wasser, war es bei Amana gänzlich anders: Jedes Mal, wenn sie sich in den Gängen ihres Hauses, in den Gärten oder auf den Straßen Larions begegneten, starrte diese verschlossene Elfe Yulivee lediglich mit einer Mischung aus Abschätzung und Zweifel an. Dann wandte sie sich schweigend ab und ging ihrer Wege.

Die Valerin überlegte nicht nur einmal, ihre Reise abzubrechen. Allerdings ließ sich dies kaum mit ihrem Wesen vereinbaren – geschweige denn mit Emerelles Auftrag oder dem engen Band, welches sie an den Schicksalsweg von Jornowell knüpfte. Eine Yulivee von Valemas gab nicht auf, nur weil ihre Chancen etwas ungünstig standen!

Stattdessen bemühte sie sich, Jornowell und auch Amanas Arbeit so gut es ging zu unterstützen, indem sie ihnen den Rücken freihielt. Dies beinhaltete ausgedehnte Ausflüge mit den Zwergen, zu denen sie recht schnell einen Faden gesponnen hatte, oder aber  lange Abende in der Schenke der Handelsstadt. In beiden Fällen schlossen sich die Arkadier gerne an, verabschiedeten sich allerdings recht zeitig aus der bunten Gesellschaft.

Wenn Yulivee des Nachts in das Haus Amanas zurückkehrte, war Jornowell stets noch in seine uferlose Arbeit vertieft und langsam fragte sie sich, ob dieser Elf überhaupt Schlaf benötigte …



* * *



Yulivee seufzte, als sie vor Amanas Studierzimmer trat und dort – welch Überraschung – Jornowell am Sekretär über Papiere und Rechenschieber gebeugt vorfand. Anscheinend wurde sie ‚nicht bemerkt‘, wie sie so laut schnaubend und mit erwartendem Blick im Türrahmen stand.

Der Weltenwanderer wirkte unnatürlich in seiner Position, in dem schattigen Kerzenlicht des Zimmers. Reue und eine Spur von Mitgefühl wallte in ihr auf. Dieser Elf tat wirklich alles, um Morwenna zu helfen und diese gab sich so kühl ihm gegenüber, dass es Yulivee noch immer fröstelte.

Mit schweren Schritten ging sie in die kleine Küche, um ihrem Freund einen stärkenden Tee zu kochen. Möglicherweise vermochte es dieses Getränk auch irgendwie, ein Gespräch zu beleben …

Als sie in das Zimmer zurückkam und noch immer angeschwiegen wurde, stellte sie die Kanne lautstark auf die Arbeitsfläche, nur um die Porzellantasse samt Unterteller gleich daneben zu scheppern. Als Jornowells finsterer Blick erst das Service und dann – zum ersten Mal in zwei Tagen – sie traf, ließ sich die Elfe auf den unbequemen Stuhl fallen, der vor dem Sekretär stand. Und wenn sie sie bis zum Morgen einen Monolog führte, Yulivee vermochte ebenso hartnäckig zu sein, wie ihr Freund auch!

„Ich war bis eben mit Tarrald und Orwis in der ‚Blauen Rose‘“, begann sie, als Jornowell den Blick wieder auf die Papiere senkte, aber offensichtlich nicht daran dachte, weiterzuarbeiten, während sie hier war. „Sie haben mir von einem übereifrigem Elfen erzählt, welcher vor einigen Wochen in ihren Hallen in Aelburin erschien und von einem Handelsabkommen mit Langollion schwärmte … Damals warst du noch nicht … ihr Hofmeister.“

Jornowell sah erneut zu ihr auf und Yulivee verspürte durchaus einen kleinen Stich, als sie fortfuhr: „Ich war eine Närrin. Vergib mir.“

Der Sohn des Alvias drehte die graue Schreibfeder in seinen Fingern hin und her: „Was soll ich dir vergeben?“

