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Schattenspiele

von Riniell
Kurzbeschreibung
GeschichteDrama, Fantasy / P16 / Gen
Emerelle OC (Own Character) Tiranu Yulivee
20.12.2015
01.12.2016
50
187.715
3
Alle Kapitel
52 Reviews
Dieses Kapitel
1 Review
 
15.10.2016 4.348
 
Vseslin-Fans müssen jetzt ganz stark sein.







Gespaltenes Herz


Die Erzmagierin erhob sich mit dem Morgengrauen aus der Bettstatt und zog sich eine schlichte, blaugraue Robe über. Ein prüfender Blick in den Spiegel verriet, wie abgekämpft sie nach dieser weiteren ruhlosen Nacht erschien. Ihre innere Unruhe begann, Zeichen zu sähen. So zeigte ihr Gesicht harte, verkniffene Linien um die Lippen, während die Schatten der Schlaflosigkeit unter ihren abgründigen Augen lagen. Die sonst leicht gebräunte Haut erschien fahl und durchscheinend. Eilig wandte sich die Magierin von dem erbarmungswürdigen Anblick ab und durchquerte den Kuppelraum. Ihren hastigen Bewegungen folgten die seidenschimmernde Rauchfahne eines heruntergebrannten Räucherstäbchens, das in einer goldenen Schale ruhte, und einige lose, aufgewirbelte Pergamentseiten, die bis dahin auf einer niedrigen Kommode verstreut lagen. Auf ihnen prangten die erfolgslosen Versuche, annähernde, wissbegierige, sehnsuchtsvolle und warnende Worte nach Langollion zu schicken. Nur wenige Entwürfe hatten es tatsächlich geschafft, verschickt zu werden.

Auf den Straßen vor ihrem Anwesen war es noch ruhig, während sich die Sonne träge hinter schnellziehenden, schneeweißen Wolken hervor schälte. Es würde ein wundervoller Tag werden.

Als sie vor dem sandfarbenen Palast zu stehen kam, den sie durch etliche verschlungene Gassen und schattenspendende Palmgärten angesteuert hatte, sank ihr das Herz. Sie kannte Rahul schon unfassbar lange. Bereits im vergangenen Valemas auf dem Splitter der Zerbrochenen Welt war er ein Mitglied des Ältestenrats gewesen und hatte dort stets mit Weisheit und Umsicht gewaltet. In seinen Erzählungen lebte das abgeschiedene Reich an der Oase in schimmernden Farben weiter und wurde für Yulivee ein ums andere Mal so schmerzhaft real, dass sie diesen Geschichten nur mit blutendem Herzen lauschen konnte. Valemas untergehen zu sehen, hatte den alten Elfen schwer mitgenommen und für immer eine Narbe auf seiner Seele hinterlassen. Auch die Rückkehr nach Albenmark und die Einigung mit Emerelle nagten nicht nur an seinem Stolz, sondern auch an seiner Substanz. Einmal, kurz nach der Trennung der Welten, hatte er ihr im Vertrauen offenbart, dass er sich während dieser Zeit ganz wie ein in die Enge gedrängtes Tier vorkam, wie man es aus den Menagerien der großen Adelshäuser in der Albenmark kannte. Gleich einem eingesperrten Vogel, der hinter Gittern lebte und hungrig die Bröckchen aß, welche ihm vorgeworfen wurden, vermisste er eine Art von Freiheit, die einfach nicht mehr existierte, und war zugleich dankbar für das, was man ihm an willkommenheißender Fürsorge zukommen ließ. Derart eingepfercht hatte sich Yulivee nie gefühlt, doch wusste sie, wie viele Valer einer Meinung mit Rahul waren. Es verlangte ihr nicht selten äußerst viel Fingerspitzengefühl ab, wenn sie zwischen Emerelle und dem Ältestenrat vermitteln musste. Und auch, wenn sie Rahul sehr schätzte und sogar behaupten würde, ihn ins Herz geschlossen zu haben, so machte er es ihr stets ganz besonders schwer.

Heute war sie allerdings nicht aufgrund politischer Differenzen an sein Tor gekommen, sondern aus einem weit sensibleren Grund. Keine Debatten, keine offiziellen Anlässe – sondern ein Belang des Herzens.

