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Schattenspiele

von Riniell
Kurzbeschreibung
GeschichteDrama, Fantasy / P16 / Gen
Emerelle OC (Own Character) Tiranu Yulivee
20.12.2015
01.12.2016
50
187.715
3
Alle Kapitel
52 Reviews
Dieses Kapitel
1 Review
 
08.07.2016 3.189
 
Ay, wir sind bei Kapitel 30! Unglaublich! Ich hätte nicht gedacht, dass ich je wieder eine so lange FF schreibe :) (Und was noch viel erfreulicher ist - dies ist das insgesamt 200.! Kapitel, das ich auf FF.de je veröffentlicht habe. Wow.)

Danke an Phae und Lavinia an die wunderschönen Reviews! Ich habe mich so sehr gefreut (gerade auch darüber, einen neuen Namen zu sehen herrlich.)

Euch allen wünsche ich viel Spaß beim neuen Kapitel, das etwas Licht ins Dunkle von Vascar bringen wird. Ein alter Bekannter kommt zu Wort, den ihr noch aus Keine Rose ohne Dorn kennen solltet. Ich hoffe, euch gefällt das Kapitel. Im nächsten geht es dann wieder mit Tiranu und Yulivee weiter :)


Wie der Norden klingt






Der Donner rumorte über den Dächern der Burg und brachte sein Herz zum Klingen. Die folgende Stille klang intensiver als jedes Musikstück, jede Debatte, jeder Kampfeslärm und jeder Schrei es tun könnte. In seinen Fingern kribbelte die gespannte Erwartung. Etwas würde geschehen.

Der Regen war verklungen, wenigstens für diese Nacht. Doch die Wolken, die trübgrau unter dem Mondlicht zogen, verhießen weitere Regenfälle für die kommenden Tage. Wenn der Wind nur stark genug wäre, sie rechtzeitig über das Meer zu schicken, ehe sie ihr Unheil weiterhin über Vascar tragen würden …

Cirinth wusste, dass einige Tage Regenfall mehr keinen Unterschied bringen würden. Er rieb sich über das Gesicht und blickte hinaus in die Wälder. Der rote Schimmer in der Ferne ließ ihn unruhig werden. Das Feuer loderte und loderte und kein noch so starker Regenfall vermochte, es zu löschen.

Die Rebellen spielten ihre Karten geschickt aus. Über kurz oder lang würde ihre gewiefte Taktik Früchte tragen, dessen war sich der Elf sicher. Und er musste zugestehen, dass er diesen Tag so gespannt erwartete, wie er ihn gleichermaßen fürchtete.

Die Albenkinder des Aufstands sahen seine Anwesenheit in der Grafschaft als Provokation der Fürsten, das wusste er. Sie warfen ihm vor, die Situation nicht ernst zu nehmen, warfen ihm vor, tatenlos zu sein. Er war eine Geisel, ebenso wie die Barone und ihr Haushalt selbst.

Wie die Rebellen wohl reagieren würden, wenn sie erst die Wahrheit kennenlernten?

Ein Lächeln schlich sich auf seine Züge. Sie würden wohl ebenso trockene Münder bekommen, wie all die anderen Dilettanten, deren Schmähungen und Spotttiraden er stets über sich ergehen lassen musste. Es hatte früh begonnen, bereits zur Zeit seiner Ausbildung in Elfenlicht. Es gab Neider und Spötter – doch er hatte all das überstanden. Selbst Alvias würde ihm nun Respekt zollen müssen. Nun noch nicht ganz, leider, denn Verschwiegenheit war im Augenblick sein oberstes Gebot. Doch es konnte nicht mehr lange dauern!

Seine Geduld würde sich endlich auszahlen und er könnte sich vor Emerelle beweisen. Das Vertrauen der Königin würde nicht umsonst gewesen sein. Er hatte ihr stets die Treue gehalten und würde dies auch weiterhin tun!

In gewisser Weise war es herrlich paradox, dass er nun von jenen, die er für die Königin ausspionierte, selbst als Spion eingesetzt wurde. Noch immer wallte ein gewisser Zorn in ihm auf, wenn er daran dachte, auf welch unverschämte Art er von Tiranu und Morwenna degradiert worden war. Doch mittlerweile wusste er, dass dies jene Chance war, auf die er so lange gewartet hatte.

