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Schattenspiele

von Riniell
Kurzbeschreibung
GeschichteDrama, Fantasy / P16 / Gen
Emerelle OC (Own Character) Tiranu Yulivee
20.12.2015
01.12.2016
50
187.715
3
Alle Kapitel
52 Reviews
Dieses Kapitel
1 Review
 
17.01.2016 4.219
 
Willkommen zum nächsten Kapitel! Dieses Mal geht es wieder um Yulivee und ihre erste Konfrontation mit Langollion. Ich hoffe sehr, dass Langollion euch in meiner Darstellung gut gefällt und ihr euch in der Hauptstadt etwas treiben lassen könnt. Es ist ein weiterer Sockel, auf dem die Handlung der Story aufgebaut wird und langsam wird es verdammt spannend. Wie immer habe ich mich über die vielen Klicks gefreut und eure lieben Mails waren einfach wunderschön zu lesen. Vielen, vielen Dank!!







Eine denkwürdige Reise




Der Morgen des Abschieds war unsagbar schwer gewesen. Vseslin hatte mit allen Methoden versucht, ihr auf die Schliche zu kommen. Doch Yulivee musste hart bleiben. Über die genauen Motive ihrer Reise schwieg sie sich gegenüber ihrem Liebhaber aus, wusste sie doch um das impulsive Wesen des Valers. Sie ahnte, dass Vseslin sie nie allein ziehen lassen würde, wüsste er, weshalb sie nach Langollion reiste.

So hatte sie ihm lediglich mitgeteilt, dass Jornowell ihre Hilfe auf dem Inselstaat erbeten hatte und sie ihm im Aufbau der Wirtschaft Langollions unter die Arme greifen wollte. Vseslin war leider nicht dumm und schon gar nicht naiv. Seine Stirn war unter seinen feuerroten Strähnen tief gerunzelt, bis zu dem Moment, als er ihr auf Felbions hohen Sattel half.

Der lebhafte Hengst war ihr vertraut seit Kindheitstagen und doch musste sie eingestehen, bei jedem gemeinsamen Aufbruch das Gefühl zu haben, er sei ein gutes Stück zu groß für sie. Es rang ihrem Vseslin ein Lachen ab, wie er ihren angestrengten Versuch beobachtete, den Schimmel zu erklimmen, endlich schnaubend oben auf saß und Felbions Zügel mit gespieltem Unwillen in die Hand nahm. ‚Pass auf dich auf, kleine Julifee!‘, feixte der Valer dann und ihr entrüsteter Blick streifte Obilee, welche am Portal ihres Palast wartete. Ihre Freundin hob entschuldigend die Hände, dann wurde ihr Gesicht ernst: Ein Nicken war ihr Abschied.

Über die gepflasterten Straßen Valemas‘ führte eine steile, verwinkelte Gasse zum hochgelegenen Plateau am Rande der Stadt. Die Magie an diesem alten Ort fand ihren Knotenpunkt unter dem Blätterdach knorriger Ginkgobäume und dem verspielten Wasserspiel steinerner Springbrunnen in einem großen Albenstern. Durch dieses Portal durfte Valemas aus den Gründen des Schutzes nicht betreten werden, allerdings war es jedem Magier frei gestattet, die Stadt über diesen Weg zu verlassen. Yulivee griff nach der magischen Materie und formte sie wie weiches Wachs in ihren Händen. Sie musste sich nicht vom Sattel gleiten lassen, um das Portal in die Fremde zu öffnen.

Bevor sie es durchschritt, schaute Yulivee noch einmal über die Palastdächer ihrer Stadt und bedauerte, Vseslins Bitte, ihr wenigstens bis hierher zu folgen, ausgeschlagen zu haben. Wenn er nun allerdings die Zweifel auf ihrem Gesicht sehen würde …