Entsprechend nervös war sie, als sie den Palast betrat. Im palmengesäumten Hof empfing sie angenehme Kühle und flirrende Schatten. Zwei Dienstboten, die sie von ungezählten früheren Besuchen kannte, kamen ihr entgegen. Yulivee war irritiert, als sie nach ihrem Begehr fragten. Natürlich wussten sie, weshalb sie hier war. In den letzten Monaten war sie immer aus ein und demselben Grund hier gewesen.

Angespannt raunte sie: „Ich bin hier, um …“

„Er ist nicht hier!“, schallte es da trocken und dunkel durch den Hof und Yulivee erstarrte. Erschrocken hob sie den Blick und sah die untersetzt wirkende Gestalt, welche auf dem Treppenabsatz zum inneren Portal des Palasts erschien. Rahul straffte seine breiten Schultern und demonstrierte einen hochmütigen Gesichtsausdruck, als er ihr Augenmerk traf. Einen Moment schwankten seine Züge, bis er eine Gleichgültigkeit zeigte, die Yulivees Stolz traf.

Die Erzmagierin rührte sich nicht von der Stelle, als Rahul gemächlich die Treppenstufen herunter kam und die beiden Angestellten mit einem Fingerzeig fortschickte. Ein Muskel unter Rahuls Auge zuckte verräterisch, als er sich mit bemühter Ruhe erneut an sie wandte. Yulivee glaubte, die Hitze seines Zorns fühlen zu können.

Sie ballte unwillkürlich die Fäuste zusammen. Nur kurz, um sich etwas Mut zusammenzuklauben. „Ich muss ihn sprechen…“

Rahul schüttelte den Kopf, als wollte er dieses Unterfangen gleich hier und jetzt für immer verbieten, doch seine Worte waren die eines Diplomaten: „Ich fürchte, er ist nicht hier.“

Er war ein schlechter Lügner, fiel ihr auf. Nun, das war Yulivee auch. Deswegen nahm sie ihm diese offenkundig falsche Aussage auch nicht übel. Es schien, als würde Rahul sehr genau wissen, was geschehen war. Was natürlich unmöglich war, denn nicht einmal der Grund des Unmuts selbst kannte den Anlass ihrer plötzlichen Abweisung.

„Bist du sicher, dass er nicht hier ist? Ich kann erklären, was …“, versuchte sie mit eindringender Stimme, doch Rahul hob nur gebieterisch die Hand und schien das Machtgefälle zwischen ihnen völlig zu vergessen. Das tat er gern.

„Yulivee, tu uns beiden das nicht an.“ Seine Hand sank mit seinem Blick. „Ich und du, wir wissen beide, dass er hier ist. Aber nicht für dich. Du brichst ihm das Herz und ich … ich kann das nicht zulassen. Ich weiß nicht, was zwischen euch vorgefallen ist und um ehrlich zu sein, so genau möchte ich das auch nicht wissen.“ Seine kaltgrünen Augen suchten unvermittelt die Ihren und da war der Zug der Härte wieder. „Er ist mein Sohn. Und ich erkenne ihn nicht wieder. Er fühlt sich elend, spricht nicht, isst nicht und durchwacht die Nächte. Er will nicht mit mir über seinen Zustand sprechen. Ich weiß, dass dies deine Schuld ist. Wusstest du, dass er sich nicht einmal traut, in deinem Palast zu erscheinen? Er denkt, er störe dich. Er denkt, du willst ihn nicht mehr. Er denkt, du hast das Interesse an ihm verloren.“ Rahul schnaubte aufgebracht. „Ich habe geahnt, dass es irgendwann dazu kommen würde. Nein – ich habe es erwartet. Ich habe es mir dir gegenüber natürlich nie anmerken lassen, denn du hast meinen Respekt und meine Loyalität. Aber dies betrifft allein die Erzmagierin, die Elfe, welche mein Volk vor dem Übel der Menschen errettete. Das hat nichts mit der Meinung zu tun, welche ich deinem Charakter gegenüber hege. Er liebt dich und er vergeht daran. Du kennst ihn … du weißt, wie sehr ihn das zerfrisst. Dein Wankelmut …“