Nach den Ereignissen im letzten Winter hätte er nicht erwartet, je wieder so etwas wie ein Hoch zu durchleben. Doch musste er feststellen, dass im Augenblick alles ganz ausgezeichnet lief. Zumindest für ihn. Wenn die Situation hier in Vascar erst einmal haltlos eskalierte, dann wäre Tiranu am Ende.

Emerelle würde ihm das Amt entziehen, aller Macht berauben … und mehr, möglicherweise. Dann würde es dieser Despot bereuen, ihn derart respektlos behandelt zu haben.

Was glaubte Tiranu nur, wer er war?

Ihn mit Jornowell, diesem Stümper, diesem Hochstapler zu ersetzen, um ihn dann vom Hof zu verweisen, war nicht nur hochmütig und riskant – es war wahnsinnig. Als ob Tiranu nicht ganz genau gewusst hatte, wie sehr er damit die Königin herausgefordert und ihren Unmut beschworen hatte. Die Ernennung der neuen Würdenträger war nunmehr nur der Tropfen, der das Fass zum Überlaufen gebracht hatte. Er hatte gehört, dass Yulivee Langollion betreten hatte. Die Elfe war die geheime Gesandte der Königin, dessen war er sich sicher. Und sie würde ein Urteil über Tiranu fällen, welches seine Schikane doppelt vergelten würde.

Und eine Schikane war es!

Cirinth verachtete den Norden und seine geheime Rolle in diesen Provinzen. Es überraschte ihn nicht, dass Tiranu seinem Adel misstraute. Es wäre verwunderlich gewesen, wenn sie nicht korrupt geworden wären, nach all den Strapazen des Tjuredkriegs. Sie hatten ihre Reiche zusammenhalten und stabilisieren müssen, denn dies war ihre oberste Pflicht. Man schien sich mit den Jahrzehnten daran gewöhnt zu haben, alles daran zu setzten, diese Pflicht zu erfüllen, um nicht das Gesicht zu verlieren. Selbst vor dem Verrat in den eigenen Reihen schreckte man nicht länger zurück. Die Zeiten waren zweifelsohne hart für Langollions Adel gewesen.

Doch der Krieg war vorüber. Von Tiranus Standpunkt aus konnte nicht länger geduldet werden, dass die dringend benötigten Staatsgelder veruntreut wurden. Es würde zu einer Abwärtsspirale kommen, die immer weitere Krisen beschwor und seine Entsendung an die Höfe der Baronen und Grafen war möglicherweise die einzig richtige Entscheidung, die Jornowell zusammen mit Morwenna und Tiranu getroffen hatte – auch wenn es eine Schikane blieb. Seine Vorbildung als Rechnungsmeister war der Tarnmantel, der ihm erlaubte, in die streng gehüteten Aufzeichnungen der Finanzflüsse bei Hofe zu blicken. Vordergründig ging es bei seiner Arbeit darum, die Grafen und Barone in Finanzfragen zu unterstützen. In Wahrheit jedoch blickte er sich nach Ungereimtheiten um, suchte Fehlerquellen und merzte überflüssige Zahlungswege aus. Wenn er auf einen merkwürdigen Zahlungsfluss stieß, machte er sich Notizen, sandte diese an das Fürstenhaus und setzte seine Arbeit unauffällig fort. Natürlich durfte der Adel nicht um den wahren Charakter seiner Arbeit wissen, denn wenn die Hochwohlgeborenen erst einmal misstrauisch wurden, könnte selbst ein Heer aus Minotauren nicht mehr die Wahrheit aus ihnen saugen. So blieb es ihnen lediglich, ohne jeden Beweis in der Hand, skeptisch zu bleiben. Sie konnten seine Hilfe nicht ablehnen, wenn sie nicht sofort ins Visier geraten wollten.

Es war keine ehrbare Aufgabe, besonders nicht in Vascar, wo die Armut so übel war, dass selbst Cirinth schlechtes Gewissen plagte, wenn er etwas aß, ohne wirklichen Hunger zu verspüren. Aber dies entpuppte sich nun endlich als der Kurs, der ihn ans Ziel bringen würde.

