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Schattenspiele

von Riniell
Kurzbeschreibung
GeschichteDrama, Fantasy / P16 / Gen
Emerelle OC (Own Character) Tiranu Yulivee
20.12.2015
01.12.2016
50
187.715
3
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20.08.2016 4.223
 
Steter Tropfen höhlt den Stein


Riana flüsterte ein Wort der Macht. Die Geräusche in der Höhle klangen nun lauter als zuvor, wehten klar zu ihr herüber. Das regelmäßige Tropfen von den Spitzen der Stalaktiten war einnehmend melodisch, das Brechen der Wellen rau und der ruhige Atem flüchtig, kaum wahrnehmbar.

Die Kriegerin wandte sich dem Laut des Odems zu und kam in den offen liegenden Höhlensaal, in dem das Meer Einzug hielt. Die Nacht färbte den Wellengang samtschwarz ein, nur das ferne Mondlicht brach sich silbern darin und erhellte den schroffen Felsbrocken in der See.

Überdacht von Gestein und langen Felsfingern, umspült von der seichten Brandung hockte eine Gestalt auf dem Felsen. Gebogene Hörner, dunkle Spiralmuster auf bleicher Haut, breit geformte Schultern und mit hellem Pelz bewucherte Ziegenbeine offenbarten sich im Mondlicht. Im Schneidersitz niedergelassen betrachtete sie das offene Meer, der Rücken zu Riana gewandt.

Die Kriegerin sprang auf die aufgestaute Gesteinskuppe, die über dem Meer lag. Ihre Rechte lag am Knauf ihrer Waffe: „Filan!“

Der Faun rührte sich kaum, als ihre Stimme durch die Höhle hallte. Er wandte sich nicht zu ihr, als er antwortete: „Ich habe dich bereits erwartet, Schnitterin. Hast du deine Jagd beendet?“

„Eine Jagd ist es wohl kaum, wenn sich der Gejagte freiwillig in die Falle setzt.“ Riana hob eine Braue. „Du hättest längst fliehen können …“

Seit dem frühen Morgen war sie auf den Spuren des Magiers. Allzu leicht hatten diese Riana an die Küsten von Vascar geführt, bis in diese Meereshöhle. Dass sich der Faun erst so überstürzt dem Pulk der fliehenden Albenkinder angeschlossen hatte und nun beinahe ergeben hier ihr Kommen erwartete, wollte nicht recht zusammen passen. Sie mahnte sich zur Vorsicht. Dem Magier traute sie jede Heimtücke zu.

„Ich schere mich nicht um eine Flucht, Schnitterin. Mein Leben ist bereits verwirkt. Nur einmal noch wollte ich an diesen Ort kommen“, entrang es sich dem Faun bitter, doch kaum leiderfüllt. Sein Wesen schien ihr undurchdringlich. „Einmal noch wollte ich hier sein.“

„Wenn es dir so sehr gefällt, hättest du besser hier bleiben sollen, statt dich dieser Rebellion anzuschließen“, grollte Riana. „Du siehst weder abgemagert, noch hilfsbedürftig aus. Weshalb bist du Maka gefolgt?“

„Du redest sehr viel für eine Mörderin“, bemerkte der Faun nonchalant. Lange schwieg er daraufhin und merklich löste sich eine Anspannung aus seiner Gestalt. Das Mondlicht offenbarte, wie er seinen Kopf bog und die Schultern sinken ließ.

„Antworte!“

Seine Hörner schwenkten bedrohlich hin und her, als er wieder die Stimme hob: „Sag mir, warst du bereits Gast auf der Nebelburg? Wenn du im Gefolge der Fürstin gereist bist, dann gewiss … Ein schrecklich altes Gemäuer, dessen arger Gestank sich in die Nase bohrt. Trist und lieblos. Doch das war nicht immer so. Vor vielen Jahren lebte ich auf der Burg; so wie mein Vater vor mir war ich Stallmeister im Dienste der Barone. Doch anders als mein Vater war mein Wesen seit jeher unstet und oft streifte ich in den Wäldern umher, wo ich den Geschichten der Feen lauschte. Als ich diese Höhle fand, begegnete ich Phealan. Du wirst sie kennen, wenn du in den Verliesen der Nebelburg warst. Baron Meryl prahlt gerne damit, die Wölfin des Meers erlegt zu haben…Ihre Knochen hängen noch heute von den kalten Wänden.“

Riana hatte bereits von der Schaudergeschichte gehört, welche in Vascar ein ungewöhnliches Eigenleben entwickelt hatte. Die Wölfin des Meers war eine Hexe gewesen, die den Adligen übel mitgespielt hatte. Sie war gespannt zu erfahren, welches Märchen Filan ihr gerade aufzutischen versuchte.