Rahul strich sich über das gerötete Gesicht. Er schien sich diese Worte lange zurechtgelegt zu haben. In Yulivee wuchs eine Spannung, die sie zu zerreißen drohte. Eigentlich war sie mit dem festen Vorhaben hier erschienen, sich mit Vseslin auszusprechen. Sie wollte sich ihm erklären. Dabei hatte sie keinen Plan gefasst, was genau sie ihm eigentlich sagen wollte und was sie besser verschweigen sollte. Es waren Situationen in Langollion geschehen, welche sie ihm nicht anvertrauen durfte. Nur leider waren diese Geschehnisse die Wurzel allen Übels gewesen. Wie sollte Vseslin ihre vermutlich mehr als kümmerlich ausfallenden Erklärungsversuche verstehen können? Wie würde er reagieren? Sie war sich nicht einmal sicher, was sie sich von ihm erhoffte … Sie wusste nicht, welche Konsequenz sie selbst nach ihrem Verrat ziehen sollte. An ihren Gefühlen zu Vseslin hatte sich nichts geändert. Noch immer fühlte sie die tiefe Zuneigung zu ihm, welche sie mit einem unsichtbaren, fragilen Faden an ihn band. Und sie fühlte sich schlecht, schuldig ihm gegenüber. Dabei hatten sie nie wirklich festgelegt, wohin genau ihre Liaison führen sollte, war ihre Verbindung doch noch viel zu jung gewesen.

Rahul schien ihr Schweigen als Desinteresse zu deuten und schnalzte verächtlich mit der Zunge. „Keine Worte? Keine Ausflüchte?“ Wieder ein Schnauben und Yulivee fühlte, wie sie innerlich zusammen sank. Irgendetwas in ihr verlangte regelrecht danach, weiter zu lauschen und Rahul genauestens zuzuhören. Auch, wenn jedes Wort wie ein Dolchstoß in ihr Herz war. „Ich kann verstehen, was Vseslin an dir findet. Er verehrt dich … auch das kann ich verstehen.“

Yulivee wandte den Blick auf die Steinplatten, mit denen der Hof ausgelegt war. Sie ahnte, was gleich folgen würde.

„Allerdings frage ich mich … wie sieht es in dir aus, Yulivee? Liebst du meinen Sohn … liebst du Vseslin oder entstand die Zuneigung zu ihm aus deinem Unvermögen heraus, allein zu sein?“

Es fühlte sich an, als hätte man ihren Kopf unter Wasser gedrückt. Die Worte aus Rahuls Mund drangen nur gedämpft an ihre Ohren, während ihr der Atem fehlte. Ihre Lungen schmerzten, als sich ihre Brust so sehr zusammenzog, dass sich Tränen in ihren Augen sammelten.

„Wie lange kennen wir uns nun bereits, Yulivee? Glaubst du, eine solch außergewöhnliche Seele wie die Deine würde sich verbergen können? Du bist sprunghaft, unstet – verdammt, ich habe Geschichten gehört über dich, die ich nicht zu glauben vermochte. Du hast diesen Grafen aus dem Carandamon … den Windsänger … du hast ihn … nach allem, was ich hörte, hast du es in Kauf genommen, dass er mit einem verstümmelten Geist weiterlebt, statt … statt ihn gehen zu lassen. Im Krieg gegen die Ordensritter … wie viele Albenkinder ließen ihr Leben in diesen Kämpfen? Du hast in deiner Willkür bestimmt, wie das Schicksal dieses Grafen verläuft, und dir schien gleich zu sein, wie sehr du damit die Natur und das Leben betrügst. Ob es nun zum Guten oder Schlechten für ihn war. Du hast ihn ins Leben zurückgezwungen, weil du es wolltest – weil du unfähig warst, ihn gehen zu lassen!“

Yulivee wollte etwas sagen, ohne zu wissen, was. Sie dachte an Tiranu und verfluchte ihn dafür. Warum nur war ihr so, als würde der Fürst Rahul diese Worte diktieren, welche sie so sehr schmerzten? Damals war es ausgerechnet Tiranu gewesen, der sie mit ähnlichen Worten von ihrem Vorhaben, Fenryl zu retten, abbringen wollte.

