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Schattenspiele

von Riniell
Kurzbeschreibung
GeschichteDrama, Fantasy / P16 / Gen
Emerelle OC (Own Character) Tiranu Yulivee
20.12.2015
01.12.2016
50
187.715
3
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21.07.2016 3.555
 




Feuerlicht im Blick


Yulivee fühlte sich degradiert. Wie eine Bittstellerin wartete sie nun schon seit einer gefühlten Ewigkeit in irgendeinem Salon der Nebelburg darauf, dass die Baronin erschien. Sie stand an einem der großen Buntglasfenster und schaute teilnahmslos hinaus in die neblige Bucht, während ihre Finger einen nervösen Takt auf ihre verschränkten Arme trommelten.

Das ausgedehnte Mahl hatte sie ausgeschlagen. Stattdessen standen nun lauwarme Erfrischungen für sie auf einem silberstilisierten Beistelltisch bereit. Auch das Bad hatte sie abgelehnt, mit der Versicherung, es liebend gerne am Abend nachzuholen. Die Diener ließen sich nur schwer davon überzeugen, von der genauen Ausführung der Befehle des Barons abzuweichen. Doch letztlich hatten sie Yulivee ihren Frieden gelassen und versprochen, die Baronin würde bald bei ihr erscheinen.

Yulivee vermutete, dass Meryls Gattin wohl eher als ihre Aufpasserin fungieren sollte, statt eine passable Gesellschafterin für den unerwarteten Gast abzugeben. Einmal mehr verfluchte sie den arroganten Fürsten Langollions für seine unverschämte Untergrabung. Was glaubte er, wer sie war!? Eine verzärtelte Hofdame, die man von früh bis spät umsorgen musste, damit sie nicht aus Versehen entzwei brach? Verdammter Idiot!

Sie mahnte sich zur Räson. Schließlich war sie Tiranus Willem nur aus einem einzigen Grund nachgekommen. Sie erhoffte sich, den gestrengen Baron zu umgehen und durch seine Gattin an wertvolle Informationen zu gelangen. Denn noch befürchtete sie, dass Tiranu sie ausspielte, um diesen Aufstand auf seine Weise zum Ende zu führen. Und Yulivee war mit Tiranus Weise allzu vertraut. Sie durfte ihm nicht in die Karten spielen und ahnte, dass sie auf der Hut sein musste. Es konnte nicht falsch sein, ihn wenigstens etwas in Sicherheit zu wägen.

Ein Klopfen an der Tür riss Yulivee aus ihren Gedanken. Ehe die Magierin reagieren konnte, schwang das Portal zum Innern auf. So kraftvoll die Geste zu sein schien, so zierlich war die Elfe, die in den weißgetünchten Salon trat. Kurzes schwarzes Haar umspielte in sanften Wellen ein schmales, kantiges Gesicht. Der strenge Zug um ihre Lippen löste sich ein wenig, als sie den Raum betrat. Ein purpurnes Band um die Schläfen der Elfe wirkte erst wie ein verrutschter Haarschmuck, doch Yulivee erinnerte sich an die Worte des Barons: Seine Gattin war blind und der Stoff verbarg ihr Gebrechen.

Yulivee schluckte die Worte hinunter, die in ihrer Kehle darauf brannten, gesagt zu werden. Ihr Ärger war verraucht. Stattdessen beobachtete sie schweigend, wie sich die Baronin sich vor ihr verneigte: „Meine Herrin Yulivee. Es ist mir eine Ehre, dich in meinen Hallen willkommen zu heißen. Mein Name ist Leandra.“

„Danke…“, murmelte Yulivee und war sich darüber bewusst, dass sie ihr Gegenüber regelrecht anstarrte. Was sie erst für ein reines Ammenmärchen des Barons gehalten hatte, bewahrheitete sich nun. Wie hatte sie nur glauben können, Meryl würde seine eigene Gattin verunglimpfen, um ihr eine unterschwellige Warnung zu unterbreiten?! Yulivee räusperte sich. „…für die warme Gastfreundschaft in dieser schweren Zeit. Ich hoffe, keine Umstände für dich zu bereiten.“

„Keinesfalls, Erzmagierin.“ Ein Lächeln schlich sich auf die Züge von Leandra. „Im Gegenteil erfüllt es mein Herz mit Hoffnung, dich hier zu wissen. Zu lange dauern diese Aufstände schon an, zu lange sind wir in dieser Burg eingepfercht, ohne etwas an der Situation ändern zu können.“

Yulivee seufzte innerlich. Wie sollte sie die Situation nur wirklich ändern können, wenn Tiranu ihr die Hände band? Politisches Feingefühl hin oder her: Dieser Elf würde etwas zu hören bekommen!

