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Schattenspiele

von Riniell
Kurzbeschreibung
GeschichteDrama, Fantasy / P16 / Gen
Emerelle OC (Own Character) Tiranu Yulivee
20.12.2015
01.12.2016
50
187.715
3
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Dieses Kapitel
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01.12.2016 3.506
 
- Epilog -

Windrose




Das Harfenspiel drang in sanften Tönen durch den Garten. Liebkosend berührten die hohen Noten sein Herz, brachten seine Gedanken zum Sirren. Knirschende Kieselsteine unter seinen Sohlen durchbrachen den Klangteppich, so wie seine finsteren Gedanken die zarte Melancholie in seinem Innern zerbrachen.

Er ließ die knorrigen Birnbäume hinter sich, die mit sattem, vollem Grün geschmückt waren, und erreichte das Gatter, welches aus dem kleinen Garten vom Anwesen hinaus zu den Hochküsten führte. Hier tat sich das strahlend blaue Meer in der mittäglichen Sonne bis zu den Horizonten auf.

Er beugte sich hinab zu den schlanken Jagdhunden, die seinen Weg begleiteten, und gab ihnen mit einem sachten Tätscheln zu verstehen, dass sie frei über die Ebene springen konnten. Die Brüder, beide besaßen sie schwarzes, glänzendes Fell, stürmten mit aller Hast durch das Küstengras; der Wind ließ ihre Ohren aufstehen und wild schlackern, trug ihr helles Bellen weit über die Schlucht. Die rasante Jagd der Hunde beherrschte einige Momente lang seinen Fokus, ehe er ihn betreten weiter lenkte.

Riana saß auf einem Fels, lehnte an ihrem prächtig stilisierten Instrument und ließ die schlanken Finger über die Saiten zupfen. Ein glitzernder Schwanenhals reckte sich als Bogen der Harfe in die Höhe, während die Saiten selbst wie die bewegten Schwungfedern des Vogels wirkten.

Silvain beobachtete seine Geliebte stumm, verfolgte ihr Tun und gab sich für einen Moment der Illusion hin, dieses Bild der Unschuld sei real. Doch dann überfielen ihn all jene unzählbaren Erinnerungen aus Schlachten der vergangenen Kriege, die er an Rianas Seite ausgefochten hatte. Ihre kriegerischen Fähigkeiten reichten bei Weitem nicht mehr an die Seinen heran, dennoch waren ihre Talente herausragend. Mehr als ein Mal hatte sie seinen Rücken gedeckt. Und dies nicht nur im Kampf. Sie hatte ihn vor Tiranus Unmut bewahrt, immer und immer wieder. Dann, wenn er einen Schritt zu weit gegangen war; dann, wenn sein Leichtsinn überhand gewonnen hatte und ihr Schwertmeister dies in aller Strenge abmahnen wollte.

Für Albenmark zu kämpfen war eine Sache. Für Langollion zu kämpfen war eine Sache. Für Tiranu zu kämpfen war eine Sache. Zu morden war eine völlig andere. Was in Vascar geschehen war, rieb ihn auf, versetzte ihn in heiße Unruhe. Zumal die Motive … heikler Natur schienen. Riana war nicht aus Vergeltungssucht oder Gerechtigkeitsdrang in den Wald gestürzt, um den Kobold und den Faun zu stellen. Sie hatte es für Tiranu getan. Jener Elf, der einst mehr als ihre Treue hielt. Sie hatte ihn geliebt und Silvain fürchtete, dass ihre Taten nicht nur aus Gehorsamkeit geschehen waren.

