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Schattenspiele

von Riniell
Kurzbeschreibung
GeschichteDrama, Fantasy / P16 / Gen
Emerelle OC (Own Character) Tiranu Yulivee
20.12.2015
01.12.2016
50
187.715
3
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Dieses Kapitel
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06.08.2016 3.342
 
Gescheiterte Traumwelten


Riana brachte nicht länger die Kraft auf, Silvain zurückzuhalten. Als das Schwert des Kobolds niederfuhr, riss sich der Krieger aus ihrem Griff und stürmte den Albenkindern auf der großen Lichtung entgegen. Wo eben noch eine große Barrikade aus wallenden Flammenspielen den Weg versperrte, lag der Blick nun frei auf die panische Getriebenheit auf den Hochebenen, in denen zahllose Fackeln leuchteten wie Mahnmale.

Filans Ausruf war laut genug gewesen, um für jeden der Anwesenden klar und deutlich zu verstehen zu sein. Tiranu befand sich auf der Nebelburg. Plötzlich stand nichts mehr still – das heillose Durcheinander brach über der Menge ein, wie eine Sturmflut. Mütter nahmen ihre Kinder auf die Arme, Männer zogen ihre Frauen fort in den Schutz der Hochwälder, Bauern und Hirten suchten das Weite. Sie alle fürchteten, in einen schrecklichen Hinterhalt geraten zu sein und flohen um ihres blanken Lebens Willen.

Riana fühlte sich wie am Boden festgekettet, als ein heller Schrei die unheilsschwere Luft teilte. Morwenna krampfte sich zusammen, wand sich in steifen Bewegungen und fiel zur Seite, während über ihr Maka beinahe entsetzt und offensichtlich völlig außer sich das Schwert in seiner Hand musterte.

Das Blut gefror der Kriegerin in den Adern. Hinter ihr scheuten die Pferde, die Stuten waren zuerst fort, bis der Wallach folgte. Riana verschwendete keinen Gedanken daran, ihnen hinterher zu hasten. Ihre Instinkte trieben sie in eine völlig andere Richtung.

Wie von fremden Fäden gezogen, setzte sich die Offizierin in Bewegung. Ihre Füße flogen über den klammen Waldboden, als Filan sich dem Pulk der fliehenden Menge anschloss, Maka neben ihm das golden stilisierte Schwert fallen ließ und ihr Kommen mit panikweiten Augen zu bemerken schien.

Er rannte fort, war bald an den Hochebenen heran, als Riana Morwenna und Silvain erreichte. Der dunkelhaarige Krieger stützte seine Fürstin. All das Blut zwischen Schlamm, eingeröteten Röcken und Stahl fiel Riana nur im Vorüberhasten in den Blick. Silvain nickte ihr zu, eine Geste knapp und vertraut und hundertfach in der Schlacht vollführt – „Hol sie dir!“

Riana setzte den Anführern der Aufständischen nach. Ihr Blickfeld verengte sich, ihre Lungen waren zum Bersten gespannt. Sie verschloss sich jedem Gedanken, ließ sich von blanken Instinkten leiten. Über die Steigungen der Bergsohle führten Wurzelwerk, Steinbrocken und Erdwälle wie natürliche Treppen immer weiter hinauf. Der Wald fand seinen Weg in die Felsen. Äste peitschten ihr Gesicht wund, Nadeln rissen an ihrer Haut. Doch Riana rannte schneller, gehorchte dem Puls ihres Herzens als Taktschlag ihrer Schritte. Vorbei an weinenden Kindern, schreienden Frauen und flüchtenden Kobolden. Einige von ihnen versuchten, die Elfe aufzuhalten, doch Riana fand in ihrem Rausch keine Zeit, um so etwas wie Schmerz oder Schreck zu empfinden; als ihr ein Beil zu schnell entgegenschlug, wehrte sie es mit der ledergeschützten Schulter ab. Der dumpfe Druck trieb ihr die Tränen in die Augen.

„Bleib stehen, du Schlächterin!“

Sie durfte die schlanke Gestalt des Kobolds nicht aus dem Blickfeld verlieren! Die Jagd wurde unerbittlich. Ein Stein traf ihre Schläfe, Seile und Wurzeln brachten sie beinahe zu Sturz – „Haltet sie auf! Haltet sie auf! Die Schnitterin, die Mörderin!“

Maka fand den Weg zwischen den dicht wachsenden Büschen und Tannen in eine Felsspalte, deren Ausmaß gerade genug Platz gewährte, um den Kobold in sich zu verschlucken. Riana sprang ihm nach. Das Gebirge ragte hoch auf, die rauen Steine boten nur wenig Raum für die Kriegerin und nur wenig Halt für ihre Schritte.