„Phealan war eine begnadete Heilerin und herausragend magiebegabt“, fuhr Filan fort, ohne Eile in seiner Stimme klingen zu lassen. „Sie lehrte mich, die magischen Pfade zu nutzen und mein Verborgenes Auge zu schärfen. Sie wurde meine Gefährtin. Jung und blind liebte ich sie über das Maß eines gesunden Verstandes hinaus. So lange, bis ich erkannte, dass ihr Interesse nicht mir galt, nicht wirklich. Larielle, die Tochter des Barons, war zu einer schönen Elfe herangewachsen, ehe ich zu einem Meister der magischen Künste reifte. Phealan wandte sich ihr zu und wurde Meiner schnell überdrüssig. Zurückgewiesen kehrte ich auf die Nebelburg zurück, ohne zu verstehen, wie mir geschah. Prahlerisch berichtete ich bei Hofe von meinen neugewonnenen magischen Fertigkeiten und schwor dem Baron, ihm jeden Wunsch zu erfüllen, solange ich nur wieder in mein altes Leben heimkehren durfte. Meryl forderte tatsächlich einen Dienst von mir, ehe er mir gestattete, meinen alten Posten in den Stallungen wieder aufzunehmen…“

Filan hob den Blick zum Mond und ließ sich eine gefühlte Ewigkeit Zeit, weiterzusprechen. Riana bedachte genau, was er tat. Wob er hier etwa einen Zauber um sie? Die schiere Beklommenheit, welche sie umhüllte wie ein schwerer Mantel, mochte nicht aus plötzlicher Sentimentalität aufgekommen sein …

„Er führte mich in die Wälder und zeigte mir ein prächtiges Schwert, das er hatte anfertigen lassen. Rubine und Gold waren in den Griff eingearbeitet. Eine Waffe eines Königs würdig, sagte er mir. Doch etwas würde fehlen. Ich sollte einen Zauber darauf legen, der Zerstörung mit jedem Schnitt brachte, den es ausübte. Und dies tat ich. In jede Goldader, in jeden Edelstein bannte ich meine Macht. Ich scherte mich nicht viel um die Gesetze der Elfen und somit hatte ich keine Ahnung, dass solche Zauber nach den Schattenkriegen verboten waren …“

Eine schreckliche Ahnung beschlich Riana. Dieses Schwert …

„Meryl nutzte die Macht des Schwerts, um auf Phealan Jagd zu machen“, spie der Faun. Hass und Groll brachte seine Stimme zum Vibrieren. „Sie hielt Larielle in dieser Höhle gefangen … ich versuchte völlig außer mir, sie zur Vernunft zu bringen, und warnte sie vor dem Vorhaben des Barons. Doch hören wollte sie nicht. Dann war es zu spät. Meryl wusste um meine Gefühle … er nutzte mich schamlos aus, um Rache an der Wölfin des Meers zu nehmen. Das war vor einhundertneunzehn Jahren. Seither suche ich die Stille, die Einsamkeit. Kein Weib und keine Machtkämpfe sollten mich mehr beeinflussen können …“

„Bis du Maka trafst“, ergänzte Riana wenig beeindruckt. „Und Rache nehmen konntest an den Baronen.“