Er war nicht eifersüchtig. Er fürchtete sich um Rianas Willen. Denn ihre Tat war nicht nur für Tiranu gefährlich. Sie hatte das Schwert in der Dunkelheit geführt, um Tiranus mutmaßlichen Befehl auszuführen. Was, wenn diese Geschehnisse eines Tages ans Licht kamen? Würde Tiranu alles leugnen, um die Schuld allein auf Riana zurückzuführen? Genug Zeugen würde es für diese Anschuldigung geben. Immerhin war Tiranu niemals persönlich in den Wäldern gewesen. Doch für viel wahrscheinlicher hielt Silvain es, dass Riana alles anstandslos gestehen und die Schuld mit ihren eigenen Schultern tragen wollen würde. Allein.

„Du warst kaum einen Tag lang fort …“, riss Rianas Stimme ihn aus seinen Gedanken. Seine Geliebte hatte ihr Spiel unterbrochen und blickte mit halbem Lächeln zu ihm herüber. Ihr helles Haar glänzte im Licht der Sonne. Sie wirkte entrückt, unwirklich. Traurig.

„Ich habe mich nutzlos gefühlt“, entgegnete er. „Es … es ist, als würde ich meinem eigenen Versagen ins Angesicht blicken.“

Riana wandte sich ihm zu und sortierte die Röcke über ihren Beinen neu. „Du hast keine Schuld an dem, was geschah …“

Tief sog er die Meeresluft in seine Lungen und wünschte, ihre Worte könnten ihn erreichen. Oder die Schuldgefühle mildern. Doch die letzten Stunden im Rosenturm, der nicht weit von Rianas Palast an den Klippen lag, hatten dieses Feuer nur geschürt. Er hatte es nicht lange dort ausgehalten.

„Wie geht es ihr?“, stellte seine Geliebte die unvermeidliche Frage. Und wie jedes Mal kannte er nur eine Antwort darauf: „Ich denke, es wird besser …“

Silvain räusperte sich und versuchte, die Wirklichkeit zu erfassen, während er seinen Blick zu den Jagdhunden lenkte, die noch immer versuchten, den Wind zu fangen. Morwenna war eine Vertraute von Riana. Die Kriegerin aber wagte sich seit Wochen nicht in den Fürstensitz und wollte nicht offenbaren, weshalb. Jedes Mal, wenn Silvain dorthin aufbrach, fand seine Geliebte eine Ausrede, um sich in ihrem eigenen Anwesen zu vergraben. Wenn er wieder zurückkam, forderte sie sein Wissen über die jüngsten Veränderungen und Neuigkeiten für sich. Auch Riana musste sich schuldig fühlen. Doch wie stets ging sie einen anderen Weg als er, mit derlei Gefühlen umzugehen und schien dabei beinahe noch mehr zu leiden, als Silvain selbst. Auch wenn sich der Späher diese Möglichkeit kaum ausmalen konnte.

„Jornowell war unermüdlich an ihrer Seite, wenn er nicht gerade Tiranus Arbeitszimmer ins Chaos stürzte“, führte er weiter fort. „Er hat Meister aus Arkadien kommen lassen – Meister der Gärtnerei! Ich hatte keine Ahnung, dass Meister dieses Faches existieren, aber er hat sie aufgetrieben. Sie haben alles umgegraben … wie Maulwürfe, die eine Wildwiese ins Chaos stürzen wollen. Neu arrangiert nennen sie das. Nun stehen riesige Volieren im östlichen Park, etliche Wasserspiele plätschern im Obstgarten vor sich hin, überall neue Pavillons und Lauben. Und Blumen. So viele Blumen … Jornowell hat dies alles für sie in Auftrag gegeben. Doch Morwenna scheint das kaum zu berühren. Sie wandelte mit ihm in den Gärten, lauschte den Singvögeln und versuchte, sich ihm gegenüber nichts anmerken zu lassen … das ging wochenlang so. Nun hat sich Jornowell von ihr gelöst, um sie endlich wach zu rütteln. Sie hatte sich hinter ihm verborgen und verdrängte ihr Schicksal. Er tat das Richtige – und es scheint zu fruchten. Sie gewinnt an Kraft zurück, erst gestern war sie das erste Mal zurück in der Hauptstadt, um die Heilhäuser zu besuchen. Sie lässt ihre Schüler nicht im Stich. Und doch scheint es noch ein langer Weg zurück zur Normalität für sie zu werden. Ich weiß nicht, was ich tun könnte, um ihr zu helfen. Oder Tiranu. Ihm fehlt sein Hofmeister! Selbst Yulivee kann ihn nicht ersetzen und ich erst recht nicht. Ich kann ihn in die Baracken begleiten, wo er endlich wieder das Schwert ergreift, aber ich kann ihn nicht in der brüchigen Politik beistehen, die Langollion bestimmt. Ich weiß nicht, was ich tun könnte…“

