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Schattenspiele

von Riniell
Kurzbeschreibung
GeschichteDrama, Fantasy / P16 / Gen
Emerelle OC (Own Character) Tiranu Yulivee
20.12.2015
01.12.2016
50
187.715
3
Alle Kapitel
52 Reviews
Dieses Kapitel
2 Reviews
 
09.01.2016 3.095
 
Guten Abend, ihr Lieben!

Ich melde mich fleißig (und überpünktlich) mit dem neuen Kapitel zurück. Und endlich (!) hört ihr von Tiranu. Ich muss sagen, ich bin sehr gespannt, was ihr zu seinem Auftreten sagt – natürlich zeigt er sich wie stets von der besten Seite! *zwinker*

Ich möchte euch noch für eure enorme Lesetreue danken, die beständig zu wachsen scheint! Ich durfte mich diese Woche wieder über steigende Favoriten-Zahlen freuen und über liebe Mails von euch! Speziell danke ich Chrisantiss, Xijoria (welche mir selbst über/aus dem B.Hennen-Forum ‚folgen‘) und auch meine liebe Fay (dein kritischer Blick in Ehren, ebenso dein Humor und dein Blick für Details!), Flammendo und Nenduiel! Eure Meinungen und Kritiken sind jedes Mal neuer Wind unter meinen Flügeln und geben mir in diesem Aufwind enormen Ansporn. Ich hoffe, euch weiterhin gut unterhalten zu können, auch wenn meine Finger vom vielen Tippen langsam brennen. Aber wie kann man seine freiste Freizeit schöner gestalten, als mit dem Schreiben?

Länger möchte ich gar nicht ausholen, sondern euch viel Spaß im neuen Kapitel wünschen!









Einen Schritt voran, zwei Schritt zurück …


Ein böiger Wind fegte mit schneidender Kraft über die hochaufragenden Klippen und brachte das Salz des großen Meers mit der bitteren Kälte der fernen Snaiwamark auf das schroffe Felsland der Steilküsten. Weit über der Brandung der wilden See und ihren hohen Steinkluften tanzten zahllose perlweiße Möwen im Hauch des frostigen Nordwestpassats. Ihre Schreie klangen fern durch die Felsenwelt, drangen über die rissigen Wolken hinweg in einem Klangspiel der anarchisch-frenetischen Freiheit eines frühen Februarmorgens am Hang des Rosenturms.

Höher über dem Nebeldunst des beginnenden Tages und dem Schleier der Wolkenstreifen riss der Wind noch unerbittlicher am vorzeitlichen Gemäuer des Fürstensitzes und vereinte sich mit der weltlichen Melodie flatternder Banner, pfeifender Steinrisse und knarrender Fensterrahmen.

Doch dieses Naturschauspiel war vergessen für die Schreiber im Dienste der langollischen Fürsten. Unermüdlich arbeiteten sie an den Klauseln, welche für den Vertrag des nahenden Güterverkehrs mit Aelburin und Arkadien als unerlässlich galten. Bereits seit Wochen stand das Abkommen mit dem Zwergenvolk in getrockneter Tinte fest und spülte dringend benötigtes Gold in die Staatskassen Langollions. Und seit Kurzem weilten auch die Handlungsbevollmächtigten der Fürstin von Arkadien im Rosenturm, um die Diskrepanzen beider Fürstentümer endlich mit einvernehmlichem Interesse beider Parteien zu einem wirkenden Handelsabkommen zu gestalten. Doch schon zu diesem Zeitpunkt waren etliche Entwürfe zu einem möglichen Vertrag verworfen worden – und ging man nach dem Wettbuch der angestellten Schreiber mochte es noch Wochen dauern, bis es dem Hofmeister des Rosenturms gelang, seinen Fürsten zum Einlenken zu bewegen.