„Ich hatte keine Ahnung, dass Meryl dieses Schwert in seinem Besitz ließ … dieser Narr!“ Endlich wandte Filan sein Gesicht zu der Kriegerin. Keine Emotion stand darin. Ihr Gegenüber könnte ebenso vom Klatsch der letzten Wochen in Talsund berichten – in seinen Augen war keine Tiefe und keine Höhe zu erkennen. „Er muss es aus der Burg gebracht haben, als der Aufstand noch klein und unbedeutend und weitab von jedweder Macht war … es fiel direkt in die aufstrebenden Hände der Bauern. Maka ließ nach dieser Eroberung jeden Handelszug überfallen und raubte sich eine Illusion zurecht, er könnte den Adel aufmischen. Er glaubte, das Schwert sei ein Zeichen, das ihm überbracht wurde … und es sei ihm bestimmt, es zu behalten, denn kein Händler wollte es ihm abnehmen, nachdem sie den Fluch darauf bemerkten. Ein passendes Symbol für sein Vorhaben. Der Kobold hatte Mut, das muss ich ihm lassen. Aber besonders gescheit war er letztlich nicht … und so leicht zu beeinflussen! Seit Jahrhunderten schon leidet Langollion unter den Taten der Fürstensippe – die Ausgleichszahlungen an die anderen Fürstentümer, die strenge Verpflichtung in den Tjuredkriegen. Das Volk ist ausgebrannt, ausgeblutet. Deine Sippe nicht auch, Schnitterin? Irgendwann musste es auf sie zurückfallen … Letztlich kam alles zusammen und lässt mich doch an das Schicksal glauben.“

Riana biss die Zähne zusammen: „Wie groß euer Hass auch war – Maka führte dieses Schwert gegen diejenige, die euch wahrhaft helfen wollte. Du scheinst dies nicht im Geringsten zu reuen …“

„Würde dies irgendetwas an meinem gewählten Schicksal ändern? Ich wollte Rache an Meryl. Ich scheiterte – vielleicht.“ Der Faun zeigte ein gebrochenes Lächeln und blickte zurück zum leuchtenden Gestirn über dem Meer. „Ich wollte nur noch ein einziges Mal hier sein …“

* * *


Yulivee schaute der Heilerin ins schweißnasse Gesicht. Naylin brachte nur kläglich so etwas wie ein aufmunterndes Lächeln zustande, als sie das leise Wort an sie richtete: „Danke für deine Hilfe.“

Die rötlich gelockte Elfe stemmte sich hoch und streckte ihren Rücken durch, um merklich irritiert aus dem Fenster zu sehen. Der Mond prangte bereits am Himmel, auch wenn Yulivee sich so fühlte, als sei sie erst vor kurzem in die Räumlichkeit gekommen. Dabei waren Stunden vergangen.

Mit blanken Händen hatten sie versucht, einen Sturzbach einzufangen.

Der Erzmagierin war es nicht gelungen, die zerstörerische Magie von den Wunden der Fürstin zu nehmen. All die Macht in ihr und all die geborgte Kraft des Chrysoberylls vermochten nicht zu richten, was die Klinge angerichtet hatte. So gelang es ihr weder, die Wunden zu schließen, noch das Fieber wahrhaftig zu bekämpfen.

Es war Schadensbegrenzung, die sie übten. Selbst Emerelle hatte ihren berühmten Hofmeister Alvias nicht von der Pein einer verzauberten Waffe heilen können, als er in den Schattenkriegen verwundet worden war. Die Narbe war dunkel auf seinem Gesicht geprangt, bis zu dem Augenblick, da er ins Mondlicht gegangen war.

Yulivee schaute auf Morwenna herab. Es fühlte sich falsch an, die sonst so stolze Fürstin derart geschwächt zu Gesicht zu bekommen. Ihre Locken waren ein wildes Durcheinander über dem Seidenkissen, während ihr Gesicht fahl und ausgemergelt wie das einer Toten wirkte. Die Schatten unter ihren Augen berichteten von den inneren Kämpfen, die Morwenna ausfocht. Dicke Verbände waren um ihre schmalen Hände gelegt, ebenso um ihre Schulter. Die Wundheilung musste auf ganz und gar natürlichem Wege geschehen. Naylin vermochte nur, das Fieber wenigstens auf ein erträgliches Maß zu lindern.

