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Schattenspiele

von Riniell
Kurzbeschreibung
GeschichteDrama, Fantasy / P16 / Gen
Emerelle OC (Own Character) Tiranu Yulivee
20.12.2015
01.12.2016
50
187.715
3
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16.07.2016 4.183
 




Die Nebelburg




Je näher sie ihrem Ziel kamen, desto kälter wurde der Wind. Bald trieben vereinzelte Schneeflocken darin, die Yulivee im Gesicht kitzelten, wann immer sie an der Reling stand, um über das Meer zu blicken.

Der Norden Langollions – dem Namen nach eine eigene Grafschaft, in der Vascar lag – war so rau, wie sie sich die gesamte Insel vorgestellt hatte. Die Passage der Weißküste, wie Ruko ihr den Seeweg vorgestellt hatte, besaß ihren Namen nicht umsonst. Die Küsten ragten mal zum Berühren nahe, mal mehrere Seemeilen weit entfernt auf der Steuerbordseite der Sturmjäger auf. Doch stets präsent wiesen sie ihnen den Weg in die entfernte Baronie. Ihr Verlauf war schroff, von Grotten durchzogen, von weißen Muschelresten überzogen und glitzerte im Sonnenlicht wie reines Perlmutt. Das Wasser brach sich rauschend hell an den Steilwänden und nicht nur einmal fürchtete Yulivee, die Felsen könnten über der Karavelle zusammen brechen.

Zu beinahe jeder Wasserhöhle, an denen sie vorüberzogen, wusste Ruko ihr eine – meist schauderhafte – Geschichte zu erzählen. Der Kobold hatte wohl den Eindruck gewonnen, sie ‚bei der Hand nehmen‘ zu müssen. Dabei zeigte er sich wesentlich charmanter, als der Rest der Mannschaft. Die Worte, welche sie mit Kapitän Delyn gewechselt hatte, konnte sie an einer Hand abzählen. Doch die Ungestörtheit war ihr Willkommen. Die meiste Zeit verbrachte sie in ihrem provisorischen Quartier und versuchte, Briefentwürfe an Emerelle zu verfassen, wenn nicht gerade Ruko an ihre Tür pochte, um ihr auf der Passage eine weitere Sehenswürdigkeit zu zeigen.

So vergingen beinahe zwei Tage.

Der Wind riss an ihrem zusammengesteckten Haar, als Yulivee das Hauptdeck betrat. Er knatterte in der Takelage und brachte eine Eiseskälte mit sich, welche die Magierin trotz ihres Zaubers schaudern ließ. Der Morgen war vorangeschritten, doch die Mannschaft ließ die Arbeit im ruhigen Tonus angehen. Aus dem Krähennest schallte eine Stimme: „Eisbrocken voraus, dreißig Grad Backbord, Kapitän!“

Yulivee zog die Stirn kraus und ließ ihren Blick über die Reling schweifen. In der blaugrauen Welt, in der sich der klare Himmel mit dem Meer zu vereinen schien, herrschte ein gänzlich neuer Eindruck vor. Ein brüchiger Teppich aus milchigem Glas hatte sich über die See gelegt, unterbrochen vom trägen blautürkisenen Kristall der Meereswellen.  Eisschollen in jeder erdenklichen Größe trieben an ihnen vorbei und legten ein Muster in die Szenerie, welches sich so kein Albenkind je hätte ausdenken können. Als Delyn den Kurs korrigierte, bekam Yulivee eine Ahnung davon, weshalb ein solch wendiges Schiff mit den sonderbar arrangierten Segeln von Bedeutung auf ihrer Reise gewesen war.

Die Magierin trat staunend an das dunkelgeschliffene Holz der Schiffsbalustrade und genoss den unberührten Anblick, der sich ihr bot. Unweigerlich ergriff sie ein Lächeln, welches sich nicht niederringen lassen wollte. Die Gedanken an die Unbill der kommenden Ereignisse ließen sich für diesen Moment vollkommen verdrängen. Es war so still! Nicht länger wurde die Passage von den anmutigen Seevögeln mit ihren langgezogenen Schreien begleitet, auch wenn sie nahe der Küste reisten.