Denn ganz gleich, wie verlockend Valarias Angebot sich präsentierte – golden und akkurat wie nur Arkadien es vermochte – Fürst Tiranu fand einen Grund, es scheinbar undankbar auszuschlagen. So mancher banger Blick der Schreiber suchte auch an diesem Morgen die gewölbte Decke der großen Schreibstube, über der das Arbeitszimmer des Fürsten lag. Trotz der gewagten Wetten auf den genauen Abschlusstags eines Abkommens, schwang doch bei ausnahmslos allen Schreibern die Hoffnung mit, es mochte möglichst schnell von statten gehen. Allein um des vermissten Friedens willen …

Denn die Lage zwischen dem Sohn des berühmten Hofmeisters Alvias und dem Fürsten Langollions war gespannt wie ein Schiffssegel in der aufkommenden Brise …

* * *


„Beim siebten Mal lesen wird es nicht besser, so viel kann ich dir versprechen!“

Tiranu furchte seine Stirn und zog die markanten Brauen zusammen, als er seinem Gegenüber einen warnenden Blick zuwarf. Das frisch beschriebene Pergament ächzte im festen Griff seiner verkrampften Finger, während er den ungewollten Hofmeister mit dem losen Mundwerk einmal mehr an diesem Morgen verfluchte. Was glaubte er, wer er war, sich ungefragt in Langollions Politik einmischen zu können?

Jornowell schien in angespannter Erwartung und sichtlich um Geduld bemüht. Der blonde Elf stütze sich unweit des Fürsten an den Kanten von dessen großen Pult ab und schaute aus abwartenden Augen auf ihn nieder.

Was hatte dieser Dilettant schon wieder hier zu suchen?!

Mit einem nüchternen Seitenblick bedachte Tiranu den abseitsstehenden, etwas zu klein geratenen Schreibtisch, welcher Jornowell als Arbeitsunterlage diente. Während der letzten Tage hatte sich der berühmte Weltenwanderer beinahe häuslich in seinem Arbeitszimmer eingerichtet, ohne dies je zu hinterfragen. Dabei hielt zeitgleich eine Unordnung in diesen Räumlichkeiten Einzug, welche Tiranu so selten gesehen hatte. So stapelten sich auf der ohnehin knapp bemessenen Ablage des kleinen Schreibpults Dekrete, Einladungen, Verhandlungsmanuskripte, Aufzeichnungen, Briefe, Karten, Namenslisten, Güterverkehrsdokumente neben abgegriffenen Kladden, teuren Schreibfedern und unterschiedlich beschrifteten Tintenfässchen. Auf dem Boden lagen teils geöffnete – waren da Eselsohren in den Seiten?! – Folianten, größere Karten und Zeichnungen der einzelnen Adelsfamilien Langollions neben zerknüllten Entwürfen von Schrieben. Im Regal hinter dem Schreibpult hatte sich der Elf wie selbstverständlich Platz für eine erweiterte Ablagefläche geschaffen. Das Chaos dort mochte er nicht einmal selbst überblicken …

Die Lage des provisorischen Arbeitsplatzes in unmittelbarer Nähe zur großen Portaltür schien wohl optimal für den Elfen, sprang er doch jedes Mal unumwunden auf, wenn ein Besucher den Raum betrat. Was erstaunlich oft geschah, seit Jornowell die Tür stets sperrangelweit geöffnet hielt. Ganz gleich, wie oft oder zu welcher Tageszeit Tiranu hier erschien, Jornowell war immer schon bereits hier und arbeite unermüdlich an dem Schriftverkehr, welcher eigentlich nicht zwingend zu seinen Aufgaben zählte.

Zu Anfang hatte der Fürst versucht, dieses besonders lästige Exemplar der königlichen Speichellecker vor die Tür zu setzen. Jornowell war seinem Rauswurf sogar folgsam nachgekommen – mit dem Ergebnis, dass der neu eingestellte Hofmeister sein Pult direkt vor die geschlossene Tür stellte. Jede Frage, welche Jornowell ihm dann stellen musste, wurde lauthals durch die Flure geschrien und kein Bittsteller gelangte mehr durch die Tür, ohne dass der Elf mit viel Lärm und quietschenden Tischbeinen seinen Arbeitsplatz verschieben musste.

Am nächsten Morgen stand der kleine Schreibtisch wieder in seinem Arbeitszimmer.

Spätestens seit dem angebrochenen Stuhlbein, welches Jornowell geflissentlich ignorierte – als der Stuhl unter seinem Gewicht krachend nachgab, richtete er ihn einfach schweigend wieder auf und arbeitete auf drei Beinen balancierend weiter –, wusste Tiranu, dass er diesen Elfen nicht mehr loswerden konnte. Zumindest nicht mit den Methoden, welche ihm momentan zur Verfügung standen.