Ihre Liaison dauerte erst einige Wochen, vielleicht zwei Monde. Sie beide waren unfassbar unerfahren darin, das Leben mit einem anderen Wesen zu teilen. Ganz zu Anfang war es schwierig gewesen, ihre eigenwilligen Köpfe auf das zu fokussieren, was ihre Verbindung ausmachte: eine nicht fassbare Leichtigkeit. Ihre Diskussionen mochten Tage andauern und wurden auch dann weiter geführt, wenn das eigentliche Thema längst vergessen war und es nur noch darum ging, sich in halsbrecherische Argumentationen zu verstricken. Ihr kindlicher Schabernack mochte nur durch seine fiesen Streiche übertroffen werden. Und sie teilten sich die tiefsten Sehnsüchte – das Meer in die Fremde der Albenmark zu befahren, die frühe Historie Albenmarks zu erkunden, das Wissen von Valemas‘ Bibliothek allumfassend zu erweitern, die Seele der Dschinne wieder zu finden …

All dies schien Yulivee nun fern. Mit bebenden Fingern griff sie nach dem Albenstein, welcher unter ihrer Kleidung an einem schmalen Gürtel hing. Sie fühlte seine Macht pulsieren. Möglicherweise wäre es besser gewesen, ihn sicher verwahrt hier zu lassen? Nein, entschied sie. Sie musste lernen, mit seiner Präsenz umzugehen, mit der Verantwortung zu leben.

Als die Erzmagierin Felbion durch den Albenstern führte, ging sie noch einmal all die Punkte durch, welche Obilee ihr wieder und wieder predigte, ehe sie ihren Palast verließ. Vorsicht war dabei stets das vorherrschende Thema. ‚Wie gut, dass ich mich darauf besonders verstehe‘, dachte sie bei sich, nicht ohne einen Stich der zynischen Heiterkeit.

Der goldene Pfad des Albensterns brachte sie innerhalb einer Zeitspanne von sieben langen Atemzügen vor die ihr unbekannten Tore der Hauptstadt Langollions. Felbion schnaubte laut. Die plötzlich kältere Luft ließ ihn unruhig werden, obgleich er das Reisen auf diesen magischen Pfaden sehr wohl gewohnt war. Auch Yulivee brauchte einen scheinbar ewig währenden Moment, um zu erfassen, was sich um sie herum auftat.

Gebettet in eine ausladende Landzunge erstreckte sich die auslandende und altertümliche Hafenstadt, gebaut aus grauem Stein und gebeiztem Holz. Zwar war sie nahe der vorherrschenden Küste gelegen, doch vor den Toren der Stadt war von einem Meer nichts zu sehen. Wohl aber legte sich der salzige Geschmack auf ihre Lippen und die Luft war rein und würzig. Aus der Höhe erklangen die wehmütigen Schreie der Seemöwen, welche ihren erhaben anmutenden Tanz am Firmament vollzogen.

Yulivees Blick glitt aber eine breite Pflasterstraße entlang, welche in ihren tiefen Furchen allerhand Moos und Schneematsch gefangen hielt. Sie führte geradewegs zu einem gewaltigen Portal, über dessen schmale Spitztürmchen der Wind knatterte. Das Portal besaß kein Tor, keine Mauern führten sich daran fort. Es war lediglich ein ausuferndes Gebilde, dessen filigrane Steinmetzarbeit schier unterging.

Mit einem stummen Befehl führte Yulivee Felbion durch das Tor. Um sich gegen die unerbittliche Kälte zu schützen, zog sie das grüne Tuch ihres Gewands vors Gesicht und steckte es an der Schulter fest.  Doch noch bis zu den ersten Hausreihen schnitt der Wind in ihre Haut, bis sie endlich aufatmen konnte.

Innerhalb der Stadt führten sauber gekehrte Gassen von der breiten Straße ab und verliefen sich zwischen eng aneinanderstehenden Steinfassaden. Die Elfe bemerkte, dass zumeist nur das untere Drittel der Häuser aus Stein gehauen war. Über dieses legten sich breitere, hoch aufragende Holzfassaden. Sie reichten so weit über die Gassen, dass sie einen beinahe beengten Eindruck bei Yulivee hinterließen. Nur wenige Häuser waren komplett aus dem grauen Felsenstein gefertigt und wiesen dann dunkle, geziegelte Giebeldächer auf.

Einige der Anwesen wurden durch hölzerne, komplett  umschlossene Brücken verbunden, die sogar über den verschlungenen Lauf der Gassen reichten. Spitze Türmchen, steinerne Kuppeln und unzählige große Fenster zum Einfangen des nebligen Lichts waren der schlichte Schmuck dieser Stadt. Selbst die eisernen Straßenlaternen waren schlicht gefertigt, ohne jede Zier. Zudem konnte sie nur wenige Bäume oder Blumen oder gar anderes Grün in entlegenen Winkeln erspähen.