Einzig das Lied des Windes, sein Pfeifen und Knarren, sein Murren und Surren, sein Tanz und sein Biegen erfüllte die Lüfte. Es fühlte sich an, als flöge die Sturmjäger über das Eismeer.

Ihre Finger tippten aufgeregt über das Holz, als ihr Blick zum Bug des Schiffs glitt. An der vorderen Spitze stand eine einsame Gestalt, die sich dunkel gegen den Himmel abzeichnete. Ihr Augenmerk ging hinaus auf das Meer, soviel war zu kennen, auch wenn Yulivee in ihren Rücken schaute.

Tiranu hatte sie seit Beginn der Fahrt gemieden. Selten hatte sie ihn überhaupt zu Gesicht bekommen und wenn, dann lenkte er nicht einmal den Blick zu ihr. Innerlich hatte sie sich über das affektierte Verhalten geärgert. Nie hatte sie ihn dazu gezwungen, den Rosenturm zu verlassen, um ihr hinterher zu schnüffeln! Da konnte er sie auch nicht für die Konsequenzen seiner langen Abwesenheit verantwortlich machen, oder? Ein kleiner Teil von ihr fühlte sich aber elend. Möglicherweise spielte dieses Gefühl eine nicht unwesentliche Rolle in dem Moment, als sie sich auf diese Reise eingelassen hatte. Sie war nicht nur den Albenkindern verpflichtet – allen, auch Tiranu – sie hatte auch einige persönliche Dispute wieder ins Gleichgewicht zu bringen.

Wenn auch Emerelle sie nach Langollion befohlen hatte, so war es ihr freier Wille, Tiranu in die Baronie zu begleiten. Sie war sich sicher, gemeinsam würden sie ein friedliches Ende für die Aufstände finden. Immerhin verfügte das Fürstentum nunmehr über genügend Gold, um die Bevölkerung gerecht versorgen zu können. Der Aufschwung kam, wenn auch langsam und bröckelnd wie das Eis im Meer.

Die Erzmagierin folgte einem Impuls, der sie zögerlich an Tiranus Seite führte. Als sie sich sicher war, der Fürst habe ihre Anwesenheit bemerkt, aber kein Gruß von ihm erklang, lehnte sie sich neben ihn an die Reling. Schweigend standen sie beieinander, jeder von ihnen zu stolz, um das erste Wort zu sprechen.

Yulivee versuchte, seine sture Haltung zu akzeptieren und sein Verhalten in dieser Lage nicht zu verurteilen. Während sie aber wieder einmal mehr an seiner Ignoranz zu knabbern hatte, als ihr lieb war, begann sie, unfreiwillig Gefallen an der ruhigen Zweisamkeit zu finden. Ihre Anspannung löste sich mit jedem Bild, das sie vom Meer in sich aufnahm, mehr. Fast war ihr, als würde der Friede der Weißen Küste auf sie übergreifen.

Ein kurzer Blick zu Tiranu verriet ihr, dass er weitab von diesem Effekt in seinen Gedanken vor sich hin dümpelte. Seine Arme waren verschränkt, das Gesicht streng auf den Horizont gerichtet. Auch er hatte sein dunkles Haar gebändigt, es mit einem ledernen Band im Nacken zusammengebunden. Dennoch spielte der Wind mit einigen widerspenstigen Strähnen, was seine unnahbare Fassade zum Splittern brachte …

„Blutsköpfe auf Backbord!“, erklang es da vom Krähennest und Yulivee zuckte ertappt zusammen.

Anders als zuvor klang der Ausruf nicht sachlich oder informativ, sondern warm, als schwinge ein Lächeln darin mit.

Yulivee wandte den überraschten Blick – natürlich … – erst in die falsche Richtung. Doch dann folgte sie dem allgemeinen Augenmerk der gesamten Mannschaft, welcher hinauf aufs Eismeer, fernab den Weißen Klippen ging. Zwischen den Schollen war für ihr Auge nichts Besonderes zu erkennen, erst recht nichts, was sich mit Blut in Vereinbarung bringen könnte.