Von der Reaktion – Jornowell sprach mit ihr! – verunsichert, spielte sie an ihren Fingerspitzen und strengte sich an, in seine Augen zu sehen, während sie zögernd abwog:  „Ich hätte mit dir reden müssen … und nicht hinter deinem Rücken …“

Die Feder landete auf dem Sekretär. Im Zwielicht konnte die Elfe erkennen, wie sich die sonst so klaren Züge des Elfen verzogen: „Also bereust du nicht, was du getan hast, sondern lediglich, wie du es getan hast …“

„Jornowell…“ Die Erzmagierin ließ die Schultern sinken. „Bitte, verstehe mich! Ich kam vor nicht einmal sechs Tagen hier an und alles, was ich sehe ist dein erbarmungswürdiger Zustand, die Art, wie diese Elfe mit dir umspringt und dann diese Lüge bei Hofe … Du hast dich verändert! Ich erkenne dich nicht wieder!“

„Veränderungen können auch etwas Positives sein“, hielt ihr Gegenüber mit vorgerecktem Kinn entgegen. „Manchen von uns würden sie gut zu Gesichte stehen!“

„Also … du glaubst wirklich, du könntest sie ändern?!“ Yulivee beugte sich vor. „Sie sind Schlächter und überzogen ihr eigenes Reich mit Krieg und Mord. Dein eigener Vater trug Verletzungen davon! Ich war ein Kind, als ich sie sah: Die Narbe in seinem Gesicht …“

„Ich kann mich sehr wohl erinnern, Yulivee.“ In seiner Stimme schwang die Bitterkeit mit. „Ich habe die Schattenkriege miterlebt, während du nicht einmal geboren warst. Glaube mir, ich weiß um meine Entscheidung. Dementsprechend … ich werde nicht zulassen, dass ausgerechnet du dir anmaßt, meine Beziehung zu Morwenna zu manipulieren.“ Jornowell hob die Hand, als Yulivee aufbegehren wollte. „Es ist mir egal, was die Königin dir befahl … Ich will nicht wissen, was du in ihrem Namen tun sollst. Ich will dir nur eines sagen: Wenn du dich fortan gegen sie stellst, so stellst du dich auch gegen mich!“

Erschüttert, obgleich sie eine solche Reaktion halb befürchtet hatte, stand sie auf und wollte sich schon abwenden, als sie den Schmerz in seinen Zügen las. „Sie wird dir das Herz brechen! Verurteile mich nicht dafür, dass ich dies zu verhindern versuche.“

Jornowell schwieg.

Die Erzmagierin verließ aufgewühlt die Räumlichkeit und schritt in die Dunkelheit des offenen Treppenhauses. So hatte sie sich das klärende Gespräch zwischen ihr und Jornowell nicht vorgestellt! Sie schalt sich eine Närrin. Jornowell mochte es nicht zugeben, aber er besaß den Dickschädel eines Minotaur. Er wusste, er machte einen Fehler. Dies schien aber wohl noch lange kein Grund für ihn, Morwenna aufzugeben …

Yulivee war so sehr in ihren grübelnden Gedanken vertieft, dass ihr der kleine Lichtkegel erst auffiel, als sie direkt darunter stand. Irritiert blickte sie auf und sah Amana auf dem Durchgang des ersten Stocks stehen, eine blasse Hand am Geländer, die andere hielt eine kleine Kerzenleuchte. Die Elfe hatte ihren Abendrock angelegt und trug ihre hellen Haare in einem schweren Zopf über der Schulter. Mit demselben strengen Blick, mit dem die Herrin dieses Hauses sie stets maß, schaute sie herunter. Amana hatte das Gespräch belauscht!