Riana verzog die Lippen: „Es gibt nichts, das du für sie tun könntest. Sie mit mitleidigen Blicken zu beäugen und mit Schuldeingeständnissen zu überhäufen, wird nichts an ihrem Schicksal ändern. Nur sie allein besitzen diese Macht.“

Diese Worte mochten wahrhaftig sein, doch vermochten sie Silvain nicht zu mäßigen. „Du solltest in den Rosenturm gehen. Morwenna fragt nach dir, hin und wieder.“

Riana schüttelte den Kopf, wandte den Blick ab und der Späher könnte schwören, dass sie sich in ihrem hübschen Kopf gerade eine passende Ausrede überlegte. Doch dieses Mal ließ er sich nicht so leicht abwimmeln …

„Warum meidest du sie? Sie ist deine Vertraute!“

Seine Geliebte zuckte unter dem Gesagten zusammen wie unter einem Schlag. Und Silvain konnte nicht sagen, woher oder weshalb, aber plötzlich streifte ein völlig anderer Gedanke seinen Verstand: „Du … du gehst nicht ihr aus dem Weg … du gehst Tiranu aus dem Weg!?“, schlussfolgerte er und an ihren angespannten Kiefermuskeln entlarvte er die Wahrheit. „Weshalb?“

Das ergab keinen Sinn! Riana war die Letzte, die sich Schuldzuweisungen gegenüber Tiranu gefallen lassen musste. Fühlte sie sich dennoch schuldig ihm gegenüber? Reute auch sie ihr Versagen, so wie ihn? Dabei war ihre Position den Fürstengeschwistern gegenüber so völlig anders …

Versagen.

Bei den Alben!

Mit einem zögernden Schritt überwand er die Distanz zu Riana, griff nach ihrer Schulter und sah ihr fest in die Augen: „Sind Maka und Filan noch am Leben?“

Rianas Schweigen war Antwort genug. Silvain sog scharf die Luft in seine Lungen und wusste nicht, was er denken sollte. Er ließ sich zu ihr herunter, umfing ihre bebende Gestalt und versuchte zu begreifen, was dies bedeutete.

„Ich konnte es nicht. Ich wusste, es wäre Tiranus Wille, aber ich wusste auch, dass es sein Verderben werden könnte … Ich leitete sie zur Flucht an. Ich glaube nicht, dass Filan wirklich … wirklich ging oder sich … ob er noch am Leben ist. Aber Maka … Ich kann es nicht sagen. Ich weiß nur, dass ich Morwenna verraten habe. Und Tiranu. Ich kann ihnen nie wieder unter die Augen treten.“

„Das darfst du nicht sagen!“, ermahnte Silvain. „Du hast vielleicht gegen ihren Willen gehandelt, aber womöglich hast du damit ihr Leben gerettet!“

Diese Worte verließen seine Kehle nur stockend, während die Gedanken in seinem Kopf unstet herumflatterten wie Sperlinge im Frühjahr. Er konnte nicht glauben, was sie ihm soeben offenbart hatte. Tausend Fragen stürmten auf ihn ein, die danach verlangten, eine Antwort zu finden. Doch sie so aufgewühlt zu erleben, versetzte ihn nur weiter in Unruhe. Nie hatte er sie derart erlebt. Nun, bisher war sie auch stetig schwurtreu gewesen, Tiranus Befehlen ergeben. Vielleicht hatte der Fürst ihr gerade deswegen die Lüge, Maka und Filan seien gefallen, geglaubt?