Doch dann musste die Elfe ungewollt den Atem anhalten und ein lautes Raunen ging durch die Anwesenden. Von fern erklang ein Geräusch, so fidel und schrill, wie das Pfeifen eines Singvogels. Dem Pfeifen folgte ein Grunzen und Plätschern, ein heller Schrei – dann löste sich eine dunkle Gestalt aus dem Meer; anmutig und scheinbar schwerelos sprang sie über eine schmale Scholle und verschwand daraufhin in den Fluten. Doch nicht für lange: Bald zählte Yulivee drei schwarze Flossen, die aus dem Eiswasser ragten. In wellenhaften Bewegungen schwammen sie rasant vorwärts, präsentierten sich stolz dem staunenden Publikum. Was Yulivee erst für Delfine hielt, entpuppte sich als wesentlich größere Wesen des Meers. Mit schimmernd schwarzer Haut waren sie deutlich zwischen den Eisschollen auszumachen und wann immer ein tollkühnes Exemplar der Gruppe einen Sprung vollführte, offenbarte sich Yulivee die weiß gezeichnete Maserung auf den Flanken der Tiere. Um ihre Augen lagen große, weiße Flecken und als sich ein großes Tier träge aus den Wellen schälte, um sich rücklinks auf das Nass klatschen zu lassen, entdeckte Yulivee, dass auch ihr Bauch hell in der Sonne schien.

Strahlend wandte sich Yulivee zu Tiranu um. Doch der Fürst schien wenig interessiert an dem Spektakel, das selbst die älteren Seemänner zum Innehalten bewegte. Ihr Lächeln verschwand, als sie einen finsteren Zug in seiner Miene zu erkennen glaubte. Nach drei langen Atemzügen, die vom Kreischen der kleinen Wale begleitet wurden, gab sich die Valerin einen Ruck: „Blutsköpfe? Warum tragen diese anmutigen Tiere solch einen schrecklichen Namen?“

Tiranus Brauen wanderten in die Höhe, doch ansehen wollte er sie noch immer nicht. Als Yulivee glaubte, sie würde keine Antwort mehr erhalten, hob Tiranu die Stimme. „Du solltest sie einmal jagen sehen. Sie spielen so grausame Spiele mit ihrer Beute, bis sich das Meer um sie herum rot färbt.“

„Oh“, sagte Yulivee und zweifelte etwas an seinen Worten. Diese Tiere sahen so friedlich aus … „Haben sie nicht noch einen anderen Namen?“

„Sie haben viele Namen … In der Walbucht werden sie Schwertwale genannt, wenn dir das besser gefällt.“

Yulivee seufzte innerlich auf. So schnell ließ sie sich nicht abwimmeln. Da konnte er noch so einen distanzierten, harten Ton wählen!

„Die Walbucht muss ganz nah sein, habe ich recht?“

„Nah ist relativ, Erzmagierin.“ Tiranu deutete voraus und krümmte dabei seine Finger, als wollte er nach etwas greifen, das längst vergangen schien. Sein Ton änderte sich. „Als Kind kam es mir immer wie die Reise in eine andere Welt vor, wenn Arien mich auf seinem Schiff dorthin mitnahm. Er besaß einen Palast in der Bucht und einen Ankerplatz für seine Flotte …“

Yulivee erinnerte sich, dass der älteste Bruder Tiranus neben seinem Geschick mit dem Schwert vor allem der Profession der Schifffahrt ergeben war. Luana hatte ihr dies in einer ihrer Traumvisionen gezeigt. „Hat er dir das Segeln beigebracht?“

Die Andeutung eines Lächeln schlich sich auf die Lippen des Fürsten: „Mutter hätte ihn in die Verbannung geschickt, wenn er es getan hätte. Für sie waren seine Leidenschaft und der gesellschaftliche Kreis, in dem er sich bewegte, nicht unbedingt … ideal.“ In einer beinah gelösten Geste legte er seine Hände auf den Lauf der Reling. „Außerdem ließ er mich auch aus purem Stolz nie ans Steuer seiner Rosentau. Alles, was er mir beibrachte, waren seine Geschichten … jede Menge Seemannsgarn.“