„Bleib stehen, Maka!“, rief sie atemlos in den verdunkelten Abend hinein. „Du kannst mir nicht mehr entkommen!“

Der Kobold war verflucht schnell, doch tatsächlich wähnte sie sich mit jedem Schritt näher an ihm heran. Maka beschleunigte bei ihren Worten noch einmal, seine Bewegungen wurden fahrig, abgehackt – das Geröll in der Felsspalte brachte ihn zum Taumeln.

Der Kobold fing sich und rannte weiter. Er war zäh!

„Ich habe … von dir … gehört, Riana!“, japste Maka in die Nacht und brachte dabei einen rauen Unterton der Härte zu Stande, der die Kriegerin irritierte. „Deine Sippe dient den Fürsten schon … so lange … Was brachte es ihnen …, Langollion zu … dienen? Den Tod … und nur das Verderben! Deine Sippe … ist ausgelöscht, Schnitterin!“

„Halt dein Schandmaul, Kobold!“

Maka lachte in einer bittersüßen Art der Geschlagenheit auf: „Soll mich das nun … beleidigen? “

Kaum noch zwei Körperlängen und Riana wäre an ihm heran!

„So viel Kummer … hat es dir gebracht, Tiranu zu dienen! Und doch bleibst … du ihm treu … ergeben“, stichelte Maka weiter und brachte Riana damit in Rage. Wollte er denn so gerne sterben?! „Hast du nicht … auch sein Bett gewärmt, bis er … dich zurückwies?“

Maka fiel der Länge nach zu Boden und schlug hart mit dem Kopf an einen herausstehenden Stein. Augenblicklich hielt die Kriegerin inne, legte die Rechte an ihr Kurzschwert und sammelte ihre Gedanken. Kein Moment später buckelte sich der Kobold auf, kam auf die Knie und brabbelte ganz benommen: „Dir … geht es wie mir. Du solltest hier an meiner … Seite sein. Aber sehen … willst du das nicht.“

Blut lief dem Kobold von der Schläfe in die Augen, doch Maka senkte den Blick nicht. Das Bild vom Moment, in dem Maka das Schwert gegen Morwenna geführt hatte, kam ihr in den Sinn. Wie Silvain sie in den Armen hielt und stützte, während Riana nicht einmal die Zeit blieb, nach der Elfe zu sehen, die sie schon seit Kindheitsbeinen an begleitete. Wie Morwennas unerklärlicher Mut und ihre unerschütterliche Kühnheit, sich derart ungeschützt in die Mitte der rebellischen Albenkinder zu begeben, sie abgestraft und in die Falle gelockt hatte.

Riana zog blank.

Ein müdes Grinsen, in dem die kalte Bitterlichkeit der Selbstaufgabe lag, zeigte sich schattig auf dem ausgemergelten Gesicht ihres Gegenübers. „Du weißt, was geschah. Es war ein Unfall. Du hast es gesehen … Ich wollte nicht, dass jemand … zu Schaden kommt, nicht ernsthaft. Ich wollte helfen! Wollte meinen Freunden, meiner Familie das geben, was ihnen zusteht. Ich wollte nicht … dass jemand zu Schaden kommt.“ In seinen bleichblauen Augen sammelten sich Tränen des Schreckens. „Tu, was du tun musst. Enttäusche deinen Herrn nicht! Na los!“

Die Kriegerin schloss ihre Finger fester um das Heft.




* * *






Yulivee schritt die Treppe hinauf und kämpfte bei jedem Schritt gegen die träge Müdigkeit an, die sie fest umschlungen hielt. Die Flure und Räume der Nebelburg lagen bereits seit Stunden in absoluter Finsternis. Diese Nacht dauerte bereits viel zu lange an.