„Du bist mehr wie Emerelle, als du dir selbst eingestehen willst“, schloss Rahul seinen Monolog. Mittlerweile klang er abgekämpft und sein Zorn schien verraucht. Da war nur der brodelnde Unterton von Enttäuschung in seiner Stimme. „Du bist egoistisch und selbstgefällig. Dabei denkst du von dir selbst, rechtschaffend zu sein – das Richtige zu tun! Wir beide wissen, dass es nicht das letzte Mal sein wird, dass du meinen Sohn verletzt. Glaubst du in seiner Nähe eher daran, makellos zu sein? Schenkt er dir dieses Gefühl? Lässt er dich vergessen, wie schattenverhangen und einsam dein Herz in Wahrheit ist? So wie Emerelle es mit all dem Glanz in Elfenlicht zu tun pflegt – mit ihren Blütenfeen, all den Speichelleckern und ihrem weißen Ritter, der das Leben für sie ließ? Soweit wird es nicht kommen! Ich habe Vseslin nicht dazu erzogen, blind und folgsam zu sein. Irgendwann wird er erkennen, was er dir in Wahrheit bedeutet. Irgendwann wird er Emerelles Einfluss in deiner Seele erkennen.“

Ein Schlag in die Magengrube hätte sie nicht härter treffen können. Sie hatte keinen Willen mehr, sich rechtzufertigen. Dabei würde Rahul ihr zuhören, ihre Worte genau abwägen und versuchen, fair zu bleiben. Das wusste sie. Doch alle Worte verließen ihre Lippen und sie fühlte sich erschöpft wie nach einem langen Tag in den Ratshallen von Valemas.

„Es tut mir leid“, war alles, was sie über ihre trockenen Lippen bringen konnte und erinnerte sich vage daran, dass dies lediglich jene Worte waren, mit denen sie das Gespräch mit Vseslin hatte eröffnen wollen. Sie meinte nicht, was sie sagte, bemerkte sie plötzlich. Ganz und gar nicht. Und so korrigierte sie sich schluckend: „Es tut mir leid, aber ich sehe keinen Grund, dies leugnen zu wollen. Emerelle hat euch allen – nachdem ihr ihrer Herrschaft den Rücken gekehrt habt – das Leben gerettet und euch in Albenmark willkommen geheißen. Sie tat das Richtige! Wir alle wissen, dass Emerelle meine Lehrmeisterin war und ich nicht nur ihre Vertraute bin, sondern auch als eine ihrer obersten Berater fungiere. Ich schäme mich nicht, wenn ich ihr ähnle. Sie und ihre Herrschaft sind ein Teil von mir … das wird sich niemals ändern. Doch ich entscheide, wann ich diesem Teil folge und wann nicht. Und was Vseslin angeht …“

Da fehlten ihr erneut die Worte … Es tat weh, aber eine Stimme in ihr sagte ihr, dass Rahul Recht hatte, was seinen jüngsten Sohn anging. Es wollte ihr einfach nicht in den Sinn kommen, was sie ihm entgegensetzten konnte. Mit phrasierten Ausflüchten würden weder Rahul, noch sie sich begnügen.

Sie schluckte. Dass sie Emerelle aus einem Drang heraus gegen seine Anfeindungen verteidigt hatte, verwirrte sie. Nach allem, was sie in Langollion erfahren hatte. Luanas Tod. All die schmutzigen Gerüchte, welche nun in einem völlig anderem Licht erschienen. Yulivee wusste, Rahuls Anschuldigungen besaßen ihre Berechtigung, trotz des bitterbösen Untertons in seiner aufgebrachten Stimme. Doch wusste sie auch, dass seine Sichtweise durch den Ärger sehr einseitig war. Sie hatte für Emerelle einstehen müssen, da war ihr keine Wahl geblieben …

„Du wirst nun gehen.“

Yulivee blickte auf und wollte schon zu einem Widerspruch ansetzen – wohlwissend, dass sie kein Recht dazu besaß –, als ihr Blick erneut auf das Portal zum Innern des Palasts fiel. Vseslin stand dort auf der Galerie und schaute auf die beiden Elfen herunter. Bei seinem Anblick verließ Yulivee der Mut. Bei den Alben, was war nur los mit ihr?!

Unsicher trat der Beobachter aus seiner Position auf dem Treppenabsatz und kam zu ihnen herunter. Er wirkte so müde, wie Yulivee sich fühlte. Doch trotz allem, was Yulivee ihm die letzten Tage – Wochen! – an Ungerechtigkeit wiederfahren ließ, schenkte er ihr ein zögerliches Lächeln. Es riss Yulivees Herz entzwei.