Ihre Loyalität wurde ihr nun zum Verhängnis, denn auch wenn sie in Tiranus Interesse gehandelt hatte, so wäre er schwer von diesem Fakt zu überzeugen. Er wollte Rache für die Schandtat, die an Morwenna begangen wurde, er wollte den Tod der Anführer des Aufstands. Auch wenn ihm dies unter Umständen eines Tages die Krone kosten könnte.

Wie würde sein Herr reagieren, wenn er die Wahrheit erfuhr?

„Ich habe sie verraten!“, wiederholte Riana und schaute ihm dabei so flehentlich in die Augen, als wollte sie auch seine Vergebung erfahren. Doch wenn sie Absolution verlangte, war sie bei ihm gänzlich falsch. Schon allein aus dem Grund, dass er ihr nicht grollen konnte. Ihr Handeln war weder falsch noch verräterisch gewesen, im Gegenteil!

„Du hättest sie verraten, wenn du diese Morde begangen hättest“, erwiderte Silvain eindringlich. „Du hast das Richtige getan, auch wenn Tiranu dies nicht einsehen mag. Wenn er nur nicht so verdammt stur wäre …“ Er drückte Rianas Hand und versuchte sich an einem Lächeln, welches nur halbherzig erwidert wurde. „Dich nun aber von ihnen zurückzuziehen, ist keine Lösung. Tiranu und Morwenna sind verbunden mit dir und brauchen dich an ihrer Seite. Sie brauchen deine Stärke mehr denn je – und ich brauche dich auch bei ihnen. Ich komme mir … ich komme mir so hilflos vor. Ich kann weder Morwenna in ihrer Genesung, noch Tiranu mit seinen verdammten Korrespondenzen unterstützen. Es ist verflucht!“

„Du bist so anders als er“, raunte Riana und fuhr ihm durchs Haar. Eine einzelne schwarze Strähne hielt sie zwischen den Fingerkuppen und bedachte diese eingehend. „Ihr seht euch so ähnlich und könntet doch unterschiedlicher nicht sein. Conlyn. Unsere edlen Herren können sich glücklich schätzen, dich an ihrer Seite zu wissen. Nach allem, was geschehen ist … Haben sie je vermocht, deine Verluste aufzuwiegen?“ In ihren schattenverhangenen Augen sammelten sich Tränen, als sie weitersprach und der Elf schauderte ob des Gesagten. „Ich weiß, wie du dich fühlen musst. Ich habe zwei Brüder und eine Schwester verloren während der Kriege unserer Zeiten. Das Schlimme ist … Tiranu weiß ebenso um diesen schlimmsten Schmerz und dennoch … dennoch … behandelt er dich wie jeden anderen. Dabei hast du so viel mehr verdient! Es steht dir zu als ihr …“

Der Druck seiner Hände wurde fester und er bedeutete ihr, dass Schweigen nun angebrachter sei. Es war nicht neu, dass Tiranu sich ihm entzog, und mittlerweile war ihm dieses Gefühl der Distanz so vertraut wie eine ganz eigene Art der Sympathie geworden. Riana glaubte, sie habe diesen Keil zwischen sie getrieben, doch nicht etwa ein zurückgewiesenes amouröses Interesse war Schuld an der Zurückweisung. Es waren Differenzen, allein aus ihrer gespaltenen Vergangenheit geboren, welche nun mühsam und kaum hingabevoll zusammengeflickt wurde. Was war es mehr als totgeschwiegene, verborgene Blutsbande und ein längst gefochtener Krieg, das sie verband? Silvain hatte seinen wahren Vater nie kennen gelernt, allem dem Rücken gekehrt, was seine Vergangenheit ausmachte – selbst seinen wahren Namen hatte er abgelegt. Tiranu hingegen hatte ihren gemeinsamen Vater gekannt, allerdings nie wirklich zu schätzen, geschweige denn um seine tiefere Rolle gewusst. Sie waren wahrlich gänzlich verschieden, doch verbunden durch einen grimmigen Zusammenhalt, der darin gründete, dass sie zu stur waren, einander wirklich aufzugeben.