Auch Yulivee erhob sich von der Liegestatt. „Glaubst du, sie könnte bald erwachen?“

„Das ist schwer festzulegen“, entgegnete Naylin, welche dabei war, die sauberen Reste des Wundmulls zusammen zu falten. Der Heiler der Burg hatte ihn mitsamt einiger fieberlindernder Tinkturen gebracht, ehe Naylin ihn zu Bett schickte. Er sollte die Krankenwacht am nächsten Tage übernehmen. „Ich hoffe, dass sie spürt, wieder in Sicherheit zu sein“, führte die junge Heilerin fort und zog dabei eine ratlose Miene. „Möglicherweise würde sie dann aufhören … zu flüchten.“

Yulivee ballte ihre Hände zu Fäusten, wohlwissend, dass die Heilerin einen tiefen Einblick in das Seelenkleid der Verwundeten erhalten hatte: „Sie weiß, was … mit ihr geschehen ist?“

Naylin öffnete den Mund, ohne dass ihr ein Wort von den Lippen weichen wollte. In ihren Augen spiegelte sich Schmerz. Ein Kopfnicken.

Die Magierin spürte einen Klos im Hals, der sie schwer atmen ließ. Unweigerlich musste sie an Jornowell denken. Ihr Herz wog schwer vor Schuldgefühlen. Wenn sie nur nichts überstürzt hätte!

Naylin trat zur Tür: „Ich muss dem Fürsten berichten. Du kannst dich ausruhen, Yulivee.“

Die Elfen verließen das Gemach, beide hielten den Blick gesenkt. Gerne hätte die Erzmagierin erfahren, was genau auf der Lichtung geschehen war. Ganz wagte sie nicht, den Ausführungen von Silvain zu trauen … Doch sie biss sich auf die Zunge, um ihre Wissensgier zu bändigen. Naylin war offenbar nicht nur eine Schülerin von Morwenna gewesen, sondern ein Band der Vertrautheit war zwischen ihnen geknüpft. Es wäre unangebracht, in diesen Stunden nach Feinheiten zu fragen.

Vor der Türe erkannte Yulivee, dass die Nacht zwar längst hereingebrochen war, ein bestimmter Elf allerdings immer noch dort stand, wo sie ihn zurückgelassen hatte. Tiranus Gestalt war von Mondlicht umspielt deutlich gegen die Dunkelheit auf den Gängen auszumachen. Sein Augenmerk ging hinaus aufs Meer, wo sich das Nachtgestirn in den tanzenden Wellen spiegelte.

Die Heilerin schenkte ihr einen letzten dankenden Blick, ehe sie sich zu dem Fürsten gesellte. Yulivee blieb es, unsicher die Arme um sich zu schlingen und ihren stillen Wunsch niederzuringen, sie könnte an Naylins Stelle Tiranu die Worte überbringen. Doch zugleich sträubte sich alles in ihr dagegen, diesen Moment auch nur zu bezeugen.

Naylin deutete eine Verbeugung an: „Mein Fürst. Morwennas Fieber ist gesunken und die Macht des Albensteins schenkte ihr Kraft. Sie ist auf dem besten Weg, wieder zu erwachen. Jedoch … die Wunden an ihren Händen … Selbst mit dem Albenstein war es mir nicht möglich, die abgetrennten Finger wieder in eine Verbindung mit dem lebenden Gewebe zu bringen. Der Zauber war zu stark, zu … es war zu spät.“ Naylins Stimme vibrierte unter den Worten, doch fest und sicher war ihre Sprache. „Der Schnitt in der linken Hand geht so tief, dass ganze Nervenstränge und Muskeln durchtrennt wurden. Ich kann nicht sagen, ob die Verletzungen mit der Zeit kurieren werden, oder …“

„Ist sie stark genug, um die Seepassage zurück in die Hauptstadt antreten zu können?“

„Ich würde diese Entscheidung sogar bekräftigen. In der Hauptstadt weilen die besten Heiler des Reichs … und die ältesten“, entgegnete Naylin.

Tiranu gab ihr mit einem kurzen Nicken zu verstehen, dass er verstand und genug gehört hatte. Sein Gesicht blieb teilnahmslos, auch als sich die Heilerin ein weiteres Mal verbeugte, um sich in die Nacht zu verabschieden.  Kaum war sie aus dem langen Korridor verschwunden, wandte sich Tiranu wieder dem Fenster zu.

