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Schattenspiele

von Riniell
Kurzbeschreibung
GeschichteDrama, Fantasy / P16 / Gen
Emerelle OC (Own Character) Tiranu Yulivee
20.12.2015
01.12.2016
50
187.715
3
Alle Kapitel
52 Reviews
Dieses Kapitel
1 Review
 
01.10.2016 7.237
 
Hallo!

Ein herzliches Dankefein an Phaemonae, Lavinia, Xijoria und Flammendo für die Kritiken der letzten Woche!

Folgendes Kapitel – ihr werdet es am kleinen Balken an der Seite sehen – ist etwas länger. Ihr wollt nicht wissen, wie viele Stunden ich daran gesessen habe. Es waren viele … ich wollte jetzt nicht direkt eine Warnung an den Kapitelstart klatschen, aber ich fühl mich doch halb dazu genötigt. Denn meiner Einschätzung nach ist das nicht unbedingt leichte Kost. Ihr werdet mit einigen sehr verstörenden, unter Umständen auch triggernden Gedanken konfrontiert. Moralisch-ethisch habe ich natürlich mein Bestes gegeben, diese Gedanken mit großem Respekt wiederzugeben. Ich wollte es realistisch machen – und ich schätze mal, dass ihr im Zuge des Kapitels erfahren werdet, was mein Geschwafel hier soll. Kurz gesagt: Es ist nicht unbedingt leichte Kost (Doppelt hält besser :D).

Natürlich bin ich umso gespannter, was ihr zum Kapitel haltet. Denn dieses Kapitel ist reines Herzblut. Danke euch, falls ihr euch zu ein paar Worten durchringen wollt. :)

Nun wünsche ich euch aber ganz viel Spaß beim Lesen. Und bitte:





Die Tiefe des Abgrunds


Morwenna blickte aus den Fenstern, die weit geöffnet zum Balkon führten. Zwei Elstern saßen draußen auf der marmornen Brüstung und pickten aufgeregt einige Körner. Ihr verhaltenes Klackern war das einzige Geräusch, das die Luft erfüllte. Die Sonne schien rötlich-gülden auf das Gefieder der anmutigen Vögel. Dieser Schein war alles, was sie sah.

Sie fühlte das Federbett über ihrem ausgekühlten Körper. Es war schwer, rau, unvertraut, störend. Es wärmte sie nicht. Es verbarg. In ihrem Rücken stützten sie zwei aufgeschüttelte Kissen. Ohne sie wäre sie vermutlich kraftlos in sich zusammengesackt, unfähig, sich aufrecht zu halten. Man hatte ihr das frisch gereinigte Haar aus dem Gesicht gekämmt und zu einem schweren Zopf zusammengefasst über ihre Schulter gelegt. Sie spürte, dass einige feuchte Locken ungebändigt an ihrer Halsschlagader lagen und fragte sich, wer sich in diesen Momenten wohl um ihr Erscheinungsbild gesorgt hatte.

Im Gemach zuckten Farbwirbel umher, die im Lichtschein aufgeregt zu tanzen schienen. Sie wandte ihnen nicht ihr Augenmerk zu. Einmal hatte sie es versucht. Doch das Ergebnis war so niederschmetternd gewesen, dass sie sich beinahe vor aufkommender Übelkeit übergab. So nahe bei ihr waren diese Farbmuster und doch nahm sie nur schemenhaft wahr, was in ihrer unmittelbaren Nähe geschah. Wie in einem Fiebertraum war da nichts Greifbares oder Erkennbares. Lediglich Bewegungen und Strukturen. Surreal. Ihr wurde schlecht vom Anblick. Nach einem hilflosen Röcheln, einem angestrengten Würgen fiel sie zurück in die Kissen. Von da an lag ihr Blick auf der kleinen Szenerie, welche sich auf ihrem Balkon abspielte. Klack, Klack, Klack.

Druck. Auf ihrer Schulter lag ein Druck, kräftiger und schmerzhafter als alles, was sie je zuvor gefühlt hatte. Es war furchterregend, wie sehr sie dieser Schmerz auszehrte und wie gewaltsam er sie erneut zurück in den Schlaf treiben wollte. Stück für Stück. Langsam und bedrohlich sicher. Dabei nahm sie ganz fern den schwachen Geruch einer Tinktur wahr, welche sie selbst schon ungezählte Male zur Betäubung auf Wunden aufgetragen hatte. Wenn sie von dieser Empfindung irritiert tief in sich hineinhorchte, glaubte sie, das Echo eines Brennens zu fühlen, das lediglich schlummerte und auf seine volle Entfaltung lauerte. Sie zuckte vor diesem Echo zurück.

Ihr war kalt. Immer wieder fielen ihre Augen zu.

In ihrem Innern focht sie einen Kampf aus, von dem sie wusste, sie könnte ihn nur verlieren. Es gab nichts in ganz Albenmark, was ihr die Last abnehmen konnte. Sie trug nun für den Rest ihres Daseins eine Bürde.

Sie kämpfte gegen diesen Gedanken. Und je mehr Kraft sie in diesen Kampf investierte, desto näher rückte sie an das unausweichliche Scheitern heran.

Die Bilder in ihrem Kopf waren schlimmer. Zuerst stürzten sie ungeordnet und völlig wirr in ihren Kopf.

Sie sah eine Versammlung. So viele Albenkinder, die sich wie leise, heimtückische Dämonen in dunklen Wäldern verbargen. Sie fühlte einen Stich, dann zwei, dann drei. Ihr wurden Schmähungen entgegen geschrien. In der Ferne brüllte ein Kind nach seiner Mutter. Es schien sich zu fürchten.

Auch Morwenna fürchtete sich. Und zugleich war sie so widersprüchlich ruhig.

Sie wurde von Feuer umhüllt. Die Flammen griffen nach ihr. Sie glaubte, Schreie zu hören.

Da war ein Schwert in der Dunkelheit.

Erneut Schreie.

Es dauerte unfassbar lange, bis sie endlich begriff, dass es ihre eigenen Schreie waren, die von den Wänden des Raums wiederklangen.

Jemand versuchte, ihren Mund mit einer starken, unnachgiebigen Hand zu verschließen. Sie sah in ihrem Wahn, wie die Elstern von der Brüstung aufstoben. Die Hand kam näher. Sie war zu schwach, sich zu wehren. Doch dies war kein Grund, dass sie es nicht tat. Sie versuchte, abwehrend ihre Hände zu bewegen. Da war kein Rückhall ihres Willens, keine Reaktion ihres Körpers. Nur der zähe Klumpen von Schmerz, Feuer und weitere Hände, die sie hielten.

Ihre tränenden Augen konnten kaum mehr als Schemen ausmachen. Erst jetzt realisierte sie, dass da mehr als eine Stimme war, die mit fordernder Vehemenz auf sie einsprach. Immer verzweifelter versuchte sie, die Hände von sich zu schütteln. Doch der Griff wurde nur unerbittlicher. Ihr Winden hatte keinen Zweck. Panisch blinzelte sie gegen den Tränenschleier an und versuchte zu erkennen, wer sie da zu überwältigen versuchte.