„Hast du wieder einen ominösen Fehler gefunden, welchen nur du sehen kannst?!“

Der Fürst Langollions sah wieder in das abwartend schauende Gesicht seines neuesten Höflings. Innerlich verfluchte er seine Schwester. Bestimmt ein Dutzend Mal hatten sie sich über ihn gestritten und das alle nur möglichen Belange betreffend. Er war eine Katastrophe … Als Elf, als Wahl für die Fürstin Langollions, als Gast im Rosenturm und ganz besonders als Hofmeister.

Wenn Morwenna nur nicht mit ihren verfluchten Argumenten Recht behalten hätte!

Der letzte Sohn der Alathaia starrte konzentriert auf das Schreiben in seiner Hand. Das Handelsabkommen mit Arkadien. Nach Jahren – Jahrzehnten! – der Debatten, Aufforderungen, Erklärungen und falschen Versprechen hielt er endlich den Schlüssel zum Wiederaufbau seines Reichs in den Händen. Er erinnerte sich daran, wie hoffnungslos dieses Unterfangen bis vor wenigen Tagen ihm noch erschienen war. Zum letzten Fest, welches Valaria an ihrem Hofe zelebriert hatte, war er aus Stolz nicht einmal erschienen. Bis zu einem gewissen Punkt hatte die Fürstin mit ihnen gespielt, sie hingehalten. Tiranu wusste das mit jeder Faser seines Leibs. Wenn sein Volk, sein Land, sein Erbe es nicht so dringend benötigen würde, käme er nie dazu, nun doch auf ihren Ersuch einzugehen. Er hasste es, sich derart ausgeliefert zu wissen. Dieses Adelshaus lachte doch über ihn! Ebenso wie die anderen Fürsten auch …

„Das Angebot ist fair!“ Jornowells Stimme klang eindringlich bis genervt. Sicher, dies war Jornowells Verdienst, seine Arbeit. Wenn er es ausschlug, wäre des Hofmeisters Mühe vergeblich gewesen … „Unterschreib es endlich!“

Tiranu schoss erneut einen warnenden Blick in seine Richtung. In seinen nachtschwarzen Augen blitzte es gefährlich. Insgeheim wartete er nur auf ein Vergehen von Jornowell, welches es rechtfertigte, ihn endgültig aus seinem Reich zu befördern. Er würde es nie nachvollziehen können, was seine Schwester an diesem Elfen fand! Er war weder sonderlich gutaussehend, noch hochgewachsen oder stattlich gebaut und schon gar nicht besaß er einen einnehmenden oder reizvollen Charakter. Dieser Elf war vielmehr einschneidend respektlos, ein Schwätzer im Angesicht der Alben und glänzte obendrein mit einem Auftreten, als wollte er auf einem Fest der Kentauren den Narren mimen. Seine Schriften und Reiseberichte mochten – mit viel Muße – ganz interessant für Morwenna sein. Aber konnte sie sich dann seine Werke nicht einfach ins Schlafzimmer holen und ihn mit dieser Person in Frieden lassen!?

Nachdem seine Schwester ihn bei einer der zahllosen Diskussionen über Jornowell zum siebten Male dazu aufgefordert hatte, schwor Tiranu ihr, ihrem Liebhaber nichts anzutun. Diesen Schwur bereute er bereits so oft, dass er nicht mehr mitzählte.

„Fürst?!“

Tiranu führte seine Hand zur Schreibfeder an seiner Linken und tauchte den Kiel in die tiefschwarze Tinte. Unter gebannten Blicken schrieb er seinen Namen, seinen Titel unter den Schrieb und fühlte sich bei jedem Letter mehr seines Willens beraubt.

Nein, es fühlte sich nicht befreiend an, dieses Abkommen zu treffen, obgleich er wusste, wie viel Gold es ihm brachte.