Yulivee verharrte lange in der Abgeschiedenheit der Schatten. Zu gern würde sie zu ihm hinüber gehen, um mit ihm zu sprechen. Doch fehlten ihr die Worte. Es gab nichts, was sie hätte sagen können, um den Schmerz der Geschwister zu lindern. Mit aller Macht, die in ihr steckte, würde sich nicht ungeschehen machen lassen, was Morwenna wiederfahren war.

Warum verharrte er nur hier und ging nicht zu seiner Schwester?

Es war – für sie – offensichtlich, wie sehr er litt. Wenn er sich der Situation aber nicht stellte, würde es nur schlimmer für ihn werden. Sie fühlte sich schmerzlich an die Offenbarung erinnert, welche Tiranu mit ihr in den Kavernen der Rosenlabyrinthe geteilt hatte. Sein Schmerz nach Luanas Versterben ließ ihn rasen und sein Zorn gegen Cirinth war völlig außer Kontrolle geraten.

Im krassen Gegensatz dazu wirkte der Fürst nun ruhig und abgeklärt. Yulivee glaubte aber, das gut verborgene Brodeln unter der Oberfläche zu erkennen. So beherrscht er sich auch zeigte, es war nur eine Frage der Zeit, ehe er sich unter seinen eigenen Verkrümmungen selbst zerbrach. Dies war kein Spiel um Macht oder Anerkennung mehr, dies war die reine Selbstzerstörung. Zu welchem Zweck glaubte er nur, war dies notwendig? Wem wollte er damit etwas beweisen?

Er würde nie sein Land zum Wohlstand bringen, wenn er Verrat hinter jeder Ecke witterte. Dachte er wirklich, selbst Naylin würde in solch einer Situation nur darauf warten, dass er so etwas wie Schwäche zeigte?

Die Erzmagierin räusperte sich: „Sie braucht dich an ihrer Seite …“

Geahnt hatte sie, dass er keine Reaktion zeigen würde. Doch der Stich in ihrem Herzen schmerzte dennoch. Betrübt wandte sie sich ab und tat es Naylin gleich. Sie verschwand in den Schatten der Burg. Tiranu schwieg, bis sie um die Ecke bog.

* * *


Wenige Stunden später war die unruhige Elfe noch immer auf den Beinen. Sie hatte nachgedacht und einen Entschluss gefasst.

Der ehemalige Hofmeister des Rosenturms hatte ihr in einem Gespräch am Morgen mitgeteilt, dass sie mit jedem Belang zu ihm kommen könne. Ganz gleich, wie vertraulich dieser Belang sei. Er hatte Anmerkungen fallen lassen, was seine wahre Loyalität anging.  Yulivee war bereits seit Beginn ihrer Reise sicher, dass es Cirinths Informationen gewesen waren, die Emerelle vor wenigen Wochen derart alarmiert hatten. Er war ihr Spitzel … und durch sein Tun war Yulivee überhaupt erst nach Langollion gekommen.

Es war an der Zeit, einigen Wahrheiten auf den Grund zu gehen, beschloss die Elfe.

Nur wenige Korridore von Morwennas Schlafgemach entfernt lagen die Räumlichkeiten des Rechnungsmeisters. Keine Wachen waren dort zum Schutze postiert. Natürlich nicht. Ein Spitzel der Königin hatte in Langollion keine Wärme zu erwarten. Insbesondere dann nicht, wenn er ebenso für denjenigen im Geheimen wirkte, den er in erster Linie überwachen sollte. Cirinth war einzig und allein aus dem Grunde in Vascar, um im Auftrag des Fürsten Meryl bis auf die letzte Münze Gold zu kontrollieren. Und tatsächlich hatte der Rechnungsmeister die Korruption des Adels aufgedeckt.

Yulivee hielt bereits nun nicht viel von dem Elfen und ihr widerstrebte es, mit ihm ein Gespräch zu führen. Doch es musste sein. Sie brauchte die Gewissheit. Nicht nur für die Belange des Verstands und der Vernunft – ein verborgener Teil in ihr drängte regelrecht danach, zu erfahren, was vor so langer Zeit wirklich geschehen war. Hatte Tiranu sie belogen?

Hart pochte sie gegen die Tür, auf dass der Bewohner dieser Gemächer unweigerlich vor Schreck aus dem Bett fallen musste. Zu ihrer Verwunderung wurde die Türe aber beinahe augenblicklich geöffnet. Ein warmes Kerzenlicht empfing sie zusammen mit einem äußerst wachen Cirinth.