Als sie in den Salon unter dem Turmdach trat, war sie nicht überrascht, Tiranu noch immer in versteinerter Haltung an der Balustrade stehen zu sehen. Der Fürst hatte die Arme verschränkt und den Blick in den Wald gerichtet. Schon seit einer gefühlten Unendlichkeit harrte er dort aus und sprach kein Wort mit ihr. Anfangs hatte sie versucht, sich von der angespannten Warterei abzulenken. Auf den gemütlichen Sitzpolstern hatte sie es sich bequem gemacht und mehr oder weniger interessiert durch einige Folianten geblättert. Ihr Augenmerk fiel dabei immer wieder auf Tiranu, welcher schlichtweg zu vergessen haben schien, dass sie überhaupt noch anwesend war. Nach einer Weile hatte sie das Nichtstun nicht mehr ertragen können. Ihr Weg führte auf unruhigen Füßen zu den Küchen der Burg, in denen sie etwas Unterhaltung erwartet hätte. In den Küchen an Adelshöfen gab es immer ein Thema, über das getratscht wurde, einen Spaß, den man sich erlaubte oder Arbeit, die einem die Zeit vertrieb – so dachte Yulivee bisher jedenfalls. Als ihr dann endlich aufging, zu welch ungnädiger Stunde sie in den Räumen aufgeschlagen war, verging ihr auch die Lust an Kurzweil oder Zerstreuung.

Die Erzmagierin fand eine verwaiste Weinflasche auf einem Esstisch im Speiseraum des Gesindes – ein bekannter Roter aus Arkadien. Schnell waren auch zwei Becher gefunden.

Sie würde es auf einen Versuch ankommen lassen.

Nachdem sie erneut die halbe Burg durchquert und das endlos erscheinende Treppenhaus emporgestiegen war, platzierte sie ihre Errungenschaft auf einem Beistelltisch nahe der Rundterrasse. Sie zögerte.

Tiranu gab mit keiner Regung zu erkennen, dass er ihr Kommen bemerkte. Sein Verhalten war bemerkenswert stur und beinahe so pathetisch, dass es mit Stolz verwechselt werden könnte. Was glaubte er, brachte es ihm, dort zu stehen und in den geschwärzten Wald zu sehen? Seit der Adler am Himmel erschienen war, herrschte Ruhe in der Ebene vor. Es gab nichts, das sie tun konnten. Auch Tiranu musste dies einsehen. Selbst wenn die Aufständischen nunmehr über ihre Anwesenheit auf der Nebelburg wussten, so würden sie nie und nimmer wagen, sich an Morwenna zu vergehen, um sich eine Zukunft zu erkämpfen. Denn mit einer Handlung gegen Tiranus Schwester würden sie sich jede nur erdenkliche Zukunft auslöschen. Bisher verriet das Handeln der Aufständischen Bedachtheit, Raffinesse und das Vermögen, ihre Herrscher einzuschätzen – daran würde sich nichts ändern.

Yulivee räusperte sich lauter als notwendig und griff nach dem Wein. Den Korkenzieher hatte sie bereits tief in den Flaschenhals gedreht, als sie kräftig am eisernen Kopfstück zog und – der Korken rührte sich kein Stück vom Fleck. Einige Kraftanstrengung, abgebrochene Korkenstückchen und eine schmerzende Hand später stöhnte sie entnervt auf. Verdammt!

Warum wollte ihr nie etwas gelingen? Die Tage in Langollion waren wie verhext…

Aus dem Nichts stiegen Tränen in ihre Augen. Es war erbärmlich, weitaus erbärmlicher als schweigend am Balkon zu stehen, aber sie konnte nicht verhindern, dass sie anfing zu zittern, als sie halbherzig weiterversuchte, die Flasche zu öffnen. Mittlerweile schnitt ihr der Korkenzieher brennend in die Handfläche, doch das fachte ihren Unmut, ihre Wut und ihre Verbitterung nur weiter an.

Nie hätte sie nach Langollion kommen dürfen! Sie hätte ihrem Bauchgefühl trauen sollen, das sie warnte, Emerelles Ruf zu folgen. Alles hatte sie nur schlimmer gemacht: Sie hatte Jornowell nicht beschützt, sondern verletzt, sie hatte Emerelle mit dem Schwur an Tiranu hintergangen, Vseslin belogen und sich selbst verraten… Niemandem war sie eine Hilfe. Morwenna hätte sich nicht allein den Aufständischen stellen müssen, wenn sie nicht auf eigene Faust in die Labyrinthe gewandert wäre. Und nun … Wenn Jornowell wüsste, dass …

Sie keuchte erschrocken auf, als ihr der Korkenzieher aus der Hand rutschte und dabei eine tiefe Schramme auf ihren inneren Fingergliedern hinterließ. Der Schmerz kam keinen Moment später und trieb ihr weitere Zornestränen in die Augen. Erst als Tiranu unvermittelt neben sie trat, um ihr schweigend die Flasche aus der Hand zu nehmen, überwog die Überraschung ihre düsteren Gedankensprünge.