Außerhalb der Häuser herrschte nur mäßig Betrieb. Koboldarbeiter karrten überspannte Wägen knarrend über den Pflasterstein und nickten ihr im Vorübergehen zu. Ihr entging nicht der fragende Ausdruck beim Blick auf ihre Gewänder. Sie war in weites Tuch gehüllt, welches ihre Unterkleidung verbarg. Der Stoff war ohne Schmuck, die satte Farbe vermochte allerdings einen Eindruck hinterlassen. Darunter trug sie weite Hosen, welche sich an den Knöcheln enger zusammenzogen und von einem dezenten Braunton waren. Erst etwa eine Handlänge über ihrem Bund verlief der bedeckte ein reich besticktes, kurzärmliges Oberteils ihren Bauch. Das flatternde Obergewand konnte einige der Flöten, die aus ihrem Wickelgürtel ragten, nicht verbergen.

Das Schreien der Möwen wurde lauter und der salzige Geschmack des Meers legte sich schwer auf Yulivees Zunge, was sie trotz der Kälte tief durchatmen ließ.

Die Erzmagierin der Albenmark fühlte sich fremd in der kühlen Szenerie, war sie gerade noch durch ein aufgewecktes und farbenfrohes Valemas geritten.  Erst als die Hauptstraße an den Pieren vorbeiführte, bekam sie eine vage Ahnung davon, was diese Stadt bewegte. An den tiefer gelegenen Docks wurden Schiffe und Kutter vom Frühfang vertäut und ein reges Treiben fand zwischen feilbietenden Marktfrauen – welche mit an den Bäuchen befestigten Auslagen oder Zugkarren die Reihen der Arbeiter abklapperten –, Handwerkern, Matrosen und umherstreunenden Katzen statt.

Am Horizont peitschte ein wildes, morgendliches Meer. Der Gang der Wellen klatschte so laut an die Hafenbefestigung, das Yulivee es selbst durch den Lärm der Masse hinweg zu hören vermochte. Das Bild ließ sie Ehrfurcht empfinden. Doch etwas an dieser bewegten Idylle kam ihr trügerisch vor.

In der Ferne fand sie einen aufgeregten Schwarm von Wachleuten, welcher zwei Bettler von der Hafenanlage zerrten. Man musste kein Verständiger sein, um zu sehen, dass es den niederen Albenkindern in der Hauptstadt nicht gut ging.

Stumm trieb sie Felbion weiter an und stellte fest, dass hinter der Hafenmauer die Straße sowohl breiter gebaut, als auch von edleren Anwesen umgeben war. Nun trugen die Dächer Türmchen und aufwendige Giebel und hinter den Fenstern strahlte ein wenig Wärme auf die steinernen Wege mit ihren schneebedeckten Blumenbeeten. An den Fassaden der Häuser schlängelten sich wilder Wein und Efeu empor, gegen die Kälte schützten sie liebevoll gewebte Zauber.

Die Straße brachte sie bald an einen belebten Platz. Hier winkte Yulivee einigen Kindern zu, die auf der Eisfläche eines großen Brunnens in ihren Schlittschuhen tanzten und aufgeregt innehielten, als sie ihre Gestalt auf Felbion erblickten. Einige Marktbuden auf dem Platz vertrieben heiße Blutbirnen, dampfenden Tee und gewürzten Wein. Die Meeresluft war beinahe vertrieben, Zimt und Honig lag in der Luft.

Ihr Herz wurde dennoch wesentlich leichter, als sie die Stadt hinter sich ließ und Felbion zum Galopp über die Straße zum Rosenturm antrieb. Sie beugte sich tief in seine Mähne und hielt das Tuch an Ort und Stelle, um den Winterwind aus ihrem Gesicht zu halten.

Als sie einige Zeit später etwas außer Atem den hochaufragenden Rosenturm erblickte, fiel es ihr schwer, Jornowell darin zu wissen. Der Fürstensitz hatte etwas Einnehmendes, überragte er doch so unfassbar wagemutig den Horizont. Im Schatten des Turms zeichnete sich die Steilküste mit ihren tückischen Fällen ins Meer ab. Die winterliche Sonne hingegen stand beinahe im Zenit über der Landschaft.