Er schaute wieder zu seinen Jagdgefährten. Sie stammten aus einem schwierigen Wurf, der überschaubar groß gewesen war. Ihre einzige Schwester hatte den letzten harten Winter nicht überlebt. Die Tiere erinnerten ihn an seine alte Heimat, in der seine Familie einen großen, zotteligen Hund gehalten hatte. Sein Ziehvater hatte ihn als Kind manches Mal auf den Rücken des gutmütigen Vierbeiners gesetzt, was den trägen Gesellen kaum zu stören schien. Er war eine liebe, treue Seele gewesen. Diese Tiere aber waren anders. Sie waren stolz und eitel und teilten nichts, nicht einmal miteinander. Er mochte sie für ihre Eigenart, die manch anderer unerzogen nennen würde.

„Ich akzeptiere ihn so, wie er ist“, entgegnete er schließlich und schenkte ihr ein Lächeln. „Ich kann auch dich akzeptieren, wie du bist, Schnitterin. Aber ich kann nicht dabei zusehen, wie sich die Elfen, die mir am meisten bedeuten, entzweien … um sich vermeintlich gegenseitig zu schützen. Gerade jetzt brauchen Tiranu und auch Morwenna dich an ihrer Seite. Ich kann ihnen nicht helfen – mir fehlen die Bildung und die Geduld … deshalb bitte ich dich, kehre zurück zu ihnen und biete ihnen das, was ich nicht vermag, ihnen zu geben. Nun, da Jornowell auf unbestimmte Zeit fort ist und Tiranu von dieser kleinen Magierin eingenommen wird, brauchen sie einen Wegweiser mit gewisser Durchsetzungskraft. Jemandem, dem sie vertrauen können. Du musst zurück in den Rosenturm kehren, zurück in die Baracken. Das ist dein Platz. Und ich brauche dich dort! Versuche es – um Meinetwillen.“

Riana wrang sich die Hände, als sie erwiderte: „Vielleicht hast du Recht …“ Sie schnaubte und verzog dabei unglücklich die Lippen. „Du bist so viel mehr, als sie verdient haben.“

„Vielleicht ist es genau umgekehrt und ich bin derjenige, der weitaus mehr bekommen hat, als er wirklich verdient.“ Er zog sie sanft zu sich und küsste sie. Es mochte schwer zu verstehen sein, aber nach allem, was er in seinem Leben eingebüßt hatte – seine viel zu kurze Kindheit in einer vergangenen Welt, seine Familie, seine Identität – fühlte sich dieses zerbrechliche Band der Fügung zu Morwenna und Tiranu kostbarer an, als jeder Schatz, den die Zwerge dieser Tage nach Langollion sandten. Sein Weg war wahrlich nicht leicht gewesen, aber hier zu sein fühlte sich an, als erreichte er ein lange erträumtes und doch unwirkliches Ziel.

* * *


Als die Sonne am nächsten Morgen aufging, war der Fürst Langollions bereits lange wach. Der traumlose Schlummer, der ihn in der letzten Nacht ein ums andere Mal umfangen hielt, war kaum als Schlaf zu bezeichnen gewesen. Doch fühlte er sich ausgeruht, als er in das milchige Morgenlicht trat, welches träge durch die abgerundete Fensterfront brach. Draußen war die Welt noch von einem silbergoldenen Nebel umhüllt, der den Blick in die Bucht des Rosenturms verwehrte. Nur die immerwährenden Schreie der Möwen hallten als durchdringendes Echo leiser und leiser ins Turmgemach herauf.