„Herrin“, grüßte er sie doch überrascht. „Was führt dich zu dieser Stunde zu mir?“

Yulivee räusperte sich vernehmlich: „Die Belange der Königin.“

Der Elf schritt zur Seite und wagte einen spähenden Blick hinaus, ehe er sie mit ernster Miene anstarrte: „Komm herein.“

Yulivee folgte seiner Aufforderung und fand sich in einer knapp bemessenen Kemenate wieder. Die schweren Vorhänge waren vor die Fenster gezogen worden, doch deutlich waren im Kerzenlicht die Pergamentseiten zu erkennen. Auf einem niedrigen Tisch im Zentrum des Raums lagen sie neben Tintenfass und Feder verstreut – „Der Bericht an die Königin“, erklärte Cirinth, als er die Seiten zusammenfasste und ihr bedeutete, Platz zu nehmen.

„Ich versichere dir ihre ausdrückliche Dankbarkeit“, ließ Yulivee verlauten und drängte die Stimme der Warnung dabei zurück. „Für all deine Dienste … und Notwendigkeiten.“

Cirinth bekam große Augen, ehe er sich ihr gegenüber niederließ. „Ich hielt meine Treue zu ihr stets aufrecht, ganz gleich, wie viel Zeit seit meiner Ausbildung in Elfenlicht verstrichen ist.“

„Davon ist sie mehr als überzeugt“, nickte Yulivee. „Alles, was du in Langollion verrichtet hast, wird eines Tages auf dich zurück kommen. Sei dir dessen versichert.“

Der ehemalige Hofmeister schluckte und faltete die Hände. Natürlich musste er denken, sie als enge Vertraute der Königin spräche wahr und uneigennützig. Dass ihr jedes Wort wie ein Dorn in der Kehle saß, ließ sie sich nicht anmerken. Sie schloss für die Dauer eines Herzschlags die Augen und wagte sich schließlich an dieses Spiel der langollischen Ränkeschmiede: „Ich kann mir nicht vorstellen, wie hart es im Dienst dieser … Ungeheuer sein muss. Erst seit wenigen Wochen bin ich hier und kann es kaum erwarten, den Prozess schnellstmöglich ins Auge zu fassen.“

Cirinth nickte. „Ich bin erleichtert, dass die Königin auf meine Berichte mit so großer Tatkraft reagiert hat. Etwas geht hier nicht mit rechten Dingen zu! Die jüngsten Ereignisse in der langollischen Politik sind geradezu desaströs und wenig zukunftsorientiert. Begonnen hat alles mit der Ernennung von meinem unseligen Nachfolger. Dieser Stümper von Hofmeister … Jornowell! Sohn des Alvias! Pah! Ich war Lehrling des Alvias und versichere dir: Keinerlei Ähnlichkeit besteht zwischen ihnen! Wenn Alvias sehen könnte, wie blindäugig dieser Narr Morwenna ergeben ist … er würde alles für sie tun, solange sie ihn nur in ihr Bett lässt. Auch die Königin verraten, dessen bin ich mir sicher! Wir müssen etwas unternehmen, um diesem Wahnsinn Einhalt zu gebieten. Sonst werden Taten wie in Vascar bald zum Alltag!“

Yulivee krallte ihre Nägel in die Handballen und brachte ein Lächeln zustande, das irgendwie bestätigend wirken sollte. In Wahrheit wollten ihre Zähne nicht mehr auseinander gehen vor Anspannung. Was erdreistete sich dieser … bessere Schoßhund!?