Mit einem kräftigen Ruck zog der Fürst den Korken aus dem Flaschenhals, nahm einen Becher vom Tisch und ließ die dunkelschimmernde Flüssigkeit hinein gluckern. Wortlos reichte er ihr das Gefäß und hob dabei in fast tadelnder Manier eine Braue. Dies ließ sie nicht nur peinlich berührt den Blick in unbestimmte Richtung führen, sondern auch ein Gefühl in ihr aufwallen, welches verflucht nahe an warme Dankbarkeit reichte.

Das war lächerlich!

Wofür sollte sie dankbar sein? Dass er endlich so etwas wie gute Erziehung bewies und Respekt zeigte, statt sie wie ein lästiges Insekt zu behandeln?

Etwas unschlüssig drehte sie den Becher in der Hand, als ihr Gegenüber die Weinflasche zurück auf den Tisch stellte. Vor den Kopf gestoßen kniff sie die Brauen zusammen: „Es wird Morwenna nicht helfen, wenn du dich in Abstinenz übst …“

„Ich trinke nicht“, entgegnete Tiranu nonchalant. „Niemals.“

„Oh.“ Yulivee legte den Kopf schief und umklammerte verlegen ihren Becher nunmehr mit zwei Händen. „Ich kann dir Wasser holen … ich …“

Etwas ungelenk platzierte sie den Weinpokal neben der Flasche und wandte sich schon zum Gehen, als Tiranu ihr Handgelenk griff und damit eisern zurückhielt. Die plötzliche Berührung sandte einen kalten Schauder ihren Rücken hinunter, der keinesfalls von angenehmer Natur war. Als sie seinem Blick begegnete, lag Argwohn darin: „Du bist noch nicht bei Cirinth gewesen.“

Yulivee zuckte zusammen. Tiranus harsche Worte waren eine Feststellung, keine Frage. Und doch schien der Fürst eine Entgegnung von ihr zu erwarten, was sie völlig unwillkürlich an die zahllosen Prüfungen erinnerte, vor die Emerelle sie während ihrer Ausbildung zur Zauberweberin gestellt hatte. „Nein…dazu gab es keinen Grund.“

„Wenn du Emerelles Befehle befolgen willst, solltest du in Betracht ziehen, ihn über mich auszufragen.“ Er ließ ihren Arm frei. „Du solltest deine Herrin nicht enttäuschen, Erzmagierin.“

Yulivee glaubte ihren Ohren kaum. Die unverhohlene Kränkung in seiner Stimme war wie ein Schlag ins Gesicht. Die Magierin wurde erneut wütend. Doch dieses Mal kroch das drückend heiße Gefühl direkt aus ihrem Bauch und richtete sich nicht auf sie selbst. „Ich danke dir für diesen Ratschlag! Ich sollte ihn beherzigen, denn offenbar wird meine Hilfe hier nicht wertgeschätzt.“

Ein verächtliches Grinsen verzerrte Tiranus scharf geschnittene Züge: „Hilfe?“, vollführte er. „So wie in Larion, als du Jornowell ‚unterstützen‘ wolltest? Welches Spiel spielst du nur? Ich hätte dich aufhalten sollen … Du könntest den Zauber der Rebellen in der Hoffnung, Morwenna und mir Schaden zuzufügen, gebrochen haben. Sollte ich dir so viel Gerissenheit zutrauen oder überschätze ich dein Vermögen? Deine Ehrbarkeit nimmt dir jedenfalls keiner mehr ab, Erzmagierin. Du hast dir deine Hände schmutzig gemacht – das weißt du doch noch?“

Er wollte sie provozieren. Yulivee wusste, wie gefährlich es war, sich auf Tiranus auszehrende Spielchen einzulassen. Sie hatte sich bereits einmal die Finger an ihm verbrannt. Ein zweites Mal würde ihm dies nicht gelingen!