Sie blickte in ihr eigenes Gesicht. Dunkle Augen, die sie eindringlich zu ermahnen suchten. Strenge Züge, die sie zum Einlenken bewegen wollten. Erst in diesem Augenblick begriff sie, dass die Hand auf ihrem Mund sie nicht zum Schweigen oder Ersticken bringen wollte… Jemand versuchte, ihr etwas einzuflößen.

Es war ihre eigene Angst, die sie attackierte.

Sie schluckte eine bittere Flüssigkeit, ohne zu verstehen, warum. Ihre Instinkte bewahrten sie vor dem sicheren Ersticken, indem sie ihr befahlen, wehrlos das aufzunehmen, was ihre Kehle hinuntersickerte.

Die dunklen Augen verschwanden nicht aus ihrem Sichtfeld. Eine harte Stimme befahl ihr zu trinken.

Tiranu.

Ihre Sinne flauten augenblicklich ab.

Die Welt wurde schwarz.



* * *




Als sie das nächste Mal erwachte, war es warm. Sie blinzelte und erkannte, dass sie noch immer in dem Bett lag. Und erst als sie überrascht die Augen aufriss, begriff sie, dass sie in ihren Gemächern des Rosenturms ruhte. Wie war …

Ohne eine einzige Bewegung, ohne das Verstreichen eines einzelnen Herzschlags, ohne die Erfassung eines einzelnen Gedankens, kamen die Erinnerungen zurück. Mit einem einzelnen Hieb kehrten sie ungewünscht zu ihr zurück und blieben.

Alle Luft schnürte sich ihr ab. Sie schien zu fallen. Unaufhaltsam und tief.

Ihr wurde heiß.

Unkoordiniert versuchte sie, sich über die Stirn zu fahren, wo sich Schweißtropfen gesammelt hatten. Doch nichts geschah. Sie wollte sich aufrappeln, doch nur mit der Stütze ihrer Ellenbogen und Schultern schien dies beinahe unmöglich. Als sie etwas sagen wollte, um auf sich aufmerksam machen, stellte sie fest, dass ihre Zunge als ausgedörrter Brocken in ihrem Gaumen hing und sie keinen Ton über die Lippen bekam. Für einen Moment drehte sich die kleine Welt vor ihrem Sichtfeld.

Morwenna zwang sich, ruhig zu atmen und sich zu konzentrieren. Dafür presste sie fest die Augen zu, nahm tiefe Atemzüge durch die Nase und ließ die Luft langsam durch ihren staubtrockenen Mund gleiten. Langsam und beständig kroch die Gewissheit in ihr hoch, dass sie in Sicherheit war. So klar wie der in der Luft schwebende Geruch von beruhigendem Winterlindenextrakt, schmerzlinderndem Bilsenkraut und betäubenden Alraunenfrüchten, trat ihr aber auch die Erkenntnis in den Sinn: Sie war in Sicherheit, aber nicht unversehrt.

Sie drückte sich fest zurück in die Kissen, um die aufwallende Panik zu bekämpfen. Und wieder fühlte sie da diesen Druck auf ihrer Schulter, der beinahe zu erwürgen drohte. Sie blickte mit glasigen Augen an sich hinuter und bemerkte, dass sie ein dünnes Nachthemd trug. Der weiße Stoff bedeckte ihre linke Schulter nicht. Dort spannte sich ein straffer Verband um ihr Gelenk, das Schlüsselbein, hinüber bis zu ihrer rechten Achsel. Sie stockte. In einem Versuch, alle Gedanken, Erinnerungen und Ängste zu bändigen, zwang sie sich, noch weiter hinuter zu blicken. Stück für Stück.

Es war Erleichterung, die sie durchflutete, als sie merkte, dass ein dickes Federbett alles verbarg, was unter ihrer Brust lag. Auch ihre Arme. Mit einem Aufstöhnen warf sie ihren Kopf zurück in die Kissen und blickte auf den Baldachin ihres Betts. Ihr Atem ging rasselnd, ihr Herz schlug flatternd. Sie schaffte es nicht, nachzufühlen, in welchem Zustand sich ihr Körper unterhalb der Ellenbogen befand. Da war nichts. Die Betäubungswirkung der Kräuter war zu stark, um auch nur ein schwaches Echo zu senden.

Morwenna schloss die Augen.

Nicht zu wissen, was … was Maka ihr angetan hatte … war nicht zu begreifen. Sie fühlte Panik als eine völlig andere Art von Schmerz in ihrer Seele und beißende Resignation in sich. Sie wusste, es gab nichts, was sie tun konnte und verfluchte ihr Unwissen. Ihr Herz krampfte sich zusammen, klopfte aufgeregt und schmerzhaft, so als wäre ihr Innerstes mit reißenden Glassplittern gespickt.

Weshalb lagen ihre Wunden noch offen? Wozu der Verband? Sollte … sollte sich nicht ein Heiler längst darum gekümmert haben?! Etwas in ihr rührte sich, das dieses Missverständnis aufklären wollte. Ein winziger Teil hegte eine Vermutung, ein stummes Wissen. Doch in diesem Moment erklangen Schritte in ihrem Vorzimmer und Morwenna warf einen nervösen Blick auf die Flügeltüren.

Ein blonder Elf trat ein. Sie brauchte ganze drei schnellpochende Herzschläge, ehe sie ihn erkannte. Jornowell trat an ihr Bett und schien glücklich, ihr Augenmerk zu treffen. Eine Hand strich ihr über die Stirn. Sie konnte nicht sagen, ob seine Finger kühl oder warm waren. Sie konnte nicht sagen, ob sie erleichtert war, ihn zu sehen, oder sich befangen fühlen sollte. Sie konnte nicht einmal sagen, wie lange sie wohl schon schlief und wie lange er an ihrer Seite geweilt hatte. Denn das hatte er getan. Sie sah es in seinen Augen, Meerblau und Zimtbraun, seinem Lächeln, schief und erleichtert, den Sorgenfalten auf seiner Stirn und der Erleichterung, die aus ihm sprang und ihr Herz zu wärmen versuchte.

„Wie geht es dir?“, entrang es sich rau seiner Kehle.

Sie blinzelte und horchte in sich hinein. Da war keine Antwort.

Erneut ein schiefes Lächeln: „Das hast du mir die letzten drei Male auch schon so mitgeteilt.“

Sie hob aus einem Reflex die Braue. Sie hatte schon drei Mal mit ihm gesprochen … seit … seit …

Die Heilerin in ihr schlug Alarm, während die Frau in ihr Jornowells Blick in tiefer Dankbarkeit suchte. Sie röchelte etwas, dass weder er noch sie verstehen konnten. Es sollte heißen: ‚Was ist passiert?‘ Doch ihre Zunge war noch immer staubtrocken.