Anders als Yulivee es nach ihrem letzten Gespräch gewohnt war, wich Amana nicht vor ihr zurück. So begab sie sich gespannt über die hölzernen Stufen nach oben, wo sich die Handelsleiterin ihr zuwandte. Der stechend helle Blick traf Yulivee fest: „Ich habe bereits im Sägewerk bemerkt, dass ihr nicht unbedingt einer Meinung seid, wenn es um die hohen Herren Langollions geht.“

Über diese Offenheit verwundert, antwortete die Magierin: „Könnte man durchaus so sagen …“

„Ich habe mir viele Gedanken seit unserem Gespräch in der Lagerhalle gemacht“, fuhr Amana fort. „Du bist im Auftrag der Königin hier, so viel ist mir klar und Jornowell offensichtlich auch. Nur ist die Überprüfung einiger neuer Amtsinhaber wohl kaum eine Aufgabe, die Emerelle ausgerechnet ihrer mächtigsten Magierin anvertraut.“

Yulivee begann zu begreifen, eine durchaus gefährliche Elfe als Gegner in diesem Spiel der Intrigen gewählt zu haben. „Worauf willst du hinaus?“

„Ich weiß, was du willst.“ Amanas Ausdruck war für die Magierin noch immer unlesbar. Umso gespannter wartete sie auf die nächsten Worte. „Ich kann dir helfen, es zu bekommen.“

„Wie solltest du mir helfen können?“

„Mit Wissen.“

Yulivee blieb skeptisch, das schien auch Amana zu bemerken. „Mein Gatte Marveen … er war mir nicht immer zugetan, musst du wissen. Er wuchs als Schützling an Alathaias Hof auf und lernte dort ihre älteste Tochter, Luana, kennen. Wie es das Schicksal wollte, schlug sie ihn in ihren Bann und ließ ihn nie wieder los.“

Die Erzmagierin hatte den Namen Luana nie gehört und so wuchs ihr Misstrauen. Sie mahnte sich zur Vorsicht – die Elfen Langollions galten als verschlagen und es mochte gut sein, dass sie hier in eine Falle tappte, die auch Emerelle schwer zusetzen könnte.

„Wenn du den Herren Langollions wirklich eine Schuld an den Schattenkriegen nachweisen möchtest“, ergänzte Amana. „Dann solltest du sie… zu Rate ziehen.“

Unglaubend zog Yulivee die Brauen zusammen: „Luana? Alle Kinder Alathaias sind tot, nur …“

„Emerelle hätte sich besser unterrichten sollen, bevor sie dich schickte!“ Amana lächelte. „Weißt du es denn nicht? In Langollion machst du einen falschen Schritt und bist verloren … Du musst vorbereitet sein, um zu bestehen.“

„Sag mir, was du weißt!“, forderte die Erzmagierin, von der Heimlichtuerei ermüdet.

„Luana war Alathaia immer ein Dorn im Auge. Sie sandte ihre Tochter fort, weil sie unvereinbare Ansichten besaß und ihre Seele zu friedliebend war… Wahrscheinlich fürchtete Alathaia lediglich den Einfluss, den Luana auf ihre jüngeren Geschwister ausübte.“ Die Verwandte der Fürsten redete im abwesenden Ton von den Geschehnissen, doch ihr Unmut war deutlich an ihren Augen abzulesen. „In ihrer Verbannung lebte Luana in einem Palast nahe dem großen Labyrinth. Erst vor wenigen Wochen feierten die Fürsten dort ein Fest, auf dem sie auch meinen Amtsantritt verkündeten. Es war der blanke Hohn, vielleicht auch eine Drohung, aber das grämt mich umso mehr und treibt mich, dir dies zu sagen. Mein Gatte besuchte Luana damals oft in diesem Palast … ich wusste von seiner Liebe zu ihr, aber tat nichts dagegen … und als Alathaia am Ende der Schattenkriegen fiel, verschwand Luana und ich … ich war so glücklich darüber, dass ich … Wie alle anderen dachte ich, sie sei tot. Und dann fand ich heraus, dass … Marveen machte sich erneut zu einer Reise auf, um sie zu besuchen … nicht in ihrem Palast – im Verborgenen! Ich fand es durch einen Zufall heraus und … dumm wie ich war, folgte ich ihm.“ Amana hob eine Braue und eine einzelne Träne perlte dabei über ihre blass gewordene Wange. Yulivee verstand nicht, worauf diese Erzählung hinausführte, war allerdings so ergriffen von den bisher verborgen gebliebenen Emotionen der Handelsleiterin, dass sie wie in einen Zauber gebannt weiter lauschte. „Er wollte sie im Labyrinth der Rosen besuchen … aber, es war zu spät. Sie hatte sich selbst gerichtet. Es muss geschehen sein, kurz nachdem sie verschwand. Man sagt, das Labyrinth treibe einen in den Wahnsinn … vielleicht war es auch der Verlust ihrer Familie. Wie dem auch sei, ab dieser Entdeckung wurde mein Marveen besessen davon, in den Labyrinthen nach ihrer Hinterlassenschaft zu suchen … er redete wirres Zeug, über einen Wissenshort, eine Art Bibliothek. Ich verstand es nicht, wollte es nicht verstehen.“ Amana schüttelte ihr helles Haupt, ehe sie tonlos den Mund wieder öffnete.