Tiranu nahm die Rufe kaum wahr. Trotz der bleiernen Ruhe, die auf seinen Schultern lag wie wärmende Hände, fühlte er eine stetig vertrautere Rastlosigkeit in sich aufsteigen. Keine solche, die ihn wie Jornowell in die Fremde treiben würde. Vielmehr schien es, als würden zahllose Fragen seinen Verstand für zähe Momente in Aufruhr bringen, ehe sie alle plötzlich verstummten – und die ungreifbare Antwort die Überhand über sein Denken gewann.

Eine solche Frage ließ ihn auch in diesem Moment die Stirn runzeln. Sein Atem steckte irgendwo zwischen Lunge und Rachen, als er seine ruhelosen Arme ineinander verschränkte und sich seitlich an den hölzernen Pfosten seiner Bettstatt lehnte. Wie lange er dort stand – den dunklen Blick fest auf die weißseidenen Laken gerichtet – vermochte er nicht zu sagen. Erst, als er zum widerholten Male mit dem Daumennagel eine der Holzintarsien des Pfostens nachfuhr, wurde ihm klar, dass er starrte. Und darüber hinaus vergaß zu atmen. In seinen Fingerspitzen kribbelte es, ihm war leidlich bewusst, wie viel Arbeit nach Jornowells Weggang nun auf ihn in den Ratskammern wartete. Doch er konnte den Blick nicht abwenden.

Die Frage stets präsent: Wie hatte es nur so weit kommen können?

Zwischen den Laken, die zerwühlt waren und etliche Knitter aufwiesen, zeichneten sich schlanke Glieder ab. Die leicht gebräunte Haut bildete im warmen Licht der höher steigenden Sonne einen angenehmen Kontrast zur Feenseide und zog seinen Blick wie durch einen Bann auf sich. Über den von seiner Schwester mit samtblauen Fäden und weißen Perlen bestickten Kissen breitete sich glänzendes Haar in der Farbe geschliffenen Walnussholzes aus. Die Elfe hatte sich zusammengerollt, lag wie eine zufriedene Katze auf ihrer Seite, den Kopf auf ihren angewinkelten Arm gebettet. Ihre Züge waren entspannt, friedlich. Und doch war ihm, als würde selbst im Schlaf eine kleine Spur von Trotz in ihrem Ausdruck leben. Die dunklen Brauen zogen sich zusammen, bildeten eine kaum erkennbare Falte über der Nase, ehe sie sich jäh wieder entspannten. Die langen Wimpern bewegten sich mit den flatternden Lidern, als sie einige unverständliche Worte murmelte. Dann legte sich ein feines, schwer wahrnehmbares Lächeln auf ihre vollen Lippen, das ihn die Frage nach dem Wie – wie so oft – wieder vergessen ließ. Es ließ ihn schier auch vergessen, welche Zweifel er hegte, welche Macht diese Elfe besaß und welch tiefen Groll er einst gegen sie gehegt hatte. Beinahe vergaß er in diesem Moment sogar jenen Hass, der sie offen gegen ihn angetrieben hatte. Als wäre ein Orkan über einen Feuerfunken gekommen, schien ihrer beider Missgunst verloschen zu sein. Er wusste, wie gefährlich dieses Spiel mit ihr war, konnte eben nicht vergessen, wer diese Elfe wahrhaftig war. Aber er fühlte das tiefe Vertrauen, das sie langsam, von ihm erst völlig unbemerkt, in ihn gefasst hatte. Sie hatte sich gegen Emerelle gewandt, hatte Valemas so lange den Rücken gekehrt und den Elfen zurückgewiesen, von dem Silvain ihm berichtet hatte. Sie hatte sich von einer Steilküste in die tosende See gestürzt.

Ihr Vertrauen verwirrte ihn noch immer – und ergab eine eigenwillige Verbindung mit der vibrierenden Rastlosigkeit in seinem Herzen.