Jornowell schien ihre Gedanken gelesen zu haben. Er zauberte aus dem Nichts heraus einen Kelch in seine Hand, den er behutsam an ihren Mund führte. Es floss mehr Wasser ihren Nacken herunter, als dass es ihre Kehle benetzte. Jornowell stellte sich wenig geschickt an. Doch als der Kelch ihre Lippen verließ, fühlte sie sich stärker.

„Du bist in den letzten Tagen mehr als sieben Mal erwacht und wieder eingeschlafen“, erzählte Jornowell bedrückt und ließ sich neben ihr auf die Bettkante sinken. Er wollte wohl ihre Hand greifen … ein Zögern. Dann ließ er seine Rechte wieder sinken. „Die Heilerinnen aus Arkadien sagen, dies sei ein gutes Zeichen. Du bist stark, meine schöne, halsstarrige Fürstin.“

Morwenna wusste nicht, wie sie reagieren sollte. Ein gutes Zeichen? Ein gutes Zeichen in welchem Zusammenhang!?

„Was …“, keuchte sie, „was … st-stimmt … nicht … was ist p-passiert?“

Jornowells Züge veränderten sich schlagartig. Er öffnete den Mund, doch kein Wort verließ seine Lippen. Dann sprach er mit der kratzenden Rauheit, die sie so nur aus den Alpträumen ihrer Kindheit kannte.

Sie konnte nicht ausmachen, ob sich ein Teil von ihr dazu entschieden hatte, oder ob der Schlaf sie wieder zu sehr in die Arme schloss. Doch sie hörte keine Silbe mehr aus seinem Mund. Er sprach und sprach. Nahm sich Zeit, weinte an ihrer Seite.

Seine Worte erreichten sie nicht. Nur der schreckliche Ton, der sie zittern, weinen und das Blut in ihren Ohren rauschen ließ. Irgendwann fielen ihre Augen zu und sie glitt in eine Welt, die sie beschützend begrüßte.



* * *




Als sie die Augen wieder aufschlug, war Jornowell fort. Dieses Mal fiel es ihr nicht schwer, sich zu orientieren. Sie war schlagartig wach geworden und konnte sich nur mit Mühe an die Nachwehen eines schlechten Traums entsinnen.

Der Druck auf ihre Schulter war gewichen für eine Spannung, die ihr verriet, dass etwas heilte und zusammenwuchs. Still fragte sie sich, weshalb sie denn noch immer nicht von einem Heiler versorgt worden war. Doch keine passende Antwort kam ihr in den Sinn.

Es roch nach Lavendel im Zimmer. Der schwerseifige Geruch lockte sie, sich aufzuraffen, um nach Jornowell zu sehen. Mithilfe ihrer gesunden Schulter und dem rechten Ellenbogen gelang es ihr, sich einigermaßen aufrecht gegen die Kissen zu lehnen. Das Nachthemd glitt ihr ein Stück herunter. Doch ein dicker Verband verbarg jedes Stück Haut, das man hätte sehen können. Eine Decke versteckte noch immer ihre Arme. Dabei war es gar nicht kühl im Zimmer.

Sie fühlte sich benommen. So sehr, dass sie ausnahmsweise keinen Gedanken an die Geschehnisse in Vascar verschwendete, sondern einzig und allein ein spitzes Ziehen in ihrem Magen verspürte, das sich bei genauerem Bedenken als Hunger herausstellte.

Morwenna blickte sich um. Auf einem Beistelltisch lag eine goldene Schale, in der sich die Lavendelknospen tummelten. Daneben stand eine Karaffe mit klarem Wasser mit einem passenden, kristallenen Pokal, der im Licht der nachmittäglichen Sonne glänzte.

Es war ruhig, doch als sie den Blick etwas hob, erkannte sie, dass sie nicht allein war. Auf dem Balkon stand eine Gestalt am Geländer gelehnt und ließ den Blick über die Welt gleiten. Morwenna räusperte sich, als sie ihn erkannte: „T-Tiranu …?“

Ihr Bruder wandte sich nach einigen Momenten zu ihr und zögerte nicht, mit gemessenen Schritten an ihr Bett zu kommen. Er setzte sich nicht. Stumm blickte er auf sie hinab und gab ihr so genug Zeit, ihn besorgt zu mustern. Er gab ein schreckliches Bild ab. Noch nie hatte sie ihn so ausgezehrt gesehen. Die Schatten unter seinen Augen waren blau verfärbt, die Wangen eingefallen. Unter ihrer Musterung straffte er die Schultern. Doch diese Geste verbarg kaum seine zusammengesunkene Gestalt. Sie versuchte sich an einem Lächeln. Er ging nicht darauf ein.

„Du weißt nicht, was geschehen ist“, richtete er an sie und sie konnte nicht sagen, ob dies eine Frage oder eine Feststellung war. Also nickte sie nur zustimmend und verneinte atemlos im selben Moment. In ihrem Magen ballte sich eine Faust, während ihr Herz peinigend schnell pochte.

Tiranus Gesicht war unleserlich, als er ihr offenbarte: „Das Schwert, mit dem der Anführer der Rebellen dich verwundete, war mit einem Zauber belegt. Der Hieb trennte dir den kleinen und den Ringfinger der rechten Hand ab und zog einen tiefen Striemen in den Handteller deiner Linken, wo er die Knöchel beinahe zertrümmerte. Es besteht Hoffnung, dass du sie mit viel Übung und viel Zeit wieder Krümmen kannst, doch diese ist verschwindend gering. Die Wunde an deiner Schulter wird dich vermutlich kaum beeinträchtigen, soweit sich der Schmerz zurückzieht. Die Narben werden dich allerdings auf ewig zeichnen.“

Morwenna hatte den Blick von ihrem Bruder abgewandt, ohne genau sagen zu können, weshalb. Ihre Augen fixierten das Ungewisse. Sie fühlte nichts, sah nichts. Keine Schmerzen, keine Resignation. Keine Farben, keine Formen. Sie zitterte. Wie von selbst klappte ihr Mund Stück für Stück weiter auf, während ihre Brauen sich hoben. Ihre Brust schnellte die Höhe und senkte sich schnell herab, immer wieder, als hätte sie sich von Tiranu den gesamten Tag über auf dem Trainingsplatz malträtieren lassen. Doch in ihr wuchs eine Ruhe heran, die sich aus einer Mischung von Gewissheit und Unverständnis bildete. Machtlosigkeit. Stille Tränen zogen Furchen auf ihren Wangen. Sie tropften unbeachtet auf den Stoff ihres Verbands. Für einen Moment war sie wie geblendet. Alles wurde weiß. Weiß und unbedeutend.

Als Fürstin hätte sie fragen müssen, wie es um den Aufstand im Norden stand, wie es dem hungernden Volk erging. Doch keine Faser in ihr scherte sich darum und allein der schleichende Gedanke daran erschien ihr absurd. Sie war bar jeder Emotion, bar jedes klaren Gedankengangs. Sie schaute zu Tiranu, in der Hoffnung, er würde etwas sagen, dass alles wieder von ihr nahm. Doch ihr Bruder legte nur knapp seine Linke auf ihre unversehrte Schulter, drückte zu und murmelte: „Du wirst das überstehen. Du musst.“

Es klang weder einfühlsam noch befehlsbetont. Doch sein Ton ließ keinen Raum für eine alternative Betrachtung der Geschehnisse. Mechanisch nickte sie und  kämpfte alle Zweifel von sich. Nur die Tränen blieben. Auch als Tiranu ihre Gemächer längst wieder verlassen hatte.