„Ich werde tun, was ich kann“, versicherte die Magierin. „Was könnt ihr mir von den jüngsten Ereignissen berichten? Gibt es Forderungen? Weiß man, wer die Anführer sind? Wer ist der Magier?“

Leandra zögerte lange. Offenbar war sie ermahnt worden, keine prekären Informationen weiterzugeben. Doch dafür blieb keine Zeit!

„Ich bitte dich! Rede mit mir.“ Die Magierin hob beschwörend die Hände, eine Geste freilich, die Leandra nicht sehen konnte. „Willst du weiterhin nur auf deine Fürsten zählen? Bisher haben sie nichts erreicht, oder doch?“ Es fühlte sich mit einem Male beinahe falsch an, Tiranu so in den Rücken zu fallen. Doch wenn sie etwas erreichen wollte – und damit Tiranu vor einem möglichen Fehler bewahren – musste sie überzeugend wirken.

„Ich habe viel von dir gehört, Yulivee“, sagte die Baronin in einem einnehmenden Ton, der nicht einer gewissen Note der Skepsis entbehrte. Wohl waren die zuvor gefallenen Worte der Bewunderung reine Höflichkeit gewesen. Yulivee sollte vorsichtig sein, hier nicht in eine wohlplatzierte Falle zu tappen. „Du hast mit jeder deiner Bürden im Leben an Stärke gewonnen. Mir war dieses Glück nicht vergönnt. Ich bin keine Heldin und keine mächtige Magierin. Ich bin eine Baronin Langollions und meinen Herren treu ergeben. Denn sie ließen mich bisher nie im Stich – auch nicht während dieser langen Krise, in der die Herrschaft meines Gatten lange und oft angezweifelt wurde. Wir haben den Fürsten viel zu verdanken.“

Yulivee presste die Lippen aufeinander. Sie ahnte, dass sie sich an dieser Elfe die Zähne ausbeißen würde. Amanas blasses Abbild streifte ihre Gedanken. Vor nicht allzu langer Zeit hatte die Handelsleiterin aus Larion ihr ganz ähnliche Worte gesagt. Seither war so viel geschehen – und eigentlich hatte sich auch ihre Meinung zu Tiranu und Morwenna geändert. Weshalb fiel es ihr dennoch schwer, Langollions Fürsten in dieser heiklen Lage zu trauen?

„Ich möchte helfen, Leandra.“

„Und dies könntest du, so viel ist mir durchaus bewusst.“ Die Baronin verschränkte die Hände vor der Hüfte. „Wenn Tiranu einen Fehler begeht, wird ihn das vermutlich die Krone kosten. Ich glaube zu wissen, dass Emerelle nicht viel von ihm hält.“

Ein Hadern ergriff Yulivee. So hatte sie sich das Gespräch nicht vorgestellt. Sie schloss die Augen und seufzte: „Das kann durchaus passieren.“

Erneut ließ die Baronin sich Zeit zu antworten. „Was verbindet dich mit ihm?“

Yulivee fühlte, wie ihr warm wurde. Was wusste Leandra!? „Ich … nun …“

Lächelnd bog ihr Gegenüber den Kopf zur Seite. Das Lächeln war nicht warm oder fühlend, sondern distanziert, ja beinahe hochmütig, „Siehst du dich im Stande, Tiranu vor einem Fehler zu bewahren?“