Fürstin Morwenna war in Vascar erschienen und ihr Ruf hing am seidenen Faden. Nicht nur die Ereignisse des Schattenkriegs hingen wie Pech an ihren Händen, sondern auch die Affäre mit diesem Elenden. Wenn der Aufstand sich ihrer endlich annehmen würde, so könnte dies den Fall der Fürstendynastie einleiten.

Cirinth lächelte und befand, dass der Feuerschein im Osten so schön war wie der Sonnenaufgang über eine neue Welt. Schön und beunruhigend gleichermaßen. Er wandte sich ins Raumesinnere und goss sich einen trockenen Roten in den geleerten Kelch in seiner Hand. Er prostete sich selbst zu. Dies war eine Zeit für Feste. Seine ganz persönlichen Feste.





* * *






Naylin zog an ihrem Stiefel und stöhnte angestrengt, als der Matsch ihn mit einem lauten Schmatzen befreite. Das Leder war einstmals weiß gewesen, doch nun klebte rötlicher Morast daran. Dieses Paar war ein Geschenk ihrer Schwester gewesen. Durch sie sollte sie keine kalten Füße im Norden bekommen, lautete der Spott, mit dem ihr die Stiefel vor vielen Monaten überreicht wurden. Nun waren sie ruiniert.

Die Heilerin ließ die Schultern sinken und stülpte das feuchte Leder wieder über ihre Wade. Es war zum Verzweifeln!

Der Schlamm auf den Weideflächen stand so hoch, dass sie beinahe bis zu den Kniekehlen darin versank. Kein Zauber half, sie über der Oberfläche zu halten, denn immer wieder bildeten sich große Wasserlachen zwischen den Erdschichten, die einfach einfielen, wenn sie darüber hinweg ging. Der Morgen versprach nach dieser beinahe klaren Nacht vorerst keinen Regen, doch die schnellziehenden Wolken am Himmel gaben kaum Hoffnung auf eine dauerhafte Besserung.

Ihr Pferd stieß ein Geräusch aus, das sie schwach an ein Wimmern erinnerte. Es schien am Ende seiner Kräfte. Doch noch hatten sie die Siedlung nicht erreicht. Naylin hob den Blick, um das schwache Leuchten am Ende der überschwemmten Felder auszumachen. Da brannte ein Feuerschein zwischen Blattwerk und Unterholz, wo der Wald begann. Eine Gänsehaut schlicht über ihren Rücken, als sie daran dachte, wie stark dieser Zauber sein musste. Der Faun schien mächtiger, als sie es sich vorzustellen vermochte.

Sie führte ihr Pferd weiter über den Tümpel und bald wich alle Kraft aus ihren Gliedern. Das Feld schien sich in die Endlosigkeit zu ziehen. Erst als die Sonne den Zenit erreicht hatte, kam sie endlich an den Waldrand.

Die Feuerwand verbarg sich hinter den breiten Stämmen von Eichen und loderte höher als jede Baumkrone. Ein Spektakel aus rötlichen Funkenschlägen und goldenen Flammentänzen bot sich ihr. Ihr Pferd scheute und sprang in ihrem Griff. Doch Naylin verspürte keine Furcht, nur erstaunen. Das Feuer war so nahe nicht heiß, nicht bedrohlich. Es war wunderschön. Und als die Heilerin direkt vor der Wand stand, wäre sie beinahe so töricht gewesen, die Hand in die Feuerwalze zu recken.

„Das würde ich nicht tun, werte Naylin“, ertönte da ein sanftes Flüstern neben ihr. Die Elfe wirbelte herum und blickte erschrocken auf die große Gestalt, die im Begriff war, über die Flanke ihres Pferds zu streichen. Es war der Faun.

Große, markante Kieferknochen verliehen dem eher ausgezehrt wirkendem Gesicht etwas Gespenstisches. Ein nahbares Lächeln lag auf den Zügen des Magiers, doch die imposanten Hörner auf seinem Haupt ließen Naylin zurückschrecken. Er bewegte sich eigenartig auf seinen Ziegenbeinen, als er das Pferd umrundete und es mit spielerischer Leichtigkeit einlullte. Das Tier zeigte keine Nervosität mehr.