Die Erzmagierin spürte einen eisigen Schauer über den Rücken krabbeln. Sie ahnte, was geschehen sein musste. Die Art, wie Amana sprach, die Leere in ihren Augen. Marveen, ihr Gatte, war tot. Es hatte etwas mit den Geschehnissen um Luana zu tun, ohne Zweifel. Was hatte diese Elfe, die älteste Tochter der Alathaia, dazu verleitet, ausgerechnet in die Rosenlabyrinthe zu fliehen, nachdem ihre Familie umkam?

Yulivee hatte nur Schaudergeschichten über diesen Ort gehört, welche von verschwundenen Albenkindern und schleichendem Befall von Wahnsinn berichteten. Jornowell war soweit sie wusste in einem seiner Abenteuer selbst dort gewesen, ihr persönlich hatte er davon allerdings nie berichtet.

„Was geschah mit Marveen?“ Die Frage war unausweichlich für die junge Elfe, auch wenn sie nicht daran glaubte, dass die Antwort sie auch nur ein Stückchen in ihrem Vorhaben voran bringen könnte.

„Er richtete sich in seinem Herrenhaus, keine Woche, nachdem er Luana in diesem Labyrinth suchte“, antwortete Amana, welche nunmehr die Schultern gestrafft hielt. Ihre Stimme klang fester. „Er hinterließ keinen Abschied für mich, keine Worte, keinen Brief … Alles, was er immer und immer wieder in den Tagen zuvor sagte, war: ‚Ihr schwarzes Wissen, die böse Macht, sie fliegt im Herzen des Labyrinths.‘ In seinen todessteifen Fingern hielt er eines der Tagebücher Luanas … darin schrieb sie mehrmals, Marveen nie geliebt zu haben. Es muss ihm … das Herz gebrochen haben. Er lag dort schon Stunden, allein … über und über war er mit Motten bedeckt … Bis dahin hatte ich gedacht, es sei endlich vorbei mit dem Zauber, den Luana über ihn legte.“

„Er wurde wahnsinnig?“ Amana schaute erneut ins Leere, nickte aber. „Was meinte er mit ‚ihr schwarzes Wissen‘? Luanas Wissen? War sie in die Blutmagie eingewiesen?“

Amana sah sich mit vorsichtigen Blicken um: „Ich habe ohnehin schon zu viel gesagt … Wer garantiert mir, dass ich dies nicht bereuen könnte …?“

„Ich garantiere dir nichts, solange du nichts gesagt hast, was mir helfen könnte.“ Yulivee richtete sich auf. „Ich bin nicht hier, um meine Zeit zu verschwenden.“