„Ja!“, kam es ohne ein Zögern. Wenn es wirklich soweit kam und Tiranu die Aufständischen mit Gewalt aufhalten wollte, dann musste es ihr gelingen, ihn zur Vernunft zu bringen! Nicht nur, um die sinnlose Verletzung zahlreicher Albenkinder zu verhindern, sondern dieses eine bestimmte Albenkind vor dem eigenen Temperament zu schützen. Denn sie wusste: Wenn Tiranu sein Fürstentum verlor, würde ihn das alles kosten – womöglich auch seinen Lebensmut. Bei allem Groll, der momentan in ihr für ihn brodelte, bei allen Vergehen, die er begangen hatte, dies konnte sie nicht zulassen. Nicht länger. Nicht, wenn es hieran hing und sie vermochte, es zu verhindern.

„So will ich dir helfen, ihm zu helfen“, erwiderte Leandra. „Auch wenn mein Gatte dies für keine gute Idee hält. Er traut dir nicht. Doch ich glaube, dein wahres Gesicht hinter der Maske der Leichtigkeit entdeckt zu haben.“ Tatsächlich glaubte Yulivee für einen Moment, ihr blindes Gegenüber vermochte ihr Innerstes ergründen, ohne dabei jedwede magische Kunst beschwören zu müssen.

Die Baronin straffte ihre Gestalt und hob den Kopf. „Die Rebellen wollen nicht mit uns verhandeln, so sehr wir auch den Kontakt zu ihnen suchen. Seit Cirinth auf der Burg weilt, ist es sogar schlimmer. Sie fühlen sich verpönt und nicht ernst genommen. Es hat die Bauern und Viehzüchter schwer getroffen, das stimmt. Doch helfen konnten wir ihnen nicht. Seit Monaten fehlt uns das Gold, um Handel zu treiben und die Beamten, um es mit dem vollen Ausmaß der Hungerkatastrophe aufnehmen zu können. Auch mit der Hilfe von Naylin – eine Vertraute der Fürstin – konnten wir nichts tun, um den Frühlingsstürmen entgegen zu wirken. Maka, ein gebeutelter Großbauer, und Filan, ein Faun und begabter Feuermagier, haben zum Aufstand gegen uns gerufen. Verzweiflung trieb die anderen Bauern, sich ihnen anzuschließen. Ich kann es ihnen nicht verübeln. Ich hoffe nur, es wird sich nicht ausweiten auf die anderen Baronien und Grafschaften. Meine Tochter Larielle ist erst seit kurzem selbst eine Würdenträgerin Langollions. Sie würde in ihrer jungen Regenschaft noch nicht mit solch einer Bürde zurechtkommen.“

Yulivee ließ das Gesagte auf sich wirken. Ein Faun … Diese Rasse von Albenkindern war launisch und damit unberechenbar. Ihre Verbundenheit mit der Natur wurde in diesem Fall zur Waffe. Was mochte diesen Filan dazu verleiten, sich in solch aufrührerische Belange einzumischen?

Die Sorge der Baronin um ihre Tochter erinnerte Yulivee an das Opfer, das sie gebracht hatte, um Larielle zu retten. Ihre Fürsorge war echt, das war unbestreitbar.

„Hat Morwenna schon einen Plan gefasst, um die Aufständischen zu erreichen?“

Leandra nickte: „Naylin glaubte, durch ihre gewonnene Nähe zu der Bauernschaft, ein klärendes Gespräch mit Maka und Filan führen zu können. Noch vor dem heutigen Sonnenaufgang kam ein Bote der Rebellen, der von ihrem Erfolg berichtete. Die Anführer wollten sich mit der Fürstin treffen, im Hinterland, jenseits der Feuerwälle. Nur mit ihr wollten sie sprechen, keine weiteren Begleiter.“

Ein ungutes Gefühl kam über Yulivee wie die Welle des kalten Nordmeers.  „Sie ist gegangen, habe ich Recht?“

Ein Nicken.