„Fast geschafft, mein Freund“, tätschelte sie Felbions Hals. „Hoffen wir, dass ihre Ställe wärmer sind als ihre Herzen.“

Der äußere Hof war fast verlassen. Yulivee löste angespannt das Tuch vor ihrem Gesicht, um ihr Gesicht offen zu legen. Sogleich bildete sich eine weiße Wolke vor ihren Lippen, als sie dem Stallburschen zunickte, welcher ihr hastig entgegenkam, um Felbion zu versorgen.

Yulivee hielt sich noch einen Moment an den Zügeln ihres Gefährten fest, als sie den Kopf in den Nacken legte, um die volle Höhe des Rosenturms in Augenschein zu nehmen. Weitläufige Ausbauten, schmuckreiche Erker, aneinandergeklammerte filigrane Türmchen, geschwungene Treppengänge und  unzählbare Balkone verfälschten die runde Form der Fassade, welche in einem bauchigen Kuppeldach mit in sich gezwirbelter Spitze ihren Höhepunkt fand. Yulivee lächelte halb, als sie neben wucherndem Efeubewuchs auch Buschrösschen an den Mauern emporklettern sah.

Die Erzmagierin riss ihren Blick von dem massiven und doch so eleganten Bauwerk los und wählte eine der zwei geschwungenen Treppen zum langen Vorbau, der mit einem überdachten Säulengang ins Innere des Turms führte. Von der hohen Decke hingen die Banner der Fürsten in gedeckten Farben. Eine weiße Rose auf grünem Grund flatterte zuvorderst im aufkommenden Wind.

Als sie eine längliche Empfangshalle mit hohen Decken und kleinen Wasserspielen erreichte, wartete sie ungeduldig. Die vier Wachen am anderen Ende der Halle starrten nur ins Leere.

Wo steckte Jornowell?

Oder ein Bote?

Ein Angestellter …

Irgendwer?

Yulivee beschloss, die Höflichkeit auf sich beruhen zu lassen und schritt an den Kriegern vorbei weiter ins Innere. Entlang der gerundeten Gänge kam sie durch einen verschneiten Innenhof, über dem sich das offene Treppenhaus befand. Eine Elster pfiff erschrocken, als die Elfe durch ein paar im Schnee verstreute Körner trat. Ansonsten war es still.

Erst als sie über weitere Gänge in eine größere Halle trat, nahm sie endlich Stimmen wahr und das Spiel einer Harfe wirkte einladend melodisch auf sie. In der Halle herrschte trotz der hohen Decken eine angenehme Wärme, welche von kunstvoll gehauenen Kaminen reichte. Auf den weitläufigen Dielenböden lagen dicke Teppiche in satten, schmeichelnden Farben unter gemütlich wirkenden Sitzgruppen aus gepolsterten Möbeln. Zahlreiche Albenkinder saßen in den Räumlichkeiten beisammen, diskutierten, tranken Wein, lasen Bücher oder musizierten auf Instrumenten.

Yulivee betrat die Halle zögerlich und ließ ihren neugierigen Blick schweifen. Steinerne Portale führten an jeder Seite in weitere kleinere Nebenhallen. Die Magierin war überrascht, den vertrauten Geruch von Pergament und Bucheinbänden wahrzunehmen. Und tatsächlich: In den angrenzenden Räumlichkeiten ragten vollgepackte Regale bis unter die gewölbten Decken. Ihr wohlgehüteter Schatz brachte Yulivee zum Schmunzeln. Tausende Bücher mochten hier ihren Platz finden, ganz im Herzstück des Turms.

Auch die Haupthalle führte über flache steinerne Stufen in weitere Ebenen, von der jeder ihren eigenen Duft zu besitzen schien. An den Wänden über den Kaminen fanden sich Gemälde, doch keine Personen, sondern Szenerien strahlten mit warmen Farben auf sie herab. Tiefe Wälder, die windige See, Rosengärten und weite Küstenlandschaften.

Yulivee war überrascht. Diese Hallen waren beinahe bescheiden, wenn sie den Vergleich mit anderen Fürstenpalästen zog … und so einladend, ja beinahe warm gestaltet! So ganz wollte es mit ihrem Bild der Kinder Alathaias nicht übereinstimmen.