Diese Themen waren nicht das, was sein Wesen zu erfüllen vermochte. Sollte Valaria spielen, wie sie mochte, ihm waren selbst nun die Hände gebunden, sein taktisches Geschick in diesem Kampf um Macht einzusetzen. Denn war es etwas anderes, als ein Krieg der Politik, den die Fürstenhäuser Albenmarks ausfochten? Dabei war Langollion verbranntes Land. Ihm blieb keine Wahl, keine Taktik. Langollion war von den Meinungen und Entscheidungen anderer abhängig und so mochte es gut sein, dass die Fürstin Arkadiens nächstes Jahr ihre Meinung wieder änderte …

In seinen Fingern kribbelte es unbändig, als er die Feder zurück auf den Sekretär schmiss. Seit dem Ende des Tjuredkriegs – seit seinem Versagen, seiner beinahe tödlichen Verletzung in der letzten Schlacht – tat sich etwas in ihm auf, was keine Ruhe gab, mit einem eigentümlichen Feuer zu lodern. Schon Ewigkeiten war er nicht mehr auf der Trainingsfläche in den Baracken seiner Schnitter erschienen. Er fühlte sich unstet. Doch mehr noch fürchtete er, dieses züngelnde Feuer könne zu einem verheerenden Brand werden, welches sich nicht mehr kontrollieren ließ – oder schlimmer: es könnte auf ewig mit allem verlöschen, für das er stand.

Was blieb ihm nach all den Kämpfen? Auf Schlachten, dem Taktieren im Angesicht des Feinds, hatte  er sich verstanden. Was ihm nun blieb war ein Papierkrieg, welcher beinahe aussichtlos verloren war. Dass er dabei jeden Tag aufs Neue gegen seinen eigenen Stolz ins Feld zog, half nicht unbedingt, seinen Frust zu bändigen…

„Na also!“ …und dieser Elf ganz bestimmt auch nicht! Ruckelnd befreite Jornowell das Schriftstück aus seinen Fingern. „Das war doch halb so schwer, oder?“

* * *




Über den winterlich ruhenden Küstengärten schrien Möwen ihre sehnsüchtigen Arien in den verschleierten Himmel hinaus. Ihr tollkühner Flug im Angesicht der fernen Sonne wurde aus nicht weniger sehnlich dreinblickenden, tiefschwarzen Augen verfolgt.

Jornowell lächelte, als er Morwennas Gestalt auf einer Parkbank im Schatten eines es Birnbaums entdeckte. Die Fürstin trug einen schweren, weißen Mantel, dessen Kragen mit schimmerndem Nerzpelz gesäumt war. Ihr lockiges Haar fiel wie ein langer dunkler Schleier über eine ihrer Schultern. Auf ihrem schrägen Scheitel ruhte eine ebenfalls pelzbesetzte Haube, welche einen blickfangenden Kontrast zum Rabengefiederschwarz ihrer Strähnen bildete. Ihre in Handschuhe eingefassten Hände fuhren traumversunken durch ebendiese, als sie das Spektakel am Himmel beobachtete.

Einige Momente stand er einfach ganz still in ihrer Nähe und beobachtete seine eigenwillige Fürstin. Als er sich gerade räuspern wollte, senkte sie den Blick: „Hat er unterschrieben?“

Jornowell nickte.

„Endlich!“, raunte sie und an ihren Mundwinkeln zupfte ein Lächeln. Dann runzelte sie die Stirn, als ihr Blick seine Schläfe fand: „Ist das eine Beule?“

Der Hofmeister auf Zeit winkte ab und ließ sich neben ihr auf die Bank sinken. Seine Augen suchten die flatternden Schatten, welche gegen das milchige Sonnenlicht tanzten. Die Vögel wirkten fern, doch ihr Schreien war durchdringend bis über die Küsten hinaus. „Offenbar ist dein Bruder nicht nur gewandt mit dem Schwert, sondern auch ganz passabel darin, mit Tintenfässchen um sich zu werfen …“

Die Schwester des Fürsten legte – war da eine Spur von Schadenfreude in ihren Zügen? – den Kopf schief: „Ich habe dich gewarnt, ihn nicht zu reizen…“

„Er wollte es nicht“, sagte Jornowell, die Miene leer und gedankenverloren. „Er wollte nicht unterschreiben, obwohl es nur Vorteile für ihn bereithält. Sein Stolz könnte eine Gefahr werden für dieses Fürstentum, auf lange Sicht.“