* * *


„Du warst noch wach, als ich dich erreichte. Du hast meinen Blick gesucht, immer wieder. Silvain hielt dich, bereit jeden zu überwältigen, der sich noch einmal in deine Nähe wagen würde. Selbst mich wollte er angreifen, bis er erkannte, wer ich bin. Er trug dich den gesamten Weg zurück in die Nebelburg …“

Naylins Stimme war ein Flüstern, das in ihren Ohren kratzte wie Sand. Keines dieser Worte beschrieb eine Szene, die ihr vertraut war. Sie konnte sich nicht erinnern, was geschehen war, nachdem Maka das Schwert auf sie niederfahren ließ. Nicht einmal der Schmerz brannte sich in ihr Gedächtnis. Nur das Abbild der Klinge, blitzend und bedrohlich.

Morwenna lehnte gegen die Kissen in ihrem Bett und bedachte Naylin aufmerksam dabei, wie sie die Verbände um ihre Hände wechselte. Das Morgenlicht tanzte auf dem kastanienfarbenen Haar ihrer einstigen Schülerin und schickte wundervolle Reflexe in die Strähnen hinein. Sie war eine schöne Frau, bemerkte Morwenna. Die schmalen, geschwungenen Lippen verliehen ihr etwas Spitzbübisches, das bemerkenswert eigen war. Sie zeigten stets ein schiefes Lächeln, nie ein volles. Doch das minderte dessen Herzlichkeit nicht im Mindesten. Früher hatte Morwenna geglaubt, die offene, warme Art der Elfe könnte ihrer Ausbildung im Wege stehen. Eine Heilerin stand es nicht gut zu Gesicht, wenn sie die Emotionen auf der Zunge und in den Augen trug. Doch Naylin gelang es, eine beruhigende Aura zu erschaffen, welche Patienten und Angehörige milde stimmen konnte. Morwenna fühlte sich in ihrer völlig fremden Rolle als Verwundete sicher in ihrer Obhut.

Die Fürstin lenkte den Blick auf ihre Hände. Der Verband war abgenommen, ihre fremdwirkende, schneeweiße Haut glühte im Licht der Sonne. Die blauvioletten Striemen, die ihre Finger zeichneten, stachen deutlich hervor. Zwei Finger fehlten ihrer Rechten, nur dunkle Stumpen führten sich von den Knöcheln fort. Die Wunden schlossen sich dort langsam und es bereitete Morwenna beinahe keine Schmerzen, als Naylin die Salbe auf den Stellen verrieb und die Nahtfäden kontrollierte. Nur Ziehen und Druck ging von den Gliedern aus. Morwenna konnte nicht fassen, dass sie zwei Finger verloren hatte. Es fühlte sich in keinster Weise danach an. Die Mittel, welche die arkadischen Heilerinnen ihr gebracht hatten, schützen nicht nur ihren Körper vor Schmerz, sondern auch ihren Geist vor der niederschmetternden Gewissheit. Sie gaben ihr großzügig von den Kräutern. Zweimal hatte sie sich bereits an einer Überdosis übergeben.

An der Linken war auf dem Handrücken nichts zu erkennen. Ihre Finger waren dort unversehrt, lang und schlank wie jeher. Sie klammerte ihren Blick an dieses Bild.

„Dein Bruder empfing uns im Hof der Nebelburg“, fuhr Naylin fort. „Er blieb ruhig, auch wenn der Schock in seinen Augen saß wie ein Schatten. Ich wagte nicht, ihm zu erklären, was geschah. Kaum kamen wir in deinen Gemächern an, versuchte ich, die Wundversorgung fortzuführen. Tiranu machte Silvain Vorwürfe; wir beide … wir beide erläuterten ihm die Situation. Als er einen Blick auf deine Hände warf, versuchte er, mich zu überzeugen, dass es einen Weg geben musste, deine Finger zu retten. Doch kaum fiel die verzauberte Klinge in seine Hände, gab er uns sein Einverständnis, um … um die Finger wieder abzunehmen.“

Naylin wandte die linke Hand um, sodass sie auch auf diesen Wunden Salbe auftragen konnte. Der Schnitt in ihrem Handteller klaffte wie eine tiefe Schlucht auf. Hier waren die Wundränder nicht so sauber oder in einer nahen Heilung begriffen. Ihre Haut spannte sich, riss an mehreren Stellen ein und war leicht entzündet. Regelmäßig auftauchende, weiße Fäden wirkten wie Maden an einem verwesenden Kadaver. Die Magie war verklungen, aber das Fleisch war zu geschunden, um zu kurieren. Morwenna würde ihre Hand wahrscheinlich nie wieder krümmen können. Sie wusste das nur zu gut, um sich auch nur den Hauch einer Hoffnung zu erlauben.

„Wir blieben zuversichtlich, bis das Fieber einsetzte. Meine Macht reichte nicht aus, um etwas zu bewirken. Es war ein Kampf gegen die Zeit. Erst als Yulivee kam, um dir ihre Kraft zu schenken, konnten wir den Zauber brechen. Es dauerte allerdings, bis er sich völlig auflöste und …“

Morwenna blickte Naylin in die Augen und erstarrte: „Yulivee?“

Die Heilerin nickte. „Sie hat dir das Leben gerettet, auch wenn sie das anders sehen mag. Ohne den Albenstein und ihre Macht …“ Der Blick ihrer Vertrauten suchte das Leere. „Das Fieber hätte dich besiegt, Herrin. Du wolltest die Wahrheit von mir erfahren und dies ist sie. Du hast den Kampf nicht aufnehmen können, oder wollen… Filans Magie zehrte an dir und ließ dich kapitulieren.“

Morwenna sank in sich zusammen, ohne etwas zu fühlen. Sollte sie reuevoll sein oder dies bedauern? Sie konnte sich an nichts davon klar erinnern. Alles schien so weit fort. Ganz so, als wäre all dies in einem anderen Leben geschehen und sie weilte in diesem Augenblick in einem langen, kraftraubenden Traum darüber. „Was hatte Yulivee in Vascar zu suchen?“

„Ich weiß es nicht“, gestand Naylin. „Sie kam als Tiranus einziges Gefolge und wich ihm kaum einen Moment lang von der Seite. Erst als wir zurück in den Rosenturm kamen, zog sie sich plötzlich zurück. Vielleicht sandte dein Bruder sie fort? Oder es gab eine wichtige Aufgabe für sie andernorts?“

„Sprach sie mit Jornowell?“

Naylin zuckte offenbar verwundert die Achseln: „Ich weiß es nicht. Ich habe sie nicht mehr gesehen.“

„Was …“ Morwenna schluckte und sammelte ihre Gedanken. Sie sollte sich auf Wesentlicheres konzentrieren. Auch wenn ihr Verstand im Nebel lag, so durfte sie doch nicht vergessen, wer sie war. Eine Fürstin der Albenmark – und keine eifersüchtige Jungfer! Sie sollte Naylin andere Fragen stellen. Fragen, die Relevanz besaßen und von einem wachen Geist erzählten. Verdammt. Sie war die Lehrmeisterin dieser Elfe, nicht deren kindhafte Vertraute. So kämpfte sie jede Emotion nieder und wagte die Frage zu stellen, die ihr bisher nicht über die Lippen gekommen war: „Was geschah mit Maka? Und Filan?“

Ein Schleier der Schatten glitt über das Gesicht der Heilerin, die gerade dabei war, das frische Verbandsmaterial aus einem kleinen Korb neben der Bettstatt zu holen. Sie drehte den Stoff vorsichtig in ihren Händen und wickelte das Anfangsstück auf.