„Bedeutet es nicht Glück, von Delfinen begleitet zu werden?“ Yulivee warf einen Blick über die Schultern und hoffte, dass sich die Wale mit ihrer weitgegriffenen Artenbezeichnung vereinbaren könnten. Doch Tiranu sah dies offenbar anders: „Es soll Glück bringen, von Delfinen begleitet zu werden, wenn man diesen Albernheiten Glauben schenkt. Die Begleitung von Schwertwalen allerdings bedeutet Unglück … und Tod.“

Nach diesen Worten verfiel Tiranu ins Schweigen und Yulivee zweifelte daran, dass er noch einmal das Wort an sie richten würde. Sie ahnte, wohin seine Gedanken gerade wanderten. Behutsam legte sie ihm ihre Hand auf seine beringte Linke. Es war nur ein leichtes Streifen ihrer Finger und kaum wagte sie, ihn wirklich zu berühren. „Es wird nicht lange dauern, ehe wir den Aufstand schlichten können und Morwenna in Sicherheit ist …“

Wortlos entzog sich Tiranu ihrer Geste und wandte sich zum Gehen um. Er ließ Yulivee zurück, die sich wie zu Eis erstarrt fühlte. Ihr war, als sei die Sonne über der Sturmjäger untergegangen, obgleich diese viel zu hell und gnadenlos strahlte, um zu verbergen, wie sich die Schatten über ihr Gesicht legten. Schatten, die ihr Herz umklammert hielten und sie frösteln ließen.


* * *



Selten befand sich Tiranu so weit im Norden seines Reichs. Und selten war er ein Gast auf der Nebelburg gewesen. Doch der Anblick des jahrhundertealten Gemäuers war ihm so vertraut, als blickte er bereits das hundertste Mal zu ihm auf.

Die Nebelburg war ein Relikt der alten Zeit, als die Rosendrachen noch die alleinigen Herrscher Langollions gewesen waren. Auf der kleinen Nordinsel, dessen Küsten flach und von Eisstränden umgeben waren, fand sich beinahe nichts als undurchdringliche Tannwälder und unterirdische Höhlensysteme. Die Bauern hier hatten aufgrund der wenigen warmen Monate kein leichtes Leben und ein durchaus hartes Los gezogen. Es war keine Überraschung, dass der Hunger hier schlimmer wütete als im ressourcenreicheren Süden seiner Lande.

Das Beiboot der Sturmjäger wurde klatschend zu Wasser gelassen, als Tiranu einen Blick hinter die aufragende Burgfassade an der Küste warf. Der berühmte Morgennebel dieser Bucht erstrahlte in einem blassen, rötlichen Schein, der über den gesamten Wald zu reichen schien. Das Feuer der Rebellen. Es waberte über den Mauern der Burg, umschloss sie und versperrte den Bewohnern jeden Weg zu Flucht über den Landweg.

Tiranu hatte die beiden Barone vor nicht allzu langer Zeit auf der von Jornowell inszenierten Zusammenkunft in der Hauptstadt gesehen. Ein eher unbewegtes Gespräch hatte angedeutet, wie schwer die derzeitige Regierungslage von Vascar zu stemmen war. Die Armut war hier nach den Ordenskriegen der ärgste Feind seiner Herrschaft. Im letzten Winter erst war Morwenna selbst hier gewesen, um sich der Lage anzunehmen. Tiranu hatte geglaubt, sie sei erfolgreich mit ihren Maßnahmen gewesen – doch die Frühlingsstürme hatten ihnen einen Strich durch die Rechnung gemacht.

Tiranu wusste, dass er schnell handeln musste. Sonst würde sich das Wort der Revolution wie ein Lauffeuer im ganzen Fürstentum ausbreiten und er hätte endgültig sein Gesicht verloren. Diese ‚Aufständischen‘, wie  Jornowell und Anarion die Albenkinder allzu versöhnlich nannten, waren Verräter an seiner Krone und dementsprechend sollten sie auch behandelt werden – Verzweiflung hin oder her!