Morwenna  strich dem Elfen eine Strähne aus dem Gesicht, ihre Finger zog sie dafür aus dem Handschuh. „Bereitet es dir Sorgen? Ich werde mit ihm sprechen…“

„Nein, wir beide müssen darüber sprechen, jetzt!“ Er sah ihr fest in die einnehmenden Augen, welche das Abbild von Tiranus zu sein schienen. Er wusste, die beiden einzig lebenden Kinder der Alathaia waren Zwillinge, so verschieden sie ihm auch erscheinen mochten. Wenn jemand wusste, was in diesem Elfen vorging, dann war es seine Schwester. „War er schon vorher so?“

„Was genau meinst du?“

Jornowell sah auf seine Stiefel, welche vom Schneematsch feucht wurden. „Vor dem Krieg. Er verändert Personen. Egal, wie kalt sie sind oder zu sein glauben.“

„Ich glaube nicht, dass …“ Morwenna stockte. „Ich kann mir denken, worauf du hinaus willst. Aber so ist es nicht, eher ganz im Gegenteil. Es mag kompliziert und für dich nicht nachvollziehbar klingen, aber seit dem Krieg fehlt ihm etwas. Immer hatte er ein Ziel, eine Leidenschaft, etwas, worin er gut war, oder etwas, worin er sich beweisen konnte. Einen Antrieb, welcher absolut war.“ Mit nunmehr blanken Fingern strich sie sich das Haar in den Nacken und biss sich auf die Lippe. „Wir waren nie allein, nie auf uns gestellt. Unsere Sippe war groß und durch ein noch größeres Ziel vereint. Nach dem Tod unserer Mutter, der Kapitulation … Ich kam an den Hof der Königin, er blieb in Langollion, als letzter Verbleibender. Die Vasallen Emerelles kümmerten sich um den Wiederaufbau – natürlich nicht, ohne eigene Interessen zu verfolgen. Dem ohnehin ausgebluteten Volk wurden Ausgleichszahlungen aus den Rippen geschnitten und Tiranu konnte nichts dagegen tun. Ich habe davon nichts gewusst. Wir durften uns nicht schreiben, geschweige denn besuchen. Ich hatte keine Ahnung, wie es um Langollion steht.“

„Aus dieser Perspektive habe ich es nie gesehen“, fügte Jornowell hinzu. „Wie eine Marionette musste sich gefühlt haben … und du dich wie eine Geisel.“

„Bis der Tjuredkrieg kam“, stimmte sie zu. „Er hatte das Schwert und seine Einheit. Das Wissen eines Heerführers.“

Jornowell schüttelte den Kopf. „Ein sehr … ungewöhnliches Wissen … Hat er es von seinen älteren Brüdern gelernt?“

Morwenna schüttelte das Haupt: „Unsere Schwester Selin war die Kriegerin … aber Tiranu brachte sich sehr viel mehr selbst bei.“

„Dabei wirkt er auf mich sehr … bedingungslos und eigen. Beinahe so, als folgte er einer erlernten Ordnung.“

Morwenna wiegelte ab:  „Man kann seine Methoden sehen, wie man es möchte …“ Langsam wurde dem Weltenwanderer klar, worauf die Fürstin hinaus wollte. „Aber er wusste stets, was er tat. Er besaß die Kontrolle.“

Jornowell atmete tief durch: „Und nun soll er Dekrete und Handelsabkommen mit Elfen schließen, von denen er weiß, wie sehr sie ihn verachten, oder schlimmer: belächeln.“

Es vergingen einige stumme Momente. Jornowell hatte in seinem langen Leben mit vielen Problemen zu kämpfen gehabt. Doch an solch eine Thematik hatte ihn noch kein Weg geführt. Es gab zwei Seiten, von denen aus er dieses Dilemma betrachten konnte: Die eine sah er, wenn er daran dachte, welche Gefahr Tiranu einst darstellte und immer noch war. Nicht nur in den Schattenkriegen, sondern gerade hier in Langollion, für sein eigenes Volk. Langollion und seine Schwester brauchten eine Person, welche sie leitete – keinen Fürst, welcher hinter seinen eigenen Problemen zurückstand. Wenn er seinen eigenen Weg nicht kontrollieren konnte, wie sollte er dann über ein Land herrschen?