Die anwesenden Höflinge grüßten sie zurückhaltend förmlich oder wollten sie nicht einmal bemerken. Ihr Interesse galt wohl eher dem Klatsch der Adelshäuser … oder den Erfrischungen, welche auf niedrigen Tischen beistanden.

Am Ende der Hallen, wo eine breite Fensterfront den Blick in die verschneiten Gärten preisgab, hielt Yulivee inne und stellte sich kurzentschlossen in den Weg eines Elfen, der sich mit einem Buch zu einer gerade frei werdenden Sitzgruppe begeben wollte. „Entschuldige“, sprach sie ihn an. „Wo finde ich … den Hofmeister, Jornowell?“

Der Elf grinste und deutete dabei salopp auf die Fenstertüren. Yulivee nickte dankend und stellte sich darauf ein, Jornowell nicht allzu schnell in der Parkanlage auffinden zu können. An den geradezu lächerlich riesigen Scheiben angekommen, öffnete sie einen Durchgang gerade so weit, um hindurch schlüpfen zu können. Ihre nackten Füße berührten die wuchtigen Steinplatten einer weitreichenden Terrasse. Die Kälte empfing sie hier milder, als sie es vor dem Rosenturm getan hatte. Dennoch beeilte sie sich, einen wärmenden Zauber zu weben, während sie zur Balustrade herüberging.

Die Erzmagierin seufzte. In diesen riesigen Gärten mochte es eine Ewigkeit dauern, Jornowell zu finden. Da konnte sie …

Ihr Blick erhaschte zwei Gestalten auf einer steinernen Bank unweit der Terrasse. Unter schneebedeckten Birnbaumästen saßen sie und Yulivee erkannte die beiden Elfen sehr wohl.

Jornowell küsste Morwennas Hände, fuhr ihr liebevoll durchs Haar. Das alles war nicht so eindeutig wie der fast ergebene Blick, den er ihr schenkte.

Yulivee kannte die junge Fürstin nur von ein oder zwei Aufeinandertreffen. In ihrer Jugend war die Tochter der Alathaia zwar lange Gast an Emerelles Hof gewesen, doch hatte sie dort nur zurückgezogen gelebt. Die Magierin erinnerte sich allerdings noch gut an das lockige Haar, welches wie Rabengefieder glänzte. Die hellen Pelze, mit denen sich Morwenna schmückte, setzten einen sündhaft teuren Akzent und ließen sie dafür erhaben wie eine Königin des Winters wirken. Yulivee konnte die Züge der Fürstin nicht sehen, da sie von ihr abgewandt saß, wusste aber, dass diese meist leer und emotionslos anmuteten.

Eine ganz andere Geschichte erzählte gerade Jornowells Lachen. Es ließ keinen Zweifel mehr an der Wahrheit der Gerüchte, die um die beiden kursierten. Die Erzmagierin konnte sich eines sanften Lächelns nicht erwehren. Jornowell war immer schon ein Elf gewesen, welcher dem weiblichen Geschlecht sehr zugetan war. Er verliebte sich gern. Wenn ihn die Fürstin reizte, so mochte er mit ihr lachen, ohne Yulivees Unmut zu wecken. Sie musterte ihren alten Freund und stütze sich dabei auf die Balustrade. Die Kleidung des neuen Hofmeisters wirkte teuer in diesen wunderbaren blauen Tönen, welche seinem hellen Haar schmeichelten. Dieses allerdings hatte heute wohl noch keinen Kamm …

Jornowells Blick fand unmittelbar den ihren und ihr Lächeln wurde zu einem breiten Grinsen. Es kribbelte ihr unter den Fingern, als sie es in seinen verschiedenfarbigen Augen blitzen sah. Eilig machte sie sich vom Geländer los und ging über die wenigen Stufen zum angelegten Weg in die Gärten hinunter. Am Fuß der Treppe empfing sie die brüderlich-warme Umarmung des Weltenwanderers. Sein vertrauter Geruch von Wildgräsern, Winterwind, Pergament und – war da eine Note von Rosenöl?! – stieg wie ein Gruß in ihre Nase.