„Ganz alleine?“

Die Baronin zog die Stirn kraus. „Nein, ihre beiden Begleiter ließen sich nicht davon abbringen, sie zu eskortieren. Ich kann deine Bedenken verstehen. Doch ich glaube nicht, dass Maka oder Filan soweit gehen würden, ihrer Fürstin etwas anzutun. Ich kenne die beiden, wenn auch nicht besonders gut.“

Yulivee ahnte, dass diese Neuigkeit Tiranu ganz und gar nicht gefallen würde. Selbst die beiden Schnitter brachten Morwenna noch lange nicht in eine Lage der Sicherheit. „Angst kann vieles auslösen. Auch in den aufrichtigsten Herzen. Entschuldige mich, Baronin. Ich fürchte, mein Dienst beginnt bereits in diesem Moment.“


* * *


Eine lange Arkade führte aus dem Gemäuer in die kalte Welt des Nordens. Der Bogengang offenbarte den Blick auf den Hof der Nebelburg, wo sich verzauberte Eisskulpturen und sprudelnde Wasserspiele über gesprenkelte Marmorplatten erhoben. Diese Welt mochte friedlich wirken, doch der blasse rötliche Schein über der Szenerie wirkte so bedrohlich, dass Yulivee für einen Herzschlag innehielt.

Ihr Blick fiel auf den Baron von Vascar und seinen blonden Begleiter, welche am Durchgang der Arkade standen und in den Hof schauten. Wo war Tiranu?!

Die Magierin schritt an den Elfen vorbei in den Hof und war wenig überrascht: Unweit des großen Portals schritt eine hochgewachsene Gestalt gerade und erhobenen Hauptes den angrenzenden Tannwäldern entgegen ... Noch hatte sie den Hof nicht verlassen. Yulivee war fest entschlossen, dies unter allen Umständen zu verhindern.

„Tiranu!“ Ihre Stimme hallte durch den Hof. „Warte!“

Natürlich hielt er weder inne, noch ließ er sich sonst etwas anmerken. Erst als Yulivee zu dem Elf aufholte und sich vor ihm aufbaute, hielt er in seinen Bewegungen inne. Vorerst zumindest…

Wortlos wandte er sich von ihr ab und schritt entschlossen weiter voran. Yulivee keuchte nicht nur von ihrer Anstrengung, so schnell wie möglich zu ihm zu finden, sondern auch vor Fassungslosigkeit. Was dachte er sich nur!?

Erneut kämpfte sie sich vor ihn und dieses Mal hielt sie ihn mit ausgestreckter Hand vor seinem Vorhaben ab: „Hast du den Verstand verloren?!“

Tiranu blickte auf sie herab, seine Augen waren finstere Abgründe. Die distanzierte Gelassenheit auf seinem Gesicht war verschwunden, doch wenigstens hatte sie nun seine Aufmerksamkeit. „Was willst du?“

„Dich vor dem Fehler deines Lebens bewahren!“

„Solltest du nicht dem Klatsch der Baronin lauschen oder ein Bad nehmen?!“

Yulivee fuhr auf: „Wie kannst du es wagen, so mit mir zu sprechen? Ich bin die …“

„Wie kannst du es wagen, mich aufzuhalten?“ Tiranu kam einen Schritt näher und Yulivee hatte ihre liebe Mühe damit, die Hand an seiner gestählten Brust trotz des Schmerzes der plötzlichen Belastung dort zu belassen. „Tritt zur Seite oder …“

„Oder was? Willst du dein Todesurteil gleich selbst aufsetzen?“, spie sie ihm ins Gesicht und baute sich weiter auf, um endlich auf Augenhöhe mit ihm zu sein. „Was erhoffst du dir von dieser blindäugigen Handlung? Was glaubst du wird geschehen, wenn du bewaffnet diesen Bauern entgegen schreitest? Du, der verrufene schwarze Schwermeister der Albenmark, der Schlächterherr der berüchtigten Schnitter …“

Tiranus Augen flammten auf: „Endlich spielen wir mit offenen Karten, Erzmagierin! Ich hatte schon geglaubt, dein Schneid sei verraucht! Wenn du wirklich glaubst, ich würde hier bleiben und die Hände in den Schoß legen, während da draußen …“

„Sie sind verzweifelt …“, rief Yulivee.