Als sie ihre Augen aufschlug, gegen das Licht blinzelte und schließlich lächelnd seinen Blick erwiderte, glaubte er zu ahnen, wie die Antwort auf all die umtriebigen Fragen in seinem Innern lauten könnte.

„Warum … warum bei allen Alben bist du um diese Zeit schon wach?“, erklang es dunkel und kratzend, als Yulivee sich aufrichtete, um sich den Schlaf aus den Augen zu reiben. Als er nicht antwortete, legte sie irritiert den Kopf schief: „Was siehst du denn?“

Erneut blieb er ihr eine Entgegnung schuldig. Stumm erwiderte er ihr Lächeln, gefangen in irritierender Verwunderung und einem völlig fremden Gefühl der Wärme. Seine Gedanken formten jene Worte, die er auszusprechen – noch – nicht fähig war: Meinen Norden auf dem Kompass.







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So, ihr Lieben, dies ist das vorläufige Ende der Story – aber ihr werdet es schon begriffen haben, nicht das Ende der Geschichte. Ich möchte euch allen danken, dass ihr mich bis hierhin begleitet, mich mit Feedback und Kritik unterstützt und euch mit ihrer regen Leserschaft bei mir bemerkbar gemacht habt! Ihr wart mir im Jahr der ‚Schattenspiele‘ eine riesige Stütze und ich habe mich über jede einzelne Nachricht von euch gefreut! Fanfiktion schreiben ist ein wunderbares Hobby und es ist ein wundervolles Gefühl, wenn dieses Hobby auch noch von anderen gewürdigt wird – oder es sogar vermag, diese zu erfreuen. Ich hoffe, ihr konntet diese Story und das Lesen so sehr genießen, wie ich das Schreiben. Ich hoffe, ihr erinnert euch noch ein wenig an die Handlung, behaltet sie so wie ich mit den hellen und den dunklen Stunden im Herzen. Ich hoffe, ihr schreibt mir zum Ende hin nochmal eure Meinung, lasst mir ein Empfehlungssternchen da oder schließt dieses Fenster, dieses letzte Kapitel mit einem Lächeln auf dem Gesicht.

Es existiert in meinem Headcanon noch eine spannungsgeladene Fortsetzung, in der mehr von Jelisse, Emerelle und Conlyn/Silvain in Erfahrung gebracht wird. Eine Verkettung von Umständen, Erinnerungen und machtpolitischer Szenarien, die ein empfindliches Erschüttern der Grundfesten in Elfenlicht nach sich ziehen werden. Die Albenmark formiert sich ein Jahr nach der Trennung der Welten neu, doch die Kämpfe um Macht und Einfluss finden nach wie vor in den politischen Kreisen der Elfen statt. In den letzten Monaten profitierte Langollion von den Geschäften mit Aelburin und Arkadien – doch wird dies ohne Rückforderungen vergessen werden? Was haben Jelisses‘ dunkle Träume zu bedeuten, die sie kaum einmal ihrem Bruder anvertrauen kann? Wie wird die Schwanenkrone Emerelle länger sicher sein, wenn ihre größten Anhänger abtrünnig wurden, starben oder sich aus der Öffentlichkeit zurückzogen? Es gibt eine neue Anwärterin auf die Krone, die zu allem bereit ist, um es ihrer Mutter gleichzutun und zur Königin der Elfen ausgerufen zu werden. Wird sie die Unterstützung der anderen Fürsten gewinnen können?

Dies und die Vorgeschichte zu Conlyns Werdegang zum Schnitter sind mögliche weitere Storys, die ich hier veröffentlichen werde. Aber das wird nun vorerst etwas dauern … wer weiß, wie lange …

Auf jeden Fall wünsche ich euch bis dahin eine schöne Zeit! Lasst von euch hören, ich bin gespannt auf jedes Wort, jede Review und jede neue Fanfiktion, die hier im Fandom erscheint, während ‚Schattenspiele‘ nach einem kompletten Jahr nun geschlossen ist


eure Riniell
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