Jornowell drückte sie stürmisch und fest an sich: „Bei den Alben, Yulivee! Eine größere Überraschung hättest du mir nicht bereiten können. Was tust du hier?“

Sie schob sich ein Stückchen von ihm und sah ihm mit gespielter Empörung ins teils freudige, teils irritierte Gesicht: „Darf ich denn nicht meinen alten Freund besuchen? Du hast lange nicht geschrieben und sicherlich mit keinem Wort … das hier erwähnt!“ Sie machte eine weitausholende Geste, welche nicht nur den Rosenturm sondern auch die sich nähernde Gestalt Morwennas umfasste. „Wie, bei allen Alben, kommst du plötzlich dazu, ein Höfling, noch dazu einer dieses Ranges zu werden?“

Jornowell zog kläglich feixend die Brauen zusammen: „Das ist eine lange Geschichte…“

„Ich bin gespannt, sie zu hören!“ Ihr Blick fiel auf Morwenna, die hinter Jornowell zu stehen kam und sie eindringlich musterte. Es war ihr offen anzusehen, dass der überraschende Besuch die Fürstin nicht eben erfreute. Ihr dunkles Augenmerk fiel nicht zuletzt missbilligend auf ihre Arme, welche immer noch halb um Jornowells Taille lagen.

Dieser räusperte sich nun: „Yulivee, ich möchte dir Morwenna, die Fürstin Langollions und Schwester von Fürst Tiranu vorstellen… Morwenna, dies ist Yulivee von Valemas. Die verrückte und begabte Erzmagierin unseres Reichs.“

Morwennas Lippen formten ein dünnes Lächeln: „Welch … angenehme Überraschung, dich hier in den Gärten anzutreffen, Yulivee.“

Die Erzmagierin schluckte die Worte herunter, welche sie für den schneidend süßen Ton der Elfe übrig hatte. Stattdessen zwinkerte sie Jornowell zu und löste gleichzeitig die Arme von ihm. „Nun, anscheinend hat der Hofmeister noch ein wenig aufzuholen, wenn er an die stetige Präsenz seines Vaters heranreichen will. In der Empfangshalle hört man eine Stecknadel fallen, so leise ist es dort!“

Jornowell rollte mit den Augen und lächelte verschmitzt. Derlei Seitenhiebe musste er eben in Kauf nehmen! Doch Morwenna sah das wohl anders: „Wenn wir mit deinem Besuch gerechnet hätten, so hätten wir dich bestimmt angemessen empfangen können, Erzmagierin. So bleibt mir nur, mich zu entschuldigen. Die Pflicht verlangt nach meiner Aufmerksamkeit.“  Mit einem kurzen Seitenblick an Jornowell wandte sie sich ab und ging über die Treppen zur Terrasse hinauf. Im Vorrübergehen raunte sie abwesend: „Sei willkommen in Langollion, Yulivee.“

Diese Art, ihren Namen auszusprechen… Die Magierin schauderte: „Wie herzlich.“

Sie sah Jornowell an, welcher tief durchatmete: „Nimm es ihr nicht übel.“

Yulivee schüttelte den Kopf: „Nein, ich muss mich entschuldigen. Mein unangemeldetes Erscheinen …“

„Papperlapapp!“, winkte er ab und hakte sich bei ihr unter. „Du gehörst zu meiner Familie, Yulivee. Ich möchte nun sehr genau hören, was dich hierher verschlägt – an diesen Ort der politischen Machtspielchen, verschlagenen Höflinge und zwielichtigen Herren.“

Yulivee ließ sich von ihm durch den Park, gezeichnet von Obsthainen, verklifften Rosenbeeten und marmornen Skulpturen, führen und staunte darüber, mit wieviel Hingabe diese Gärten gepflegt waren. Selbst der Schnee schien so arrangiert worden zu sein, dass er der Landschaft schmeichelte und nichts von der schroffen Anmut verdeckte.