„Mein Fürst, das Beiboot ist bereit!“ Delyn war neben ihn getreten. Der Kapitän nickte, um seine Worte zu unterstreichen und deutete auf die Burg: „Der Wellengang ist flach. Der Weg in die Nebelburg dürfte kein Problem darstellen.“

Tiranu erwiderte das Nicken. Er kannte den inoffiziellen Zugang zur Burg, der über den Seeweg passierbar war. Eine kleine Schneise in der Mauer war geflutet und bot die Möglichkeit, mit einem Boot in das Wassergewölbe zu gelangen. Diese Gänge waren für den Ausgleich der Fluten, die in den flachen Küstenlanden über das Land kamen, erbaut worden. Wenn das Meer ruhig war, so war der Weg hinein in die Burg ein Leichtes. Zumindest für ein kleines Boot, welches kaum Tiefgang besaß. Das Wasser war in der Bucht so flach, dass kaum ein Schiff zu landen vermochte, was die Versorgung der Höflinge in dieser Zeit erheblich erschwerte. Selbst die Karavelle dürfte sich nicht näher an die Burg heranwagen, ohne Gefahr zu laugen, im dichten Nebel zu kentern, was kein besonders ruhmreiches Ende wäre.

Tiranu wollte auf böse Überraschungen vorbereitet sein. „Ich werde alleine gehen. Du wirst vor der Küste Anker legen und auf meine Botschaften warten.“

Delyn nickte erneut befehlsdevot, holte dann aber tief Luft: „Fürst, ich denke, deine Magierin sieht das anders…“

Tiranu musste ein Aufstöhnen unterdrücken. Was erlaubte sich Yulivee nun schon wieder!?

Als er Delyns Fingerzeig über die Reling folgte, wurde sein Zorn nur weiter angefacht. An der Sprossenleiter, die von der Sturmjäger hinab zum Beiboot reichte, hing die Erzmagierin sprichwörtlich in den Seilen und versuchte offenbar, möglichst trocken in das Boot zu gelangen. Dass sie sich dabei einmal mehr anstellte, als sei sie mit zwei linken Händen und Füßen geboren worden, wunderte ihn nicht. Dafür aber umso mehr die Selbstverständlichkeit, mit der sie agierte. Wer hatte dieser Elfe erlaubt, sich an seine Fersen zu heften? Wie wollte sie ihm helfen können? Sie würde mit ihrer Bauerntrampel-Manier alles nur noch schlimmer machen! Nur dank ihr befand er sich doch überhaupt erst in dieser verzwickten Situation…

Kurz war der Fürst versucht, Delyn das Zeichen für den Aufbruch zu geben und Yulivee somit auf offener See zurückzulassen. Doch er ahnte: Bei dem unverschämten Glück, das die Magierin offenbar gepachtet hatte, würde es ihr gelingen, auch alleine in die Burg zu gelangen. So schwang er sich wortlos über die Reling und hangelte sich an der Sprossenleiter herunter ins Boot.

Ihm lagen einige Worte auf der Zunge, als er Yulivee dabei beobachtete, wie sie sich zu beiden Seiten an den Bootswänden festklammerte, als würde der niedrige Wellengang sie gleich über Bord gehen lassen. Doch er schluckte seinen Unmut herunter. Yulivee musste an ihrem Verschwiegenheitsschwur festhalten, den sie ihm in den Labyrinthen geleistet hatte. Sonst könnte er sich gleich persönlich an Emerelles Hof begeben, um zu gestehen. Leider gab es immer noch diese unselige Bedingung für Festhalten an ihrem Versprechen, welche Yulivee von ihm forderte… Deshalb empfahl es sich, freundlich zu ihr zu sein. Vorerst zumindest.

Missmutig ließ er sich gegenüber von Yulivee auf die Ruderbank sinken und griff die Riemen, um sie ins Wasser zu lassen. Der Blick der Magierin sprach Bände. Sie schien genauso wenig von seiner Anwesenheit angetan, wie er von ihrer. Oder gab es für sie einen anderen Grund, ihn so grimmig anzusehen?