Auf der anderen Seite war er nach allem noch Morwennas Bruder. Wenn Jornowell daran dachte, wie er einst über die Fürstin geurteilt hatte, mochte es gut sein, dass er mit etwas Zeit auch eine andere Seite an Tiranu kennenlernte…

Was verleitete einen Elfen nur dazu, derart verhärmt zu werden? War in ihm das Unkraut der Verzweiflung gewachsen? Oder hatte er die – womöglich korrekte – Erkenntnis getroffen, dass man ihn niemals mit anderen Augen betrachten würde und gab auf?

Tiranu hatte einst zu den weißen Elfenrittern gehören wollen, das Warum vermochte Jornowell möglichweise nun zu verstehen. Aber die Ausgrenzung und diese in die Schlinge gezogene Situation waren keine Rechtfertigung und schon gar keine Ausrede. Es gab keine Minderung für die Schuld, die ihn traf, keine Absolution. Allein die Kriegsvergehen, welche in den Tjuredkriegen durch seine Hand verübt wurden … der Schutzmantel des Schweigens, den Emerelle über diese ausgebreitet hatte, war wie ein Kartenhaus, welches bald zusammenfallen würde.

„Lass mich an deinen Gedanken teilhaben“, raunte Morwenna und riss ihn damit aus seinen Grübeleien. Die Fürstin hatte sich nach vorn gelehnt, um in sein Gesicht zu sehen. Lächelnd nahm er ihre Hände und küsste ihre Fingerspitzen.

„Ich werde schon einen Weg finden, ihn aus seiner Starre zu lösen.“

„Oder du beißt dir an ihm die Zähne aus …“, stellte sie klar und atmete tief durch. „Ich kenne ihn und weiß, dass er niemals etwas tun würde, was Langollion schaden könnte.“

Jornowell hob eine Braue und verkniff sich einen Kommentar. Stattdessen zog er sie weiter an sich und fuhr durch ihre Locken. Seine andere Hand ruhte auf ihrer Taille, wo er an den Verschlüssen ihres Kleids herumnestelte. „Ich glaube, wir haben für heute genug von deinem Bruder geredet.“

„Reden wir von deiner Schwester“, fuhr Morwenna im gleichen, neckischen Tonfall fort, mit dem er eigentlich etwas völlig anderes erreichen wollte. „Du hast noch nie von ihr erzählt. Ich weiß nur, dass sie mich spätestens seit dem … Vorfall auf Valarias Fest verachten muss.“

Jornowell lachte auf, überrumpelt von dem plötzlichen Umschwenk. Dann bemerkte er, dass sie wohl nicht allein war, wenn es darum ging, Gespräche über familiäre Angelegenheiten am liebsten vermeiden zu wollen. „Jelisse  ist nicht die Elfe, jemanden zu verachten“, schmunzelte er daher. „Sie hat viel von meiner Mutter. Da sie um einiges älter ist als ich, haben wir nicht sonderlich viele Gemeinsamkeiten. Ihre Söhne waren mehr wie Brüder für mich, so wie Anarion.“

„Unglaublich, wie viel man über jemanden reden kann, ohne etwas zu sagen.“ Morwenna sah ihn durchdringend an. „Jeder weiß, dass du Alvias durch seine Anstellung bedingt nicht besonders nahe standest. Er war nicht eben ein Vater, wie man sich ihn vorstellt. Hat dies Jelisse und dich näher zusammengebracht oder … auseinandergerissen?“

Mit großen Augen starrte er Morwenna an. Ihre Art zu denken war so manches Mal … befremdlich. „Nun, vielleicht … von beidem ein wenig!?“ Offen gestanden hatte er sich über das Verhältnis zu seiner Schwester nie so viele Gedanken gemacht, wie gerade in diesem Moment.

Die Elfe schien nicht angetan von seiner Antwort. Jornowell wollte noch etwas hinzufügen, vergaß es allerdings – dort am Rande der Terrasse, lässig an die Balustrade gelehnt, stand eine zierliche Gestalt. Ein breites, beinahe freches Grinsen zog sich über die weichen Züge der Person, als sich ihre Blicke trafen.

Jornowell sprang auf.
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