Die Elfe musterte auch Jornowells Gesicht. Ihr war nicht entgangen, wie abgekämpft und müde er unter seinem Lächeln wirkte. „Geht es dir gut? Du siehst furchtbar aus.“ Ein pikierter Blick traf Yulivee und sie setzte lächelnd hinzu: „Objektiv betrachtet.“

Jornowell sah sie an und lächelte bemüht: „Ich arbeite viel an den neuen Handelsabkommen mit Arkadien und die momentane innerpolitische Situation ist verheerend … objektiv betrachtet. Ich habe also viel zu tun und es scheint stetig mehr zu werden.“

Yulivee schüttelte das Haupt: „Wie kommst du denn dazu?! Du wolltest nie einen solchen Titel annehmen, geschweige denn eine solche Bürde stemmen… dann diese Elfe …“

„Sie bedeutet mir viel, Yulivee. Mehr als ich mir eingestehen möchte“, stellte er eindringlich und überraschend klar. Er richtete den Blick auf einen von Efeu beschlagenen Pavillon, welcher nahe bei den Küstenklippen stand. Nach diesen Worten ruhig geworden, führte er sie zu dem kuppelbesetzten Gebilde, dessen Rundung von einer niedrigen Sitzbank eingenommen wurde. Schweigend nahm die Elfe darauf Platz.

Jornowell, ihr alter Freund,  mit dem sie schon als Kind den schlimmsten Schabernack getrieben hatte, gestand ihr von tiefen Gefühlen zu dieser kühlen Elfe? Aber … Das ging alles so schnell! Erst vor ein paar Tagen hatte sie von der Möglichkeit, er und Morwenna seien ein Paar, überhaupt gehört. Jornowell war nicht der Elf für solche Worte und schon gar nicht war er der Elf für diese Sorte von Elfe!

„Ich habe sie während des Kriegs kennengelernt, mitten in der Zerstörung Vahan Calyds“, fuhr der neu ernannte Hofmeister schließlich fort, als das Schweigen zu hartnäckig zwischen ihnen stand. „Dort hat sie mich … verzaubert. Ausgerechnet sie war wie mein leitendes Licht in dieser Katastrophe. Vor der letzten Schlacht sind wir uns in Elfenlicht näher gekommen. Ich sehe deinen Blick, Yulivee! Ich weiß, wer sie ist. Ich weiß, zu was sie fähig ist und was sie – höchstwahrscheinlich – alles getan hat, um es zu verdienen, verachtet zu werden. Aber an ihr ist etwas, was mich nicht mehr loslässt. Ich habe es versucht … Es ist keine Neugier, kein bloßer Reiz. Es ist … wahrhaftig. Wenn du hergekommen bist, um mir das auszureden, dann…“

„Nein.“ Yulivee schüttelte den Kopf. „Ich kenne dich. Es ist unmöglich, dir etwas ausreden. Ich wollte mich nur versichern, warum du hier bist. Was dich dazu bewegt, diesen Elfen zu helfen. Bist du dir wirklich sicher mit dem, was du tust?“

Jornowell sah hinaus auf die Küste in seinem Rücken, wo die Wellen fast bis zum Horizont schlugen und die Möwen im Licht der Sonne kreisten. Lächelnd verschränkte er seine Unterarme auf die Brüstung und legte sein Kinn darauf: „Ich hätte es selbst nicht geglaubt, aber es liegt mir. Zu Anfang war es noch, weil ich ihr beweisen wollte, dass auch ich so etwas wie Durchhaltevermögen besitze und sie nicht nur irgendeine Elfe für mich ist. Es war nicht leicht, sie davon zu überzeugen – und ich denke, ganz glaubt sie mir noch immer nicht. Aber je mehr ich für dieses Fürstentum tue, desto mehr bemerke ich, dass es wirklich seinen Reiz hat.“

Yulivee wurde hellhörig: „Was hast du getan für Langollion?“

Irritiert sah er sie an. „Es gab eine Zusammenkunft mit dem Landadel und den Gildenmeistern … ein Abkommen mit Arkadien, Ernennungen neuer Würdenträger…“

Die Erzmagierin nickte. Das war genau das, was Obilee auch schon gesagt hatte. Sie musste vorsichtig sein, um an den Kern dieser Sache zu kommen. „Und Tiranu traut dir zu, Barone und Grafen für sein Reich zu bestimmen?“

Der Elf hob eine Braue: „Nein, eher würde er sich die Hand abschlagen. Er verachtet mich … obwohl ich denke, dass er durchaus davon überrascht ist, dass meine Arbeit solche Früchte trägt.“

Also hatte Tiranu doch selbst die neuen Herren seiner Heimat bestimmt und Jornowell hatte keinen richtigen Einfluss auf die Wahl gehabt. Wurde Jornowell hier in Wahrheit nur ausgenutzt? Mochten die Fürsten am Ende Jornowells Fähigkeiten erkannt haben und ihn nun für ihre Zwecke ausspielen?