„Du weißt, dass diese Unterstellung nicht stimmt!“ Sie spannte die Hände zu Fäusten und schob das Kinn vor. Wie sie es hasste, zu ihm aufschauen zu müssen! „Findest du es außerdem nicht scheinheilig, dass ausgerechnet du mir so etwas vorhältst?“

„Ich bin mit mir im Reinen“, erwiderte Tiranu leichthin. „Alles, was ich tat, tat ich aus Überzeugung. Doch du – du hast gegen deine Grundsätze, deine Ideale gehandelt. Nun, ich frage dich: Macht dich das schwach, oder hast du deine Prioritäten falsch gesetzt? Du weißt, wem du dienst, Yulivee. Tief in deinem Herzen weißt du es und verachtest sie. Dennoch folgst du ihren Befehlen. Warum?“

Der erste Gedanke galt den vielen Märchen, die sie als Kind in der Bibliothek von Iskendria von der Elfenkönigin Emerelle gelesen hatte. Damals war ihr die Herrscherin der Albenmark noch als strahlende Heldin erschienen. Makellos und unfehlbar. Es hatte Jahrzehnte gedauert, bis sie verstand, dass die Fassade der Herrscherin der Albenmark Furchen besaß, tiefe Sprünge und Abgründe, welche sie nicht zu ergründen vermochte. So oft hatte sie sich gegen ihre Herrin ausgesprochen, bis sie gelernt hatte, dass sie nur ihrem eigenen Weg trauen durfte. Sie hatte die Freien von Valemas gefunden, ein neues Leben aufgebaut, sich von den Ambitionen der Königin, sie als würdige Nachfolgerin auszubilden, distanziert. Und doch stand sie heute hier – in Langollion. Alles hatte mit diesem unsäglichen Befehl begonnen, den Emerelle ihr durch Obilee übermitteln ließ. Schon lange vermutete die Erzmagierin darin eine weitere Prüfung der Königin, eine unlösbare Herausforderung. Dass Tiranu diese Worte laut aussprach, ließ sie den inneren Riss fühlen, der sich in ihr auftat. Emerelles Schatten war länger geworden.

Sie grämte sich, keine passendere Entgegnung zu finden, als: „Wenn ich ihrem Wort folge, um etwas Schlimmeres zu verhindern, so …“

„Tat ich je etwas anderes bei all den Entscheidungen in den Schlachten gegen die Kirche, für welche du und Deinesgleichen mich verachtet?“ Tiranus Ton war streng, aber nicht hart. Fast glaubte sie, er wollte sie von etwas überzeugen, was ihm wahrhaftig etwas zu bedeuten schien. Weshalb scherte er sich so plötzlich um ihre Meinung? „Ein Opfer bringen, um einen schlimmeren Verlust zu verhindern?“

„Es gibt einen Unterschied zwischen dem, was du zu opfern bereit bist, um ein größeres Ziel zu verfolgen und der Grenze, die ich niemals überschreiten würde…“

„Das sind Spitzfindigkeiten.“ Wieder erschien ein durchtriebenes Lächeln auf seinen Lippen, doch diesmal wirkte es weicher. „Ich habe gesehen, wozu du fähig bist. Du könntest endgültig aus Emerelles Schatten treten, wenn du es nur endlich über dich bringen würdest. Ich habe gesehen, was du zu tun bereit warst. Du hast ein Zeichen damit gesetzt, lässt es aber immer mehr verblassen. Du solltest nur bedenken, dass sich so etwas unmöglich rückgängig machen lässt. Ich spreche aus Erfahrung, wie du sicher weißt.“

Yulivee biss die Lippen zusammen und verfluchte seine selbstherrliche Art. Natürlich spielte er auf jenes unselige Ereignis an, das sich vor so vielen Jahren am Bärensee in der Menschenwelt zugetragen hatte. Durch ihre Magie waren so viele Menschen ums Leben gekommen – das alles nur, weil sie ihren Zorn und ihre Trauer nicht zu beherrschen vermochte.

„Ideale zu verraten ist keine Schande – wenn man keine Ideale besitzt, nicht an sie glaubt und so lächerlich viel Wert beimisst, so sind sie doch eher willkürlicher Natur“, trat der Fürst nach und traf Yulivee damit direkt ins Herz. „Du solltest für diese Wahrheit endlich die Augen öffnen. Vielleicht würdest du dann doch eine ganz passable Nachfolgerin für Emerelle abgeben…“

„Du bist bösartig!“, spie sie aus und fühlte die Zornestränen erneut in ihren Augen aufsteigen. „Kalt und ohne Ehre … du …“