„Erzähl es mir!“

„Sie flohen in den Wald … mehr weiß ich nicht.“ Naylins Blick flatterte, als sie begann, den Verband um Morwennas Rechte zu legen. „Vermutlich werden sie gesucht, oder …“

„Für wie dumm hältst du mich? Ich erkenne die Lügen in deinen Augen!“, entfuhr es Morwenna aufgebracht. „Erzähl mir die Wahrheit!“

„Ich … ich kann nicht.“ Stur band Naylin den Verband, vielleicht etwas zu schnell und vielleicht etwas zu stramm. „Dein Bruder …“

Morwenna hob eine Braue: „Hat er dich bedroht?“

Naylin biss die Lippen zusammen und vollführte stumm ihr Werk. Morwenna seufzte innerlich. Offenbar hatte ihr Bruder gewohnt gewissenhaft sichergestellt, dass Naylin den Mund hielt. Doch Naylin war ihre Gefolgsfrau und ihre Treue galt Morwenna allein. „Sind sie am Leben?“

Die Heilerin stoppte in ihren Bewegungen und schluckte. „Ich weiß es nicht …“, hauchte sie.

„Du wirst mir sagen, was mit ihnen geschah!“, spie Morwenna eine Spur härter aus, als sie es beabsichtigt hatte. In ihrem Kopf machten sich Schwindel und pochende Schmerzen breit, die sie zurück in die Kissen zu treiben versuchten. Doch sie blieb standhaft, ignorierte das verräterische Ziehen im Magen und blickte Naylin geradewegs in die Augen.

Morwenna wusste, dass die Kobolde aus den Bergsiedlungen von Vascar zu Vertrauten der jungen Heilerin geworden waren. Es musste sie geschmerzt haben, sie im Aufruhr gegen ihre Herren zu wissen. Und es musste sie in diesem Moment schmerzen, nicht offen über die Wahrheit sprechen zu können. Auch wenn Morwenna diese längst erahnte – sprang sie doch aus den tränenfeuchten Augen von Naylin – sie wollte es hören.

„Sie sind … tot. Beide.“

Tiranu hatte ihre Peiniger gemeuchelt. Die Gewissheit kam über sie wie eine Sturmwelle über einen Flachstrand. Aber sie fühlte keine Genugtuung. Sie fühlte nichts. Ihre Seele war wie betäubt – mit einer niederringenden Überdosis. Sie ahnte nicht einmal, was sie hätte fühlen sollen. Triumpf? Weil zwei Albenkinder, Bauer und Stallbursche, ihr Leben gelassen hatten?

Die beiden Anführer des Aufruhrs hatten aus Verzweiflung gehandelt – zuerst. Sie wagten sich einen Schritt zu weit, demütigten ihre Fürstin und strebten nach zu viel. Es schien, als sei das Schicksal auf sie zurückgefallen. Das Blut der Fürstin war vergossen worden, ihr Fleisch verstümmelt, und dies durfte nicht ohne Vergeltung geschehen. Doch Triumpf konnte sie nicht verspüren.

Ihr Herz war blind und taub für alles, was in diesem Moment hätte geschehen können. Atemlos bedachte sie Naylin dabei, wie sie die Verbände um ihre Hände wickelte und still dabei weinte. Es existierten keine Worte des Trosts, keine Gesten des Mitgefühls in Morwenna. Einzig der fortwährende Kampf gegen die Erkenntnis, dass ihr Leben sich für alle Zeit geändert hatte.



* * *




Erst in der Stille der Nacht, als sie mit tiefen Furchen in der Stirn wachlag, krallten sich die Ängste in ihr Herz. Ihre wahnhafte Gleichgültigkeit, vermengt mit betäubenden Mittelchen und Tinkturen, schien zu wanken. Für Stunden währte ihr abwehrender Kampf, bis sie sich hinzugeben wagte. Allein der Gedanke schmerzte und ihre letzte Hoffnung war, dass Jornowell jeden Moment durch das kleine Portal in ihr Schlafgemach kommen würde. Doch sie blieb allein.

Unter ihren Verbänden pochte es. Ihr Atem ging ruckend, unkontrollierbar. Sie hatte das Gefühl, dass keine Luft ihre Lungen erreichte. Eine kalte, unerbittliche Hand drückte sie unter Wasser und hielt sie trotz aller Aufbäumungen dort. Schließlich fehlten ihr die Kraft, um sich zu wehren, und der Wille, um weiterzukämpfen. Die Kälte kam schleichend.

Sie würde niemals wieder ein Kind auf die Welt holen. Sie würde nie wieder Operationsbesteck in den Händen halten. Sie würde nie wieder eine gebrochene Gliedmaße richten, nie wieder eine Wundnaht setzen, nie wieder einen Körper abtasten.

Sie würde nie wieder zu der Profession zurückfinden, welche ihr durch Emerelle nach dem größten Verlust ihres Lebens auferlegt wurde. Das, was sie während den endlos erscheinenden Jahren nach den Schattenkriegen am Leben erhalten hatte, was ihr neuen Mut und neue Kraft geschenkt hatte, war fort. Das Loch, welches sich in ihrem Herzen aufgetan hatte, der Riss, welcher in ihrer Seele klaffte – sie waren nicht länger mit Zerstreuung und Pflichten gekittet.

Die Erinnerungen an Maka, wie er über ihr stand, sie vor ihrem Volk demütigte und sie schließlich … sie schließlich verstümmelte. Er, ihr eigener Gefolgsmann, hatte sie auf immer gezeichnet. Für alle Zeit würde das dunkle Mal des langollischen Fürstenhauses ihren Körper zieren. Es würde ihr Versagen bezeugen, auf alle Zeit. Sie würde nie wieder vor ihre Gemächer treten können, ohne dass jeder sah, was ihr angetan worden war.