Wortlos stemmte er sich gegen die Riemen und brachte das Boot damit in Bewegung. Es dauerte nicht lange, ehe sie in die stille, abgeschirmte Welt des Nebels eintauchten. Die Sturmjäger war bald nur noch ein blasses Schemen, während die Nebelburg beständig näher rückte. Zwei große, massiv wirkende Türme erstreckten sich in das Himmelsweiß, während sich die Häuser zwischen ihnen mit wenig Eleganz nah am Boden aneinanderdrängten. Die hochaufragenden Kuppeln auf den Turmdächern waren einst mit strahlendem Kupfer überzogen worden, doch mittlerweile spannte sich eine dicke Schicht Grünspan darüber. Es wirkte, als sei die Burg aus den Tiefen des umliegenden Tannwalds entwachsen.

Als Tiranu sein Verborgenes Auge öffnete, war die magische Aura beinahe zum Greifen nahe. Kein Holz und keine Luft würde dieses Feuer brauchen, um zu wachsen, nur die Impulse des Zauberwebers. Seinen Befehlen gehorchte dieser Zauber und nur durch seinen Einfluss – oder eine stärkere Kraft – wären diese Flammen aufzuhalten. Es musste einen Weg geben, ihm Einhalt zu gebieten, ehe die Situation eskalierte!

„Ich glaube nicht, dass diese Magie durch einen Elfen oder gar einen Kobold wachgerufen wird“, murmelte Yulivee und klang dabei eher besorgt als hoffnungsvoll. War sie nicht die mächtigste Magierin des Elfenvolks? War sie nicht eine Schülerin von Emerelle gewesen? Sollte sie in einer solchen Situation nicht einen klaren Kopf bewahren können?

Tiranu konnte nicht auf sie bauen, wenn es darum ging, ihre Macht gegen den fremden Magier einzusetzen. Noch immer schien sie von Samuc beeinflusst … oder spielte sie ihm etwas vor? Wenn sie die Macht des Albensteins an Langollion verschwendet sah, so hatte sie hier nichts verloren. Sie würde ihm ohnehin nur im Weg stehen mit ihrer falschen Rechtschaffenheit!

Der Vorhang des Nebels offenbarte die von Algen und Moosen überwucherte Burgmauer, die von Wellen umspült aus dem Meer erwuchs. Tiranu verlangsamte die Paddelschläge, um den kaum sichtbaren Spalt im Gemäuer anzusteuern. Ein leicht modriger Geruch kündigte die gefluteten Gänge der Burg bereits an, ehe sie endlich das weiß getünchte Tor erreichten und das Boot ins Innere der Nebelburg drang. Das Zwielicht hieß sie kühl willkommen, in scheinbarer Ferne erklang ein Plätscherton als schwaches Echo.

Tiranu war verwundert. Die Sturmjäger musste selbst durch die dicke Nebelbank hinweg aufgefallen sein und die Wachen der Burg würden wohl kaum ein besetztes Boot so weit in die Hallen ihrer Herren eindringen lassen. Wieso empfing sie niemand?

Yulivee musterte mit halbherzigem, unsicherem Blick die im Dunkel liegenden Zwinger, in denen Boote vertäut lagen, Kampfnetze, Harpunen … ihr entglitt ein dunkles Keuchen, als ein bleiches Schemen in ihr Augenmerk fiel. Tiranu erkannte es als zierliches Skelett, das gegen das Gemäuer aufzuleuchten schien. In einem der Käfige hing es, mit dicken Eisenketten so weit an der Decke hochgezurrt, dass nur die Knochenbeine und das Becken im Wasser lagen.

Tiranu kam nicht umhin zu bemerken, mit welchem Entsetzen Yulivee das Skelett betrachtete. „So leicht zu erschüttern, Erzmagierin?“

Die Elfe warf ihm einen dunklen, zornessprühenden Blick zu: „Das ist verabscheuenswert! Welche Art von Albenkind residiert hier, das Seinesgleichen so schambefreit zur Schau stellt!? Soll das eine Jagdtrophäe darstellen?“