Rahul wandte sich zu seinem Sohn um und schüttelte kurz das Haupt, als er sich wieder an Yulivee wandte. Leise raunte er die Worte, welche Yulivee schier den Boden unter den Füßen raubten: „Beende es und lass ihm seinen Frieden! Denkst du nicht, dass er das verdient? Wir beide wissen, dass es nicht das letzte Mal wäre, dass du ihm Unrecht tätest.“

Yulivee blieb keine Zeit, eine Antwort zu finden. Vseslin war bei ihnen und Rahul zog es wohl vor, sie allein miteinander sprechen zu lassen. Ohne ein Wort des Abschieds durchquerte er den Hof und verschwand. Yulivee wurde kalt, als sie ihm hinterhersah. Dabei prallte die Sonne nun gnadenlos herab auf sie.

Vseslins Haar leuchtete in ihrem Schein. Das Lächeln auf seinen Zügen geriet ins Wanken, als sie zu lange schwieg. Er räusperte sich. Seine Hände zuckten. „Ich … habe euch von der Galerie aus gesehen. Ich bin so froh, dass du … hier bist.“ Seine Stimme brach. Erneut ein Räuspern: „Ich hätte nicht gedacht, dass du kommst.“

Yulivee fühlte sich elend. Sie wusste nicht, was sie tun sollte. „Es tut mir leid“, kam ihr dann mechanisch in den Sinn. Und innerlich zuckte sie unter diesen Worten zusammen. Ihr Ton klang eher hart als reuevoll. Sie schämte sich dafür, Rahuls Rat tatsächlich in Betracht zu ziehen. Sie rieb die schweißnassen Hände aneinander und wiederholte sich. Sanfter diesmal: „Es tut mir so leid, Vseslin. Ich konnte nicht … Ich meine, ich hätte bereits früher mit dir sprechen sollen. Du hast es nicht verdient, dass ich so mit dir umspringe und gewiss trägst du nicht die Schuld an meinem Handeln. Ich hasse mich selbst dafür, dass ich nicht eher kommen konnte – wollte. Ich muss ehrlich sein … ich war keinesfalls zu beschäftigt, um mit dir zu sprechen. Ich wusste nicht, wie … Ich war zu feige, dir zu erklären, was …“ Sie holte noch einmal tief Luft und unterband sich jedes weitere Zögern: „Ich habe dir nicht die ganze Wahrheit über die Geschehnisse in Langollion erzählt.“

Vseslins Lächeln erstarb nun ganz, ohne dass er überrascht wirken zu schien. Eine Zornesfalte erschien unmittelbar zwischen seinen Brauen: „Hat er etwas mit deinem Verhalten zu tun? Hat dir Tiranu etwas angetan?! Ich wusste … ich wusste, ich hätte dich nicht alleine gehen lassen sollen! Was hat er getan? Was …“

Yulivee war erstarrt. Ungewollt kroch ein Gefühl in ihr Herz, dass sie mit schüttelndem Haupt aufbegehren ließ: „Tiranu hat nichts getan! Es hat nichts mit ihm zu tun!“

Er kaufte ihr diese Lüge nicht ab, genauso wenig wie sie es tat. Nichts während ihres Aufenthalts in Langollion war nicht wegen ihm geschehen. Selbst der Grund ihrer Reise war der Fürst höchstselbst gewesen. Sie wusste, dass Tiranu sie mehr als einmal ausgespielt hatte. Sie wusste um seine Fehler, wusste um seine Taten. Dennoch…

„Es war meine Schuld und es war meine Entscheidung“, erhob sie ihre Stimme gegen den leisen Zweifel, der noch in ihr glomm. „Er hat mir lediglich die Augen geöffnet und zeigte mir eine andere Perspektive auf mich selbst. Es hat mich verändert … nicht zuletzt auch meine Einstellung zu Emerelle und … dir.“