Sie strauchelte im Innern und wusste nicht, wie sie sich auffangen sollte. Sie besaß keine Kontrolle mehr über ihr eigenes Leben, ihr eigenes Schicksal, ihren eigenen Körper, und es trieb sie langsam und sicher in die Arme des Wahnsinns. Ihr Verstand funktionierte nicht mehr rational, nicht mehr kühl. Viel zu überhitzt flammten ihre Emotionen auf, trieben sie einen Abgrund hinunter, der ihr zu sehr vertraut erschien. Sie wollte schreien, sie wollte weinen, sie wollte der Welt ihre Anschuldigungen entgegenrufen und zeitgleich wollte sie nie wieder den Mund öffnen, nie wieder eine Silbe von sich geben, auf dass sie nie wieder erhört und nie wieder wahrgenommen wurde. Sie wollte verschwinden in den verborgenen Winkeln der Bedeutungslosigkeit; verschwinden und nie wieder auftauchen. Sie wollte ertrinken, sie wollte vom obersten Stockwerk des Rosenturms fallen, wollte verhungern, verdursten, alles, nur nicht mehr leben, nur nicht mehr atmen, nur nicht mehr sein.

Ihr blieben keine Tränen, sich selbst zu beweinen. Ihr blieb nichts.

Morwenna schloss die Augen und betete zu den Alben, dass sie sie nie wieder öffnen musste.



* * *




„Du musst etwas essen!“

Jornowells Stimme war wie ein Peitschenhieb, der sie unerwartet wie schmerzvoll traf. Sie blickte auf und schaute ihrem Geliebten in die verschiedenfarbigen Augen. Verzweiflung und Hilfslosigkeit sprangen ihr entgegen.

Eine Faust schien sich um ihren Magen zu spannen. Morwenna wünschte, er wäre nicht hier. Sie wünschte, sie wäre allein. Doch Jornowell schien nicht so schnell an Aufgabe zu denken. Mit von den Alben geschenkter Geduld und Gnade saß er an ihrem Bett, hielt eine Schüssel und einen Löffel und versuchte, ihr den Eintopf zu reichen.

Sie wandte den Blick ab.

„Morwenna, ich flehe dich an … Du musst dich stärken!“ Jornowell versuchte, eindringlich zu klingen. Doch das Zittern in seiner Stimme verriet ihn. Er war am Ende seiner Geduld. Morwenna wusste, wie hart die Zeit für ihren Hofmeister war. Sie merkte es allein daran, wie spät er zu Bett ging und wie früh er sich wieder erhob. Die Arbeit im Fürstentum schien immer weiter auszuufern, doch von diesen Dingen drang kein Wort zu ihr vor. Jornowell versuchte, sich um sie zu kümmern, sie zu schützen. Er wusste nicht, dass er sie damit demütigte. „Die Heilerinnen sagten, dass …“

„Es ist mir egal, was die Heilerinnen sagten!“, spie sie aus, ohne den Blick wieder zu ihm zu wenden.

„Du kannst nicht gegen dich selbst ankämpfen! Bitte, Morwenna, iss etwas! Tu … tu mir das nicht an!“

„Ich habe keinen Hunger!“

Die Vehemenz ihrer Worte schwang für einen Moment in der Luft, während sich ihre Bedeutung langsam und schwer wie ein Leichentuch über sie legte. Sie rechnete nicht mehr mit seinem Widerstand: „Wie … wie kannst du dich so verhalten? Mir gegenüber – ausgerechnet mir gegenüber!? Weshalb schließt du mich aus? Glaubst du, ich sei zu naiv, zu unwissend, um dich zu verstehen? Hast du …“ Etwas in seiner Stimme brach und Morwenna glaubte zu hören, wie die nächsten Worte seine Seele entzwei rissen. „Hast du denn bereits vergessen, welche Verbrechen einst an meinem Vater begangen wurden? Du musst die Narbe in seinem Gesicht mehr als einhundert Mal gesehen haben, ebenso wie ich. Ich bin derjenige von uns beiden, der dies das zweite Mal durchlebt! Ich weiß nicht, wer aus deiner verdammten … wer aus deiner Sippe ihm das angetan hat oder warum – ich weiß nur, dass er durch die hinterhältigste und tückischste Art und Weise entstellt wurde. So wie du. Alvias lernte, mit diesem Makel zu leben. Glaubst du, es fiel ihm leicht? Glaubst du, es fiel ihm leicht, von Seinesgleichen verraten und verwundet zu werden? Glaubst du, es fiel ihm nach den Schattenkriegen leicht, dich – dich, die Tochter seiner Peinigerin, die Peinigerin seines Volks – in Elfenlicht, seinem schutzbefohlenen Heim, aufzunehmen? Glaubst du, er tat dies ohne Leid und Kummer? Glaubst du, er machte es mir leicht, diese Bürde mit ihm zusammen zu stemmen!?“

Morwenna hob den Blick und wagte nicht, auch nur zu atmen. So hatte Jornowell noch niemals erlebt. Und sie musste sich eingestehen, bisher nicht einen Gedanken an Alvias verschwendet zu haben, dessen Narbe nun vor ihrem geistigen Auge auftauchte wie ein Mahnmal. Ihr wurde heiß vor Scham. Für einen Augenblick war ihr eigenes Schicksal vergessen, unwesentlich. Plötzlich war da nur noch Jornowell.

Jornowell, der seinen Kiefer anspannte und dessen Augen ungewohnt hart wurden: „Du siehst also, dass ich mir sehr wohl dessen bewusst bin, dass du am Abgrund deiner Selbst kratzt. Ich liebe dich. Ich liebe dich mehr als mein eigenes Leben. Aber wenn du dich weigerst zu essen, wenn du dich weigerst, zu überleben, dann stehe ich auf, verlasse dieses Zimmer und dein von den Alben verwaistes Land und setze nie wieder einen Fuß darauf, auf dass von seinen verdammten Schatten verschlungen und nie wieder ausgespuckt wird. Hast du mich verstanden!?“

Morwenna atmete tief ein und aus und versuchte dabei, den aufflammenden Schmerz in ihrer Schulter zu unterdrücken. Sie fühlte keinen Hunger, doch sie fühlte den Stich in ihrem Herzen. Stärker und gewaltsamer als jeder Schlag hallten Jornowells Worte in ihrer Seele wider. Es war jenseits ihrer Auffassungsgabe, die volle Bedeutung hinter ihnen zu verstehen. Doch allein die Angst davor, dass er tatsächlich seinen Worten Taten folgen ließ, war der Antrieb für sie, all jene marternden Gedanken zurückzulassen und sich seinem verzweifelten Mut zuzuwenden, der ihr entgegenstrahlte wie ein Leuchtfeuer.

„Ich bin bei dir. An deiner Seite. Vergiss das niemals wieder!“

Ein mechanisches Nicken war alles, was sie zustande bringen konnte. Mit seinem schiefen Lächeln, das weder so ungezwungen oder leicht wie gewohnt war, hob Jornowell erneut den Löffel und führte ihn an ihren Mund. Dieses Mal aß Morwenna bereitwillig, aß den gesamten Eintopf und wagte auch nicht, den Nachschlag abzulehnen. Anschließend legte der Elf die Schüssel beiseite und Schweigen kehrte zwischen ihnen ein.