„Wie lauten deine Vorschläge?“

„Ich habe mein Bestes getan, diese unleidliche Liaison zu beenden“, fuhr Cirinth fort. „Ich streute Gerüchte bei Hofe, um Morwenna von Jornowell zu distanzieren. Dass sie sich trotz dieser nicht von ihm zurückzog, beweist doch nur, dass sie sich mit ihrem Körper die Nähe zur Königin erkaufen möchte. Und Jornowell lässt dies zu! Die Ernennung der neuen Würdenträger war vor Jornowells Einzug in den Rosenturm nie ein Thema – und nun gleich so viele! Sie haben mich vom Hof fortgeschickt, damit ich keinen Überblick mehr bekommen konnte. Unauffällige Persönlichkeiten – Emporkömmlinge –, die Tiranu ergeben sind. Er wird planen, die Souveränität der Königin zu untergraben. Ich ahnte bereits zuvor, dass dies geschehen wird. Es ist mehr als offensichtlich, dass hier etwas nicht mit rechten Dingen zugeht.“

Erneut brachte Yulivee ein Rucken ihres Kopfes zustande, das mit viel Milde wie ein Nicken wirken mochte. „Amana, eine Verwandte der Fürsten, wurde auch zu einer Würdenträgerin ernannt. Sie ist fähig, was ihre Berufung angeht. Ich habe sie kennengelernt.“

„Sie ist eine falsche Schlange.“

„Was du nicht sagst“, hauchte Yulivee voll bitterer Erinnerungen und ermahnte sich zeitgleich, dass sie die Kontrolle über dieses Gespräch nicht verlieren durfte. Doch Cirinth schien zu ehrgeizig, seine Gedanken mit der Abgesandten der Königin zu teilen, als dass er nun einfach schweigen könnte.

„Es wundert mich jedenfalls nicht, dass der Adel derart korrupt geworden ist – bei solchen Herrschern!“ Der einstige Hofmeister der Fürstin wirkte in keiner Weise betroffen von ihrem Schicksal, als er fortfuhr. „Was gestern geschehen ist … bei den Alben, es musste irgendwann so weit kommen! Ich habe Emerelle bereits zu Anfang von Tiranus Herrschaft davor gewarnt, ihm länger das Amt zu überlassen.“

„Davon hat Emerelle nichts erwähnt“, antwortete Yulivee tonlos und hoffte, die Spur von Trotz würde nicht bemerkt werden. „Tiranu war noch sehr jung damals. Es muss schwer gewesen sein, ihn zu mäßigen...“

„Das kann man so sagen“, verzog Cirinth seine Mimik. Yulivee war sich sicher, dass der einstige Hofmeister sich in Erinnerungen der damaligen Vorkommnisse wand. „Kaum vorzustellen, dass er die bessere Wahl gewesen sein soll. Auch wenn Emerelle dies immer wieder betonte.“

Die bessere Wahl.

Nach den Schattenkriegen war Morwenna als Mündel der Königin nach Elfenlicht gekommen und Tiranu war zum nächsten Fürsten Langollions ernannt worden – dies obgleich seine ältere Schwester Luana verborgen ihr Dasein im Palast nahe des Labyrinths fristete, bis sie umkam. Eine ganze Riege an Beratern war dem jungen Fürsten während dieser Zeit von der Königin zur Seite gestellt worden. Cirinth war unter ihnen gewesen.

Die Wahrheit schien zum Greifen nahe.

„Spielst du auf Luana an?“, meinte Yulivee  nonchalant. „Diesem Problem wurde sich ja – den Alben sei Dank – rechtzeitig angenommen.“

Ihr Versuch, wissend und eingeweiht zu klingen, schien zu fruchten. Ein beinahe bedauerndes Lächeln flog über die Züge des Rechnungsmeisters. „Die Alben hatten damit recht wenig zu tun.“

Yulivee hielt die Luft an. Sie war sprachlos. Der erste Satzfetzten, der ihren Verstand kreuzte, wurde unbetont von ihr in den Raum geworfen: „Sie war unberechenbar …“

„Das ist es, was die Königin sagte“, entgegnete Cirinth.

Yulivee hatte genug gehört. In ihren Augen sammelten sich Tränen. Sie konnte nicht fassen, dass Tiranu ihr die Wahrheit erzählt hatte. Tatsächlich war Cirinth ein Meister der Gerüchteschmiede und des Lügenwebens. Luanas Selbstmord war keinesfalls ein Zufall oder gar auf eine krankhafte Laune von Marveen zurückzuführen gewesen – er war inszeniert, von langer Hand geplant worden. Man hatte der Aussätzigen – von der Bevölkerung der Albenmark längst totgeglaubt – durch einen scheinbar Vertrauten fälschlicherweise zugetragen, dass ihre jüngeren Geschwister für ihre angeblichen Taten in den Schattenkrieg hingerichtet worden waren. War es die übermächtige Trauer gewesen oder aber die Furcht vor einem ähnlichen Schicksal, die Luana den letzten Schritt in die Selbstaufgabe hatte gehen lassen?