„Ich sehe“, lächelte Amana bitter. „Hinter dieser Mauer der Leichtigkeit, mit der du dich umgibst, steckt ein Herz, welches ebenso hart wie verschlossen sein kann. Ich weiß nicht, was dich erwartet, wenn du das Labyrinth der Rosen aufsuchst, um dort nach Antworten – auf welche Fragen auch immer – zu suchen. Aber ich weiß, dass Luana selbst eine begabte Magierin auf dunklen Pfaden war, ehe sie sich von ihrer Mutter abwandte. In dem Tagebuch erwähnt sie, dieses Wissen im Geheimen festgehalten zu haben … wer weiß, aus welchen Gründen? Um bei der Bekämpfung ihrer Mutter zu helfen, um andere abzuschrecken … Ich weiß nur, dass es Marveens Leben gekostet hat, was diese Familie mit ihm trieb. Luana war ebenso darin verstrickt, wie ihre noch lebenden Geschwister auch. Sie wurden nie bestraft … Kannst du dir überhaupt vorstellen, was es bedeutet, über Jahrhunderte hinweg die größte Tragödie deines Lebens zu verschweigen und denen zu dienen, die diese überhaupt erst verursachten?!“

Yulivee schluckte. Ja, gewissermaßen hatte das Schicksal auch ihr die Bürde des Verlusts auferlegt. Doch im Gegensatz zu Amana wählte sie nicht das emotionale Exil, sondern baute sich ein neues Leben auf, um ihr Glück mit eigenen Händen zu schaffen.

Die Handelsführerin schloss ihre Frage selbst: „Es zerreißt einen … Ich will mich endlich von diesen Fesseln lösen! In den Tagebüchern Luanas könnten genaue Aufzeichnungen der Schattenkriege festgehalten sein. Sie stand ihren Geschwistern trotz des Banns ihrer Mutter immer nahe. Es ist keine Sicherheit, aber eine Chance … Nach allem, was Albenmark geschah, will ich nicht, dass dieses … abscheuliche Wissen noch einmal gegen Unschuldige gewandt wird.“

Yulivees Sinne schwirrten. Gerade hatte diese Elfe noch mit ihren eigenen Tränen gekämpft und nun wirkte sie so entschlossen, dass es an Verbitterung grenzte. Sie musste Marveen sehr geliebt haben. Mehr noch als sie es sich eingestehen wollte. War dies alles möglicherweise nur eine verblendete Zusammenkettung verwirrter Gedanken und falschen Stolzes?

Wenn in diesen Labyrinthen tatsächlich ein Wissenshort über die dunkle Magie existierte, musste die Königin auf jeden Fall Bescheid wissen. Und wenn dort noch mehr Aufzeichnungen gelagert wurden, wie etwa Beweise, welche Tiranu seiner Mitwisserschaft oder gar Kriegshandlungen in der Verschwörung seiner Mutter überführten, wäre dies eine Spur, die sie nicht umgehen konnte.

Yulivee sah Amana taxierend an: „Kann ich dieses Tagebuch sehen?“

„Die einzige Spur, welche zu mir führt?“ Amana schüttelte das Haupt. „Nicht ohne die Garantie deines Schutzes.“

Wissend, dieses Versprechen möglicherweise nicht halten zu können, haderte sie mit sich. Diese Elfe verbarg etwas Wesentliches!

Die Erzmagierin hatte unmittelbar das Gefühl, beobachtet zu werden … Doch in der Dunkelheit war nichts auszumachen, was verdächtig wirkte. Wenn sie genau hinhorchte, konnte sie das leise Kratzen von Jornowells Schreibfeder ausmachen. Sonst war niemand im Haus der Langollin. Wahrscheinlich spielten ihre Emotionen einen Streich …

„Ich gebe dir mein Wort“, rang sie schließlich von ihren Lippen und wurde bei diesen Worten sehr genau in Augenschein genommen. Nein, dumm war diese Elfe nicht und sie wollte ganz gewiss auch keine hehren Ziele mit ihrer Hilfe verfolgen. Aber es gab keinen Grund, ihren Worten zu misstrauen.