Wie ein zäher Nebel umhüllte sie die Stille. Erst als sie seine warme Hand an ihrer Schulter spürte, fand sie zu einem klaren Gedanken zurück. „Danke“, murmelte sie. „Danke, dass du … hier bist. Nach allem, was wir von dir fordern. Nach allem, was du  wegen uns durchmachen musstest.“

Seine Finger drückten sich leicht in ihre Schulter: „Es war nicht nur Schlechtes, meine schöne, halsstarrige Fürstin. Tatsächlich behandelt mich dein Bruder das erste Mal während meiner Anwesenheit im Rosenturm meinem Stand entsprechend. Ich möchte nicht behaupten, dass Tiranus Verhalten von Respekt und Achtung geprägt ist – die Alben mögen bewahren – aber wenigstens … nun, wenigstens spricht er mit mir.“

Morwenna wusste, dass Jornowell versuchte, die Stimmung zu heben. Es wäre nicht das erste Mal, dass sie über das zerrüttete Verhältnis von Tiranu und Jornowell gespottet hätte. Aber er ahnte nicht, welche Furcht er mit Tiranus Namen in ihr heraufbeschwor.

„Er ließ Maka und Filan in Vascar hinrichten“, eröffnete sie und fühlte, wie Jornowells Hand kraftlos von ihr glitt. Ein zischender Laut erklang, als der Hofmeister tief einatmete. In seinem Gesicht spiegelten sich Schock und Fassungslosigkeit wider. Mit spitzen, bebenden Fingern rieb er sich über die Augen, sichtlich darum bemüht, Worte zu finden.

Morwenna schluckte: „Emerelle wird dahinter kommen – und wenn es soweit ist, wirst du alles dafür tun, ihn zu schützen. Du musst mir schwören, ihn zu beschützen.“

„Bist du wahnsinnig geworden?“, entfuhr es Jornowell. Sein Atem ging rasselnd, stoßweise. „Das kann doch unmöglich dein Ernst sein? Er ließ sie ermorden? Er … das waren Bauern … hungernde Bauern!“

„Sie haben die Hand gegen sein Fleisch und Blut erhoben“, hielt Morwenna dagegen. „Ganz gleich, ob es ein Unfall war oder nicht. Mit dieser Tat haben sie ihr Schicksal besiegelt. Ihm blieb keine Wahl und ich an seiner Stelle hätte dasselbe getan. Ich verlange nicht von dir, es zu verstehen. Ich verlange von dir, meinen Bruder zu beschützen, wenn sich die Krone gegen ihn wendet.“

„Wie … wie sollte ich dies bewerkstelligen?“

„Ich werde behaupten, dass der Befehl der Hinrichtung der Meinige war. Ich werde alle Schuld auf mich nehmen …“

„Nein“, klinkte Jornowell ein. „Das … das kannst du nicht ernst meinen! Du … du bist das Opfer, nicht die Täterin! Du kannst diesen Mord nicht auf dich nehmen! Tiranu ist für seine Taten selbst verantwortlich.“

Die Fürstin zog ihre Lippen zwischen die Zähne. Sie hatte diese Reaktion erwartet, wie sie sie befürchtet hatte. „Du sagtest, du würdest mich lieben. Tiranu ist ein Teil meines Selbst. Mein Leben ist ohnehin … mein Leben wäre ohne ihn verwirkt. Ich muss dich darum bitten, verstehe mich! Du musst mir schwören, alles daran zu setzen, ihn zu schützen.“

Ihr war bitterlich bewusst, dass sie zu viel von ihm verlangte. Sie sah es an den Schatten, die über seine Augen tanzten, spürte es in seinen brennenden Blicken.

Doch die Loyalität seines Herzens schien ungebrochen. Gequält brachte er die Idee eines Lächelns zustande, das sofort wieder in sich zusammen brach, als er seine Sprache wiederfand: „Wenn es wirklich das ist, was du von mir möchtest, dann … dann verspreche ich, dass ich tun werde, was in meiner Macht steht. Auch wenn ich bezweifle, dass ich etwas ausrichten könnte.“ Wieder fuhr er sich übers Gesicht und rieb sich schließlich über die Augen. „Ich kann es nicht fassen … Ich kann nicht fassen, dass er das tat. Seit Tagen korrespondiere ich mit dem Grafen des Nordens, der fieberhaft darum bemüht ist, Maka und Filan zu finden … wenn ich geahnt hätte, dass … dass sie überhaupt nicht gefunden werden können …“

„Du darfst dir Tiranu gegenüber nichts anmerken lassen.“ Morwenna beugte sich vor. „Er würde nicht zulassen, dass …“

„Müsste ich dann auch um mein Leben bangen?“, entkam es dem Hofmeister bitter.

Morwenna nahm die Bitterkeit in sich auf und konnte nicht verhindern, dass ein trübes Lächeln auf ihren Lippen erschien: „Jeder in Langollion muss um sein Leben bangen. Hast du das denn immer noch nicht verstanden, Hofmeister?“ Ihr Lächeln wuchs, als Jornowell die Augen ob ihres gespielt grimmigen Tons verdrehte. „Du brauchst dich nicht zu fürchten. Ich beschütze dich.“

Endlich zeigte auch Jornowell ein Lächeln, das etwas von seiner gewohnten Gelassenheit in sich trug. Er lehnte sich vor, um ihr einen Kuss auf die Stirn zu setzen. „Und wer beschützt mich vor dir?“, flüsterte er an ihre Haut, während Morwenna das Spiel seines warmen Atems auf ihrem Gesicht genoss, „oder ist es für jeglichen Schutz bereits viel zu spät? Bin ich dir bereits hoffnungslos verfallen und bemerkte das Arge nicht mehr? Sag es mir, denn ich sehe mich längst außer Stande, klar zu urteilen, wenn es um dich geht, mein Herz.“

Morwenna rümpfte in einer übertrieben empörten Manier die Nase und bog den Kopf zurück, um Jornowell in die Augen sehen zu können: „Nun, du bist nach allem immer noch hier, oder nicht?“ Als ihre Gedanken plötzlich von ganz allein auf Wanderschaft gingen, löste sich ihr Frohmut in Rauch auf, und die Ketten der Realität schlugen sich um ihre Glieder. „Ich habe dich so oft verletzt und … du hast stets zu mir gehalten. Selbst … selbst jetzt … ich bin … bin entstellt … und du … du bist immer noch hier. Du musst verrückt sein … du …“

Jornowell lehnte sich erneut vor, dieses Mal, um ihren Mund zu küssen und damit ihren Redeschwall zu beenden. Sie konnte sich nicht helfen, als sie tränennassen Augen zu schließen und sich stumm zu wünschen, dass sie nie wieder aus dem Traum erwachen würde, in dem Jornowell sie gefangen hielt.