Eine raue Stimme erklang hinter Tiranu, die weder Weichheit noch Gutmütigkeit zu kennen schien: „Dies ist keinesfalls eine Trophäe, sondern eine Warnung.“ Yulivee zuckte unter dem Gesagten zusammen, doch für Tiranu waren sowohl der volle Bass, wie auch der Stimmklang wohlvertraut. „Das, was du dort siehst, sind die Überreste der Wölfin des Meers. Diese Hexe suchte meine Bucht vor vielen Jahren heim und fand Gefallen an meiner jungen Tochter. Sie lockte Larielle hinaus aufs Meer … und von dort sollte sie für ganze vier ganze Monde nicht zurückkehren. Vier Monde, in denen wir verzweifelt nach ihr suchten und die Hoffnung beinahe begruben, sie je wieder zu sehen. Erst als sich meine Gattin allein in die Bucht hinauswagte, um mit der Wölfin zu sprechen, wendete sich das Blatt – die Hexe zeigte sich bereit, Larielle gehen zu lassen. Im Gegenzug dafür forderte sie einen Preis: Das Augenlicht meiner Gattin. Ihr gelang dieser Streich, doch sollte sie es für ewig bereuen, wie du sehen kannst.“

Tiranu erhob sich im Boot, um dem Baron Vascars ins Antlitz zu schauen. Meryl stand starr auf der Plattform über ihnen und blickte mit seinen kalten Augen herunter in den Flutengang. An seiner Seite stand Cirinth, der ehemalige Hofmeister des Rosenturms, und wirkte nicht weniger entrückt als der Baron.

„Fürst Tiranu, ich heiße dich willkommen in Vascar“, richtete Meryl an ihn und deutete damit eine Verbeugung an. „Als wir die Karavelle in der Bucht sahen, hatten wir bereits Hoffnung, du könntest die lange Reise auf dich genommen haben, um uns beizustehen.“ Der Baron trat zurück und deutete auf die Stufen, die aus dem Wasser hinaus auf festen Boden führten. „Bitte, seid Gast auf meiner Burg! Dies gilt auch für dich, Fremde.“

Yulivee war still geworden, wie Tiranu bemerkte. Doch ohne Zögern kam sie der unterschwelligen Aufforderung des Barons nach, erhob sich und sprach: „Mein Name ist Yulivee, Baron. Und ich freue mich, deine Gastfreundschaft annehmen zu können.“

Cirinth half der Elfe aus dem Boot und Tiranu entging nicht, dass der Getreue der Königin ehrfürchtig den Kopf vor ihr neigte. Der Fürst hatte nicht vergessen, dass er sein Schweigen gebrochen und wahrscheinlich im Namen Emerelles spionierte, was die Erzmagierin vor wenigen Wochen erst nach Langollion geführt hatte. Er würde dafür sorgen müssen, dass Yulivee nicht weitere Dinge durch Cirinth in Erfahrung brachte, mit denen sie ihn in der Hand halten könnte.

„Dann ist dies ein besonders glücklicher Tag für Vascar, wenn die Erzmagierin der Albenmark selbst zu dieser dunklen Stunde ihren Beistand für unsere Sache bietet.“ Der Baron sprach ohne Emotion in der Stimme. Seine gewiefte Art, die Situation für sich zu erschließen, triefte allerdings vor Scheinheiligkeit.

Yulivee straffte neben ihm die Schultern und schaute dem Baron offen in die Augen: „Mein Beistand gilt allen Albenkindern des Reichs.“ Ein vielsagender Blick aus rehbraunen Augen wanderte zum Skelett in der Zelle hinüber. „Ich bin hier, um diese Angelegenheit im Namen der Königin auf einem friedlichen Pfad zum Ende zu führen.“

Ein schwaches Lächeln zupfte an den Zügen des Barons. Er schien nicht an die Erfüllung des Gesagten zu glauben. „Mein Name ist Meryl. Solltest du während deines Aufenthalts etwas benötigen, so zögere nicht, dich an mich zu wenden.“

Tiranu räusperte sich: „Dieses Angebot wird sie wohl gleich annehmen müssen. Es war eine lange Reise und …“ Er rümpfte die Nase. „Ein langes Bad mit viel Seife ist wohl genau das, wonach sich meine hochwohlgeborene Begleitung nun sehnt. Als Fürst sehe ich mich verantwortlich dafür, dass sich Gäste in meinem Reich gut behandelt fühlen … Hungrig ist sie gewiss auch. Ein ausgedehntes Mahl, etwas Wein …“