Die Leiterin des Handelskontors zog zögerlich ein kleines Büchlein aus den Falten ihres Nachtmantels. Es war vergilbt, vermutlich zählte es viel mehr Jahre als Yulivee selbst. Der gelbe Einband war deutlich abgegriffen und der Zerfall tat über die Jahrhunderte sein Übriges … Eine schwache magische Präsenz schien von dem Pergamentbündel auszugehen. Amana reichte es ihr mit zitternden Händen: „In deiner Obhut ist es besser aufgehoben. Zu lange trage ich diese Bürde mit mir herum … Ich kann nicht bezeugen, dass Tiranu und Morwenna etwas im Schilde gegen die Krone führen. Aber mit dieser Spur findest du möglicherweise doch einen Weg, sie ihrer wahren Taten zu überführen.“

Yulivee hielt das Büchlein in den Händen und wog es ab: „Das Labyrinth der Rosen? Ich dachte immer, es sei nur ein Ort der Märchen, um Reisende anzulocken …“

„Was lockt die Herzen mehr als Geheimnisse?“

„Geheimnisse … natürlich.“ Yulivee hob eine Braue. „Erst sagst du, du seiest deinen Herren so viel schuldig, dann fällst du ihnen in den Rücken. Sie halfen dir, deine Existenz wieder aufzubauen und …“

„Sie schwiegen sich über die Umstände um Marveens Verscheiden vor der Öffentlichkeit einfach aus“, erklärte Amana. „Es kam mir vor, als wäre es Schweigegeld, welches sie mir so großmütig überließen… Natürlich musste ich diese Chance wahrnehmen, denn Marveens Besitz ging auf sie zurück und mir wäre nichts geblieben. Als du vor einigen Tagen hier ankamst und diese Fragen gestellt hast …“ Amana hob die Hand, als versuchte sie, ein unbestimmtes Gefühl mit ihren zitternden Fingern einzufangen. „Es brach einen Damm in mir und ich konnte nicht länger schweigen. Allerdings musste ich erst herausfinden, welche Art Elfe du bist.“

„Offensichtlich bist du zu einem Ergebnis gekommen, welches dich zufrieden stimmte.“

Amana wollte etwas antworten, bis ihr Gesicht erstarrte und ihr Augenmerk an ihr vorbei ging. Yulivee folgte ihrem Blick. Wurden sie etwa doch belauscht? Im Treppenhaus war es finster, nur Amanas Kerze spendete Licht, welches bis zu einer geschlossenen Tür am Ende des kleinen Flurs reichte. Amana schritt an Yulivee vorbei auf diese Tür zu und öffnete sie, um hineinzuspähen. Einen Augenblick später wandte sie sich wieder ihr zu: „Es ist spät. Du solltest dich ausruhen.“ Sie schloss die Tür und ließ Yulivee hinter sich: „Jornowell ist ein aufrichtiger Mann … halte ihn aus all dem heraus. Mögen die Alben ihn von der Verblendung befreien, welche auch Luana einst bei meinem Marveen auslöste.“

Yulivee blieb nichts, als zu nicken, ehe Amana hinter der nächsten Ecke verschwand. Allein stand sie nun im Dunklen und lauschte dem Regen, welcher über das Dach und an die Fenster trommelte.

Wann hatte es begonnen zu regnen?

Mit schweren Schritten ging sie an der Tür vorbei, welche Amana eben noch so misstrauisch gestimmt hatte und wandte sich an die Treppe hinunter. Im Arbeitszimmer war Jornowell immer noch verbissen daran, Zahlen zu jagen und Yulivee biss sich auf die Lippen, um nicht versehentlich einen verräterischen Ton auszustoßen. Wie gern würde sie mit ihrem Freund über all das sprechen, was Amana ihr soeben offenbarte.