Sie schluckte die Galle herunter, die sich auf ihrer Zunge gesammelt hatte. Sie gestand hier weitaus mehr ein, als sie selbst bereit war, wirklich einzusehen. Letzten Endes wusste sie aber, dass diese Worte verdammt nahe an die Realität kamen und das zu sein schienen, was Vseslin ihr glauben konnte. Rahuls Rat schlich sich immer aufdrängender in ihr Herz. Er würde Recht behalten. Wenn sie Vseslin nun um Verzeihung bat, würde sie diese erhalten und alles schiene verwunden für diesen Moment. Doch das wären Lügen und sie wollte keine Liebe, in der Lügen existierten. Es würde nichts an ihren Taten, nichts an ihrem Verrat ändern, wenn sie Vseslins Verzeihung forderte. Sie wollte nicht, dass er sie weiterhin verehrte, sie für makellos hielt. Sie wollte nicht länger lieben, wie es Marveen, Amana und Emerelle es getan hatten. Sie wollte Vseslin beschützen. Vor ihr selbst.

„Wie kann ich dir das glauben?“, fuhr Vseslin sie an. „Du warst tagelang an seiner Seite und völlig durch den Wind, als ihr …“ Seine Stimme brach und Yulivee glaubte förmlich zu sehen, wie das Erkennen in seine Augen trat. Ein spiegelnd-grauer Schleier schien sich über das sonst so weiche Grün zu legen, als er hauchend endete. „Als ihr zusammen zurückgekehrt seid…“

„Vseslin, ich …“ Yulivee wollte sich entschuldigen, eingestehen, abstreiten, irgendetwas sagen. Sie wusste, sie musste hart bleiben, um Vseslin verstehen zu lassen, auch wenn sie den jungen Gelehrten damit unglaublich verletzen würde. Was war nur aus ihr geworden – oder vielmehr: Wer war sie nur gewesen?

„Du …“

„Ich habe dich hintergangen. Mit ihm. Ich bereue es nicht. Ich bereue, nicht eher zu dir gekommen zu sein. Aber ich bereue nicht …“

„Das ist nicht dein Ernst …“ Etwas in der Art, wie er sie ansah, zersplitterte, veränderte sich. Es war der Moment, in dem sie sein Herz brach. Seine Stimme war nur noch ein Kratzen, das ihre Ohren erreichte. „Nein …“

Yulivee versuchte vergebens, seinen entsetzten Blick zu erwidern. Doch es gelang ihm nicht, ihrem Augenmerk standzuhalten. „Ich muss … ich bitte dich – du musst dich von mir fernhalten. Vergiss mich, vergiss, was zwischen uns war. Es war nicht real. Es war nicht wahrhaftig. Ich verstehe, wenn …“

„Yulivee, was …?“

„… wenn du mich nun verachtest. Ich habe es verdient. Komm nicht zu mir zurück.“

Als sie Vseslins verletztes Aufkeuchen hörte, wusste sie mit Sicherheit, dass ein Teil von ihr ihn liebte. Daran hatte sich nie etwas geändert. Allein die Art, wie sie ihn ansah, wandelte sich. Da war keinerlei Leidenschaft mehr, kein Feuer, das allein er zu stillen vermochte. Kein Wunsch, ihm zu gefallen. Kein Verlangen danach, dieses Funkeln der Bewunderung in seinen Augen zu sehen, das dort immer war, wenn er sie ansah. Sie wusste, welches Unrecht sie an ihm begangen hatte. Sie konnte es nicht ungeschehen machen und auch nie wieder zu jener Vertrautheit zurückkehren, die sie einst geteilt hatten. Sie hatte es zerstört. Vseslin hatte etwas Besseres verdient als Lügen, Selbstsucht und einer Geliebten mit gespaltenem Herz.

Sie wollte seine Vergebung nicht.

Auch Vseslin schien endlich zu begreifen, was sie von ihm verlangte. Es zerriss sie innerlich, ihn so verletzen zu müssen. Doch was war es anderes als die Wahrheit, die sie sprach, gekleidet in harte Worte, um zu beweisen, wie ernst es ihr war? Und dennoch fühlte es sich an, als würde sie den falschen Weg einschlagen, um ans richtige Ziel zu gelangen. Sie nahm Vseslin die Entscheidung ab und unterband seine eigenständige Wahl.