Yulivee klappte den Mund auf und warf ihm aus verengten Augen einen mörderischen Blick zu. Auch Meryl schien den Wink zu verstehen: Der Baron klatsche in die Hände, was zwei Diener herbei kommen ließ. „Sehr wohl, mein Fürst. Es ist uns eine Ehre, die Erzmagierin in unseren Hallen bewirten zu dürfen! Meine Gattin wird dir Gesellschaft leisten und dafür sorgen, dass dir nichts mangelt!“

Die Valerin klappte ihren Mund wieder zu, schob ihr Kinn vor, ließ ein zaghaftes „Aber…“ verlauten, ehe sie die Schultern sinken ließ und steif nickte. Sie schien zu begreifen, dass es unklug war, diese spezielle Art der langollischen Gastfreundschaft abzulehnen.

Als sie sichtlich missgestimmt den beiden Dienern folgte, ließ sie sich es dennoch nicht nehmen, Tiranu einen letzten warnenden Blick zuzuwerfen, der eines deutlich machte: Das letzte Wort war noch nicht gesprochen. Der Ärger mit ihr fing augenscheinlich erst an …

Tiranu räusperte sich erneut und fing das Augenmerk des Barons: „Wer ist ihr Anführer?“ Einen Moment des Zögerns räumte Tiranu dem Adligen ein, ehe er erneut auffuhr: „Wer?!“

Meryl straffte seine Gestalt: „Ein Kobold. Er ist ein Großbauer gewesen, der seit jeher das Vertrauen seiner Mitbürger genoss. Sein Land traf es besonders schlimm. Der letzte Erdrutsch aus dem Bergwald riss seine Scheuer mit sich und zerstörte einen Großteil seines Ackerlands. Die Erde, welche seinen Hof unter sich begrub, ist leicht sauer … der Regen hat diese Eigenschaft in alle noch verbleibenden Erdschichten darunter getragen …“

„Wie ist sein Name?“

„Maka“, entgegnete der Baron. „Er versammelt fast siebzig Bauern, Weber und Gerber unter sich.“

„Der Magier?“

„Ein Faun …“ Der Baron senkte den Blick. „Er trägt den Namen Filan … Seit Jahrzehnten ist er bereits in Vascar ansässig und ließ sich bisher nur selten blicken.“

Yulivees Worte bewahrheiteten sich. Kein Elf stand ihnen entgegen, sondern ein Albenkind, dessen Verbundenheit mit der Natur keine Grenzen kannte. Faune waren auf besondere Weise magiebegabt. Feuer, Wasser, Erde, Luft … Ihre Kontrolle über die Elemente konnte beeindruckende Ausmaße annehmen. Doch was war sein Grund, an der Revolte teilzuhaben?

„Wo ist meine Schwester? Ich muss sie umgehend sprechen.“

„Mein Fürst“, sprach da zum ersten Mal Cirinth. „Wir haben früher mit deinem Besuch gerechnet. Viel früher … und doch kommst du nur wenige Stunden zu spät. Fürstin Morwenna weilt nicht länger in der Nebelburg. Sie brach mit den ersten Sonnenstrahlen auf, um persönlich mit den Aufständischen im Hinterland zu sprechen.“

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Schön, dass ihr wieder dabei seid! Ich habe mich einmal mehr über die vielen Klicks des letzten Kapitels gefreut und ein spezieller Dank geht einmal mehr an Phae für ihre schöne Review!

Ich hoffe, euch hat dieses Kapitel gefallen und die „Blutsköpfe“ haben euch auch ein wenig staunen lassen. Yulivee wird auf diese Begegnung wohl als letztes schönes Ereignis zurückblicken, wenn sie in ferner Zukunft an Vascar zurückdenkt. Denn die Lage spitzt sich zu – und ihr schätzt die Erzmagierin richtig ein, wenn ihr glaubt, dass sie nicht lange mit Baden beschäftigt sein wird. Ich hoffe, ihr seid beim nächsten Mal wieder dabei!

Bis dahin!

Eure Riniell
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