„…der Aufstand geübt wird und meine Schwester sich dem alleine stellt …“

Erneut fuhr ihm die Magierin dazwischen: „Sie ist vernünftig genug, um zu wissen …“

„…dann bist du noch dämlicher, als ich bisher angenommen habe!“

Yulivee hob die Hand, um ihren Gegenüber eine schallende Ohrfeige zu verpassen. Doch mitten in der Bewegung packte Tiranu ihr Handgelenk in einem gnadenlosen Klammergriff. Schockiert starrte sie dem Fürsten ins wutverzerrte Gesicht. Was war nur in sie gefahren? Gewalt war nie ihre Art gewesen und dass gerade Tiranu ihr diese Reaktion entlockte – wo sie doch gerade seine grausame Ader verachtete – ließ sie sprachlos zurück. Seine Worte waren längst vergessen, was sie nun vielmehr in eine Starre versetzte, war seine verheerende Wirkung auf sie. Warum nur erlaubte sie ihm das?

Tiranu drängte ihre Hand von sich und stieß sie damit ein Stück des klammen Wegs zurück. „Hältst du es wirklich für klug, mich anzugreifen?“

Yulivee schluckte eine passende Antwort herunter und musste machtlos mit ansehen, wie Tiranu erneut den Weg an ihr vorbei suchte. Mit dem letzten Mut der Verzweiflung formten ihre Gedanken einen erneuten Versuch, den Fürsten vor seinem eigenen Stolz zu bewahren. „Was glaubst du, werden sie mit deiner Schwester anstellen, wenn sie dich kommen sehen?“, hauchte sie zischend in eine unbestimmte Richtung. „Sie befindet sich in der Gewalt des guten Willens dieser Bauern … Wenn sie in Panik geraten, einen Hinterhalt befürchten oder …“

Yulivee wandte sich zu Tiranu und stellte erstaunt fest, dass der Schnitterfürst regungslos im Portal des Hofs stand. Sein Blick ging in die Ferne, wo die Feuerwand rötlich strahlend über die spitzen Baumkronen der Tannen flackerte.

Die Erzmagierin fühlte eine gewaltige Last von sich abfallen. Endlich drangen ihre Worte zu ihm durch! „Es ist zu spät! Morwenna wird die Aufständischen längst erreicht haben … du musst ihr vertrauen! Ihr und deinem Volk.“


* * *


Unter den großen Kupferkuppeln der Nebelburg lagen geräumige Studierzimmer, Salons und üppig ausgestattete Gastgemächer. Seidenbespannte, mit Perlmutt verzierte Kissen auf gepolsterten Divanen, wohlsortierte Büchersammlungen, aufwendig gewebte Teppiche, Möbel aus dunkel gemasertem Elsbeerenholz, sündhaft teure Marmorbüsten und fein arrangiertes Porzellan vermittelten den Eindruck, sich in einem unvorstellbar wohlhabenden Haushalt zu befinden. Doch der Schein trog: So waren die Seidenkissen abgegriffen, die Möbel wiesen teils tiefe Macken auf, während auf den Teppichen die Laufspuren klar zu erkennen waren und die Goldverzierungen auf dem Porzellan absprangen.

Tiranu hatte keinen Blick für die abgelebten Erbstücke der Barone. Seine Schritte führten ihn auf die kreisrunde Plattform, die sich um die Außenfassade des Westturms schlang. Der steinerne Steg war umschlossen von einer hochaufragenden Balustrade, die sich in stilisierten Pilastern bis unter den Dachvorsprung wand. Sein Blick ging auf die dämmerfarbenen Wälder des Hinterlands, die sich langsam in eine Gebirgsformation erhoben. Das Nordhaupt war der höchste Punkt der kleinen Insel; während der Schneeschmelze verwandelten sich die Flüsse und Bäche des Lands zu seinem Fuß zu reißenden Strömen und die Erdrutsche auf seinen Hängen begruben ganze Landstriche unter sich. So tückisch das Gebirge war, so unhaltbar waren die Stürme in den Frühlingsmonaten.