In den Träumen des Rosenlabyrinths war Yulivee Zeuge jener schrecklichen Tat geworden. Bis heute hatte sie gehofft, dieses abgekartete Spiel sei Marveens Werk gewesen, um Luana zu einer Flucht zu überreden. Auch wenn Tiranu ihr das soeben Erfahrene bereits zugetragen hatte, so war sie nicht fähig gewesen, ihm wahrhaft Glauben zu schenken.

Nun aber wusste sie, dass Marveen nur ein Bote gewesen war. Und Cirinth hatte geholfen, seine Lüge zu vertuschen. Alle Briefe, welche Tiranu nach den Schattenkriegen an Luana sendete, waren von ihm abgefangen worden, um die Illusion perfekt zu machen

„Wer weißt, was Emerelle in ihrer Silberschale sah?“, stellte Cirinth in den Raum. „Zu regieren ist nie …“

Was immer Cirinth nun sagte, Yulivee hörte es nicht. Alles was sie vernahm, war ein schmerzhaftes Rauschen in ihren Ohren. So also stand es um die Herrscherin der Albenmark. Die schillernde Heldin der Märchen, denen sie als Kind so gebannt lauschte …

Mehr denn je überkam sie das Gefühl, diese ganze Reise diene allein dem Zweck, ihr eine weitere Lehrstunde zu verpassen. Doch wenn Emerelle glaubte, Yulivee würde sich so an die Krone binden lassen, lag sie falsch. Trotz ihrer Bedenken gegen Tiranu würde sie sich nicht die Finger beschmutzen, um nach Emerelles Willen zu tanzen. Und schon gar nicht würde sie Verständnis zeigen für die Gräueltaten, die Emerelle begangen hatte. Im Namen der Krone.

„…aber wem erzähle ich das“

Yulivee erhob sich unvermittelt: „Es ist spät. Schon morgen brechen wir in die Hauptstadt auf, auf dass ich dieses verfluchte Land endlich verlassen kann. Ich werde Emerelle von deinen Gedanken zu der gegenwärtigen Lage berichten. Sie werden nicht ungehört bleiben.“

Ohne eine Reaktion des Beamten abzuwarten, ging sie herüber zur Tür. Noch einmal wandte sie sich jedoch zu ihm um: „Bestelle der Königin Grüße von mir in diesem Bericht. Schreibe ihr, dass ich mich ihrer Probleme annehmen werde …“

„Jawohl, Herrin!“, lautete die verwunderte Antwort.

Als sie ohne ein weiteres Wort aus den Gemächern trat, fiel eine Last von ihr ab. Und doch fühlte sie sich schwermütig wie selten zuvor. Sie biss die Lippen zusammen und stellte ermattet fest, dass sie sich trotz ihrer Müdigkeit nicht nach Ruhe und Abgeschiedenheit für den Rest der Nacht sehnte.

Sie hob den Blick und ihr Herz setzte für einen Schlag lang aus.

Zwei Schatten schwebten über dem Korridor. Nein, keine Schatten. Es waren Elfen. Yulivee glaubte, den Schnitter zu erkennen, der Morwenna in die Wälder begleitet hatte. Sein finsterer Blick traf sie und beinahe glaubte sie, etwas Vertrautes darin zu finden. An seiner Seite ging eine Elfe mit blondem Haar. Im Licht des Monds waren Schürfwunden in ihrem Gesicht zu erkennen. Ihr Ausdruck war nicht weniger herablassend oder hochmütig als der ihres Begleiters.

Der Schnitter blickte an ihr vorbei – zur Tür, hinter der Cirinth stand, um diese soeben ins Schloss fallen zu lassen. Der Moment war so schnell vorüber gezogen, dass Yulivee glaubte, der Beamte habe die beiden Schnitter auf dem Korridor überhaupt nicht bemerkt.

Doch den Kriegern war nichts entgangen.

Ihr Herr würde erfahren, wo sie gewesen war.
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