„Folge mir, Naylin“, sagte der Faun da und wandte sich zur Feuerwand. Naylin schluckte. Es schien, als sei ihr Kommen längst erwartet worden…

Die Elfe straffte die Schultern und spannte die Hand fester um die Zügel. Ihr blieb keine Wahl, wenn sie Morwenna helfen wollte. Sie musste zu Maka und der Kobold befand sich auf der anderen Seite der Feuerwand. Wie konnte es sein, dass sie hier so zielsicher abgefangen wurde?

Filan stand geduldig bei ihrem Pferd und wartete auf ihre Antwort.

Sie brachte nicht mehr zustande als ein zögerliches Nicken. Er reichte ihr seine harte Hand.

Mit geschlossenen Augen folgte Naylin dem Magier durch die Feuerwand und war erstaunt, keinerlei Schmerzen zu fühlen. Nur der Zauber kribbelte über ihre Haut wie das Streicheln eines Geliebten. Ihr Pferd folgte ihr ohne den Hauch eines Zögerns.

Erst auf der anderen Seite wagte sie, erneut zu atmen. Sie war einfach durch die Barriere getreten! Wie war das möglich? Hatte der Faun einen schützenden Bann über sie gelegt?

„Dein … dein Name ist Filan, habe ich Recht?“

Die Hörner des Fauns bewegten sich, als dieser nickte.

„Du warst einst Stallbursche am Hofe der Barone …“

Erneut ein Nicken.

„Warum …“

Filan hob die Hand und gebot ihr zu schweigen. Es verletzte den Stolz der Heilerin, so behandelt zu werden, auch wenn sie seit jeher keine hohe Position in der Gesellschaft genossen hatte. Dennoch zog sie es vor, ruhig zu bleiben, als Filan seine Stimme hob: „Ich werde dich zu Maka führen.“

Es dauerte beinahe zwei Stunden, ehe sie die Siedlung erreichten, in der Maka lebte. Naylin wusste aus Berichten, dass die Wohnstätten, Felder, Koppeln und Gehöfte zerstört waren. Die Albenkinder dort besaßen keinerlei angemessene Obdach, keine Nahrung, die nicht durch die saure Erde verseucht war.

Als sie die Siedlung jedoch betrat, hielt der Schock sie mit eisernen Klauen umfangen. Aus Schutt und umgestürzten Bäumen waren provisorische Unterkünfte gebaut worden. Einige Feuerstellen brannten gegen die Kälte, zogen aber im Gegenzug die Sumpfmücken an. Ein Gestank von Moder und Verwesung lag über der Siedlung, der Naylin die Tränen in die Augen trieb.

Der Erdrutsch war vor etwa zwei Wochen über die Siedlung gekommen. Doch es wirkte, als wären dies die Ruinen aus einer längst vergangenen Zeit, über denen die Vergessenheit lag wie ein Totenschleier. Man hatte sie im Stich gelassen. Und nun fraßen die Hunde die verendeten Kälber, während die Kinder in weiße Leinentücher gewickelt am Rand der Siedlung unter dem eingestürzten Dach der ehemaligen Schenke lagen.

Naylin war bereits einige Male hier gewesen. Erst mit ihrer Herrin Morwenna, im letzten Winter, um die Siedlung gegen den Hunger zu wappnen. Dann, als die Fürstin wieder in die Hauptstadt zurückgekehrt war, als Vertreterin von Morwenna und als Freundin der Dorfbewohner. Maka und sie waren schon oft gemeinsam in jener Schenke gesessen, um Karten zu spielen und das selbstgebraute Met der Hausherren zu trinken. Nun war dieser Ort zur Mahnstätte der Toten geworden, von Schlamm, Verseuchung und Zwietracht begraben.