Die Elfe zwang sich, weiter zu gehen. Sie durfte nicht wieder so leichtsinnig sein wie in der Lagerhalle! Ihre Lippen blieben verschlossen.

Vor der Tür des Anwesend peitschte der Regen die Matschpfützen auf und Yulivee betrachtete den grauen Schleier aus dem Schutz des Vordachs heraus. Ihr Kopf schmerzte vor Grübeleien. Es tat gut, den tröstenden Klang des unverhofften Niederschlags zu vernehmen.

Was Amana gesagt hatte …

Es war keine Verschwörung, in welche sie eingeweiht wurde. Vielmehr das tragische Ende einer Elfe, die offenbar den richtigen Platz in Albenmark verfehlt hatte. Luana war aber auch ein weiteres Beispiel dafür, wie unerbittlich die Sippe der Alathaia sein konnte. Das eigene Kind zu verstoßen…

Yulivee setzte Stück für Stück die Fragmente zusammen, so vorsichtig wie sie das Buch in ihren Händen wog. Wenn Luana das Wissen um die schwarze Magie gesammelt hatte, so musste dieses zerstört werden. Tiranu durfte es nicht erlangen, auch wenn der Magierin klar war, dass er es wahrscheinlich gar nicht erst benötigen würde.

Wenn hinter all dem tatsächlich Beweise steckten, welche den Fürsten überführen konnten, waren sie es wert, verfolgt zu werden. Wenn schon nicht, um ihn nach all der Zeit doch noch abzustrafen, dann um Yulivee auf ihrem Weg zu stützen. Es entsprach nicht ihrer Art, Amana falsche Versprechungen gemacht zu haben. Diese Elfe war ihr alles andere als geheuer. Umso schlimmer, sich auf sie einzulassen, zu lügen. Wurde sie am Ende doch immer mehr von den Ränkeschmieden der Fürstenhäuser und des Ringens nach Macht beeinflusst? Wurde Emerelle ihr auf diese Weise Herr?

Was die Königin hinter all dem sah, wurde ihr nun klarer als zuvor. Es war nicht nur das Ziel, Tiranu loszuwerden, sondern auch das Vorhaben, sie, Yulivee, zu formen. Die Magierin wollte sich das nicht gefallen lassen …

Auf der anderen Seite konnte sie nicht zulassen, dass sich diese Spur im Sand verlief. Zumindest sollte sie das Labyrinth der Rosen aufsuchen, um den Hinweisen zu folgen. Es war gefährlich, das wusste sie, auch ohne Langollion jemals zuvor betreten zu haben. So viele Abenteurer wollten dieser Gefahr trotzen und waren nicht wieder gekehrt. Allerdings hatten es auch viele geschafft, mit heiler Haut davon zu kommen. Jornowell selbst hatte es durchkämmt und…

Jornowell.

Er hatte das alles nicht verdient. Yulivee konnte bis zu einem gewissen Punkt nachvollziehen, dass er ihr Einmischen nicht guthieß. Aber möglicherweise gab es einen Weg, auch ihn zu überzeugen. Sie musste nur ihren Instinkten trauen, das hatte ihr bereits Obilee geraten.

Und dieser sagte ihr, dass dort, in den Abgründen Langollions, etwas war …

Ihr schwarzes Wissen, die böse Macht, sie fliegt im Herzen des Labyrinths‘, rief sie sich in Erinnerung. Die Worte eines Wahnsinnigen. Allerdings stand Marveen Luana offensichtlich so nahe, dass sie ihm einiges anvertraut haben könnte. Die Magierin musterte das Buch in ihren Händen, welches von dem flackernden Licht einer Öllaterne an der Hausfassade angestrahlt wurde. Sie wusste, öffnete sie diesen Einband, begab sie sich auf einen Pfad, auf welchem sie sich selbst verlieren konnte.
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