Ihn zu schmecken, seine weichen Lippen und das zärtliche Spiel seiner Zunge zu spüren, weckte einen Trotz in ihr, welcher sich allein gegen sie selbst richtete. Sie durfte nicht verzweifeln. Sie durfte nicht verzagen. Jornowell war mehr als nur ein Geliebter für sie; er war ihr Grund, Mut zu schöpfen, wo eigentlich keiner sein durfte. Unter den Elfen sagte man sich, dass eine Entstellung, eine Verkrüppelung schlimmer sei als der Tod, an dessen Ende die Wiedergeburt in eine neue fleischliche Hülle wartete. Doch sie wollte keine zweite Chance, keine Flucht. Nicht mehr. Sie wollte Jornowell beweisen, dass sie denselben Kampfesgeist besaß, den er ihr schon hundertfach erwiesen hatte. Und auch, wenn sie nicht wagte, die Worte laut auszusprechen: Sie wollte ihm beweisen, dass er alles für sie war. Dass er ihr so viel bedeutete, wie das Geleit der Sterne dem Mond in der völligen Finsternis bedeutete. Er war ihr Licht. Und sie wollte mehr sein, als seine verzehrende Dunkelheit.

Die Angst blieb trotz all diesen Gedanken, deren Wärme mit jedem Herzschlag mehr verrauchte wie die seichten Nebelbänke über dem Meer, wenn die offenbarende Sonne darüber aufging. Wie ein rostiger Nagel steckte Makas Bild in ihrem Herzen. Doch sie versuchte sich an einem Lächeln, als sie sich widerwillig von ihm löste. Er durfte diese Angst nicht sehen.

Schließlich schluckte sie ihren aufflammenden Stolz die staubtrockene Kehle hinunter. „Ich tat dir so oft Unrecht. Nicht zuletzt bei Yulivee. Ich schürte Zwietracht zwischen euch und begrüßte den Unmut, den sie in deinem Herzen heraufbeschwor. Dabei … sie rettete mir das Leben in Vascar und setzte dazu sogar den Albenstein ein … Sie hätte das nicht tun müssen, all den Schmerz auf sich nehmen und …“

Jornowells Blick weitete sich: „Sie hat was?“

„Hat sie es dir nicht erzählt?“ Nun war Morwenna wahrhaftig sprachlos.

Sein Kopfschütteln irritierte sie. Denn da war neben der Überraschung auch deutlich Besorgnis in seinem Ausdruck zu sehen. Als er sich mit einem willkürlichem Seufzen durch die blonde Mähne fuhr, hielt sie es nicht länger aus: „Was hast du? Ist etwas vorgefallen?“

„Allerdings“, entfuhr es Jornowell tonlos. „Ich glaube, Yulivee … ich glaube, Yulivee hat sich in deinen Bruder verliebt. Und er ist gerade dabei, ihr äußerst konsequent das Herz zu brechen …“

Als wäre sie gegen eine unsichtbare Wand gelaufen, taumelte die Fürstin innerlich zurück und ließ sich in die Kissen sinken. Das … das war absurd. Skeptisch blickte sie zu Jornowell hoch, der abwehrend die Hände hob: „Ich kann mir das auch nicht erklären! Ich weiß nur, dass die beiden für Wochen verschwunden waren, ehe sie völlig ausgelaugt und mitgenommen zusammen im Rosenturm erschienen. Yulivee ließ sich nicht davon abbringen, Tiranu nach Vascar zu folgen, wobei … wobei sie ihn mit irgendetwas in der Hand zu halten schien … Was auch immer dies war, Tiranu gab ihr erstaunlich schnell nach. Du hättest sehen müssen, wie sie ihn anblickte! Als sie nun erneut zurückkamen, war Yulivee wie ausgetauscht. Sie trat vor mich, um zu erklären, was geschah … und erwähnte dabei kein einziges Wort von ihrem Einsatz, dich zu retten. Sie ging, ohne ein Wort des Abschieds … und Anarion brachte mich darauf, dass sie völlig apathisch wirkte. Dann diese Briefe in Tiranus Arbeitszimmer. Sie hat ihm geschrieben, wieder und wieder. Und das Wichtigste: Bis zum heutigen Tage hat Yulivee sich nicht in Elfenlicht blicken lassen, um Emerelle Bericht zu erstatten. Meine Kontakte im Herzland warten nur auf ihre Ankunft! Ich habe nun solange Zeit gehabt, das alles zu überdenken … ich meine, ich kenne sie. Kenne sie nur zu gut. So wie sie sich verhält…“ Er hob die Schultern und ließ sie seufzend wieder sinken. „Sie tat das alles für Tiranu. Deine Rettung, ihr Schweigen, ihre innerliche Zerrissenheit, ihr Mitgefühl für deine Situation … Bei den Alben, das darf nicht wahr sein! Was, wenn …“

„Moment!“, unterbrach Morwenna. „Tiranu tauscht Briefe mit ihr aus? Mit Yulivee?!“

„Nein“, winkte der Hofmeister unwirsch ab. „Ich sagte doch, Tiranu meidet sie … er will ihre Nähe nicht, liest ihre Briefe erst gar nicht und versucht, ihr … klarzumachen, dass er an ihrer Nähe nicht interessiert ist.“ Er zog bei den letzten Worten die Stirn kraus, ehe er nervös auf seiner Lippe herumkaute und schließlich – schließlich traf sie ein anklagender Blick: „Ihr beiden seid genau gleich!“

Die Fürstin senkte den Blick. Fassungslosigkeit breitete sich in ihr aus. Ihre Abneigung gegenüber der Erzmagierin war durch deren Taten kaum gesunken. Noch immer glomm das tiefe Misstrauen in ihr, das sich kaum unterdrücken ließ. Sie horchte in sich hinein. Konnte das wirklich sein oder spann Jornowell sich da etwas zusammen? Wenn sie an diese freche, unerzogene, dreiste, mädchenhafte Elfe dachte …

Ihr Augenmerk wanderte zu Jornowell, der immer noch nachdenklich seine Lippen malträtierte. Ein wissendes, unheilerwartendes Lächeln krümmte ihre Lippen: „Ich fürchte, das sind wir.“

Jornowell ließ sie an diesem Tag nicht allein. Tiranu hatte ihm freimütig gestattet, nicht in den Amtstuben zu erscheinen, was wohl aus Sorge über ihren Zustand geschehen sein musste. Halb kränkte sie dieser Gedanke, halb erleichterte sie Jornowells Anwesenheit. Denn irgendwann war es nicht mehr schwer, das falsche Lächeln immer dann erscheinen zu lassen, wenn sein prüfender Blick sie streifte. In ihr erwuchs ein losgelöstes Mantra, das ihr immer und immer wieder versicherte, dass er von nun an ihr Glück sein könnte. Sie brauchte sich den lauernden Schatten in ihrem Innern nicht hinzugeben, wenn Jornowells Strahlen sie in die Wärme lockten.

Nun, da Yulivees Eindringen in Langollion unterbunden, der Aufstand im Norden den Umständen entsprechend geschlichtet und die Krise des Reichs so gut wie abgewendet schien, gab es keinen Grund mehr für sie – die Fürstin Langollions – wehleidig zu sein.

Jornowell war an ihrer Seite, den ganzen Tag. Und sie sah sich im Stande, alles dafür zu tun, dass er dies für immer tun würde.
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