„Schlimmer als du erwartet hattest?“, raunte Filan in die Stille und nahm mit ausdruckslosem Gesicht die Zügel ihres Pferds entgegen. Naylin wollte die Wahrheit kennenlernen. Sie stapfte durch den Schlamm hinüber zum schief liegenden Dach, unter dem die kleinen Körper auf dicken Strohballen gebettet lagen. Die Leichen waren so zwar nicht vor der Feuchtigkeit geschützt, doch Naylin ahnte, dass selbst die Lebenden nicht trockener schliefen. Sie beugte sich unter den Schutz des Gebälks und strich behutsam über das Leinentuch über einem besonders kleinen Bündel, das im Schatten lag. Es war noch warm!

Wie von einem Blitz getroffen zuckte die Heilerin zurück und erstarrte in der Bewegung, als hinter ihr eine tiefe Stimme erklang. „Das ist Myalin. Erinnerst du sich an sie? Du warst es, die sie im letzten Winter das erste Mal in die Arme ihrer Mutter legte. Heute Mittag ertrank sie in den Armen ihrer Mutter, die im Fieberschlaf siechte, als ein Damm über dem Gehöft von Uca brach. Seine andere Tochter ist im Begriff, an einer Lungenentzündung zu sterben. Sie hat nicht einmal zwanzig Sommer erlebt. Ich denke, es wird nicht bis zum nächsten Morgen dauern, bis die gesamte Familie wieder vereint sein wird.“

Naylin erhob sich. Vor ihr stand Maka in abgewetzten Hosen und eingefallenem Gesicht. Sein blondes, schütteres Haar war zurückgebunden, was die spitzen Züge nur mehr betonte. Ein breites, viel zu plump wirkendes Schwert hing an seiner Seite. Es ließ ihn trotz der unverhältnismäßigen Größe verwegen und trotzig wirken. Er zeigte kein verbittertes Lächeln wie sonst, als er ihren erschrockenen Blick erwiderte. Nur die Enttäuschung lag in seinen eingefallenen Augen. Der Großbauer stand am Rande des Zusammenbruchs, aber zeigte keine Regung der Scham oder Geschlagenheit. Es rang ihr unwillentlich Respekt ab.

Naylin räusperte sich: „Gibt es irgendetwas, das ich tun kann?“

Maka verschränkte nur die Arme und blickte sie erwartend an. Er schien ihr nicht über den Weg zu trauen. „Wir haben die Handelszüge der Barone überfallen, stahlen Lebensmittel und Kleidung. Welche Hilfe können wir von einer Getreuen der Fürstin erwarten?“

Naylin hatte nicht vergessen, welche Verbrechen diese und andere Albenkinder aus dem Norden begangen hatten. Wenn die Verzweiflung weiterhin um sich griff, würde es bald zu Toten aus Gewalteinwirkung kommen, davon hatte der Baron mehrmals gesprochen. Maka wäre zu allem bereit, um Seinesgleichen zu beschützen. Er war schon immer stur und führungsbetont gewesen, doch nach den letzten Tagen schien er auch noch jenes Gefühl der  Hoffnung verloren zu haben, welches ihn seit jeher auszeichnete. Es war gefährlich, sich auf Spiele einzulassen. Morwenna hatte sie davor gewarnt. Doch wie sollte sie sein Vertrauen gewinnen?

„Tötet mein Pferd. Ihr braucht das Fleisch. Gebt Ucas Tochter das Blut, wenn sie zu schwach zum Kauen ist. Es wird sie stärken.“

Maka nickte, ohne eine Regung zu zeigen. Auf einen Fingerzeig hin führte der ehemalige Stallmeister der Barone ihr Pferd ins Innere des Dorfs und ließ sie und Maka damit allein. Das Pferd folgte Filan so bereitwillig, dass es Naylin schauderte.

Der Kobold räusperte sich: „Wir werden uns nicht ergeben, Naylin. Das sollte dir klar sein.“

„Das habt ihr mehr als deutlich gezeigt“, raunte Naylin strenger als beabsichtigt und faltete die Hände vor ihrem besudelten Mantel. „Fürstin Morwenna wünscht eine Unterredung mit … euch allen. Sie will mit euch die Bedingungen eurer Kapitulation aushandeln.“

Maka hob eine Braue: „So?“

„Ich bin deine Freundin, Maka, vergiss das nicht. Morwenna ist mit aufrichtigen Absichten in den Norden gereist. Es wäre unklug, sie abzuweisen.“