„Was hast du erwartet?“ Tiranu hob die Brauen und kam ein Stück näher an sie heran. „Dass ich plötzlich zu einem gütigen Mann werde? Eine reine Seele, die es nur zu erlösen gilt? Einem weiteren Vogel mit gebrochenem Flügel, den du gesund pflegen kannst? Du träumst von Vollkommenheit und selbstlosem Edelmut, doch diese Dinge haben keinen Platz in der verbleibenden Welt, Yulivee. Wenn du dies nicht sehen kannst – wenn du zu schwach bist, dies sehen zu wollen – dann solltest du wahrlich zurückkehren in die Traumideale deiner Bücher und Märchen. Denn du scheinst nichts zu wissen über die Abgründe der Seelen von Albenkindern und Menschen – weder von Schmerz, noch von Verlust. Diese Dinge formen dich, formen jeden. Diese Dinge sind es, die unsere Prioritäten neu bestimmen. Niemand ist darüber erhaben. Nicht einmal du, auch wenn du es so erfolglos abstreitest. “ Jedes seiner Worte war wie dunkler Paukenschlag in ihren Ohren. Je näher er kam, desto weiter rückte Yulivee in die Reserve, weiter zurück. „Hat es wirklich so lange gebraucht, bis dir jemand die Wahrheit eröffnet, hohe Magierin und Schützling von Emerelle? Am Ende bist du doch nur ein verwöhntes Kind!“

Yulivee holte zur Ohrfeige aus. Tiranu fing ihre Hand mit Leichtigkeit ab, so als hätte er ihre Reaktion längst erahnt. „Das hatten wir doch schon einmal …“

In diesem Moment erklangen hastige Schritte im Treppenhaus. Ein blonder Elf erschien im Portal zum Salon. Unumwunden richtete er das Wort an Tiranu: „Mein Fürst, deine Schwester …“

Im Bruchteil der Zeit von einem der viel zu raschen Herzschläge in Yulivees Brust, kam unbändiges Leben in Tiranu. Er entließ ihre Hand und eilte in die Gänge der Burg. Der Elf folgte ihm augenblicklich und der Magierin blieb nur, sprachlos den beiden Gestalten hinterher zu blicken.  

Das Gesagte hatte eine weitaus tiefere Furche in ihr gezogen, als jene auf ihrer Handfläche. Es umfing sie, hielt sie eisern und leerte ihren Kopf. Sie zitterte. Und obgleich sie wütend hätte sein sollen, erfüllten sie Tiranus Worte vielmehr mit einer plötzlichen, ruhigen Nachdenklichkeit. Wenn bisher noch nie jemand gewagt hatte, derartig mit ihr zu sprechen, so erkannte sie doch die kalte Wahrheit in jeder einzelnen Silbe. Böswillige Provokation hin oder her – Tiranu hatte einmal mehr ihre Selbstbeherrschung in Trümmer gelegt und sie noch unwissender als je zuvor zurückgelassen. Sie war von ihrer eigenen Erschütterlichkeit überrascht und zeitgleich beeindruckt vom Vermögen des Fürsten, sie so treffsicher erfassen zu können.

Unschlüssig warf Yulivee einen Blick in die Wälder, als erhoffte sie dort ein Omen für den Erfolg der Verhandlungen zu finden. Die Sonne sandte die ersten Strahlen über die Welt. Ein neuer Tag brach an.

Die Elfe hastete ohne einen weiteren Gedanken dem Fürsten hinterher, überwand das enge Treppenhaus, die langen Flure, bis sie die Arkaden erreichte, die direkt in den Hof mit den Wasserspielen führten.

Tiranu stand bereits auf dem Platz, doch Yulivee verharrte erstarrt im Schutz des Säulengangs. Ihr Augenmerk fiel auf zwei Elfen, die durch das große Tor auf das Gelände der Burg traten. Eine rothaarige Elfe zeigte ein verhärmtes Gesicht und wagte nur ein einziges Mal, den Blick zu heben, ehe sie beinahe erschrocken den Kopf senkte. In ihren Händen trug die Fremde ein altertümliches Schwert, auf dem feingeschliffene Rubine funkelten. So fest krallten sich ihre Finger um das Heft, dass die Knöchel weiß hervor traten. Neben ihr ging ein Elf, dessen Haar wie Rabengefieder in der Morgensonne glänzte. Sein Gang war schwerfällig. Die Last in seinen Armen zehrte ganz offensichtlich an der Kraft des Mannes.

Yulivee erkannte sie an ihren dunklen Locken. Die Haut noch blasser als gewöhnlich, die Gestalt leblos, die Arme verschränkt in ihrer Körpermitte. Ein seidengrünes Kleid war gesprenkelt von tiefroten Flecken.
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