Sie schluckte erneut, um den sauren Geschmack der unterdrückten Selbstwut in ihrem Mund zu bekämpfen, und fand dann endlich den Mut, die letzten Worte herauszubringen: „Leb wohl.“

„Hat mein Vater dich dazu gebracht? Was hat er dir eingeredet?“ Vseslin klang verbittert in seinem Aufbegehren. Wie oft hatten sich die beiden Valer wohl schon wegen ihr gestritten, wenn er auf einen solchen Gedanken kam?

„Er hat Recht, Vseslin“, erwiderte Yulivee und versuchte dabei gar nicht abzustreiten, dass Rahul ihr die Augen vor diesem Trümmerhaufen einer jungen Liebe geöffnet hatte. „Ich treffe meine eigenen Entscheidungen – und dieses Mal will und kann ich nicht egoistisch sein. Es ist das Beste für dich, auch wenn du mir dies nun nicht glauben möchtest. Ich bereue nichts … und dies ist das Gift, welches uns über kurz oder lang mit noch mehr Kummer und Verachtung trennen würde. Ich will nicht, dass du wegen mir leidest …“

„Das Beste?“, echote Vseslin mit einer Note von Spott, ehe er wieder mit Bitterkeit fortfuhr. „Dieser … Fürst … stimmt es, was man über ihn sagt?“

Yulivee nickte bereits, ehe sie eine abwiegelnde Antwort gab: „Vermutlich … sehr wahrscheinlich sogar.“

Vseslin biss die Lippen aufeinander, ehe ein kaltes Schnauben seine Lippen verließ: „Und … du liebst ihn?“

Ihr Mund klappte unweigerlich auf und plötzlich war ihr Kopf wie leergefegt. Sie hätte dieses Gespräch schon längst beenden sollen. „Ich … ich weiß es nicht …“

Vseslin wölbte beide Brauen, ein trauriges Lächeln hob einen seiner blassen Mundwinkel: „Dann gibst du mich auf … für … ein Vielleicht? Für eine unsichere, schiere Möglichkeit!?“

Erneut fehlten Yulivee die Worte. Ihr Kopf schwirrte. So war dies ganz bestimmt nicht gemeint gewesen. Sie Närrin! Sie wollte ihn schützen und dabei tat sie ihm nur weiterhin weh! „Du verstehst nicht … er ist nicht der Grund, weshalb …“

„Geh!“

Sie ließ den Kopf sinken und spürte einen kalten Schauder, der ihren Rücken herunterkroch: „Wirklich?“

Es verstrichen einige Momente, die sie ihm Zeit gab, um zu reagieren. Doch sein Gesicht war leer und bar jeder Emotion. Er schien fassungslos und sagte nichts mehr.

Wie ein geprügelter Hund verließ sie also mit eingezogenen Schultern den Hof. Sie war erbärmlich. Und sie verachtete sich in diesem Moment mehr als jemals zuvor.


* * *



Der Weg zurück war lange gewesen. Einige Albenkinder senkten auf den Straßen wie stets den Kopf vor ihr, grüßten sie respektbekundend, schenkten ihr ein anerkennendes Lächeln. Schon immer war ihr das unangenehm gewesen. Doch heute waren diese Gesten wie ein Reiz, der sie zurückschrecken ließ. Beinahe wurde sie wütend. Wenn diese Elfen wüssten …

Sie war erleichtert, in ihren Palast zurückzukehren. Dort empfing sie die Ruhe eines warmen Vormittags. In ihrem Kopf pochten die Gedankenknäule wie ein seichter Kopfschmerz, ihr Magen schlingerte und presste sich wie eine Faust zusammen, während ihr Herz geschwollen vor Kummer war.

Tränenerstickt erreichte sie den inneren Hof, der, umgeben von einer bautypischen Galerie, kühlen Schatten spendete. Dort ließ sie sich auf eine steinerne Bank sinken und vergrub ihren Kopf in den Händen.

Wie bei allem, was ihr auf dieser Welt noch heilig war, kam sie an diesem Tag ausgerechnet dazu, ihren Liebsten und Vertrauten so zu verletzten, während sie die beiden Elfen, welche ihr in den letzten Wochen so viel Kummer bereitet hatten, verteidigte? Sie hatte es schon gefühlt, als sie Jornowell angelogen hatte. Doch dieses Mal war der Schmerz ärger. Schuld. Es war allein ihre Schuld. Die Situation war allein durch sie verursacht.