„Mehr leere Versprechungen und falsche Hoffnungen, die sie unter schwache Herzen streuen möchte?“ Der verhöhnende Ton in seiner Stimme war so direkt, dass er Naylin traf wie ein Peitschenhieb. „Erinnerst du dich an den letzten Winter? Da versprach sie uns, dass der Hunger enden würde. Wohin sind wir seitdem gekommen?“

„Ich kann nicht für sie sprechen. Aber ich kann dir mein Wort geben, dass sie alles in ihrer Macht stehende tun wird, um ihr Versprechen endlich zu erfüllen. Bitte, tu es für die Kinder, die deinen Schutz am Dringendsten benötigen. Es müssen nicht noch mehr unnötig ihr Leben lassen.“

Maka legte die Hand auf den Knauf seines Schwerts: „Umsonst?“, schnappte er. „Umsonst …!? Wir wehren uns gegen die Ungerechtigkeiten, die uns durch Deinesgleichen widerfährt! Die Überschwemmungen und Erdrutsche sind nicht unvertraut in Vascar, wir haben beinahe jeden Frühling mit ihnen zu kämpfen. Doch dieses Mal ist es schlimmer. Es gibt kein Gold mehr, um die Schäden zu reparieren. Es gibt keine Garantie mehr auf Schutz, denn die Fürsten kämpfen ihre eigenen Schlachten in der hohen Politik der Albenmark, statt sich ihrem Volk zu widmen. Warum sterben wir, während die Barone in ihrer warmen Burg sitzen? Weil sie sich selbst mit Entbehrlichkeit herumschlagen müssen? Dass ich nicht lache! Sie sind verschwenderisch und eitel wie eh und je! Erst vor vier Tagen fingen wir einen Handelstross ab, der die feinsten Seidengewänder in die Nebelburg transportieren sollte. Nur zwei Tage zuvor verschickte der Baron dieses Prachtstück hier …“ Er tippte mit den Fingerspitzen auf den Griff des großen Schwerts und zog es an der Parierstange ein Stück vor seine Hüfte. „Siehst du die Rubine, die hier angebracht sind? Ich habe keinen blassen Schimmer, wie viel sie wert sind … aber ich vermute, sehr viel mehr als dein Leben und meines zusammen. Ist das nicht ein ausgesprochen bitterer Gedanke? Ich kann mir nicht vorstellen, warum man eine Waffe, die zum Töten bestimmt ist, mit Rubinen besetzt. Kannst du dir einen Reim darauf machen? Hübsch ist es jedenfalls … Ich habe versucht, es zu verdingen … leider kenne ich niemanden, der Gold oder Nahrung gegen eine Waffe eintauschen würde. So ist es in diesem Loch genauso wertlos wie mein Leben … sehr bittere Gedanken, findest du nicht? Je länger man darüber nachdenkt, desto absurder wird es. Plötzlich sind Rubine genauso unbedeutend wie ich es bin …“

„Ihr werdet so nicht weiterkommen“, unterbrach Naylin. „Ihr schaufelt euch das eigene Grab … erkennst du das denn nicht?“

„Mhm.“ Maka begegnete ihrem Blick mit leeren Augen. „Ich werde Nachricht in die Nebelburg schicken. Schließlich will ich mir anhören, welche Ausflüchte die Fürstin dieses Mal vorbringen wird.“

Naylin schluckte ihren Ärger herunter. Sie mochte Maka, doch seine Anmaßungen gingen zu weit. Er würde Morwenna schikanieren wollen. Er würde sie vor ihrem eigenen Volk vorführen. Doch welche Wahl hatte die Fürstin? Sie musste diese Chance nutzen, um zu Maka durchzudringen. Dieser Wahnsinn musste ein Ende haben.

„Ich danke dir.“

„Eines noch, Naylin.“ Maka nestelte noch immer am Heft der Waffe herum. Schließlich zog er es ein Stück aus der Scheide und ließ seine beschwörende Stimme noch ein letztes Mal an diesem Abend erklingen: „Wir haben nie so etwas wie Gnade erfahren. Solltet ihr einen Hinterhalt planen, werden wir auch keine kennen.“
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