„Was ist mit dem alten Hofmeister? Er war ein Getreuer der Königin. Weshalb ist er plötzlich entbehrlich?“

War diese Frage zu unvorsichtig? Jornowells Blick wurde misstrauisch, so viel konnte sie erkennen. „Woher weißt du davon?“

„Man hört so einiges“, erwiderte Yulivee nonchalant. „ich mache mir Sorgen um dich. Ich will nicht, dass dir das Herz gebrochen wird und sie dich … ausnutzen.“

Eine markante, helle Braue rutschte verdächtig nahe an den Haaransatz: „Cirinth ist im Auftrag der Fürsten im Land unterwegs, um … dem Adel zu helfen.  Seine Erfahrung ist dort wichtiger als hier am Hof.“

Da! Dieser kurze Blick an seine Stiefelspitzen, das Zögern…. Dieser Elf log sie an! Yulivee stand der Mund offen. Wie weit war es gekommen, dass Jornowell, welcher ihr nahe wie ein Bruder war, Geheimnisse vor ihr wahrte?

Dem Adel helfen?! Das konnte sie sich nach allem, was Obilee ihr über Cirinth erzählt hatte, nicht vorstellen. Der Elf war ausgebildeter Rechnungsmeister und bei den Fürsten Langollions nicht eben beliebt. Warum sollten sie diesen ehemaligen Höfling der Königin an ihren Adel weiterreichen, wenn sie ihm selbst nicht trauten? War dies eine Farce, um den Loyalisten der Krone von ihrem Hof fortzuschicken? Die Erzmagierin wusste, dass Cirinth für Emerelle spionierte und alle Informationen über die jüngsten Ereignisse überhaupt erst durch seine Hand an sie gekommen waren. Womöglich hatten sich die Fürsten seiner entledigt, um unbemerkt einige Fäden im Untergrund zu ziehen …

Jornowells Abstammung mochte dabei ein willkommener Deckmantel gewesen sein. Immerhin war auch er offiziell ein Getreuer der Königin, dazu der Sprössling ihres einst engsten Vertrauten. Nicht jeder mochte gleich skeptisch werden, wenn der eine Anhänger gegen den anderen ausgetauscht wurde. Dem neuen Hofmeister war nichts anzulasten und Yulivee wollte nicht glauben, dass der Weltenwanderer tatsächlich etwas mit den Machenschaften der Kinder Alathaias zu tun hatte. Ob er nun allerdings etwas davon wusste oder nicht, konnte sie nicht sagen.

Emerelles Instinkt mochte sie an diesem Wendepunkt tatsächlich nicht getrogen haben. Konnte es tatsächlich stimmen? Es gab so wenige Anhaltspunkte und zugleich so viele Gründe, misstrauisch zu sein. Tiranu war nie unschuldig gewesen, ebenso wenig  Morwenna, erinnerte sie sich. Yulivee würde nur in Jornowells Nähe bleiben müssen, um diesen ruchbaren Hinweisen zu folgen. Wenn er etwas vor ihr verheimlichte, dann würde sie es herausfinden.

Einige Momente schwiegen sie, dann fasste sich Jornowell wohl ein Herz: „So sehr ich mich über deinen Besuch freue, ist er doch zu einem denkbar schlechtem Zeitpunkt. Ich werde schon morgen nach Larion aufbrechen, um dort ein aufstrebendes Handelskontor zu unterstützen. Die Elfe Amana wurde erst vor kurzem zu der neuen Führung berufen und hat nun alle Hände voll zu tun mit den Handelsgesandten von Aelburin und Arkadien. Sie bat mich um mein persönliches Erscheinen, welches ich schon lange genug aufgeschoben habe.“

Eine der neuen Würdenträger!

„Perfekt!“, rief Yulivee aus, ohne nachzudenken.

„Perfekt?!“

Sie knuffte Jornowell spielerisch in die Seite und lachte: „Ich werde dich begleiten! Wir haben uns immer noch so viel zu erzählen. Eine Reise, wir beide … das kann nur unterhaltsam werden!“
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