Tiranu und Emerelle hatten ihre Spiele gespielt, doch sie war blind – oder bereitwillig? – ihren Manipulationen gefolgt. Sie durfte sich nicht aus der Verantwortung ziehen. Dieses Mal nicht.

Das Schlimmste daran war: Während sie bewerkstelligt hatte, dass jene, die sie einst liebten, sie nun wahrscheinlich verachteten, konnte sie weder Tiranu noch Emerelle wahrhaftig grollen. Sie kannte nun ihre wahren Gesichter, welche so oft wohlversteckt hinter Gleichmut und Sanftmütigkeit versteckt waren. Beide waren auf ihre Weise unvollkommen und doch waren sie imstande, so viel mit ihrem Willen zu regen und zu verändern. Es rang ihr gleichwohl Respekt, wie auch Furcht ab, wie sehr Emerelle und Tiranu sie mittlerweile bewusst und unbewusst beeinflussen konnten.

Doch auch an sich selbst hatte Yulivee eine neue Seite kennengelernt. Jene, welche stark genug war, eigene Entscheidungen zu treffen. Unabhängig von egoistischen Gefühlen, falschem Stolz, billiger Rechtschaffenheit und verräterischer Anteilnahme. Sie hatte eine Stärke gefunden, welche ihr bewusst werden ließ, dass es zwischen Schatten und Licht jene Facetten gab, auf denen man wandeln konnte, ohne schlecht zu sein oder einer falschen Perfektion nacheilen zu müssen. Es war befreiend, so zu denken, auch wenn es schwer war, sich von ihren Idealen zu lösen. Sie würde sich neue schaffen – denn ein Leben ohne Ideale schien ihr blass und farblos. Alle Elfen strebten einem Ideal entgegen, selbst Tiranu und seine Sippe hatten einst einen Traum verfolgt, der sie beinahe alles kostete. Es lag in der Natur ihrer Art, diesem höheren Denken entgegenzustreben. Ob Tiranu wohl durch ihre Reisen ebenfalls erkannt hatte, dass auch er sich an neuen Idealen orientieren musste, wenn er als Langollions Fürst überstehen wollte? Er hatte ihr die Augen geöffnet, doch gab es auch für ihn ein Erwachen aus der Lethargie des Kriegs?

Yulivee rieb sich über die geschlossenen Lider und dachte mit Schrecken daran, wie sich wohl ihre Zukunft nach diesem Tag gestalten würde. Wohl nicht nur Emerelle würde ein wachsames Auge auf sie halten, sondern auch Rahul und damit der gesamte Stadtrat. Vseslin würde sie meiden oder zu meiden versuchen, während Tiranu am anderen Ende der Albenmark in seinem Stolz schmorrte und sich nicht geneigt sah, auch nur einen Brief von ihr zu beantworten. Jornowell hingegend war momentan ein so abschreckender Gedanke für sie, dass sie nicht einmal wagte, eine Korrespondenz für ihn aufzusetzen.

Ein zynisches Lächeln stahl sich auf ihre Lippen. Dies war also der Punkt, an dem sie sich eingestehen musste, dass sie sich auf dem Pfad der gejagten Ehrhaftigkeit hoffnungslos verirrt hatte. Wo blieb der nächste Wegweiser?

„So kummervoll?“

Erschrocken fuhr sie auf und erstarrte in der Bewegung. Ihre Adern schienen Eiswasser durch ihren Körper zu tragen, während ihr Herz für einen Moment seinen Rhythmus verlor. Vor ihr, im Torbogen zum Innern, lehnte eine schlanke Gestalt. Schwarzes Haar war aus dem scharf geschnittenen Gesicht zurückgenommen worden, sodass ein leicht überhebliches Lächeln gut aus den Zügen hervorstach. Mit den dunklen, pechfarbenen Gewändern wurde der Elf eins mit den Schatten.

„Dir wird ein Schwur geschuldet, Erzmagierin.“

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Tiranu-Fans dürfen gespannt sein.

120+ Klicks für das letzte Kapitel? Ihr seid verrückt ... oder der Counter spinnt. Egal. Ich freu mich trotzdem wie ne Milchkuh auf der Weide - und sage vielmals danke an meine Feedback-er(!?) Phaemonae und Flammendo!

Liebe Grüße!
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