Er fühlte sich ohnmächtig. Es gab nichts, was er tun konnte. Er erinnerte sich an die Zeit, in der er unter Cirinths Fittichen die Fürstenkrone nach dem Tod seiner Mutter erhalten hatte. Morwenna war in die Obhut der Fürsten gebracht worden, ohne die Erlaubnis, ihm zu schreiben oder ihn zu treffen. Damals war er völlig auf sich allein gestellt und zeitgleich in allem abhängig vom Verfügen und der Willkür anderer. Er hatte sich geschworen, es nie wieder so weit kommen zu lassen. Das Schwert hatte er ergriffen und sein Herz verschlossen.

Jemand trat hinter ihm auf die Plattform. Der Fürst brauchte sich nicht umzuwenden, um zu wissen, wer es war. Yulivee umgriff neben ihm die eiserne Balustrade mit beiden Händen und ließ ihren Blick über die Landschaft schweifen. Es war ein überraschend  milder Abend. Der Mond stand bereits über den Gipfeln des ausschweifenden Gebirgsstrichs. In der Ferne leuchtete das gleißende Feuerspektakel, das sich gleich einer hochaufragenden Mauer durch die gesamte Waldebene zog.

„Es scheint beeindruckend“, murmelte Yulivee neben ihm. „Aber etwas stimmt nicht. Der Schein der Flammen … er ist an manchen Stellen kaum vorhanden und wirft keine Schatten. Die Baronin erzählte mir, dass die Aufständischen die Wege zur Burg mit diesem Zauber belagern, um die eintreffenden Waren abzugreifen – Lebensmittel, Stoffe, Werkzeuge, ganz egal was, sie nehmen es an sich. Mittlerweile suchen keine Händler mehr Vascar auf, doch der Zauber besteht weiter. Ich kenne allerdings keinen Faun, der mächtig genug wäre, solch einen Zauber über Tage hinweg aufrecht zu erhalten. Es ist ein Trick, eine Täuschung.“

Tiranu stutzte. Ein Feuer mit Magie zu entfachen, war wahrlich nicht allein Meistern vorbehalten. Gerade Faune gingen eine enge Verbundenheit mit der Natur ein, wenn sie ihre Magie wirken ließen. Der wahre Zwist, der ihnen Schwierigkeiten bereitete, war die schwer zu bewältigende Kontrolle über einen solchen Zauber. Ihn zu bekämpfen, war beinahe so schwer, wie einen wahrhaftigen Waldbrand mit bloßen Händen zu bezwingen. Man fand keinen Anfang und kein Ende in diesem veränderten Netz der Magie.

Dennoch wagte Tiranu einen halbherzigen Versuch, sein Verborgenes Auge zu öffnen, um die Umgebung auf der magischen Ebene zu betrachten. Die Veränderungen im Netz waren auf eine ihm fremde Art vollzogen worden, schwingende Impulse breiteten sich wie bewegte Seidentücher über den Wäldern aus. Doch wirkte der Zauber nicht annähernd so komplex, wie er zuerst anmutete.

Yulivee deutete in die Weite: „Siehst du die lodernde Stelle östlich? Dort in der Nähe muss ein Handelspfad verlaufen …“

Der Fürst nickte. Tatsächlich war dort das Maschennetz der Magie enger gezogen und offenbarte die Gefahr des Feuers. Es war simpel arrangiert, doch wirkungsvoll. Der Faun verstand sein Werk und Tiranu durchschaute seinen Trick.

„Das wirkliche Feuer lodert an dieser Stelle, setzt sich aber erst weiter nördlich wieder fort“, erklärte Yulivee. „Dazwischen allerdings … Die restliche Feuerwand besteht lediglich aus dem Licht, welches das Feuer wirft. Als hätte der Magier den Flammen ihren Schein und ihr Erscheinungsbild geraubt und ihn an anderer Stelle platziert. Wie eine perfekte Fälschung, die dem Original in nur wenigen Punkten hinterherhinkt …“

„Ein Blendzauber“, grollte Tiranu. Gerissen … Dieser Streich hatte selbst seine Sinne beirrt und die gesamte Baronie in Atem gehalten. Nicht einmal der Graf war in seiner nächsthöheren Instanz in Vascar erschienen, um seinem untergebenen Adel beizustehen. Zu sehr fürchtete er die Macht des Fauns. Ein Taschenspielertrick und Langollions Herren zitterten…

Tiranu kniff die Lippen zusammen. Wie hatte es nur soweit kommen können!

Neben ihm griff Yulivee nach einem Gegenstand unter ihrem Gewand. Die Flöte aus poliertem Kirschholz erschien in ihrer Hand: „Vielleicht kann ich deiner Schwester beistehen und ihr etwas Spielraum verschaffen.“

Tiranu wusste nicht, was er sagen wollte. Bisher hatte er nicht geglaubt, dass Yulivee aus einem anderen Grund mit ihm gekommen war, als seine Bewacherin zu spielen. Dass sie sich wahrhaftig für sein Land einsetzte – und sich dabei tatsächlich auf seine Seite schlug – raubte ihm für einen Moment die Fassung.

Ihr Gesicht wirkte streng und erhaben, als sie das Mundstück anlegte. Noch einmal atmete sie tief ein und aus, ehe sie den ersten Ton spielte. Eine sanfte Melodie, getragen vom Nachtwind, entfaltete sich und Tiranu fühlte, welche Macht den Tönen innewohnte. Wie gebannt prägte sich der Fürst jedes Minenspiel und jede Fingerkrümmung der Magierin ein, bis die nächtlichen Geräusche des Waldes verschwanden, die Töne nur noch blass in seinen Ohren wiederklangen und nur noch eine stumme Bewunderung für die Macht Yulivees blieb.

Oft hatte er sie um ihre Gabe beneidet. Ihr Ruhm war nur ihrem geschenkten Talent zu verdanken, so hatte er geglaubt. Er war davon überzeugt gewesen, besäße er ihre Macht, würde das Volk sich ihm zuwenden. Die reine Willkür …

Doch nun wurde er eines Besseren belehrt. Wie viele Tage, Wochen und Monate musste die Elfe für diese Fähigkeiten gelernt und geübt haben? Wie viele Stunden der Einsamkeit musste sie gefristet haben, gepackt von Ehrgeiz, zerrüttet von Unsicherheit und den wiederklingenden Stimmen der Neider? Er kannte dieses Gefühl. Nur zu gut.

Tiranu zwang sich, den Blick in die Wälder hinaus zu lenken. Der Feuerschein sickerte in sich zusammen, wurde matt und blass, bis das Licht ganz versiegte und die Dunkelheit langsam wieder die alleinige Herrin der Nacht wurde.

Triumphierend ließ Tiranu die kalte Luft in seine Lungen strömen, als der letzte Flötenklang vertönte. Die Feuerwälle waren verschwunden! Selbst über dem östlichen Handelspass waren keine Flammen mehr zu sehen. Als hätte der Zauber nie existiert. Als hätte man das Feuer mit einer schwarzen Decke gelöscht.

Damit würde Morwennas Vorhaben sicherlich gestärkt werden. Sie würde es schaffen. Seine Schwester würde die Aufstände schlichten können!

Ein heiserer Schrei gellte in der Nacht.

Tiranu schrak aus seinen Gedanken und versuchte, das schrille Geräusch zu lokalisieren. Lang und warnend hatte es geklungen – und animalisch. Ein Adler?

„Über uns!“, rief Yulivee. In ihrer Stimme schwang Entsetzen und Fassungslosigkeit. Tiranu bemerkte, wie ihre Finger sich so fest um die Flöte schlossen, dass die Knöchel weiß hervortraten. Als er den Blick hob, sah er die gespenstische Gestalt am Himmel kreisen. Der Vogel war riesig! Und so nahe …

Die Erzmagierin sprach das aus, was in diesem Moment seine Gedanken streifte: „Ein Windsänger! Sie haben uns gesehen …!“

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Danke fürs Lesen, ihr Lieben! Ich weiß, ich bin wieder früh dran, aber dieses Mal liegt es alleine daran, dass ich am Wochenende nicht da bin. Ihr beschwert euch nicht, oder ;)

Ich freue mich, eure Meinung zu hören! Seid ihr gespannt auf das nächste Kapitel?

Euch allen ein möglichst nahes, schönes Wochenende!Liebe Grüße

Riniell
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